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the sea hates a coward

von eigengrau
Kurzbeschreibung
MitmachgeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Gen
OC (Own Character)
07.09.2022
24.11.2022
6
23.919
7
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14 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
24.11.2022 4.368
 
chapter o5.



Emory hätte nicht einmal im Traum in Erwähnung gezogen, dass es einen Ort gab, an welchen sie ihn nicht verfolgten. Einen Ort, an welchem er vollkommen frei von dem ständigen Geschrei war, welches ihm pausenlos in den Ohren klingelte und ihm an guten Tagen wie hämisches Gelächter, an schlechten wie das Leuten der Höllenglocken, erschien.
Doch Nobunaga und Moxey hatten ihn tatsächlich so weit hinaus auf die blaue See geschippert, dass sie die ewige Treibjagd, zumindest für den Moment, auf Eis gelegt hatten.
Beinahe hätte er aufgelacht. Verdammte Möwen.

Irritiert blinzelte Emory. Hatte er das gerade wirklich gedacht? Hatte er gerade… geflucht? Tatsache.
Ob es daran lag, dass das Moxley bereits jetzt begann, Einfluss auf seine Verhaltensweise zu nehmen? Gott bewahre.
Wie, um sicher zu gehen, dass Moxley nicht direkt über ihm stand und ihm die bösen Gedanken in eines seiner Ohren flüsterte, ließ Emory den Blick schweifen. Er entdeckte seinen Vizen einige Meter entfernt, an einem Mast lehnend und – wie sollte es anders sein – eine Flasche in der Hand.

Innerlich seufzte Emory. Eigentlich konnte es ihm egal sein. Er sollte sich darüber freuen, dass er hier war. Dass er endlich mit der Suche nach seinem Vater begann. Darüber, dass er sich seit mindestens fünf Minuten nicht mehr übergeben hatte. Doch anstatt sich gedanklich hinter diese Themen zu klemmen, konnte er doch nur an Moxley denken. An Moxley, der ihm eine Heidenangst einjagte. Und der Emory gleichzeitig das Gefühl gab, nicht der Einzige auf diesem Schiff zu sein, der ein wenig jämmerlich war.

Emory schüttelte den Kopf. Moxley und sich selbst zu vergleichen, ging viel zu weit. Selbst in fünfzig Jahren würde er Moxley nicht das Wasser reichen können. Dabei war der vermutlich noch nicht einmal so alt.

Mit Mühe konnte Emory ein Ächzen unterdrücken, als er sich erhob und – überraschend schwank-frei – zur Reling lief, um das, was sich bis vor einiger Zeit noch in seinem Magen, nun jedoch in dem stinkenden Eimer befunden hatte, im Meer zu entleeren.

In seinem Augenwinkel erblickte er die immer unschärfer werdenden Umrisse, die von Meadow noch zu sehen waren. Während er am Heck der Mantis stand, konnte er nur dabei zuzusehen, wie die Insel, auf der er sein ganzes Leben verbracht hatte, immer kleiner wurde.
Eine Gänsehaut breite sich auf seiner Haut aus. Er hätte diesen Moment zu gerne auf einem Bild festgehalten. Sicher, er hatte bestimmt jeden dämlichen Busch auf Meadow schon einmal gezeichnet, die Insel selbst jedoch noch nie aus einer solchen Perspektive gesehen.
Vor seinem geistigen Auge malte er sich bereits jeden Pinselstrich aus und welche Farben er zusammenmischen musste, um das saftige Grün der Hügel einzufangen. Ob er noch genug gelb hatte, um alle die Sonnenblumen zu malen?
Unbewusst klammerten sich Emorys Finger fester um das Holz der Reling. Schmerzlich wurde ihm bewusst, dass Meadow längst in der Ferne verschwunden sein würde, bevor er seine Malutensilien überhaupt ausgepackt hatte. Die Zeit würde noch nicht mal für eine grobe Skizze reichen.

Es fühlte sich so surreal an. Als kleiner Junge hatte er immer stundenlang am Hafen gestanden und die einlaufenden Schiffe beobachtet. Tagein. Tagaus. Bei jedem Wetter. Er war sich sicher gewesen, wenn er nur ganz fest daran glaubte, dann würde sein Vater ihn eines Tages holen kommen.

Doch er kam nie.

Ein Umstand, der aus Emory wohl einen Träumer gemacht hatte.
Er hatte sich die Inseln ausgedacht, zu denen sein Vater ihn mitnehmen würde. Schneebedeckte Winterinsel, Eilande, die im Himmel schweben, jene, auf denen immer tiefschwarze Nacht herrschte und Inseln voller geflügelter Wesen. Unterwasserstädte, in denen Meerjungfrauen lebten. Er würde Riesen sehen und Rassen entdeckten, die noch niemand zu Gesicht bekommen hatte. Und Emory wollte all das so unbedingt, dass es weh tat, wenn er sich in der Realität wieder fand. Allein.

Schuldgefühle schwappten wie eine Welle über ihn. Ließen seinen Atem und sein pulsierendes Harz schwer werden.
Schon lange war er nicht mehr am Grab seiner Mutter gewesen. Er konnte nur hoffen, dass sich in seiner Abwesenheit jemand darum kümmerte.

»Jetzt sag bloß du hast schon Heimweh?«
Emory musste einen Aufschrei unterdrücken. Nobu hatte ihn beinahe zu Tode erschreckt. Sein Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb, während die Oni ihn mit einer feixenden Unschuldsmiene angriente.
Moment. Wenn sie hier war, dann konnte nur ein gewisser Jemand am Steuerrad sein. Ein hastiger Seitenblick genügte, um Emorys Verdacht zu bestätigen. Moxley hielt mit einer Hand lässig das Steuer und in der anderen befand sich seine dritte – oder war es bereits die vierte – Flasche Likör. Zu allem Überfluss hatte er auch noch ein Piratenlied angestimmt, dessen Vokabular Emorys heiße Wangen noch weiter erröten ließ.

Emory versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass Moxley wissen musste, was er tat. Sonst hätte sein Leben als Pirat bestimmt schon ein verfrühtes Ende genommen, oder? Zumindest gab es auf dem offenen Ozean nichts, gegen was das Schiff krachen konnte.
Trotzdem wäre es ihm lieber gewesen, wenn Nobu das Steuer wieder übernommen hätte. Doch Emory wagte es nicht, den Vorschlag auszusprechen. Als ihm klar wurde, dass er Nobu hatte warten lassen, setze er hastig zu einer Antwort an. Bei der Erinnerung an die Sache mit den Schulden stellten sich ihm die Haare auf. Nein, er wollte sie nicht nochmal auf dem falschen Fuß erwischen.

»Nein, das ist es nicht.«, Emory rieb sich nervös den Nacken, unvorbereitet auf die Frage, die Nobunaga sogleich stellte.
»Würde dich denn niemand vermissen?«

Der Wind trug Moxley zermürbenden Kommentar zu ihnen herüber: »Als ob die Heulsuse Freunde hat.«

Emory zuckte zusammen. Der Alte hatte Ohren wie eine Fledermaus. Und ein abscheulich schlechtes Taktgefühl. Obwohl… so ganz Unrecht hatte er mit seiner Behauptung nicht.

»Da gibt es leider nicht wirklich jemanden.«, gab Emory schließlich zu. »Mademoiselle Lemaire, die Frau, die mich aufgezogen hat, nachdem meine Mutter starb, hat mich vor die Tür gesetzt, als ich volljährig wurde. Von da an war ich auf mich allein gestellt.«

Während Moxley ein langgezogenes »Langweilig!« verlauten ließ und sich wieder lauthals grölend seinem nicht ganz jugendfreien Liedtext widmete, konnte Emory zumindest Nobu ansehen, dass sie bemerkte, was diese Erzählungen in ihm auslösten.
Emory schluckte. Auch, wenn Nobu ihm wohl bei Weitem mehr Verständnis entgegenbringen würde, als Moxley auf dem gesamten Rest ihrer Reise, so wollte er sich vor ihr doch nicht die Blöße geben.
Aus Angst davor, dass die Worte, wie so oft, mal wieder in seinem Hals steckenbleiben und niemals gesagt werden könnten, presste er sie regelrecht über seine Lippen.

»Ich schau mir mal das Schiff an!«

☠️


Die Stirn ein ganz klein wenig in Falten gelegt, folgte Nobus Blick dem Knirps. Dass er sich der Situation entziehen wollte, konnte sie zwar nachvollziehen, nächstes Mal sollte er den anschließenden Sprint jedoch vermeiden. Es sagte noch mehr über ihn aus, als der belegte Unterton seiner Stimme.
Dennoch. Es war nicht ihr Problem. Und bisher machte der Knirps glücklicherweise keinerlei Anstalten, es zu ihrem Problem zu machen.
Geschmeidig erhob Nobunaga die langen, bleichen Arme über ihren Kopf und stieß ein leichtes, viel zu hohes Quietschen aus, als sie sich streckte. Augenblicklich spürte sie Moxleys Blick in ihrem Rücken. Ob sie dies beabsichtigt hatte? Vielleicht.

Betont langsam wand Nobu dem alten Trunkenbold den Kopf zu. Die Augen ein winziges Stückchen weiter geschlossen als nötig, tat sie, als würde sie sich einen Krümel aus dem Mundwinkel wischen. Ganz zufällig strich ihr Finger dabei die Kontur ihrer Lippen entlang.
Nobu war als könne sie hören, wie Moxleys Herz schneller zu schlagen begann. Wie das Blut in seinen Adern in Wallungen geriet und wie die Flasche in seiner Hand plötzlich nicht mehr das Wichtigste an Deck der Mantis war.
Innerlich seufzte Nobu. In diesem Fall hätte sie selbst mit dem Knirps ein schwereres Spiel gehabt, als mit diesem Lustmolch von Mann, der dabei war, alles um sich herum zu vergessen. So auch das Steuer, welches bereits begann, aus seinem Griff zu gleiten.

Mit bestimmten und doch keinesfalls hektisch wirkenden Schritten, setzte Nobunaga sich in Bewegung. Es dauerte nur Sekunden, bis sie vor Moxley zum Stehen kam.
Ihr ausgestreckter Zeigefinger auf einem der hölzernen Griffe reichte, um den Kurs augenblicklich wieder zu korrigiere. Ihr scharfer Blick spiegelten sich in Moxleys trüben Augen. Er war alt geworden.

»Mach Platz.« Nobu grinste von oben auf ihn hinab. »Ich übernehme das Steuer wieder.«

Ohne auch nur den Versuch zu starten, Widerworte zu geben, trat Moxley zur Seite. Gerade weit genug, um Nobu den Posten zu überlassen. Noch immer nah genug, damit sich ihre Körper bei der kleinsten Bewegung des Schiffes, berührten.

Nobunagas Finger kribbelten. Jedem anderen Mann hätte sie längst eine verpasst. Mit der Faust – nicht mit der flachen Hand – wie es sich gebührte.
Doch Moxley war nicht wie jeder andere Mann. Moxley war schlimmer. Anbiedernder. Doch in all den Jahren, die sie miteinander verbracht hatten, hatte er niemals versucht, diese Seite seiner selbst zu verbergen. Und auf eine seltsame Art hatte Nobu es zu akzeptieren gelernt.
Moxley tat nicht mehr, als sich selbst vollkommen treu zu bleiben. Und auch, wenn dieses Selbst nicht gerade edel war, nichts, womit man sich gerne umgab, so war es dennoch beeindruckend.

Sie musste sich auf die Zunge beißen, um die Frage nicht über ihre Lippen wandern zu lassen. Doch es war zu früh. Sie hatten sich erst vor einem Tag wiedergetroffen. Noch nicht einmal volle vierundzwanzig Stunden miteinander verbracht. Würde sie ihn nun zu viel fragen, würde Moxley wohlmöglich komplett dicht machen.
Nobunaga resignierte. Das konnte sie nicht riskieren, dafür stand viel zu viel auf dem Spiel.

Statt Moxley mit Fragen aus der Reserve zu locken, entschied Nobunaga sich schweren Herzens dafür, ihrem alten Kameraden ein verwegenes Lächeln zu schenken, während der leichte Wind ihre Haare tanzen ließ.

»Es ist lange her, dass wir gemeinsam gesegelt sind. Ich hätte nicht gedacht, dass du mein nächstes Mal auf See noch erlebst.«

☠️


Nobunagas Haare wurden von dem stürmischen Wind, der ihr entgegen blies, durch die Luft gewirbelt. Obwohl sie sich in nahezu alle Kleidungsstücke gehüllt hatte, die sie besaß, fror sie ungemein.
An ihrem kleinen Horn hatte sich bereits eine Eisschicht gebildet. Doch sie konnte sie nicht abstreifen. Die See war so rau, dass sie schon Probleme damit hatte, den Kurs zu halten, wenn sie beide Hände am Steuer hatte.

Eine heftige Böe peitschte ihr ins Gesicht. Winzige Wassertropfen, die sich im Wind verfangen hatten, peitschten in ihr Gesicht, schnitten über ihre eisige Haut.
Der Schal, den Nobu um ihren Hals gewickelt hatte, hatte sich gelöst. Eines der langen Enden flatterte hinter ihr im Wind, so sehr, dass es ihr beinahe die Luft abschnürte.
Doch obwohl das Schiff voller Menschen war, konnte sie keinen ihrer Kameraden bitten, kurz das Steuer zu übernehmen. Sie waren die Crew der Eiseskälte. Frost, der über das Meer kroch und ganze Inseln voller Furcht erstarren ließ. Und doch hatte ein einziger, eisiger Sturm gereicht, um die ach so tapferen Männer im Bauch des Schiffes verschwinden zu lassen.

Nobus Flüche gingen im Geschrei des Windes unter. Die feinen, weißen Schwanden, die ihren Mund als einziger Hinweis darauf, dass sie überhaupt etwas sagte, verließen, verloren sich im Dunkel der Nacht.
Wie gerne Nobu bei den Männern wäre. Mit Sicherheit hatte Musa etwas gekocht. Feurig scharf, wie immer, doch in diesem Moment konnte Nobu an nichts denken, was ihre Lebensgeister schneller wieder aus ihrer frostigen Starre reißen konnte, als die chili-überladenden Gerichte des Smutjes.
Das Wasser, welches in ihrem Mund zusammenzulaufen begann, drohte zu frieren, als Nobu den nächsten Fluch ausstieß.
Bis die unter Deck zu den anderen stoßen würde, hätten die Männer vermutlich längst alles Essbare vernichtet. Mit ihnen zusammenzuleben war, wie mit einem Rudel wilder Tiere zu hausen. Ein Leben, gezeichnet von Machtkämpfen, Ranganfechtungen und einem viel zu ausgeprägten Futterneid.
Ob Nobu dabei mehr störte, dass es so war, oder dass sie in diesem System einfach an allerletzter Stelle stand und sich mit den Resten begnügen musste, die die Männer ihr unter den Tisch fallen ließen, konnte sie nicht sagen.

Urplötzlich peitschten ihr grüne Strähnen ins Gesicht. Nass und halb gefroren fühlte es sich an wie Peitschenhiebe, die mit Sicherheit rote Striemen hinterlassen hatten.
Nobu kannte sich zu wenig mit Wetter und der Navigatoren-Lehre aus, um zu wissen, weshalb der Wind gedreht hatte. Alles, was sie wusste, war, dass es gleich noch schwerer werden würde, das gewaltige Schiff auf Kurs zu halten. Denn die Wellen waren bereits dabei, sie immer seitlicher zu erfassen.

Noch ehe Nobu den Gedanken vollkommen abschließen konnte, wurde die Torture von einer unbändigen Kraft erfasst. Immer weiter neigte sie sich zur Seite.
Nobu schrie, als sie den Boden unter den Füßen verlor. Sie schlitterte über die nassen Dielen.
Die Hände in das hölzerne Steuerrad gekrallt, als würde ihr Leben davon abhängen, wurde sie herumgeschleudert.
Das Schiff schien sich aufzubäumen. Ächzend warf es sich gegen die brausenden Wellen, getrieben von dem harten Kurswechsel, den Nobu vollkommen unabsichtlich herbeigeführt hatte.
Zwischen dem Tosen des Windes schrien die Planken. Sie waren kurz davor zu bersten und Nobu konnte nicht anders, als bei ihrem Wehklagen ebenfalls in Tränen auszubrechen.
Immer wieder versuchte sie, sich wieder aufzurichten und den Kurz zu korrigieren, doch die Wellen verhöhnten sie und warfen sie unablässig von den Füßen.

Nobu spürte, wie ihr Kinn dort, wo sie auf dem Boden aufgeschlagen war, brannte. Sie spürte, wie ihre Tränen auf ihren Wangen froren und wie alles in ihrem Körper danach schrie, den Kurs einfach zu vergessen und sich unter Deck Hilfe zu holen.
Doch wenn sie keine Prügel dafür bekommen würde, dass gerade mit Sicherheit nicht nur ein Glas teurer Whiskey verschüttet worden war, dann spätestens dafür, dass sie ihren Posten verließ.
Würde doch nur…

Nobu kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken. Urplötzlich hatte sich etwas um ihren Hals gelegt. Mit einer Kraft, stark genug, um ihr das Genick zu brechen, wurde sie zurückgerissen.
Der Druck raubte ihr den Atem. Sie japste. Versuchte vergeblich, sich an etwas festzuhalten, während sie über das eisige Deck schlitterte.
Erneut wurde sie abrupt in der Bewegung gestoppt. Ihr Schal, noch immer in der Hand des Unbekannten, hielt sie davon ab, auf immer in der gierigen Gischt zu versinken.

Keine Luft erreichte ihre Lunge. Panisch versuchte Nobu, den Schal von ihrem Hals zu lösen, doch die dicken Handschuhe rutschten immer wieder an der feinen Wolle ab.
Gerade, als Nobu dachte, aufgeben und sich ihrem Schicksal hingeben zu müssen, bekam sie den Stoff endlich an der richtigen Stelle zu fassen.

Das, was Nobus Mund verließ, war undefinierbar. Gequält, verzweifelt, wie der laut eines Tieres, welches seinem Schlächter in die Augen gesehen hatte. Befreit, weil sein Leben aus Leid und Hoffnungslosigkeit endlich beendet werden würde.
Es war der verzweifelte Ruf nach Lebensgeistern, der unausgesprochene Wunsch, nicht zu sterben.

»Sag mal hörst du schlecht!? Du sollst dich nach drinnen verpissen!«

Erst jetzt erinnerte Nobu sich daran, dass jemand sie von dem Steuerrad weggerissen und beinahe in die Wellen katapultiert hatte.
Wut begann in ihrem Inneren zu brodeln. Sie ballte die behandschuhten Kinderhände zu Fäusten, während sie ihrem Kameraden entgegenschlitterte.

»Moxley! Du verdammtest Arschloch! Willst du mich umbringen!?«

Aus ihr sprach die Wut. Wut auf Moxley, der ihr Schicksal beinahe in seine vernarbten Hände genommen und ihrem Geist auf Ewig den Gar ausgemacht hätte.
Doch aus ihr sprach nicht nur Wut. Das, was vor allem aus Nobu sprach, war Angst. Angst vor dem Tod, dem sie gerade näher ins Auge gesehen hatte, als je zuvor.

Tränen benetzten ihre Wangen und ließen ihre Sicht trübe werden. Mit erhobenen Fäusten stürmte sie auf Moxley zu, fest entschlossen, dem Vizen einen Schlag zu verpassen, den er niemals in seinem Leben vergessen würde.
Doch sie traf ihn nicht. Ihre Faust verfehlte seinen breiten Körper um Haaresbreite.

»Du sollst dich verpissen, hab ich gesagt!« Gleich einem Donnergrollen brach seine Stimme über Nobu herein. »Ich bin es nicht, der dich umbringen will. Es ist die See. Und nochmal halte ich sie nicht davon ab!«


☠️


Eingehend betrachtete Moxley die Oni. Den Blick in die Ferne gerichtet, schien sie Erinnerungen an vergangene Leben nachzuhängen. Und auch, wenn er nur zu gerne wissen wollte, woran genau sie dachte, wollte er sie doch nicht dabei stören. Wer wusste, wie sie darauf reagieren würde. Wohlmöglich dachte sie gerade an den Mann ihrer Träume.

Moxley schüttelte den Kopf. Auf dem Meer gab es keine Seelenverwandtschaft. Es gab keine Liebe. Alles, was zwischen den Wellen existierte waren Schmerz, Leid, eine große Prise Hohn und gerade genug Alkohol, um sich nicht darin zu verlieren.

Apropos. Der Knirps war bereits vor einiger Zeit unter Deck verschwunden. Nicht, dass er sich heimlich an den Vorräten zu schaffen machte!

☠️


Der Bauch der Mantis roch eigen. Emory hatte keine Worte, um das, was in seine Nase stieg und sich darin festsetzte, zu beschreiben.
Es war weder ein Gestank, noch war es wohlriechend. Intensiv genug, um ihm entgegenzuschlagen, sobald er in diese dunkle Welt abgetaucht war und doch nicht so extrem, dass es ihm Tränen in die Augen trieb oder seinen Kopf pochen ließ.
Gefangen in einer Wolke aus Wachs und Moder und Gewürzen, aus Ruß und dem Geruch von tausendundeiner Nacht und mindestens genauso vielen Dingen, die er nie zuvor gerochen hatte, taumelte Emory durch den Flur, dem er bei seinem letzten Aufenthalt herzlich wenig Beachtung geschenkt hatte. Kein Wunder, schließlich hatte er in diesem Moment an nichts anderes denken können als daran, sein Gefängnis, den Ort, an dem er zu sterben erwartet hatte, zu verlassen.

Dieses Mal war es anders. Zwar flüchtete Emory erneut, doch tat er dies nun nicht aus Angst.
Er wollte sich von den anderen beiden schlichtweg nicht erneut die Blöße geben.
Außerdem hatte er – auch wenn Emory wusste, dass dies nur sein kläglicher Versuch war, sich die Situation irgendwie schönzureden – seinen knurrenden Magen schon für eine ganze Weile ignoriert.

Emory konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal etwas gegessen hatte und so war es kein Wunder, dass ihn der Hunger schlussendlich in die Kombüse trieb.
Ebendiese sah aus, als hätte sich ein Smutje nur Minuten zuvor noch damit beschäftigt, ein paar Brote für seine Kameraden zu schmieren.
Emory kannte sich zwar nicht mit der Seefahrt aus, doch er erinnerte sich daran, wie ihm ein Kapitän vor Jahren erzählt hatte, dass die Crews, die an Meadow anlegten, das Brot der Insel ebenso sehr begehrten, wie ihre Mädchen. Weil es verdammt gutes Brot war und es sich leider nur sehr kurzhielt.

Denk Gedanken im Hinterkopf, dass es wohlmöglich das letzte Mal sein würde, dass er das berühmte meadow’sche Brot zwischen die Zähne bekam, zögerte Emory nicht lange und griff beherzt zu. Den Ärger der letzten Minuten hatte er zwar nicht vergessen, sehr wohl jedoch in eine tiefergelegene Ecke seines Gedächtnisses verbannt.

In der Hoffnung, dass Nobu und vor allem Moxley ihn noch einen Moment in Ruhe lassen würden und er sich vielleicht schnell etwas zubereiten konnte, ohne dass er sich wieder blöde Bemerkungen anhören musste, weil er der erste war, der aufgrund eines Hungergefühls oder irgendetwas anderem einknickte, beeilte Emory sich, schnell fertig zu werden.

Emory hatte sich zu früh gefreut. Gerade als er damit fertig war sich ein Sandwich zu machen, drauf und dran, genüsslich hineinzubeißen erschien Moxley in der Küche.
Einmal mehr musste Emory feststellen, dass er ihn nicht hatte kommen hören. Sowohl Nobu als auch Moxley könnten sich dieses lautlose Anschleichen schleunigst abgewöhnen. Er setzte es auf seine mentale Liste an Dingen, die er als Käpt’n einmal ansprechen würde, wenn er den nötigen Mut aufgebracht hatte. Also nie.

Während Emory noch an seine innere Käpt’n-Liste dachte, griff Moxley bereits kommentarlos nach Emorys Sandwich und schnappte es dem Jungen direkt vor der Nase weg. Emorys Augen folgten Moxleys Bewegung und ehe er sich selbst stoppen konnte, seufzte er entrüstet.

»Was war das gerade?«

Amüsiert zog Moxley eine Augenbraue in die Höhe.
Bevor Emory auch nur Anstalten machen konnte, seine Entrüstung erneut in Worte zu fassen, hatte Moxley ihn bereits am Haarschopf gepackt und seinen Kopf gegen die Tresenfläche gedonnert.
Ein schmerzverzerrter Laut kämpfte sich über Emorys Lippen, ehe er unsanft auf seinem Hintern landete. Tränen bildeten sich in seinen Augenwinkeln. Sein Herz raste.

»Wenn ich das nicht mehr tun kann, dann kannst du damit anfangen mir zu widersprechen zu erteilen. Aber bis dahin, solltest du lieber ganz schnell lernen, wo dein Platz ist.«

Zähneknirschend wischte Emory sich die blutige Nase mit seinem Handrücken ab. Moxley ging vor ihm in die Hocke und biss demonstrativ von seinem Sandwich ab.

»Weißt du, diese Welt ist kein sonderlich netter Ort, besonders nicht für so jemanden wie naja…dich. Du solltest anfangen dir ein dickeres Fell wachsen zu lassen.«

Emory war sich nicht sicher, ob Moxley ihm gerade wirklich einen gut gemeinen Rat gegeben hatte, ihm drohte, oder ob der Alte nur nach einem Grund suchte, um ihm weiterhin zu verprügeln. Obwohl, dafür braucht er gar keinen Vorwand.

»Also, wie wäre es, wenn du deinen knochigen Arsch bewegst und mir noch ein Sandwich machst?«

Moxley hielt ihm versöhnlich die Hand entgegen.
Emory hasste sich in dem Moment, als er das Friedensangebot annehmen wollte. Er hasste Moxley, als dieser seine Hand zurückzog und laut auflachte.
Während Emory am Boden blieb, erhob sich der Alte und grinste auf ihn hinab. Er ließ Emory spüren, dass Welten zwischen ihnen lagen.

☠️


Bedrückt starrte Emory die Brotkrümel auf seinem leeren Teller an, die nur noch entfernt daran erinnerten, dass auf diesem Schiff einmal Brot existiert hatte. Bestes meadow’sches Brot, von welchem er nicht einmal ein Kantstück abbekommen hatte.
Indes saß Moxley ihm gegenüber und demonstrierte seine besten Manieren, indem er seine Beine auf der Tresenfläche überschlagen hatte und mit seinem Stuhl, in einer wilden Mischung aus Langeweile und Leichtsinn, gefährlich weit nach hinten kippte.
Ohne ein Wort des Dankes stopfte er das zweite Sandwich¬, welches Emory schweigend für ihn zubereitet hatte, in sich hinein.
Emory wusste nicht, warum er sich überhaupt noch mit ihm in einem Raum befand. Das letzte Fünkchen Selbstwert in ihm weigerte sich scheinbar wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz das Weite zu suchen.
Sein Kopf pochte unschön von seiner unfreiwilligen Bekanntschaft mit der Anrichte und Emory fiel beim besten Willen kein Thema ein, über das er sich mit jemandem wie Moxley untehaltenkönnte.

Selbst wenn, würde der Alte bestimmt einen Weg finden ihre Unterhaltung auf die beiden Dinge zu lenken, die ihn interessierten: Alkohol und Brüste. Zumindest waren das die einzigen Interessen, die Moxley bisher gezeigt hatte.
Also hüllte sich Emory in Schweigen, legte seinen Kopf in den Nacken und tupfte mit einer Serviette seine nach wie vor blutende Nase ab. Er rümpfte sie ein paar Mal und stellte erleichtert fest, dass sie wohl nicht angeknackst war.

»Keine Sorge, noch viel krummer kann deine Nase nicht werden.«

Moxley gab einen amüsierten Laut von sich, während er mit dem Mund eine Kippe aus der Zigarettenpackung zog, welche er aus seiner Manteltasche gefischt hatte. Kurz flammte sein Feuerzeug auf, ehe Moxley kleine Rauschwolken in die Luft blies.
Emory konnte sich unzählige Gründe einfallen lassen, warum der Alte in der Küche nicht rauchen sollte, aber er war in den letzten 24 Stunden schon so oft bedroht und verdroschen worden, dass seine Lippen versiegelt blieben.

Moxleys gehässiges Lächeln ließ vermuten, dass Emory damit nur wieder eine seiner schrecklichen Theorien bestätigt hatte. In diesem Fall vermutlich, dass Schläge eben doch eine ausgezeichnete Lehrmethode waren.

»Also…was hat dir deine Mutter hinterlassen, was du nicht auf deinem Kuhkaff von Insel lassen konntest?«

Emory ließ den Kopf langsam nach vorne kippen. Er war sich sicher, dass Moxley nicht einmal halb so desinteressiert klang, wie er es vorgehabt hatte. Und doch glaubte er daran, sich einfach nur verhört zu haben.
Die Vorstellung, dass Moxley gerade versuchte Smalltalk mit ihm zu führen, war noch lächerlicher als das Benehmen, welches Emory in den letzten 24 Stunden an den Tag gelegt hatte.
Seine Finger kneteten unruhig die blutige Serviette. Er traute dem Frieden nicht. Kein Stück. Moxley suchte bestimmt nur nach einem Grund, um sich über ihn lustig zu machen.

»Hey du kleine Ratte! Ich versuch hier gerade nett zu sein, arbeite gefälligst mit mir.«

Emory schloss die Augen.
Was würde er nur dafür geben, schon jetzt den nächsten Hafen zu erreichen.


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nachwort



Hey ihr Lieben,

ich möchte mich abschließend noch einmal für alle Einsendungen bedanken. Ich liebe die Charaktere und ihr habt mir die Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht.

Wie ihr aus dieser kleinen Einleitung ablesen könnt, habe ich jedoch eine Entscheidung getroffen, wer mit Emory, Moxley und Nobunaga segeln wird. Diese Entscheidung sollte sich mittlerweile in Form einer Mail in eurem Postfach befinden.

Dies hier ist das letzte Filler-Kapitel. Ich habe mir viele Gedanken zum Plot und zu den nächsten Zielen der Reise gemacht. Ich möchte nicht zu viel verraten, jedoch werden wir wohl noch einige Zeit im West Blue bleiben und auf spannende Charaktere treffen.

Dadurch, dass das Plotten und vor allem auch das Treffen und Ausformulieren meiner Entscheidung und der Rückmeldungen viel Zeit in Anspruch genommen hat, bin ich leider noch nicht dazu gekommen, auf eure Reviews zu antworten.
Ich möchte mich trotzdem nochmal im Speziellen bei Grauschwinge, Banzairaven und Liya Pheles bedanken. Als Autoren könnt ihr vielleicht nachvollziehen, wie viel mir die Reviews bedeuten und dass sie mir jedes Mal einen neuen Motivationsschub geben, dieses Projekt voranzutreiben!

Eure Rückmeldungen, aber auch die generelle Interaktion mit allen Beteiligten ist wirklich schön und ich freue mich sehr, euch an Bord zu haben!

Bis Emory den nächsten Charakter an Bord hat, wird es auch gar nicht mehr so lange dauern. Wir sind eine Steglänge entfernt vom nächsten Arc und ich hoffe sehr, dass ihr euch genauso sehr darauf freut, wie ich!

Da ich aktuell keine Kapitel mehr vorgeschrieben habe und nun mehr mit Nachlesen und Planen beschäftigt sein werde, als bei den bisherigen Kapiteln, bitte ich euch jedoch um ein wenig Geduld. Ich möchte vor allem zu meiner Upload-Geschwindigkeit keine Versprechungen machen, die ich nicht halten kann.
Was ich euch jedoch sagen kann, ist, dass zwischen Kapiteln immer mindestens zwei Wochen liegen werden. Denn selbst wenn ich einen Rutsch habe, möchte ich die Kapitel nicht zu schnell herausballern und meinen Vorsprung verlieren.

Also, nochmal vielen Dank!
Ich genieße es, diese Geschichte gemeinsam mit euch und euren Charakteren voranzubringen und bin schon sehr gespannt auf eure Spekulationen zu diesem Kapitel.

Ganz liebe Grüße

eigengrau ❤️
 
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