Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

what the cat dragged in

von kastanea
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Freundschaft / P16 / Mix
Nico di Angelo Will Solace
30.08.2022
22.09.2022
3
8.731
6
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
22.09.2022 3.000
 
-

„Gute Güte“, sagte Chiron milde, als Nico am Samstagmorgen in den Bodega-Laden kam. Er blickte auf die drei Packungen Tiefkühlerbsen, die Nico auf die Kassentheke gelegt hatte. „Dass ich noch erlebe, wie Nico di Angelo Gemüse kauft.“

„Die Tränen von unschuldigen Babys sind nicht so gesund, wie man denkt“, sagte Nico.

„Wir haben auch Kühlpacks im Sortiment“, schlug Chiron vor.

„Dann bitte drei von denen, und nichts von diesem Zeug hier.“

Chiron tauschte zwei der Erbsen mit Kühlpacks und scannte Nicos Einkäufe ein. „Spannendes Wochenende gehabt?“, fragte er.

„Es war nicht meine Schuld“, grummelte Nico und bezahlte. „Irgendein -“ Idiot? Arschloch? Sexy blonder Medizinstudent? „ – Typ hat mir in der Bar eine verpasst. Versehentlich.“ Es klang lächerlich, jetzt wo Nico es laut aussprach. Aber trotzdem war er hier, mit einem blauen Auge nach einer schlaflosen Nacht. Nico hatte sich alle zwei Stunden einen Wecker gestellt, um in den Gruppenchat zu schreiben, dass er noch nicht an einer Gehirnblutung verstorben war.

„New York City“, sagte Chiron, als wäre das eine ausreichende Erklärung. (Was es irgendwie auch war.) Er reichte Nico seine verpackten Einkäufe und lächelte Nico aufmunternd an. „Dann ruh dich aus, und gute Besserung, Nico.“

Der gleißende Sonnenschein blendete Nico, als er aus Chirons Bodega-Laden trat. Er stolperte beinahe in eine Frau hinein, die ihm im letzten Moment auswich, ohne mit dem Telefonieren aufzuhören. Jaah, New York City. Nico mochte versehentlich blaue Augen sammeln und Ratten in der Größe eines Katzenbabys sehen, aber unterm Strich war er trotzdem froh, hier zu sein. Nico konnte nicht genau sagen, was sich so krass für ihn verändert hatte – aber seit er im Frühling hier hergezogen war, fühlte Nicos Leben sich deutlich weniger stagnierend. Er mochte das Tempo, das die Stadt vorlegte. Die geklippte Effizienz, der harscheren East Coast Akzent. Und, dass die Männer hier Anzüge tragen, und Sandalen nicht als Business Casual zählte. Nicos Zeit in Los Angeles fühlte sich mit jedem vergehenden Monat mehr wie ein lauwarmer Fiebertraum an.

Wobei es mittlerweile auch lauwarm hier war. Eigentlich. Die Hitzewelle, die die Stadt im Schwitzkasten gehalten hatte, war vorbei – auch wenn es sich nicht ganz so anfühlte. Die Temperaturen waren zwar auf unter 30 Grad runtergegangen, aber das Wetter war nach wie vor eitler Sonnenschein. Die Touristen schwärmten die Stadt. Der Gemeinschaftsgarten in Nicos Block schien aus seinen Beeten und Begrenzungen zu explodieren; ein letztes Hoch auf den Sommer.

Nico war froh, als er wieder in seiner Wohnung angekommen war. Er machte die Fenster zu und zog seine dunklen Vorhänge vor. Im Kühlschrank fand Nico noch ein Ei und eine alte Portion Takeout-Reis, also briet er sich eine Reispfanne, wo er die Erbsen reinhaute, die Chiron ihm mitgegeben hatte. Nico machte ein Foto von seinem Essen und schickte es Reyna und Jason mit der Bildunterschrift gefüttert und gewässert. Separat, denn ihr Dreier-Gruppenchat war seit einiger Zeit tot.

Reyna antwortete nicht, aber Jason schickte einige enthusiastische Smileys zurück.

Bist du nicht zu beschäftigt und alt für diese Emojis, schrieb Nico ihm.

Fühlt sich so an, antwortete Jason. Ich bin bei einem Klientenessen. Alle hier sind zwanzig Jahre älter und betrunken. Es ist 14:00. Rette mich.

Nico schnaubte in seinen gebratenen Reis rein. Viel Spaß, Mr. Anwalt

Dann legte er sein Handy weg, denn der Bildschirm ließ seine Augen unangenehm brennen. Nico aß fertig und wanderte dann mit einem Kühlpack auf seinem Auge unschlüssig in seiner Wohnung herum. Er konnte sich nicht an das letzte Mal erinnern, wo er nichts zu tun hatte. Selbst wenn Nico nicht arbeitete oder zu seinen Freunden geschleift wurde, gab es immer etwas, was er tun konnte. Staubsaugen. Netflix schauen. Hauptsächlich essen und schlafen. Und sich über den 3C Typ aufregen.

Aber in der Nachbarswohnung war es überraschend still.

Nicos Gedanken schweiften zu dem Typen aus der Bar, und er verzog das Gesicht. Gott, was für ein Zusammentreffen. Das letzte Mal, wo er eine so heftige Reaktion auf jemanden hatte, war es Percy Jackson gewesen. Und das hat in einem grandiosen peinlichen Finale geendet, als Nico unangekündigt um drei in der Nacht vor Percys Wohnung ausgetaucht war, um seine Gefühle zu gestehen. Er hatte Annabeth nackt gesehen, sie hatte sein Liebesgeständnis gehört, und Percy hatte sich am Kopf gekratzt und in bester Percy-Manier gesagt, „Ich fühle mich echt geehrt und alles, aber sorry, Nico. Du, äh, bist nicht mein Typ?“

Nico würde lieber eine Nacktschnecke essen, als so etwas nochmal zu erleben. Und was wenn er die ungünstigsten Männer attraktiv fand? Nico hatte schließlich einmal zu seinem Entsetzen feststellen müssen, dass er Leo Valdez zu mindestens 35% heiß und nicht nervtötend irritierend fand. Und er hatte es überlebt.

Einfach ignorieren und weitermachen. Es war ohnehin nicht so, dass Nico an einer Beziehung interessiert war.

(Er hatte nicht die geringste Lust auf eine Neuauflage von Dem Percy Jackson Ding. Besonders nicht mit einem dahergelaufenen Mediziner mit den blauesten Augen, der ihm selbst ein blaues Auge verpasst hatte.)

-

Die nächsten paar Tage machte Nico nicht viel.

Reyna hatte ihn freigestellt. „Nico, es ist für zwei Tage. Du kannst zwei Tage lang im Krankenstand sein.“

„Ohne mich stapeln sich buchstäblich die Leichen bei euch im Keller“, drohte er.

Nico konnte förmlich durch das Handy hören, wie Reyna die Augen rollte. „Das 33ste Revier funktioniert durchaus ohne deine Anwesenheit, Nico. Und wenn es einen Notobduktion gibt, leiten wir sie ans 42st weiter.“

„An Octavian? Der Typ ist der beschissenste Gerichtsmediziner des NYPDs. Der schafft es eher, die Zukunft in den Eingeweiden zu lesen, als einen brauchbaren Bericht zu schreiben.“

Reyna ignorierte ihn. „Nico, wenn du vor Montag auf dem Revier auftauchst, lasse ich dich verhaften.“

„Grober Machtmissbrauch, Captain.“

Reyna hatte nur aufgelacht und dann aufgelegt. Nico vermutete, dass sie ganz froh war, dass sie ihm zu einer Pause zwingen konnte.

Immerhin war Lou Ellen glücklicherweise wieder gesund, und hielt Nico am Laufenden, was in der Pathologie-Abteilung vor sich ging.

Weniger arbeit für mich lol, hatte sie Nico geschrieben, während sie fröhlich die Datenschutzregeln ignorierte und Labortestergebnisse an Nico weiterleitete. Somit konnte er an einigen ausstehenden Berichten weiterarbeiten. Nico kam zum Schluss, dass Lou Ellen gar nicht so übel war, auch wenn sie Rechtschreibung und Interpunkturregeln nicht beachtete. Sie waren noch nicht so lange Kollegen, aber Lou Ellen war um Welten besser als Drew Tanaka, mit der Nico im LAPD arbeiten musste.

So hielt Nico tapfer bis zum folgenden Montagnachmittag durch, wo er seine Therapiesitzung hatte. Um 16:30 fand er sich im Wartezimmer von Dr. Lupa ein.

Zum Glück hatte Nico am Freitagnachmittag seine Therapiesitzung, also fiel ihm die Decke nicht zu sehr auf dem Kopf. Um 16:30 fand er sich im Wartezimmer von Dr. Lupa wieder. Nico starrte auf die ausgestellten Prospekte. Dr. Lupa hatte ein breites Angebot, von Hilfe bei sexueller Orientierung bis zu Selbsthilfegruppenangebote für Alleinerziehung anboten. Wieso gab es hier so viele Sitzplätze? Lupa führte eine Eigenpraxis mit Einzeltherapie. Es konnte ja nur einer nach dem anderen drankommen.

Er fragte sich, in was der blonde Typ von der Bar sich wohl spezialisierte. Musste Nico jetzt immer befürchten, ihn zu treffen, wenn er medizinische Unterstützung brauchte?

In seine Gedanken vertieft verpasste Nico beinahe, wie Dr. Lupa ihn aufrief. Hastig stand er auf und folgte ihr ins Behandlungszimmer.  

Dr. Lupa war eine gut erhaltene Frau mittleren Alters, doch Nico hatte den Eindruck, dass sie schon seit sehr langer Zeit genauso aussah. Ihre graumelierten Haare waren wie immer zu einem professionellen Knoten zurückgebunden. Jedes Mal, wenn Nico in ihre Praxis kam, hatte er das Gefühl, als würde er mit einem Raubtier in einen Käfig steigen. Im überraschenderweise positivsten Sinne.

„Wie geht es Ihnen, Mr. di Angelo?“, fragte sie.

Nico zuckte die Achseln. „Ganz okay. Wie immer.“

„Wie immer?“ Ihre silbernen Augen huschten über Nicos Gesicht.

„Naja, das tut schon weh. Die Haut spannt ein bisschen.“

„Ich kenne eine gute rezeptfreie Creme für Blutergüsse, falls Sie interessiert sind“, sagte Lupa und machte es sich in ihrem Sessel bequem.

„Hmm.“

Sie schwiegen. Ein beklemmendes Gefühl beschlich Nico. Normalerweise konnte er jeden zu Tode schweigen, aber seine Psychologin war eine Ausnahme. Die Stille mit Dr. Lupa war wie eine gewichtete Decke. Drückend, aber sie zwang Nico sich zu entspannen und loszulassen.

„Möchten Sie darüber reden?“

„Naja“, sagte Nico langsam. „Es ist kein großes Ding.“

„Okay“, sagte Lupa, ungerührt. Sie warf einen Blick auf ihren Notizblock, der auf ihrem Beistelltisch stand. „Wie sieht es aus mit Ihrem Schlafrhythmus, Mr. di Angelo?“

Nico begann, über seine vergangene Woche zu sprechen. Aber er merkte selbst, dass sein Herz nicht ganz bei Sache war. Es war stickig im Raum, auch wenn das Fenster einen Spalt offenstand. Die Stimmen von zwei streitenden New Yorkern schwang sich über dem Straßenlärm zu ihnen hinauf.

„Ich möchte nochmals fragen“, sagte Lupa, nachdem sie sich über Methoden geeinigt hatten, wie Nico seine Zubettgehzeit und Schlafqualität verbessern konnte. (Aktivitäten, die Nico leicht unterbrechen konnte, und keine Bildschirmzeit nach 10.) „Möchten Sie über Ihre Verletzung reden?“

Nico starrte auf das Bein von Dr. Lupas Sessel. Es war verschnörkelt und golden, im krassen Gegensatz zu ihrem kargen, minimalistisch eingerichteten Zimmer. Er sollte seine Psychologin vielleicht fragen, wo sie ihre Sitzmöbel kaufte.

„Ich fand jemanden heiß“, sagte er.

„Im Sinne von attraktiv? Sexuell anziehend? Oder objektiv gutaussehend?“

Nico verzog das Gesicht. „Ja. Also, zu allen drei.“

„Nun, das ist etwas, das viele Menschen erleben.“ Dr. Lupa fixierte ihm mit ihrem Stahlblick. „Verzeihen Sie mir, aber können Sie erklären, wie Sie von meiner Frage auf Ihre Aussage gekommen sind?“

Nico gestikulierte zu seinem Gesicht. „Der Typ hat mir das hier verpasst. Versehentlich!“, fügte er hastig hinzu, als Lupas Augenbrauen in die Höhe schossen. In knappen Worten schilderte er, was am neulich beim Fortgehen passiert war.

„So wie ich verstehe, sind es zwei Sachen, die in Ihnen Gefühle auslösen“, sagte Lupa und lehnte sich zurück in ihrem Sessel. „Irritation und Verärgerung über Ihre Verletzung, und Attraktion und Verwirrung über den Mann von der Bar.“

„Irritation und Verärgerung wegen meine Attraktion gegenüber dem Bar-Typen“, verbesserte Nico sie.

„Mr. di Angelo, wir haben einmal über Gefühle über Gefühle gesprochen. Wir haben uns geeinigt …“ Lupa blätterte durch ihren Notizblock. „Ah, hier. Sie haben einen wunderbaren Vergleich mit einem Hund und seinem Erbrochenen gebracht. Können Sie sich mit einem Hund identifizieren, der sich übergeben hat und sein Erbrochenes auffrisst?“, fragte sie, ohne die Miene zu verziehen.

Nico unterdrückte den Drang, die Augen zu verdrehen. „Nein, kann ich nicht.“ Die meiste Zeit zumindest. „Aber ich dachte, meine Gefühle müssen immer gefühlt werden?“, fügte er ein wenig patzig hinzu.

Lupa blätterte weiter durch ihre Notizen. „Darüber haben wir auch gesprochen. Letztendlich sind wir uns einig gewesen, dass es das primäre Gefühle-Fühlen stört, wenn Sie zu viele sekundäre Gefühle darüber haben.“

In Momenten wie diesem dachte Nico, was für ein wunderbarer Rechtsanwalt an Dr. Lupa verloren gegangen war. „Hmpf.“

„Man kann seine Gefühle nicht alle gleichzeitig verdauen. Vielleicht können Sie überlegen, wie Sie das machen?“

„Meinen Sie, in einer Reihenfolge oder so?“, fragte Nico.

Lupa legte den Kopf schief. „Sicher. Sie können sich chronologisch mit ihren Gefühlen beschäftigen. Oder nach Stärke der Gefühle. Welchem Gefühl wollen Sie denn zuerst … ah, Platz geben?“

Nico wusste es nicht.



Dr. Lupa warf einen Blick auf die Uhr, die neben ihr auf dem Tisch stand. „Für heute sind wir mit unserer Zeit am Ende. Lassen Sie sich das nochmal durch den Kopf gehen, Mr. di Angelo. Wir können gerne nächstes Mal weiter darüber reden. Aber das wichtig<y e ist, nicht zu viel auf einmal abzubeißen.“

-

Nico verließ, wie immer leicht desorientiert, Dr. Lupas Praxis. Psychotherapie machte ihn immer benommen. Um aus den Tiefen seines Geistes wieder aufzutauchen, nahm Nico die U-Bahn. Nichts brachte einen schneller zurück in die Realität, als neben einem Punk mit regenbogenfarbenem Mohawk zu sitzen, der plötzlich sein Akkordeon herauszog und den Subway-Wagen bespielte.

An seiner Station stieg Nico aus. Er drängelte sich durch die Wartenden am Bahnsteig, während die warme Subway-Luft ihm die Haare ins Gesicht blies. Während Nico die Treppen zur Straße aufstieg, bekam er wieder Verbindung, und sein Handy summte mit den Benachrichtigungen. Die meisten Nachrichten erkundigten sich nach seinem Gesundheitszustand, ganz vorne dabei Hazel. Er hatte auch drei verpasste Anrufe, gefolgt von ihrem Wie war Therapie???.

Nico seufzte. Okay, wer hatte bitteschön bei seiner Schwester gepetzt?

Verdutzt verzog er das Gesicht, als auf seiner Nase etwas Nasses landete. Schmerz zuckte über sein Wange. Grantig darüber, dass er nicht grantig dreinschauen konnte, blinzelte Nico zum Himmel hinauf.

Dicke, dunkelgraue Wolken hingen zwischen den Häuserdächern. Es fing gerade an zu regnen. Während Nico gerade unter dem Überhang der U-Bahntreppe stand, prasselten die dicken Tropfen im immer dichter werdenden Abstand auf den Asphalt.

Die Hitzewelle über New York City wurde endlich gebrochen.

Es war noch ein Sommergewitter, und der Regen war nicht kalt. Aber Nico ahnte irgendwie, dass es danach nicht mehr nervtötend schwül sein würde. Es war fast Ende September. Der Herbst begann.

Nicos erster Winter stand vor der Tür.

Er hatte durchaus schon stereotypisches Winterwetter erlebt. Seine Familie fuhr gerne in Aspern Schi. Gott, Nico war ein paar Jahre in Maine aufs Internat gegangen. Er wusste, wie Schnee aussah. Aber dennoch -

Nico hob sein Gesicht gen Himmel und sog die nasse Luft ein. Ein Schwall von Leuten drängelte sich an ihm vorbei, hinauf auf die Straße, unbekümmert über den Wolkenbruch.

Nico fühlte, wie etwas Enges sich in seinem Brustkorb löste. Vielleicht war er fucking ungeduldig, vielleicht war es die Therapiesitzung, die er gerade hinter sich hatte. Aber Nico trat unter dem Überhand hervor, die Treppe hinauf in den Regen.

Er wohnte zwar keine zwei Blocks von der U-Bahn Station entfernt, aber bis Nico bei seinem Wohnhaus ankam, war er längst durchnässt. Seine Klamotten klebten an seinem Körper, seine Haare tropften. Nicht, dass das im Regen bemerkbar war. Nico fühlte sich nicht wirklich wohl damit, aber er fühlte sich auch nicht schlecht.

Nico fühlte sich lebendig wie schon lange nicht.

Seine Schlüssel waren glitschig in seinen nassen Händen, weshalb er beinahe die Katze übersah. In einem Moment war die Stelle neben ihm leer, im nächsten presste sie sich an den Türstock. Nico schaute sie an. Die Katze blinzelte zurück. Ihr graues Fell klebte an ihrem mageren Körper. Das Einzige schöne an ihr waren ihre leuchtend blauen Augen. Dieselbe Farbe wie der Streifen von Himmel, der geradezwischen den Wolken hervorlugte. Wie der blonde Typ von der Bar.

Nico schnaubte und sah weg. Wow, das war ein grässlicher Gedanke. Er schaffte es endlich, die Eingangstür aufzusperren.

Die Katze, die sich nicht von ihrem Platz neben dem Türrahmen bewegt hatte, miaute kläglich. Nico warf ihr einen abschätzigen Blick zu. Selbst wenn sie nicht klitschnass wäre, wäre sie keine besonders schöne oder niedliche Katze gewesen – sie war zu zerrupft dafür, zu alt, mit seltsamen Proportionen. Sie musste einen Besitzer haben – anders konnte Nico es sich nicht erklären, wie so ein hässliches Vieh so lange auf der Straße überleben konnte.

„Kommst du jetzt rein oder nicht?“, fragte Nico die Katze.

Sie starrte ihn an. Nico seufzte ungeduldig.

„Beweg deinen Hintern, Katze. Rein oder raus. Entscheide dich.“

„Miaaaau.“

Nico fluchte ein bisschen und ging vor der Katze in die Hocke. Hielt mit seinem Körper die Eingangstür offen. „Hier her. Pspspsps.“

Die Katze kniff ihre Augen zusammen. Sie beobachtete Nico aus blauen Schlitzen, jämmerlich nass und würdevoll zugleich.

„Leck mich doch“, sagte Nico entnervt und richtete sich ächzend auf. Was zur Hölle, er mochte nicht einmal Katzen. „Dann ertrink halt hier draußen, du Diva.“

Sprachs, und ging ins Haus. Doch noch bevor Nico die Tür zufallen hörte, flitzte ein grauer Blitz an ihm vorbei. Auf halber Höhe zum ersten Stock hielt die Katze inne und drehte sich zu Nico um, ihre blauen Augen blitzten durch die Dämmerung im Stiegenhaus. Dann rannte sie zielsicher die Treppen hoch.

Nico ließ einen angehaltenen Atem aus. Das Vieh schien doch einen Besitzer zu haben, hier im Haus. Einen ziemlich schrecklichen, offenbar, der seine Haustier bei dem Wetter ausschloss. Aber nichtsdestotrotz. Nico schüttelte seinen Kopf, um das Wasser aus seinem Haar zu kriegen. Das konnte ihm ja egal sein.

Der Lift, der seit Nicos Einzug im Frühling kaputt war, war noch immer nicht repariert worden. Nico konnte sich drei Treppen hochschleppen. Der Flur im dritten Stock roch wieder einmal durchdringend nach Gras. Links von Nicos Wohnungstür, auf dem aggressiv fröhlichen Trautes-Heim-Glück-Allein Fußabtreter von Wohnung 3C, lag die Katze zusammengerollt. Er spürte, wie sie ihm beim Aufsperren beobachtete. Nico rollte die Augen in ihre Richtung.

Arschloch-Nachbar schien nicht wie jemand zu sein, der eine Katze hielt. Nico fragte sich, ob seine Katze auch taub war, so laut wie er immer Musik abspielte.

Zu diesem Zeitpunkt war die Kälte von Nicos nasser Kleidung in seinen Knochen gesunken. Zitternd und tropfend taumelte er ins Bad. Doch dann hörte er, wie sein Arschloch-Nachbar die Dusche abdrehte. Was bedeutete, dass Nico kein heißes Wasser mehr hatte.

Fantastisch.

Nico sollte vielleicht ausziehen. Er war sich ziemlich sicher, dass der Typ aus 3C es manchmal nicht mal böse meinte, aber sie schienen wie verhext zu sein.

Kopfschüttelnd – und zähneklappernd – duschte er kurz und kalt. Als Nico trockene Pyjamas angezogen hatte, und der gebratene Reis von gestern sich in der Mikrowelle drehte, fühlte er sich deutlich besser. Er zog die Vorhänge auf und kippte sein Fenster. Die Wolken hingen wie ein Schleier über die Skyline von Manhattan. Es nieselte noch.

Nico rollte sich mit seinem Essen auf der Couch zusammen. Das waren ein paar seltsame Tage gewesen. Er kaute und schluckte. Suchte nach einem Gefühl, dass er ausgiebig fühlen konnte. Nico fand nur graue Stille, wie eine Pause zwischen zwei Regengüsse. Er atmete durch.

-

Titel: Still Breathing – Green Day

Alles Gute zum Geburtstag, Emma :) Immerhin ist das Kapitel pünktlich, falls es meine Karte nicht rechtzeitig geschafft hat haha.

Danke für die lieben Reviews, Favos und Empfehlungen! Ich hoffe dieses Kapitel gefällt euch auch. Das hier war die Ruhe vor (zwischen) dem Sturm, die nächsten zwei Kapiteln sind wirklich rammelvoll gepackt. :o Wir bleiben gespannt.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast