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Schrödingers Katze

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P16 / Gen
Doubt Doubt / Jeje Mikuni Alisuin
29.08.2022
29.08.2022
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[Warnungen: Suizid, leichte/mittlere Spoiler zu Kapitel 112]

Doubt Doubt war grundsätzlich der Meinung, dass es auf dieser Welt Dinge gab, die ihn einfach nichts angingen.

Es war keine herausragende Leistung, oder eine Schlussfolgerung, die einen großartigen Hintergrund gehabt hätte. Eigentlich lag es schließlich auf der Hand; immerhin gab es genug Dinge über ihn, die umgekehrt niemand anderen etwas angingen, und abgesehen davon würden sich manche Probleme leicht vermeiden lassen, wenn man sich einfach aus Sachen heraushielt, mit denen man nichts zu tun hatte.

Aber es ging nicht nur um die Welt um ihn herum. Er hatte lange genug gelebt, genug gesehen und gefühlt, um aufzuhören, sich als Teil dieser Welt zu sehen. Er hatte nie um dieses Leben gebeten, und nachdem alle seine Eves unausweichlich den Verstand verloren, hatte er es aufgegeben, neue Verträge zu schließen. Und irgendwann war aus seiner Distanz gegenüber „potentiellen Eves“ die Distanz zu „Menschen an sich“ geworden, denen er schließlich auch nur beim sterben zusehen würde; und irgendwann wurden auch „andere Vampire“ mehr und mehr zum Teil dieser Gruppe.

Nein, er fühlte sich längst nicht mehr als Teil dieser Welt, aber das bedeutete nicht, dass sich seine Meinung geändert hätte.

Es gab genug Dinge bezüglich seiner eigenen Gedanken, die ihn nichts angingen. Gefühle, die er sich nicht erklären konnte, und auch gar nicht erklären wollte. Schließlich gab es genug, mit dem er sich beschäftigen musste, weil er es nicht geschafft hatte, sich von Anfang an davon zu distanzieren- und in diesem Sinne hatte er schon mehr als einmal gelernt, dass er manche Dinge einfach nicht wusste, und das war gut so.

Es war nicht so, als wäre er eines Tages aufgewacht und hätte sich mit diesem Bewusstsein wiedergefunden. Er war sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt eine wirkliche Entwicklung gegeben hatte, oder ob es einfach ein Teil von ihm war, immer gewesen war, und sich immer wieder aufs Neue zeigte, dass er damit im Recht war. Vielleicht gehörte diese Frage ebenso zu der Liste der Dinge, die ihn nichts angingen und über die er um seiner selbst Willen nicht nachdenken würde.

Nein, begonnen hatte das alles vor einer langen Zeit. Lange, bevor er den Namen Jeje getragen hatte, bevor er nach so vielen Jahren wieder einen Vertrag geschlossen hatte, bevor er All of Love in das Haus der Aliceins gefolgt war, bevor er es aufgegeben hatte, sich mit der Welt um ihn herum zu befassen. Lange, bevor er zum Vampir geworden war.

Geendet hatte es nicht, und das würde es auch nicht, nicht in einer mindestens ebenso langen Zeit. Es war zwar nicht direkt so, als hätte er aufgegeben, aber er fand seine Gedanken immer häufiger davon ausgehen, dass er so bald nicht sterben würde. Allein schon dieser Ausdruck implizierte, dass das etwas Neues war, und er machte sich nicht die Mühe, etwas daran zu verbessern- in einem langen Leben wie diesem spielte Zeit schlussendlich keine Rolle.

Unabhängig der Vergangenheit oder Zukunft, in der er sein Bewusstsein immer wieder abschweifte, als würde etwas in ihm ihn so davon abhalten, darüber nachzudenken, was diese Überlegungen eigentlich ausgelöst hatte, ging es hier um die Gegenwart.

Die Gegenwart, seinen Eve, Mikuni Alicein, wobei sich auch diese Sache inzwischen langsam in die Vergangenheit streckte. Ihr Vertrag war fast zehn Jahre alt, und sie hatten sich schon zuvor gekannt, irgendwie, wenigstens.

Aber hier ging es um die Gegenwart, Mikuni Alicein, und die Frage, was genau Jeje von ihm hielt.

Oder, wie er es irgendwann vereinfacht hatte, ob er ihn hasste oder nicht. Zwar zählte Jeje diesen Gedanken sehr wohl zu den Dingen, über die er besser nicht nachdachte, weil das zu keinem guten Ergebnis kommen konnte. Das änderte jedoch nichts daran, dass er nicht daran vorbeigekommen war, wenigstens manchmal darüber nachzudenken, und damit hatte er es irgendwann auf eine simple Ja-oder-Nein-Frage eingegrenzt. Nicht, dass es ihm bei der Beantwortung geholfen hätte.

Es wäre keine weitere Schwierigkeit, diese Frage mit einem schlichten Nein abzustempeln und weiterzumachen. Mikuni machte es ihm einfach genug, und eigentlich hatte Jeje längst gelernt, sich auf keine Menschen mehr einzulassen. Allen voran seinen Eves. Er wusste, was All of Love über Lawless’ fragwürdige Gewohnheit dachte, aber ganz dazu bringen, ihm zuzustimmen, hatte er sich nie können. Nicht nur, weil es ihn eigentlich recht wenig interessierte, sondern auch, weil er das Gefühl hatte, dass er kein Recht dazu hatte, Lawless dafür zu verurteilen. Nicht, wenn er über kurz oder lang das selbe tat.

Und trotzdem stellte sich etwas in ihm dagegen, einfach diese Entscheidung zu treffen. Es kam ihm wie etwas anderes vor, das ihn nichts anging, und das er besser nicht genauer wissen wollte. Und damit hatte er, im Umkehrschluss, auch nie darüber nachgedacht, wenn er es nicht gemusst hatte. So wie jetzt.

Denn in diesem Sinne hätte er vielleicht früher reagieren sollen. Früher reagieren können, wenigstens, wenn er dieser Frage weiter aus dem Weg gehen wollte.

Es war ironisch. Schlussendlich hätte er sie schließlich selbst beantwortet, indem er etwas getan hätte; einzig den Worten, der Gewissheit, hätte er aus dem Weg gehen können, und so weitermachen wie immer. Es war auf dem Papier vielleicht eine einfache Ja-oder-Nein-Frage, aber in der Realität liefen die Dinge nicht ganz so einfach.

Und bis jetzt hatte es auch nie Schwierigkeiten damit gegeben. Es war vielleicht nicht immer die ideale Lösung, die Dinge zu ignorieren, aber gegeben der Möglichkeiten, die ihm zur Auswahl standen, doch die angenehmere.

Aber an diesem Tag war schon viel zu viel nicht so gelaufen, wie es sollte, oder wie es das sonst tat. Und damit hätte die Frage, die Mikuni ihm an diesem Punkt stellte, nichts mehr sein sollen als der Tropfen auf dem heißen Stein, eigentlich. Vielleicht hätte er auch dann noch anders reagiert. Schlussendlich spielte es auch keine Rolle mehr.

„Jeje, willst du Blut?“

XXX


„Jeje, willst du Blut?“

Jeje hatte dem Regen, der gegen das Fenster in einem Hinterzimmer von Land of Nod schlug, zugehört, und jede Aufmerksamkeit, die in diesem Moment nicht rein auf seine eigenen Gedanken gerichtet gewesen war, galt diesem gleichmäßigen Geräusch, das eine seltsam beruhigende Wirkung auf ihn hatte, und dem halb fertigen Flaschenschiff auf dem Tisch vor ihm. Und offenbar hatte er, nur, weil er inzwischen schon eine sehr lange Zeit mit Mikunis Fähigkeit, sich an alles und jeden, offensichtlich einschließlich dem Servamp des Neids, unbemerkt anzuschleichen, sich noch lange nicht daran gewöhnt. Umgekehrt hatte er das Gefühl, dass es aus irgendeinem Grund schlimmer geworden war, seit sie ihren Vertrag geschlossen hatten. Woher genau das kam, wusste er nicht. Vielleicht, weil er wusste, dass er das so schnell nicht mehr los werden würde.

Nein, es war mehr seine Stimme, seine Anwesenheit, die ihn erschreckt hatte. Die Worte selbst waren im Gegenteil eher der Grund, warum er sich ganz automatisch davon abhielt, zusammenzuzucken, sich umzudrehen, oder überhaupt irgendwie zu reagieren. Vielleicht weigerte Mikuni sich, das anzuerkennen, aber er war nicht dumm, und damit wusste er inzwischen längst, dass er mit der Sache am besten umging, indem er sie einfach ignorierte. Und Mikuni in diesem Zuge, idealerweise, gleich mit.

Mikunis Schritte hinter ihm wurden ein wenig lauter, als er sich ihm näherte, und zeigten Jeje, dass er heute anscheinend kein Glück hatte. Es gab Tage, an denen Mikuni ihn schon nach einem Fehlschlag in Ruhe lassen würde, für die nächsten fünfzehn Minuten, wenigstens. (Es gab sogar Tage, an denen Jeje sich in diesen Situationen dann wirklich bewogen fand, seinen Widerstand aufzugeben, um nach Mikuni zu sehen. Schlechte Tage. Das ganze war irgendwann so weit gegangen, dass er sich inzwischen fast erleichtert fühlte, wenn sein Eve nach nur einem Versuch wieder auf ihn reagierte. Es war ihm in diesen Situationen immer noch lieber als die alternative Option.)

Aber allem Anschein nach war das heute ohnehin irrelevant.

Jeje unterdrückte ein Stöhnen; hauptsächlich, weil er, so, wie er Mikuni kannte, wusste, dass ihn eine solche Reaktion nur noch weiter ermutigen würde. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass sich seine Schultern anspannten, und er drehte sich ein Stück weiter von ihm weg. Gespräche (oder vermutlich besser, Gesprächsansätze, denn Jeje hatte schnell gelernt, es gar nicht weiter als über ein paar Sätze hinaus kommen zu lassen) wie diese hatten dann doch oft genug stattgefunden, dass Jeje es besser wusste, als darauf einzusteigen. Wie genau das enden würde, konnte er zwar nicht genau sagen, dafür war Mikuni immer noch zu unberechenbar, selbst für seinen Servamp. Aber dafür, dass Jeje das Ergebnis nicht gefallen würde, reichte seine Menschenkenntnis aus.

„Jejeee~?“ Er hörte, wie Mikuni hinter ihm einige Schritte zur Seite machte, und kurz darauf erschien der Kopf seines Eves wieder in seinem Blickfeld. Er grinste nicht, wie es in diesen Momenten sonst der Fall gewesen war; stattdessen hatte er die Lippen in einer fast schmollenden Geste aufeinander gepresst, seine bernsteinfarbenen Augen waren passend dazu ein Stück geweitet, und doch wirkte das charakteristische Glänzen darin eine Spur zu präsent auf Jeje, als würde irgendetwas an ihm sich nicht in die Gesamtsituation einfügen lassen. „Ignorierst du mich?“

„Was… willst du?“ Jeje drehte sich bewusst nicht um, ein Teil von ihm hoffte fast, er hätte leise genug gesprochen, dass Mikuni ihn nicht hören würde, während er gleichzeitig genau wusste, dass sein Eve ihn verstehen würde, egal, wie leise seine Stimme werden könnte. Es lag nicht einmal an ihrem Vertrag; es war nur eine andere von Mikunis Eigenheiten, die er kennen lernen hatte müssen, lange bevor irgendetwas von all dem überhaupt passiert war.

„Man ignoriert Leute nicht, wenn sie einem eine Frage stellen.“ Er richtete sich wieder auf und verschwand in diesem Prozess aus Jejes Blickfeld. „So was Unhöfliches, oder, Abel?“

Jeje seufzte angespannt, was mit dem Rasseln in seiner Lunge mehr nach einem knurrenden Stöhnen klang, und drehte sich jetzt doch um, wobei er sich noch im gleichen Moment sicher war, dass er diese Entscheidung bereuen würde.

Mit einem Blinzeln lehnte sich Mikuni ein Stück zu ihm hin und legte den Kopf schief. „Ich rede mit dir“, meinte er, jetzt in einem unschuldigen Tonfall, auf den hin sich Jeje am liebsten wieder umgedreht hätte.

Nein, er bereute es jetzt schon.

Dennoch war ihm selbst bewusst, dass es an dieser Stelle keinen anderen Weg als nach vorne mehr gab, und das mit allen Konsequenzen, die das mit sich brachte.Würde er sich jetzt noch umentscheiden, würde er Mikuni mindestens die nächsten dreißig Minuten nicht mehr los werden. Was auch immer er diesmal vor hatte.

„Was willst du?“, wiederholte Jeje, wohl wissend, wie viel Angriffsfläche er seinem Eve mit diesem Ansatz bot. Andererseits, vermutlich war Mikuni auch nicht darauf angewiesen.

Mikuni machte einen Schritt zur Seite, sodass er sich aufrichten konnte, ohne wieder aus Jejes Sichtfeld zu verschwinden. „Ich habe dir eine Frage gestellt.“ Und dann, weil Jeje wusste, dass Mikuni viel zu geschickt mit Worten war (und damit, sie dafür einzusetzen, zu bekommen, was er wollte, ganz egal, ob die involvierten Personen einverstanden waren oder nicht) und sich mit Sicherheit bewusst war, dass Jejes Verteidigung mit jeder Wiederholung mehr ins Wanken geraten würde: „Willst du Blut?“

„Warum?“ Nein, spätestens jetzt hatte er wahrscheinlich den falschen Weg eingeschlagen. Spätestens jetzt hatte er Mikuni Bestätigung gegeben, dass er sich für sein Angebot interessierte (was, um fair zu sein, vermutlich auch keine neue Information für ihn war, aber erfahrungsgemäß begab Jeje sich damit doch freiwillig in eine unangenehme Situation).

Das einzig gute daran war, dass er diese Prozedur inzwischen oft genug erlebt hatte, um zu wissen, wie es weiter gehen würde. Es war zwar allemal nicht so, als wäre Mikunis Repertoire an dummen Kommentaren oder was auch immer ihm einfiel eingeschränkt, aber Jeje hatte immerhin eine klare Vorstellung von der Richtung dieses unfreiwilligen Gesprächs, und dessen Ende. Und das bedeutete, kurz gesagt, dass sich nichts ändern würde.

Doch nichts von dem, worauf er sich innerlich vorbereitet hatte, geschah. Im Gegenteil schien Mikuni sich etwas vollkommen neues ausgedacht zu haben, auf das Jeje sich nicht hätte vorbereiten können, wenn er es versucht hätte; und zwar, dass er tatsächlich auf seine Frage antwortete.

Mikuni legte den Kopf schief. „Ein frühes Geburtstagsgeschenk?“, schlug er vor. In seiner Stimme lag zwar ein Lachen, doch auf seinem Gesicht fehlte jede Spur davon, und irgendetwas  daran gab Jeje das Gefühl, dass es an dieser Stelle nichts mehr als die Funktion einer Maske erfüllte. Vielleicht wirkte er auf seinen Eve nicht so, aber er hatte selbst genug Erfahrung damit, um gewisse Muster bei anderen zu erkennen. Nur, dass es ihm bei Mikuni sowieso nie viel genutzt hätte.

Ganz abgesehen davon, dass seine Antwort kaum eine Erklärung war; im Gegenteil gab sie Jeje nur einen Grund mehr, um misstrauisch zu werden. Ihr Vertrag existierte seit knapp zehn Jahren, und Mikuni hatte sich noch nie wirklich für seinen Geburtstag interessiert- geschweige denn, dass er es je direkt erwähnt hätte, oder gar schon früher etwas getan. Sein Eve versuchte an dieser Stelle überhaupt nicht mehr, ihn anzulügen; das könnte er allemal besser, und Jeje hatte lang genug mit ihm zusammen gelebt, um das zu wissen. Er hatte auch lang genug mit ihm zusammen gelebt, um zu wissen, dass sich Mikuni selten die Mühe machen würde, sich seinetwegen irgendeinen großen Aufwand zu machen.

Aber gegeben der Umstände würde man doch denken, er würde ihm wenigstens ein glaubwürdiges Argument geben; wenigstens so tun, als ob er Jeje einen Grund geben wollte.

Es war nicht ganz so, dass Jeje sich direkt daran störte- in dem Sinne, dass es ihn nicht wirklich überraschte. Eine überzeugende Lüge hätte vorausgesetzt, dass er Jeje so weit respektierte, um seine Meinung zu der Sache ernst zu nehmen, und dass das nicht der Fall war, wusste er schließlich nicht erst seit heute. In dieser Hinsicht war es zwar allemal frustrierend, aber nicht überraschend. Besonders gegeben der Umstände.

Was Jeje ein Stück verunsicherte, war, dass es alles war, was Mikuni sagte. Normalerweise würde er weiter drängen, versuchen, ihn zu überzeugen, irgendetwas. Diese Situation an sich kam zwar nicht häufig vor, aber das bedeutete nicht, dass sie eine erstmalige Sache war; und doch war etwas an seinem Eve seltsam, das Jeje nicht benennen konnte.

Wahrscheinlich war es einfach ein Teil eines stummen Instinkts, gegen den er sich nicht wehren konnte. Diese seltsame, verzerrte Unsicherheit (Sorge?) kombiniert mit dem, was er über Mikuni wusste, die gemeinsam zu etwas verschmolzen, gegen das er sich nicht widersetzen konnte.

Gegen das er sich vielleicht auch nicht widersetzen wollte. Aber dieser Gedanke war hier irrelevant.

Dass es keine Worte waren, die ihn in die Gegenwart zurückholten, bestätigte seine Befürchtungen nur. Mikunis Blick wich kurz von ihm ab, und lenkte Jejes Aufmerksamkeit auf die entgegengesetzte Tischkante und etwas, das mit ziemlicher Sicherheit zuvor noch nicht da gewesen war. Mikuni hatte Abel auf den Rand gesetzt, doch neben ihr lag noch etwas, das Mikunis Augen ohne Zweifel gerade gestreift hatten- ein kleines Stück Papier, das er nicht näher betrachten musste, um es zu erkennen.

Jeje wusste, dass Mikuni ein Foto seiner Familie bei sich trug. An dieser Stelle wäre es vermutlich seltsamer (und, gegeben der Umstände, auch ein Stück besorgniserregender), hätte Mikuni es geschafft, es geheim zu halten; wenngleich Jeje nicht daran zweifelte, dass er die Kapazitäten dazu gehabt hätte. Allerdings wusste er auch, dass Mikuni es normalerweise vermied, es anzusehen, geschweige denn, aus seiner Tasche herauszunehmen.

In diesem Sinne wäre es also vielleicht doch beruhigender gewesen, hätte Jeje von Anfang an nichts von diesem Bild gewusst.

Er spürte, wie sich seine Schultern anspannten, ohne, dass er etwas dafür getan hätte. Er hoffte nicht darauf, dass Mikuni es nicht bemerken würde, während sich ein Teil von ihm gleichzeitig fragte, warum er es überhaupt verstecken wollte. Nicht nur, dass er längst gelernt hatte, dass es mit Mikuni ohnehin keinen Sinn hatte- aber er sollte ruhig wissen, dass Jeje nicht ganz wusste, was er darüber denken sollte. Nicht, dass es ihn interessiert hätte, oder irgendetwas geändert.

Jeje wusste selbst nicht ganz, wann er zum Aufpasser für seinen Eve geworden war, ohne, dass es ihm- nein, ohne dass es irgendeinem von ihnen wirklich bewusst war.

Eigentlich könnte es ihn nicht weniger kümmern, was Mikuni tat, wenigstens, solange er ihn damit in Ruhe ließ. Schließlich kam das selten genug vor, und ein Teil von Jeje kam nicht daran vorbei, sich selbst dafür zu verurteilen, dass er es nicht einfach hinnehmen konnte, wenn es einmal passierte. Er hatte nie vorgehabt, selbst in irgendeinen Teil dieser Geschichte involviert zu werden, und außer einem Vertrag (an den sich Mikuni nicht einmal hielt, sei anzumerken) verband ihn nichts mit ihm. Eigentlich.

Es hatte keinen Zweck, gegen irgendetwas anzukämpfen, aber vielleicht war das genau der Grund, warum Jeje es nicht über sich bringen konnte, die Zeichen zu ignorieren. Es war ohnehin nicht so, als könne er sich Mikuni widersetzen, geschweige denn, ihm sagen, was er tun sollte; aber er konnte ihn einbremsen (manchmal, wenigstens), ihm etwas länger als normal bei seinen Flaschenschiffen zusehen lassen, Johannes von ihm ablenken, nachdem Land of Nod geschlossen hatte. Es waren kleine, sinnlose Gesten, aber sie gaben Jeje das Gefühl, dass er in dieser Sache noch mitzureden hatte. All of Love hatte seinen Weg gefunden, für seine Sünde Buße zu leisten, und vielleicht konnte Jeje auch etwas tun.

Nicht, dass es einen Unterschied machte. Er hatte zwar keine Beweise, doch er hatte wohl das Gefühl, dass Mikuni gewusst hatte, worauf er sich einließ. Dass ihm sein Schicksal, das ihr Vertrag besiegeln würde, bewusst gewesen war. Und selbst, wenn nicht, konnte es ihm eigentlich egal sein- es war nicht seine Pflicht, auf Mikuni zu achten, und er hatte sich nie dafür bereit erklärt.

Also wie war es so weit gekommen?

Seinen Hoffnungen (wenngleich sie nicht im geringsten seinen Erwartungen entsprochen hatten) zum Trotz schien Mikuni sehr wohl bemerkt zu haben, was in ihm vorging, denn er lehnte sich über den Tisch zu Jeje hinüber und schob dabei das Foto in einer Bewegung, die etwas zu beiläufig schien, unter einen Ordner. „Komm schon, Jeje“, säuselte er, der spielerisch-drängende Ton kehrte in seine Stimme zurück, wenngleich er immer noch nicht den gedrückten Schatten, der über ihm lag, überspielen konnte. „Nur ein bisschen?“ Er grinste und zog den Schal von seinem Hals, den Kopf schief gelegt. Seine Augen blitzten auf, zu kurz, als dass Jeje irgendetwas damit anfangen hätte können.

Sein Magen knurrte.

Der stechende Schmerz seiner Fangzähne, die sich in seine Lippe bohrten, erreichte Jejes Bewusstsein kaum, während sein Verstand viel zu sehr mit tausend anderen Dingen beschäftigt war. Hunderte Gedanken, von denen er keinen einzigen richtig erfassen konnte, weil er es nicht schaffte, sich auf irgendetwas davon zu konzentrieren.

Es war ironisch, und es war nicht fair. Er war ein Monster. Er sollte sich nicht mit diesem Gefühl aufhalten müssen; und ob er damit den Hunger meinte oder die seltsame Verbindung, die er mit Mikuni hatte, die kaum tiefer ging und doch so viel anders war als ihr Vertrag, wusste er nicht. Doch in diesem Moment war es beides davon, das ihn davon abhielt, einen vernünftigen Gedanken fassen zu können, geschweige denn, eine Entscheidung zu treffen.

Weniger, weil er sich unsicher war, als weil er seinen Körper an dieser Stelle nicht selbst steuerte, richtete Jeje sich wie in Zeitlupe ein Stück auf. Vielleicht- wahrscheinlich- war es nur Neid, der ihm an dieser Stelle jede Selbstständigkeit nahm, die er noch gehabt hatte. Solange es das von Anfang an überhaupt noch gegeben hatte. Dieser Dämon hatte die Oberhand in seinen Verträgen, und schlussendlich den Schicksalen seiner Eves. Doubt Doubt hatte seine Menschlichkeit längst aufgegeben, wenigstens, solange er unter einem Vertrag stand.

Nein, Doubt Doubt hatte seine Wege gefunden, damit umzugehen. Für Jeje war die Sache nicht ganz so einfach.

Außerdem schien Mikuni bemerkt zu haben, dass er etwas in ihm ausgelöst hatte (natürlich, weniger hätte Jeje an dieser Stelle nicht erwartet; er kannte Mikuni, seit er ein Kind war, und er war immer schon unfassbar aufmerksam gewesen), denn er beugte sich ein Stück nach vorne und neigte den Kopf noch weiter. Seine Augen funkelten.

Jeje schluckte. Neben Speichel schmeckte er sein eigenes Blut, bitter und kalt; den Schmerz in seiner Lippe spürte er inzwischen nicht einmal mehr.

In den seltenen Fällen, in denen Mikuni ihm tatsächlich Blut gab, ließ er es ihn aus einer bereits offenen Wunde lecken. Meistens nach irgendeinem Kampf, manchmal schnitt er sich für diesen Zweck auch selbst, aber es kam sehr, sehr selten vor, dass er sich tatsächlich beißen ließ. Jeje ging davon aus, dass es irgendein Machtspiel war; nicht, dass es einen Unterschied machte.

Also, irgendetwas stimmte hier wirklich ganz und gar nicht.

Der rationale- vielleicht der menschliche Teil in Jeje konnte diesen Gedanken fassen, doch mit jeder Sekunde schien er sich weiter aus seinem Bewusstsein zu entfernen, immer schwieriger durch den Geruch von Mikunis Blut zu schneiden, von dem er nicht einmal wusste, ob er es sich einbildete oder nicht. Nur, weil er das wusste, bedeutete nicht, dass er dagegen kämpfen könnte.

Oder… dagegen kämpfen wollte.

Ja, was war überhaupt das schlimmste, was geschehen konnte? Immerhin war es nicht so, als wäre Mikuni darauf angewiesen, etwas für ihn zu tun, um zu bekommen, was zur Hölle er auch immer wollte. Egal, was er vorhatte, es würde für keinen von ihnen einen Unterschied machen; Mikuni würde sein Ziel ohnehin erreichen, und Jeje hätte so oder so keine Ruhe von ihm. Wahrscheinlich.

Und gegeben der Gesamtsituation war in dieser Sache der Ausgang, in dem er wenigstens ein bisschen Blut bekam, für ihn allemal die angenehmere Option.

„Wie du… meinst“, murmelte er, während er sich vermutlich eine Spur zu  schnell von seinem Flaschenschiff abwandte. Normalerweise hätte ihm an dieser Stelle etwas in Mikunis Gesicht Aufschluss gegeben, dass ihm dieses Detail nicht entgangen war- ein knappes Grinsen, ein Zucken der Augenbrauen oder ein kurzes Funkeln in seinen Augen, doch diesmal legte er nur den Kopf ein Stück weiter zur Seite, immer noch mit dem gleichen Lächeln auf den Lippen, das auf eine seltsame Weise nicht seine Augen erreichte.

Jeje hatte kein wirkliches Sagen in der Sache. Eigentlich hatte er das von Anfang an nicht gehabt, und er war sich sicher, dass es ihm selbst ebenso bewusst gewesen war wie Mikuni. Vielleicht hatte er nur versucht, gegen einen Teil von ihm zu kämpfen, von dem er längst wusste, dass es keinen Zweck hatte. Sein Körper bewegte sich von allein, und Jeje versuchte nicht mehr, sich zu wehren. Alle Zweifel hin oder her.

Mikuni rührte sich nicht, als sich Jejes Fangzähne in seinen Hals gruben, doch dieser hatte kaum die Kapazitäten, um das überhaupt zu bemerken. Er hatte längst gelernt, dass es nichts nützte, dagegen anzukämpfen, und Mikunis warmes, süßes Blut auf seiner Zunge verdrängte langsam jede bewusste Vernunft. All of Love hatte Recht gehabt, das Blut der Aliceins war gut, und dass er es nur so selten bekam, machte die Sache nicht einfacher.

Er musste sich keine Sorgen darüber machen, sich selbst zu bremsen. Es war mehr ein bitterer als ein beruhigender Gedanke; Mikuni würde sicherstellen, dass er keinen Tropfen zu viel bekam, und das vermutlich lange vor dem Punkt, an dem es für ihn gefährlich werden würde. In diesem Sinne wäre es rein aus Prinzip gerechtfertigt, sich zurückzuhalten, doch so weit reichten Jejes Gedanken gar nicht. Er wusste nur, dass Mikuni ihn unterbrechen würde, und zwar ein ganzes Stück bevor er satt war.

Und er sollte Recht behalten.

Es vergingen keine fünf Sekunden, bis Mikuni wieder zu sprechen begann, und der Klang seiner Stimme veranlasste Jeje fast instinktiv dazu, den Kopf zu heben, wenn Mikuni ihn nicht festgehalten hätte. Er hasste es, und er wusste, dass Mikuni das wusste, aber beinahe zu seiner Überraschung ließ sein Eve die Hände fast sofort wieder sinken, als hätte er mit einer solchen Reaktion gerechnet. „Jeje“, murmelte er; Jeje konnte sein Gesicht nicht sehen, aber da lag etwas in seiner Stimme, das ihm ein schlechtes Gefühl gab. Es war eine ähnliche, gedrückte Ernsthaftigkeit wie zuvor, nur jetzt, vielleicht auch nur durch die geringe Distanz zwischen ihnen, wirkte er mit einem Mal so viel stärker und intensiver. „Bleib, wo du bist, und misch’ dich nicht ein.“ An dieser Stelle hätte es keinen Unterschied mehr gemacht, wie schnell die Bedeutung dieser Worte Jejes Verstand erreicht hätten; schon gar nicht, nachdem er hörte, was Mikuni als nächstes sagte. „Das ist ein Befehl.“ Mit diesen Worten stieß er ihn ohne weitere Vorwarnung von sich weg.

Jeje zischte und richtete sich wieder auf, ohne sich von seinem Platz wegzubewegen. An dieser Stelle hätte er es nicht mehr gekonnt, wenn er es versucht hätte, und er hatte bereits die ungute Vorahnung, dass er Mikuni damit längst gegeben hatte, was er wollte. Gut, wirklich überraschend kam das zwar nicht- es ging hier immerhin um Mikuni, und den größten Teil von Jeje hätte es gewundert, wenn nicht irgendein Haken an der Sache gewesen wäre.

Woran das allerdings nichts änderte, war, dass es ein sehr seltsamer Befehl war. Jeje wäre vermutlich zu dem Schluss gekommen, dass Mikuni den Gedanken, ihn für die nächsten Stunden an einem zufällig ausgewählten Platz stehen zu lassen, lustig fand, aber er kam gar nicht so weit, sich darüber Gedanken zu machen, bevor Mikuni sein Lead aktivierte und ihm klar wurde, was er eigentlich bezwecken hatte wollen.

„Mikuni?“ Natürlich würde es jetzt nichts mehr ändern, wenn er etwas sagte. Wenn er je etwas ändern hätte können, hätte das schon viel früher geschehen müssen, und vielleicht hätte es vorausgesetzt, Antworten auf Fragen zu finden, die er nicht beantwortet haben wollte. Vielleicht. „Was… tust du da?“ Auch das war keine ernst gemeinte Frage gewesen, nicht vollkommen, wenigstens. Dafür hatte es längst gespürt, oder vielleicht hatte ein Teil von ihm es auch schon längst gewusst. Ein Teil, den er ignoriert hatte, solange es ihm möglich gewesen war. Oder auch nicht.

„Das hat nichts mit dir zu tun, Jeje.“ Mikuni verzog die Mundwinkel zu einem verzerrten Grinsen, das sich etwas in Jeje zusammenziehen ließ. Der Ausdruck verschwand von seinem Gesicht in der gleichen Sekunde, in der er sich wieder wegdrehte, und damit nahm auch sein Tonfall eine kühle, abweisende Ernsthaftigkeit an. „Und damit geht es dich nichts an.“

Nur, dass nichts davon stimmte.

„Lass das.“ Mikuni war ein Lügner, das war keine neue Information für ihn, und doch wurde ein Teil von Jeje das Gefühl nicht los, dass diese hier nicht an ihn gerichtet war. Es ging ihn etwas an, und es hatte sehr wohl etwas mit ihm zu tun; mehr noch als jede andere Möglichkeit, und er war sich sicher, dass Mikuni diesen Umstand bedacht hatte. Und normalerweise wäre Jeje sich sicher gewesen, dass er das mit Absicht getan hatte, und seine Worte tatsächlich nichts weiter als eine leere Gelegenheitslüge waren, die seine Handlungen vor keinem von ihnen wirklich rechtfertigten.

Aber irgendetwas an ihm gab Jeje das Gefühl, dass er mit dieser Interpretation hier falsch lag, und das war in dieser Situation eindeutig die unangenehmere Variante.

Er sollte recht damit gehabt haben, dass es Jeje nichts anging, dass es nichts mit ihm zu tun hatte.  Sollte, wenn die Dinge so gelaufen wären, wie sie es hätten tun sollen. Für Jeje wäre Mikuni nur einer von vielen Eves, die sich irgendwann in seiner Sünde verlieren würden, und die Jeje selbst eigentlich nie hatte haben wollen. Noch dazu einer, der ihn nicht einmal gut behandelte, in diesem Sinne hätte er allen Grund, froh zu sein, dass er ihn los war.

Doch aus irgendeinem Grund liefen die Dinge nicht so.

Nein, Jeje hatte in diesem Moment keine Zeit, um darüber nachzudenken, was ihn davon abhielt, einfach zuzusehen. Ob er nur weitermachen wollte, eine unverweigerliche Entwicklung hinauszuzögern, oder ob ihn irgendetwas, das nie hätte passieren dürfen, ihm gesagt hatte, dass er hoffen sollte.

Aber in diesem Moment war das ohnehin kein relevanter Gedanke, weil er überhaupt nicht so weit kam, Jejes Bewusstsein überhaupt zu erreichen.

Mikuni sah ihn nicht an. Ein Teil von Jeje hatte fast das Gefühl, dass sein Eve jetzt, nachdem er sichergegangen war, dass Jeje sich nicht mehr einmischen konnte, vollkommen vergessen hatte, dass er überhaupt hier war. (Es wäre schließlich nichts Neues gewesen, oder wenigstens nichts, was Jeje ihm nicht zugetraut hätte. Aber andererseits hätte er auch nicht erwartet, sich einmal in dieser Situation zu finden, also was wusste er schon.) Ein schwaches Lächeln lag auf seinen Lippen, das Jeje vermutlich nicht einmal aufgefallen wäre, wenn er dieses Gesicht nicht längst auswendig kannte; seine Augen glänzten schwach und waren auf die Puppe in seiner Hand gesenkt. Die Puppe, deren Hals nun durch ein schwarzes Seil mit seinem verbunden war.

Seine freie Hand war gehoben, drei Finger gespreizt, als wäre er in der Bewegung eingefroren. Vielleicht war das wirklich sein verdrehter, makaberer Spaß an der Sache; vielleicht führte er diese Show wirklich für Jeje auf.

Oder vielleicht versuchte Jeje nur, sich genau das einzureden. Weil ein Blick in Mikunis Augen ausreichte, um sich sicher zu sein, dass er damit falsch lag, und dass es hier wirklich nicht um ihn ging. Dass er damit auch keinen Platz darin hatte, keinen Platz in Mikunis Leben hatte. Und dass es ihm vielleicht nicht so egal war, wie es hätte sein sollen.

Es war sein Fingerschnippen, das Jeje aus diesen Gedanken herausriss, als hätte es das Ende einer Hypnose verkündet.

Mikuni hatte es ihm nicht verboten, wegzusehen, auch, wenn Jeje es ohne weiteres nachdenken von ihm erwartet hätte. Er hätte ihn zwingen können, hilflos zuzusehen, und sich dabei mit all dem konfrontiert zu finden, von dem er mit einer solchen Konsequenz geschafft hatte, es zu ignorieren. Nein, es wäre Mikuni ein leichtes gewesen, und es gab keinen Grund, warum er es nicht getan hatte. Keinen Grund, den Jeje nachvollziehen konnte, wenigstens.

Der personifizierte Wohlwollen. Und vielleicht hatte er sogar so weit gedacht, hatte mit der Ironie der Situation gespielt, Doubt Doubt, Jeje, noch einmal in eine dieser Lagen gebracht, an die er sich längst gewöhnt haben müsste, und die er nach wie vor hasste.

Zehn Jahre waren schließlich nichts im Vergleich zur Ewigkeit.

Nein, Mikuni hatte es ihm nicht verboten, wegzusehen, und doch konnte er sich nicht wegdrehen. Es war ironisch, und vielleicht folgte ein schräger, instinktiver Teil von ihm einem unausgesprochenen Befehl, an den er glaubte, weil er damit gerechnet hatte. Vielleicht war das auch genau das Gegenteil, eine Unabhängigkeitserklärung an Mikuni, ein Beweis, dass er tun konnte, was er wollte. Oder vielleicht war es auch keines davon.

Er hatte schon vor hunderten von Jahren aufgehört, sich auf seine Eves einzulassen. Er hatte nicht vorgehabt, noch einmal Verträge zu schließen, und dann war es passiert und er hatte damit vorlieb nehmen müssen, zu versuchen, sich einfach nicht zu sehr an Mikunis Anwesenheit zu gewöhnen. Dass er es ihm so leicht gemacht hatte, war ein positiver Zufall gewesen, wenngleich dieser Gedanke einen bitteren Beigeschmack trug.

Er wusste selbst nicht, was jetzt passieren würde. Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal etwas Ähnliches erlebt zu haben, und während ein Teil von ihm sich sicher war, dass er es mit Sicherheit nicht vergessen hatte; der andere Teil, der gerade in Mikuni gefangen war, wusste, dass er einen Weg gefunden hätte, es zu verdrängen.

Es spielte keine Rolle. Er wusste nicht, ob sich sein Lead auflösen würde, sobald er das Bewusstsein verlor. Oder ob…

Es sollte keinen Unterschied für ihn machen. Unabhängig davon, ob Mikuni lebte oder starb, für ihn, Doubt Doubt, bedeutete das nicht mehr als ein paar weitere Jahre dieser verdammten Tyrannei. Ein paar weitere Jahre, die er zusehen musste, wie ein Eve, den er nie wollte und der ihm egal sein konnte, immer weiter von seiner Sünde verzehrt wurde.

Er hatte keine Antwort auf seine Frage gefunden, ob er Mikuni hasste oder nicht, Was Mikuni für ihn war. Was Mikuni ihm bedeutete, trotz allem. Oder ob da nichts war, ihre einzige Verbindung schlussendlich ein metaphorisch und wortwörtlich mit Blut unterzeichneter Vertrag, der früher oder später Mikunis Untergang bedeuten würde. Nein, er hatte keine Antwort gefunden, und spätestens jetzt wurde ihm bewusst, dass er niemals eine finden würde, ganz egal, ob er darüber nachdachte oder nicht. Und wahrscheinlich war das auch gut so.

Vielleicht hätte er es verhindern können. Vielleicht hätte es so viele Punkte gegeben, an denen Jeje etwas tun hätte können, wenn er eine Antwort gehabt hätte, sei es nichts weiter als eine unterbewusste Idee gewesen. Und nein, er wusste nicht, was passieren würde, oder ob all diese Überlegungen schlussendlich sinnlos waren, weil Mikuni so oder so leben würde. Vorerst.

Aber in diesem Moment wünschte Jeje, Mikuni würde hier sterben, um ihrer beider Willen.
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