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Let The Show Begin

von ivywrites
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
09.09.2022
04.12.2022
15
96.142
32
Alle Kapitel
43 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
25.11.2022 6.445
 
Hallo ihr!

Nein, ihr habt euch schon wieder nicht versehen, sondern ich uploade schon wieder an einem Freitag. Krass, oder? Ab nächster Woche geht es dann aber wieder am Sonntag weiter, versprochen (und dieses Mal eignet sich das heutige Datum aus…Gründen sehr gut :D)

Wir nähern uns jetzt ja langsam aber sicher dem Ende von dieser Geschichte (auch einfach krass??) aber das ein oder andere Highlight kommt noch—eines davon schon in diesem Kapitel.

Aber genug von meinem Getease. Viel Spaß beim Lesen!


PS: Ich hab die LNB-Folgen bewusst ein bisschen durcheinander gebracht, weil mir eine bestimmte MAZ hier besser gefallen hat…auch aus Gründen. Lasst euch davon also bitte nicht aus dem Konzept bringen.


TWs: Albträume werden kurz thematisiert, aber ansonsten ist alles sehr, sehr, seeeeehr soft :)




xxx




Look at the stars

Look how they shine for you

And all the things you do

Yeah, they were all yellow


[Yellow - Coldplay]




Joko schlief tief und fest, sein Gehirn eine absolut blanke Wand. Eigentlich war das schon immer der Fall gewesen. Er träumte nur sehr selten, und wenn sein Verstand sich dazu entschied seinen schlafenden Zustand auszunutzen, um sich zu verausgaben, dann waren die dabei entstehenden Träume meist so abstrus er wollte gar nicht wissen, was sie zu bedeuteten hatten. Oder er vergaß sie einfach unmittelbar nachdem er aufwachte wieder.

Bis jetzt hatte es nur insgesamt drei Ausnahmen zu dieser Regel gegeben.

An die erste konnte er sich kaum erinnern, war er damals noch viel zu jung gewesen um sich die Albträume, die ihn nach dem Tod seiner Mutter plagten, genau einzuprägen. Das damit einhergehende beklemmende Gefühl würde er dennoch nie vergessen. Spürte es auch heute noch hin und wieder.

Das nächste Mal waren die schwierigen Monate vor und nach dem Ende von HalliGalli gewesen, als es so wirkte als wäre seine Zeit gekommen, um aus dem Fernseh-Business auszusteigen. Er hatte davon geträumt, wie ProSieben ihn aufgrund seiner katastrophalen Quoten rausschmiss. Wie er sich verzweifelt an seine Investments klammerte und irgendwann dazu gezwungen war auszuwandern und es wo anders neu zu versuchen, während Klaas, sein treuster Freund und Begleiter, nach wie vor an der Spitze stand. Wie er ihm all das gönnte, sogar, als er für seinen Kollegen zu Luft wurde, nicht mehr beachtet wurde.

Das letzte Mal geschah es vor nur wenigen Monaten. Der Traum war immer derselbe, jede Nacht noch perfider und grausamer. Ein Recap von Jokos Geständnis an Klaas, nur glich es viel mehr einem wahrhaftigen Horrorfilm als der eigentlichen Realität—und diese war schon schwer zu verkraften gewesen.

Es waren Träume, die auch nicht sofort das Weite suchten, nachdem er und Klaas die Sache geklärt hatten. Trotz der Tatsache, dass sie ineinander verschlungen einschlafen und aufwachen konnten, suchten ihn diese Träume dennoch heim. Einmal, in ihrer ersten gemeinsamen Woche, war er so heftig hochgeschreckt, sogar sein Freund erwachte aus seinem Tiefschlaf und hatte ihn mit großen, besorgten Augen und umso sanfteren Berührungen wieder beruhigt.

„Schlecht geträumt, Winti?“ hatte er leise gefragt, seinen Rücken auf und ab gestreichelt.

Joko hatte nur zittrig genickt, sich wieder hingelegt, und war in Klaas‘ Nähe binnen Sekunden wieder eingeschlafen. Wären die Träume nicht von selbst verschwunden, hätte Joko seinen Freund wohl eingeweiht, denn natürlich machte sich Klaas ohnehin schon Tausende Vorwürfe, doch sie hatten sich mehr als einmal geschworen, von nun ehrlich miteinander zu sein—seine Albträume vor Klaas zu verheimlichen wäre das absolute Gegenteil dessen gewesen.

Glücklicherweise ergriffen die Träume jedoch letztliche die Flucht. Immer öfter schlief er die Nacht durch, kräftige Arme um sich oder seine eigenen Arme um den warmen Körper geschlungen, und seit nun schon knapp drei Monaten war er traumlos geblieben.

So auch heute, in der Garderobe in Adlershof.

Er hatte es nach seiner und Klaas‘ Ankunft im Studio genau zehn Minuten geschafft nicht zu gähnen, bis Klaas ihn letztendlich tadelnd auf eines der Sofas in den Garderoben geschoben und ihm ein Nickerchen verordnet hatte—das nach den letzten beiden anstrengenden AZ-Wochen mehr als nötig war und welches, wenn es nach ihm gegangen wäre, auch ruhig länger hätte sein können, hätte er nicht plötzlich warme Finger gespürt, die sich sanft über seine Wange und zu seiner Schläfe hoch bewegten und ihm schließlich unvorstellbar vorsichtig durch die Haare fuhren, ehe eine noch wärmere Hand in seinem Nacken liegen blieb.

Brummend schlug Joko die Augen auf, doch all seine schlechte Laune ob der Störung seines dringend benötigten Schlafes verpuffte, als er das ihm so vertraute, blaue Augenpaar auf sich gerichtet fand und wurde durch eine allumfassende Wärme ausgetauscht.

Klaas hockte vor der ungemütlichen Couch, ein mildes Lächeln auf den Lippen und ein Funkeln in seinem Blick, von welchem Joko sich nicht satt sehen konnte. Als würde die Sonne aufgehen, so hell strahlten ihm die Augen entgegen. Als würde ein Stern explodieren. Als würde eine neue Galaxie entstehen.

„Alles in Ordnung?“ fragte Klaas leise und kraulte die Haut in Jokos Nacken, was diesem einen genießerischen Laut entlockte. „Du siehst so müde aus.“

Joko nickte langsam. „Bin ich auch. Ich werd‘ echt langsam alt, ey.“

„Frag‘ mich mal. Aber wenigstens werden wir zusammen alt, wie wir’s schon immer gesagt haben.“ Eine Sekunde länger lächelte Klaas ihn noch an, bevor sich seine Miene verdunkelte. „Sorry, übrigens, dass ich dich hier her geschleppt habe. Du hättest auch nächste Woche erst kommen können.“

„Ach, quatsch. Alles gut, Hase. Du weißt, ich bin liebend gerne hier, ob hinter der Bühne oder als Gast auf der Bühne,“ versicherte Joko ihm und streckte nun auch seine eigene Hand aus, um sie an Klaas‘ Wange zu legen. „Aber ich wüsste, was meiner Müdigkeit auf Sprünge helfen könnte…“

„Ich hab’s dir schon mal gesagt: Garderoben-Sex ist nicht drin.“

Empört rückte Joko vom Jüngeren ab. „Nein, man, du Idiot. Ich dachte eher an ´ne schöne Tasse Kaffee vom Catering. Nicht an einen Blow-Job.“

„Ich hätt‘ dir auch maximal einen runter geholt. Das hätte man noch am ehesten vertuschen können, wenn jemand reingeplatzt wäre,“ grinste Klaas.

„Mhm, is‘ klar. Da bin ich auf die Ausrede aber gespannt, warum deine Hand in meiner Hose ist.“

Klaas zuckte mit den Schultern. „Schlüssel verlegt?“

Laut lachend warf Joko seinen Kopf in den Nacken, die alleinige Vorstellung so lustig, er bekam kaum Luft. Immer noch vor sich hin kichernd wischte er sich nach einigen Augenblicken eine Träne aus dem Augenwinkel und nahm ein, zwei tiefe Atemzüge, ehe er sich endlich aus seiner liegenden Position aufrappelte—und Klaas dabei ertappte, wie er ihn erneut mit diesem Funkeln in den Augen anstarrte.

„Du bist so schön, wenn du lachst,“ flüsterte er, immer noch vor dem Sofa knieend.

Es hatte etwas beinahe Ehrfürchtiges, wie er vor ihm hockte und ihn von unten anstarrte, und Joko konnte nichts gegen den unaufhaltsamen Drang tun, der in ihm in dem Moment aufkam.

Abermals streckte er seine Hand nach Klaas aus, legte sie ihm aber nicht auf die Wange, sondern unter sein Kinn. Mit seinem Daumen fuhr er die volle Unterlippe des Kleineren zärtlich nach, hob dessen Kopf ein wenig an und lehnte sich letzten Endes vor, um ihn sanft auf den Mund zu küssen.

„Du solltest dich mal sehen, wenn du lachst.“

Es war immer Jokos lautes, grelles Lachen, auf welches jeglicher Fokus gelegt wurde, ob im negativen oder positiven Sinne—wo es doch eigentlich immer schon Klaas‘ Lachen war, das all diese Aufmerksamkeit viel eher verdient hätte. Es war etwas ganz Besonderes ihn losgelöst lachen zu sehen. Zu sehen, wie er sich den Bauch hielt und mit seinem Oberkörper nach vorne kippte und sein ganzes Gesicht von dem breitesten, schönsten Strahlen erfüllt wurde.

Joko küsste ihn erneut, fester dieses Mal. Wo auch immer er die Selbstbeherrschung hergenommen hatte, das in den letzten 15 Jahren nicht bei jeder erdenklichen Gelegenheit zu tun, er wusste es nicht. Viel war davon auf alle Fälle nicht mehr übrig.

„Das wird heute schwierig werden, das nicht zu tun,“ murmelte er gegen die Lippen des Kleineren als die Erkenntnis sich in seinem Kopf festsetze.

Klaas wagte es, sich einen Zentimeter von ihm zu lösen. „Was?“

„Naja. Ich muss dich später die ganze Zeit anschauen, wie du deine Sendung so unfassbar gut moderierst, und dabei auch noch so unverschämt gut aussiehst, und du weißt, das hab‘ ich immer schon geliebt. Wollt’ dich auch zu HalliGalli Zeiten schon oft am liebsten über deinen Schreibtisch ziehen und dir den Verstand rausküssen.“

Mit Genugtuung und einem etwas zu zufriedenen Grinsen beobachtete Joko, wie Klaas‘ Wangen eine immer dunkler werdende Farbe annahmen.

„Dann mach es doch,“ flüsterte Klaas schließlich atemlos.

Jetzt war es Joko, der dem ein verdutztes „Was?“ hinterherschickte.

„Zieh‘ mich später über den Tisch und küss‘ mir den Verstand raus.“

Leise lachte Joko auf. „Die Versuchung ist da, glaub‘ mir, aber das tu‘ ich dann doch lieber ohne Publikum. Aber anschmachten werde ich dich, so viel steht fest. Wo bleibt denn jetzt eigentlich mein Kaffee?“

„Boah, du bist aber auch verwöhnt,“ murrte Klaas und erhob sich aus seiner hockenden Position. „Wenn du mich nicht hättest, würdest du dir wahrscheinlich ´nen Diener zulegen.“

„Ich liebe dich auch, Hase,“ konterte Joko mit einem spitzbübischen Grinsen.

„Ja, ja,“ winkte der Kleinere ab.

„Heißt so viel wie—“

„Leck mich am Arsch, ja. Aber wie gesagt—kein Garderobensex!“

Und damit verschwand er letztlich aus dem Raum, und zurück blieb ein idiotisch grinsender Joko.

Verdammt, er liebte diesen Mann. Und verdammt, machte es ihn glücklich.

Aber so verliebt er auch war, so groß die Herzchen waren, die ihm aus den Augen sprangen, egal ob Klaas vor ihm stand oder nur der Gedanke an ihm in seinem Kopf herumschwirrte, so schwierig war es auch gegen die Müdigkeit anzukämpfen, die ihn sobald sein Freund die Garderobe verlassen hatte erneut drohte zu übermannen.

Herzhaft gähnte er, rieb sich über die Augen, und verfluchte still und heimlich die Person, die es für eine gute Idee gehalten hatte, die JKP7 Aufzeichnungstermine genau eine Woche vor der ersten LNB-Sendung zu platzieren.

Joko wusste, dass er keinerlei Recht hatte, sich zu beschweren. Wusste, dass es nicht selbstverständlich war, dass ihr Terminkalender so voll, die Anfrage immer noch so hoch war. Doch die drei mickrigen Tage seit der letzten, finalen AZ waren schlichtweg nicht ausreichend gewesen, um sich auch nur ansatzweise davon zu erholen. Zudem er hier dieses Mal nicht nur als Unterstützung im Backstage herumlungerte, wie es üblicherweise der Fall war, sondern in weniger als 2 Stunden schon der Hauptgast der Sendung sein würde.

Zum einen war es Klaas‘ ausdrücklicher Wunsch gewesen, Joko bei der ersten Show als Gast zu haben, und Joko konnte ihm generell keinen seiner Wünsche abschlagen. Er wäre auch gekommen, hätte Klaas ihn zwischen Tür und Angel gefragt, aber gegen die Kopfmassage, mit welcher er ihm unter der Dusche vor einer Woche verwöhnt hatte, als er ihn in die Sendung einlud, hatte er nun wirklich nichts auszusetzen. Und auch nicht gegen das, was Klaas‘ talentierten Hände an jenem Morgen noch so veranstaltet hatten.

Zum anderen eignete sich sein Dasein im Moment ohnehin gut, denn heute Abend lief die letzte Folge der neuen Staffel WSMDS und lieferte somit zwar keine Promo mehr, dafür aber ausreichend Gesprächsstoff.

Hundemüde war Joko nichtsdestotrotz.

Da half auch der Kaffee, welchen Klaas ihm brachte, perfekt angerichtet mit genau der richtigen Menge Hafermilch und keinem Zucker, nicht sonderlich viel. Auch in der Maske, in welcher er sich wenig später fand, musste er darauf Acht geben, den Visagistinnen nicht bei ihrer Arbeit wegzunicken. Er wünschte sich fast er hätte Klaas mit einem Souvenir von letzter Nacht bestückt damit Lea sich wieder lautstark über die dunklen Flecken beschweren hätte können, was ihm vielleicht den nötigen Adrenalinkick gegeben hätte, aber über die letzten paar Monate hinweg hatten sie sich angewöhnt sich an Körperstellen zu markieren, die leicht zu verdecken waren—und letzte Nacht waren sie sowieso nur zu zwei, drei müden Küssen im Stande gewesen, ehe sie auch schon eingepennt waren.

Erst als Klaas letztendlich vor dem Tunnel stand, durch welches er in wenigen Minuten ins Studio laufen würde und seine Moderationen ein letztes Mal durchging, wich die nebelartige Müdigkeit aus Joko. Nicht, weil der Kaffee doch seine Wirkung zeigte, oder weil Lea ihn doch einen Knutschfleck ausfindig gemacht hatte, sondern viel eher, weil Klaas fast…nervös erschien.

Es war ihm schon vor wenigen Minuten aufgefallen, als er mit Mark ein paar Worte gewechselt hatte bevor dieser auf die Bühne musste, und dabei wie wild an seinem Ring rumgefummelt und gezerrt hatte, und auch jetzt entging Joko nicht, wie unruhig Klaas von einem aufs andere Bein wippte, sich über die Haare fuhr, darauf bedacht, die gestylten Strähnen nicht durcheinander zu bringen.

„Eine Minute,“ kam es aus der Regie, woraufhin der Jüngere kurz zusammenzuckte, und sich in derselben Sekunde ein eisiger Schauer über Jokos Rücken Breit machte.

Zeit nachzuhaken, ob bei seinem Freund auch wirklich alles in Ordnung war, was offensichtlich nicht der Fall war, bekam Joko nicht mehr—dafür aber einen schnellen, sanften Kuss auf die Lippen und ein geflüstertes „Wir sehen uns gleich“, als die Band die Anfangsmelodie anstimmte und Klaas das letzte Go bekam, um loszulaufen.

Seltsamerweise war von der Nervosität, die Joko gemeint hatte im Auftreten seines Freundes gesehen zu haben, nichts mehr übrig als er Klaas über die vielzähligen Monitore hinweg dabei beobachtete, wie er, souverän wie immer, ins Studio gelaufen kam, das Publikum begrüßte und seinen Stand-Up absolvierte. Dabei zwar immer noch mit seinem Ring spielte, was sich mittlerweile auch als Standard eingebürgert hatte.

Klaas war einfach so fantastisch in allem, was er machte, egal ob es die Gags vom Prompter zu lesen war, oder die Band mit einem Wortwitz vorzustellen, oder Jakob mit einem Spruch zu begrüßen als er sich zu seinem Tisch begab. Joko hatte gemeint, was er vor vorhin gesagt hatte. Klaas bei seiner Arbeit zu beobachten, machte etwas mit ihm. Machte so viel mit ihm. Ließ seine Sicherungen durchbrennen. Nicht, weil er fand, dass Klaas besser war als er in dem, was sie taten, und deshalb neidisch war, sondern weil er schlichtweg stolz war.

Auch in diesem Moment überwog dieser tiefergreifende Stolz in ihm so sehr, er verpasste beinahe seinen eigenen Einsatz und huschte noch schnell hinter den Tunnel und auf seine Markierung, als Klaas mit der Ankündigung schon längst begonnen hatte.

„Er ist das für LNB, was Matthias Schweighöfer für Circus HalliGalli war. Ein absolutes Muss in jeder Staffel, egal ob er ungefragt hereinplatzt, sich unter den Zuschauern versteckt oder vorab einen Seiten-langen Reader schickt. Bitte begrüßt mit einem sehr lauten und mehr als angebrachten Applaus…Joko Wintermaus!“

Gerade noch rechtzeitig setzte sich eben jener in Bewegung, was an sich wirklich erstaunlich war, weil ihn der Spitzname jetzt schon vollkommen aus dem Konzept brachte.

Und die Sendung hatte noch nicht mal richtig begonnen.

Ein ohrenbetäubend lautes Publikum empfing ihn als er das Studio zum Titelsong seiner eigenen Show betrat. Er begrüßte zunächst alle Band Mitglieder einzeln, klatschte mit Mark ein, ehe er quer über die Bühne lief, um Jakob an sich zu drücken und schließlich auch Klaas in eine Umarmung zog, wobei er es sich nicht nehmen ließ, dem einen Kuss auf die Wange zu drücken.

Nur langsam beruhigten sich die Zuschauer*innen wieder, pfiffen und kreischten als würde ein wahrhaftiger Weltstar vor ihnen stehen, und Joko hätte lügen müssen, um zu behaupten, dass er es nicht ein Stück weit vermisste. Nicht den Applaus an sich; den bekam er schließlich in seiner eigenen Show auch, und bei JKP7 sowieso. Er vermisste es, zusammen mit Klaas vor der Kamera zu sitzen und zu labern, wie sie es wenige Sekunden nachdem der Beifall eingestellt wurde, auch schon taten und sofort in ihren Flow fanden. Er vermisste es, in Gesichter zu schauen, die von ihnen nicht erwarteten gegen ihren Sender zu gewinnen oder gegeneinander anzutreten beim Duell, sondern denen es genug war, sie beide in ihrem Element zu erleben.

Was er vor Jahren, als Klaas in an den Lügendetektor angeschlossen hatte, gesagt hatte, hatte tatsächlich der Wahrheit entsprochen. Er hatte es damals wirklich bereut, mit ihrer Sendung aufgehört zu haben. Tat das auch heute teilweise immer noch, obwohl er wusste, wie vieles sich seit dem Ende zum Besseren gewandt hatte. Wünschte sich manchmal eine Sendung, die zwar niemals an das, was HalliGalli war, rankommen könnte, es aber in einer gewissen Art und Weise…ehren würde.

Vielleicht würde er es irgendwann mal vorschlagen, hatte er ohnehin so eine Ahnung, dass er und Klaas sich auch bei diesem Thema einig sein würden. Aber für den Moment blendete er einfach aus, dass er hier nur zu Gast war. Stellte sich vor, nichts habe sich seit 2017 verändert—nichts außer ihr Beziehungsstatus, und das Level, das sein Glück erreicht hatte, natürlich—und das war mehr als genug.

Sie sprachen über die letzten beiden Wochen, die chaotische IFA-Messe in Berlin und wie sie vor Jan und Olli geflüchtet waren.

Sie quatschten über Jokos Start-Ups, dass es bald Drei Freunde Glühwein geben würde und wie dankbar er für die vielen Einnahmen und Spenden durch die Cheerio Socken Kollektion vom Sommer war, was Klaas nur mit einem enthusiastischen Nicken unterschrieb.

Mit einem anerkennenden Funkeln in den Augen kam Klaas letztlich auch auf Jokos Show zu sprechen, und konnte seinen Blick nicht wegreißen von den Monitoren, als darauf ein kleiner Snippet davon lief, während Joko indessen nur Augen für seinen Freund hatte. Die Staffel im Frühjahr war keine leichte gewesen, war damals Jokos private Welt Tag für Tag mehr zerbrochen und ineinander zerfallen, doch das Schlimmste war es fast gewesen, dass Klaas kein einziges Mal Backstage herumgehühnert ist, wie es bei beinahe allen Aufzeichnungen davor der Fall gewesen ist.

Dass Joko jetzt hier saß und diesen Stolz, den er Minuten zuvor für Klaas empfunden hatte, nun in dessen Augen sah, während der Clip lief, erschien beinahe surreal.

Irgendwo zwischen dem Ausschnitt und einer neckenden, aber liebevollen Bemerkung Seitens Klaas, kündigte dieser auch schon die heutige MAZ an—und wo es vorhin er war, der an den Bildschirmen gehangen hatte als Jokos Show zu sehen war, war es nun Joko der seine volle Aufmerksamkeit dem Einspieler widmete.

Denn es war nicht nur irgendein Einspieler, nein.

Es war Klaas. Als James Bond. Mit Kindern.

Und damit auch gleichzeitig alles, was Joko nicht gewusst hatte, dass er es je brauchen würde.

Die Szenen lösten ein sonderbares Gefühl in ihm aus, dem er keinen Namen verleihen konnte. Da war Klaas, der verboten gut aussah in Anzug und mit gezogener Waffe und später gefesselt, nur noch in seinem eng anliegenden Hemd. Aber da war auch Klaas, der aus der Rolle fiel und abermals das größte, hellste Strahlen auf dem Gesicht trug, wenn sich eines der Kinder mal wieder verplapperte oder zu niedlich war, um noch bei der Sache bleiben zu können.

Joko war hin und her gerissen zwischen dem gut aussehenden Mann, den er seinen festen Freund nennen durfte, und den Kindern, mit welchen er so bezaubernd umging. Wusste nicht, ob er Klaas als James Bond anschmachten sollte oder Klaas als dafür bewundern sollte, wie er mit den Kindern umging.

Er erinnerte sich daran, als Klaas ihm vor Monaten erzählt hatte, dass er sich das auch mit Joko vorstellen könnte—Kinder. Es war in einer gewissen Hinsicht ein fast angsteinflößender Gedanke, hatte Joko so etwas eigentlich schon längst aufgegeben, obwohl es irgendwo schon immer ein Wunsch von ihm gewesen ist. Vor Klaas war dieser auch noch im Rahmen des Möglichen gewesen. Vor Klaas hatte er sich dabei aber auch immer eine Frau vorgestellt. Nach Klaas verwandelte sich die Vorstellung in einen weit entfernten Traum. Er wollte einfach keine Kinder in die Welt setzen mit jemanden, dem er nicht sein ganzes Herz geben konnte, und mit Klaas, dem er genau das seit Tag eins gegeben hatte—das war bis vor Monaten sowieso noch unvorstellbar.

Und jetzt war es auf einmal möglich, einfach so. Mit Klaas schien generell alles möglich. Und vielleicht würden sie noch warten, Jahre, wenn es sein muss, aber irgendwann…ja, irgendwann würden sie vielleicht auch dafür bereit sein.

So gefasst von der MAZ bekam Joko gar nicht mit, als sich diese langsam zu einem Ende neigte. Das Publikum schien es genauso sehr geliebt zu haben wie er selbst, was sie mit einem tobenden Beifall zu verständigen gaben, ebenso wie mit dem aufgeregten Getuschel in der Werbepause, welche darauf folgte und welche auch ausgenutzt wurde, um ein kleines Spiel aufzubauen, was Klaas zusammen mit Joko in nur wenigen Minuten spielen würde.

Es war zum Glück kein weitere Lügendetektortest, sondern lediglich eine weitere Ausgabe vom E-Bay Kleinanzeigen Karaoke, wobei sie es jedoch auch hier kaum schafften bei der Sache zu bleiben und immer wieder vor Lachen abbrechen mussten. Thomas verlor im Backstage gerade wahrscheinlich all seine Nerven, aber weder Joko noch Klaas kümmerten sich großartig darum, zu befreit und locker war die Stimmung im Moment als, dass sie sich diese von ihrem Lieblings-Miesepeter ruinieren lassen würden.

Als aber auch dieses Spiel ein Ende fand und sich die beiden abermals auf ihre Plätze niederließen—Klaas hinter dem Schreibtisch und Joko auf der Couch; wie früher; wie immer—fehlte nur noch eines.

Der Music-Act.

„Wachsame LNB-Zuschauer*innen wissen, dass jetzt der Moment gekommen ist, an dem üblicherweise jemand auf der Bühne steht und sich die Seele aus dem Leib singt. Wer gedacht hat, als wir außer den hier—“ er deutete zu Joko „—keinen weiteren Gast angekündigt haben, dass er auf der Bühne stehen wird, den oder diejenige muss ich leider schwer enttäuschen. Heute steht nämlich jemand ganz besonderes dort. Eine ganz besondere Band, um genau zu sein. Hatten zwar noch keinen einzigen Hit, und haben seit Jahren keinen Mucks mehr von sich gegeben, und ehrlich gesagt bezweifle ich, dass sich überhaupt noch jemand an sie erinnert, aber tut wenigstens so als ob. Für mich.“

Der Schock, ob Klaas‘ Anmoderation war den Zuschauer*innen ins Gesicht geschrieben, sowie auch Joko, der seinen Blick verwundert zur Band schweifen ließ und feststellen musste, dass diese nicht mehr auf ihrem üblichen Platz stand, sondern, in der Tat, auf der Bühne.

Wie auf Knopfdruck beschleunigte sich Jokos Herzschlag. Noch schneller, als er wieder zu Klaas sah, dessen Augen nur noch halb auf der Kamera und viel mehr auf ihm lagen.

„Seit geraumer Zeit arbeiten wir schon an dem Teil hier, und, ja, was soll ich sagen—jetzt ist es endlich soweit.“

Strahlend beugte sich Klaas unter den Tisch, nur um Sekunden später mit einer Platte in den Händen wieder aufzutauchen, die schöner nicht hätte sein können. Die Joko jegliche Sprache verschlug, als er seine Augen ungläubig darüber wandern ließ.

Anders als die anderen Alben der Band war dieses Cover nicht geprägt von einer kühlen Melancholie, oder in gedeckten Farben gestaltet, sondern zeigte einen warmen Sonnenuntergang von einem Auto aus aufgenommen. Am linken Rand entlang stand der Titel des Albums in drei feinen, weißen Buchstaben—WIR. Die Farbe fand sich in den kleinen Kritzeleien, die die Konturen des Autos und der Windschutzscheibe hervorhoben, wieder, sowie in dem hellen Glitzern in Klaas‘ Augen.

„Unser viertes Studio-Album WIR kommt am 25. November raus, und ab heute könnt ihr euch die neue Single überall downloaden und streamen, wo man Musik heutzutage eben downloadet und streamt.“ Mit einem tiefen, gar zittrigen Atemzug legte Klaas das Album zurück auf den Tisch und erhob sich langsam von seinem Stuhl. Joko verfolgte jede einzelne seiner Bewegung, jede noch so kleine Regung. War jetzt schon wie in den Bann gezogen von seinem Freund. „Sehr verehrtes Publikum. Hier, heute Abend, live für Sie, sind GLORIA, mit „Weil wir es wollten“!“

Wie erstarrt saß Joko auf der Couch, konnte nicht einmal in Applaus ausbrechen, wie es ihm die Menge vormachte, sondern einfach nur starren, mit großen, ungläubigen Augen und halb-offenen Mund.

Weil ihm Klaas kurz bevor er die Bühne betrat, noch einen Blick zuwarf, der alles aussagte.

Weil der Songtitel nicht sein eigener war, sondern Jokos Worte.

Weil der Song für ihn war.

Nur Klaas hinter dem Mikrofon zu sehen, wie er sich schon jetzt daran festklammerte ohne, dass die Band überhaupt angefangen hat zu spielen, versetzte Joko in einen Schockzustand, und als die ersten paar Töne schließlich erklangen, ein sanfter Bass und ein leises Keyboard, und dazu schließlich Klaas‘ wunderschöne, raue Stimme, war es um ihn endgültig geschehen.

Hättest du vor Jahren gedacht
Dass wir uns Mal so gut kennen
Ich kenn‘ dich auswendig im Schlaf
Aber noch besser, wenn ich dich seh‘


Als hänge sein Leben davon ab sang Klaas in das Mikrofon, hatte seine Augen dabei fest geschlossen, die Augenbrauen fokussiert zusammengezogen. Es war erstaunlich zu sehen, wie viel Kraft und Wirkung Musik haben konnte. Wie groß ihr Einfluss auf Klaas war, und wie klar ersichtlich dieser sich in all seinen Gesten, in seiner gesamten Körperhaltung und in seinem Wesen ausdrückte. Er wirkte so losgelöst, so echt und ungefiltert, wenn er seinen Gefühlen einen Raum mittels der Melodie gab, wo sie sich austoben konnten. Wo er, er selbst sein konnte.

Denn das, das tu‘ ich gern und oft
Ich hab‘ ´ne Weile gebraucht, um zu verstehen
Dass auch ich jemanden brauch‘
Und genau du bist Derjenige


Seine Augen öffneten sich, und sein Blick fand Jokos so blitzartig, ankerte sich dort so unverhofft fest, Joko musste sich in die Polsterung des Sofas krallen um von den Gefühlen, die über ihm ausbrachen, nicht weggeschwemmt zu werden. Vor allem als Klaas noch einmal tief Luft holte und zum Refrain ansetzte.

Ich kann unser Glück kaum fassen
Dass wir hier heute stehen
Wie gibt es das?
Du drückst meine Hand, lässt nicht mehr los
„Weil wir es wollten“
So haben wir das geschafft
Ja, so haben wir das geschafft


Wäre Joko nicht schon gesessen hätte es ihn wahrscheinlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Er löste eine Hand vom Sofa, um sie sich gegen den Mund zu drücken, um etwaige Geräusche oder Schluchzer dämpfen zu können, aber die Tränen in seinen Augen waren ohnehin schon nicht mehr zu leugnen.

Wozu sollte er sich noch länger verstecken?

Wozu sollte er alles verstecken, was er für diesen Mann fühlte, wenn dieser sich und seine Gefühle auch nicht mehr länger versteckte?

Ich weiß nicht wohin mit mir
Und meinen eingerosteten Gefühlen
Wohin mit meinem Herz, es gehört dir
Hat es eigentlich schon immer


Schneller, lauter, mit mehr Kraft als die ersten zwei Strophen kam die dritte auf Joko zugerast. Ein konstanter Beat des Schlagzeugs begleitete die Zeilen, und auch Marks Bass wurde mit jedem Wort intensiver. Umso atemberaubender war es als der Refrain erneut erklang und Joko meinte im Hintergrund sogar ein paar Violinen hören zu können, die im Kontrast zu den anderen Instrumenten untergehen hätten sollen, mit ihnen aber so perfekt harmonierten es raubte Joko den Verstand.

Klaas sang mit so viel Ehrlichkeit und wahrer Zuneigung in der Stimme, Joko wusste nicht wohin mit sich.

Wie reagierte man, wenn man von der Liebe seines Lebens einen Song gesungen bekommt?

Wie ging atmen nochmal?

Wie lebte man nochmal?

Er wusste es alles nicht, das Lied das Einzige, was ihm im Moment noch bei Bewusstsein hielt. Klaas alles, was er brauchte. Was er immer schon gebraucht hatte.

Doch spätestens ab der Bridge begann er aktiv um sein Leben zu kämpfen.

Schicksal ist in meinen Augen nichts Wert
Die Sterne bestimmten nicht wie es uns ergeht
Vielleicht war unser Treffen vorhergesehen
Aber es war unsere Entscheidung nicht mehr zu gehen

Vielleicht sind wir deshalb wie gemacht füreinander
Ergänzen und verstehen uns ohne viel Gelaber
Die Sterne haben uns zusammengebracht
Aber es waren wir dir daraus für immer machten


Ein letztes Mal begann der Chorus. Klaas sang, und sang, und schaute zu Joko, immer nur zu Joko, der noch nie stolzer war als gerade jetzt. Noch nie mehr gefühlt hatte als in diesem Moment.

Die Musik wurde leiser. Klaas‘ Worte verliefen ins Leere. Den genauen Moment als auch das letzte Instrument verstummte verpasste Joko. Irgendwann legte sich einfach nur Stille über sie. Das Publikum applaudierte wahrscheinlich, die Band auch, aber um sie herum bildete sich ein Schutzschild, eine Sphäre, in welcher nur sie existierten. Nichts drang zu ihnen durch. Keine Geräusche. Keine Stimmen. Der Blick, den sie sich zuwarfen, den sahen nur sie. Der war ihres, ganz alleine. Und auch über die Distanz hinweg fühlte sich Joko enger verbunden mit Klaas als je zuvor.

Er war der Erste, der sich aus seiner Starre löste und in Bewegung setzte, um zur Bühne zu laufen. Bekam von Thomas auf sein In-Ear gesagt, dass er das Album noch von Klaas‘ Tisch mitnehmen sollte, ehe ihn sein Freund auch schon mit offenen Armen empfing.

„Was machst du nur mit mir?“ flüsterte Joko in den dunklen Haarschopf und hielt sich dabei das Mikrofon zu.

Klaas lachte erstickt gegen seine Schulter. „Das sollte ich wohl eher dich fragen.“

Breit lächelnd lösten sie sich voneinander. Sie verloren sich noch ein paar Sekunden in den Augen des jeweils anderen, bevor sie realisierten, dass sie immer noch mitten in einer Aufzeichnung waren und am Ende eines atemberaubenden Auftritts, dem nur noch die Schlussworte fehlten.

Klaas bedankte sich bei dem Publikum sowie bei der Band, hatte seine Hand dabei aber stets auf Jokos unterem Rücken liegen, während dieser das Album stolz in die Kamera hielt als wäre es sein eigenes. Noch einmal wies sein Freund daraufhin, dass es am 25. November das Licht der Welt erblicken würde, und dass die Single ab Mitternacht verfügbar sein würde, ehe er sich ein letztes Mal verabschiedete, sich auch bei Joko nochmal bedankte und es letztlich vorbei war.

Obwohl, für Joko war es das nicht.

Der wusste nämlich immer noch nicht, wie atmen ging. Oder leben. Doch konnte man es ihm wirklich verübeln?



I came along

I wrote a song for you

And all the things you do




Langsam, aber sicher machte sich das Studio-Publikum aus dem Staub, allesamt gerührt und überwältigt von allem, was sie gerade erleben durften. Mitarbeiter*innen kamen auf die Bühne gewuselt, entfernten ihnen sämtliche Mikrofone und Sender, was sich als schwierig herausstellte, so oft wie Klaas von seinen Kolleg*innen gedrückt und in den Arm genommen wurde.

Thomas war da, um ihn auf den Rücken zu klopfen. Auch für Jakob hatte er eine Umarmung übrig, ebenso wie für Mark, welcher ihm noch etwas ins Ohr flüsterte, was ihm eine blasse Röte ins Gesicht trieb.

Joko beobachtete all das aus ein paar Metern Entfernung. Er hätte ihn nochmal umarmen können, sich in den Vordergrund spielen können, und wahrscheinlich hätte ihm auch das niemand übel genommen, aber alles, was er soeben gefühlt hatte—das würde sich ohnehin nicht in einer Umarmung ausdrücken lassen.

Also wartete Joko geduldig, das Album noch immer fest in seinen Armen, auch dann noch, als sich sein Freund schließlich aus der Traube von Menschen befreite und auf ihn zuging. Ihre Augen trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde, bis Joko seinen Arm dann doch nach ihm ausstreckte und sie Hand in Hand in die Richtung der Garderoben taumelten.

Dort angekommen dauerte es nicht lange, bis Joko das Album noch schnell in Sicherheit brachte, ehe er Klaas ihn der nächsten Sekunde schon gegen die Tür gedrückt hatte und ihm, wie versprochen, den Verstand rausküsste. Er legte seinen Kopf in eine leichte Schieflage, um ihre Lippen noch enger miteinander zu verbinden, schob seinem Freund eine Hand in den Nacken, während er die andere dafür nutzte, um Klaas an seiner Hüfte noch enger an sich zu ziehen und auch ihre Unterkörper miteinander verschmelzen zu lassen, was diesem ein dumpfes Raunen entlockte.

Auch Jokos eigener Verstand wäre dabei wohl früher oder später Flöten gegangen, hätte sich der innige Kuss nicht irgendwann aus Atemnot aufgelöst, und ihnen nichts anderes übrig gelassen, als sich breit und selig grinsend anzustrahlen.

„Ich—ich weiß gar nicht was ich sagen soll,“ flüsterte Joko überfordert und presste ihre Stirnen aneinander.

„Dass ich dich nach fünfzehn Jahren mal sprachlos sehe. Wer hätt’s gedacht.“

„Vielleicht hättest du einfach früher mal `nen Song für mich schreiben sollen.“ Es war als Witz gedacht, und dennoch ließ Joko sein eigener Kommentar eine Sekunde lang nachdenklich. „Der…der war doch für mich, oder?“

Sanft zwickte Klaas ihm in die Hüfte. „Natürlich, du Trottel. Für wen hätte er den sonst sein sollen? Für Lundt?“

Kichernd vergrub Joko seinen Kopf an Klaas‘ Hals. Ein, zwei Küsse hauchte er ihm dort gegen die Haut, spürte und hörte, wie schnell das Blut durch die Adern des Kleineren gepumpt wurde und küsste ihn nochmal auf die Lippen, bevor er sich ein wenig von ihm löste, doch nur um sie beide auf das Sofa zu ziehen, wo es doch wesentlich gemütlicher war als gegen die Tür gelehnt zu stehen.

Sofort schlang Klaas ein Bein über ihn und machte es sich rittlings auf seinem Schoß gemütlich. Seine Arme schlang er um Jokos Nacken, wodurch sein Gesicht Millimeter vor seinem schwebte und seine Augen so offen und ehrlich auf ihn gerichtet waren, Joko biss sich auf die Lippe.

Klaas hatte ihm in dem Song, und in diesem Blick, und allem, was er in den letzten paar Monaten für und mit Joko getan hatte, einen so tiefen Einblick auf sein wahres Ich gegeben, und dafür nichts von Joko zurückverlangt. Weil der ihm sowieso schon alles offenbart hatte.

Dachte Klaas.

Dachte Joko auch, bis zu diesem Moment, in dem er realisierte, dass es eine Sache gab, die Klaas noch nicht wusste. Die Joko unbewusst versteckt und unterdrückt hatte, die jetzt jedoch ans Tageslicht wollte. Und wenn einer die Wahrheit verdient hatte, dann war es der Mensch, der gerade auf seinem Schoß saß.

„Weißt du,“ begann Joko leise, zog blind Klaas‘ linke Hand aus seinem Nacken, um ihre Finger zu verschränken. „Für mich ist es auch nicht immer einfach.“

Klaas runzelte verunsichert die Stirn. „Was ist nicht einfach?“

Jokos Mission war es bislang gewesen, Klaas klarzumachen, dass er es verdiente, geliebt zu werden. Es machte Joko glücklich seinen Freund Tag für Tag aufs Neue daran zu erinnern, obwohl er es mittlerweile definitiv längst akzeptiert hatte. Es machte ihn glücklich, wie sehr er ihn liebte, und wie sehr er zurückgeliebt wurde.

Aber wie es auch ein Schock für Klaas war, nach Jahren feststellen zu müssen, dass man eben doch geliebt werden konnte, so war genau diese Realisation auch für Joko alles andere als leicht gewesen.

Nichts, was er so einfach wegstecken konnte, wie er es versucht hatte wirken zu lassen.

„Ich weiß, dass ich geliebt werde,“ sagte Joko heiser. „Von meiner Familie. Von meiner Mutter, als sie noch am Leben war und auch jetzt immer noch, von der Erinnerung an ihr. Von meinem Vater, auch wenn unser Verhältnis mal gut, mal nicht so gut ist. Von meinen Schwestern, und natürlich auch später von meinen Freunden. Klar hatte ich auch oft Zweifel, und Momente, in denen ich geglaubt habe, man würde es mit mir nicht ernst meinen. Mir nur etwas vormachen, oder mich ausnutzen. Insgeheim wusste ich aber, dass das nur mein Kopf ist, der mich verunsichern will. Aber ich hab‘ mich auch immer gefragt, ob ich je jemanden finden werde, der mich…anders liebt, verstehst du? Ob ich je eine Beziehung haben werde, die alles andere übertrifft. In der ich mich auch noch in dreißig, vierzig Jahren sehe und es nicht langweilig wird. Mir war nicht bewusst, dass ich nach genau so etwas mein Leben lang gesucht habe bis…naja, bis du in mein Leben gekommen bist. Ab da wusste ich aber auch, dass ich so etwas nie haben werde. Weil wenn ich es nicht mit dir haben konnte, dann mit niemand anderem. Niemand anderem hätte ich das geben können, was von Anfang an dir gehört hat.“

Klaas, der damit begonnen hatte seinen Nacken mit seiner freien Hand zu kraulen, stellte seine Streicheleinheiten ein im selben Moment als seine Augen groß wurden.

Joko hatte manchmal darüber nachgedacht, wie es wohl gewesen wäre hätte er vor Klaas jemanden gefunden. Hätte er sein Herz jemanden gegeben, voll und ganz, und wäre dieser jemand vor Klaas‘ Zeit gewesen. Er hätte Klaas in jeder Welt, jedem Universum getroffen. Hätte ihn in allen davon geliebt. Und vielleicht wären sie in einem davon nur Freunde geblieben, ihr Leben lang, aber geliebt hätten sie sich trotzdem.

Dass er aber in einer dieser Realitäten war, in welcher sie mehr gewagt hatten…das war unersetzbar.

„Dass ich das sehr wohl haben kann, und ich es jetzt wirklich habe…das fällt mir immer noch schwer zu glauben. Obwohl es ja schon lange da war. Deine Gefühle, und meine auch. Und fuck, ich bin so glücklich, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Aber manchmal…manchmal glaub‘ ich es einfach nicht. Da denke ich mir, was, wenn das immer noch Einbildung ist? Was, wenn das hier alles nicht wirklich passiert? Und dann kommt so etwas wie das eben, und dann weiß ich, dass das alles real ist. Weil wenn dir jemand so einen Song schreibt, und wenn dich jemand so ansieht, wie du das vorhin getan hast—“ Joko sah Klaas tief in die Augen „—dann ist da kein Raum mehr für Zweifel.“

Er sah und spürte, wie sich auch Klaas‘ andere Hand von seinem Nacken löste und sich auf Jokos Wange legte. Erst jetzt realisierte er, wie feucht diese mittlerweile geworden sind. Peinlich berührt wollte er schon seinen Ärmel darüber wischen, doch Klaas stoppte seine Bewegung, indem er sein Gesicht stadtessen ganz nah zu seinem zog.

„Es waren alle für dich,“ sagte er leise, streifte mit seiner Nase jene von Joko.

Sein Herz setzte aus. „Was?“

„Die Songs. Manche handelten komplett von dir. In manchen ging es nur in ein paar Zeilen um dich, weil ich die ja nicht alle alleine geschrieben habe. Aber ein Teil von dir ist in all den Songs, die ich je gesungen habe.“

Ein neuer Schwall an Tränen bahnte sich seinen Weg nach draußen, und dieses Mal versuchte Joko nicht mehr sie aufzuhalten.

„Fuck, man. Wir waren echt so verdammt blind.“

Klaas lachte und das Geräusch war fast noch schöner als der Song von eben. „Das kannste laut sagen.“ Er legte seinen Kopf schief, um ihre Lippen in einen weiteren, sanften Kuss zu vereinen.

„Können auch nicht viele behaupten, ganze dreißig Songs über einen selbst geschrieben zu bekommen,“ grinste Joko gegen die weichen Lippen. „Mein Ego hat sich seit ich mit dir zusammen bin eh schon mindestens verzehnfacht, aber alter, das setzte noch mal ´ne Schippe oben drauf.“

„31,“ verbesserte Klaas ihn. „Bald 43.“

„Du bist doch echt verrückt.“

Klaas stimmte weder zu, noch verneinte er diese Aussage, als er ihm wieder und wieder mit seinen Lippen entgegen kam und damit all das, was er bereits in den Song gepackt hatte, noch einmal deutlicher ausdrückte. Und obwohl es nicht nötig gewesen wäre, Joko das alles ja ohnehin schon gewusst hatte, nahm er dieses Angebot nur zu gerne an.



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