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Der Riese / A Spell

von Jek Hyde
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
25.08.2022
25.08.2022
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Eigentlich könnte Travis zufrieden sein.
 Der Zug war gestoppt und alle Passagiere tot. Weder Mann noch Frau, noch Kind würden die Zukunft erreichen. Travis hatte ihr die Nahrung genommen und dennoch fühlte er sich unruhig. War auf Peruns Rücken ziellos herumgeritten. Ihn fehlte ein Pendel – ein messingfarbenes Lot – dass ihm den Weg wies, so wie damals. Als sie noch bei ihm war. Und das betrübte ihn. Legte sich drückend auf seine Stimmung.
 Schließlich war er in einem Saloon eingekehrt, um etwas zu trinken. Sich seinem wütenden Triumph gewahr zu werden. Doch stattdessen saß er trübe an der dunklen Barplatte, auf der die Flaschen fettige Ringe  hinterlassen hatten. Saß auf wurmstichigen Barhockern, zwischen ihnen die kleinen Spucknäpfe. Sägemehl auf den Brettern, die Erbrochenes aufsaugten. Hauptsächlich geheimtuerische Raumtreiber. Eine weitere Boomtown, doch dieses Mal eine ersterbende.
 Die winzige Miene war leer, noch bevor Travis in die Stadt einritt. So schnell, dass sie nicht mal einen Namen bekommen hatte. Hier war er nicht vonnöten. Die ersten Kaufleute hatten zusammengepackt und waren gen Osten geritten. Bald würde es eine Geisterstadt sein.
 Er hatte den schmutzigen Verband vom Unterarm gezogen. Mit Ausnahme der kauterisierten Wunde hatte keine seiner Späteren lange zum Heilen gebracht. Fast so als könnte er es sich nicht leisten. Die kleinen Stiche an Hand und Unterarm waren zu Schorf geworden, der nun vom Hemdärmel und den zerknitterten des Staubmantels verborgen wurde. Als er den Saloon betreten hatte, war gerade eine Schlägerei abgeklungen und nun kam vielleicht die nächste rein, als ein riesenhafter, bleicher Mann unter dem Türrahmen hindurchtauchte. Seine kleinen, schwarzen Stiefel ließen die Bretter unter seinem Gewicht knirschen. Sein kahler, glatter Schädel ragte hoch auf und er war der einzige im Saloon ohne jeden Bart und Augenbrauen. Travis würde noch feststellen, dass der Riese nicht mal Wimpern besaß. Fast wie eine Unwohlsein erzeugende Figur aus weißem Obsidian, trat er in seinen dunklen Kutschermantel in der Saloon. Überragte seine zwei Meter um vielleicht 13 oder 15 Zentimeter. Sein winziges Gesicht in der Weite seines Kopfes und die winzigen, runden Ohren, verliehen ihn etwas Dämliches auf eine völlig unlustige Weise.
 Und obwohl die Hocker am Tresen frei waren, ließ er seinen schweren fleischigen Körper fast aufdringlich nahe, neben Travis nieder. Fast einer Drohung gleich, ließ er die schweren Pranken auf der dunklen Platte sinken. All das Holz im Saloon wirkten in dem wenigen, einfallenden Licht, fast schwarz. Und trotz des eigentlich „dummen“ Gesichtes, sah er Travis emotionslos an. Travis glaubte noch nie in einem Gesicht die Abwesenheit jeder Regung so deutlich gesehen zu haben und es mangelte nicht an verschlossenen Figuren im Westen.
 „Es sieht fast aus, als wartest du auf jemanden“, sagte er. Und seine Stimme donnerte nicht, wie Travis es erwartete hatte, noch dröhnte sie. Der Riese hatte keine schlechte Stimme. „Viele Männer warten darauf, dass etwas passiert, dabei sind sie es, die die Geschickte der Welt lenken sollten“, beiläufig bestellte er etwas zu trinken, dass der uninteressierte Barkeeper vor ihn abstellte. Bis zum Ende ihres Gesprächs fasste der Riese das Glas nicht an.
 „Du musst mich verwechseln“, nippte Travis an seinem Whisky.
 „Ich verwechsel nie jemanden. Das ist kein Platz für Unsicherheit in mir. Genau sowenig wie in dir“, was Travis aufsehen ließ. Abschätzend spähte er unter der Krempe seines flachen Hutes hervor.
 „Da ist nur Wille. Und das weißt du, Driftwood.“
 Sein ersten Gedanke war, ob der Orden ihn diesmal einen Hexer schickte?
 „Wo Wille ist, das ist auch Werk und dein zerstörerisches Werk gefällt mir. Jedoch kommt das Glück dir langsam abhanden. Und du magst straßenklug sein, aber gebildet bist du nicht. Ich will dir unter die Arme greifen. Ob du es einsiehst oder nicht ist irrelevant. Du hast auf mich gewartet.“
 Travis hatte gewartet, jedoch nicht auf diese zyklopische Erscheinung. Er wartete auf jemanden, von dem er nicht wusste, ob sie kam. Aber auf die er seit ihrer Trennung wartete. So wie er irgendwie auch darauf wartete, dass Rose zurückkam, ihn suchen, was sie vergebens tun würde.
 Fast als könnte der Riese seine Gedanken lesen, sagte er: „Schlag dir das aus dem Kopf“, unerwartete hart und entschlossen. „Die Frauen trüben deinen Willen nur. Reise nicht mit ihnen. Es werden noch genug auf dem Weg sein und ob sie wollen oder nicht ist so irrelevant, wie ob eine Mine einstürzen will oder nicht. Stürzen lassen wir sie trotzdem. Du benötigst keine Frau. Du benötigst einen Partner im Verbrechen. Denn es gibt viel was gebrochen werden muss.“
 Niemand im Saloon beachtete sie groß. Sie waren einfach zwei weitere Vagabunden in dieser sich langsam auflösenden Stadt. Fast als wäre sie nur für den Saloon da und dieser wiederum nur für ihr Treffen.
 „Zusammen, können wir viel zerstören. Meiner letzten Bande ist der Wille ausgegangen, wie dir das Glück. Ein schwacher Haufen, den ich immer wieder antreiben musste, wie träge Ochsen. Wenigstens war ein köstlicher Knabe darunter. Bei dir jedoch sehe ich einen schier grenzenlosen Willen. So jemanden suche ich. Der nie müde wird. Der sich gegen den Sandsturm stellt. Nur das Lachen, das müssen wir dir noch lehren.“
 „Woher weißt du das?“, wollte Travis wissen. Sah in die blinden Spiegel, dessen Ränder fleckig waren, wie als schimmle das Glas.
 Da grinste der Riese ein abartiges, höhnisches Grinsen, mit einer Reihe, winziger, ebenmäßiger Zähne in viel zu weiten Zahnfleisch. „Ich muss wissen. Wie könnte ich sonst tun, was ich tue. Trink aus. Wir müssen gehen. Da fährt ein Planwagen gegen deinen Willen nach Westen. Eine rothaarige Frau, ihr Mann und ihre Tochter. Alle drei haben keine Zukunft. Die Frau wird deine getrübte Stimmung aufhellen und die Tochter, die meine. Alle Frauen sind eine Frau.“
 Wusste der Riese? Stellte er Travis auf die Probe? Testet er seine Entschlossenheit vielleicht? Der letzte Satz triggerte Travis und ließ ihn seine Singel Action Army ziehen und sie gegen das fleischige Kinn des Riesen drücken. Kein Sonderfall hier. Niemand interessierte sich. Keiner wollte mit reingezogen werden. Sie hätten auch genauso gut allein hier sitzen können.
 Der Riese grinste weiter, sich sicher, dass Travis nicht abdrücken konnte und einen quälenden Moment verharrten sie so. Und Travis sah in die Augen des Riesen, die wie sein Mund kalt lächelten. Da veränderte sich etwas, und das Leuchten verschwand aus den kleinen Augen. Und kaum merklich verzogen sich die Mundwinkel zu einer Grimasse. Der Riese hatte siegessicher seinen Willen testen wollen und ganz plötzlich fürchtete er, dass dieser nicht ausreichte. Dass er an einen stärkeren Willen geraten war. Aus dem Lächeln wurde eine gequälte Grimasse und seine kahlen Augenbrauen verzogen sich.
 Travis drückte ab und der in Falten gelegte Hinterkopf des Riesen zerplatzte. Der Wille des Riesen war erloschen. Er kippte schwerfällig vom Hocker und die Bretter krachten unter dem Gewicht. Wirbelten Sägespäne auf. Er war gestürzt, wie ein Marmorblock, den man aus dem Felsen gehauen hatte und der nun zerbrochen und ganz unnütz auf dem Boden lag.
 Wortlos stand Travis mit dampfendem Lauf und Trommel auf. Steckte den Revolver im Gehen in den Holster mit Schnalle zurück. Ließ den Toten liegen, wie er den Rest des Whiskys stehen ließ. Trat mit seinen spitzen Cowboystiefeln auf den knirschenden Gehweg vor dem Saloon und wer stand da unsicher neben Perun? Wer hatte sich entschieden? Wer war zu ihm zurückgekehrt? Diesmal endgültig und würde mit ihm den Weg bis ganz zu Ende gehen, so als wäre ein böser Zauber – ein Fluch – gebrochen worden? Oder als wäre ein anderer Spell gesprochen wurden?
 Neben seinem Pferd, Perun, stand die junge Hexe Jean Duerre. Sah ihn mit unsicherem Lächeln an. Sie war zurückgekehrt.
 
 
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