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Adam & Eve

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
07.09.2022
28.09.2022
14
20.757
5
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
22.09.2022 4.102
 
Fragen über Fragen



Als Adam kurz darauf abermals aus dem Badezimmer kam, stellte Eve mit einer Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung fest, dass er zumindest wieder vollständig bekleidet war. Obwohl er es geföhnt hatte, war sein Haar noch immer leicht feucht. Am liebsten hätte Eve die Hand danach ausgestreckt und wäre mit den Fingern hindurch gefahren. Doch sie konnte sich gerade noch beherrschen.

In Ermanglung eines besseren Gesprächseinstiegs, verwies sie Adam auf das Erste, das ihr in den Sinn kam. »Dein Handy hat übrigens gerade geklingelt.«
»Ach ja?« Mit drei Schritten war er am Schreibtisch angekommen. Er nahm das kleine Gerät an sich und warf einen langen Blick auf das Display.
Täuschte sich Eve, oder verfinsterte sich sein Mienenspiel schlagartig?
»Macht es dir was aus, wenn ich kurz telefoniere?«, fragte er, als er den Blick wieder hob.
»Aber nicht doch. Tu dir keinen Zwang an.«
»Gut, es dauert auch nicht lang«, erwiderte Adam, ohne sein Vorhaben jedoch in die Tat umzusetzen. Auffordernd sah er sie an.  
»Oh, soll ich solange raus gehen?«, fragte Eve erschrocken.
»Nein, schon gut. Ich gehe.« Entschieden lief er auf die Tür zu.

Wie gern Eve beim folgenden Telefonat Mäuschen gespielt hätte, war nicht schwer zu erraten, aber so viel Anstand es nicht zu tun, besaß sie dann doch.

Eine Weile lief sie noch im Zimmer umher, nahm die Einrichtung unter die Lupe, überprüfte mit der Fingerspitze, ob sich Staub auf einem der Möbelstücke gesammelt hatte, doch dann drangen ihr die schmerzenden Füße wieder ins Bewusstsein.

Seufzend ließ sie sich auf das riesige Bett plumpsen. Am liebsten hätte sie sich auf den Rücken gelegt und einfach nur die Augen geschlossen. Doch an Schlaf war gerade nicht einmal zu denken. Außerdem konnte Adam jede Sekunde wieder auftauchen und dann wollte sie ihm keinen falschen Eindruck vermitteln.

Gedanken abwesend kramte sie ihr eigenes Smartphone hervor.
Harriet hatte versucht, sie anzurufen und ihr außerdem vier Nachrichten geschrieben.
Eve rief den Chat auf und las.

20:21 Uhr Ich weiß nicht, wie du es angestellt hast, aber ich danke dir! Feierabend, Baby! Whooot Whooot. Lust auf einen Absacker?

20:33 Uhr Hallo? Erde an Eve - wo bist du?

20:38 Uhr Hast du meine Lieblingsbluse geklaut?!

21:12 Uhr OMG! Man munkelt, du bist mit Adam Dancer abgehauen. Stimmt das???? Ruf mich an, wenn du das liest. XOXO

Weil sie zu nervös zum Tippen war und ganz genau wusste, dass Harriet nicht Ruhe geben würde, wenn sie sie weiter ignorierte, nahm Eve eine kurze Sprachnachricht auf. Dabei versuchte sie, möglichst leise zu reden. »Hey Harrie, ja es stimmt. Ich bin bei Adam. Keine Sorge - ich erzähl dir später alles. Und wegen deiner Bluse: Ja, die hab ich auch. Tut mir leid. War echt ein Notfall. Du bekommst sie zurück. Versprochen. Hab dich lieb. Bis später!«

Gerade noch rechtzeitig beendete Eve die Aufnahme, denn schon im nächsten Moment klopfte es an der Tür. Hatte Adam seine Schlüsselkarte nicht eingesteckt oder war das tatsächlich schon der Zimmerservice?

Es gab nur einen Weg das herauszufinden.
Eve öffnete die Tür und sah sich mit einem riesigen Pizzakarton konfrontiert.
Ein betörender Duft stieg ihr in die Nase. Und erst jetzt wurde ihr so richtig bewusst, wie hungrig sie doch war.
Mit einem Lächeln, aus dem die pure Vorfreude sprach, dankte sie dem freundlichen Hotelangestellten und zog aus ihrer Hosentasche einen 10 Dollar Schein hervor, doch der Page lehnte höflich aber bestimmt ab, was Eve verwunderte. Lebte das Servicepersonal in diesem Hotel etwa nicht unter anderem auch vom Trinkgeld?
»Vielen Dank«, sagte sie schlicht und nahm die dampfende Schachtel entgegen.

Suchend sah sie sich nach Adam um. Sie fand ihn am anderen Ende des Flures. Er hatte ihr den Rücken zugekehrt und war offenbar noch immer in das recht hitzige Telefonat vertieft.
Kurz überlegte Eve, ob sie ihm Bescheid sagen sollte, dass das Essen da war, doch zum einen wollte sie nicht, dass seine Frau ihm wegen der Störung unangenehme Fragen stellte und zum anderen schien das Gespräch für ihn sehr wichtig zu sein, weshalb es ihr falsch vorgekommen wäre, ihm mit einer solchen Nichtigkeit auf den Geist zu gehen.
Eve hatte nicht vorgehabt, zu lauschen, allerdings kam sie nicht umhin, die folgenden Worte aufzuschnappen: »Ich hab dir gesagt, ich werde da sein. Wieso zweifelst du daran? Hab ich dich jemals angelogen?«
In Eves Magen bildete sich ein Kloß. Es war nicht nur, was er da zu seiner Frau sagte, sondern wie er es sagte. Sein Tonfall klang nicht besonders liebevoll, aber es lag etwas unfassbar Vertrautes in seinen Worten. So sprachen nur zwei Menschen miteinander, die sich in- und auswendig kannten.

Zum wiederholten Male erwischte Eve sich bei der Frage, warum sie überhaupt hier war. Wieso hatte Adam sie nur zu sich eingeladen? Was versprach er sich davon?

Ganz offensichtlich gab es Probleme in seiner Ehe - oder zumindest war nicht alles eitel Sonnenschein. Wenigstens hatte sich nach all den Jahren mit Sicherheit eine gewisse Routine zwischen den beiden entwickelt. Das war doch völlig normal. Genauso normal wie die Tatsache, dass sich nach so langer Zeit auch Gelüste entwickeln konnten. Was Eve wieder in eine Rolle degradierte, in der sie sich überhaupt nicht gerne sehen wollte.

Ernüchtert entschied sie sich dazu, sich in das Zimmer zurück zu ziehen und solange zu warten, bis Adam wieder zu ihr stieß. Doch der Appetit, der gerade noch schier grenzenlos gewesen zu sein schien, war mit einem Schlag wie weggeblasen.

»Mhm, das riecht aber köstlich!« Adams Stimme ließ Eve von ihrem Handy aufsehen. Er lächelte als er den Raum betrat, doch ganz so ein guter Schauspieler war er wohl doch nicht, denn Eve nahm ihm die Unbeschwertheit, die er ihr gerade vorzugaukeln versuchte, keine Sekunde lang ab.
Was lief da nur schief zwischen ihm und seiner Frau?
»Alles okay bei dir?«, fragte Adam irrwitziger Weise.
»Das wollte ich dich auch gerade fragen.«
»Ach … Das war nur…« Er brach ab und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Nicht der Rede wert.« Tiefe Falten hatten sich auf seiner Stirn gebildet.
Geschäftig gab er vor, sich auf dem Schreibtisch umzusehen. »Wo ist die Focaccia?, wollte er wissen.
Und auch wenn Eve wusste, dass dies lediglich ein Ablenkungsmanöver war, folgte sie seinem Blick. »Keine Ahnung, vielleicht hat der Page sie vergessen?«
Sie sah, wie Adam das Bett umrundete und abermals zum Telefonhörer griff.
»Was ist? Was hast du vor?«
»Na, ich ruf nochmal an.«
»Brauchst du doch nicht! Hast du nicht das Wagenrad gesehen, das sie uns da geliefert haben? Das schaffen wir doch sowieso nicht ganz.«
»Sprich für dich, Debonowski. Ich für meinen Teil bin unersättlich.«
Eve spürte, wie ein Erregungsschauer über ihren Rücken jagte.
»Wow, das klang jetzt unbeabsichtigt anzüglich«, bemerkte Adam lachend, schnappte sich den Pizzakarton und ließ sich damit ihr gegenüber auf das Bett fallen.

»Also schön. Dann begnügen wir uns fürs Erste eben hiermit.« Er stützte sich mit dem Ellenbogen ab und ließ seinen Blick über das Festmahl schweifen.
»Ladies first«, sagte er schließlich und bedeutete Eve, sich zu bedienen.
Doch aus irgendeinem Grund genierte sie sich plötzlich vor ihm.
Adam, der das zu registrieren schien, verdrehte nur kurz die Augen.
Anstatt sie weiter zu nötigen, das erste Stück zu nehmen, griff er selbst danach und biss beherzt hinein. Vollkommen hemmungslos verschwand ein riesiger Bissen in seinem Mund, was er jedoch postwendend zu bereuen schien.
»Fuck«, fluchte er und sah sich hektisch nach einer Serviette um.
Eve lachte schnaubend und ein kleines bisschen Schadenfreude machte sich in ihr breit.

»Kannst du mal gucken, was die Minibar so hergibt?«, bat Adam, dem ganz offenbar noch immer die Zunge brannte. »Im Eifer des Gefechts hab ich doch vollkommen vergessen, was zu Trinken zu bestellen.«
»Im Eifer des Gefechts?!«, wiederholte Eve belustigt, kam seiner Aufforderung jedoch liebend gern nach. Auch sie verspürte einen Durst, der dringend gestillt werden musste.

Leichtfüßig erhob sie sich vom Bett und schlenderte zur Minibar hinüber. Sie musste sich ziemlich weit hinunter bücken, um alles inspizieren zu können, was das gute Teil anzubieten hatte. Viel war es allerdings nicht.

»Also, du hast die Wahl. Ich kann dir entweder eine Mini-Cola oder ein noch kleineres Wasser anbieten.« Gut gelaunt drehte sie sich zu ihm um, doch schon im nächsten Moment machte das vorherrschende Gefühl einem anderen Platz. Ihr Herz pochte wie verrückt. Wenigstens besaß Adam den Anstand, seinen Blick schnell wieder abzuwenden.
»Gib mir einfach das, was du weniger gern hättest«, sagte er in einer betont gleichgültigen Stimmlage und diesmal war Eve sich sicher - er hatte ihr ganz eindeutig auf den Hintern gestarrt!
Ohne sich etwas von den aufwühlenden Gefühlen, die in ihrem Inneren tobten, anmerken zu lassen, reichte sie ihm die Dose Cola.
Adam nahm sie entgegen, öffnete sie und trank sie in einem Zug fast aus.
»Jetzt kann ich dir glaube ich nur noch einen Scotch anbieten.«
»Also Trinken sollte ich jetzt definitiv nichts!«
Eve ließ diese Aussage im Raum schweben, setzte sich wieder zu ihm und fragte ganz direkt: »Machst du das eigentlich öfter?«
»Was? Pizza Essen? Ja, kommt schon mal vor. So ab und zu.«
»Nein, ich meine, nimmst du öfter fremde Frauen mit auf dein Zimmer?«
Sie musste es einfach wissen.
»Wenn sie so hübsch sind wie du …«
Völlig perplex fiel Eve die Kinnlade hinunter.
Hatte er das gerade wirklich gesagt?
»Woah, ruhig Blut, Harvey Weinstein«, murmelte sie, nachdem sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte.
Über diese Aussage musste Adam so lachen, dass ihm der Rest Cola, den er gerade im Begriff war, zu Trinken, im hohen Bogen wieder aus der Nase sprudelte.
Mit peinlich berührter Miene murmelte er eine Entschuldigung und säuberte sich mit der herumliegenden Serviette. Ein vornehmer Esser war er nun wirklich nicht gerade, aber aus irgendeinem Grund machte ihn das in Eves Augen nur noch sympathischer.

»Wieso bist du so schockiert?«, wollte er schließlich wissen. »Das ist es doch, was du von mir hören wolltest, oder etwa nicht?«
»Schätzt du mich so ein?«, fragte Eve, der überhaupt nicht nach Lachen zumute war. Was dachte Adam denn von ihr?
»Nein«, erwiderte er ohne zu zögern, was Eve fast in den Wahnsinn trieb.
»Und wieso sagst du das dann?«, fragte sie ungeduldiger als beabsichtigt.
»Weil es stimmt.«

Frustriert über die Widersprüchlichkeit seiner Aussagen sah Eve ihn für einen Moment sprachlos an, während sie sich gleichzeitig fragte, was er meinte.
Was stimmte? Fand er sie wirklich hübsch oder nahm er tatsächlich ständig Frauen mit auf sein Zimmer? Wieso konnte er sich nicht einfach klar und deutlich ausdrücken? Die Frage, die sie ihm gestellt hatte, war doch nun wirklich nicht so kompliziert.

»Du denkst bestimmt ich bin der größte Chauvinist, nicht wahr?«
Du willst nicht wissen, was ich wirklich denke, Dancer, hätte Eve am liebsten erwidert, sagte aber im Anflug von trockenem Humor: »Chauvinist? Meinst du, das ist der korrekte Terminus dafür?«
»Nenn es wie du willst. Draufgänger, Aufreißer … Lebemann … Dafür hältst du mich doch. Hab ich recht?«
»Oh, ich würde niemals so weit gehen und dich einen Lebemann nennen«, erwiderte Eve in gespielter Entrüstung.
Darüber musste Adam ebenfalls herzhaft lachen. »Ich mag dich, Debonowski. Wirklich. Dein Humor …« Er formte mit Zeigefinger und Daumen einen Kreis und küsste beides. »Einfach exquisit!«
»Nun, ich freue mich, dass ich zu deiner Belustigung beitrage. Aber ich würde schon ganz gerne ernsthaft mit dir reden. Wenigstens für einen Moment.«
»Nur zu.«
»Na ja … Du musst schon zugeben, dass das hier irgendwie merkwürdig ist …« Sie deutete auf die Umgebung. »Immerhin kennen wir beide uns kaum.«
»Und?«
»Und… ich frage mich … Wieso hast du ausgerechnet mich gefragt, ob ich mit auf dein Zimmer komme?« Und was hattest du ursprünglich mit mir vor?, hätte sie gerne noch hinzugefügt, hoffte allerdings, dass er dies von sich aus aufklärte.
Adam schien mit sich zu hadern. Einige Sekunden verstrichen, dann sah er sie mit ernster Miene an und fragte: »Die Wahrheit?«
Eve nickte beherzt. »Ich bitte darum.«
»Nenn mich verrückt, aber… als ich dich am Set gesehen hab…« Er machte eine Pause und Eve rechnete schon fest damit, dass er sie wieder auf den Arm nehmen würde mit einer übertrieben schwülstigen und ganz sicher nicht ernstgemeinten Aussage. Doch zu ihrer großen Überraschung klangen seine nächsten Worte so, als würde er tatsächlich meinen, was er da von sich gab. »Ich war vollkommen fasziniert von deiner Darbietung. Und davon, wie ruhig du geblieben bist, obwohl Maren es dir alles andere als leicht gemacht hat.«

Wieso nur hatte Eve das Gefühl, dass er mit dem zweiten Teil seiner Aussage den ersten relativieren wollte?

Mit wild pochendem Herzen strich sie sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Ja, sie kann einen schon manchmal ganz schön auf die Nerven gehen«, sagte sie leichthin, doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm.  

Du warst fasziniert von meiner Darbietung? Trotz des Blackouts? Kann mich mal bitte jemand kneifen?, hätte sie am liebsten gesäuselt.

»Glaub mir, wenn sie so mit mir gesprochen hätte …« Adam warf ihr einen bedeutungsschwangeren Blick zu.
Eve verdrehte die Augen. »Das kann man ja wohl kaum vergleichen.«
»Was meinst du?«
»Na, als ob jemals jemand so mit dir sprechen würde …«
»Hast du eine Ahnung. Ich bin in meinem Leben schon auf viele Marens gestoßen. Aber ich wär jetzt nicht da, wo ich bin, wenn ich mich nicht durchzusetzen wüsste. Und genau das kann ich dir auch nur ans Herz legen.«
»Was? Mich durchzusetzen?«
»Ja. Deine Kritikfähigkeit in allen Ehren, aber du solltest dir nicht alles gefallen lassen.«
Da sagst du was, dachte Eve, erwiderte jedoch nichts, was Adam dazu veranlasste, weiterzusprechen. »Wenn du willst, kann ich mal mit ihr reden«, schlug er vor.
»Worüber?« Erschrocken sah Eve ihn an.
»Na, dass sie dich nicht so behandeln soll.«
»Lass das lieber!«, erwiderte sie panisch. »Am Ende denken noch alle, wir hätten was miteinander!«
»Und das wollen wir ja nicht«, entgegnete Adam, sein Blick jedoch schien das Gegenteil zu sagen.
»Nein, ich schätze, das wollen wir nicht«, bestätigte Eve und nestelte erneut an einer ihrer widerspenstigen Haarsträhnen herum.
Sie war nervös. Unfassbar nervös.

Eine peinliche Stille machte sich zwischen ihnen breit.

»Und deswegen hast du mich eingeladen? Weil dich meine Gelassenheit am Set beeindruckt hat?«, griff Eve das Thema nach einigen Sekunden abermals auf und betrachtete Adam mit ungläubig gerunzelter Stirn.
Da musste doch mehr dahinterstecken. Was waren seine wahren Absichten?
»Ja, deswegen und weil mich deine Darbietung fasziniert hat.«
»Ja, richtig.«
»Und du mir sympathisch bist. Aber das sagte ich ja bereits.«
»Ja, das sagtest du bereits.« Eves Mund wurde immer trockener.
Sie räusperte sich verlegen und öffnete die Flasche Wasser um überhaupt irgendetwas zu tun. Noch immer hatte sie die Pizza nicht einmal probiert.  
»Viel wichtiger ist jedoch die Frage, wieso du darauf eingestiegen bist«, warf Adam ein.
»Wie, was meinst du?«
»Wieso hast du mich begleitet, wenn du meine Absichten derart in Frage stellst?«
»Ich stelle nichts in Frage. Es ist nur … Ich hab mich halt gewundert. Das ist alles.«
»Und dennoch bist du mitgekommen. Warum?«
»Du kannst fragen stellen…«
»Die gleichen wie du.«
»Keine Ahnung. Wie war das noch gleich? Manchmal tut man Dinge, ohne groß darüber nachzudenken. Ganz intuitiv.«
»Und ganz intuitiv wolltest du mich auf mein Zimmer begleiten. Was dachtest du, was hier passiert?«
»Na, dass wir zusammen essen. Was sonst?«
»Und wieso isst du dann nichts?«
»Tue ich doch!«, erwiderte Eve und griff wie zur Bestätigung ihrer Worte nach einem großen Stück Pizza.
Es war sonnenklar, dass die Hälfte davon auf Harriets Bluse landen würde.
»Na, großartig!« Hilflos versuchte Eve mit einer Serviette das Gröbste zu säubern, machte es damit allerdings nur noch schlimmer. »So kann ich doch jetzt nicht rumlaufen«, erklärte sie verzweifelt.
Ohne etwas darauf zu erwidern, erhob Adam sich.
Eve folgte ihm mit den Augen, sah wie er zum Schrank lief und etwas aus seiner Reisetasche hervorholte. »Hier. Es ist nicht das Modischste, aber besser als nichts.«
Erst mit Verzögerung fiel ihr auf, dass er ihr eines seiner T-Shirts reichte. Es war zweifellos frisch, aber dennoch eine seltsam intime Geste.
»Du kannst auch so bleiben. Mich stört der Fleck nicht«, erklärte er schulterzuckend.
»Nein, ich bin sofort wieder da.«

Als Eve die Badezimmertür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sie sich für einen Moment dagegen und sah sich in dem winzigen Raum um.
Noch immer waren Teile des Spiegels leicht beschlagen. Wassertropfen zierten die gläserne Duschkabine.
Eve schluckte.
Aufgewühlt betrachtete sie ihr Spiegelbild. Der Tomatensaucen-rote Fleck sprang ihr als erstes ins Auge. »Harriet reißt mir den Kopf ab«, murmelte sie verdrießlich. »Gott! Ich bin so dämlich. Wie kann man sich gleich zweimal innerhalb eines Abends die Kleidung versauen? Das kann aber auch echt nur mir passieren!« Wehleidig knöpfte sie sich die Bluse auf, nahm Adams Shirt und drückte ihre Nase in den weichen Stoff.
Neu war das Shirt nicht, obwohl es ganz eindeutig gewaschen worden war. Trotzdem bildete Eve sich ein, seine persönliche Note noch immer wahrnehmen zu können. Abermals bedachte sie ihr Spiegelbild mit einem Blick. Sie versank nahezu in Adams Oberteil. Die Ärmel reichten ihr bis zu den Ellenbogen.
Fast schon kleinlaut kehrte sie zu ihm zurück.

»Wow, du solltest es behalten.«
»Hm?«
»Das Shirt. Es steht dir auf jeden Fall besser als mir.«
Eve lächelte verlegen.
»Nun setz dich und iss endlich was. Aber diesmal sollten wir vielleicht ein bisschen besser aufpassen. So langsam gehen mir nämlich die Klamotten aus.«

Obwohl Eve der Appetit ein für alle Mal vergangen war, und sie nach Adams letzter Aussage vor Scham am liebsten im Erdboden versunken wäre, kam sie seiner Aufforderung trotzdem nach. Diesmal aber wirklich mit etwas mehr Bedacht.

»Wo waren wir stehengeblieben?«, fragte Adam, nachdem Eve zwei Stücke verdrückt hatte.
Auch er selbst war bis eben noch immer mit Essen beschäftigt gewesen, trocknete sich nun aber die Finger an einer Serviette ab und sah Eve herausfordernd an.  
Mit dem ersten Bissen war auch bei ihr der Hunger wiedergekommen. Die Pizza schmeckte wirklich köstlich, aber Adams Frage bescherte ihr ein flaues Gefühl in der Magengrube.  
»Keine Ahnung«, schwindelte sie und wischte sich nun ebenfalls die Finger mit einer Serviette ab.
»Ah, ich weiß. Wir wollten gerade die Frage klären, wieso du dich hierauf eingelassen hast.«
»Hatten wir das nicht bereits abgehakt?«
»Ich fürchte nicht. Zumindest frag ich mich noch immer, ob du ernsthaft angenommen hast, ich würde direkt über dich herfallen, sobald wir unter uns sind.«
»Keine Ahnung, was ich angenommen hab, aber wie ich vorhin bereits sagte, sicher nicht, dass du vorhast, über mich herzufallen.« Eve konnte nichts dagegen tun, aber ihre Stimme klang gereizt, was nach Adams nächster Aussage nur noch schlimmer wurde.
»Wieso bist du plötzlich so nervös?«
Plötzlich?!
»Ich bin nicht nervös.«
»Doch. Sieh dich nur an, deine Wangen werden schon wieder ganz rot.«
»Kein Wunder, es ist ja auch ganz schön heiß hier drin.« Zur Verdeutlichung ihrer Worte fächerte sie sich mit der rechten Hand ein wenig Luft zu.
»Nein, Kleines. Es ist nicht heiß hier drin. Das bin nur ich«, scherzte Adam, trotzdem durchzuckte ihr Körper bei seinen Worten ein wohliges Kribbeln.
Kleines… Eve, die gerade dabei gewesen war, sich zu räuspern, begann zu husten. Auf keinen Fall wollte sie sich anmerken lassen, wie sehr ihr dieser albern dahingesagte Kosename aus seinem Mund gefiel.
»Sag mal … stellst du andere gern bloß?!«, fragte sie, als sie wieder zu Atem gekommen war.
»Nein, ich sag nur gern, was ich sehe. Und ich sehe, dass du nervös bist. Ganz eindeutig.«
»Und du bist furchtbar, weißt du das?«
»Bin ich das?«, fragte er nun sanfter.
»Ja, du … du alter Lebemann, du. Da, jetzt hab ich’s gesagt!«
»Lebemann? Wow, das tut weh.« Getroffen griff er sich an die Brust.
»Tja, selber Schuld!«

Eine Weile schwiegen sie, dann fragte Adam ganz unvermittelt: »Was ist das eigentlich für ein Parfum?«
»Das ist Rose Gold von Tiffany. Darf ich dir auch noch eine Frage stellen? Allerdings eine recht ernste ...«
Adam zuckte die Schultern. »Du kannst es gern versuchen.«
»Was … ich meine, versteh mich bitte nicht falsch, aber … was würde deine Frau hiervon halten?«
»Wovon? Dass wir hier zusammen Pizza essen?«
»Ja, in deinem Hotelzimmer. Mitten in der Nacht. Allein
»Es ist nicht mal zehn. Ich weiß nicht, ob man das mitten in der Nacht nennen kann.«
»Adam! Bitte…«
Sie sah, wie er schluckte.
Der Schalk verschwand aus seinen Augen. Er machte einer aufrichtigen Ernsthaftigkeit Platz.
»Joanne ist kein eifersüchtiger Typ«, sagte er schließlich.

Joanne? Wieso nannte er seine Frau beim Vornamen? Das klang furchtbar lieblos. Und was meinte er damit, dass sie kein eifersüchtiger Typ war?
Führten sie etwa eine offene Ehe? War das das Geheimnis hinter der Langlebigkeit ihrer Beziehung? Sich die ein oder andere Freiheit zu gewähren?

»Ihr seid schon sehr lange zusammen. Oder?«, traute sich Eve nachzuhaken, wusste aber nicht, ob sie die Antwort wirklich hören wollte.
Adam zögerte eine Weile, dann sagte er: »Dreizehn Jahre.«
Und da hatte man es wieder - den Medien konnte man wirklich nicht vertrauen. Laut People Magazine waren sie und Adam seit 2008 zusammen. Also bereits seit vierzehn Jahren.
»Wow«, war alles, was Eve darauf erwidern konnte.
»Was ist? Was denkst du?«
»Nichts, es ist nur … Dreizehn Jahre … Das ist eine verdammt lange Zeit.«
Er nickte mit ernster Miene. »Und in all der Zeit war ich ihr nie untreu. Falls es das ist, was du mich als nächstes fragen willst.«
»Na ja, wenn man mal von den zahlreichen Filmromanzen absieht.«
»Was meinst du?«
»Das wilde Herumgeknutsche, mit den schönsten Frauen der Welt …« Eve sah ihm vielsagend in die Augen.
»Du meinst die Filmküsse? Du weißt aber schon, dass ich keine der Frauen wirklich geküsst habe, oder? Genauso wenig wie ich jemals wahrhaftig mit einer Frau am Set geschlafen habe.« Er sah sie an, als würde er in Frage stellen, dass sie beide tatsächlich denselben Job ausübten. »Außerdem ist Aussehen nun wirklich nicht alles.«
»Sagte der Mann mit den hinreißenden Augen.« Eve biss sich abermals auf die Zunge.
Das hätte sie nicht sagen dürfen!
Adam grinste belustigt. »Hinreißend? Also das hat noch keine zu mir gesagt.«
»Na, das bezweifle ich doch stark«, erwiderte Eve und versuchte das Thema schnell wieder in ungefährlichere Gefilde zu führen. »Trotzdem stelle ich es mir schwer vor, in unserer Branche eine derart langlebige Beziehung zu führen.«
»Ja, da magst du recht haben.« Adam blickte in die Ferne und fügte kurze Zeit später: »Wir haben auch einen Sohn zusammen«, hinzu. Als würde das alles erklären.
»Ja, ich weiß«, erwiderte Eve aus einem Reflex heraus, biss sich aber auf die Zunge, als ihr die Konversation von vorhin im Lift wieder in den Sinn kam. Noch dazu wollte sie nicht, dass Adam dachte, sie wüsste über jede Einzelheit in seinem Leben Bescheid. Ganz so, als wäre sie besessen von ihm.
Doch zu Eves großer Erleichterung schien er davon überhaupt keine Notiz genommen zu haben.
»Er ist mein ganzer Stolz.« Ein verträumt wirkendes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. »Anders als mir damals soll es ihm in seiner Kindheit an nichts fehlen«, fügte er hinzu und bedachte Eve mit einem eindringlichen Blick, bevor er weitersprach. »Und am Dienstag wird er eingeschult.« Seine Laune hob sich sichtlich.
»Wow, das ist …« Eve fehlten die Worte.
Was konnte man darauf sagen? Herzlichen Glückwunsch?
»Ein Penny für deine Gedanken.«
»Hm?«
»Ich würde zu gern wissen, was du jetzt denkst.«
»Komisch, mir geht es genauso. Ich würde auch gerne wissen, was du denkst.«
»Oh, das kann ich dir sagen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr sich in den letzten Jahren alles verändert hat.«
»In Bezug auf was?«
»Mein Leben. Vor ein paar Jahren noch hat mich kaum eine Frau mit dem Arsch angeguckt und schau mich jetzt an. Jetzt kann ich mich vor Angeboten kaum retten. Und jedes Mal frag ich mich: Sieht sie mich jetzt nur so an, weil ich so erfolgreich bin in dem, was ich tue oder könnte da vielleicht doch mehr dahinter stecken?«
»Das ist seltsam«, erwiderte Eve ehrlich.
»Was? Dass auch ich mit Unsicherheiten zu kämpfen habe?«
»Nein. Dass du dir als verheirateter Mann solche Fragen stellst.«
»Ach Eve …« Adam seufzte schwer und so, wie er ihren Namen aussprach, als bestünde er aus flüssiger Seide, machte sich ein Gefühl von unbändiger Sehnsucht in ihr breit. »Wir beide kennen uns noch nicht so gut, aber glaub mir einfach, wenn ich sage … So abwegig ist das gar nicht.«
»Wie meinst du das?«
»Das erklär ich dir besser ein anderes Mal. Bist du denn satt geworden?«
»Ja. Ich bekomm keinen Bissen mehr runter.«
»Schön. Soll ich dich dann nachhause bringen?«
Schon?
»Ich meine, du kannst auch gerne hier schlafen …«
Sie bedachte ihn mit einem Blick, der besagte: Kann ich das?
Offenbar kamen sie beide zeitgleich zum selben Schluss, denn Adam seufzte erneut und sagte: »Komm. Ich bring dich nach Hause.«
Und vielleicht war das im Augenblick tatsächlich das Beste.
Ganz bestimmt sogar.
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