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86 - Eighty-Six: Wo die Kirschblüten blühen (Band II)

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Sci-Fi / P18 / Mix
Kaie "Kirschblüte" Taniya
08.09.2022
25.01.2023
4
74.022
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25.01.2023 24.155
 
All der Krieg –
Propaganda, all das Geschrei und die Lügen und der Hass
kommt immer nur von den Leuten,
die nicht kämpfen müssen.

- George Orwell


"Also, wo stehen wir?", fragte ich in die Runde. Wir fünf hatten uns draußen ein kleines Lagerfeuer gemacht, um das herum wir auf Baumstämmen saßen. Den Ausbildern war das zwar eher mäßig recht gewesen, fürchteten sie doch, dass die Legion das Lager so auf mehrere Meilen hinweg erspähen konnte, aber unser dezenter Hinweis, dass in dem Fall die Legion bereits die weit vorgeschobene Luscinia-Schwadron überrannt haben müsste und wir dann sowieso alle tot wären, ob mit Feuer oder ohne, hatte die meisten von ihnen zum Verstummen gebracht. Der Rest konnte sich gerne beim Kommandanten des Stützpunktes ausheulen, der sich wiederum bei der Militärpolizei, der wir unterstellt waren, über uns ausheulen konnte, die dann wiederum seine in Papierform gegossenen Tränen dienstbeflissen schreddern und den Dingen weiter ihren Lauf lassen würde. Da war unsere Handler Bitch sehr eindeutig gewesen: Für so was war ihr ihre Zeit zu schade. Zumal die meisten Soldaten hier im Stützpunkt Kappa auch nicht deshalb ihren Dienst verrichteten, weil sie sich bisher so vorbildlich geführt hatten. Der Großteil von der Ausbilder und der Wartungsmannschaft war strafversetzt, ähnlich den Wachsoldaten in den Lagern. Verständlich, die wenigsten Alba zog es freiwillig in den 86. Distrikt. Lediglich eine handvoll Experten auf ihrem Gebiet waren aus anderen Gründen als ihrem eigenen Fehlverhalten hier, allen voran die Wissenschaftler, die die Para-RAIDs kalibrierten, wurden im Gegensatz zu den anderen dafür aber auch regelmäßig an ihren freien Tagen per Helikopter wieder in die Stadt geflogen. Was für eine Verschwendung von Ressourcen.
Mein Blick musterte jeden einzelnen von uns und so verkniffen wie sie alle aussahen hatten sie auch keine anderen Erkenntnisse zutage gefördert, als ich selbst.
"Ich würde sagen alles erwartungsgemäß.", setzte Steph mühsam beherrscht an.
"Der erste Eindruck hat nicht getäuscht.", pflichtete Yayena bei.
"Die Jungs nutzen die Mädchen komplett aus.", stimmte ihre Schwester zu.
"In mehrfacher Hinsicht.", fügte Nazir deutlich leiser hinzu, als es seine Art war.
"Na schön." Beide Hände auf den Kopf verschränkend lehnte ich mich etwas zurück. "Wie schlimm ist es?"
"Das müsstest Du am besten wissen. Du hast doch auf einen von ihnen geschossen.", meinte Yeyana irritiert.
"Mit einem Gummigeschoss!"
"Er soll quer durch die halbe Baracke geflogen sein.", merkte Yayena an.
"Wer erzählt denn so was? Ich habe ihn an der Brust getroffen, er ist zwei Schritte zurück getaumelt und hat sich auf den Aaa...llerwertesten gesetzt!"
"Braves Mädchen." Steph gab mir einen kurzen Schmatzer auf die Wange.
"Was soll ich sagen? Wusste doch, dass ich die noch mal gebrauchen könnte."
"Das meinte ich nicht."
"Ich weiß."
"Wie ist es überhaupt dazu gekommen?", wollte Nazir wissen.
"Ach." Ich winkte ab. "Ich war gerade mit einer kleinen Gruppe von ihnen in der Frauenbaracke, als er ohne anzuklopfen rein geplatzt ist und wollte, dass Carol mit ihm kommt. Habe ihn zur Sau gemacht. Ihm gesagt, dass er sich verpieseln soll und dass eine Kugel auf ihn wartet, wenn er das noch mal macht. Hat mich ignoriert und Carol angeschrien, dass sie sich beeilen soll, da ist mir wohl vor Schreck die Patronenkammer aufgegangen und dann ist auch noch mein tollpatschiger Daumen gegen die Sicherung gebaselt, als die Patrone fast wie von alleine aus meiner Brusttasche heraus direkt hinein fiel und als ich sie wieder heraus nehmen wollte habe ich wohl versehentlich die Kammer geschlossen und bin dann irgendwie unglücklich an den Abzug gekommen."
"So ein Pech aber auch.", kommentierte Yayena grinsend.
"Eine wirklich unglückliche Verkettung von Zufällen.", stimmte Yeyana zu, ihr Grinsen im Gegensatz zu ihrer Schwester hinter der rechten Hand verbergend.
"Und dann?", fragte Steph.
"Und dann habe ich ihm gesagt, dass das mein letztes Gummigeschoss war."
Sie knuffte mich in die Seite. "Stell' Dich nicht dümmer, als Du bist. Ich meine mit den Mädchen, haben die sich nicht erschrocken?"
"Weniger als die Wachmannschaft, die wissen wollte, woher der Schuss im Lager kam. Also nach allem was ich gehört habe ist unsere Kaie hier für die Mädchen eher so was wie eine Heldin.", sagte Yeyana noch immer hörbar gut gelaunt.
"Glaub mir, das bin ich nicht und das wollte ich auch nie sein."
"Klingt nach etwas, das nur eine echte Heldin sagen würde.", neckte mich Yayena und wir alle mussten lachen.
"Jetzt aber ernsthaft.", setzte Yeyana erneut an. "Ich denke Du unterschätzt Deine Wirkung auf sie. Gerade bei dem, was sie hier sonst so durchmachen."
"Was mich zurück zu meiner Eingangsfrage führt. Wo stehen wir? Was wissen wir über die Zustände hier?"
Yayena rieb sich einige male im Nacken hin und her. "Soweit bekannt ist es eine Sechsergruppe, die hier den Ton angibt. Allesamt Jungs. Traut sich zwar keiner offen drüber zu reden, aber man merkt es am Auftreten. Lauter und aggressiver als die anderen."
"Hat wohl nach den ersten Tagen schon angefangen.", fuhr ihre Schwester fort. "Anderen ihre Pflichten aufhalsen, das Essen wegnehmen, solche Dinge."
"Teufelskreis. Ohne Essen fehlt die Kraft sich zu wehren.", sagte Steph leise, sich selbst beide Oberarme reibend, worauf ich den Arm um sie legte und sie sich an mich lehnte.
"Ist wohl immer schlimmer geworden. Haben die Mädchen quasi untereinander aufgeteilt, wobei sie sich bei den Beliebteren wohl auch abwechseln, nach dem was ich so mitbekommen habe. Mich haben sie direkt am ersten Tag gefragt, ob ihr fünf alle mir gehört und ob ich nicht Lust hätte mal zu tauschen. Für die ist das wohl was völlig normales.", kam es resignierend von Nazir. Steph und ich sahen ihn beide mit hochgezogener Braue an. "Hey! Das zwischen mir und den beiden ist was völlig anderes!"
"Aber sicher.", scherzte Steph, was uns beiden beleidigte Blicke der Zwillinge einbrachte.
"Er zwingt uns nicht auf ihn zu verzichten!" "Wir zwingen ihn nicht sich zu entscheiden!", fauchten die beiden fast zeitgleich. Steph und ich mussten abermals lachen.
"Tut uns leid, aber ihr seid einfach zu süß, wenn ihr Euch aufregt.", meinte Steph.
"Und Monarch zu ärgern macht einfach Spaß.", warf ich noch immer grinsend ein.
"Du mich auch, Kirschblüte!"
"Uns alle drei!"
"Aye, aye. Aber zurück zum Thema, warum haben sich die anderen anfangs nicht gewehrt? Waren doch deutlich in der Überzahl?" Mein Blick ging abermals durch die Runde.
"Soviel ich gehört habe standen die ziemlich alleine da, da die sechs keinen Streit mit den anderen Jungs gesucht haben. Zumindest da noch nicht.", meinte Steph nachdenklich.
"Kapiere ich nicht. War denen nicht klar, dass das nicht ewig so bleiben würde? Also den Jungs meine ich?", fragte Yeyana irritiert.
"Jeder ist sich selbst der nächste. Teile und herrsche.", erwiderte ich ruhig. "Eigentlich ziemlich clever, sich anfangs nicht zu übernehmen und dann wenn alle anderen von der Ausbildung ausgelaugt sind erst zuschlagen."
"Klingt als würdest Du sie bewundern.", konterte Yayena mit deutlich hörbarer Ablehnung in der Stimme.
"Sie selbst? Nein, die sind der letzte Dreck, aber um das durch zu ziehen braucht es Geduld und Planung. Einen Anführer, der auch was im Kopf hat und auf den die anderen hören. Den müssen wir unbedingt identifizieren. Eine Idee wer es sein könnte?" Unsere Blicke gingen gen Nazir.
Er verzog das Gesicht, kratzte sich im Nacken und sah uns alles andere als überzeugt an. "Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, es ist der, der am lautesten auftritt. Der Stärkste, der vor dem die anderen fünf Angst haben. Das wäre Claas."
"Bist Du sicher?", fragte ich nach. "Also dass er der Stärkste ist?"
Nazir wog den Kopf hin und her, dann nickte er. "Mit dem Anführer nicht wirklich. Aber er boxt die anderen ganz gerne, spielerisch wie er sagt, aber auch wenn sie es sich nicht anmerken lassen wollen, er hält sich dabei wohl kaum zurück. Sie hassen das und versuchen immer eine Armlänge von ihm entfernt zu bleiben. Außerdem ist Enor." Er sah zu mir. "Das ist der, den Du angeschossen hast, direkt danach zu ihm gerannt."
"Na das klingt doch ganz so als wäre das unser Mann. Gute Arbeit." Ich nickte ihm aufmunternd zu.
"Hast vermutlich recht. Denke ich. Ach ich weiß auch nicht."
"Sag einfach was Du denkst."
"Clever ist ganz einfach nicht das Wort, das mir als erstes zu ihm einfällt."
"Hm." Ich dachte kurz nach, während ich Steph den Kopf kraulte. Irgendwie halfen solche Gesten mir immer beim Nachdenken. "Na schön, Anführer oder nicht, die stärkste Figur des Gegners aus dem Spiel zu nehmen klingt grundsätzlich erst mal nicht nach einer schlechten Idee."
"Ich finde auch, dass wir den Mädchen helfen sollten.", hob Yayena an und die anderen stimmten ihr zu.
"Habe gehört, dass Mara ihnen früh Contra gegeben hat. Die sechs sollen sie richtig übel zugerichtet haben.", flüsterte Steph kaum hörbar.
"Habe ich auch gehört. Sie und diesen Jannek.", ergänzte Nazir mit einem Nicken.
"Sehr früh sagst Du? Sind die verwandt, ein Paar oder so?", fragte ich mit Blick zu ihr.
"Nein, aber kommen aus demselben Lager. Habe mich mal kurz mit ihm unterhalten, da kam es zur Sprache.", warf Nazir ein.
"Zu schade. Wäre das nicht romantisch? Der tapfere Recke, der seine Maid in Not rettet?", schwärmte Yayena.
Ihre Schwester nickte enthusiastisch. "Das ist der Stoff aus dem Legenden gewoben sind."
"Nur, wenn er damit auch Erfolg hat. Ansonsten ist es nur die Geschichte von jemandem, der sich übernommen hat.", kommentierte Steph leise seufzend.
"Dann sollten wir ihm vielleicht ein wenig unter die Arme greifen?", schlug Yeyana vor.
"Eben mit etwas Unterricht von uns kann er es auch mit welchen aufnehmen, die größer und stärker sind!", pflichtete Yayena bei.
"Was auch immer wir tun, wir sollten es rasch tun. Ist noch wer von Euch die Leistungsbeurteilungen durchgegangen?", murmelte Steph leise.
Ich hob meine freie Hand. "Hier und ja ich weiß, worauf Du hinaus willst. Die Leistungsbewertungen der ersten vier Wochen passen nicht zum Abschlusstest. Auffallend viele Jungs, die es nicht geschafft haben. Ziemlich viele Vermerke: Nicht abgelegt. Da es da ausschließlich um Kraft und Ausdauer ging kann das nur eines bedeuten. Dass die Sechs dafür gesorgt haben, dass andere durchfallen. Einschüchterung, gebrochene Knochen, so was in der Art."
Alle sahen wir eine ganze Weile lang still ins Feuer. Wir alle wussten, was es hieß, wenn man die Ausbildung nicht schaffte. Die Alba vergaben keine zweiten Chancen, wer in jungen Jahren nicht für die Arbeit und ab 12-14 nicht zum Processor taugte, der taugte in ihren Augen nur als Kanonenfutter. Minenräumen nannten sie es. Sie setzten sie einfach irgendwo im 86. Distrikt aus, wo sie Aktivitäten der Legion oder Überbleibsel einer einstmals größeren Streitmacht vermuteten. Kein Wasser, keine Nahrung, keine Waffen, nicht mal Schuhwerk. Wenn die Alba recht hatten und sich in dem Gebiet Minen oder Ameisen-Späher aufhielten, dann schafften sie es keinen Tag lang. Angezogen von menschlichen Stimmen und Lauten wie die Motten vom Licht würden sie sie ausmachen und jagen, bis auch der letzte verstummt war. Lagen die Alba falsch, nun, man konnte hier draußen überleben. Letztendlich waren wir mit unseren eigenen Generatoren und den Feldern, die wir bestellten, autarker als es den Alba lieb war, aber wir hatten auch Waffen, Körperpanzerungen, Juggernauts und nicht zuletzt jahrelange Übung und Zeit, bis wir alles nötige zusammen hatten. Nicht wenig davon hatten wir von unseren Vorgängern übernommen. Sie hatten nichts davon, somit, gleich ob die Legion oder der Distrikt selbst sie zuerst einholen mochten, das Ergebnis blieb immer gleich.
"Dreckschweine." Keine von uns anderen wollte Nazir da widersprechen.
Steph kuschelte sich noch enger an mich. "Was hast Du?", fragte ich vorsichtig.
"Nichts, ich." Sie seufzte ein mal langgezogen. "Musste nur gerade daran denken, dass es uns ebenso hätte ergehen können, wenn Du nicht gewesen wärst." Die Zwillinge nickten.
"Hey, ich war das nicht alleine. Alleine hätte ich das nicht geschafft. Du hast mir immer den Rücken frei gehalten und ihr beide habt uns überhaupt erst beigebracht zu kämpfen. Außerdem waren da noch Dé-chan, Meara, Nico und die anderen."
Wir alle verzogen das Gesicht. Wie viele von denen, mit denen wir vor zwei Jahren in der Ausbildung waren, mochten wohl noch leben? Rein statistisch nur eine handvoll. Vielleicht waren wir sogar die letzten. Der Gedanke fühlte sich beklemmend an.
"Warst dennoch die erste, die sich gewehrt hat.", meinte Yayena nach einer ganzen Weile leise.
"So wie Mara hier.", kam es ebenso leise von ihrer Schwester.
"Wie war das eigentlich bei Dir?", wollte Steph mit Blick gen Nazir wissen.
Er brauchte kurz um zu realisieren, dass die Frage ihm galt. "Ich weiß nicht. Bei uns gab es so was nicht."
"Warum nicht?"
"Ich schätze wir hatten alle einfach zu viel Angst."
"Sei es drum. Wir haben jetzt die Chance das zu beenden. Beenden wir es.", verkündete Yeyana entschieden. Die anderen nickten ein mal entschlossen.
Ich schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Das wird jetzt unschön. Ich öffnete die Augen wieder, um sie alle einzeln ansehen zu können. "Das werden wir nicht tun." Vier Augenpaare starrten mich überrascht und entgeistert an. "Wir sind nicht hier, um sie zu retten. Wir sind hier, weil wir Nachwuchs suchen."
"Du willst das so weiterlaufen lassen?", fragte Steph entsetzt, mich so zweifelnd musternd, dass es mir einen Stich in die Brust versetzte. Auch die anderen drei sahen mich an, als hätte ich völlig den Verstand verloren.
"Ich sage nur, wie es ist, auch wenn ihr das nicht gerne hören wollt. Wenn sie sich das gefallen lassen, wenn sie sich dem ergeben, dann taugen sie alle nicht für unsere Einheit. Wenn wir das Problem für sie aus der Welt schaffen, dann erreichen wir damit nur eines: Sie werden uns lieben, ach was sage ich, sie werden uns die Füße küssen und genau das ist das Problem. Sie werden völlig von uns abhängig sein, darauf vertrauend, dass wir sie auch weiterhin vor jedem Unglück beschützen werden. Für uns würden sie wahrscheinlich aus Dankbarkeit alles tun, sich vermutlich sogar völlig aufopfern, aber gilt das für die anderen von uns auch? Was ist mit ihnen selbst, würden sie für sich selbst einstehen, wenn es drauf ankommt? Wir sind eine Fronteinheit und haben bisher schon eine Menge Hitze abbekommen und unter Handler Bitch wird noch heißer her gehen, das verspreche ich Euch. Sie will PR und das heißt Kämpfe am laufenden Band, ganz viel Action und Drama, die Zuschauer wollen schließlich unterhalten werden. Daher sage ich wenn wir das tun, wenn wir sie aus ihrem Elend heraus holen, dann sitzen wir in drei bis sechs Monaten wieder hier, weil es keiner von ihnen geschafft hat. Und ich sage Euch ganz offen: Da mache ich nicht mit und ihr solltet das auch nicht, weil wenn wir das machen, wenn wir hier welche zusammen suchen, die nicht überleben können, dann sind wir keinen Deut besser als die Alba."
Die lange Stille, die meinen Worten folgte, war erdrückend. "Also sollen wir gar nichts machen?", fragte Yayena mit deutlichem Widerwillen in der Stimme.
"Das habe ich nicht gesagt." Die Blicke der anderen wurden fragend. "Wir sollten sie nicht aus dem Dreck ziehen, aber wir können ihnen alles an die Hand geben, was sie brauchen, um sich selbst heraus zu helfen. Wir machen folgendes:"

"Nein, sie hören mir nicht zu!", fauchte Mareike entnervt ins Para-RAID. "Ja, wir haben Hochexplosivmunition bestellt. HEAT. High Explosive Anti-Tank, hochexplosive Geschosse zur Panzerabwehr, aber das was sie uns geliefert haben ist nur popelige HESH-Munition! HESH! Muss ich es buchstabieren? H-E-S-H!"
Dagmar massierte sich den Nasenrücken mit zwei Fingern. Über ihre Stiefelspitzen hinweg, die sie auf dem Schreibtisch abgelegt hatte, sah sie zum großen Monitor und checkte Stitch's Vitalparameter. Puls, Blutdruck, Atemfrequenz, alles deutlich erhöht, aber gut, das hatte ihr ihre spitze, kreischende Stimme auch so verraten. Sie hatte nicht unbedingt damit gerechnet, dass man ihr den roten Teppich ausrollte, dennoch war es für ihren Geschmack eindeutig zu früh am Morgen für so ein Rumgezicke.
"Ja, wie sie jetzt schon zum dritten mal betonten, Hauptmann. Was mir noch nicht so ganz klar ist, ist, wo das Problem denn nun überhaupt liegt?"
"Wo das Pr...mhm!?" Ihr wütender Ausbruch ging in einem gutturalem Laut unter.
Dagmar sah erneut zur Anzeige, um sich zu vergewissern, dass sie noch in der Leitung war. "Hauptmann?"
"Tristan hier. Meine Frau kann gerade nicht antworten, weil sie eine Hand vor dem Mund hat. Bist Du noch online, Cheffchen?"
"Handler One hier. Bin ich."
"Das bringt so nichts." Den Eindruck hatte er allerdings auch. "Vorschlag: Wir machen für eine Viertelstunde Pause, Du erklärst Handler Three was das Problem ist und ich versuche hier derweil die Gemüter zu beruhigen."
Ja, der Vorschlag hatte definitiv etwas für sich. "Klingt gut in meinen Ohren. Was sagst Du dazu, Hauptmann?"
"Mmm mhmhmm mhmhm mhm mmm mhmh mh!"
"Ich werte das mal als Zustimmung."
"Mh mhmm!"
"Dann bis in Fünfzehn. Handler One und Handler Three out." Beide schalteten sie ihre Para-RAIDs ab und die Anzeigen erloschen. Dostan fuhr sich mit beiden Händen über die Haare, ließ diese auf seinem Haupt ruhen und sah seufzend zu Dagmar, die seinen Blick herausfordernd, geradezu kindlich trotzig erwiderte. War wohl nicht ihr Tag.
"Na jetzt bin ich aber mal gespannt.", forderte Dagmar ihn geradezu heraus.
"Lassen sie mich etwas ausholen."
"Aber gerne doch."
"Nun wie sie wahrscheinlich wissen verwenden wir für die Sechspfünder der Juggernauts unterschiedliche Munitionstypen mit unterschiedlichen Wirkungsweisen. Standardmäßig verwenden wir panzerbrechende Munition vom Typ APFSDS, armour-piercing fin-stabilized discarding sabot. Im Grunde kleine, wurfpfeilartige Raketen innerhalb des Geschossmantels, weswegen sie auch manchmal Dart-Geschosse genannt werden, die im Glattrohr mittels Finnen stabilisiert werden und diese beim Verlassen des Geschützrohrs abwerfen. Die haben keinerlei Explosionswirkung, sondern wirken rein kinetisch durch die Wucht des Aufpralls, was einen gefahrlosen Einsatz in der Nähe befreundeter Einheiten ermöglicht, im Gegensatz zu Hochexplosivmunition, bei der ein Sicherheitsabstand von 25 bis 50 Metern vorgeschrieben ist. Ihr Vorteil ist die hohe Geschwindigkeit und somit auch weniger Einfluss durch Wind und Wetter und sie geben dem Feind kaum Zeit für Ausweichmanöver. Ihr Nachteil ist genau das, sie wirken punktuell. Wenn sie Pech haben und kein kritisches System treffen, dann kann eine größere Feindeinheit wie die Löwe Kampfläufer auch mehrere Treffer mit Darts einstecken und dennoch kampffähig bleiben.
Dem gegenüber steht die HEAT Hochexplosivmunition, die die Schwadron aus verlassenen Armeestützpunkten geborgen hat. Diese ist ein Vollgeschoss und damit im Flug deutlich schwerer und träger. Diese verwendet einen Aufschlagzünder, der die Sprengladung im Inneren zündet, was den weichen Metallkern in der Spitze nach vorne treibt. Durch die entgegengesetzten Kräfte von Explosionsdruck und Feindpanzerung zersplittert der Metallkern dabei in winzige Fragmente, die Beton und Stahlpanzerung durchbrechen können und sich danach kegelförmig ausbreiten und so eine viel höhere Wahrscheinlichkeit bieten, kritische Systeme oder im Fall unserer Juggernauts die Besatzung aus zu schalten."
Er pausierte kurz, um sich zu vergewissern, dass sie ihm noch folgte. Soweit er sagen konnte hörte sie ihm mit mäßigem Interesse zu, aber gut, er war ja auch noch nicht zum Punkt gekommen.
"HESH-Munition nutzt eine andere Wirkungsweise. Das SH steht für squash head oder auch Quetschkopf. Dieser Munitionstyp verwendet keinen Metallkern und keinen Aufschlagszünder, sondern zündet zeitversetzt. Das Geschoss trifft auf, verformt sich und der Sprengstoff im Inneren verteilt sich über den Einschlagspunkt und wird zeitverzögert gezündet. Etwa 0,8 Sekunden später, was genügt, dass sie auf dem Schlachtfeld tatsächlich den metallischen Aufprall vor der Explosion hören können. Ziemlich markantes Geräusch, vergisst man nicht mehr, wenn man es ein mal gehört hat. Anders als bei den zuvor genannten Projektilen ist hier gar nicht vorgesehen, dass die Panzerung durchstoßen wird, vielmehr soll durch die Explosion die Panzerung destabilisiert und die Druckwelle nach innen abgegeben werden, wodurch im Inneren sich Metallfragmente von der Panzerung ablösen und ähnlich wie der Kern von HEAT-Geschossen dort wirken können. Das funktioniert auch sehr gut bei einer durchgehenden Panzerung. Moderne Verbundpanzerungen, wie sie zum Beispiel die schon genannten Löwe-Kampfläufer aufweisen, haben eine elastische Zwischenmembran, die genau diese Weitergabe des Drucks nach ganz innen auffangen und neutralisieren. Anders gesagt, mit HESH-Munition können sie zwar leicht gepanzerte Einheiten ausschalten, wie die Ameisen-Spähereinheiten und die Grauwolf-Raketenlafetten, aber die Panzerung von Löwe-Kampfläufern können sie damit von keiner Seite und aus keinem Winkel heraus ernsthaft beschädigen."
Dagmar musterte ihn nachdenklich. "Wollen sie damit sagen, dass wir sie genau so gut auch mit Wattebällen beschießen könnten?"
"Ich würde eher Knallfrösche sagen, aber vom Prinzip her, ja." Ihre Miene wurde nachdenklich. "Das ist aber noch nicht alles." Sie drehte den Zeigefinger einmal in der Luft als Zeichen, dass er fortfahren sollte. "Standardmäßige Verbundpanzerungen sind jetzt nicht so neu, die waren bereits vor Kriegsausbruch Standard und HESH-Munition entsprechend, ich weiß nicht wie ich es höflich formulieren soll, vollständig ausgemustert. Keine einzige Panzergranate und keine einzige Rakete der republikanischen Streitkräfte war bei Kriegsbeginn vom HESH-Typ. Ich habe keine Ahnung aus welcher verstaubten Mottenkiste RMI die ausgegraben hat, aber ich kann mit absoluter Gewissheit sagen, dass die sie entweder verarschen oder über den Tisch ziehen wollen. Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich sagen, dass die die Kriegsanstrengungen sabotieren wollen."
In Dagmars Augen blitzte es. "Wie kommen sie darauf?"
"Nun für Einheiten im Hinterland mag diese ausgediente Munition noch brauchbar sein, die sollten es nur mit leichteren Feindeinheiten zu tun haben. Aber eine Fronteinheit schicken sie damit quasi unbewaffnet in den Kampf. Und soweit ich mich entsinne haben sie Material für eine Fronteinheit angefordert."
"Habe ich.", antwortete sie gedehnt. "Gibt es weitere Optionen weshalb dieser Geschosstyp verwendet wird?"
"Es könnte finanzielle Hintergründe haben. HESH-Munition ist vergleichsweise billig in der Herstellung." Ihre Augen verengten sich. "Es könnte sich natürlich aber auch lediglich um einen Logistikfehler handeln.", schob er rasch nach, aber sie wischte den Einwand mit ihrer rechten Hand beiseite.
"Im Umgang mit der Militärpolizei gibt es keine Fehler. Nur Vorsatz auf die eine oder die andere Art." Sie machte sich einen kurzen Vermerk auf ihrem Notizblock und steckte diesen anschließend zurück in ihre Brusttasche. "Danke für die Einschätzung. Ich sorge dafür, dass das nie wieder vorkommt.", sagte sie mit einer Gelassenheit, die in Dostan keine Zweifel aufkommen ließen, dass dafür Köpfe rollen würden. "Nun gut, passiert ist passiert. Wie kriegen wir die Kuh jetzt wieder vom Eis?"
"Ich habe keine Ahnung, aber ich schlage vor, wir schalten die Einheit wieder zu."
"Einverstanden. Aktiviere Para-RAID. Synchronisationsziel: Luscinia-Schwadron, Kommandozug. Handler Three und Handler One."
Mit dem charakteristischen Surren und Piepen erwachten ihre beiden Geräte im Nacken zum Leben, während vor ihnen die Bildschirmanzeige hin zum Status der Einheit wechselte, wobei alle Einsatznamen außer denen des Kommandozugs ausgegraut waren.
"Handler One hier. Wir wären dann so weit."
"Gott!", erklang die gewohnt enthusiastische Frauenstimme.
"Priestess, wie oft noch? Nur weil Du mich in Deinem Kopf hörst, bin ich noch lange nicht Gott!"
"Denen, die bekämpft wurden, wurde es erlaubt, sich zu erwehren, weil Ihnen Unrecht angetan. Siehe, Gott hat die Macht, ihnen bei zu stehen!", protestierte sie in ihrer Eigenart, in kryptischen Zitaten aus allen möglichen religiösen Schriften zu sprechen, was nicht gerade wenig zu ihrem Ruf als Orakel beitrug. Aus ihrer Akte wusste er, dass sie eine Beryl war, eine jener Frauen mit den goldenen Augen und Haaren, die vor dem Krieg in der Theokratie von Noiryanaruse nordwestlich der Republik als Seherinnen und Priesterinnen die Geschicke ihres Landes leiteten und in den nunmehr fast vier Jahren mit ihr hatte er erfahren können, dass sie nicht einfach nur eine große Show abzog. Sie hatte ein geradezu erschreckend genaues Gespür dafür, wo die Legion als nächstes zuschlagen würde, wie auch immer sie das anstellte. Anfangs hatte er noch mit dem Gedanken gespielt, die Wissenschaftler der Republik dieses Phänomen genauer untersuchen zu lassen, vielleicht um eine Art Frühwarnsystem zu erschaffen, war aber auf dem Behördenweg gescheitert. Für ein paar Gerüchte über eine spinnerte 86erin würde man keine kriegswichtigen Ressourcen aufwenden. Letztendlich hatte er es aufgegeben, nicht zuletzt auch, weil sie als so etwas wie die Vorbeterin und Seelsorgerin der Einheit einen sehr guten Einfluss auf diese hatte und, was bei ihrer eigenwilligen Art häufig unter ging, sie hielt nach Dana und Thomas, den alle nur Big Daddy genannt hatten, den dritten Platz für die meisten Abschüsse in der Einheit. Auch wenn einige aus den Sturmzügen ordentlich Druck machten, zwei Jahre Dienstzeit mehr machten sie nicht mal eben wett. Dennoch, wenn die Priesterinnen Noiryanaruses allesamt denselben Dachschaden hatten wie Petra, dann taten ihm die Einwohner dieses Landes aufrichtig leid. Im Hintergrund hörte er die anderen drei kichern und glucksen.
"Was gibt es da zu lachen?"
"Nichts, es tut einfach gut zu hören, dass sich manche Dinge nie ändern.", antwortete Stitch heiter. Nun, wenigstens hatte sie sich beruhigt, das war doch schon mal gut.
"Ich störe das Treffen ja nur ungerne.", hob Dagmar an. "Aber mir ist jetzt klar, wo das Problem liegt. Ich kann nur sagen, dass mir das leid tut und dass das nicht noch einmal vorkommen wird, dennoch habe ich auf die Schnelle keine Lösung im Ärmel."
Er sah skeptisch zu ihr rüber. Er bezweifelte stark, dass sie es aufrichtig meinte mit ihrer Entschuldigung, aber einem kurzen Blick auf die Anzeigen nach zu urteilen schienen ihr bis auf Matrix, die gewohnt angespannt war, die übrigen drei das ab zu kaufen. War es da noch wichtig, ob sie es ernst meinte?
"Dazu hätten wir was beizutragen. Holt mal Wrench und Wraith mit in die Leitung."
"Wer sind Wrench und Wraith?", fragten beide Handler fast unisono.
"Unsere Schwarzdaumen.", antwortete Tristan.
"Die Schrauber.", antwortete Stitch. "Souza und Roj. Die zwei zusätzlichen Para-RAIDs, die wir bestellt haben? Klingelt da nichts?"
Dagmar sah zu ihm, er zuckte nur mit den Schultern. Unorthodox, aber was war an der Schwadron schon normal?
"Rekalibriere Para-RAID, Neusynchronisierung: Kommandozug, Wrench und Wraith."
Im Hintergrund hörte man ein Schnaufen und metallische Sägegeräusche, die abrupt inne hielten.
"Äh, hallo? Ist das Ding an?", erklang eine weiche, helle Frauenstimme.
"Ist an.", beschied Dostan.
"Ah gut. Fühlt sich komisch an. Wie ein Brummen im Kopf, nachdem man eins auf die Mütze bekommen hat."
"Wirst Dich schon noch daran gewöhnen.", meinte Tristan heiter. "Ihr beide wolltet was zur Munition beitragen."
"Ja." Dumpfes Geklapper von Metall auf Holz in der Leitung. "Also ich habe gute und schlechte Nachrichten. Welche wollt ihr zuerst hören?"
"Erst mal die Guten, sonst drehen wir hier alle noch durch.", säuselte Stitch.
"Wie Du willst. Also mein Bruder hat im Netz eine Umbauanleitung von RMI von vor dem Krieg gefunden. Ist nicht allzu kompliziert, wir brauchen nur andere Zünder, der Rest ist etwas Umformen des Sprengstoffs und einen Metallkern einsetzen. Da finden wir da draußen schon ein paar Stangen, die nur zurecht gesägt werden müssen. Zur Not können wir uns vielleicht auch selbst was zusammen basteln, ich hätte da ein paar Ideen, käme auf einen Versuch an, ob es klappt und ob diese den Belastungen beim Abschuss im Geschützrohr stand halten. Aber ein reiner Umbau ist nicht möglich, RMI hat bei den HESH auf die billigste Variante gesetzt und einen chemischen Zünder eingebaut. Einfach nur zwei Glaskapseln, die beim Aufprall kaputt gehen und deren Inhalt miteinander oder mit dem Sprengstoff reagiert. Das erklärt auch warum sich alle über die vielen Blindgänger beschweren. Na wie auch immer, das ist Chemie und die lässt sich nicht beschleunigen, wenn die Chemikalien eine halbe Sekunde brauchen zum Reagieren, dann ist das eben so."
"Das klingt doch schon mal vielversprechend. Und die schlechten Nachrichten?", fragte Dostan hörbar erleichtert.
"Wer bist Du denn?"
"Ich bin Handler One. Neben mir ist Handler Three. Zusammen mit Handler Two sind wir quasi Eure Verbindungsoffiziere."
"Aha, aber gut, dann rede ich ja direkt mit dem Richtigen. Also ich weiß nicht was RMI in die Granaten reingestopft hat, aber wenn es Plastiksprengstoff wäre, dann sollte es hier in der Werkstatt jetzt gerade nach Marzipan riechen wie in der Weihnachtsbäckerei. Ich rieche aber nichts. Außerdem meint mein Bruder, dass das Zeug staubiger und bröseliger ist, als in den Videos, die er sich dazu runtergeladen hat. Wir müssen wohl ein paar Tests an geborgenen Löwen-Panzerplatten damit durchführen, aber wenn er richtig liegt, dann ist das nur zivile Qualität mit vielleicht der Hälfte der vom Hersteller angegebenen Sprengkraft. Mit Pech noch weniger." Sie pausierte kurz. "Ich denke ich muss nicht erklären, was das bedeutet?"
Schlagartig hellhörig setzte Dagmar sich auf. "Wie sicher ist das?"
"Deine Stimme kenne ich nicht. Du musst Handler Three sein. Na wie auch immer, keine Ahnung, ich bin Kfz-Mechanikerin, keine Sprengstoffexpertin. Frag uns nach den Tests noch mal. Wir machen jetzt noch die anderen Kisten auf und zersägen noch ein paar Granaten aus denen, vielleicht haben wir bisher auch nur die Montagsproduktion erwischt."
"Haltet mich auf jeden Fall auf dem Laufenden. Schickt mir Bildmaterial und legt mir ein paar aufgeschnittene Exemplare als Beweismittel zurück." Sie notierte sich einige weitere Stichpunkte auf ihrem Block und kreiste diese ein. Ja, da werden so was von Köpfe rollen.
"Okay?"
"Seid vorsichtig, das ist kein Spielzeug.", mahnte Stitch besorgt an.
"Ja, Mama!"
Er musste schmunzeln.

Die kleine Feuerwaffe mit der Linken hochhaltend setzte ich an. "Das ist eine der Standardwaffen, die ihr hier im Distrikt zuhauf finden werdet: Die 9mm-Armeepistole der Allianz von Wald von vor dem Krieg. Das ist das kleinste Kaliber, das hier draußen empfehlenswert ist, auch wenn ihr gelegentlich Sportschützenwaffen vom Kaliber .22LR und alte .38er Polizeirevolver finden werdet. Ich persönlich bevorzuge größere Kaliber wie diese .45er." Ich tätschelte kurz das Halfter an meiner Hüfte. "Der Vorteil ist, dass diese nicht nur gegen Minen, sondern auch gegen Kampfläufer der Ameisenklasse wirkungsvoll sind, wohingegen die 9mm bei denen höchstens ein paar Kratzer im Lack hinterlassen oder mit viel Glück deren Frontkamera zerstören. Der Nachteil bei größeren Kalibern ist die kleinere Magazinkapazität, der höhere Rückstoß und dass die Munition schwieriger aufzutreiben ist, da sich diese Kaliber in den Streitkräften der Republik vor dem Krieg nie durchgesetzt haben. Danke dafür." Einige schmunzelten verhalten. "Standardkaliber der Republik umfassen 9mm, 7,62mm und Kaliber .50. Wer von Euch im Unterricht aufgepasst hat, wird sich daran erinnern, dass 7,62mm das Kaliber der MGs der Ameisen ist, wohingegen Löwen, aber auch unsere Juggernauts mit Kaliber .50 ausgerüstet sind. Sprich diese Kaliber werdet ihr auf jedem Schlachtfeld bergen können. 9mm findet ihr vorzugsweise in verlassenen Militäraußenposten, für alle anderen Kaliber haben sich verlassene Polizeistationen, sowie Geschäfte für Jagd- und Angelbedarf bewährt. Ich sehe die ersten fragenden Gesichter in der Runde. Nein, die Republik stattet uns nicht mit Infanteriewaffen aus und erst recht nicht mit Körperpanzerungen." Ich klopfte zwei mal mit der Faust gegen meinen Helm. "Wenn ihr welche wollt, zum Beispiel um Euch bei einem Treffer nicht den Birne an den Armaturen Eures Juggernauts einzuschlagen, dann müsst ihr Euch selbst drum kümmern. Wie um so ziemlich alles andere hier draußen auch. Was die Republik Euch stellt sind diese abscheulichen blauen Ausgehuniformen, Eure Juggernauts, Ersatzteile und Munition für die Juggernauts, sowie den scheußlichen Fensterkitt von Synthetikfraß, den wir alle so zu lieben und schätzen gelernt haben. Dazu Strom für Euren Stützpunkt und Energiezellen für Eure Juggernauts, solange ihr artig seid. Wenn ihr nachts nicht im Dunkeln sitzen oder einen Ort einnehmen wollt, der sich besser als Stützpunkt eignet, aber nicht mehr ans Stromnetz angeschlossen ist, solltet ihr Euch auch darum kümmern. Für die Standard-Energiezelle Mk II von RMI haben wir noch keine Lösung gefunden, diese sind absichtlich für den einmaligen Gebrauch und dann zum Wegwerfen konzipiert, versucht erst gar nicht die wieder aufzuladen, die fliegen Euch nur um die Ohren. Die sind die Leine, an der uns die Republik durch den Distrikt Gassi führt, ohne die rühren sich Eure Juggernauts keinen Finger breit und ohne Juggernaut seid ihr hier draußen aufgeschmissen."
Einer der Jungs hob die rechte Hand. "Wozu dann die Pistolen und Gewehre, wenn wir die Juggernauts zum Überleben brauchen?"
"Eine ausgezeichnete Frage. Ich sagte, dass ihr ohne Juggernaut aufgeschmissen seid, aber ich sagte nicht, dass ihr tot seid. Zum einen führen wir gezielt Bergungsoperationen durch, um uns hier draußen mit allem Lebensnotwendigem zu versorgen, zum anderen sind die Alusärge, in denen ihr alle schon mal probeliegen durftet, zwar so dünn gepanzert, dass man mit dem bloßen Finger ein Loch rein bohren kann, dennoch ist nicht jeder Abschuss automatisch auch tödlich. Das gilt insbesondere für Treffer mit kleineren Kalibern wie die den MGs der Ameisen oder auch Schrapnelltreffer. Ebenso kommt es vor, dass durch die schlechte Gewichtsverteilung eines der vier Beine im Morast stecken bleibt oder ganz abbricht. Auch Treffer im hinteren Bereich, so sie denn die Munitionskammer und die Energiezelle verfehlen, führen nicht zwangsläufig dazu, dass die ganze Maschine explodiert oder ausbrennt. Selbst wenn hatten manche das Glück vorher noch heraus zu kommen. Ich bin der lebende Beweis, ich habe in meinen zwei Jahren zwei Juggernauts geschrottet, beide im Nahkampf und ich stehe trotzdem hier vor Euch. Je nach Verlauf der Schlacht kann es aber vorkommen, dass Eure Schwadron sich zurückziehen muss und ihr selbst einen Weg finden müsst, zum Stützpunkt zurück zu kehren. In dem Fall könnt ihr Euch mit den Infanteriewaffen gegen alles bis hin zu Ameisen verteidigen, mit speziellen Waffen oder Munitionstypen sogar gegen Grauwölfe." Ich hob die Sturmschrotflinte kurz an und ließ diese dann wieder baumeln. "Empfehlenswert ist das aber nicht, außer ihr wurdet abgeschossen und seid noch kampffähig. In dem Fall könnt ihr Euch entweder verkriechen und das beste hoffen oder ihr versucht noch irgendwie in die Schlacht einzugreifen. Ich für meinen Teil habe es nicht so mit dem Herumsitzen und Däumchendrehen, aber das muss jeder von Euch selbst wissen. Unabhängig davon solltet ihr Euch zumindest eine Pistole zulegen für den Fall, dass Euer Juggernaut in Brand geschossen wird und ihr nicht mehr heraus kommt."
"Um die Kanzel auf zu schießen?", fragte eines der Mädchen.
"Nein." Steph knuffte mir mit dem Ellenbogen in die Seite und schüttelte sachte den Kopf. Wir waren zwar übereingekommen, dass wir sie nicht verhätscheln wollten, aber wir mussten sie auch nicht härter anpacken, als erforderlich. Sie nahm den Faden auf.
"Weil Euch die Alba nicht an Infanteriewaffen ausbilden werden, damit ihr das Gelernte nicht gegen sie verwenden könnt, werden wir das übernehmen. Leutnant Kirschblüte übernimmt die Ausbildung an Pistolen, ich die an Gewehren. Teilt Euch in zwei Gruppen auf, die eine Hälfte zu ihr, die andere zu mir, einzeln vortreten, nach zwei Stunden tauschen wir durch, damit jeder mal alles geschossen hat. Nach dem Mittagessen übernehmen die Leutnants Lyra, Songbird und Monarch Eure Ausbildung an den Juggernauts und deren Gruppe wechselt zu uns. Da die Juggernauts vormittags von der Charlie Kompanie belegt werden nutzen wir die Zeit für Theorie, Sport und praktische Dinge, die man Euch hier nicht beibringt, Euch da draußen aber das Leben und Überleben erleichtern, wie Kochen, Wundversorgung, Nähen und den Anbau von Feldfrüchten, die in diesem Klima gedeihen."
"Weiberkram.", schnaubte einer der größeren Jungs auf und nicht wenige lachten, manche deutlich zurückhaltend, als wäre es schlicht ihre Pflicht an der Stelle mitzulachen, andere offener und freier. Steph sah mich fragend an, ich nickte ihr zu. Das passte schon so. Ich sah den Sprecher direkt an.
"Name?" Das Lachen verebbte. Sein Blick ging zu einem hochgewachsenen, breitschultrigen Onyx-Jungen, der kaum wahrnehmbar den Kopf schüttelte. Das musste dieser Claas sein. "Was ist? Ist der Dir so peinlich, dass Du Dich nicht traust? Oder musst Du erst Deine Mami um Erlaubnis fragen?" Einige mussten sich das Lachen sichtbar verkneifen. "Na wenn Du Deinen Namen so sehr hasst, dann wirst Du ja nichts dagegen haben, wenn ich Dir einen besseren verpasse, nicht wahr Rekrut Goldlöckchen?" Einige kicherten leise. Rekrut Goldlöckchen setzte an etwas zu sagen, aber ich fiel ihm ins Wort. "Also was Rekrut Goldlöckchen hier uns sagen will, ist, dass er das was wir Euch beibringen als unmännlich empfindet und ich bin geneigt ihm zuzustimmen. Wenn ihr da draußen immerzu mit dem Kopf durch die Wand und Euch nur planlos von Tag zu Tag durchschlagen wollt, dann ja, dann klammert Euch an dieses Bild von Männlichkeit. Bin gespannt wie lange das gut geht. Für alle anderen, die nicht einfach nur wie Schweine in ihrem Gehege auf die Essensreste warten wollen, die ihnen ihre Schweinebauern an gutgelaunten Tagen in den Trog kippen, kurzum für die, die trotz aller Umstände versuchen wollen, ein menschenwürdiges Leben zu führen ohne sich von irgendwem abhängig zu machen, weder von den Alba, noch von den Frauen in Euren Einheiten, bis sie wirklich gar nichts mehr selber auf die Reihe bekommen, für all die ist unser Unterricht gedacht. Der Rest kann gerne weghören oder besser noch sich die Zeit anderweitig vertreiben. Im Ernst, Rekrut Goldlöckchen, warum nimmst Du Dir nicht den morgigen Vormittag frei, um mal in Ruhe über Deine Lage nachzudenken? Aus meinen Augen, für Dich Minensucher ist mir meine Zeit zu schade. Gilt auch für die anderen Jungs hier in der Runde, wer meint, dass er besser als wir beide weiß, wie man hier draußen überlebt, kann sich verziehen. Kusch-kusch."
Die fortscheuchende Geste mit der rechten Hand sollte das noch unterstreichen und das aufgesetzte Lächeln kostete mich einiges an Anstrengung, um es weder aufgesetzt noch angestrengt wirken zu lassen. Wir suchten hier bewusst den Affront mit der Sechsergruppe, jetzt kam es darauf an, wie weit sich die anderen von diesen einvernehmen ließen oder nicht. Klar konnten wir sie auch zwingen, wenn wir wollten, aber wir wollten keine Tyrannen durch neue Tyrannen ersetzen. Rekrut Goldlöckchen sah abermals zu dem hünenhaften Onyx mit dem typischen pechschwarzen Haar und den ebenso dunklen Augen hinüber, dieser nickte einmal flüchtig gen Lagermitte. Erst drei, dann fünf, dann alle acht Jungs unserer Gruppe setzten sich in Bewegung. Ich quittierte Stephs zweifelnden Blick mit einem Nicken. Wie schon gesagt, das passte schon so.
"In Ordnung, jetzt wo wir die Gruppe auf eine vernünftige Größe eingedampft haben, aufteilen und einzeln vortreten. Von denjenigen, die gerade nicht schießen, will ich, dass sie sich Gedanken über Namen machen."
Die Rekrutinnen sahen uns fragend an. Steph lächelte mir kurz zu und setzte an:
"Hier draußen gibt es zwei Fraktionen, die bestimmen wer ihr seid und was ihr seid. Die Alba und ihr selbst. Die einen, die Euch alles weggenommen haben, einschließlich Eures Geburtsnamens und es durch eine Lager- oder Militärkennung ersetzt haben. Meine ist E337-00292 oder auch Bravo-Leader."
"Meine E316-00383. Charlie-Leader."
"Das ist was die Alba aus uns gemacht haben. Wie sie uns sehen. Für sie sind wir keine Menschen, im Grunde nicht einmal Tiere, sondern einfach nur ein Rädchen in ihrer Kriegsmaschinerie. Ein Bauteil für ihre Juggernauts. Eine Steuereinheit. Ein Chip. Ein Processor." Sie legte eine kurze Pause ein, in der ihr Blick durch die Reihen ging. "Mein richtiger Name ist Éstephánia Taniya, aber die meisten nennen mich Steph, geborene Darenfurth. Mein Einsatzname ist Schwertlilie."
"Kaie Taniya. Kirschblüte."
Ich trat an sie heran und legte ihr den Arm um die Taille, sie mir ihren um die Schultern. Eigentlich hatten wir gar nicht vorgehabt, so weit zu gehen, aber so wie sie mich anstrahlte musste ich sie ganz einfach küssen und so zärtlich, wie sie den Kuss erwiderte, ohne auch nur eine Idee weit zurück zu weichen, empfand sie dasselbe. Einige der Mädchen bekamen große Augen, manche sahen verschüchtert oder auch mit geröteten Wangen beiseite. Das war so zwar nicht geplant gewesen, eben darum war es aber vermutlich um so überzeugender. Kleine Geheimnisse untereinander zu teilen schuf Vertrauen und auch wenn wir hier die Rolle ihrer Ausbilder einnahmen, so wollten wir uns in allem von diesen unterscheiden. Sie löste den Kuss, lächelte mich verträumt an und sah zurück zu den Rekrutinnen.
"Das ist wie wir selbst uns sehen und was wir uns dort draußen erkämpft haben. Die Einsatznamen oder auch Rufzeichen oder Kampfnamen können wir uns selbst aussuchen. Vor dem Krieg betrieben meine Eltern eine Gärtnerei, vor allem für Schnittblumen und die Schwertlilien haben es mir nicht nur als Symbol der Republik aus besseren Tagen angetan, Tagen an denen die Republik noch allen eine Heimat sein wollte, sondern vor allem wegen ihrer farbenfrohen Vielfalt und ihrer im Vergleich zu ihrem zerbrechlichen Aussehen geradezu überraschenden Robustheit. Wir alle hier draußen entstammen den unterschiedlichsten Völkern und sozialen Schichten, manche unverfälscht, andere vermischt wie ich, wie ihr unschwer an meinem dunkleren Teint und den grünen Augen erkennen könnt. Doch gleich wer wir alle einmal waren, hier und jetzt sind wir gleich, wir tragen dieselben Kämpfe gegen dieselben Feinde aus und allen Widrigkeiten und Hindernissen zum Trotz stehen wir noch immer. Daran erinnern mich die Schwertlilien."
"Meine Gründe sind weniger romantischer Natur. Die Früchte der Kirschbäume in meiner Heimat sind im Gegensatz zu den hiesigen ungenießbar und die Blütezeit ist mit knapp zwei Wochen, je nach Witterung, auch eher kurz, aber wunderschön. Sie erinnern uns gleichzeitig an die Schönheit des Augenblicks wie an die Vergänglichkeit allen Seins und gerade weil sie nur so kurz erblühen bewundere ich die Tapferkeit und Sturheit, mit der die Blüten sich für ihr kurzes Leben Jahr um Jahr aufs Neue ihren Weg ans Licht bahnen, ganz so, als wollten sie dem frühen Tod, der sie zweifelsfrei ereilen wird, hämisch ins Gesicht lachen." Einige mussten schmunzeln, andere sahen mich eher nachdenklich an, als Steph mir spielerisch in die Seite knuffte.
"Du nun wieder. Wir möchten, dass ihr Euch für Eure Zeit hier selbst einen Kampfnamen aussucht. Manche wählen eher schaurige Namen, die den Feind einschüchtern sollen. Das bringt bei der Legion zwar nichts, da diese soweit uns bekannt keine Furcht kennt, aber es ermutigt die Träger solcher Namen und treibt sie an. Andere wählen Namen von Dingen, die sie nicht vergessen möchten. Etwas, das ihnen Halt gibt, wenn sie sich selbst zu verlieren drohen. Wieder andere klammern sich an Ideale in der Hoffnung, diesen gerecht werden zu können. Bei der Wahl können wir Euch nicht helfen, es gibt kein wirkliches richtig oder falsch. Wenn ihr etwas findet, das Euch anspricht, das Euch förmlich anspringt, dann nehmt es an und tragt es in Euch und zieht Stärke daraus, wenn die Eure Euch zu verlassen droht."
"Und jetzt genug geplaudert, Zeit für ein paar Schießübungen. Macht Euch keinen Kopf, wenn ihr anfangs nichts trefft, das geht allen so, weil man nicht kann was man nicht übt. Und unter uns, ich bin eine lausige Gewehrschützin. Ich verwende nicht grundlos Schrotflinten, mit denen treffe sogar ich etwas und genau so solltet ihr die heutige Übung auch angehen. Es zählt nicht, ob ihr trefft, nicht jetzt schon, wichtig ist nur, dass ihr überhaupt schießt. Ich kann sehen, dass manche von Euch zögern, sie fragen sich, ob sie das überhaupt können, ob sie das überhaupt sollten und genau das ist hier draußen der Punkt. Ihr habt keine Wahl. Die Legion ist hier draußen, früher oder später werdet ihr schießen müssen, ob ihr wollt oder nicht. Tut ihr es nicht werden Menschen sterben. Ihr selbst oder andere in Eurer Einheit. Das gedanklich hinzunehmen und das auch emotional zu verarbeiten sind zwei Paar Schuhe. Wenn Euch vor Eurer ersten Schlacht speiübel ist und ihr einfach nur weglaufen und Euch unter Eurer Bettdecke verkriechen wollt, dann kann ich Euch beruhigen, das ist völlig normal. Da mussten wir alle durch. Darauf können wir Euch nur bedingt vorbereiten und das hier ist der erste Schritt. Gleich wie sehr es Euch widerstreben mag eine Waffe ab zu feuern oder auch nur in die Hand zu nehmen, diese Welt, dieser Krieg, dieser Distrikt sind Euer Leben. Lauft davon so viel ihr wollt, es gibt keinen Ort an dem nicht entweder die Legion oder die Republik schon auf Euch warten. Davor könnt ihr nicht entfliehen, es gibt keine Zuflucht, keinen Ort, der sicher ist und es für immer bleiben wird. Das ist die Wahl, die ihr hier und jetzt habt, ziellos herum zu irren und nach einem Versteck zu suchen, in der Hoffnung, dass der Krieg Euch nicht finden wird, Spoilerwarnung die Dritte, einen solchen Ort gibt es nicht oder Euer Schicksal an und in die eigene Hand zu nehmen. Dann schießt. Gleich ob Euch die Augen tränen, ob Euch alles weh tut oder ihr einfach nur zurück in die Arbeitslager oder in eine Zeit vor dem Krieg heim zu Euren Eltern wollt, schießt bis ihr nicht mehr könnt und dann schießt weiter. Wir verteilen jetzt Ohrstöpsel, wir wollen nicht, dass ihr am Ende des Tages taub seid."

"Eins-Zwei-Drei, Eins-Zwei-Drei, Dreh-ung und Eins-Zwei-Drei."
Dostan schnaufte angestrengt, während er Elena in seinen rutschigen Tanzschuhen zu den Walzerklängen aus dem uralten Grammophon und den Anweisungen des Tanzlehrers durch die nächste Schrittfolge führte, dessen geradezu unheimlichem Adlerblick auch die kleinste Unachtsamkeit seinerseits nicht zu entgehen schien. Dafür bin ich einfach nicht gemacht., durchfuhr es ihn, während er insgeheim Elena dafür sowohl bewunderte als auch beneidete, wie galant und zielstrebig sie sich auf dem Parkett bewegen konnte. Ihm selbst kam es eher wie eine große Eisfläche vor, mit ihm als einzigem, der seine Schlittschuhe vergessen hatte.
"Können wir bitte fünf Minuten Pause machen?", bettelte er mit seinem besten Dackelblick. Sie sah ihn kurz etwas schnippisch an, dann lächelte und nickte sie.
"Ganz wie Du magst. Maestro? Fünf Minuten Pause."
"Natürlich Elena, Schätzchen." Der Tanzlehrer schenkte ihr ein breites Lächeln, das Dostan in dieser Stadt nur allzu häufig sah und das ihm normalerweise zutiefst zuwider war, aber bei ihm war er geneigt, eine Ausnahme zu machen, wusste er doch, dass der Tanzlehrer allenfalls ein gesellschaftliches Interesse an Elena hegte und ansonsten mit einem Mann verlobt war. Was seine unzähligen Korrekturen an Dostans Haltung und Schritten zwar gefühlt einen etwas eigenwilligen Charakter verlieh, aber leugnen, dass diese notwendig waren, konnte er nicht und Elenas schnippischer Einwurf, dass er den Mann seine Arbeit machen lassen solle, hatte jeglichen Widerstand bereits früh im Keim erstickt.
"Und gütige Magnolia, bei allem was heilig ist, können wir in der Zeit bitte was anderes auflegen? Ich krieg hier noch einen Hörsturz!", platzte es aus ihm heraus, was ihm einen mehr als nur beleidigten Blick des Tanzlehrers einbrachte, Elena aber laut auflachen ließ.
"Ich bezweifle, dass der Maestro Schallplatten von den uralten Rockbands dabei hat, die Deine Großmutter bei Euch zuhause so gerne hört, aber ich schätze, Du hast Recht, ein kleiner Stilwechsel wäre wohl angebracht. Maestro? Sagen wir fünfzehn Minuten."
"Hach Liebes, ihr zwei treibt mich noch in den Wahnsinn." Bei ihren Blicken winkte er beflissentlich ab. "Gut, gut, in einer Viertelstunde dann." Behutsam nahm er die Schallplatte und wechselte diese durch eine zweite aus. Die Sinfonie, die hernach im Ballsaal des Palastes erklang und dem Tanzlehrer ein verzücktes Lächeln entlockte, war in der Tat nicht mal annähernd das, was Dostan so vorgeschwebt hatte, aber sie bot dennoch eine willkommene Abwechslung zu den sich immer wiederholenden Walzerklängen, zu denen sie beide jetzt gefühlt mindestens eine Stunde lang getanzt hatten. So genau wusste er es nicht, er wagte es nicht auf die Uhr zu sehen. Erfahrungsgemäß war es keine geschlagene Stunde, sondern doch nur so ungefähr zwanzig Minuten gewesen, da gab er sich dann doch lieber der Illusion hin.
"Wollen wir auf dem Balkon ein wenig Luft schnappen?", schlug Elena vor.
Er machte eine einladende Geste hin zu den Balkontüren. "Nach Dir, meine Liebe."
Sie lächelte kurz auf, erfreut oder erheitert, das wusste er nicht so recht zu sagen, vielleicht von beidem ein wenig und ließ sich von ihm nach draußen führen, wo sich beide auf die Brüstung lehnten und ihre Blicke über die Stadt unter ihnen schweifen ließen. Bei Tage herrschte hier viel mehr Gedränge, der Palast Blancneige, im Volksmund auch Palast der Republik, war nicht umsonst das Herzstück der Republik. Hier hatten nicht nur die Handler, von einigen Hubschrauberpiloten und Mörsertrupps mal abgesehen die letzten, aktiven Einheiten der republikanischen Armee, ihren Hauptsitz, hier tagte auch das Parlament. Journalisten und Geschäftsleute gingen ein und aus, Angestellte, die für irgendwen hier arbeiteten gingen ihren Alltagsgeschäften nach, erledigten Besorgungen oder kümmerten sich um all die kleinen oder großen Angelegenheiten, die bei ihrer Arbeit so anfielen. Ein wenig erinnerte ihn der Palast bei Tage an einen Bienenstock mit den umliegenden Straßen mit ihren Cafés, Restaurants und Zeitungsgeschäften und nicht zuletzt der gewaltigen Kathedrale der Reichskirche mit ihren vier Türmen, das einzige Gebäude, das dem Palast an Höhe und Prunk ebenbürtig war, als so etwas wie die Außenhaut, wo viele der hiesigen Geschäfte und Abmachungen eingefädelt wurden oder ihren Abschluss fanden, auch und gerade wenn im Palast selbst längst Ruhe eingekehrt war. Der erste Distrikt schlief nie, wie ein geflügeltes Wort so treffend sagte. Was nicht unbedingt an den Flakscheinwerfern lag, die unermüdlich den Nachthimmel nach feindlichen Einheiten und Raketen absuchten und durch ihre Helligkeit den ganzen Distrikt gleich mit erleuchteten, Nein, selbst wenn sie alle hier im Stockdunklen sitzen mochten, was noch nie vorgekommen war, dann würden die Geschäfte weiter gehen. The show must go on, wie es so schön hieß und im Grunde lieferten sie hier alle eine geradezu zirkusreife Bühnenshow ab. So viel hatte er mittlerweile begriffen. Nicht nur er, der sich hier durch die Tanzstunden quälte, um Elena beim kommenden Revolutionsball nicht ebenso zu blamieren wie bei dem vor einem Jahr, wo sie das erste mal miteinander gesprochen hatten, sondern sie alle waren an irgendeinem Punkt zu Darstellern in ihrer eigenen Reality-Show verkommen. Sie befanden sich im Krieg, zweifellos, auch wenn nicht so recht ersichtlich war ob noch mit dem giadianischen Imperium oder doch nur mit der Legion, aber in der gesamten Hauptstadt, die ihnen als letzte Zuflucht geblieben war und gerade hier im ersten Distrikt merkte man davon so gut wie gar nichts. Man sah viele Uniformen, das ja, aber es waren allesamt die republikblauen Ausgehuniformen für Paraden oder andere offizielle Anlässe. Auf Optik getrimmt, nicht auf Funktionalität und Haltbarkeit. Alleine die Vorstellung in dieser alles andere als tarnenden Kleidung in einem Schützenloch aus zu harren oder die Frauen in der Armee in ihren knappen Miniröcken durch den Dreck voran kriechen zu lassen war geradezu lächerlich. Im Gegensatz zu ihm trugen die meisten auch längst nicht mehr vorschriftsmäßig ihre Dienstwaffe am Mann, wie es die ständige Einsatzbereitschaft vorschrieb. Vom Training mal ganz zu schweigen, zumindest konnte er sich nicht daran erinnern, wann das letzte mal ein Marsch, eine Schießübung oder gar ein Überlebenstraining im Freien angesetzt gewesen war. Sie lebten im Krieg und irgendwie doch nicht, sie hatten diesen vor den Mauern von Gran Mur ausgesperrt und bauten darauf, dass dies auf ewig so bleiben würde. Da waren keine Bomben- oder Raketenalarme, es gab weder Rationierungen noch Ausgangssperren und die Minenfelder und nicht zuletzt die Processors hielten die Legion soweit auf Abstand, dass man nicht mal mit dem Fernglas auch nur den Hauch einer Chance hatte einen Blick auf so etwas wie ein Kampfgeschehen werfen zu können. Wären da nicht die nächtlichen Scheinwerfer und die sich immer wiederholenden Mahnungen von Politikern und Militärs, dass man wachsam sein und auch nur Verdachtsfälle von Spionage, Defätismus oder Sabotage umgehend melden sollte, man hätte den Krieg glatt vergessen können. Zu nahtlos hatte der Alltag sie wieder eingeholt, zu unbeschwert und teils schon dekadent ging das Leben weiter. Sein Blick ging zu einem Pantomimen, der an einer Straßenecke sein Programm aufführte und der kleinen Traube aus Eltern mit ihrem Nachwuchs, der ihn mit großen Kinderaugen begeistert anstarrte.
Das sollte Krieg sein? Sah so Krieg aus? War das in irgendeiner Form vergleichbar mit dem ersten Kriegsjahr mit Millionen von Toten und Heerscharen von Geflüchteten, die in die Hauptstadt strömten? Er konnte es ihnen nicht nachsehen, dass sie das vergessen wollten. Dass sie es scheinbar aber tatsächlich vergessen hatten, das schon. Als wären all das, die Verluste, die Opfer, nie geschehen, nur ein böser Traum, aus dem sie erwacht waren. Er dachte an seine Eltern und seine Frau. An die unpersönlichen, maschinellen Kondolenzschreiben. Wir bedauern, ihnen mitteilen zu müssen, dass hier x-beliebigen Dienstgrad und Namen eintragen am hier möglichst genaues Datum eintragen, falls nicht bekannt, schätzen, das höchste aller Opfer erbracht hat und für unsere geliebte Republik gegen die imperiale Aggression auf dem Schlachtfeld in den Heldentod gegangen. Hier irgendwelche Floskeln einfügen, war seinen oder ihren Kameraden stets ein leuchtendes Vorbild, gab uns Mut und Kraft in diesen schweren Zeiten, hat tapfer gekämpft und sich heroisch für seine oder ihre Einheit aufgeopfert, solche Plattitüden halt. Hochachtungsvoll, irgendein Brigade-Arsch, der den Wisch nicht mal gelesen, sondern nur zusammen mit einem Dutzend oder auch hundert weiteren einfach unterschrieben hatte. Kannte man eines, kannte man sie alle. Aber vielleicht war das auch nur die Schuld der Überlebenden, die ihn gerade plagte. Man fragte sich, warum man selbst überlebt hatte und nicht die anderen. Gründe gab es immer. Familienvater, besserer Mensch, jünger, was auch immer. Sein Blick ging gen Elena, wie ihr Blick von den Gebäudefassaden hinüber zu ihm wanderte und sie ihm ein warmes Lächeln schenkte, das sein Herz schneller schlagen ließ. Vielleicht plagte ihn gerade auch nur das schlechte Gewissen, weil er nicht so recht wusste, was seine Frau davon halten mochte, dass sie beide eine Beziehung miteinander führten. Nun, streng genommen wusste er es doch, es war nicht so, als wäre das Thema nie zur Sprache gekommen. So naiv waren sie beide nicht gewesen, dass ihnen die Möglichkeit nie in den Sinn gekommen wäre. Sie hatten beide nicht gewollt, dass der andere im Fall der Fälle für den Rest des Lebens einsam und in Trauer bleiben sollte, dennoch, wenn seine Frau sie beide jetzt sehen konnte, ob sie dann wohl eifersüchtig auf Elena wäre?
"Was schaust Du so schwermütig aus der Wäsche?", fragte Elena besorgt.
"Nichts, ich, ich hänge gerade einfach nur ein paar Gedanken nach."
"Hm. Du weißt, dass Du mir nichts beweisen musst, oder?"
"Was meinst Du?"
"Na das alles hier. Versteh' mich nicht falsch, ich finde es wirklich süß, dass Du das hier mir zuliebe in Kauf nimmst, aber ich möchte auch nicht, dass Du Dich zwingst, Dich hier durch zu quälen. Ich weiß, dass das nicht Deine Welt ist und Jean." Ihr Blick ging zu dem Fenster hinter dem der Tanzlehrer am Grammophon saß und völlig verzückt der Musik lauschte, die er schwungvoll mitdirigierte und deren Klänge sie hier draußen durch die geöffneten Balkontüren nur leise erreichte. "Sagen wir einfach, dass er nicht unbedingt die Sorte von Mann ist, mit der Du Dich sonst so umgibst."
Sein Blick ging ebenfalls zu Jean und unwillkürlich stellte er sich ihn in einer Jeans vor, mit dem Shirt und der Kappe wie sie Fans bei Spielen ihrer Lieblingsmannschaften trugen und mit robusten Arbeitsstiefeln statt Lackschuhen. Dazu ein verblasstes Tattoo auf dem Oberarm. Er konnte nicht anders, er musste loslachen. Ja, sie hatte wohl recht. Zu den eher einfachen Arbeitern und niederen Dienstgraden, die mit ihm zusammen im 30. Distrikt und denen mit den noch höheren Kennzahlen lebten. Dort hätte Jean alleine schon als Celena aus der Masse herausgestochen, aber in der Aufmachung? Beruf Tanzlehrer? Er würde so gnadenlos untergehen zwischen all den, nun, er würde wohl Proleten sagen.
"Ich mache das hier nicht für Dich, sondern für uns. Und solange Du an meiner Seite bist und wir Zeit miteinander verbringen können ist es auch keine Qual. Nur lass mich bitte nicht mit ihm alleine."
Ihr Lächeln wurde noch etwas breiter. "Gute Antwort."
"Blindes Huhn findet auch mal ein Korn.", erwiderte er halb scherzhaft. Sie mussten beide lachen. Der Blick, den sie ihm dabei zuwarf, als wollte sie ihm noch etwas sagen. Etwas wichtiges. Er zog sie für einen kurzen Kuss an sich heran. "Ich liebe Dich auch."
Sie lächelte scheu und ihr Blick blieb etwas unsicher. Ganz so als wäre da noch etwas, aber sie sah nur hektisch zu Jean zurück.
"Ich denke wir haben lange genug überzogen. Lassen wir den Maestro nicht länger warten."

Das kleinwüchsige Mädchen mit den silberblauen Haaren nahm Anlauf und sprang viel zu früh ab, aber selbst wenn sie den Zeitpunkt besser gewählt hätte war ersichtlich, dass sie das hoch hängende Kletterseil immer noch um zehn, vielleicht auch zwanzig Zentimeter verfehlen würde. Donnernd klatschte sie gegen die steile Holzkletterwand, rutschte daran herunter und blieb im Morast sitzen, während über und links von ihr andere die Seile zu fassen bekamen und sich an diesen empor hangelten und hinter ihr einige in Gelächter ausbrachen. Ich trat an sie heran, ging neben ihr in die Hocke.
"Wie ist Dein Name?", fragte ich so ruhig wie womöglich.
"Mila.", antwortete sie schluchzend.
"Nicht der. Wie lautet Dein Einsatzname, Rekrutin?"
Sie sah mich mit ihren schwarzen, verweinten Augen an und wischte sich mit dem Ärmel über Augen und Nase. Über uns erklang der Hall schwerer Stiefel, die sich wuchtig gegen die Wand stemmten und die dazugehörige Jungenstimme. "Oh die Silberfüchsin weint. Keine Sorge, Dein Janosch wird Dich schon heute Nacht trösten.", höhnte die mir mittlerweile von Claas vertraute Stimme, die Mila zusammen zucken ließ.
"Bah. Möchte mal wissen, was er an der findet. Steht der auf silberne Muschis oder was ist sein Problem?", schnaufte sein Nebenmann verächtlich, während beide die Wand erklommen.
"Sieh es mal so, näher daran die Alba mal so richtig schön zu ficken kommst Du hier draußen nicht." Beide lachten, schwangen sich oben angelangt auf die andere Seite und machten sich an den Abstieg.
"So gesehen sollten wir vielleicht alle mal drüber rutschen, um sie wieder aufzumuntern?"
"Lass mal, die Zwergin ist genau die richtige für Janosch und seinen Micropimmel. Wir anderen würden uns an der nur wund stoßen."
Abermals lachten beide auf. Der linke Junge klopfte Claas anerkennend auf die Schulter, fing sich dafür aber einen Hieb in die Nierengegend ein, der ihn wieder auf Abstand gehen und sich die Seite halten ließ. Mir fiel auf, dass der Schlag zwar nicht mit voller Kraft erfolgte, aber auch alles andere als ein freundschaftlicher Knuffer war, wie die typischen Rangeleien unter Jungs, gerade unter den unsicheren, mit denen diese irgendwas zwischen Zuneigung und Machtkämpfen ausdrücken wollten wie Geschwisterwölfe innerhalb eines Rudels, die geschwisterlich verspielt miteinander rauften, gleichzeitig so aber auch ihren Platz in der Rangfolge des Rudels verteidigten. Ich unterdrückte den Drang beiden je eine Ladung Kaliber 12 Schrotkugeln in ihre Ärsche und danach eine zweite in ihre erfahrungsgemäß nicht halb so prächtigen, wie sie selbst von sich dachten, Schwänze zu jagen und wandte mich wieder Mila zu.
"Ignorier die Versager. Ich habe Dir eine Frage gestellt. Wie lautet Dein Name?"
"Silberfüchsin.", murmelte sie leise, sich die letzten Tränen wegwischend.
"Das habe ich nicht gehört. Lauter."
"Silberfüchsin.", sagte sie in Zimmerlautstärke.
"Lauter!", bellte ich sie an.
"Ich bin die Silberfüchsin!", schrie sie mir wütend so laut entgegen, dass einige Tropfen ihres Speichels mir dabei ins Gesicht flogen. Dass ich dabei meine Miene verzog war ein Reflex, auf den ich gerne an der Stelle verzichtet hätte. Sie erschrak und rutschte ein Stück weit rückwärts vor mir weg. Ich fuhr mir einmal mit dem Ärmel über beide Wangen, dann sah ich sie wieder an.
"Warum?", fragte ich wieder in normaler Lautstärke. "Weil sie Dich so nennen?"
Sie zuckte mit den Schultern. "Trotz. Vermutlich."
"Nur vermutlich?"
Ich musterte sie erneut, aber dieses mal hielt sie meinem Blick herausfordernd stand.
"Vor allem aus Trotz.", beschied sie.
"Ist ein guter, starker Name.", entgegnete ich mit einem anerkennenden Nicken. Sie sah mich fragend oder auch zweifelnd an, so genau konnte ich das nicht sagen. Ich seufzte einmal leise, dann holte ich etwas aus. "Mein Volk ist polytheistisch, weißt Du? Das bedeutet, dass wir mehrere Gottheiten haben. Da wären erst mal die beiden Hauptgottheiten, der Gottvater des Tages und die Gottmutter der Nacht, dazu ihre vier Töchter der Himmelsrichtungen und Elemente und dazu drei Tiergottheiten." Ich zählte an den Fingern ab. "Den Bärengott der Krieger, der Jäger und der Räuber, die Schwanengöttin der Liebenden, der Kinder und der Gäste und den Fuchsgott der Händler, der Reisenden und der Diebe. Alle drei kabbeln sich gerne mal darum wer von ihnen wohl der Mächtigste ist. Für den Bärengott ist die Sache einfach, er ist der größte und der stärkste von den dreien. Die Schwanengöttin wiederum sagt, dass die Liebe die stärkste Kraft der Welt ist und auch der größte Bär an Wildheit und Kampfeslust nicht an die Bärenmutter heran ragt, die ihre Jungen verteidigt. Gemessen daran wirkt der Fuchsgott doch eher klein und schmächtig, aber was ihm an Größe und Kraft fehlt, das gleicht er mit Köpfchen aus. Die anderen beiden haben ein Ziel vor Augen oder auch eine Motivation, er indes ist der, der einen Plan hat, derjenige, der schlauer ist, als sie beide zusammen. Er stürmt nicht kopflos vor, sondern wartet geduldig den besten Moment ab und wenn die Chancen gegen ihn stehen, dann verändert er das Blatt zu seinen Gunsten." Ich klopfte zwei mal mit der Faust gegen die Kletterwand. "Bei der Wand hier gibt es einen Trick. Schau mich an, ich bin was, vielleicht zwei Zentimeter größer als Du? Trotzdem habe ich die Ausbildung geschafft. Willst Du wissen wie?"
Sie nickte zögerlich. Ich erhob mich, lehnte mich rücklings gegen die Wand, verschränkte die Hände ineinander und ließ diese baumeln. "So und jetzt hoch mit Dir." Ihr Blick ging zögerlich an mir empor. Auch die anderen hatten mittlerweile inne gehalten und sahen zu uns beiden. "Ihr versucht Euch alle hier immer noch einzeln durch zu wurschteln und genau deshalb stoßt ihr hier immer wieder auf Hindernisse, die Euch alleine überfordern. Zu hoch, zu schwer, zu stark. Die Alba bilden hier aber keine Einzelkämpfer aus, sondern Einheiten, ihr bekommt hier auch Punkte und Punktabzug dafür wie gut oder schlecht ihr mit den anderen zusammenarbeitet. So haben wir es seinerzeit lebend hier wieder heraus geschafft. Die Großen helfen den Kleinen, die Starken den Schwachen, die Klugen den Dummköpfen. Ich sehe hier viel Potenzial, aber ihr nutzt es nicht. So, genug geschäkert, die Wand erklimmt sich nicht von alleine. Mit Volldampf da rauf, Silberfüchsin."
Ihr Blick ging an der Kletterwand empor.
"Keine Sorge.", fuhr ihr seufzend fort. "Sieht von hier unten beängstigender aus, als es ist. Alles eine Frage der Perspektive. Außerdem, Angst zu haben ist nichts schlechtes. Mut ist nicht nie Angst zu verspüren, sondern dann wenn es drauf ankommt seine Angst überwinden zu können. Nur die, die nichts haben, das sie nicht verlieren möchten haben keine Angst. Oder belügen sich selbst. Ich würde nie an der Seite von so jemandem kämpfen wollen. Die bringen Dich, Deine Einheit und nicht zuletzt sich selbst unnötig in Gefahr. Also los, nur Mut."
"Tut Dir das nicht weh?", fragte sie verunsichert, mich abermals von Kopf bis Fuß musternd und ich musste schmunzeln.
"An einer Räuberleiter ist noch niemand gestorben und wenn es Dich beruhigt, ich trage Handschuhe, Splitterschutzweste und Helm. Wäre schön, wenn Du es vermeiden könntest, mir Dein Knie ins Gesicht zu rammen, aber ansonsten bin ich gut gepanzert. So und jetzt ist es langsam mal gut mit den Ausreden, ich will Dich klettern sehen."

Am Abend saßen wir wieder gemeinsam am Lagerfeuer. Wir rösteten Kartoffeln und einen zähen Teig, den Steph angerührt hatte, an kleinen Stöcken über dem Feuer und tauschten unsere Eindrücke des Tages aus, wer was in unseren Augen gut gemacht hatte und wem wo noch unter die Arme gegriffen werden musste. Steph hatte mich an einem Punkt für ein privates Gespräch beiseite gezogen, um mich daran zu erinnern, dass wir es langsam angehen sollten. Wir fünf waren einfach schon zu sehr an den Tod gewöhnt. In den zwei Jahren hatten wir so manchen Kameraden fallen sehen, manche, die wir kaum kannten und es später bereuten, andere die wir nur zu gut kannten und noch immer vermissten. Die Rekruten indes war dies noch fremd, aber so frisch wie sie aus den Lagern kamen waren kannten sie im Gegenzug auch nicht das Gefühl, wie es sich anfühlt, als Ausgleich ein Leben zu haben. Mochten wir auch hier draußen gefangen sein, was wir daraus machten, lag allein in unserer Hand. Sie war mein Leben und ich das ihre und solange wir einander hatten hatte die Legion für uns beide den Großteil ihres Schreckens verloren. Wir kämpften nicht, um die Alba zu beschützen, sondern einander und diejenigen, die uns am Herzen lagen. Dass wir so auch die Hauptstadt mit beschützten war nur ein Nebeneffekt, auf den wir vermutlich verzichtet hätten, wenn wir die Wahl gehabt hätten. Schwer zu sagen und kein Thema, das irgendwer von uns gerne anschnitt. In einer derart großen Stadt konnten nicht nur schlechte Menschen leben. Aber waren die wenigen Guten es wert, unsere Leben mit für die der Bösen zu geben? Ich für meinen Teil wusste es nicht und offen gestanden war der Abend viel zu schön und entspannt, um mir mal wieder über der Frage den Kopf zu zerbrechen und ihr selbst stand auch nicht der Sinn danach.
Unterm Strich war damit alles so wie an den Tagen zuvor auch, nur mit dem Unterschied, dass wir nicht allein waren. Wie schon an den Tagen zuvor hatten uns einige der Jüngeren belauscht, was von mir aber auch genau so mit einkalkuliert war. Von den Ausbildern hier waren sie wohl genau wie wir vor allem angeschrien und zur Schnecke gemacht worden, von der Sechsergruppe verhöhnt und gedemütigt, daher waren wir bemüht selbst Kritik an ihren Leistungen noch irgendwie in ein kleines Lob zu verpacken. Dass sie es schon noch schaffen werden, dass sie den notwendigen Biss haben, so was in der Art. Zuckerbrot und Peitsche, wo sie bisher nur die Knute gekannt hatten. Einem Teil von mir widerstrebte es sie so plump zu manipulieren, aber es war nun einmal der schnellste Weg und immerhin hatte ich es zu verantworten, dass wir die sechs nicht einfach an die Wand gestellt und mit dem Rest weiter gearbeitet hatten. Dass ich den Dingen ihren Lauf ließ bedeutete nicht, dass ich irgendwas daran befürwortete, im Gegenteil, ich verachtete jeden einzelnen von ihnen ebenso sehr wie die anderen vier von uns. Eben darum, wenn wir die Zustände hier schon in die Länge zogen, so wollten wir diese dennoch so kurz wie irgend möglich halten und der Abend schien uns recht zu geben. Nachdem die ersten, angelockt vom Duft von frisch gebackenem Stockbrot, das wir ihnen freimütig anboten, sich vorsichtig näher gewagt hatten, kam nach und nach auch der Rest von ihnen, bis es am Lagerfeuer richtig kuschelig war und das ist nicht nur so dahergesagt. Wir saßen dicht an dicht, manche umschlungen, manche auf dem Schoß der anderen oder mit dem Kopf darin, wieder andere hatten es sich zwischen den Beinen des Hintermannes oder der Hinterfrau gemütlich gemacht. Man konnte deutlich sehen, dass den wenigen Jungs in der Runde so viel Nähe dann doch eher unangenehm war oder nun zumindest war diese für sie wohl ungewohnt, aber noch weiter als eh schon konnten wir die Baumstämme nicht vom Feuer entfernen, andernfalls hätte es uns allen überhaupt keine Wärme mehr gespendet und jedes mal aufstehen zu müssen, um einen Stock zu wenden, wäre ja auch lästig geworden. Da mussten sie jetzt durch.
Stitch und die anderen waren uns per Para-RAID zugeschaltet, was das Stimmgewirr noch etwas chaotischer machte, da die Rekrutinnen nicht wissen konnten wann wer aus der Einheit das Wort ergriff und was sie zu sagen hatten, aber wie sie betont hatten war es im Stützpunkt ohne die Musik der Zwillingsschwestern und, ihre Worte, das Paar von denen immer eine gerade etwas ausheckte, ziemlich langweilig geworden. Zwar hatten unsere beiden Musikerinnen vor ihrer Abreise eine Kassette mit ihren bekanntesten Stücken aufgenommen, die im Nest wohl auch rauf und runter lief, das sei aber, da waren sich alle einig, einfach nicht dasselbe. Nun, sie alle wussten noch immer nur zu gut, wie sie die beiden dazu bringen konnten, doch noch die Laute aus dem Barrett zu holen. Was ja irgendwie auch zu der Lagerfeuerstimmung gerade passte, auch wenn man den großen, neugierigen Augen überdeutlich ansehen konnte, dass sie so etwas wie Musik weder von den Arbeitslagern her kannten, noch an einem Ort wie diesem erwartet hatten.
"Das hier ist ein etwas älteres Stück.", setzte Yeyana an, die für gewöhnlich den Hauptteil des Gesangsparts übernahm, während ihre Schwester sie auf der Gitarre begleitete und den Hintergrundgesang übernahm. "Womit wir auch auf die Frage von Witchcraft und Misty von vorhin zurückkommen wollen."
Yayena sah zu den beiden. "Ihr wolltet wissen, warum wir uns das Ganze überhaupt antun, statt einfach zu desertieren, uns irgendwo im Distrikt zu verstecken und die Alba ihre Kämpfe selbst austragen lassen."
Die beiden Angesprochenen nickten ein mal und auch in den Gesichtern der anderen um mich herum konnte ich Zustimmung lesen. Ganz unschuldig waren wir nicht daran, immerhin hatten wir angedeutet oder auch offen angesprochen, dass wir dort draußen auch Einsätze zu Fuß durchführten und in einer verwinkelten Stadt ein einzelner Kampfläufer gegenüber einem motivierten Infanteristen mit einer Panzerfaust oder einer Panzerbüchse nicht unbedingt im Vorteil war. Der Infanterist war nicht an den Boden gebunden, sondern konnte auch aus oberen Stockwerken und von Dächern aus Hinterhalte legen und war im Gegensatz zu einem Feldreß nicht mittels Radar aufzuspüren. Dass die mobilen Ameisen-Einheiten mit hochauflösenden Wärmebildkameras ausgestattet waren und genau wie unsere Juggernauts klettern und springen konnten und es eher selten vorkam, dass die Legion nicht in Massen aufmarschierte und somit ein einzelner Processor, gleich wie gut ausgerüstet und trainiert er sein mochte, gut beraten war, sich zu verstecken und einen Schwarm vorüberziehen zu lassen, verschwiegen wir dabei. Abgesessen kämpften wir nur aus zwei Gründen: Entweder als Plündereinsatz zur Materialbeschaffung, bei dem wir Gebäude, in denen wir aufgrund ihrer Trägheit mit unseren Juggernauts gegenüber den Minen tatsächlich im Nachteil wären, zumal die wenigsten Gebäude darauf ausgelegt waren, dass sich Kampfläufer durch ihre Flure quetschen konnten. Oder wir waren unmotorisiert, weil man uns den Juggernaut unter unserem Hintern weg geschossen oder dieser den Geist aufgegeben hatte, wobei letzteres häufiger vorkam, als uns lieb war. Die Gelenke waren einfach nicht auf die Belastungen während eines Feuergefechts mit abrupten Stellungs- und Höhenwechseln ausgelegt. Völlige Fehlkonstruktion, wenn ihr mich fragt.
"Augenblick, bevor wir zum gemütlichen Teil übergehen. Wie verliefen die Schießübungen heute?", gab ich die Spielverderberin. Dass ich fragte bedeutete, dass es um die Übungen mit den Juggernauts ging. Wir legten ein ziemliches Tempo vor, normalerweise standen diese erst im dritten Ausbildungsmonat auf dem Plan, während es im zweiten vor allem um die Bedienung und Handhabung der Juggernauts ging, aber wir waren hier, um ganz früh die Spreu vom Weizen zu trennen. Das was sie hier an Bewegungsmustern lernten taugte im Einsatz eh nicht viel, dort galt es, den einzigen Vorteil der Juggernauts, ihre hohe Wendigkeit bei hohen Geschwindigkeiten, voll aus zu nutzen, Deckung und erhöhte Positionen ebenso schnell einnehmen, wie wieder verlassen zu können und ganz grundsätzlich die Legion an ihren verchromten Nasen herum zu führen. Hier dagegen lehrte man sie offene Feldschlachten in Formation zu führen, was mit der sicherste Weg war, sich gegen einen in Anzahl, Feuerkraft, Aufklärung und Unterstützung überlegenen Feind eine blutige Nase zu holen. Sie hatten die stärkeren Geschütze, die dickere Panzerung, ihr Radar hatte eine größere Reichweite und auch wenn wir mittlerweile auf Mörser zurückgreifen konnten, die Legion musste dafür nicht erst bei ihren Kommandanten und Offizieren um Erlaubnis betteln. Wenn wir in Schussweite ihrer Skorpionartillerie und in Sichtweite ihrer Ameisenspäher waren, dann hatte es extra für uns noch immer Granaten geregnet.
Nazir kratzte sich im Nacken. "Erwartungsgemäß, würde ich sagen. Fürs erste mal schon ganz gut, aber frag uns in einer Woche noch mal, dann kann ich Dir genaueres sagen, zumal wir bisher nur MG geschossen haben. Die 57er kommen übermorgen dran. Bisher kann ich daher nur sagen, dass Elysium, Vanguard und Witchcraft ein gutes Auge und eine ruhige Hand haben, bei allen anderen möchte ich erst sehen, wie sie sich im Laufe der Woche machen."
Er sah zu Yayena und Yeyana, die ihm beipflichtend zunickten. "Sehen wir auch so."
"Na schön, wir haben ja noch drei Wochen. Ich würde trotzdem gerne Nägel mit Köpfen machen. Wie sieht es bei Euch dreien aus, habt ihr hier Familie, Liebhaber, Freunde ohne die ihr nicht gehen könnt?"
Elysium schüttelte den Kopf. "Meinen Bruder Sentinel.", hob Vanguard an.
"Dazu kann ich etwas sagen.", warf Steph mit Blick zu mir ein. "Über seine Leistungen am Steuerknüppel weiß ich nichts, aber mit Sturmgewehren ist er sehr treffsicher. Der könnte was für uns beide sein."
"Das alleine reicht nicht, wir sind immer noch eine Feldreß-Schwadron. Denkst Du er hat die notwendige Aggressivität für einen der Sturmzüge?", dämpfte ich die Erwartungen.
"Ich weiß nicht ob wir die Richtigen sind, um das zu beurteilen.", hob Yayena an.
"Aber er scheint Spaß dran zu haben die Grenzen seiner Maschine aus zu testen.", vervollständigte Yeyana ihren Satz.
Alle fünf sahen wir zu dem schlacksigen, hellblonden Veridia-Jüngling mit den für sein Volk charakteristischen grünen Augen, der entschuldigend lächelnd vage mit den Schultern zuckte. "Möchte halt wissen, worauf ich mich einlasse und was mein Pferdchen unter der Haube hat."
"Auf eine Bombe auf vier Beinen, wenn ein Schuss die MG-Munition oder die Energiezellen trifft, aber gut. Neugierde ist gut, mit dem Standardvorgehen, das ihr hier von den Ausbildern lernt, werden die Juggernauts da draußen für Euch ziemlich schnell nicht nur sprichwörtlich zu Eurem Sarg." Mein Blick ging zu einer mittelgroßen, naturgelockten Blondine mit ovaler, goldgelber Iris, die sie oder zumindest einen Teil von ihr als Topaz kennzeichneten, jener Untergruppe des Auratavolkes, das für seine an Katzen erinnernden Augen und einen ebenso launischen Charakter bekannt war. Nun ja, verglichen mit den Beryl wie Priestess, die ebenfalls zu dieser Bevölkerungsgruppe gehörten, war das noch ein einfaches Los. "Wie steht es mit Dir?"
Sie schüttelte den Kopf. "Ich bin frei. Wenn das mein Weg hier raus ist, dann sage ich ganz sicher nicht Nein."
Mein Blick ging zu dem untersetzten Topaz-Jungen an ihrer Seite, der seinen Arm um sie gelegt hatte. Angel, eigentlich Guardian Angel, aber der Hinweis, dass das vom Klang her sehr nahe an Giadian Angel war, hatte ihn das noch mal überdenken lassen. Zuvor kannte man die beiden hier als Mara und Jannek. Mara hatte ich für die Sturmzüge im Hinterkopf. Wenn sie sich mit den sechs hier anlegte, dann würde sie dort wohl auch hinein passen, aber die Zwillinge hatten recht, wenn sie mit dem Hauptgeschütz so treffsicher war wie mit den MGs, dann wäre das Verschwendung. An Jannek dagegen erschien mir alles durchschnittlich, auch seine Leistungen beim Sport und Pistolenschießen, aber gut, er hatte ja noch etwas Zeit, sich zu mausern. Zumal dasselbe, was für Mara galt, auch auf ihn zutraf. Mir selbst schien er nicht allzu aggressiv zu sein, aber das war die Schwanengöttin ja auch nicht, bis es um ihre Schutzbefohlenen ging, dann stand sie in Kampfes- und Mordlust dem Bärengott in nichts nach. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich sein Blick kurz verfinsterte, ehe er sich wieder fing und ihr versicherte, dass sie es ganz gewiss schaffen würde. Ich musste schmunzeln. Hatte wohl mit einer anderen Antwort gerechnet. Nun, das kam vor, dass zwei die Beziehung, die sie zueinander hatten, unterschiedlich bewerteten.
"Ist ja alles schön und gut.", erklang Mareikes Stimme maulig in den Köpfen von uns fünf übers Para-RAID, "Aber amüsanter wird es hier dadurch auch nicht. Jetzt lasst uns nicht noch mal betteln, sondern spielt endlich was!"
"Au ja!", rief Anna begeistert.
"Bittö!", quengelte Kristina.
"Wir beide würden uns auch freuen und Sophie sicherlich auch, wenn sie Euch hören kann.", pflichtete Anjoscha bei.
"Also wenn ihr meiner Frau den Wunsch abschlagt und sie den ganzen Abend mit dieser Sauertopfmiene herumläuft, dann komme ich zu Euch raus und trete Euch in den Arsch!", witzelte Conny halbernst.
"Wortwahl!", tadelte Steph ihn, was ihr einige fragende Blicke aus der Runde einbrachte, die die Unterhaltung nicht mitverfolgen konnten.
"Ins verlängerte Rückenmark?"
"Besser!"
"Wir haben würden es auch gerne hören.", sagte Roj stellvertretend für seine Schwester mit.
"Wir wurden gerade mit Nachdruck gebeten doch endlich zum gemütlichen Teil überzugehen.", meinte Yeyana erklärend in die Runde, während ihre Schwester die Gitarre kurz nachstimmte.
"Um auf die Frage nach dem Warum zurück zu kommen.", nahm ihre Schwester den Faden auf. "Vielleicht hilft dies ja es zu begreifen. Für Euch heute live aus dem Stützpunkt Kappa: Kleines Stück Heimat im Niemandsland."
Damit begann sie auch schon die leicht zornige Melodie des uns bereits bekannten Klageliedes an zu spielen, von denen die beiden so einige auf Lager hatten, aber in den letzten Monaten nicht gespielt hatten, gleich wie oft wir sie darum gebeten hatten. Vermutlich war das den Rekruten hier schwer zu erklären, warum es uns vor allem traurige und wütend machende Lieder so angetan hatten und wir die negativen Emotionen in uns nicht mit etwas fröhlicherem zu überspielen versuchten. Was wir gelegentlich auch taten, wir feierten viel, gerne und ausschweifend, aber manchmal tat es einfach gut zu spüren, dass da wer anders war, der genau so empfand, wie wir, der genau so viel Trauer und Wut verspürte und in eben diesen Liedern einen Weg fand, beiden freien Lauf zu lassen, statt sie nur immer weiter in sich hinein zu fressen und so sangen wir fünf, aber auch der Rest der Schwadron am anderen Ende der Para-RAID-Verbindung aus voller Brust mit:

In kalten, grauen Arbeitslagern, hässlich wie die Nacht,
Habe ich den Großteil meines Lebens, meiner Kindheit verbracht.
Mauern und Aufseher, den Knüppel rasch zur Hand,
Haben sich bis in alle Ewigkeit in meine Seele gebrannt.
In jungen Jahren dann zum Kämpfen ausgesandt,
In einen Krieg, der nicht der meine, für ein mir fremd geword'nes Land,
Gegen Schatten der Vergangenheit suche ich nach einem frühen Grab,
In einem einzigen Schrotthaufen, einem Aluminiumsarg.

2x Chorus
Nur ein kleines Fleckchen Erde ist mir noch geblieben,
Es ist meine Zuflucht vor der Republik, dem Imperium und ihren Kriegen.
Es ist kaum größer als ein Punkt auf der Karte an der Wand,
Es ist mein kleines Stück Heimat im Niemandsland.

Diese kleine Ortschaft ist das Zentrum meiner Welt,
Für den Moment ist sie die einzige Heimat, die zählt.
Hier finde ich meine Ruhe, wenn die Rastlosigkeit sich regt,
Hier habe ich Freunde gefunden, für die mein Herz mitschlägt.
Hier erblühen die Blumen für die, die nicht mehr unter uns verweilen,
Hier lebe ich unter jenen, die dasselbe Schicksal teilen.
Denn ich weile im 86. Distrikt, bin die Sünde dieser Zeit
Und meine stählernen Scharfrichter stehen allzeit bereit.

2x Chorus

Freunde, Familie, Kameraden an meiner Seite,
Ich habe sie alle bis zum Schluss begleitet.
Manche gingen in Frieden, andere gingen im Streit,
Doch alle gingen sie weit, weit vor ihrer Zeit.
Manchmal, wie ein Flüstern über Para-RAID, wenn Du mit Dir allein bist,
Ermahnen sie mich, dass auch meine Zeit hier nur geliehen ist.

3x Chorus (Canon)


So ging das noch bis tief in die Nacht hindurch weiter, die Zwillinge ließen sich nicht lumpen und gaben so einige Lieder aus ihrem Repertoire zum Besten und auch von den Rekruten, die uns anfangs zwar neugierig, aber vor allem ungläubig angestarrt hatten, stiegen irgendwann die ersten mit ein, begleitet von den irritierten Blicken der Wachsoldaten auf ihren Türmen, die solche Laute wohl noch nie von den 86ern in ihrem Stützpunkt gehört hatten. Kurz wurde es kritisch, als einer der Jungs ans Lagerfeuer kam und Filia mit sich nehmen wollte. Sie machte schon Anstalten mit zu gehen, so dass ich den anderen Vieren mit Blicken zu verstehen geben musste, dass wir uns dort nicht einmischen, was letztendlich aber auch nicht nötig war, da Mara aufstand und ihm sagte, dass sie nicht kommt und er sich selbst einen runterholen könne. Könne er so auch den anderen erzählen, heute würde niemand mit irgendwem mitkommen und eine nach der anderen pflichteten ihr bei. Darauf konnte er nicht wechseln, geradezu versteinert stand er da, bis der erste Stein flog. Kein allzu großer, aber ihm folgten weitere nach, die ihn das Weite suchen ließen. Wir fünf nickten einander zu. Endlich wehrten sie sich. Nicht jede alleine für sich, sondern gemeinsam.

"Hören sie, Oberfähnrich, ich weiß nicht wie oft ich das wiederholen muss, aber sie haben den Falschen."
Der junge Adularia-Offiziersanwärter mit der MP-Armbinde am linken Oberarm auf der anderen Seite des Schreibtischs in der kargen Amtsstube sah kurz von seinem Klemmbrett auf und ihn über dieses hinweg an. "Sind sie Stabsarzt Damian Nemanja, derzeit stationiert im Militärkrankenhaus Herz Magnolia im sechsten Bezirk?", fragte er lapidar.
"Das ist korrekt."
"Dann rede ich mit dem Richtigen.", beschied er knapp und widmete sich wieder seinem Klemmbrett.
Damian raufte sich die Haare. "Und ich versuche ihnen seit nunmehr zwei Tagen verständlich zu machen, dass dem nicht so ist. Ich verstehe mittlerweile nicht einmal mehr, was sie überhaupt von mir wollen."
Der Oberfähnrich, der ihm seinen Namen nicht genannt hatte und auch keinen entsprechenden Aufnäher auf seiner Uniform trug, sah ihn erneut über das Klemmbrett hinweg an, dann wieder darauf. "Ich habe hier ihren Bericht zu dem Verlust von Stabsingenieurin Carla Viscenza vorliegen. Wir haben da noch ein paar Rückfragen. Gehen wir das Ganze doch einfach noch mal von Anfang an durch."
Damian verdrehte die Augen. Zum wievielten mal jetzt in diesen zwei Tagen? Der wievielte von ihnen war das jetzt eigentlich, der ihm die immer gleichen Fragen stellte? Er seufzte langgezogen. Das hier war so sinnlos wie nervenaufreibend. Dass die Militärpolizei nicht locker lassen würde wusste er nur zu gut, aber was sie ausgerechnet von ihm wollten blieb ihm ein Rätsel, war er doch zu dem Zeitpunkt, als Carla verschwand und später fiel noch von einer Gehirnerschütterung bewusstlos. Was sollte er also beizusteuern haben außer dem, was er ihnen ganz sicher nicht unter die Nase reiben würde?
"Also laut diesem Bericht war Stabsingenieurin Viscenza..."
"Frau Stabsingenieurin.", fiel er ihm ins Wort. So viel Zeit muss sein und wenn sie hier schon die seine verschwendeten, dann sollten sie wenigstens selbst genau so wenig Freude daran haben.
"... Frau Stabsingenieurin die leitende Offizierin des Einsatzes, ist das korrekt?"
"Das ist korrekt. Das gesamte Projekt war ihre Idee."
"Wie sind sie zu dem Projekt gelangt?"
"Habe wie alle Krankenhausärzte eine Mail dazu erhalten, dass entsprechendes Personal gesucht wurde."
"Wann?"
"Keine Ahnung, schauen sie auf den Datumstempel."
Der Oberfähnrich hob den Blick abermals kurz missbilligend an. "Von wem?"
"Wenn ich mich recht entsinne von Frau Stabsingenieurin selbst."
Er blätterte ein mal um und nickte. "Ist korrekt. Wie kam es, dass sie sich gemeldet haben? Gesucht wurde ausdrücklich ein Neurowissenschaftler, sie sind Allgemeinmediziner mit Fortbildungen im Bereich Traumatologie."
"Wenn sie die Mails von Frau Stabsingenieurin durchgehen, werden sie feststellen, dass diese nachdem sich niemand gemeldet hatte den Kreis erweitert hatte. Ein Neurologe oder Neurochirurg wäre immer noch ihre erste Wahl gewesen, aber letztendlich musste sie sich dann mit mir begnügen, weil kein anderer Arzt verrückt genug war sich in den 86. Distrikt begeben zu wollen. Zumal neurologische Traumata mit zu meinem Fachgebiet gehören und wir keine Forschung an Heilmethoden entwickeln wollten. Jemand, der den bestehenden Schaden korrekt einschätzen und weitere Schäden vermeiden konnte genügte ihren Anforderungen völlig."
"Sie erwähnten, dass sich niemand anders gemeldet hatte, sie hingegen schon. Woher kam ihre Motivation, wenn ich fragen darf?"
"Wenn ich Nein sage, fragen sie ja dennoch weiter. Was soll das also?"
"Das ist korrekt und reines Taktgefühl.", erwiderte der Oberfähnrich mit einer anhaltenden Gleichgültigkeit, die Damian langsam aber sicher auf die Palme trieb. Dennoch konnte er es sich nicht leisten, sich provozieren zu lassen. Die Militärpolizei war zweifellos auf der Suche nach einem Schuldigen und alle 86er in einer Meile Umkreis zum Geschehen waren in Feuergefechte verwickelt gewesen und somit wohl kaum verantwortlich zu machen. Da blieb nur er.
"Was soll ich sagen? Was ihr vorschwebte klang faszinierend. Bahnbrechend, geradezu revolutionär. Wenn es denn funktioniert hätte."
"Wenn. Das bedeutet, dass es das nicht funktioniert?"
"Ein einziger Fehlschlag, wie von den übrigen Wissenschaftlern prognostiziert. Ein Mensch-Maschinen-Interface in der Form bleibt derzeit, wie hatte es ihr Universitätsprofessor bezeichnet, reine Science Fiction.", log er so glatt, wie es ihm möglich war. Dass die Legion sehr wohl in der Lage war ein menschliches Gehirn mit einer mobilen Plattform wie einem Grauwolf oder Löwe Kampfläufer zu verbinden, hatten sie zweifelsfrei nachgewiesen, sogar dass es ihnen gelungen war schwer beschädigte Gehirne gefallener Processors zu bergen, zu klonen  und zu verpflanzen. Ihre damalige Arbeitsthese war, dass es eine speziell hierfür konstruierte, noch unbekannte Ernteeinheit geben muss, die nicht in Kampfgeschehen eingreift, aber das waren Details. Wichtig war, dass ein solches Interface durchaus im Rahmen der technischen Möglichkeiten der Legion lag und wahrscheinlich auch im Rahmen der Republik und genau das war das Problem. Warum sich mit widerspenstigen Processors herumplagen, von denen jeder einzelne geheim gehalten werden musste, wenn man diese auch einfach abernten und nur die allernotwendigsten Teile in einen Feldreß verpflanzen konnte? Bisher hielt die Republik den 86ern eher indirekt die Pistole an die Schläfe. Zurück konnten sie nicht, der Weg war vermint und bei Unterschreitung eines Mindestabstands zur Hauptstadt würde deren Artillerie umgehend das Feuer eröffnen. Vor ihnen lag die Legion, sie konnten also nirgendwohin und so wie die Schwadron es ihm erklärt hatte, hielt die Republik sie mit den Energiezellen für die Feldreß an der kurzen Leine. Ohne konnten sie nicht kämpfen und sich damit auch nicht gegen die Legion erwehren. Das war es dann aber auch schon, alles andere, womit die Republik gerne Druck ausgeübt hätte, Strom, Wasser, Nahrung, darum kümmerten sie sich selbst. Bei einer Organverpflanzung indes sah die Sache anders aus. Wenn jetzt die Energiezellen ausblieben, dann konnten sie sich immer noch ihre Waffen schnappen, sich verschanzen und versuchen irgendwie zu überleben. Wenn zusammen mit der Energie für den Motor und die Computertechnik aber gleichzeitig die Lebenserhaltung und Temperaturregulierung ausfiel, wenn für die passenden Nährstoffe und Nährlösungen gesorgt werden musste, Dinge, um die sich ihre Körper autonom kümmerten, dann waren die 86er der Republik restlos ausgeliefert. Mal ganz davon abgesehen, dass eine Rückkehr in ein normales Leben nach dem Krieg nicht mehr möglich wäre. Sie würden die Feldreß so lange steuern, bis diese auseinander fielen oder die Republik entschied auch die letzten Spuren ihrer Verbrechen an den 86ern zu beseitigen. Was würden seine Frau und seine Tochter, die eine bei Experimenten im ersten Distrikt, die andere als Processor umgekommen, von ihm denken, wenn er das unterstütze? Er war nicht unbedingt das, was man einen gläubigen Menschen nennen würde, aber daran, dass er die beiden irgendwann wiedersehen würde, daran wollte er glauben und wenn es soweit war, dann wollte er ihnen unter die Augen treten können.
"Nun gut." Der Militärpolizist unterstrich etwas auf seinem Klemmbrett. "Kommen wir noch mal zum Ablauf. Hier steht, dass Stabsingenieurin Viscenza die Steuerung über einen Barrett-Bergepanzer übernahm und mit diesem aus der Gefechtszone fliehen wollte. Dabei ist der Panzer umgekippt und ließ sich nicht wieder aufrichten, sie selbst haben dabei das Bewusstsein verloren und sind erst nach Einstellung der Kampfhandlungen etwa zwanzig Minuten später wieder zu Bewusstsein gelangt. Zu dem Zeitpunkt hatte Frau Stabsingenieurin sich bereits in die Wälder im Nordwesten zurückgezogen, wo wir später ihre Überreste gefunden haben."
"Das ist, soweit mir bekannt, korrekt."
"Können sie mir erklären, weshalb sie das getan hat?"
"Keine Ahnung, da kann ich nur spekulieren."
"Spekulieren sie."
"Wenn ich raten müsste, dann hat sie das Granatenfieber bekommen. Die Zone in der wir uns befanden wurde kurz darauf zum Hauptkampfplatz und diesen Kampf haben wir nur knapp gewonnen. Hätte auch anders ausgehen können. Ich denke sie hat dort zum ersten mal begriffen wie gefährlich es im 86. Distrikt überhaupt ist und ist durchgedreht."
"Hm. Warum ist der Panzer umgekippt?"
"Fehlende Übung. Ich weiß nicht, ob sie mit dem Barrett vertraut sind. Im Grunde ist das nur ein Haufen von Containern auf unelastischen Stummelbeinen. Einmal ins Wanken gebracht hält den nichts mehr."
"Wie standen sie zu diesem Rückzug?"
"Wir waren gleich im Rang, aber sie war mir vorgesetzt. Wenn sie dies für das Beste hielt..." Um eine möglichst gleichgültige Miene bemüht zuckte er mit den Schultern. Dass es zwischen ihnen beiden zu einem Handgemenge gekommen war, wodurch es überhaupt erst zu diesem Unfall gekommen war, verschwieg er weiterhin. Das war etwas, das er der Militärpolizei weder auf die Nase binden, noch erklären wollte.
"Der Barrett führt auch die Ersatzmunition und die Energiezellen für die Juggernauts mit. Hat es ihnen nichts ausgemacht, dass sie auf dem Weg die Schwadron vom Nachschub abschnitten?"
"Ich verstehe die Frage nicht. Ob ich Gewissensbisse deswegen hatte? Das sind doch nur 86er.", log er, nur um rasch nachzuschieben. "Außerdem hat sie die Container mit dem Nachschub abgekoppelt, um genau das nicht zu tun." Auch das war eine Lüge. Zum einen war es ohne die Kranarme gar nicht möglich, die massiven Magazine, jedes etwa 35 kg schwer, einfach so zu bewegen, zum anderen hatte Carla die Schwadron bewusst zurücklassen wollen. Ihr ging es nie darum Gewicht zu sparen, sie wollte sich einfach nur schneller aus dem Staub machen können.
"Hm." Der Oberfähnrich kreiste einen Abschnitt auf seinem Brett ein. "Und sie hat sie einfach zurückgelassen?"
"Mit mir hätte sie es nicht rechtzeitig geschafft. Und die Mission hat Vorrang."
"Verstehe. Ist es korrekt, dass Frau Stabsingenieurin bei der Flucht den Datensatz mit ihren Forschungsergebnissen mit sich geführt hat?"
"Soweit mir bekannt, ja. Sie war die leitende Ingenieurin, da ist es nur natürlich, dass sie immerzu eine Kopie dabei hatte. Zumindest hat sie sich jeden Morgen die aktuellen Daten heruntergeladen, daher vermute ich auch an besagtem Morgen."
"Sie vermuten?"
"Ich habe sie nicht auf Schritt und Tritt begleitet. Wenn sie also wissen wollen welche Farbe ihr Stuhlgang an dem Morgen hatte, dann muss ich sie enttäuschen, ich habe nicht die geringste Ahnung.", erwiderte er hitzig, was ihm einen weiteren missbilligenden Blick und einen kurzen Vermerk auf dem Klemmbrett einbrachte.
"Warum, wenn diese Forschung wie sie sagten, reine Science Fiction war?"
"Kennen sie das, wenn sie sich so dermaßen in was reingesteigert haben, dass es ihnen schwerfällt, davon wieder abzulassen? Dass sie unbedingt beweisen wollen, dass alle anderen sich irren und sie recht haben? Ach was rede ich denn da, natürlich kennen sie das, sonst würden wir beide jetzt doch gar nicht miteinander reden."
Sein gegenüber sah ihn eine ganze Weile lang skeptisch an. "Sie meinen also..." Es klopfte an der Tür. "Nicht jetzt!"
Die Tür wurde dennoch geöffnet. Im Durchgang erschien ein geradezu jugendlich aussehender Fähnrich, der einmal stramm salutierte. "Entschuldigung Herr Oberfähnrich, Befehl vom Major. Es gibt ein Problem im Verhörraum drei. Da sie den Verdächtigen als erster vernommen haben möchte der Herr Major sie dabei haben. Umgehend."
Der Oberfähnrich musterte den Jüngling einige Herzschläge lang feindselig, dann nickte er. "Verstehe. Sagen sie Herrn Major ich sei unterwegs." Damit legte er das Klemmbrett umgedreht auf dem Tisch und sah zu Damian. "Dauert nicht lange."
Damit ließ er ihn dann auch allein in der kargen Stube. Sein Blick fiel auf das Klemmbrett. Gerne hätte er gewusst, was darauf stand, aber sein Bauchgefühl sagte ihm, dass hier unter Garantie irgendwo Kameras waren, dass die ganze Vernehmung nur den Zweck hatte, ihn an diesen Punkt zu führen und sie seine Reaktion abschätzen wollten. Er verschränkte die Arme. Wenn sie Gedulds- und Psychospielchen mit ihm spielen wollten, nur zu. Er war Arzt, er war es gewohnt, dass seine Patienten ihm aus Scham, Schusseligkeit oder Schuldgefühl wichtige Informationen vorenthielten und er sich immer wieder auf eine lange Odysee auf der Suche nach der Wahrheit begeben musste, die nüchtern betrachtet das ganze Getue gar nicht wert war. Genau deswegen gab es schließlich die Schweigepflicht, damit der drogensüchtige Promi oder die sexuell aktive 12jährige ihre Karten ohne Angst vor Konsequenzen vor ihm ausbreiten und er sich die aufwändige Suche nach der Wahrheit ersparen konnte. Geduldsspiele kannte er zu genüge. Sollten sie sich an ihm doch die Zähne ausbeißen.
"Wie lange jetzt schon?", fragte der Major.
Der Oberfähnrich sah auf seine Uhr. "12 Minuten."
"Na wenn er bis jetzt nicht nachgesehen hat, dann wird er es auch nicht mehr. Bringen sie das zu Ende und dann lassen sie ihn gehen. Platzieren sie ein paar Fragen, die nahe legen, ob nicht die Möglichkeit bestünde, dass die Stabsingenieurin zum Feind überlaufen wollte."
"Jawohl. Also ist er unschuldig?"
Der Major lächelte einmal und strich mit dem Daumen über den Bildschirmrand, auf dem aus vier Kamerawinkeln das Vernehmungszimmer mit dem Stabsarzt gezeigt wurde. "Nein, der ist so schuldig wie die Sünde."
"Ich verstehe nicht. Er hat doch nicht nachgesehen?"
"Exakt." Der Major musterte ihn kurz von der Seite. "Es geht nicht darum, was er tut, sondern wann. Alle Menschen sind neugierig, auch ein Unschuldiger hätte nach einigem Zögern wissen wollen, was wir über ihn wissen. Er hätte mit sich gerungen, aber letztendlich doch nachgegeben. So sind Menschen halt. Ein Schuldiger indes hätte sofort die Gunst der Stunde ergriffen oder sich krampfhaft beherrscht und damit gezeigt, dass er etwas verbirgt. Sie müssen hier noch viel lernen, Oberfähnrich."
"Jawohl Herr Major." Sein Blick ging zum Monitor. "Gestatten sie die Frage, aber ist das nicht normal? Hat nicht jeder Mensch Geheimnisse."
"Durchaus. Aber nicht vor uns. Details, Oberfähnrich, Details. Achten sie darauf, es sind immer die Kleinigkeiten, mit denen sie sich verraten."
"Verstehe. Was geschieht jetzt mit ihm?"
"Setzen sie ihn auf die Beobachtungsliste. Wenn sie erst mal angefangen haben kleine Geheimnisse zu haben, kommen bald größere dazu. Das ist wie eine Sucht, einmal damit angefangen, können sie nicht mehr davon loskommen. Ich liebe Süchtige, sie sind so durchschaubar. Und dumm. Gute Arbeit, Oberfähnrich."
"Danke Herr Major."

Das Geschützfeuer der 57mm Glattrohrkanonen keine 100 Meter von unserer Gruppe entfernt war so ohrenbetäubend, dass die Explosionen noch mal 300 Meter weiter dagegen geradezu harmlos wirkten, obwohl wir die Druckwellen noch leicht spüren konnten. Die Gruppe um die Zwillinge schossen scharf auf dieselben massiven Stahlblöcke, auf die wir seinerzeit auch schon geschossen hatten. Lediglich die Frontplatte und die erste Zwischenmembran mussten regelmäßig ausgetauscht werden. Eine Schießbahn weiter führte Nazir eine kleinere Gruppe durch das MG-Schießen auf mittlere Distanz, was nicht zuletzt dank des Zielsystems und der starren Anbringung an den Armen der Juggernauts etwa 500 Meter bedeutete. Für einen einzelnen, abgesessenen Schützen lag diese deutlich darunter, was nicht zuletzt daran lag, dass bereits auf 300 Metern ein zwei Meter hohes Ziel mit bloßem Auge nur noch etwa einen halben Zentimeter an Höhe besaß. Theoretisch konnten die Gewehre auch auf deutlich über 1.000 Metern Unterdrückungsfeuer liefern, man sollte nur nicht erwarten, damit mehr als Glückstreffer landen zu können. Praktisch war bei etwa 800 Metern auch mit der Computerunterstützung der Juggernauts selbst für einen auf den Fernkampf spezialisierten Processor Schluss. Ziele in größerer Entfernung konnten nur mittels des Hauptgeschützes wirkungsvoll bekämpft werden.
Wir hätten für den Nachmittag auch eine Schießbahn weiter abseits haben können, wo uns die Übungen mit den Juggernauts nicht oder zumindest weniger störten, aber genau darum ging es ja. Diese Geräuschkulisse aus explodierenden Granaten und schwerem Dauerfeuer würde sie den Rest ihres verbliebenen Lebens lang begleiten und ich wollte, dass dies auch der letzte von ihnen verstand. Je eher sie das beim Schießen ausblenden und sich nur auf ihren eigenen Schuss konzentrieren konnten, um so höher waren ihre Chancen, zu treffen und damit auch zu überleben. Marginal, sicher, aber jedes bisschen half. Mochte es ihnen vielleicht auch nur einen einzigen Tag mehr erkaufen, aber jeder Tag mehr mit den Menschen, mit denen man wirklich zusammenleben wollte, war unbezahlbar. Entsprechend schwer hatten es die Zwillinge per Para-RAID zu uns beiden durch zu kommen. In einem Juggernaut schottete einen das Cockpit vor dem Großteil des Schlachtenlärms ab, wenn man nicht gerade die eigenen MGs abfeuerte. Da der Sargdeckel, wie wir die Kanzeln der Juggernauts zynisch nannten, nicht vollständig abschlossen, verstand man bei anhaltendem Beschuss sein eigenes Wort nicht. Wenigstens hatten die Para-RAIDs eine Funktion, die die lautesten Geräusche ausblendete, andernfalls wären eine Kommunikation unter Feuer nicht möglich gewesen.
"Rekrutin Hedgehog, was ist..." Stephs Stimme auf der Schießbahn nebenan wurde von dem Donner zweier fast zeitgleich abgefeuerter Geschütze und den fast zeitgleich erklingenden Explosionen unterbrochen. "Die erste Regel im Umgang mit Feuerwaffen?"
"Frau Leutnant: Jede Waffe ist zu behandeln, als wäre sie feuerbereit."
"Und weiter?", kam es geradezu versöhnlich.
"Frau Leutnant: Bis wir uns persönlich vom Gegenteil überzeugt haben."
Erneut erklang Geschützfeuer in der Ferne.
"Exakt. Egal ob diese Waffe sich in Euren Händen befindet oder in denen eines anderen. Eben darum bleiben Eure Finger lang am Abzug, bis ihr etwas anvisiert habt, worauf ihr absoluter Gewissheit schießen wollt.", tadelte sie ruhig. Ich verstand schon, warum sie bei den Rekruten beliebt war. Sie war etwa zwei Jahre älter als wir anderen vier und damit noch mal zwei bis drei Jahre obendrauf vom Durchschnitt der Rekruten entfernt. Nicht alt genug, um in die Mutterrolle zu schlüpfen, auch wenn manche dies wohl in ihr sahen, aber alt genug für die Rolle der großen Schwester und die sanfte Strenge, die sie beim Umgang mit ihnen an den Tag legte, verstärkte dies noch.
"Steph, Kaie, habt ihr eine Minute?", erklang Yayenas Stimme in unseren Köpfen. "Wir haben hier eine Situation auf Schießbahn Nummer Zwei."
Ich war ein bisschen angesäuert, dass sie nicht die Einsatznamen verwendete, aber das bedeutete nur, dass es ernst war. Steph hielt die Rekruten um sich an inne zu halten und antwortete für uns beide. "Sind unterwegs. Treffen wir uns bei Euch, ist eh fast Zeit für einen Wechsel. Hast Du mitgehört, Monarch?"
"Klar und deutlich. Brechen hier ab und treffen uns auf Bahn Zwo."
Steph und ich sammelten die Pistolen und Gewehre ein, entluden diese und schulterten sie, dann machten wir uns auf den Weg, unsere Gruppe im Schlepptau. So wie manche von ihnen sich gegenseitig ansahen hielten wir es noch viel weniger für eine gute Idee, ihnen scharfe Waffen unbeaufsichtigt zu überlassen, als bisher schon, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Ich für meinen Teil erachtete es einfach als zu plump und nicht zielführend. Sie sollten nicht lernen, dass sie sich mit überlegener Feuerkraft gegen Unterdrücker wehren konnten, sondern indem sie zusammenarbeiteten. Zumal wir als Processors einige Freiheiten hatten, verglichen mit den rechtelosen Rekruten. Wir waren weit davon entfernt in den Augen der Ausbilder Menschen zu sein, aber wir waren zumindest so etwas wie kriegswichtige Ressourcen. Das verlieh uns einen gewissen Wert, wohingegen die Rekruten den ihren erst noch unter Beweis stellen mussten. Anders gesagt, solange wir keinen der Alba gefährdeten war es den Ausbildern egal, was wir mit den Rekruten anstellten, so wie ihnen egal war, was die Rekruten sich untereinander antaten. Aber etwas, das die Ausbildung störte oder die Sicherheit des Stützpunktes mit ihren ach so wertvollen Alba gefährdete hätten sie als Aufstand eingestuft und niedergeschlagen. Oder es zumindest versucht. Nein, Schusswaffen waren der falsche Weg.
Aus der Ferne konnten wir Nazirs Gruppe näher kommen sehen. Auf der Schießbahn vor uns wurde noch geschossen. Der Schuss des linken Feldreß wich etwas ab, lag aber noch ganz gut im Ziel, was das metallische Geräusch beim Aufprall hörbar unterstrich. Der Rechte indes verzog deutlich nach links unten und wirbelte bei der Detonation nur Erde und Gestein auf. Und das auf 300 Metern, wo das Ziel auf dem Bordcomputer rund ein Viertel des Bildschirms einnahm und selbst bei den langsamen HESH-Geschossen Wind und Wetter nur etwa 0,3 Sekunden vor dem Einschlag Zeit blieben, um auf die Flugbahn Einfluss zu nehmen. 0,3 Sekunden, das war gemessen am Geschossgewicht praktisch gar nichts und die Schwerkraft glich die Zielsteuerung automatisch aus. Trotzdem so weit zu verfehlen war selbst fürs erste mal grottenschlecht und ließ nichts gutes für Standardentfernungen ab 700 Metern aufwärts erahnen.
Um so überraschter waren wir beide, als die Kanzeln sich öffneten und Mara sich umständlich erhob und sich von Yayena zurück auf den Boden helfen ließ. Als wir sahen warum blieb Steph der Mund offen stehen. Ihr die linke Hand auf die Schulter legend raunte ich ihr gerade laut genug zu, dass die anderen es auch über ihre Para-RAIDs hören konnten: "Ich übernehme ab hier." Für die Rolle der großen, bösen Schwester eignete ich mich einfach besser. Oder des schwarzen Schafs der Familie.
"Witchcraft! ZMZZ!", bellte ich über den nach dem Ausbleiben des Beschusses geradezu gespenstisch ruhigen Schießplatz. Den Tränen nah sah sie mich nur verwirrt an. "Zu mir, zack-zack!"
Geradezu emsig wuselte sie sich durch die anderen hindurch, nur um sich eingesackt wie ein Häufchen Elend vor mir aufzubauen, falls man das überhaupt so nennen konnte. Sie war gut einen Kopf größer als ich, so dass sie in ihren Versuchen, Blickkontakt zu vermeiden, mal nach links, mal nach rechts sah, während ich den Oberkörper entsprechend hin und her wog, um diesen doch immer wieder kurz zu erhaschen, bevor sie wieder beiseite sah. Schließlich wurde es mir zu bunt.
"Sieh mich an.", sagte ich zwar leise, aber mit fester Stimme. Zögerlich wanderten ihre Katzenaugen zu mir, auch wenn mir nicht entging, dass sie diese eher auf mein Kinn oder Hals richtete, als meinen Blick zu erwidern. Abgesehen von einem kurzen, überraschten Aufschrei leistete sie keinen Widerstand, als ich ihre Unterarme griff und soweit anhob, dass ihre eingegipsten Hände und Handgelenke unser beider Blicke kreuzten, was sie den ihren noch weiter senken ließ.
"Du kannst Dich beruhigen. Ich werde nicht fragen wer das war oder was genau geschehen ist. Das weiß ich längst." Ich pausierte gerade lange genug, bis sie mir einen zögerlichen, fragenden Blick zu warf. "Ich will wissen, was Deine drei Fehler waren."
"Meine...?" Mit der Frage hatte sie nicht gerechnet. Einzelne Tränen begannen sich in den Winkeln ihrer verblüfften Augen zu sammeln.
"Liebes?", erklang Stephs Stimme leise übers Para-RAID. "Vielleicht sollte doch ich...?"
Sie übergehend fuhr ich fort. "Dein erster Fehler: Dir ist bekannt, dass Du ein Primärziel bist. Dennoch hast Du es zugelassen, dass man Deiner habhaft wurde. Dein zweiter Fehler und über den solltest Du gut nachdenken: Das konnte nur passieren, weil Du entweder nachlässig warst und Dich zu weit von allen anderen entfernt hast oder weil Dich wer aus der Sicherheit der Gruppe herausgelockt und dann verraten hat." Ich ließ dem Gesagten etwas Zeit zu ihr durchzudringen. "Dein dritter Fehler: Du hast nicht gelernt, wie Du gegen einen größeren und stärkeren Gegner bestehen kannst. Aber keine Sorge, das holen wir jetzt umgehend nach."
Damit ließ ich von ihr ab, trat an Steph heran, reichte ihr die Schrotflinte und die Pistolen, dann schnallte ich Helm, Weste und Beinschutz ab, ließ diese auf den Boden fallen, zog das Kampfmesser und warf es in den sandigen Boden. "Kümmere Dich um sie.", raunte ich ihr zu. Dann lauter: "Alle mal einen Kreis um das Messer herum bilden. Fünf Meter Abstand in alle Richtungen."
Meine Nackenmuskulatur etwas lockernd wartete ich, bis die erste begannen, dem Folge zu leisten und deutete mit dem Zeigefinger auf Claas. "Du nicht. Du bleibst hier."
Er schnaubte einmal amüsiert auf und breitete die Arme aus. "Warum? Ich war das nicht."
"Ist mir scheißegal, ob Du es selbst warst, angeordnet hast oder lediglich das Klima geschaffen hast, bei dem Deine Speichellecker meinten, dass sie damit durchkommen."
"Wortwahl.", tadelte Steph hörbar unglücklich über die Situation, aber auch diesen Kommentar überging ich.
"Wo sind Deine Beweise?", konterte er. Ich lachte trocken auf.
"Beweise? Trage ich eine silberne Perücke und wallende, schwarze Roben oder wieso denkst Du, dass Du hier vor einem Albagericht stehst? Ich brauche keine Beweise, um etwas mit Dir zu klären zu haben." Als ich sah, wie sein Blick hinüber zu den Alba-Ausbildern huschte auf ihren erhöhten Ständen, von denen sie aus das Schießtraining überwachen konnten, grinste ich ihn höhnisch an. "Was ist, willst Du zu Deiner Mami? Die werden Dir nicht helfen, die schließen höchstens Wetten darauf ab, wer von uns beiden hier wieder raus kommt."
"Also ich setze mein Geld auf die halbe Portion mit dem miesen Charakter!", rief uns Hauptmann Uljanov bestätigend und aufmunternd zu. Was die neueren Ausbilder an seiner Seite, die die Wette angesichts des gut einen halben Meter größeren Claas nur zu gerne annahmen, nicht wussten, war, dass er mich noch zu gut aus meiner Ausbildungszeit hier kannte. Die Alba blieben berechenbar. Ein Problem unter den 86ern war ihre Zeit nicht wert und die Aussicht auf einen Kampf bot zumindest ein wenig Abwechslung in ihrem sonst doch eher eintönigen Alltag.
"Was ist?", forderte ich mein gegenüber heraus. "Jetzt tu nicht so, als hättest Du keine Lust darauf, mir mal so richtig eine zu verpassen."
"Die reißt doch nur das Maul auf." "Zeig's ihr." "Los, die schaffst Du.", kam es anstachelnd von den übrigen sechs seiner Gruppe. Sein Blick ging zu dem Messer im Boden.
"Was sind die Regeln?"
"Nach Art meines Volkes. Keine Einmischungen von irgendwem. Keine Hilfe, keine weiteren Gegenstände. Anfeuern und ausbuhen ist erlaubt. Auf Los geht’s los, alles ist erlaubt, Du kannst kratzen, spucken, fluchen, völlig egal, oh und natürlich kannst Du auch das Messer benutzen, falls Du es zu packen bekommst. Der Kampf dauert bis einer tot ist oder um Gnade winselt. Also wie sieht es aus, tanzen wir einen kleinen Reigen oder willst Du kneifen?" Ich schenkte ihm ein selbstzufriedenes, herausforderndes Lächeln.
Claas sah abermals zu den größeren und stärkeren Jungs im Kreis und breitete die Arme aus. "Was denkt ihr? Werde ich den Schwanz einziehen?"
"Niemals!" "Die erledigst Du mit links!" "Zeig ihr, wer hier das Sagen hat!"
"Was ist?", rief ich ihm zu. "Hast Du Angst? Brauchst Du Zuspruch oder vielleicht einen kleinen Vorteil? Kein Problem." Ich machte zwei Schritte nach hinten, wodurch ich etwa vier Meter vom Messer im Mittelpunkt entfernt war, er hingegen nur drei. Bei seinen längeren Beinen war es somit höchst unwahrscheinlich, dass ich es noch vor ihm erreichen konnte. Fast schon beleidigt wirkend sah er in meine Richtung.
"Was soll's, ist schließlich Deine Beerdigung.", meinte er nach kurzem Zögern höhnisch.
"Perfekt. Herr Hauptmann, hätten sie die Güte das Startsignal zu geben?"
"Na das übernehme ich doch gerne. Wehe Du verlierst das hier, habe eine ordentliche Summe auf Dich gesetzt."
Die langen Sekunden, in denen er sich Zeit nahm, seine Trillerpfeife zum Mund zu führen, verstrichen langsam, während ich meine Hände anhob, meinen Herzschlag beruhigte und zugleich das Adrenalin in meinen Ohren rauschen hören konnte. Abgesehen von Schau- und Übungskämpfen hatte ich schon so lange keinen echten, schmutzigen Straßenkampf mehr bestritten, dass ich befürchtete eingerostet zu sein. Wie anders mein Leben doch geworden war seit jenen Zeiten, als wir uns als Kinder in kleinen Gangs untereinander um Territorien und manchmal auch nur aus Langeweile gegenseitig die Scheiße aus dem Leib geprügelt hatten. Mein Gegner war deutlich größer als ich und deutlich massiger und wollte nicht unterschätzt werden. Ich hatte ihn noch nie kämpfen gesehen, daher konnte ich nicht sagen, wie gut er beides zu Einsatz bringen konnte. Die verunsicherten Blicke aus den Reihen der Rekruten galten mir, stachelten ihn aber nur zusätzlich an. Er war sich seines Sieges sicher. Gut so. Unterschätze mich.
Als der laute Pfiff erklang stürmte Claas zur Mitte des Kreises vor und versuchte das Messer zu ergreifen, aber noch bevor er es richtig zu fassen bekam hatte mein rechter Fuß ihn bereits an der Wange getroffen. Dass er größer war und größere Schritte machen konnte bedeutete eben auch, dass er sich tiefer bücken musste, um das Messer erreichen zu können, was seinen ungestümen Ansturm mehr als nur behinderte. Etwas benommen richtete er sich aus der gekrümmten Haltung auf und wich zwei Schritte zurück.
"Grundsätzlich richtiger Gedanke.", sagte ich laut, mich selbst ebenfalls ein Stück weit von der Mitte zurückziehend und ihn dabei im Blick behaltend. "Wenn eine Waffe im Spiel ist, so sollte diese frühzeitig gesichert werden. Allerdings auch sehr vorhersehbar und wenn ihr dafür Eure Deckung aufgeben müsst, dann ist es das Risiko nicht wert, sie auf zu nehmen. Tretet sie beiseite oder versperrt dem Gegner den Weg."
Claas stürmte erneut an und versuchte mich mit beiden Armen zu fassen zu bekommen. Er war langsamer, als erwartet, was mir entgegen kam. Ich duckte mich unter beiden Armen weg, wich zur Seite aus und trat ihm, als er zum Stehen kam, seitlich gegen das Knie, was ihn aufschreien, wild nach hinten schlagen und dann auf Abstand gehen ließ.
"Gelenke sind Schwachstellen.", fuhr ich geradezu unbeirrt fort. "Gerade gegen größere Gegner solltet ihr immer auf diese zielen, wenn ihr einen Gegner kampfunfähig machen oder ihm die Möglichkeit zur Verfolgung nehmen wollt. Und das hier geht speziell an die Frauen unter Euch: Männer sind Klammeraffen. Sie werden nicht versuchen, mit Euch zu boxen oder Euch zu treten, sie werden im Vertrauen auf die eigene, körperliche Überlegenheit versuchen Euch zu packen zu kriegen und zu Boden zu ringen. In dem Fall..."
Mit einem Aufschrei stürzte sich Claas erneut auf mich. Idiot. Kündige Deine Angriffe doch nicht noch extra vorher an! Dieses mal wich ich nicht aus, sondern ließ ihn seine Arme um meinen Brustkorb schlingen. Das triumphierende Glitzern in seinen Augen verblasste, als ich ihm einen so heftigen Kopfstoß gegen seine linke Braue versetzte, dass die Haut aufplatzte und nahezu zeitgleich ihm ein dickes Rinnsal aus Blut ins Auge rann. Überrascht und teils geblendet nutzte ich seine Schrecksekunde für einen kurzen, schnellen Fingerknöchelhieb gegen seinen Kehlkopf. Auf diese Distanz hatte der Schlag nicht annähernd die nötige Kraft, um diesen zu zerstören, aber um ihn zu lockern, wodurch er die Luftröhre blockierte, reichte es allemale. Sein Griff löste sich und er ging röchelnd auf die Knie, was ich nutzte, um abermals etwas Abstand zwischen uns zu bringen, nur dieses mal nicht zur Verteidigung.
"Falls das passiert, so hilft Euch das 3K-Prinzip. Kopf zur Desorientierung. Das Gewebe ist sehr gut durchblutet, weshalb auch kleine Schnitte und Platzwunden vergleichsweise stark bluten. Kehle, um ihn kurzzeitig kampfunfähig zu machen. Und dann das dritte und wichtigste K:"
Ich rannte auf ihn zu und trat ihm von hinten aus vollem Lauf zwischen die Beine. Er schrie auf und fiel mit dem Gesicht voran auf den Boden.
"Klöten.", kommentierte ich trocken und ließ meinen Blick einmal über die Rekruten gehen. "An dieser Stelle begehen viele junge Frauen einen taktischen Fehler. Der erste Tritt ist selten präzise und kraftvoll genug, um den Gegner länger als etwa 20 Sekunden außer Gefecht zu setzen. Die meisten nutzen diese Zeitspanne für eine Flucht oder um nach Hilfe zu rufen und vergessen dabei, dass sie es kurz darauf mit einem sehr wütenden Gegner zu tun haben, der nicht mehr klar denken kann, sondern einfach nur noch Rache will. Deshalb tut ihr genau das nicht, ihr lauft nicht weg, sondern tretet noch mal kräftig zu." Ich versetzte ihm mit meinen Stiefeln einen zweiten, heftigen Tritt an dieselbe Stelle, die er nur notdürftig mit seiner linken Hand schützte, während die rechte noch seinen Hals hielt. Claas jaulte auf. "Und einen dritten!", rief ich und trat ein drittes mal mit aller Kraft zu.
Es half ihm nichts, dass er dieses mal beide Hände zum Abdecken benutzte, auf dem Weg brach ich ihm lediglich zusätzlich noch mindestens zwei Finger. Claas verdrehte die Augen und blieb reglos liegen. Ich atmete einmal tief durch, wischte mir mit dem Ärmel über die Stirn und sah erneut zu allen. "Jetzt habt ihr genug Zeit, um ab zu hauen, Hilfe zu holen oder..." Ich ging hinüber zum Messer, hob es auf und wirbelte es einmal um meine Handfläche herum. "...es zu Ende zu bringen."
Zwei der Jungs aus der Sechsergruppe machten Anstalten, sich in Bewegung zu setzen, aber die scharfen Blicke der anderen vier von uns und das sanfte Tätscheln Nazirs auf seinem Pistolenholster ließ sie das noch mal gründlich überdenken. Zur Überraschung der meisten drückte ich Steph das Messer mit dem Griff voran in die Hand, zog den Gürtel aus der Hose, wickelte diesen straff um beide Handgelenke und dann um seinen Hals, während ich mich auf ihn hockte. Mit einem Ruck zog ich seinen Kopf nach hinten, nicht weit genug, um ihn damit tatsächlich erdrosseln zu können, aber weit genug, um neben der Atmung auch die Blutzirkulation in den Halsschlagadern zu beeinträchtigen.
"Merkt Euch eines: Nicht nur das, was wie eine Waffe aussieht, kann auch wie eine eingesetzt werden. Wenn Euch nichts anderes einfällt, dann schnappt Euch den schwersten Gegenstand, den ihr anheben könnt und zieht ihm damit den Scheitel nach. Ich weiß, dass Euch immer wieder eingebläut wurde, dass Mädchen so was nicht machen und auch gar nicht machen können. Ich sage Euch, dass das alles Blödsinn ist, dass der Kräfteunterschied zwischen einem Jungen und einem Mädchen von gleicher Statur gar nicht so groß ist. Ihr habt es nur nie ausprobiert, weil man Euch Euer Leben lang diesen Komplex eingehämmert hat, dass Mädchen nicht kämpfen können. Und ich sage Euch noch etwas, wenn Euch hier draußen ein Mann angreift, dann nicht, um Euch zu berauben. Ihr habt nichts, das den Aufwand lohnt. Er tut es um Euch zu töten, zu vergewaltigen oder beides. Das solltet ihr immer im Hinterkopf haben, wenn ihr hier, im 86. Distrikt gegen einen Mann kämpft, dann kämpft ihr um Euer Leben. Zurückhaltung ist nicht angebracht, entweder ihr tötet ihn oder er Euch."
Um die Worte zu unterstreichen zog ich den Gürtel noch etwas strammer an. Claas kam mittlerweile wieder zu sich und wand sich hin und her, um seine Arme und Hände unter seinem eigenen Körper hervor zu bekommen, doch in seinem Zustand reagierte er nur noch reflexartig. Seine bessere Wahl wäre gewesen, mich irgendwie abschütteln zu wollen, das Risiko eingehend, dass ich ihm dabei das Genick breche oder den Kehlkopf endgültig zerquetsche. Stattdessen versuche er lediglich den Gürtel zu ergreifen, um dessen Zug zu lockern, was nicht nur dank seiner gebrochenen Finger wenig aussichtsreich war, sondern vor allem auch weil er in seiner Haltung nur einen Bruchteil der Kraft in seinen Armen und Händen nutzen konnte, wohingegen ich mit beiden Armen, beiden Beinen und meinem, wenn auch nicht allzu hohen Körpergewicht arbeiten konnte.
"Guten Morgen Schneewittchen.", übertönte ich sein Kratzen und Krächzen amüsiert säuselnd. "Gevatter Tod ist hier, um Dich zu holen. Sag schon, wie geht dieser Kampf zu Ende?"
"Ich geb auf!", kam seine röchelnde Antwort, während er nach meinen Handgelenken griff und geradezu lachhaft kraftlos daran zog. Lächerlich. Hast Du auch nur eine Idee, was passiert, wenn ich Dir die Knie in den Nacken ramme und mich einmal so richtig anspanne?
"Das interessiert hier keinen. Die Bedingungen waren, bis einer tot ist oder um Gnade bittet."
"Bitte töte mich nicht.", kam es noch leiser als zuvor. Auch die letzten Kräfte schienen ihn langsam verlassen zu wollen. Ich neigte mich etwas vor, um in seine Augen sehen zu können, die bereits die für Strangulationen typischen roten Einblutungen von geplatzten Gefäßen in den Augäpfeln aufwiesen. Ich lockerte den Zug gerade genug, dass er einmal Luft holen konnte.
"Wir können Dich nicht hören!"
"Bitte töte mich nicht!" Seine Stimme war noch immer nicht wesentlich lauter, aber die Panik darin erfüllte ihren Zweck. Ich ließ von ihm ab und ging zu Steph, die mir nach und nach die Panzerungsteile und die Waffen anreichte, die ich wieder anlegte. Als ich damit fertig war sah ich noch mal zu Claas zurück und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich die zwar ruhig vorgetragenen, aber vor Verachtung triefenden, letzten Worte an ihn nicht sehr genossen hätte.
"Ich denke, Du hast da etwas missverstanden. Ich habe Dich bereits getötet. Weißt Du, Tyrannen können sich immer nur so lange an der Macht halten, wie sie gefürchtet werden. Sobald diese Furcht schwindet sehen sie sich dem Widerstand und dem Zorn all jener gegenüber, die sie unterdrückt haben. Du bist nichts besonderes, nicht mal sonderlich gut oder sonderlich bösartig, Du warst einfach nur der größte und stärkste Bär in dieser Höhle. Bis heute. Das ist das Problem damit, wenn man immerzu der Stärkste sein will, irgendwann kommt wer, der besser ist als man selbst und wenn man zuvor nichts war, außer stark, was bleibt einem dann noch? Ich habe heute allen gezeigt, dass weder Du, noch Deine fünf Hampelmänner unbesiegbar sind und so habe ich Eure Macht über sie gebrochen. Ich gebe Euch einen gutgemeinten Rat, lernt schnell mit einem offenen Auge zu schlafen, denn so manche hier würde bestimmt gerne im Schlaf über Euch herfallen und das ganz sicher nicht so, wie ihr über sie hergefallen seid. Lebwohl Claas, ich bin ja so was von gespannt, ob Du den morgigen Tag noch erlebst. Ich selbst würde ja eher nicht darauf wetten."
Damit wandte ich mich wieder in die Runde. "In Ordnung, die Show ist vorbei. Wir haben noch einen Durchgang, bevor es dunkel wird. Die Gruppe von Schwertlilie und mir wechselt zu Songbird und Lyra, die Gruppe von Songbird und Lyra zu Monarch und die Gruppe von Monarch, na ich denke, ihr habt's auch so begriffen. Ausführen."

"Ich bin wieder daheim!", rief Dostan halblaut in den Hausflur.
"Bist Du das Ferdinand?", erklang die hörbar gealterte Stimme aus dem Schlafzimmer im Obergeschoss.
"Ja, Mama!"
"Ist Danielle bei Dir?"
"Ich bin auch wieder daheim, Mama!", rief Elena vergnügt, während sie mit einem zufriedenen Seufzer ihre Pumps gegen bequemere Hausschuhe austauschte.
Dostan lächelte zufrieden. Eigentlich war sie nicht seine Mutter, sondern seine Großmutter väterlicherseits, nur, sie hatte Demenz in einem fortgeschrittenen Stadium. Sie erinnerte sich nicht an ihn, seine Geburt, nicht mal an seine Frau, obwohl sie sich mit ihr immer gut verstanden hatte. Sie erinnerte sich nur an seinen Vater und seine Mutter und da sie ihn für ihren Sohn hielt hielt sie auch Elena für dessen nun, zu dem Zeitpunkt Freundin. Anfangs hatte er noch versucht dagegen zu halten, ihr erklären zu wollen, dass er nicht sein Vater war. Durchgedrungen war er damit zu ihr nie. Schließlich hatte er es nicht zuletzt auch auf Anraten ihres behandelnden Arztes aufgegeben und war, auch um ihretwillen, unfreiwillig in die Rolle des eigenen Vaters geschlüpft. Zumindest an guten Tagen, an schlechten erkannte sie bisweilen niemanden, nicht mal Schwester Lisanne, die sie betreute, mehr, als es eigentlich ihre Aufgabe war. Ihre Mutter und seine Mutter hatten lange vor dem Krieg in derselben Einheit gedient. Lisanne selbst trug zwar auch Uniform und das Heim, in dem sie hauptberuflich als Altenpflegerin tätig war, war ein Veteranenheim unter der Aufsicht des Militärs, aber für sie war die Armee vor allem ein Weg gewesen, ihre Ausbildung zu finanzieren. Wobei er annahm, dass sie so zugleich auch etwas über ihre Mutter erfahren wollte, die sie mit 12 verloren hatte. Und dann kam der Krieg und mit ihm wurden alle wieder eingezogen, die jemals eine Uniform getragen hatten, unabhängig davon, ob sie sich lediglich für vier Jahre verpflichtet hatten oder für einen längeren Zeitraum.
Üblicherweise betreute sie seine Mutter vormittags, ging einkaufen, kümmerte sich um den Haushalt, erledigte Behördengänge, derlei. Zwei Stunden waren dafür angesetzt und wurden ihr bezahlt, sie blieb häufig vier. Er selbst war mehr als dankbar für die zusätzliche Hilfe, auch wenn er sich vorkam, als würde er sie ausnutzen, gleich wie oft sie ihm versicherte, dass sie die Gespräche mit seiner Mutter schätzte, die sich nur zu gut an die ihre erinnern und ihr viele Anekdoten aus deren Leben erzählen konnte. Den Teil konnte er nachvollziehen, für seine Großmutter war es so, als hätten die letzten 30 Jahre nie existiert, als wäre da irgendwo in ihrem Verstand eine unsichtbare Wand oder Grenze, die sie selbst nicht überschreiten konnte. Nur eben darum waren für sie Ereignisse, die 50 oder auch 60 Jahre zurückliegen mochten so präsent, als wäre es erst gestern gewesen. Entsprechend hatte auch er durch sie einen Einblick in die Beziehung seiner Eltern vor seiner Geburt erhalten, den er so nicht erwartet hätte. Fest stand auf jeden Fall, dass seine Großmutter an seiner Mutter einen Narren gefressen hatte. Zu ihm war sie teilweise durchaus streng und forsch, bei Elena dagegen lammfromm, geradezu folgsam. Schwester Lisanne hatte sich einige male beklagt, wie schwer es war, sie dazu zu bringen, ihre Medikamente zu nehmen, wenn sie trotz des Alarms auf ihrer Uhr nur noch fünf Minuten ihre Sendung weiter schauen wollte und darüber die Einnahme vergaß und später, dass sie diese vergessen hatte. Elena dagegen musste ihr nur sagen, dass es Zeit für ihre Medizin war und schon nahm sie diese auch brav ein. Auch ansonsten hatte er feststellen müssen, dass die Krankheit, an der sie litt, mehr als nur seltsam sein konnte. Sie vergaß so selbstverständliche Dinge wie was ihre Lieblingsfarbe war oder welche Kombination den Safe in ihrem Zimmer öffnete, von dem er selbst nicht wusste, was er beinhaltete und deswegen schon einen Schlosser beauftragen wollte, hätte sie sich nicht so massiv dagegen gewehrt, aber von den Schützenpanzern ihrer Einheit, die sie ein Leben lang gesteuert und später befehligt hatte, kannte sie noch immer jede Schraube und jede noch so kleine Macke beim Vornamen. Vermutlich könnte er ihr einen in Einzelteile zerlegt ins Schlafzimmer kippen und am nächsten Tag stünde dort ein voll einsatzfähiger. Vermutlich sogar auf Hochglanz poliert, wie auch immer sie dies anstellen mochte.
Elena riss ihn aus seinen Gedanken, indem sie ihm eine Hand auf die Schulter legte. "Wie wäre es, ich kümmere mich ein wenig um sie und Du bereitest so lange das Abendessen zu?"
"Danke Dir." Er wollte ihr einen Kuss auf die Wange geben, aber sie drehte ihren Kopf ihm zu, so dass seine Lippen die ihren erwischten. Sie lächelte ihn verschwitzt an und stieg die Treppe empor.
In dem Zimmer sah es aus wie immer, das große Bett mit ihr darin, der Nachttisch mit dem Bild von ihr und ihrem Mann in Uniform, der uralte Fernseher an der Wand gegenüber, der schon seit Jahren den Geist aufgegeben hatte und den sie dennoch nicht durch ein neueres Modell ersetzen lassen wollte. Soweit Elena wusste hatte Dostan es einst getan und seine Großmutter war die ganze Woche lang stinkig gewesen, weil sie wie sie sagte mit der neuen Technik einfach nicht zurande kam. Sie war erst wieder glücklich, als er ihr den kaputten vom Sperrmüll wieder ins Zimmer gestellt hatte. Laut ihr funktionierte dieser einwandfrei, eine weitere ihrer Episoden, die sie sich zusammen phantasierte und gegen die man mit Vernunft einfach nicht ankam.
Elena gab ihr einen Kuss auf die Wange. "Guten Abend Mama."
Die ältere Frau lächelte sie selig an und gab ihr mit ihren spröden Lippen ebenfalls einen Wangenkuss. "Guten Abend Liebes. Wie war Dein Tag?"
"Ganz gut soweit. Donnerstags gehen wir immer tanzen.", sagte sie lächelnd. "Wie war Deiner?"
"Donnerstag sagst Du? Also Donnerstags läuft im Fernsehen ja wirklich nur Mist, das kann ich Dir sagen. Sollte vielleicht mal dem Programmdirektor schreiben, dass er doch bitteschön wieder ein paar Serien ins Programm aufnehmen sollte. Ist aber nicht so schlimm, dafür waren die Kinder von nebenan da. Haben zusammen Karten gespielt, das war sehr schön. Haben darüber wohl die Zeit vergessen, habe gar nicht gemerkt, dass es schon Abend ist."
Elena sah sich kurz um. Tatsächlich lag ein Satz Spielkarten auf dem Bettlaken verstreut herum. Kinder aus der Nachbarschaft? Nun ja, noch eine ihrer Einbildungen, aber solange sie sie glücklich machten war dagegen wohl nichts einzuwenden. "Verstehe. Freut mich, dass ihr Euch so gut versteht."
"Ach ich bin sicher, Du würdest sie auch mögen. Schade eigentlich, habt sie nur knapp verpasst. Sie mussten schnell weg, als ihr beide heimgekommen seid."
"Wirklich schade, ja." Sie rang sich ein Lächeln ab.
Die ältere Frau stutzte und setzte sich ganz auf. "Was ist los Liebes? Bedrückt Dich etwas?" Ihr Blick ging zur Tür. "Hat er Dir Sorgen bereitet?", schob sie mit etwas streitlustiger und lauterer Stimme nach.
"Habe ich nicht!", klang es protestierend aus der Küche.
Elena schüttelte schmunzelnd den Kopf. "So ist es nicht."
"Was ist es dann?"
Elena musterte sie einige Augenblicke an, ehe sie leise flüsterte. "Kannst Du etwas für Dich behalten?"
"Natürlich Liebes.", raunte sie verschwörerisch zurück. "Ich kann schweigen wie ein Grab."
Elena lächelte scheu und unsicher auf. Sie wollte reden, wusste aber nicht so genau mit wem überhaupt. Vielleicht war sie ja die Richtige. Sie holte ihren PDA aus der Tasche, rief ein einzelnes, überwiegend schwarzes Foto auf, vergrößerte den relevanten Teil mit zwei Fingern und hielt ihr das Display hin. Die ältere Frau kramte das Etui mit ihrer Lesebrille aus dem Nachtschrank hervor, setzte sich diese auf, nachdem sie die Gläser kurz mit einem Tuch routiniert putzte und sah sich das Foto an, dann zu ihr und wieder zurück. Medizinisch, wie die Gravur am unteren Rand zeigte, auf der fein leserlich neben vielen Zahlen der Schriftzug "Jungfrau San Magnolia Militärkrankenhaus" zu lesen war. Jedoch kein Röntgenbild, sondern eine Ultraschall-Aufnahme.
"Wirklich?", fragte die ältere Frau sie begeistert mit leuchtenden Augen. Elena nickte stumm mit zusammengepressten Lippen. "Weiß er...?", fragte sie leiser.
Sie schüttelte den Kopf. "Ich warte noch auf den richtigen Moment."
Die ältere Frau musterte sie mit schief gelegtem Kopf. "Was hält Dich ab?"
"Ich schätze ich weiß nicht, was ich sagen soll, wenn ihm das zu viel ist. Wenn er es nicht will. Wir kennen uns doch erst seit kurzem.", gestand sie kleinlaut, was ihr gegenüber sichtlich verwirrt die Stirn runzeln ließ.
"Was redest Du denn? Vier Jahre ist doch nicht kurz."
Elena lächelte müde auf. Vier Jahre in Deiner Welt. In unserer gerade mal ein halbes. "Wir haben nie über so was geredet...", versuchte sie es.
"So? Na, ich weiß ja, dass er ein Spätzünder ist, da wirst Du ihm schon entgegen kommen müssen. Von allein schneidet er das Thema bestimmt nicht an."
"Ich hab' Angst."
"Brauchst Du nicht haben. Ferdinand ist ein anständiger Mann, er wird schon das richtige tun."
"Genau davor habe ich Angst. Dass er tut, was er denkt, dass es das Richtige ist und nicht das, was er wirklich tun will."
"Hm." Die ältere Frau nickte einige male, während sie sie weiter nachdenklich ansah. "Verstehe. Nun um das herauszufinden musst Du es ihm schon sagen."
"Ich weiß."
"Das Abendessen ist fertig!", rief Dostan aus der Küche.
"Brauchen hier noch fünf Minuten!", rief seine Großmutter zurück.
"In fünf Minuten ist das Essen kalt! Was ist denn so wichtig?"
"Frauengespräch. Geht Dich gar nichts an!", antwortete seine Großmutter so schnippisch, dass Elena grinsen musste, während sie den PDA wieder verstaute. Zusammen wirkten die beiden manchmal schon wie ein altes Ehepaar, zumindest waren ihre Eltern mit ihr anders umgesprungen. Gleichzeitig hatten sie so aber auch etwas niedliches an sich, das sie irgendwie beruhigte.

"Rührt Euch.", sagte Yeyana mit Nachdruck, worauf die Bravo-Kompanie eine bequemere Haltung einnahm. Wir fünf blickten noch einmal über die ausgedünnten Reihen, dann nickten wir Yeyana zu als Zeichen, dass wir unsere Meinung nicht geändert hatten. Sie fuhr fort.
"Als erstes wollen wir Euch zu Euren Anstrengungen beglückwünschen. Waren vier harte Wochen, in denen ihr viel Neues lernen musstet. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem sich entscheidet, wer Teil der Luscinia-Schwadron wird und wer nicht."
"Wie eingangs zugesichert werden wir niemanden zwingen.", nahm ihre Schwester den Faden auf. "Wer nicht ausgewählt werden möchte, möge sich links aufstellen."
"Das ist keine Schande und keine Feigheit.", fuhr Steph fort. "Unser Ziel hier war es auch, Euch einen realistischen Einblick in Eure eigenen Fähigkeiten zu geben. Wenn ihr denkt, dass ihr den Anforderungen an eine Eliteeinheit nicht gewachsen seid, dann ist das nicht feige, sondern normal."
"Dort draußen gibt es genug Standard-Einheiten, in denen ihr lange genug überleben könnt, um das Ende des Krieges noch zu sehen.", hob ich ruhig an. "Überleben zu wollen ist nur natürlich und genau das, Euer eigenes Überleben, können wir Euch in unserer Schwadron nicht garantieren."
"Beratet Euch ruhig untereinander und dann trefft Eure Wahl.", schloss Yeyana ab. Die Formation der Kompanie löste sich zu einer Traube auf, in der emsig getuschelt wurde und auch wir fünf steckten die Köpfe zusammen.
"Ist ein ziemliches Risiko, das wir gerade eingehen.", merkte Yayena leise an.
"Schon, aber bringt es uns was, wenn wir sie zwingen?", flüsterte Steph leise.
"Also ich weiß nur eins, noch mal mache ich das nicht. In Zukunft nehme ich welche aus dem ersten Monat.", meinte Nazir zerknirscht.
"Ist Dein gutes Recht, aber je nachdem wie sie sich entscheiden wäre das jetzt undankbar gegenüber denen, die sich angestrengt haben."
"Zumal wir davon ausgehen können, dass es direkt losgeht, sobald die Schwadron wieder vollzählig ist.", gab Yeyana zu bedenken.
"Ich weiß. Das macht das Ganze hier trotzdem nicht richtig.", erwiderte Nazir. Womit er nicht ganz Unrecht hatte. Wir hassten die Grenze, die die Alba zwischen sich selbst und uns gezogen hatten, aber zugleich verschafften uns diese auch eine gewisse Sicherheit oder Vertrautheit. Sie kümmerten sich um ihre Welt, wir um die unsere. Obwohl das alles hier letztendlich unsere Idee war fühlte es sich dennoch an, als würden wir ihnen mal wieder die Drecksarbeit abnehmen. Ich sah über die Schulter zurück. Etwa ein Dutzend hatte sich etwas links von den anderen postiert. Mit einer gewissen Erleichterung stellte ich fest, dass es vor allem die Jüngsten unter ihnen waren. Mochten sich auch einige Vielversprechende darunter befinden, wenn es nach uns ging, dann wollten wir nach Möglichkeit niemanden, der jünger war, als wir selbst.
"Sie scheinen soweit fertig zu sein. Der Rest nimmt wieder Aufstellung.", kommentierte Yayena ruhig.
"Was nicht heißt, dass sie unbedingt wollen. Nur, dass es ihnen nichts ausmachen würde.", ermahnte Steph uns alle. Auch wir stellten uns wieder in einer Reihe auf.
"Fangen wir an.", sagte Yeyana für alle gut hörbar. "Für die Aufklärungs- und Artilleriezüge: Elysium und Vanguard. Für die Sturmzüge: Sentinel und Witchcraft. Diejenigen von Euch, die das annehmen möchten, mögen an unsere Seite treten."
Die letztgenannte blinzelte zwei mal überrascht. Um so hastiger folgte sie den anderen dreien nach. Wie fähig sie tatsächlich war ließ sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht wirklich bestimmen, nicht einmal, ob ihre Hände überhaupt wieder richtig zusammenwachsen würden oder sie bleibende Schäden zurückbehalten würde. Was sich jedoch bestimmen ließ, war, dass sie zäh genug war, es dennoch immer weiter zu versuchen. Das hatte sie zu meiner ersten Wahl gemacht. Steph sah zu den vier Aufgerufenen hinüber.
"Die Wahl der übrigen Plätze überlassen wir Euch. Unter den Verbliebenen ist niemand, dem wir es nicht zutrauen würden. Zusätzlich sind noch drei Plätze in unserem Reserve- und Ausbildungszug zu vergeben. Auch hier setzen wir auf Freiwillige. Wer will möge vortreten, alle anderen reihen sich mit links ein."
Das Zögern, mit dem Bewegung in ihre Reihen kam, sprach für sich. Wie Steph gesagt hatte, manchen war es wohl schlicht einerlei oder sie folgten lediglich ihren Freunden nach, nicht wirklich willens, zu uns zu wechseln, aber ebenso wenig darauf erpicht sich von ihren Jugendfreunden oder sogar einem heimlichen Schwarm zu trennen. Übrig blieb gerade mal eine Handvoll, aber mehr als noch mal sieben suchten wir ja auch nicht. Mein Blick fiel auf Jannek und seine eingegipsten Hände.
"Angel. Tritt mal vor." Ich wartete bis er bei mir war. "Du willst uns beitreten?" Er nickte einmal entschlossen. "Du hast dasselbe Handicap wie Witchcraft, daher bin ich mir nicht sicher, ob das eine gute Entscheidung ist oder ob diese nur zu Deinem frühen Ableben führen wird."
Witchcraft wollte protestieren, aber ich hob den Zeigefinger in ihre Richtung an, ohne Jannek aus den Augen zu verlieren. "Mein Vorschlag: Ich hätte da noch einen Test für Dich. Wenn Du den bestehst, habe ich keine Einwände mehr."
Er zuckte mit den Schultern. "Soweit es mir möglich ist, sicher, warum nicht?"
"Ausgezeichnet. Dann nehmen wir doch mal den Gips ab und schauen wie gut Deine Genesung voranschreitet."
"Nein!" Er wich einen halben Schritt zurück und verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
"Keine Sorge, ich war früher Lazarettschwester. Ich weiß, was ich tue, wirst es kaum merken. Der Verband darunter sollte eh längst mal gewechselt worden sein. Wir gipsen im Anschluss auch alles wieder ein, haben alles hier, was wir brauchen."
Ich tippte mit dem Fuß einen blauen Eimer an, in dem mehrere Lagen einweichten. Er schüttelte nur den Kopf, während sein Blick zwischen dem Eimer und mir hin und her ging.
"Nicht?", fuhr ich ruhig fort. "Was ist das Problem? Willst Du nicht an Witchcrafts Seite bleiben? Bist Du nicht ihr Beschützer? Das Angebot gilt übrigens auch für Dich Witchcraft. Der Verband juckt doch mittlerweile bestimmt schon fürchterlich."
"Schon.", pflichtete sie zögerlich bei.
"Nun wie wäre es, wenn wir dann mit Dir anfangen? Damit er sieht, dass es halb so wild ist?"
Eher zögerlich streckte sie beide Arme nach mir aus. Steph stützte diese ab, während ich mit der gezackten Seite des Kampfmessers ihren Gips vorsichtig an den Seiten soweit aufsägte, dass das Handgelenk frei war und zog diesen langsam ab. Witchcraft verzog kurz das Gesicht, lächelte mich aber tapfer an, worauf ich den Verband abwickelte. Hände und Handgelenk waren noch immer geschwollen und man konnte die Überreste der Blutergüsse erkennen. Nur mit dem Zeigefinger verteilte ich etwas Salbe aus einer Tube auf Hand, Handgelenk und Unterarm, nichts besonderes, sollte lediglich kühlen und die Haut ein wenig schützen, umwickelte alles wieder langsam, wobei Witchcraft abermals das Gesicht etwas verzog und zum Schluss kamen die Gipsbandagen in Lagen darüber, die an der Luft rasch austrockneten und verhärteten.
"Und?", fragte ich.
"Hat kaum weh getan und juckt nicht mehr.", sagte sie lächelnd.
Ich nickte und wandte mich wieder Jannek zu. "Da hörst Du es. Jetzt Du."
Er schüttelte erneut den Kopf. "Nein."
Ich sah einmal seufzend gen Himmel. "Schwestern?"
Ehe die meisten Umstehenden begriffen hatten, was vor sich ging, hatten Yayena ihn gepackt, zu Boden geworfen und hielt ihn dort fest, während Yeyana seinen rechten Arm umklammerte und hoch hielt. Er wandte sich und schrie, dass sie ihm weh taten. Unbeirrt von ihm und den erbleichenden Rekruten schob ich das Kampfmesser unter seinen Gips.
"Halte jetzt besser still, das Messer ist sehr scharf.", mahnte ich, als ich auch schon mit wenigen Sägebewegungen seinen Gips zerschnitt und weitaus weniger behutsam als zuvor bei Witchcraft den Großteil abbrach und den Rest von seinen Fingern zog.
"Eigenartig.", meinte ich, nach seiner Hand greifend und die Handknöchel einzeln abtastend. "Keine Schwellungen. Keine blauen Flecke. Ich kann auch keinen Bruch ertasten."
Mein Blick ging zu Witchcraft, die ich mit dem Zeigefinger zu mir herunter winkte.
"Fühl mal."
Yeyana führte seinen Handrücken an ihre Wange, sie rieb sich zwei mal daran, dann wich sie zurück und sah uns und ihn fragend an.
"Also ich würde sagen medizinisch ist das eine völlig gesunde Hand.", sagte ich ruhig, während ich mich wieder aufrichtete. "Was seltsam ist. Also entweder heilen seine Knochen doppelt so schnell wie Deine oder es gibt eine andere Erklärung dafür."
Ihr Blick wurde zunehmend fragender und verunsicherter.
"Weißt Du, ich habe auch ein bisschen nachgedacht und da gibt es eine Sache, die mir keine Ruhe gelassen hat. Der so früh von uns gegangene Claas war groß und stark, keine Frage, aber das alleine macht einen noch nicht zum Anführer. Er hat immerzu den Zuspruch anderer gesucht, die Bestätigung. Klingt für mich nicht unbedingt nach jemandem, der weiß, was er tut, der einen Plan hat und sich sicher ist, dass dieser funktionieren wird. Egal ob er vor versammelter Mannschaft sein Maul aufgerissen hat."
"Wortwahl!"
"Frech wurde oder als es darum ging, den Kampf mit mir auf zu nehmen, er hat nie spontan entschieden, sondern immer nach Zustimmung gesucht. Von wem, frage ich mich? Das alles hier, das fing nicht am ersten Tag an. Nicht mal in der ersten Woche. Was hat sich verändert, was hat ihm die Überzeugung gegeben, dass er diese Kompanie in sein eigenes, kleines Königreich verwandeln könnte? Woher bekam er seine Informationen darüber wen er einschüchtern musste, um dies alles aufrecht zu erhalten? Weißt Du was auch seltsam ist? Die Sechs haben Dich zu Anfang überfallen und krankenhausreif geprügelt, aber sie haben Dich, im Gegensatz zu allen anderen hier, nicht missbraucht. Warum nicht? Was oder vielmehr wer hielt sie davon ab? Und da ist noch etwas. Ich habe Dir gesagt, dass Du darüber nachdenken sollst, wem Du genug vertraust, dass er es schafft, Dich weit genug von den anderen weg zu locken, dass die Sechs über Dich herfallen konnten. Mir fällt da nur einer ein."
Mein Blick ging zurück zu Jannek. "Jemand, den Du noch von früher kennst und der über alle Zweifel erhaben scheint, weil er scheinbar dasselbe durchgemacht hat wie Du, dabei seine Verletzungen aber nur vorgetäuscht hat. Der Dir immerzu versichert hat, dass er Dich bei allem unterstützen wird. An Deiner Seite sein wird. Dein ganz persönlicher Schutzengel. Nur weißt Du, was das Problem mit den Engeln ist? In den Legenden Eures Volkes sind Engel immerzu wesensgut. Dabei vergesst ihr, dass es dieselben Engel waren, die es im Auftrag Eures Gottes Feuer und Schwefel regnen ließen und ganze Reiche zu Fall brachten. Alles, was sie von den Dämonen unterscheidet, ist die Perspektive. Des einen Gottes Engel sind des anderen Gottes Dämonen und man kann wohl mit Fug und Recht sagen, dass das hier für die meisten die Hölle auf Erden war. Nun, wie mache ich mich bisher?" Ich nickte den Zwilligen zu als Zeichen, dass sie von Jannek ablassen konnten, der sich hastig aufrichtete und abklopfte.
"Bitte sag, dass das nicht wahr ist.", kam es flehentlich von Witchcraft.
"Oh ja, bitte. Lass uns hören, wie Du Dich da rauszulügen versuchst.", säuselte ich, das Messer noch immer in der rechten und damit verspielt wippend.
Jannek sah mich zornig an, ich lächelte zurück, er schloss die Augen und atmete durch, um sich zu beruhigen und einen klaren Gedanken zu fassen, dann vergrub er seine Augen in seiner Armbeuge und schluchzte.
"Ich... Sie haben mich gezwungen. Ich wollte das alles nicht. Es tut mir leid. Es tut mir so leid."
"Wie rührend.", platzte ich in das aufkommende Raunen hinein. "Nur ich kauf's Dir nicht ab. Siehst Du, unser Monarch hier." Ich klopfte Nazir zwei mal auf die Schulter. "Dem kam die ganze Sache von Anfang an suspekt vor. Er fand, dass das alles hier für Claas einfach eine Nummer zu groß war. Er konnte nur nicht so recht mit dem Finger auf das zeigen, was ihn gestört hat oder es in Worte fassen."
Ich trat von hinten an die Zwillinge heran und lehnte mich mit den Ellenbogen auf je eine Schulter von ihnen. "Die beiden hier dagegen sind noch echte Romantikerinnen. Die fanden Dich ja eher ritterlich. Weißt Du eigentlich wie selten das hier draußen ist?"
Ich stieß mich ab, trat an Steph heran und legte ihr den Arm um die Hüften. Sie tat es mir gleich. "Meine bessere Hälfte auch, nur dass sie im Leben eines gelernt hat: Wenn eines zu schön klingt, um wahr zu sein, dann ist es das meist auch nicht. Was mich betrifft?"
Ich sah kurz zu dem Messer, dann steckte ich es weg. Die Zeit zum Spielen war vorbei. "Sagen wir einfach, dass Du es uns stellenweise sehr leicht gemacht hast. Du erinnerst Dich doch bestimmt an den Kampf zwischen Claas und mir. Die vier wissen, dass ich kämpfen kann, sie haben nicht den Kampf beobachtet, sondern die Zuschauer und sie kamen alle zu demselben Ergebnis. Während alle anderen, naja, Claas' Gefolge mal ausgenommen, zunehmend ungläubiger und begeisterter wurden, je schlechter der Kampf für ihn lief, zeigte Dein Gesicht eine andere Reaktion. Du warst verärgert. Und angewidert. Und wenn Du denkst, dass mir entfallen ist, dass Claas nicht nur zu mir gesehen hat, sondern auch zu jemandem in meinem Rücken, zu dem Puppenspieler, der an seinen Fäden zog, dann muss ich Dich leider enttäuschen. Ich gebe zu, ein Blick hier, ein kaum wahrnehmbares Nicken da, das beweist nicht allzu viel, nur wie ich Claas schon sagte, ich muss hier nichts beweisen. Wichtig ist nicht, was ich beweisen kann, wichtig ist, was sie alle hier glauben."
Jannek nahm den Arm ein Stück weit herunter und sah Mara darüber hinweg an. "Bitte Mara, Du kennst mich. Du weißt, dass ich das nie tun würde. Ich hatte einfach Angst."
"Glaubst Du das, Witchcraft?", fragte ich sie direkt.
Statt einer Antwort wich sie vor ihm zurück, als er seine Hand zögerlich nach ihr ausstreckte.
Mein Blick ging zurück zu Jannek. "Ich denke wir möchten dann doch auf Dich verzichten. Du kannst Dich bei den anderen links einreihen." Ich sah zurück zu Mara. "Außer Du hast Einwände."
Sie blieb trotz seines flehenden Blickes stumm.
 
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