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Anger Issues

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
Eddie Munson OC (Own Charakter)
14.09.2022
04.10.2022
21
40.951
5
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22.09.2022 1.684
 
Ich könnte im Sekretariat anrufen und mich krankmelden. Auf unbestimmte Zeit. Grippe. Aber die Genugtuung will ich ihnen einfach nicht gönnen. Die Vorstellung, im Bett zu liegen, während sie darüber reden, wie ich meine beste Freundin im Wald verscharrt habe, treibt mich aus dem Bett bis in die Schule. Es hat bereits geklingelt, als ich meinen Spint erreiche. Das mit dem erhobenen Haupt habe ich auf die Mittagspause verschoben. Ich bin nicht die Einzige, die spät dran ist. Steve steuert entschlossen auf mich zu. Seine ganze Körperhaltung strahlt schlechtes Gewissen aus. Das ist neu. Ich ziehe ernsthaft in Erwägung, wegzulaufen. Aber er ist alleine. Das ist auch neu. Ich werde nicht nochmal heulen. Ich werde überhaupt nie wieder vor ihnen heulen. Für eine Sekunde stecke ich meinen Kopf so weit in den Spint, dass er mein Gesicht nicht sehen kann, kneife die Augen fest zusammen und atme tief durch, dann sehe ich ihn an.

„Hey, ähm. Tommy war das mit deinem Trailer. Tut mir leid“, sagt er. Ich blicke in den leeren Gang hinter ihm. Sind seine Freunde irgendwo positioniert und warten darauf, dass ich seine Entschuldigung annehme, um mich dann damit aufzuziehen?

„Wieso erzählst du mir das?“

„Weil – hör zu, ich halte dich nicht wirklich für eine Mörderin. Du bist verrückt, ohne Frage, aber das alles ist doch nur ein –“, er fuchtelt nervös mit den Händen durch die Luft.

„Witz?“, unterbreche ich ihn.

„Nicht sehr witzig“, gibt er zu.

„Sonst noch was?“

„Das gestern im Flur tut mir auch leid“, sagt er, „das war ziemlich übertrieben.“

„Hat Nancy dich geschickt?“

„Ich mag sie wirklich sehr“, gibt er zu, „aber manchmal komme ich auch von alleine drauf, dass ich ein Idiot bin.“

„Erkenntnis ist der erste Schritt“, ich erlaube mir ein kleines Lächeln.

„Ich könnte heute Nachmittag vorbeikommen und die Farbe abwaschen, falls du das nicht schon mit dem Fr – mit deinem Freund erledigt hast.“

„Ist das eine Falle?“, will ich wissen.

„Du hast mir fast die Nase gebrochen“, erinnert er mich und hebt beide Hände, „keine Falle.“

„Ich hätte sie dir brechen können.“

„Das musst du mir nicht extra sagen“, erwidert er, „wo lernt man sowas?“

Wutanfälle, liegt es mir auf der Zunge. Fehlende Impulskontrolle. Man kann es nennen, wie man will, es ist nicht gut.

„Nach der Schule“, sage ich, „du weißt ja wo.“


Er taucht tatsächlich auf. In einem alten Shirt und mit schuldbewusster Miene. Steht ihm ganz gut. Er hat sogar einen Eimer und Schwämme mitgebracht, die er wie ein Schutzschild vor der Brust hält. Ich mustere ihn skeptisch. Das ist nicht der Anfang einer unerwarteten Freundschaft, wie zwischen einem Löwen und einer Ziege. Ich kann noch nicht sagen, was es ist, aber es ist kein großer Anfang.

„Du meinst das echt ernst“, stelle ich fest.

„Ich stehe zu meinem Wort.“

„Gut“, damit sind wir schonmal zwei. Ich kann ihm immer noch die Nase brechen, wenn sich das als Hinterhalt herausstellen sollte. Ich führe ihn in die Küche. Steve Harrington in meinem Trailer. Ich sehe ihm dabei zu, wie er den Eimer umständlich unter dem Hahn hindurch in die Spüle stellt und das Wasser aufdreht. Ich schwinge mich neben ihn auf die Theke und werfe einen Blick aus dem Fenster.

„Ist ganz schön hier“, sagt Steve.

„Wir müssen uns nicht unterhalten“, erwidere ich trocken. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Eddie mehrere Anläufe macht, an meine Tür zu klopfen. Nervös ziehe ich an einer losen Haarsträhne.

„Bleib in der Küche“, sage ich und rutsche von der Küchenzeile. Noch vor dem Klopfen öffne ich die Tür. Eddie steht, die Hand noch erhoben, da und blickt mich prüfend an.

„Er hilft mir mit der Farbe“, erkläre ich knapp, „sonst noch was?“

„Ausgerechnet er?“

„Sonst noch was?“, ich ziehe die Tür enger an meiner Seite. Unbeirrt schiebt Eddie sie auf und mich zur Seite. Steve steht, den vollen Eimer in der Hand, in der Tür zur Küche. Er wirkt deplatziert, aber bereit, sich einzumischen. Ich schüttle unmerklich den Kopf. Ich bin der Löwe.

„Was willst du, Eddie?“, frage ich ungeduldig. Aus dem Augenwinkel beobachte ich Steve, der den Eimer abstellt und sich interessiert im Wohnzimmer umsieht. Es ist kein sehr persönlich gestalteter Raum. Die wenigen Fotos, die ich besitze, hängen im Schlafzimmer und am Kühlschrank. Es gibt Bücher, viele Bücher, die er neugierig betrachtet. CDs. Kassetten. Platten.

„Ist das deine?“, fragt er plötzlich und strebt auf die E-Gitarre zu. Ich bin schneller als Eddie und packe Steves Arm. Wütend reiße ich ihn herum. Er rechnet offenbar mit einem zweiten Angriff und wirft sich beide Arme vors Gesicht.

„Du fasst die Gitarre nicht an“, sage ich, „schnapp dir den verdammten Schwamm und fang damit an, die Farbe abzuwischen.“

„T-tut mir leid.“

„Farbe. Jetzt.“

Ich deute auf die Tür. Mit hochgezogenen Schultern nimmt Steve den Wassereimer und geht nach draußen. Die Ziege.

„Ich hoffe, er trägt noch Windeln“, sagt Eddie zufrieden.

„Bring sie lieber rüber“, ich deute auf die Gitarre.

„Was macht er hier? Ich hätte dir mit der Farbe geholfen.“

„Ach ja?“

„Er ist der erste, der dich als Mörderin bezeichnet, wenn’s ein paar Lacher bringt. Wahrscheinlich hat er es selbst geschrieben!“

„Ist mir egal.“

„Hör auf, zu behaupten, es sei dir egal, was alle über dich sagen“, sagt er aufgebracht.

„Und das von dir?“, schieße ich zurück, „ist es dir egal?“

„Mich nennen sie Freak. Von mir aus. Ich bin ein Freak. Dich halten sie für eine Mörderin!“

„Inklusive dir!“

„Nein!“, erwidert er aufgebracht, „ich habe nie gesagt, dass – und selbst wenn du es getan hättest, deine Eltern waren – sie hätten es verdient.“

Ich starre ihn an.

„Glaubst du, ich habe alles vergessen? Natürlich hast du bei der Beerdigung nicht um sie geweint. Sie waren grausam. Keine Ahnung, wie diese ganze verdammte Stadt das vergessen kann, aber ich habe das nicht.“

„Ich wars nicht“, sage ich.

„Ich weiß“, sagt er und packt mich, in einer Übersprungsgeste, an den Schultern, „ich weiß.“

„Wirklich?“, vergewissere ich mich unsicher.

„Ja.“

Meine Schultern entspannen sich langsam. Er lässt mich los und hält mir den kleinen Finger hin. Ich hake meinen hinein. Draußen schrubbt Steve in gemächlicher Gleichmäßigkeit die Außenfassade.

„Denkst du, er macht direkt bei mir weiter, wenn ich ihm androhe, dass du ihn verprügelst?“, will Eddie wissen.

„Mal sehen, wie er sich macht“, antworte ich und deute mit dem Kinn auf mein Schlagzeug, „heute Abend?“

„Kann ich ihm wenigstens beim Putzen zugucken?“, er schenkt mir einen übertriebenen Augenaufschlag.

„Tu dir keinen Zwang an.“

Ich gehe, um mir alte Klamotten anzuziehen und geselle mich dann zu Steve, während Eddie uns von seinem Trailer aus zuschaut.

„Was hast du gehört?“, will ich wissen, während ich meinen Schwamm ins kalte Wasser tauche und damit beginne, das „R“ abzuwaschen.

„Ihr wart nicht gerade leise“, gibt Steve ertappt zu.

„Schon gut“, winke ich ab, „geht die Farbe ab?“

„Geht ganz gut“, er deutet auf die langsam verblassenden Buchstaben. Das Wasser im Eimer hat sich blutrot verfärbt.

„Tu mir einen Gefallen und tritt das alles nicht in der Schule breit“, bitte ich ihn. Steve hat nur die Wahrheit gehört und trotzdem, mir ist es lieber, sie halten mich für die Mörderin, als für das Opfer. Wie meine Eltern gewesen sind, oder wie sie nicht gewesen sind, ist irrelevant. Sie sind tot. Ihre Geheimnisse haben sie mit ins Grab genommen und ich habe nicht vor, sie wieder auszugraben.

„Werde ich nicht“, sagt Steve.

Schweigend putzen wir weiter. Ich spüre Eddies Blick im Rücken. Ohne mich umzudrehen, weiß ich, dass er halb amüsiert, halb argwöhnisch beobachtet, wie wir uns abmühen.

„Diese Gitarre ist sein ganzer Stolz“, sage ich, „selbst ich fasse sie nicht an.“

„Cool“, sagt Steve.

„Cool für einen Freak?“

„Nein“, sagt er, „ich finds einfach nur cool. Ich wusste nicht, dass du Schlagzeug spielst. Ist doch deins, oder?“

„Ist meins“, antworte ich knapp, „Pizza? Ich lade dich ein.“

Er sieht verblüfft aus. Ich versuche es mit einem Lächeln.

„Ich verhungere“, sagt er dann.

Für Steve bin ich eine Art Mysterium. In der einen Sekunde stürze ich mich auf ihn, in der anderen hole ich eine Familienpizza und wir sitzen in meiner Küche. Löwe und Ziege. Eddie weigert sich auch auf meine mehrmalige Bitte hin, zum Essen rüberzukommen und ich lasse ihn. Ist vielleicht ganz gut, wenn einer von uns skeptisch bleibt.

„Ist er dein Freund?“, fragt Steve unvermittelt, als ich gerade einen Käsefaden um meinen Finger wickle.

„Wer? Eddie?“

„Ich habe eure Dynamik nie verstanden.“

„Beste Freunde seit Ewigkeiten“, sage ich.

„Seid ihr sowas wie ‘ne Band?“, er sieht hinter sich auf mein Schlagzeug.

„Sowas in der Art“, grinse ich. Ich frage mich oft, warum wir das nicht sein. Warum wir nie eine Band gegründet haben. Wer würde sich für uns interessieren? Wer würde uns zuschauen? Steve Harrington?

„Kann ich mal was hören?“, fragt er, als habe er meine Gedanken gehört.

„Nein.“

Jetzt ist es an ihm, zu grinsen.

„Irgendwann vielleicht“, räume ich ein. Sicher nicht, denke ich. Ich gebe kein kleines Privatkonzert für Steve Harrington. Wir bewegen uns auf dem dünnen Eis der gegenseitigen Akzeptanz. Ein vorsichtiges Beschnuppern. Das mit dem Löwe und dem Ziegen geht eventuell nicht ganz auf, aber ich mag das Bild. Das Gefühl, ihm überlegen zu sein.

„Ein gut gemeinter Rat“, sage ich, als er sich auf den Heimweg macht, „tu Nancy nicht weh.“

„Ich habe nicht vor –“

„Betrachte es einfach als eine freundliche Warnung“, sage ich lächelnd. Dünnes, dünnes Eis.

„Danke“, sage ich, als er sich verabschiedet.

„Wird nicht wieder vorkommen.“

„Such dir bessere Freunde“, sage ich, „Nancy hält dich für einen von den Guten. Ich weiß nicht, wieso, aber sie hat eine gute Menschenkenntnis, also … such dir bessere Freunde.“

Ich glaube, den Anflug eines Nickens zu sehen, ehe er in sein Auto steigt. Die Fassade meines Trailers ist sauberer als je zuvor. Alles Schlechte hat auch sein Gutes.

„Kommst du jetzt rüber?“, rufe ich, ehe ich wieder reingehe. Eddie lässt sich nicht zweimal bitten.

„Kalte Pizza“, ich schiebe den Karton auffordernd über den Tisch. Er greift nach einem Stück. Müde bette ich meinen Kopf auf den Armen. Was auch immer er sagen will, er spart es sich. Ich schließe die Augen.
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