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Das Heilige Land

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
12.09.2022
14.09.2022
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Charlie stieß die Toilettentür auf und hätte sie am liebsten im selben Augenblick wieder zugeknallt. Ein derber Geruch schlug ihr entgegen, eine Mischung aus abgestandenem Urin und etwas, das einmal eine Zitrone gewesen sein muss. Sie presste eine Hand auf Mund und Nase und trat ein. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Dort, wo einst weiße Kacheln, die Wände bedeckten, zeigten sich Großteils braune Löcher. Abwasserrohre ragten entblößt bis zur Decke hinauf, die mittlerweile aus dunklen Flecken bestand. Einige schimmerten rötlich durch das einfallende Licht der hohen Fenster, die, wie alles andere, zerstört waren.
Die moos-farbenen Kabinen standen offen. Aus ihnen drang jener penetrante Geruch. Neben zahlreichen Graffitis, die über die vielen Jahre fast verblasst waren, zierten auch Schnitzereien die Oberfläche.
„Hilf mir.“. War eines von ihnen.
Oder auch: „Fickt euch.“.
So eine einfache Toilette konnte manchmal die Geschichte von hunderten Menschen erzählen. Verschiedene Menschen, die an dieser Raststätte ihre Wege kreuzten. Fremd, einsam, aber doch gleich.
Diese Sätze fassten die Geschichte der gesamten Menschheit eigentlich ganz gut zusammen.
Charlie wandte sich wieder von den Toiletten ab. Schließlich war dringender Harndrang nicht der Grund gewesen, weshalb sie diesen Ort am anderen Ende der Welt aufgesucht hatte. Auch wenn sie sich für ihr Vorhaben auch hunderte, bessere Orte vorstellen konnte als die Toilette einer Raststätte.
Aber Schmuggler konnten sich ihren Arbeitsplatz manchmal eben nicht aussuchen. Vor allem nicht, wenn es sich bei der Ware um klassifiziertes Eigentum der Regierung handelte.
Sie zählte die Waschbecken ab. Fünf Stück an der Zahl, wie in der Nachricht beschrieben. Vor dem Dritten kam sie zum Stehen. Gelbe Spuren zierten die weiße Keramik. Vor Ekel verzog sie das Gesicht. Am Ende war alles eine große Toilette. Sie sah in den zersprungenen Spiegel vor ihr. Einige rote Strähnen hatten sich aus ihrem Zopf gelöst. Flink strich sie sie hinter ihr Ohr.
„Okay.“, trat es dumpf durch ihre Hand heraus, die immer noch versuchte, sämtlichen Odor von ihrer Nase fernzuhalten. Mit der Anderen griff sie nach dem Deckel, der den Abfluss bedeckte. Sie warf ihn beiseite, wobei er mit einem metallischen Klirren auf der anderen Seite des Raumes zu Boden kam. Vorsichtig steckte sie zwei Finger in das Abflussrohr. Glitschige Masse klebten sich an ihre Haut. Sie würgte.
„Wie ekelhaft.“, schnaubte sie. Nach einer gefühlten Ewigkeit bekam sie eine Plastikfolie zu greifen. Mit einem Ruck zog sie sie aus dem Rohr heraus. Schwarze, algen-artige Gewächse klebten daran. Kräftiges Schütteln ließ sie zu Boden fallen, die bräunliche Suppe klebte allerdings noch an ihrer Oberfläche. Hastig drehte sie am Hahn des Waschbeckens. Außer einem trockenen Quietschen trat nichts heraus. „Natürlich.“, stieß sie verächtlich aus.
Nenne drei Dinge, die es in einer Wüste gibt.
Sand.
Noch mehr Sand.
Ach ja, und kein Wasser.
Nicht einmal verseuchtes Wasser. Kopfschüttelnd holte sie mit der sauberen Hand ein Tuch aus ihrer Lederjacke. Sie wischte die restlichen Abwasserbestandteile von der Folie. Im Inneren entblößte sich das kleine, schwarze Datenmodul, das sie aus der Tüte fischte und so gleich in ihrer Jackentasche verschwand. Schritt eins war hiermit erledigt.
Sie warf das Taschentuch auf den Boden und verließ die Toiletten.

Als sie die Tür wieder aufstieß, blendete die Mittagssonne ihre Sicht durch das gläserne Panorama-Fenster auf der gegenüberliegenden Seite.
Zu ihrer Rechten saß der Tankstellenwart noch immer in seinem Stuhl und beobachtete den Bildschirm auf dem Tresen. Außer der Regierung sendete niemand innerhalb dieses Radius. Er sah nicht einmal auf, als Charlie sich der Auslage näherte. Proteinriegel, Nüsse und Algenchips lagen dort zum Verkauf. Sie bediente sich an den Riegeln. Auch wenn sie genügend Proviant für die Reise mitgenommen hatte, könnte eine Extraration wohl nicht schaden. Hoffentlich mochte ihr Begleiter Erdnuss-Geschmack.
„Macht neun Neudollar.“, sagte er, ohne sie anzusehen. Charlie fischte sich einen Zehn-Neudollar-Schein aus ihrer Brusttasche.
„Stimmt so.“. Bald würde sie ohnehin in Geld schwimmen.

Sie verließ die Tankstelle. Zu allen Seiten eröffnete sich die wüste Landschaft. Ehemalige Bauten, die nur noch an ihrem metallischen Gerüst hingen, bohrten sich wie schwarze Krallen aus dem Sand. Alles war zerfallen. Nichts, was der Mensch gebaut hatte, verweilte.
Als sie sich dem Fahrzeug näherte, überprüfte sie abermals den Geigerzähler, der an ihrer Jeans hing. Dieser zeigte keine abnormen Werte. Die Erde an diesem Ort hatte die Strahlung bereits absorbiert, möglicherweise war er auch nie großartig betroffen gewesen. Die Bomben aus der alten Welt waren vor allem in den Hauptstädten und Küstenregionen eingeschlagen. Sobald sie weiter in den Osten fuhren, würde sich das aber ändern. Dort, wo der Kontaktmann auf sie wartete. In manchen Gegenden konnten sie sich nur mit Strahlenschutzanzügen fortbewegen. In Anderen half selbst dieser nicht mehr.
Roy saß auf der Motorhaube und rauchte eine Zigarette. Als er ihren Schatten im Augenwinkel vernahm, drehte er sich zu ihr.
„Und?“, fragte er. Unter der Baseballmütze und der Sonnenbrille konnte sie sein Gesicht kaum erkennen.
„Ich habe es.“, sagte Charlie. Er schnippte daraufhin die Zigarette weg und setzte sich in den Fahrersitz. Die junge Frau setzte sich neben ihn. Das Datenmodul verstaute sie in einem brandsicheren Kästchen im Handschuhfach. Charlie beugte sich ein Stück nach vorn, um den Navigator zu bedienen.
„Also, 79° Osten. Einkaufscenter Heist Valley.“, sagte sie und tippte die Koordinaten ein. „Oder zumindest das, was von dem Einkaufscenter übrig ist.“. Sie ließ sich in den Sitz fallen.
„Erdnussriegel?“, fragte sie und hielt ihm einen vor die Nase.
„Die Fahrt wird vielleicht einen Tag dauern.“, sagte Roy und nahm ihn entgegen. Im Gegensatz zu Charlie war Roy diese Route bereits einige Male gefahren. Deswegen hatte sie sich ihn für den Deal ausgesucht. Außerdem wies er von allen Kandidaten, die sich auf dem Arbeitsschwarzmarkt zur Verfügung stellten, die wenigsten Gesundheitsmängel auf.
Keine Mutation? Check.
Funktionierende Körperteile? Check.
Ein Auto? Check.
„Als du auf der Toilette warst, habe ich Bewegung auf der Landstraße in den Westen gesehen.“, begann er. „Die Croyents sind wieder unterwegs.“.
Verdammt, das hatte ihr noch gefehlt. Ein paar wild-gewordene Gotteskrieger, die sie auf ihrem Weg überfallen könnten. Oder noch Schlimmeres.
„Vielleicht sollten wir einen anderen Weg nehmen.“, sagte Charlie nachdenklich und schaute auf den Navigator, der mittlerweile die Route berechnet hatte. In letzter Zeit bahnte sich wieder ein Konflikt zwischen der Regierung und den Außenseitern an. Da wollte sie auf keinen Fall dazwischen geraten.
„Nicht nötig. Die waren unterwegs in die Hauptstadt. Bisschen Ärger machen.“, sagte Roy und winkte ab.
„Wenn es weiter nichts ist.“, sagte Charlie. Sie dachte an das Letzte „Ärger machen“. Explodierende Fahrzeuge, fliegende Molotows und eine Menge toter Zivilisten.
Der Motor startete und sie setzten ihre Fahrt fort.

Roy fuhr auf die Landstraße. Der Horizont spaltete sich in eine makellose blaue Himmelsdecke über ihnen und gelbem Sand unter ihnen. Stundenlang hielt sich die Kulisse, wie ein Landschaftsgemälde.
„Was ist das eigentlich für ein Ding?“, fragte Roy. Mit einer Hand hielt er das Lenkrad fest, während er seinen Kopf mit der anderen am Fensterrahmen stützte.
„Hm?“, fragte sie. Während der Fahrt war sie im monotonen Rütteln des Wagens eingeschlafen.
„Das Ding.“, er nickte in Richtung des Handschuhfachs.
„Ach so. Ein Datenmodul.“, sagte Charlie. Wenn die Langeweile überhandnahm, begannen ihre Begleiter gerne Fragen zu stellen. Da sie diesen Umstand nur zu gut kannte, holte sie sich stets nur die notwendigsten Informationen bei ihrem Kontaktmann ein.
Wo kann ich es bergen?
Wo bringe ich es hin?
In diesem Fall hatte der Kontaktmann jedoch einige Randnotizen beigefügt. Fast schon verführerisch. Es gab Gruppen, die würden das Doppelte für dieses Datenmodul zahlen. Aber das Risiko war ebenfalls doppelt so hoch. Der Abstand zwischen Gier und Glück ist manchmal nur eine Fehlentscheidung entfernt.
„So ein Teil aus der alten Welt?“.
„Ich weiß es nicht. Um ehrlich zu sein. Ich weiß nur, dass sich Informationen darauf befinden.“.
Dass es sich dabei um Regierungsdaten handelte, musste er schließlich nicht wissen.
„Verstehe.“, sagte Roy.
Du verstehst gar nichts, dachte sich Charlie und schloss wieder die Augen.

Mittlerweile waren weitere fünf Stunden vergangen. Roy steuerte immer noch das Fahrzeug. Auf dem Armaturenbrett sah Charlie eine weitere Proteinriegel-Verpackung. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen.

Ein Blitz auf einem Hügel, wie ein Schnappschuss mit einer Fotokamera. Das Geländefahrzeug verlor die Kontrolle. Mit einem Satz griff sie nach dem Lenkrad und sah ihren Fahrer verständnislos an.
Dort, wo noch vor wenigen Sekunden der Kopf auf zwei Schultern gesessen hatte, klaffte ein einsamer Hals aus dem Rest des Körpers. Die Arterien pumpten weiterhin das Blut durch den Körper und bespritzten das Innere des Wagens.
Durch die Fensterscheibe trat kein Sonnenschein mehr hindurch. Alles war voller Blut und versengtem Fleisch. Ein kleines Loch machte sich auf Höhe der Fahrerseite bemerkbar. Auf Höhe seines Kopfs.
Sie kam von der Straße ab. Ihr Körper drückte sich in den Sicherheitsgurt. Das Fahrzeug verlor an Höhe.
Mit einem dumpfen Aufprall landete sie in einer Grube. Für einen kurzen Moment setzte ihr Augenlicht aus. Ein dumpfes Pochen meldete sich auf ihrer Stirn, dort wo sie mit voller Wucht auf das Armaturenbrett aufgetroffen war. Sie betrachtete ihre blutverschmierten Hände, tastete nach Verletzungen. Dabei vermied sie, ihren ehemaligen Begleiter anzusehen. Sie schien unversehrt. Dichter Rauch stieg durch das Einschussloch ins Fahrzeuginnere. Mit letzter Kraft schlug sie auf die Öffnung des Handschuhfachs ein. Es klemmte. Erst nach dem vierten Schlag klappte es auf. Das Zittern ihrer Hände sorgte beinahe dazu, dass ihr das Datenmodul aus den Händen fiel. Sie öffnete die Beifahrertür und fiel heraus. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass die Motorhaube in Flammen stand. Als sie versuchte auf die Beine zu kommen, brachen sie unter ihr zusammen. Mit den Knien schlug sie auf den steinernen Sandboden auf. Die Schmerzen überlagerten sich, bis sie nichts mehr spürte.
Sie kroch. Der Geigerzähler knisterte. Sie kroch weiter.
Über ihr auf der Landstraße hörte sie Motorengeräusche. Fahrzeuge. Nicht unweit von ihr kamen sie zum Stehen. Autotüren knallten geräuschvoll zu.
„Sucht das Gebiet ab!“, schrie eine Männerstimme. Langsam drehte sie sich auf den Rücken, darauf bedacht, keinen Ton von sich zu geben. Die Schritte entfernten sich.
„Na, wen haben wir denn da.“, sagte eine Stimme. Sie verdrehte die Augen, konnte ihn jedoch nicht sehen. Er nährte sich und kam vor ihrem Kopfende zum Stehen. Mit geneigtem Kopf blickte er zu ihr herunter. Der Großteil seines Gesichts war vermummt. Außer einem schwarzen Irokesenschnitt und zwei eisblauer Augen konnte sie nichts erkennen.
„Darf ich?“, fragte er hämisch und griff nach dem Kästchen, das sie mit aller Kraft an ihre Brust drückte. Es bedurfte ihm keiner großen Anstrengung, ihr das Datenmodul abzunehmen.
Charlie zitterte. Aber nicht vor Angst. Sie fror. Ihr war unglaublich kalt.
In einer Wüste zu erfrieren, dachte sie. Wie ironisch.
Der maskierte Mann steckte sich das Datenmodul in die Innentasche seines Mantels. Aus der anderen Seite holte er eine Pistole hervor. Charlie blickte ihm in die Augen.
„Nimm’s nicht persönlich, Kleines.“, sagte er noch, bevor der Schuss fiel.
Charlie schloss die Augen.
Für immer.
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