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Auf der Suche nach der verlorenen Einheit - Gestalten bei William Gaddis

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
27.08.2022
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„Die Fälschung der Welt“ (im Original „The Recognitions“), Gaddis’ 1955 erschienener monumentaler erster Roman, gilt längst als eines der Schlüsselwerke amerikanischer Literatur im 20. Jahrhundert. Man kann es aus ganz verschiedenen Blickwinkeln betrachten, seiner Struktur nach als kühnes Experiment, den Lesestoff als ebenso unterhaltsam wie zugleich höchst anspruchsvoll einschätzen, überladen mit Verweisen auf vorangegangene Literatur und Religionsgeschichte; als theoretische Basis sind vor allem Werke von C.G. Jung und Robert Graves erkennbar.
    Der Roman kann zu unendlicher Beschäftigung mit ihm herausfordern. Sein Personal ist sehr umfangreich und wird im Verlauf der langen Erzählung recht unkonventionell eingesetzt. Die Hauptfigur ist der Maler, Bilderfälscher und Sinnsucher Wyatt Gwyon. Seine Geschichte wird jedoch, rein quantitativ betrachtet, weniger ausführlich dargestellt als das oberflächliche Treiben des zweiten Gravitationsschwerpunktes: Dutzende von Künstlern und Intellektuellen der Village-Szene um 1950. Es fällt auf, dass zwischen diesen beiden Zentren der Handlung nur wenige Verbindungslinien bestehen: Wyatts Ehefrau, die Schriftstellerin Esther – die Ehe scheitert früh –, sein Modell Esme, eine rauschgiftsüchtige junge Lyrikerin, und Otto, ein junger Autor.
    Wyatt ist ein Pfarrerssohn aus Neuengland. Das dortige Milieu bildet den dritten Kreis für die Erzählung, lebenslang prägend für den Maler, aber dauernd isoliert von den späteren New Yorker Erfahrungen. Dort  in der Metropole steht Wyatt in Verbindung zu dem Duo Recktall Brown und Basil Valentine, der eine ein betrügerischer Kunsthändler, den Wyatt auftragsgemäß mit angeblich neu entdeckten, tatsächlich von ihm gefälschten Werken flämischer Maler des 15. Jahrhunderts beliefert – der andere ein Kunsthistoriker, dessen Expertisen den Fälschungen die Echtheit bestätigen. Lockere Querverbindungen gibt es auch zwischen der Village-Bohème einerseits und den Geschäftspartnern Brown und Valentine andererseits. So ergibt sich als Grundgeflecht der Handlung die laufende Interaktion im Dreieck Wyatt – Brown / Valentine – Village-Szene. Neuengland bleibt dagegen Vorgeschichte und vergeblich aufgesuchter Zufluchtsort für Wyatt. Eine Sonderstellung am Rand nimmt der Geld- und Passfälscher Sinisterra ein. Zu Beginn wie am Ende wieder spielt das Vielpersonendrama in Europa an den Schauplätzen Paris, Spanien, Italien.
    Basil Valentine ist eine der Hauptnebenfiguren. Ihn in seiner Motivation und bei seinen Aktionen zu studieren, kann zu einem Kern von Gaddis’ Absichten führen. Der Name des Kunsthistorikers ist derjenige eines Alchimisten des 16. Jahrhunderts: Basilius Valentinus. Hier lugt C. G. Jung, der sich theoretisch viel mit Alchimie und ihrer Geschichte befasst hat, bereits um die Ecke. Der moderne Valentine ist ungarischer Herkunft, war bei den Jesuiten und arbeitet jetzt auch als Agent für das gegenwärtige Regime in Budapest. Er ist ein schöngeistiger Ästhet, extrem elitär, überempfindlich, menschenfeindlich. Man kann ihn sich als einen noch sehr vitalen Mann um die sechzig vorstellen, der sich durchzusetzen weiß, auch handgreiflich werdend. Er ist „ein sehr lieber Freund“ eines Village-Homosexuellen und Brown warnt Wyatt vor  seinem Geschäftspartner: „Und nimm dich vor allem vor dieser Schwuchtel in Acht.“ Valentine hat auch misosgyne Züge.
    Wyatt versteht sich als Künstler wie als an existenziellen und religiösen Fragen Interessierter viel besser mit dem  hochgebildeten Valentine als mit Brown. Nachdem der im Grunde kulturlose Kunsthändler auf makabre Weise zu Tode gekommen ist, will Valentine Wyatt noch enger an sich binden: „Hör zu, wir beide, du und ich … es wäre nicht die übliche Geschichte, wir … es hätte nicht diesen ordinären Beigeschmack … mein Gott, du bist doch längst … längst ein Teil von mir.“ Woraufhin Wyatt mehrfach auf ihn einsticht und, als er ihn für tot hält, umgehend nach Europa abreist.
    Valentine überlebt zunächst und stirbt tatsächlich erst einige Monate später in Ungarn in einem Krankenhaus. Seine letzten Erinnerungen gelten Martin, einem Studienfreund aus den Jesuitentagen. Damals kam es zum Bruch zwischen ihnen, unklar, ob vielleicht Differenzen in Glaubensfragen oder eher noch bezüglich der Sexualmoral der Grund waren. Noch kurz vor seinem eigenen Tod hat Valentine den anderen, der jetzt Pater ist, seinen ungarischen Verfolgern verraten, ihn noch einmal verraten und ihn damit ermorden lassen.
    Valentine ist der Typ des verzweifelten Zynikers. Zu Wyatt hat er bei ihrem letzten Aufeinandertreffen gesagt: „Die Welt war laut und gemein, auch damals schon, und nicht anders als heute wurde sie angetrieben von Geld- und Machtgier, von Eitelkeit und Geilheit und dem grenzenlosen Egoismus von Gestalten wie diesem Kanzler Rolin.“ Er beklagt „verlorene Einheit, Gottferne.“ In Wyatt hat er die Ausnahme gesehen, den Ausweg für sich selbst, der sich als tödlicher Irrweg erweist.
    Gaddis’ Kunst arbeitet viel mit Spiegeleffekten. So wie sich das Drama Wyatt - Valentine im Verhältnis Valentine – Martin spiegelt, geschieht dies noch einmal im Fall der Beziehung zwischen Wyatt und seinem Studienkollegen Han. Dieser tritt nicht unmittelbar auf. Wir erfahren über ihn zunächst nur, was Wyatt später seiner Frau widerwillig mitteilt. Auch Han studierte Kunstgeschichte, vor dem Krieg in München. Er ist im Vergleich zu Valentine noch vitaler und viel bedenkenloser. Da ist eine brutale Burschikosität am Werk. Esther wittert, dass bei Wyatts überstürzter Abreise von Interlaken damals – vergeblich haben die jungen Männer eine Tour auf die Jungfrau geplant – Homosexualität eine Rolle gespielt haben könnte. Wyatt zitiert vor Esther einen Ausspruch von Han in Interlaken: „Etwas fehlt noch … wenn ich wüsste, was es wäre, würde es mir nicht fehlen.“
    Gegen Ende des Romans hält sich Wyatt in einem spanischen Kloster auf und restauriert Bilder. Er macht einen verwirrten Eindruck, als er sich dort einem amerikanischen Schriftsteller offenbart. Angeblich sei er zuletzt eine Zeitlang in Algerien gewesen und dort zufällig seinem Studienfreund Han wieder begegnet. Han, so Wyatt jetzt, war in der Fremdenlegion und nahm an, Wyatt wolle dort auch eintreten. Han will alles nachholen, was sie versäumt haben, er wird ihm zur Seite stehen, ist ganz enthusiastisch. Als Wyatt ablehnt, dreht Han durch: „Du also auch! Man hat uns belogen und betrogen und jetzt auch du … ich hasse dich. Ich hasse dich wirklich. Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich hasse? Schon damals habe ich dich gehasst … denn etwas hat immer gefehlt. Und wenn ich wüsste, was es ist, würde es mir nicht fehlen.“ Han greift Wyatt an und Wyatt erschießt ihn.
    Es bleibt offen, ob Wyatt hier nur phantasiert oder ob die Wiederbegegnung mit tödlichem Ausgang ein realistisch aufzufassendes Detail der erzählten Handlung ist. Großartig ist die Szene auf jeden Fall. Sie kann wie die beiden anderen misslingenden Beziehungen als ein katastrophal fehlschlagender Individuationsprozess im Sinne von C.G. Jung gedeutet werden, sowohl bezogen auf Wyatt wie auch auf Valentine und Han. Gerade Wyatts „Integration der Persönlichkeit“ duldet keine mann-männliche Annäherung. Steven Moore formuliert in „Die Fakten hinter der Fälschung“: „Letztlich bedeutet die Konfrontation mit der Anima (der weiblichen Komponente der männlichen Psyche) eine Anerkennung des Emotionalen, Intuitiven, ja sogar des Irrationalen … Eine detaillierte Untersuchung der Metaphorik des Romans ergäbe ein breitgefächertes Netzwerk weiblicher Symbole, die alle um die psychische Verstörung nach dem frühen Verlust der Mutter kreisen …“ Wyatts Biographie wie Werk zeugen vom rastlosen Verfolgen von Jungs Mutterarchetyp, sehr lange vergeblich. Wyatts Wesensänderung am Schluss des Romans – er verlässt auf unklare Weise geläutert und jetzt offen für die Welt das Kloster – kann nicht überzeugen und soll es vielleicht nach der Vorstellung des Autors auch nicht. Am Rande: Wyatts Aufbruch ins Ungefähre erinnert an das Ende von Hesses „Demian“. Wie Gaddis war auch Hesse stark von Jung beeinflusst.
    Diese privaten Dramen des Sichverfehlens stehen in Gaddis’ Werk im Zusammenhang mit dem Zerfall von Kultur und Gesellschaft insgesamt. Betont werden muss jedoch, dass die hier dargestellten Handlungsfäden nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus dem komplexen Gewebe des Romans bilden. „Die Fälschung der Welt“ ist unter anderem auch breit angelegte aktuelle Zeitkritik, voll von Schwarzem Humor, der zum Beispiel in wiederholten satirischen Einschüben die Exzesse der Radiowerbung thematisiert. Die „Süddeutsche Zeitung“ gab beim Erscheinen der deutschen Übersetzung ihrer anerkennenden Rezension den Titel „Ein Dante des Geschwätzes“.

(Zitate nach der Übertragung von Marcus Ingendaay, 2. Auflage 1999)
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