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Outback

von Watanabe
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Action / P16 / Het
Dr. Hermann Gottlieb OC (Own Character)
24.08.2022
16.09.2022
5
9.638
1
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24.08.2022 1.497
 
Sydney Base, Shatterdome

Die Sonne brannte unerbittlich auf die dicken Mauern aus Stahl und Beton, die Luft flimmerte oberhalb der weißen Farbe, erfolglos bei ihrer Aufgabe, die Hitze des australischen Sommers abzuhalten. Silberkopfmöwen trieben davon unbeeindruckt auf Wellen hin und her, die sich an den Wänden der ins Meer hineinragenden Militärbasis brachen. Der Shatterdome, das letzte unversehrte menschliche Gebäude in vermutlich ganz Australien, wirkte zu dieser Tageszeit von außen wie verlassen. Die gewaltigen Tore waren verschlossen, die Hangar-Decks leer. Still lag die weiße Festung hier, am Rande der Ruinen des einst prächtigen Sydney. Nur wenige Abgasrohre deuteten mit ihrem feinen, im leichten Wind davonziehenden Rauch an, dass sich unter der stillen Oberfläche noch Leben regte.

Genauso regungslos wie die Basis dalag, lauschte das Dutzend Offiziere dem Bericht des Marshals, bis dieser seine Unterlagen schlussendlich zusammenschob, das kleine Tablet auf den Schreibtisch legte und sich in seinem Stuhl nach vorn beugte. „Sie haben es gehört, Ladies und Gentlemen. Bereiten Sie den Hangar für die Ankunft vor, unser Besuch wird uns in zwei Tagen erreichen. Wegtreten.“

Die Untergebenen salutierten, bevor sie in kleinen Grüppchen das Büro verließen. Nur ein älterer Mann blieb ungerührt stehen und wartete, bis er mit dem Commander allein zurückblieb. Die massive Stahltür schepperte dumpf, als sie hinter dem letzten Soldaten, der den Raum verließ, zufiel.

„Habe ich die Erlaubnis, offen zu sprechen, Marshal Rask?“ Die Stimme seines Stellvertreters klang angespannt, nahezu gereizt, auch wenn die steinerne Mine und die gerade Haltung des Offiziers nichts von alldem verrieten.

„Selbstverständlich, Snyder“, antwortete der Befehlshaber und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er faltete die Hände und wartete auf die Tirade, mit der er schon gerechnet hatte, seitdem die Informationen über die Verlegung der Jäger sie heute Morgen erreicht hatten.

„Die Stationierung von Enigma Colossus hier in Sydney ist erfreulich. Bei der zunehmenden Kaiju-Aktivität können wir dieses neuartige Jägermodell wirklich gut gebrauchen. Aber was in Gottes Namen sollen wir…“ Der Vizecommander räusperte sich derart stark, dass sein großer Schnauzbart leicht wippte. „… bitte mit Lucky Blue anfangen? Dieser Jäger ist ein einziges Desaster! Er hat schon immer Probleme bereitet. Die KI ist fehlerhaft und für die meisten Piloten keine Unterstützung. Es hatte einen Grund, warum dieses „Experiment“, diese Testversion, nicht in Serienproduktion gegangen ist.“ Snyder gab seine starre Haltung auf und begann, vor dem Schreibtisch auf und ab zu laufen, während er weiterredete. „Ich frage mich, warum man den Jäger nicht einfach ausgeschlachtet und als Ersatzteillager benutzt hat. Hinzu kommt, dass dieser Mark V mittlerweile ziemlich veraltet ist.“

Rask hob die Handflächen entschuldigend nach oben. „Das PPDC trifft solche Entscheidungen, nicht wir. Vielleicht ist der jetzige Pilot tatsächlich geeignet.“

Snyder stockte in seiner Bewegung und blickte verdattert in das Gesicht seines Vorgesetzten. „Bei allem nötigen Respekt Sir, dieser Kerl?! Nach dem, was er mit seinen Copiloten angestellt hat?!“

Ein kleines Lächeln kroch in das Gesicht des Befehlshabers der Basis. Er wollte zustimmen und nickte innerlich bei jedem Argument, das sein Stellvertreter vorbrachte. Dennoch hatte sich das PPDC klar und deutlich ausgedrückt. Der Marshal lehnte sich nach vorne und drückte ein paar Mal auf dem Touchpad des Schreibtischs herum, sodass eine holographische Karte von Australien auftauchte. „Kommen Sie her, Snyder, sehen Sie sich das an.“ Er wartete, bis der erboste Offizier näherkam. Die gesamte Darstellung des Kontinents färbte sich nun rot, mit Ausnahme eines kleinen, grün schimmernden Punktes: Sydney Base. „Nachdem das PPDC Operation Blackout durchgeführt hat, sind wir hier die letzte menschliche Bastion von militärischer Bedeutung auf einem ansonsten von Feinden überrannten Kontinent. Kaijus streifen frei herum, jederzeit können weitere Risse entstehen, durch die neue Monster auf die Erde kommen. Wir sind der letzte wehrhafte Außenposten und gleichzeitig das Auge des Corps in dieser Gegend. Uns obliegt es, die Entwicklung hier zu beobachten, den Feind zu studieren.“

„Das ist mir bewusst, Sir“, entgegnete Snyder. „Worauf wollen Sie hinaus?“

„Es ist kein Zufall, dass gerade jetzt diese beiden Jäger zu uns überstellt werden. Die Kaijus werden größer und zahlreicher, wir brauchen jede Hand, die imstande ist, zu kämpfen, sollten sie sich zu einem Sturm auf den Shatterdome entschließen. Als Atlas Destroyer uns vor einigen Wochen erreicht hat und dieses Kaiju der Kategorie VI im Schlepptau hatte, ist der Führungsebene wohl endlich klargeworden, dass jederzeit mit einem Angriff auf diese Basis zu rechnen ist.“ Der Marshal stand auf und legte seine Hände über das Hologramm. Als er sie auseinanderzog, zoomte er damit auf der Karte herein, bis er einen Bereich erreicht hatte, der erstaunlich detailarm war. „Wie Sie sehen, haben wir kaum Informationen über diesen zentralen Teil des Kontinents. Bei Operation Blackout wurden auch alle Satelliten im Orbit über Australien zerstört. Und dennoch, so zeigen es Messungen anderer Überwachungsstellen, gibt es in diesem Bereich des Kontinents massive Energiespitzen, die überall auf der Welt noch messbar sind. Das stellt ein Problem dar, Snyder. Irgendetwas geschieht dort im Zentrum Australiens um Alice Springs herum…“

„Sie meinen, dass die Precursors etwas vorhaben?“ Snyder machte eine nachdenkliche Geste und runzelte die Stirn.

„Es ist nicht von Belang, was ich denke. Das PPDC hat beschlossen, dass es taktisch unklug ist, wenn wir nicht mitkriegen, was vor unserer eigenen Haustür vor sich geht.“ Rask warf einen Blick zu seiner eigenen Bürotür, wie um sich zu vergewissern, dass sie auch wirklich verschlossen war.

„Und was hat das mit den beiden Jägern zu tun?“

Enigma Colossus wird unsere Verteidigung hier verstärken. Die Davies-Zwillinge sind ausgezeichnete Piloten und eine echte Ergänzung für unser Jäger-Team. Lucky Blue hingegen…“ Der Marshal ließ die Karte mit einem Wisch verschwinden, setzte sich auf eine Kante seines Schreibtischs und seufzte leicht, bevor er weitersprach. Seine Mine verfinsterte sich dabei schlagartig, sodass der bullige Mann mit dem Bürstenschnitt auf einmal wesentlich älter wirkte, als er eigentlich war. „Ihre Ausführungen sind allesamt richtig, Snyder. Lucky Blue ist ein technologischer Fehlschlag, der Pilot nicht drift-kompatibel. Die KI ist verbuggt, eine Synchronisierung mit anderen Piloten anscheinend nicht möglich. Aber auch ein Irrtum kann noch nützlich sein. Wir werden ihn ins Outback entsenden. Vielleicht kann er uns noch Informationen über dieses Gebiet beschaffen, von dem wir fast nichts wissen.“

Snyder zog die Augenbrauen hoch. „Ins Outback? In die dunklen Lande? Das ist ein Himmelfahrtskommando…“

„Höchstwahrscheinlich, ja. Und das ist auch so beabsichtigt.“

„Ach ja?“ Die Fragezeichen im Gesicht von Rasks Stellvertreter wurden immer größer.

„Sehen Sie, Snyder… Das PPDC ist nach dem Verlust von Australien politisch stark unter Beschuss geraten. Die Tatsache, dass wir einen kompletten Kontinent verloren haben, wirft Fragen dahingehend auf, ob es sich tatsächlich noch lohnt, weltweit Unsummen in diese Art der Kriegsführung mit Jägern zu stecken. Es werden gerade große Anstrengungen unternommen, um zu zeigen, dass man sich auf die Jäger und ihre Piloten verlassen kann. Ein gescheitertes Experiment wie Lucky Blue passt da nicht ins Bild. Gleichzeitig soll aber auch der Eindruck vermieden werden, die finanziellen Mittel würden zum Fenster hinausgeworfen. Also will man, dass wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Wir besorgen Informationen darüber, was im Zentrum von Australien vor sich geht und werden dabei eventuell auch noch diesen Jäger los. Er wird nur als weiterer Verlust auf einer langen Liste auftauchen. Nichts Besonderes. Und die Öffentlichkeit wird nie herausfinden, dass mit diesem Jäger und seinem Piloten etwas nicht stimmt.“

„Gibt es Angehörige?“

„Nein, keine nahen lebenden Verwandten. Und auch die anderen Einheiten vor Ort werden froh sein, wenn sie wieder weg sind. Weder Pilot noch Jäger kommen gut mit anderen zurecht.“

Snyder blickte für kurze Zeit nachdenklich und ohne Regung vor sich hin, dann nickte er. „Verstanden, Sir. Ich werde die Ankunft der Einheiten vorbereiten lassen.“ Er salutierte und wandte sich zum Gehen, als sein Vorgesetzter ihn noch einmal ansprach.

„Ach, und Snyder?“

„Ja, Sir?“

„Kein Wort von diesen Details zu irgendwem sonst. Wir werden alle Crews übermorgen hier offiziell willkommen heißen. Kurz darauf werde ich dem Piloten von Lucky Blue seinen Auftrag erteilen. Wir rüsten seinen Jäger ordnungsgemäß und dem Protokoll für solche Einsätze entsprechend aus, dann schicken wir ihn in die Wüste. Buchstäblich. Entweder er kann uns Informationen beschaffen oder er verschwindet vom Radar. In beiden Fällen ein Vorteil für uns.“

Snyder verließ das Büro und die große Metalltür schloss sich erneut hinter ihm. Der Marshal bleib allein in diesem bunkerähnlichen Raum zurück und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Seine Finger flogen über die Touchpads, bis sie das gesuchte Dossier aufgerufen hatten. Nachdenklich griff er ohne hinzuschauen in eine seiner Schreibtischschubladen. Seine Augen klebten immer noch an der digitalen Akte des Piloten von Lucky Blue, die auf seinem Bildschirm präsentiert wurde. Seine Finger wühlten sich durch die Schublade, bis er die kleine hölzerne Box gefunden hatte. Er zog eine seiner geliebten Zigarren hervor, zündete sie an und inhalierte genüsslich den schweren Rauch, bis die Schwaden das bläuliche Licht der Leuchtstoffröhren in diesiges Zwielicht verwandelten.

„So viel Potential, so viel Talent… und dann… so ein Fehlschlag“, sprach Rask gedankenverloren und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Halten wir Ihren Aufenthalt hier so kurz wie nur irgend möglich, Preston. Das ist wohl besser für uns alle.“
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