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Desperated hearts

von TheWInd
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
HIM
26.08.2022
27.12.2022
50
113.831
1
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25.11.2022 2.453
 
Wenige Stunden später

Krakow St. Botanical, Polen
16.02.

Antero zog sichtlich besorgt eine Augenbraue hoch, als er Ville dabei beobachtete, wie sich dieser hoch stemmte und dann schwankend wie auch stöhnend auf der Bettkante sah und von Paul wie auch einer Schwester gestützt wurde.
„Ville lass es langsam angehen!“, ermahnte er den Freund, doch dieser hörte nicht auf ihn, er sammelte derweil all seine Kräfte, dann stand er auf und ging mit Pauls Hilfe einige Schritte durchs Zimmer, ehe er sich umwandte und dem blonden Tourmanager einen seltsamen Blick zu warf.
„Ich bin nicht ernsthaft verletzt, Antero. Und ich muss pissen. Und das alleine!“ Wieder schüttelte er den Kopf und machte einen weiteren Schritt, doch der Tourmanager konnte ihm deutlich ansehen, wie erschöpft der Fronter war.
„Ville, du solltest dich schonen.“
Doch der Frontmann antwortete ihm nicht, er hatte ihm den Rücken zugewandt und kämpfte sich nun weiter mit Pauls Hilfe in Richtung des winzigen Badezimmers, wo er sich schwer atmend gegen die Wand lehnte, während ihm der Freund die Hand auf die Schulter legte und ihn ansah. Sein Gesicht war grün und blau zugeschwollen, aber immerhin konnten sie den Verband abmachen, sodass er nun versuchte mit dem zugeschwollenen Auge zu blinzeln, doch es gelang ihm kaum und verzerrte vor Schmerz wieder das Gesicht.
„Antero hat Recht, Vil.“
„Denkst du das wüsste ich nicht?“, presste Ville mühsam hervor, ihm schwindelte noch immer und ihm war zum sterben übel. Sein Schädel pochte entsetzlich und er fühlte sich, als würde er jeden Moment die Kontrolle über seinen Körper verlieren, sogar seine Beine zitterten ein wenig vor Erschöpfung.
„Aber hier bleiben tue ich auch nicht.“
Paul nickte, „Ja ich weiß, aber Vil, du brauchst Ruhe und die Gigs sind ohnehin abgesagt.“
Der Fronter fluchte leise, „Das hättet ihr nicht tun sollen, verdammt. Ich kann spielen, ich muss.“
„Nein,“ Paul sah ihn dabei eindringlich von der Seite her an, „Nein Ville,“ wiederholte er nun eindringlich, „Wenn wir weiter nach Berlin fahren solltest du dich da vielleicht nochmals von einem Arzt untersuchen lassen, ich meine ob deine Gehirnerschütterung auch wirklich abgeklungen ist. Ja das solltest du.“
„Unsinn, Paul. Und jetzt lass mich pinkeln gehen, ja?“ Er klag verzweifelt, stieß sich von der Wand ab und knallte dem Freund die Tür vor der Nase zu, sodass dieser mit besorgter Miene aufsah, ehe er zu Antero ins Zimmer zurück kehrte. Er konnte die gleiche Sorge auch in dessen Gesicht lesen und verschränkte seufzend die Arme vor der Brust.
„Er ist stur, mm?“
Paul nickte, während er langsam Luft holte. „Ja, leider. War ein Arzt schon bei ihm?“
„Nein noch nicht, aber ich denke sie werden ihn entlassen, zumal er sicher darauf drängen wird.“
„Aber er wird nicht touren! Antero, wir hatten darüber gesprochen! Prag und Berlin sind gecancelt, oder?“
„Ja, das ist richtig.“
Paul versuchte sich wieder ein wenig zu entspannen, doch seine Gedanken kamen einfach nicht zur Ruhe, besorgt sah er wieder zur Badezimmertür hinüber, dann sah er Antero wieder an. „Gut, und es bleibt dabei. Auch keine Interviews...“
Anteros Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. „Nicht? Wir haben auch eine laufende Promo und die Leute warten auf ein Statement und...“
Paul erstarrte.
„Ein Statement? Verdammt noch mal, warum? Warum sollten sie wissen, was mit ihm ist?“
Antero versuchte ihn zu beruhigen, merkte jedoch an dessen Körperhaltung wie auch an seinem Gesichtsausdruck, dass er damit wenig Erfolg haben würde. „Paul, so läuft nun mal das Geschäft. Die Leute bekommen ihr Geld zurück, und ich verhandle schon mit den Veranstaltern, ob wir die Gigs nachholen können, aber wir müssen ein Statement veröffentlichen und spätestens in Hamburg oder in Amsterdam werden ohnehin alle wissen was los ist. Seine Verletzungen werden bis dahin sicherlich nicht verschwunden sein.“
Paul musterte ihn mit versteinerter Miene. „Und was soll er den Leuten sagen? Nach allem, was Taylor bereits in der Presse breit getreten hat? Nein... wir sollten uns etwas überlegen.“
Doch Antero schüttelte den Kopf.
„Die Wahrheit?“
„Er leidet auch so schon genug darunter, verdammt, sieh ihn dir doch an! Wenn er so auf der Bühne steht, wird ohnehin jeder wissen, was passiert ist... Antero, wir müssen ihn schützen! So oder so.“
„Ville wird das nicht wollen...“
Just in diesem Augenblick hörten sie Schritte und Ville kam ihnen langsam entgegen, er war blass und er schwankte wieder, sodass Paul hastig nach seinem Arm griff und ihn festhielt. „Bist du okay, ja?“
Doch der Fronter schüttelte nur den Kopf, er presste sich eine Hand auf den Magen und drohte beinahe in die Knie zu gehen. Nur mit Mühe schaffte er es zurück zum Bett, wo er sich keuchend wie auch schwer atmend zurück sinken ließ. Ihm drehte sich alles durcheinander, er musste würgen und wälzte sich dann auf die Seite, wo er keuchend liegen blieb. Paul strich ihm über den Arm und die Schulter, während er bei ihm stehen blieb.
„Antero. Er kann nicht touren und auch kein Interview geben!“
Der andere Mann seufzte auf. Auch er sah ein, dass es Ville im Augenblick zu schlecht ging, dennoch wirkte er beunruhigt und sah kurz zu Tiina hinüber, die mit einem dunklen Laptop auf den Knien am Fenster saß.
„Hamburg steht bis jetzt...“
„Konntest du mit den Veranstaltern sprechen, ja?“
Sie nickte, „Ja. Wir könnten Prag und Berlin vielleicht tatsächlich nachholen...“
„Gut.“
Paul jedoch schüttelte wieder den Kopf. „Hamburg ist nicht sicher, zumindest jetzt noch nicht. Was wenn er da auch noch nicht fit genug ist? Es war nur eine leichte Gehirnerschütterung, aber ich möchte dennoch kein Risiko eingehen! Er kann nicht mal mehr zurück nach Helsinki fliegen, es wäre zu riskant... und mehrere Stunden im Bus... ohne einen Arzt... ich weiß nicht, Antero, ich weiß es wirklich nicht, ob das eine so gute Idee wäre heute oder morgen schon nach Hamburg zu fahren. Die Entfernung ist zu groß, es könnte für ihn zu anstrengend sein.“
Der Tourmanager sah ihn an.
„Und was sollen wir sonst tun? Hier bleiben?“
Ihre Blicke trafen sich für einige Augenblicke.
„Das sind mit dem Bus über 10 Stunden! Was wenn es ihm auf einmal schlechter geht, mm? Oder er eine Hirnblutung bekommt? Antero, nein! Das steht er nicht durch und das weißt du, und es ist jetzt noch nicht sicher, ob er in Hamburg auch wirklich spielen kann! Er hat starke Schmerzen und Übelkeit, und ich denke er sollte noch nicht entlassen werden!“
„Was nein? Hamburg ist erst in drei Tagen.. und im Bus haben wir alles, was er braucht und sollte etwas sein, so gibt es genug Krankenhäuser, Paul ich verstehe deine Sorge ja, aber wir fahren durch Europa und nicht durch die wilde Pampa, klar? Und was sollte schon sein? Er kann sich unterwegs ausruhen.“ Er wirkte angespannt und fuhr sich erneut durch die haare, „Und Hamburg muss einfach laufen... wir können nicht noch mehr Gigs absagen...“
Ville blinzelte und stöhnte auf, dann versuchte er sich erneut aufzusetzen, sodass Paul ihm besorgt über den Rücken strich. „Hör nicht auf ihn, Vil...“
„Ich will spielen. Und ich will entlassen werden, Jungs bitte ich bin okay...“ Er klang matt und erschöpft. Die Prellungen in seinem Gesicht waren deutlich zu sehen, dazu blinzelte er immer wieder und verzog das Gesicht vor Schmerzen. „Ich kann nach Hamburg fahren und dort auch spielen, ich weiß es.“
Paul war entsetzt.
„Nein, verdammt nein das bist du eben nicht! Du bist zu schwach...“
Ville blinzelte ihn wütend an. „Unsinn. Ich... ich brauche nur mein Tilidin... ich...“ Er begann zu zittern, dann wälzte er sich erneut durch das zerwühlte, schmale Bett, sodass Paul ihn voller Entsetzen anstarrte.
„Verdammt.. das Tilidin...“
Auch Antero war blass geworden. „Er ist süchtig, abhängig... er kann hier keinen kalten Entzug machen... dann können wir die ganze Tour vergessen... ich...“
„Wie lange dauert so ein Entzug?“
Antero sah ratlos aus. „Tage, Wochen... ich weiß es nicht. Verdammt, Ville! So kann das nicht weitergehen!“
„Und was sollen wir nun tun?“, herrschte Paul ihn ungehalten an, „Soll er etwa so nach Hamburg fahren, ja? Du bist ja nicht mehr bei Trost! Es wird ihn umbringen... er braucht das Tilidin...“
„Ja, das weiß ich auch. Willst du es ihm hier herein schmuggeln, ja? Sag mal hast du jetzt den Verstand verloren? Wir machen uns dann alle strafbar! Verdammt, und was wenn er zu viel davon nimmt? Auch daran kann er sterben, oder einen Atemstillstand erleiden... Tilidin ist ein starkes Schmerzmittel, und ich... ich weiß einfach nicht mehr weiter!“
Paul drohte den Verstand zu verlieren, oder aber aus der Haut zu fahren. „Er leidet, er hat heftige Entzugserscheinungen und er würde es sich besorgen wenn er denn könnte...“
„Aber du kannst ihn doch nicht so in seiner Sucht unterstützen und es ihm einfach geben, Paul! Nein, nein das wäre nicht richtig!“
Wieder starrten sich die beiden Männer voller Entsetzen an, während ihnen die ganze Tragweite bewusst wurde und Paul das Gefühl hatte, als würde sich ihm der Magen umdrehen. Er empfand auf einmal tiefste Schuldgefühle, aber auch heftiges Mitleid mit Ville, während er seinen Freund betrachtete, der blass und krampfend neben ihm lag.
„Nein, das ist wahr, aber ein Entzug... jetzt? Das hast du selbst gesagt. Und hier geben sie ihm keine Schmerzmittel mehr und ganz sicher auch kein Tilidin, also was sollen wir tun?“ Paul war außer sich, wieder umklammerte er Villes Hand, dann musste er hilflos dabei zu sehen, wie sich dieser heftig erbrach, und dann wie er zitternd, keuchend und stöhnend vor Schmerzen im Bett lag.
„Ich habe noch etwas in meinem Rucksack, Paul...“, sagte Ville leise, beinahe flehend, „Ich brauche es... nur eine Tablette und es wird für ein paar Stunden besser werden... und dann können sie mich entlassen und wir können nach Hamburg zum nächsten Gig fahren.. bitte... Paul, ich bitte dich! Ich muss das Tilidin haben und ich muss diese Tour spielen, das ist alles was ich noch möchte. Bitte... ich flehe dich an.“
Der ältere Finne war entsetzt und starrte ihn mit blasser Miene an.
„Ich kann dir das nicht geben, Vil.. ich..“
„Bitte... ich brauche es,“ er bettelte beinahe, ehe er von neuen Krämpfen geschüttelt wurde. „Bitte Paul...“
Auch Antero seufzte gequält auf. „Verdammt, das darf doch alles nicht wahr sein! Ich werde mit den Ärzten sprechen und dann sehen wir weiter, vielleicht können sie ihm ja etwas ähnliches geben?“
Paul sah ihn zweifelnd an. „Dann wäre das ein Entzug. Und dann muss er stationär überwacht werden. Er wird heftige Entzugserscheinungen haben, noch viel schlimmer als das, was er jetzt gerade durchmacht, denn er nimmt das Tilidin schon zu lange und es wird lange dauern, ehe er davon los ist und auf Tour kann er unmöglich einen Entzug machen, das steht er nicht durch, Antero!“
Der Tourmanager nickte langsam. „Gut du hast Recht, das ist keine Option. Also entweder er bekommt sein Tilidin, oder aber die Tour endet wirklich hier und jetzt... und das wäre schlecht. Für uns alle. Ich... ich rede mit den Ärzten. Dann sehen wir weiter.“
Paul nickte ihm zu.
„In Ordnung...“
Damit verließ Antero das Zimmer, auch Tiina ließ die beiden alleine, sodass sich Paul schließlich zu seinem krampfenden Freund aufs Bett setzte und seine Hand hielt.
„Mein Rucksack.. Paul... bitte...nur eine Tablette, ich verspreche es dir... bitte... ich halte das nicht aus, ich kann nicht mehr...“ Er klang immer verzweifelter.
„Ville nein, ich kann nicht. Ich kann es einfach nicht.“
Wütend holte Ville Luft. „Andauernd redet ihr über mich, als wäre ich nicht da! Verdammt, aber das bin ich und ich kann selbst für mich entscheiden, Paul. Ja ich bin süchtig und abhängig, und im Moment ganz besonders... ich...“ Keuchend holte er Luft, sein Magen krampfte entsetzlich, er zitterte und er drohte eine Panikattacke zu erleiden. Paul versuchte ihn zu beruhigen, doch Villes Entzugserscheinungen wurden immer schlimmer, nun zitterte er und fröstelte zugleich auch, sodass ihm der Schweiß auf der Stirn stand.
Paul sah ihn voller Angst an.
„Ich hole einen Arzt...“ Hastig ließ er ihn los und eilte zur Tür, auf dem Flur entdeckte er Antero, der bereits mit einem der polnischen Ärzte sprach, doch als er Pauls blasse wie auch verstörte Miene sah drehte er sich um, dann kamen sie mit hastigen Schritten zu ihm hinüber.
Paul war atemlos. „Es geht ihm sehr schlecht, der Entzug ist zu heftig... bitte... wir müssen etwas tun.“
Der Arzt nickte kurz, dann betraten sie zusammen das Zimmer. Ville hatte sich mittlerweile übergeben, er zitterte am ganzen Körper und schien kaum mehr bei Sinnen zu sein. Der Arzt maß seinen Blutdruck, seinen Puls und seine Atmung, dann betrachtete er ihn.
„Wie lange hat er das Tilidin schon genommen? Und in welcher Dosierung?“
„Ein Jahr vielleicht? Ich weiß es nicht genau...`ein bis zwei Tabletten, manchmal auch mehr,“ gestand Paul, während auch sein besorgter Blick zu Ville hinüber ging, der kaum ansprechbar war und sich krampfend hin und her wälzte und dabei entsetzlich stöhnte.
„Kann er etwas anderes haben als Tilidin?“
„Wir könnten es mit Methadon versuchen, aber er müsste es dann dauerhaft nehmen, um vom Tilidin weg zu kommen. Und auch Methadon hat starke Nebenwirkungen, wenn es auch keinen Rauschzustand erzeugt, aber ihnen muss klar sein, dass er einen Entzug macht, und dann später auch einen zweiten Entzug vom Methadon, denn auch dieser Stoff macht schnell abhängig.“
Paul und Antero tauschten einen langen Blick, während sich Ville benommen, keuchend, krampfend und jammernd hin und her wand.
„Kann er es sofort bekommen? Was sind das für Nebenwirkungen?“
Der Arzt zögerte, „Man muss die Tilidindosis langsam verringern und zeitgleich das Methadon als Ersatz geben, jedoch in kontrollierten Mengen. Am Anfang des Entzugs ist es notwendig, dass Methadon nur unter ärztlicher Aufsicht genommen wird, dann kann er unter bestimmten Bedingen das Methadon auch selbstständig nehmen. Die Nebenwirkungen sind vielfältig, so kann es zu Verstopfung kommen, Erbrechen, Übelkeit, Atembeschwerden, niedrigem Blutdruck, starkem Schwitzen, einer Verkleinerung der Pupillen, Juckreiz, Benommenheit, Schwindel oder auch Herzrhythmusstörungen. Auch häufig kommt es vor, dass die Patienten die Harnblase nicht mehr entleeren können. Es ist eine Möglichkeit, aber Methadon ist ebenfalls ein sehr starkes Schmerzmittel und ein künstlich hergestelltes Opioid.“
Antero holte entsetzt Luft.
„Kann er so auf Tour gehen?“
Der Arzt zog eine Augenbraue hoch. „Auf Tour und Konzerte spielen? Wohl kaum. Nein, ich denke, ein stationärer Entzug wäre hier angebracht. Er wird Monate brauchen, ehe er wieder ganz clean sein wird.“
„Und sonst? Gibt es sonst keine Möglichkeit mehr?“
Der Arzt sah mit gemischten Gefühlen aber auch mit ernster Miene auf. „Ein kalter Entzug vom Tilidin ist nicht empfehlenswert, nein. Es kommt zu starken körperlichen wie auch psychischen Entzugssymptomen, nein, er muss das Tilidin schrittweise reduzieren. In einer Klinik.“
„Und jetzt? Können Sie ihm nichts geben?“
„Außer dem Methadon? Nein.“
Antero seufzte auf, doch noch während er über eine Lösung nachgrübelte erkannte er in Pauls Blick, dass dieser bereits eine Entscheidung getroffen hatte.
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