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Kakaniens Dampf

von Senex
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
23.08.2022
23.09.2022
13
318.151
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Mai 1889




Ägäisches Meer




Eine seltsame, unwirkliche Stille lag seit etwa einem Monat über der ganzen Insel Kreta. Es schien beinahe so, als wäre die Zeit in diesem Teil der Welt eingefroren, und die gesamte Insel hielte den Atem an. Nachdem die Kreter die Besatzung der Festung von Herakleion niedergekämpft und zum größten Teil getötet hatten, waren zwei Boten mit einem Kahn losgefahren, um die Griechen in Konstantinopel zu warnen. Man hatte bisher nichts mehr von ihnen gehört oder den kretischen Abgeordneten im türkischen Parlament gehört. Die Menschen gingen zwar weiter ihren Beschäftigungen nach, denn Ziegen, Schafe und Kühe mussten ja gefüttert und gemolken, der Wein ausgeschnitten, Brot gebacken und das Mittagessen in den Ofen geschoben werden. Aber eine Aura des irrealen umgab alles, vor allem das Denken sowohl der Griechen als auch der Türken. Die osmanischen Garnisonen in Souda, dem großen Hafen im Westen der Insel, wo ein beachtlicher Teil der osmanischen Mittelmeerflotte stationiert war, die Besatzungen der Festungen Rethymnon und auf der Insel Elounda verhielten sich absolut ruhig und warteten scheinbar noch auf Befehle von oben. Natürlich waren die Soldaten in erhöhter Alarmbereitschaft, aber kein Offizier befahl  einen Gegenangriff, keiner der Kommandanten versuchte den Aufstand der kretischen Bevölkerung mit neuen Geiseln zu beenden. Die türkischen Schiffe verließen wie eh und je ihre Häfen und gingen auf Patrouille, nur jene bewaffneten Küstenboote und kleinen Korvetten, welche der revoltierende Mob in Herakleion gestürmt und mit Hilfe plötzlich im Hafen auftauchender Fischerboote geentert hatte, blieben im Hafen liegen. Im Gegenzug näherte sich auch kein bewaffneter Kreter den osmanischen Bollwerken, um zu versuchen, auch den Rest der Insel zu befreien und zu erobern. Alle Menschen auf der Insel schienen zu warteten, auch wenn sie wohl selbst nicht so genau wussten, worauf eigentlich. Aber irgendwie schien auch jeder damit zufrieden zu sein, nicht von der anderen Seite beschossen zu werden, und so verging ein Tag nach dem anderen.



Die Bucht von Souda auf Kreta war einer der besten und größten Naturhäfen des Mittelmeeres. Und einer der am leichtesten zu verteidigenden. Im Süden die Berge der kretischen Hauptinsel, im Norden die nicht weniger steilen Hänge zur Hochebene der Halbinsel Akrotiri, die sich im Nordosten zu einer hohen, steilen Klippe erhoben. Im Osten lagen die Souda-Inseln in der Einfahrt zur geräumigen Hafenbucht, und am westlichen Ende senkten sich sowohl die nördlichen als auch die südlichen Höhenzüge zu einem Tal mit leichtem Zugang zum Meer. Auf der Halbinsel Akrotiri lag auch der internationale Luftschiffhafen, der außer von den zivilen Luftschiffen der Donaumonarchien und Deutschlands auch regelmäßig sowohl von den osmanischen wie den französischen und englischen zivilen Luftschiffen angesteuert wurde. Dieses Gebiet auf dem Hochland galt allen Ländern Europas als neutraler Boden, und ein pfiffiger portugiesischer Geschäftsmann hatte dort sogar ein luxuriöses, modernes Konferenzhotel gebaut. Mit Verteidigungsanlagen, welche einem starken Fort zur Ehre gereicht hätten und eigenem, schwer bewaffnetem und gut geschultem Schutzpersonal, welches der Besitzer aus allen Ländern rekrutierte. Es hatten dort auf neutralem Boden bereits einige Beratungen zwischen gekrönten Häuptern stattgefunden. Zuletzt zwischen dem Kronprinz Albert Edward von Britannien und dem 19 Jahre alten Zarewitsch Kyril Wladimirowitsch von Russland vor zwei Monaten. Marie Alexandrine Elisabeth Eleonore von Mecklenburg-Schwerin hatte Wladimir Alexandrowitsch bereits 9 Monate nach der Hochzeit im Jänner 1870 einen Sohn geboren.



=◇=




Das türkische Staatsschiff, die PEYGAMBERIN KILICI, war trotz des hochtrabenden Namens kein waffenstarrendes, dafür aber umso schwerer gepanzertes und verschwenderisch mit Luxus ausgestattetes Schiff. Die offensive Bewaffnung beschränkte sich auf leichte Maschinengewehre und Mittelartillerie. Die eigentliche Stärke der PEYGAMBERIN KILICI lag eher in der Defensive, denn sie sollte das Leben des Sultans oder seines Vertreters oder Vertrauten auf See schützen. Die schwere Artillerie, welche nötig war, einen Angreifer auf den hohen Passagier auf Abstand zu halten, war auf den drei von Deutschland gebauten Einheitslinienschiffen der Brandenburgklasse zu finden, welche das Staatsschiff derzeit im Verband mit anderen leichten und schweren Kreuzern auf dem Kurs von Konstantinopel nach Süden in einiger Entfernung  eskortierten. Das Ziel dieser nicht eben kleinen Flotte war ziemlich offensichtlich Kreta, der Zweck der Fahrt zu diesem Zeitpunkt weniger klar ersichtlich. Auch wenn Abdülmezid seine Bereitschaft zu Verhandlungen über diplomatische Kanäle verbreitet hatte, noch glaubte eigentlich niemand so recht daran. Diese Art von Politik war man vom osmanischen Reich nicht gewöhnt, seine Vorgänger hatten eher eine rigorose Härte an den Tag gelegt.



Mit der PEYGAMBERIN KILICI auf Kollisionskurs befand sich die SPARTA mit ihrer Flotte, allerdings ohne es bisher zu wissen. Die SPARTA war eine besondere Konstruktion, beinahe 300 Meter lang und 40 breit, sowohl auf dem Vorder- wie auf dem Achterdeck eine gedeckte Barbette mit je zwei Kanonen im Kaliber 36 Zentimeter, auf beiden Seiten waren je fünfzehn Kanonen des leichten 10,5 Zentimeter-Kalibers in Kasematten untergebracht. Der Kommandoturm war zweigeteilt und weit zum Bug und zum Heck verlegt worden, dazwischen lag ein Start- und Landedeck für drei leistungsstarke britische Ornithopter, mit denen man feindliche Schiffe aufspüren und im Falle eines Kampfes auch bombardieren konnte. Ein neues, von König selbst erdachtes Konzept, von welchem Admiral Adonis Papaioannistratos noch lange nicht restlos überzeugt war. Er persönlich verließ sich lieber auf die zwei Einheitslinienschiffe und die fünf schweren Panzerkreuzer unter seinem Kommando. Aber der König hatte die SPARTA zum Flaggschiff der griechischen griechischen Flotte ernannt, und so stand der Admiral eben auf der Brücke des Ornithopter-Trägers und beobachtete das an diesem Tag stark bewegte kretische Meer zwischen den Inseln Santorin und Kreta. Es blies, wie es zu dieser Jahreszeit nicht selten vorkam, ein heftiger Sciricco aus Südosten, welcher weiße Schaumkronen auf die Wellenkämme zauberte. Ein Anblick, bei welchem Adonis an die Sage von den Nereiden, also die Töchter des Meeresgottes Nereus denken musste. Die Wolken hingen tief, wie es im Mai im Gegensatz zu den starken Winden eigentlich ziemlich selten vorkam. Die Sonne brach nur ab und zu aus einer kleinen Lücke und zeichnete kräftige Jakobsleitern für die Seefahrer in den Himmel. Eine kleine Glocke schlug an, machte die Brückenoffiziere auf die dem Signal folgende Meldung aufmerksam.

„Schiff ahoi“, tönte es aus dem Sprachrohr vom Peildeck herunter. „Ein Türke, der Silhouette zu urteilen wahrscheinlich die PEYGAMBERIN KILICI!“

„Gefechtsalarm an alle Schiffe, alle Mann auf Station“, befahl der Admiral, und an den Kapitän der SPARTA gewandt bemerkte er noch an. „Die KILICI ist ganz sicher nicht allein unterwegs.“

„Alle Schiffe melden ‚Klar Schiff für Gefecht‘, Admiral“, meldete der Signalmaat.

„Schiffe ahoi! Drei Brandenburg und eine Menge Kreuzer folgen der KILICI“, ertönte es vom Peildeck.

„Nun, Kapitän?“

Kapitän Nikos Katsarakodos nickte. „Ich habe es nie bezweifelt, Admiral. Es wäre ebenso unwahrscheinlich wie ein Alleingang der SPARTA.“

„Wohl wahr“, brummte Adonis und wandte sich an den Signalgast. „Flotte auffächern lassen, Kurs auf den Feind!“ Wieder erklang zuerst das Glöckchen, dann folgte die Meldung des Peilmaates.

„Türke trägt weiße Parlamentärflagge!“

„Mist“, schimpfte Adonis Papaioannistratos und stampfte mit dem Fuß auf. „Akuten Gefechtsalarm aufheben, aber die Leute sollen auf ihren Posten bleiben!“ Dann wandte er sich wieder an Nikos Katsarakodos. „Schade, jetzt hätten wir ein hochrangiges Mitglied des osmanischen Hofes oder gar des Herrscherhauses fangen können. Verdammte Parlamentärflagge.“ Dann rief er dem Signalmaat zu. „Beidrehen, wir eskortieren die türkischen Flotte bis zur Dreimeilenzone.“ Dann, beinahe wie im Selbstgespräch „Vielleicht macht ja dieser vermaledeite Türkei irgend einen Unsinn.“

 

=◇=




„Herr!“ Kapitän Kalil Azizsadee aus der Grenzregion zu Persien trat zum Sultan in den üppig mit Teppichen und Sitzkissen versehenen Salon der PEYGAMBERIN KILICI. Abdülmezid legte den Konstruktionsplan eines Dampfturbinenschiffes zur Seite, den er eben studiert hatte.

„Wir müssen lernen, solche Schiffe selbst herzustellen, Kapitän. Wir besitzen doch alle Bodenschätze, und auch die meisten bekannten Bestandteile des Vaporids sind in unserem Reich zu finden. Wir dürfen unser Geld nicht mehr so zum Fenster hinaus werfen, wir müssen endlich auf eigenen Beinen stehen lernen. Eigene Ingenieure und Techniker ausbilden! Entschuldigen Sie, Kapitän. Sie wollten mir sicher mitteilen, dass Sie eine Flotte gesichtet haben!“

„Ja, Herr. Eine griechische unter der SPARTA. Derzeit laufen sie einen Kurs parallel zu uns.“

„Es war zu erwarten, Kapitän“, beruhigte der Sultan seinen Offizier. „Ich hoffe, alle Schiffe haben die Waffenstillstandflagge gehisst?“

„Selbstverständlich, Herr. Auch die SPARTA mit ihrer Flotte hat jetzt die weiße Fahne aufgezogen.“

„Na bitte“, freute sich Abdülmezid. „Es geht ja auch ohne große Seeschlacht. Wie lange noch bis zur großen Festung?“

„Etwa zwei Stunden, Herr. Das Wetter scheint ohne Niederschlag und stärkeren Orkan durch zu halten!“

„Dann ist es ohnehin Zeit, mich bereit zu machen. Danke, Kapitän!“



Die große Festung von Herakleion trug ihren Namen durchaus zu Recht. Von einer Seite zur anderen maß die Festung mehr als 800 Meter, 8 mächtige, mit schweren Geschützen bewehrte Bastionen und mehrere Raveline mit Feldartillerie sollten die Angreifer bereits aus der Entfernung dezimieren, und auch der Hafen war durch ein mächtiges Fort verteidigt, das mittels gedeckter Gänge mit der Festung verbunden war. 21 Jahre hatten die Venezianer dieses Bollwerk gegen die Osmanen verteidigt, und diese hatten die Artilleriestellungen noch weiter ausgebaut und befestigt. Die Hafenfestung hatten die Venezianer Rocca di Mare genannt, diesen Namen trug sie auch unter den Türken und den Kretern. Hier, in dieser Festung, hatte Oberst Berenike Kamatakis ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Nun stand sie in der neu geschaffenen Uniform der kretischen Armee und einem Regencape auf der Mauer der Festung und starrte zu dem Staatsschiff des osmanischen Reiches hinüber. Eigentlich war diese Uniform die traditionelle kretische Tracht mit engen, schwarzen Reithosen, hohen Schaftstiefeln, einem schwarzen Hemd und schwarzer Weste, dazu das traditionelle ‚Kefalomandili' – wörtlich das Kopftaschentuch, eher ein Netz als ein Tuch zu nennen. Bei der Uniform kam noch für Offiziere eine weiße Bauchschärpe über dem Waffengurt und eine Art Fez dazu, ebenfalls in weiß gehalten, Soldaten und Unteroffiziere trugen beides in blau.



Unzählige Gedanken wirbelten beim Anblick der PEYGAMBERIN KILICI durch den Kopf der Frau, nicht alle waren angenehm. Es war gerade vier Wochen her, da sollte sie auf Befehl des Militärgouverneurs mit fünfzig anderen Geiseln gepeitscht und erdrosselt werden, dann kam es zum Aufstand und zur Eroberung der großen Festung. Die Türken hatten erwartet, das ihr Exempel, welches sie statuieren wollten, die Bevölkerung einschüchtern würde, dass die brutale und demütigende Art des Mordes an Frauen die Angst vor dem Terror der Besatzer die Überfälle der Sfakioten auf die osmanischen Soldaten beenden würde. Statt dessen hatte sich der Druck der Masse explosionsartig befreit. Auch in Berenike, der Tochter eines Bäckers und Ehefrau eines Messerschmiedes, erst achtundzwanzig Jahre alt und bis zu dieser Zeit eine ruhige Ehefrau und Mutter, war etwas zerrissen. In diesem Augenblick, als der Aufstand just in dem Moment begann, als man sie zur Exekution führen wollte. Sie hätte nie gedacht, dass sie fähig wäre, einem bewaffneten Mann mit den Zähnen an die Kehle zu gehen. Aber – die nackte Frau, die ihren Henker tötete und mit dessen Waffe vor den Massen herlief und den Angriff auf die Bastionen anführte, war zum Symbol des Widerstands gegen die Osmanen geworden und jetzt ein Oberst der kretischen Armee. Einer derzeit noch sehr unorganisierten, dafür aber umso enthusiastischeren Streitkraft. Berenike gab sich zwar keiner all zu großen Hoffnung hin, denn sollte das osmanische Reich ernsthaft versuchen, Kreta zurück erobern zu wollen, hätten wieder nur die Bewohner der Berge eine Möglichkeit, in Freiheit zu überleben. Doch die PEYGAMBERIN KILICI war allein gekommen, ihre Eskorte war weit entfernt schemenhaft am Horizont zu erkennen und näherte sich nicht weiter. Und, es wehte die Fahne eines Unterhändlers vom Flaggenmast, und die Nachricht, welche soeben herübergeblinkt wurde, bat um eine Unterredung mit den Vertretern der Kreter, hier oder auf der Akrotiri – Halbinsel. Berenike wandte sich an ihren Melder.

„Lass zurückblinken: ‚Wir bestätigen den Erhalt der Nachricht - bitten um Geduld.‘ Lauf los, dann marschierst du zum Ratsvorsitzenden Inoriokakis. Erzähle ihm von der Nachricht, und ich schlage vor, den Sultan in der Festung Rocca a Mare in meinem Konferenzraum zu empfangen. Er sollte sich mit Oberst Eporotakis und fünf Räten in ein Versteck zurück ziehen. Drei Räte und meine Person sollten für Verhandlungen reichen. Ab!“



Gut vor allen Winden geschützt hatte die PEYGAMBERIN KILICI im Hafen von Herakleion an einem Pier angelegt, und Berenike Kamatakis hatte den Sultan zwar mit militärischen Ehren, aber selbstverständlich ohne Kniefall begrüßt und mit seinen beiden Adjutanten in die Festung begleitet.

„Ihr müsst jene Frau sein, die mit blanken Zähnen einen Soldaten angegriffen hat, Frau Oberst", bemerkte Abdülmezid.

Berenike zuckte nur mit den Schultern. „Ich hätte ohne Probleme darauf verzichten können, Hoheit. Schon wegen der mangelnden Hygiene dieses Soldaten, von allem anderen ganz zu schweigen.“

„Mangelnde Hygiene? Aber…“ der Sultan brach ab.

„Ich zeige Euch gerne die Bäder, sie sind in erbärmlichem Zustand. Aber ob ungewaschene oder gewaschene Besatzer – eine Vergewaltigung ist nie lustig, glaubt es mir. Dazu beständige Gewalt und der laufende Diebstahl über jede Steuer hinaus, die permanenten Schändungen unserer Kirchen. All das haben wir erlebt und lange Zeit erduldet, haben immer wieder versucht, es mit friedlichen Mitteln, in der Kammer in Stambul, zu ändern. Man hat uns ignoriert, wir Inselbewohner wurden immer zum Schweigen gebracht...“

„Ich habe es erfahren, Frau Oberst!“ Abdülmezid verzog schmerzhaft sein Gesicht. „Ich dachte, wenn ich weise und gute Gesetze erlasse, reicht das. um das Leben meiner Untertanen verbessern.“ Er seufzte tief. „Ich habe mich geirrt und nicht daran gedacht, dass meine eigenen Offiziere meine Befehle ignorieren und in den Provinzen die Richter sämtliche Gesetze missachten. Mein Sohn Murad säubert eben das Offizierskorps und die Beamtenschaft von solchen Verbrechern. Es wird also aus vielerlei Gründen nicht mehr vorkommen, dass türkische Soldaten kretische Frauen überfallen und osmanische Beamte Kreter bestehlen.“

„Und auch keine Provinzgouverneure, die Unschuldige und sogar Frauen als Geisel nehmen und töten wollen“, warf Ilios  Monatararkis ein.

„Auch das sollte nicht mehr vorkommen“, bestätigte der Sultan. „Ich bin angereist, um der derzeitigen Regierung Kretas persönlich folgenden Vorschlag zu unterbreiten, der in wenigen Minuten auch allen Regierungschefs Europas per Telegraphie zugehen wird. Darf ich?“

„Gerne, Sultan Abdülmezid. Wir hören!“ Dimitris Kyriakis in der schwarzen Robe der griechisch-orthodoxen Popen faltete die Hände.



„Es handelt sich um einen kurzen Vertrag, einfach und ohne große Hintertüren. Bitte, lassen Sie ihn mich komplett vorlesen, wenn ich fertig bin, können wir gerne noch diskutieren. Also, Paragraph 1. Die Insel Kreta wird zu einem konstitutionellen und parlamentarischen Sultanat umgewandelt. Der Sultan ist der Sultan in Konstantinopel. Parlament, Minister und Ministerpräsident werden vom gesamten kretischen Volk, Männern wie Frauen, welche das 18. Lebensjahre erreicht haben, gewählt. Die erste Wahl sollte ehestmöglich stattfinden, bis dahin bleibt die derzeitige provisorische Verwaltung im Amt. Paragraph 2. Die gewählte Regierung Kretas soll schnellstmöglich eine eigene Verfassung verabschieden, bis dahin gilt die Verfassung des osmanischen Reiches. Die Exekution der Gesetze obliegt zuerst der derzeitigen provisorischen und danach der gewählten kretischen Regierung. Paragraph 3. Kreta verpflichtet sich zur Besetzung der vier Marinebasen mit einer adäquaten Anzahl von Soldaten und den Unterhalt derselben, ebenso zur Instandhaltung und Stellung einer Besatzung für die dort stationierten Schiffe. Die Beschaffung von militärischem Material obliegt den Sultan. Die derzeitige Besatzung wird mit Ausnahme einiger Ausbildner im technischen Bereich und eines kommandierenden Admirals bis zur Ausbildung eines eigenen Befehlshabers abgezogen. Paragraph 4. Das Sultanat Kreta verpflichtet sich, an seinen Sultan 20 Prozent der jährlich eingehobenen Steuern abzuführen. 80 Prozent verbleiben für die Verwaltung Kretas. Eine Mindestsumme wird nach einer Volkszählung noch zu verhandeln sein. Paragraph 5. Das Sultanat Kreta und das osmanische Reich sind militärische Verbündete mit gegenseitiger Beistandspflicht. Paragraph 6. Im Sultanat Kreta ist jede Person vor dem Gesetz gleich, unabhängig von Religion, Geschlecht, Abkunft, Vermögen oder sozialer Stellung.“ Abdülmezid legte das Schriftstück auf den Tisch und nahm die Lesebrille ab. Langes Schweigen, beinahe absolute Stille schlug ihm entgegen. „Frau Oberst, meine Herren Revolutionsräte?“

Es war Berenike, als erwache sie aus einer Trance. „Darf ich bitte den Vertragsentwurf sehen?“

Abdülmezid schob diesen schmunzelnd über den Tisch. „Sie wirken überrascht, Frau Oberst!“

„Das wäre die beinahe totale Freiheit Kretas zu einem akzeptablen Preis.“ Dimitris Kyriakis rieb sich das Gesicht.

„Und dieser Vertrag wäre sogar ein guter Grundstock für die Verfassung“, nickte Klios.

„Und das ohne Krieg und Blutvergießen!“ Berenike schloss die Augen. „Ein Ende von Angst und Alptraum.“

„Es wäre ein für beide Seiten erfreuliches Abkommen, Frau Oberst, meine Herren", bekräftigte Abdülmezid. „Details müssen natürlich noch besprochen werden, ich habe diesen Entwurf mit Absicht möglichst einfach gehalten, denn es geht mir vor allem darum, eine prinzipielle Einigung zu erzielen.“

„Ich glaube, ich kann für den ganzen Rat sprechen, dass wir aufgrund dieses Entwurfs ein Abkommen bekommen können.“ Berenike erhob sich und reichte dem Sultan die Hand, und auch Abdülmezid stand von seinem Sitz auf. Er nahm die Hand der Kreterin und schüttelte sie. Dann beugte die Frau Oberst doch noch das Knie.

„Unter den Umständen dieses Vetrages anerkenne ich Euch als meinen Lehensherrn, Hoheit.“



=◇=




Der Kutter von der KORYDALLOS legte von der SPARTA ab und brachte den Boten, der dem Admiral die neuesten Depeschen gebracht hatte, wieder zurück zur Avisokorvette. In seiner Kabine las der Admiral ungläubig die Nachricht von dem Telegramm aus Konstantinopel.

„Dekara“, fluchte Admiral Adonis Papaioannistratos laut los und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann stieg er die Treppe zur Brücke hinauf. „Das war's, Kapitän. Der Krieg gegen die Türken ist abgesagt, Abdülmezid hat Kreta die Selbständigkeit gewährt. Wenn auch unter seiner Hoheit. Unter diesen Umständen ist es unmöglich für die Völker Europas, sich auf unsere Seite zu stellen, wenn wir die ägäischen Inseln und Makedonien wieder zurück erobern wollen.“

„Diavolos! Ein schlauer Schachzug des Türken“, pflichtete Kapitän Nikos Katsarakodos bei. „Es stimmt, jetzt stünden wir als Aggressor und damit ziemlich allein und ohne Unterstützung da. Da könnten wir uns gleich selbst versenken!“

„Hilft nichts! Signalgast, die Flotte zieht sich noch einmal drei Seemeilen zurück, folgende Koordinaten!“



=◇=




Einstmals war die MARIA M. unter dem Namen SMS BERLIN der große Stolz der Deutschen Kaiserlichen Luftmarine gewesen. Das war in der Mitte der fünfziger bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts gewesen, bald nachdem der spätere Graf Novacek 1849 die Substanz Vaporid entdeckt hatte. Die Ingenieure hatten sich damals übertroffen, immer neue Methoden zur Sicherung des Auftriebskörpers von Kriegsluftschiffen zu finden. Bei der  BERLIN hatten sie damals ein dünnes Netz aus Aluminium- und Kruppstahldrähten zwischen dem äußeren und dem inneren Rumpf gewebt. Dieses sollte nachgeben und die Wucht eines Kanonenschusses bremsen, und die innere Hülle mit den vielfach unterteilten Gastanks unversehrt bleiben. Selbst mit dieser schweren Panzerung hatte das Luftschiff immer noch die damals noch atemberaubende Geschwindigkeit von beinahe 50 Stundenkilometer erreicht. Auch die Kommando- und Kanonendecks waren damals nicht mit einer schweren, durchgehenden starren Panzerung versehen worden, sondern mit einer flexiblen, leicht mit Bordmittel zu reparierenden. Die homerischen Griechen hatten aus Weidengeflecht und Leder leichte, aber überraschend wirksame Schilde gebaut, wo eine Lage die Wucht eines Pfeiles oder einer Lanze an die nächste weitergab und immer mehr auf ein größeres Areal verteilte. Gebrochene Stäbe waren leicht auszutauschen gewesen. Aus Profilstäben und Drahtgeflecht kopierte der für diese Erfindung in den Grafenstand erhobene Karl Zeppelin die achäische Methode des Verbundstoffes, welche später noch weiter verfeinert werden sollte. Zeppelin hatte während der Konstruktionsphase vor seinem Team folgendermaßen argumentiert: ‚…wir müssen uns klar machen, dass es ziemlich sinnlos ist, einen schwer gepanzerten, vergleichsweise kleinen und schwer zu treffenden Körper unter einen riesigen, ungeschützten Ballon zu hängen, den jeder Idiot mit einer besseren Steinschleuder treffen und so lange perforieren kann, bis der gepanzerte Körper als Altmetall in einem Krater endet…‘.



Als SMS BERLIN war das Luftschiff als Deckung für Truppentransporter und die Absetzung der Truppen gedacht gewesen. Ihre Hauptbewaffnung befand sich daher im unteren Teil des Rumpfes, um Bodenstellungen des Feindes aus der Luft nieder zu kämpfen. Es ist unklar, ob dieses Konzept zum Erfolg geführt hätte, den die BERLIN kam nie in einem Gefecht zum Einsatz. 1871 entwickelte Konrad von Kortwitz den Kristall-Leichtstahl, gemeinsam mit den von Carl Friedrich Werner 1854 erfundenen starken Dampfturbinenmotoren war der Weg frei für echte Flugschiffe. In die Höhe gehoben und angetrieben von verkleideten Ressel-Schrauben mit hohen Umdrehungen. Zwei, vier, manchmal sogar sechs gegenläufige Schrauben hintereinander in einem Rohr, mehrere dieser Rohre in einem Schiff. Erst zu späterer Zeit hatte Frankreich die Idee des Deckungsschiffes wieder aufgenommen und mit moderner Technik die ‚Merde de Balls' geschaffen. Die schwerefällige und veraltete SMS BERLIN wurde entwaffnet, noch einige Zeit als fliegender Kran eingesetzt und schließlich an eine Firma verkauft, welche Schürfrechte in Africa und auch verschiedene Werke in Griechenland und der Türkei besaß. So war die MARIA M. über dem Dodekanes schon lange kein ungewohnter Anblick mehr.



Die Inseln Kos und Nisyros waren Teil des Kykladenbogens, einer Reihe nur schlafender, aber trotzdem noch aktiver Vulkane, zu denen unter anderen auch die Inseln Methana, Santorin und Milos gehörten. Es war zwar seit zumindest zweitausend Jahren kein Ausbruch mehr bekannt geworden, doch die kleinen Felsen, welche in der Mitte des Kessels aus dem Wasser ragten, den die Insel Santorin bildete, sprachen ganz deutlich eine andere Sprache. Immer wieder stiegen Rauch und übelriechende Gase empor, und das Wasser rings um diese Steine war oftmals weit wärmer als das Wasser anderswo in dem Dreiviertelkreis, den der bewohnbare Teil der Insel bildete. Die Firma Eurafrica Montan Gesellschaft mit Sitz in Neapel, in deren Besitz die MARIA M. derzeit war, baute auf Kos, Nisyros und dem dazwischen liegenden Inselchen Gyali Bimsstein und vulkanische Puzzolane ab, welche gemeinsam mit gutem Sand und Wasser im richtigen Mischungsverhältnis hervorragenden Beton ergaben. Ein gutes Geschäft für diese Firma, welche mit einer kleinen Luftschiffflotte Spezialisten zwischen ihren Werken transportierte und den permanenten Kontakt zu jenen Minen aufrecht erhielt, welche über keinen Anschluss an ein Telegraphennetz besaßen.



Der südöstliche Teil der Insel Kos bestand aus einer beinahe senkrecht in das Meer abfallenden Steilküste, vor welcher sich bei einem der leichteren Seebeben in den letzten Jahrhunderten immer wieder einige Untiefen gebildet hatten. Schiffe hielten sich lieber in sicherer Entfernung, wenn sie mit dem Kurs auf Bodrum und den dahinter liegenden Golf von Gökova  diese Insel passierten. Bei einem dieser vulkanischen Ausbrüche auf der Kykladeninsel vor einigen tausend Jahren war eine große, isolierte Blase aus Gas im geschmolzenen Gestein mit aufgestiegen. Die Lava erkaltete und umgab diesen Gaseinschluss mit hartem Stein, bevor die Blase die Oberfläche gänzlich erreichen und platzen konnte. Es blieb ein perfekter, runder Hohlraum im Gestein zurück. Ein Lavadom. Dann hatte der Druck Jahrhunderte später seitwärts doch noch einen Ausgang  gefunden. Ein Teil des Berges war, von Regen und Wind allmählich korrodiert, während eines nahen Erdbebens abgerutscht und hatte eine Steilwand hinterlassen. Ständiger Tidenhub, Wind und Wellen hatten die Außenwand weiter geschwächt, bis der Druck mit Macht den Rest der dünn gewordenen Blasenwand aufriss und eine Verbindung zum Meer herstellte, welches den Hohlraum etwa zur Hälfte mit Wasser füllte. Ein Geologe der Eurafrica hatte die geöffnete Blase entdeckt und für die Anlage eines Hafens empfohlen. Die Firma hatte diese Idee aufgegriffen, am Eingang eine Hafenanlage gebaut und oben eine Anlegestelle für Luftschiffe. Aus den Akten der Firma verschwand jedoch jegliche Notiz über den hinter diesem Hafen liegenden Hohlraum ebenso gründlich wie der Geologe.



Rings um die Anlegestelle war der Tagebau ständig in Arbeit, und über eine Rutsche wurde das Gestein von der Hochebene direkt zu Hafen befördert. Alles ganz öffentlich und für jedermanns Augen zugänglich. Für sehr viel weniger Augen sichtbar waren allerdings die 5 Stahlgiganten aus der Kaiserlichen Werft Wilhelmshaven, alte Breitseitenpanzerschiffe, welche noch mit vier Segelmasten als Bark für den Notfall getakelt waren. Auch diese Schiffe hatte das Kaiserreich irgendwann entwaffnet und günstig verkauft, als das Vaporid eine Notfallbesegelung endgültig obsolet machte und Turmschiffe mit größeren Kalibern und Reichweiten aktuell wurden. Hier, in der großen Höhle von Kos, wurden diese Barken ihrer Masten beraubt und mit modernen Maschinen und Kanonen auf Befehl von Atrá bint Selina, der Um qadasa Bidhara, neu für einen Kampf aus- und mit Hilfe von Gaszellen in dreifachen Rümpfen zu halbwegs brauchbaren Luftschiffen umgerüstet. Ebenso wie die kleineren Kreuzer mit vorher zwei oder drei Masten in diesem unterirdischen Becken. Auch die drei etwas moderneren Großkampfschiffe, deren Verbleib den ehemaligen Besitzern immer noch große Rätsel aufgab, wurden hier für einen neuen Einsatz vorbereitet. Mit Nachbauten der neuesten Technik Nicola Teslas. Die von Marianne Sabič gestohlenen Pläne waren eingetroffen, und obwohl niemand die Grundlagen verstand, waren die Mechaniker gut genug, um die Maschinen nach diesen Vorgaben herzustellen. Es handelte sich bei den modernen Schiffen um das Linienschiff MARIE LOUISE, ehemals k.u.k. Marine, den gedeckten großen Panzerkreuzer YORKSHIRE, ehemals Her Majesty Royal Navy und das Schlachtschiff ŞAFAK, ehemals der Stolz des osmanischen Reiches. Nun waren diese Schiffe von treuen Dienern des Goldenen Frühlings bemannt und warteten auf ihren Einsatz.



=◇=




Die GEORGES DANTON, ein Einheitslinienschiff der Kaiserlichen Französischen Marine, war eines der Flaggschiffe der Mittelmeerflotten des Kaiserreiches der Bonapartes. Das schwer gepanzerte, rein maritime Schiff mit 320 Metern Länge und 41,2 Metern Breite, ausgestattet mit fünf Türmen mit je drei 37 Zentimeter Kanonen als Hauptbewaffnung, pflügte allein, ohne Unterstützungseinheiten durch das ägäische Meer. Ein Umstand, der ganz besonders die beinahe 1.200 Männer der Besatzung verwunderte und verwirrte, denn üblicherweise wurden diese großen Schiffe von einer Unzahl kleinerer Einheiten abgeschirmt. Kreuzer und Korvetten übernahmen den Nahkampf gegen angreifende Schiffe, sodass sich die schweren Kanonen in den Türme des Linienschiffs auf den Fernkampf konzentrieren konnten. Dazu kamen üblicherweise auch noch Versorgungseinheiten, leichte Aufklärungsschiffe und ähnliches. Doch vor kurzem hatte ein Aviso-Schiff einen Befehl der Admiralität überbracht, welcher die dritte Mittelmeerflotte ins lybische Meer südlich von Kreta beordert, um dort den osmanischen Schiffen gegenüber Flagge zu zeigen. An die DANTON war jedoch der Befehl ergangen, allein weiter zu fahren, in die östliche Ägäis. Die Besatzung ahnte nicht einmal, dass die GEORGES DANTON doch nicht so ganz allein war…



Die Mittelmeerflotten Frankreichs waren vor allem in den Häfen Marseille, Algier und la Goulette bei Tunis stationiert, der Heimathafen der dritten Flotte mit der GEORGES DANTON war das relativ zentral gelegene la Goulette. Eine von den Franzosen bei der Festung von Karl V an der Einfahrt in den Lac Tunis, den See von Tunis, neu aus dem Boden gestampfte moderne Hafenstadt europäischer Art. Mit dem modernen Tunis im Westen der alten arabischen Stadt und der Medina war der Hafen über eine zehn Kilometer lange Straße und einer Stadteisenbahnbahn verbunden, welche über eine Aufschüttung quer über den See von Tunis führten. Nur ein enger Kanal verband die beiden Hälften des Sees, über welchen sich eine luftig wirkende Stahlbrücke des Architekten Eiffel spannte. Tunis war eine ganz typische europäische Stadt des Dampfzeitalters mit einigen breiten Boulevards. Mit typischen Pariser Straßenlokalen, vor denen man zugegebenermaßen exquisiten Kaffee und hervorragende französische Küche genießen konnte. Alles in dieser modernen Stadt und dem dazu gehörenden Hafen la Goulette atmete französisches Flair, französischen Stil und französische Lebensart. Die wenigen Tunesier arabischer Herkunft, welche es in die Stadt oder den Hafen verschlug, konnten nur den Kopf schütteln, wenn die Franzosen hier in ihren Westen und Sakkos aus viel zu warmen Stoffen in den viel zu sonnigen Gastgärten vor den Lokalen schwitzten und, man konnte es nicht höflicher ausdrücken, auch ganz fürchterlich stanken nach abgestandenem Schweiß stanken. Die Damen rochen zumeist weit weniger streng, sie hatten es auch sonst ein klein wenig besser. Die Stoffe ihrer Mode waren leichter und luftiger, ihre Hüte hatten zum Teil gigantische Krempen und ein Sonnenschirm war in Tunis und la Goulette kein belächeltes Accessoire mehr, sondern eine alltäglich notwendige Waffe gegen Hitze und Sonnenbrand.



Der Kommandant der GEORGES DANTON, Capitaine Noel German war aus dem Languedoc. Ebenso waren Contre-Amiral Jaques Marais, eigentlich der Befehlshaber des ersten Geschwaders der dritten Flotte, der erste Offizier der DANTON, Louis Bromaire, und auch die meisten anderen wichtigen Offiziere aus dieser Gegend gebürtig. Das war natürlich kein Zufall, denn der Admiral der Mittelmeerflotte, der Marquis de Molotaire, hatte penibel genau für diese Zusammensetzung der Offiziere auf dem Flaggschiff gesorgt. Sie alle waren regelmäßige Gäste bei den Sitzungen der Madame de Cartaille gewesen und hatten teilweise schon die Zirkel der Madame Dominique de Fauconid in Montpellier besucht. Mittlerweile waren sie alle treue Anhänger des Goldenen Frühling, in welchem sie die wieder auferstandene Bewegung der Katharer sahen. Pflichterfüllung und enthaltsamer Lebensstil waren den Waldensern seit ihrer Kindheit beigebracht worden. Weder der Papst noch die Inquisition hatten es trotz brutaler Verfolgungen je geschafft, diese Gemeinschaft völlig auszurotten. Es gelang ihnen nur, die Gläubigen in den Untergrund zu treiben. In Carcassone, in Montpellier, Narbonne und Perpignan waren die Lehren und Überlieferungen der ‚Reinen', der ‚Freunde Gottes' immer noch in den Familien weiter gegeben und weiter tradiert worden. Bis heute, in aller Stille.



Als dann um 1850 Madame Dominique de Fauconid im Alter von knapp zwanzig Jahren aus Alexandria in Montpellier erschien und ihre ersten spiritistischen Sitzungen abhielt, waren die Bogumilen anfangs eher skeptisch der Fremden gegenüber eingestellt gewesen. Doch hatten sie – der Feind meines Feindes ist mein Freund – den antiklerikalen Sitzungen eine Chance gegeben. Dominique war eine intelligente Frau, die 1889 auch noch mit über sechzig Jahren den Zirkel im Montpellier leiten konnte. Sie hatte rasch durchschaut, dass in dieser Gegend andere Auslöser als in den anderen Gegenden angezeigt waren, und sie arbeitete gut.

„Ja, ein Leben in Einfachheit und Askese ist erstrebenswert, wenn der Mensch sich nach Gottes Willen zum Perfectus wandeln will. Aber bevor ein Mensch diesen Weg geht, ehe er sich zum Perfectus oder zur Perfecta weihen lassen kann und soll, muss er die Sünde kennen lernen. Er muss doch wissen, worauf er verzichtet. Und zwar sehenden Auges. Ein Mensch, der nie die süße Sünde des Weingenusses, ein köstliches, opulentes Mahl oder die Freuden des anderen Geschlechts genießen durfte, der wäre ein schlechter Perfectus. Denn auf etwas Unbekanntes, nie Erlebtes zu verzichten ist viel leichter, als ganz bewusst dem bekannten und lieb gewonnenen Genuss zu entsagen. Also sündigt, und lernt zuerst die Sünde kennen, und dann erst, dann, wenn Ihr die Sünde kennt, dann entsagt ihr wieder!“ Es waren natürlich nicht ganz die alten Waldenserregeln, aber sie lagen nahe genug an den überlieferten Werten, um die Jugend der Gegend anzusprechen. Sie durften sich ihre Hörner abstoßen und konnten später immer noch Perfecti werden. Die Älteren unter den Waldensern konnten diesen Theorien nicht wirklich widersprechen, denn etwas ganz Ähnliches hatten ja auch die Ahnen überliefert. Nicht ganz das Gleiche, aber nahe genug daran, die kluge Madame Dominique hatte gut recherchiert. Und wenn auch Frankreich seit dem großen Korsen keine erzwungene Staatsreligion mehr hatte, das Gespenst des wahllos mordenden Vatikans hielt sich hier im Languedoc immer noch hartnäckig. Man ging brav in die Kirche und hörte sich die Predigten des Pfarrers an, doch nachher traf man sich auch Ende des 19. Jahrhunderts noch im kleinen Kreis. Man musste vorsichtig sein, so hatte man es gelernt, so gab man es weiter. Den Jungen reichte es, sie hatten die Nase voll. Und als dann Dominique noch fragte ‚Ist nicht dem im Herzen Reinen alles rein, wie immer aussehen mag? Und ist nicht dem im Inneren Fauligen alles faulig, wie klar es auch scheint‘, da gab es für die Okzitanier kein Halten mehr. Zumindest für die jüngere Generation, welche bereits mit den Lehren der Dame aufgewachsen war. Seit beinahe vierzig Jahren lehrte Madame de Fauconid, und das Languedoc war wieder einmal in Revolutionsstimmung. Es gärte. Und ausgerechnet ein Aquitanier lenkte die Stimmung der aufrührerischen, wilden Okzitanier in eine praktische Richtung. Der Kaufmann Arthur LeFerence riet ihnen, die Marineakademie zu besuchen. Schon einmal waren Ketzer dem französischen Herrscher und dem Papst über das  Meer entkommen, die Flotte der Tempelritter mit deren Schatz.



Im Mai 1863 lief in Rochefort das erste nicht von Muskelkraft betriebene Unterseeboot vom Stapel, die PLONGEUR. Sie erreichte mit ihrem Druckluftmotor ganz beachtliche 9 Stundenkilometer. Getaucht. Und immerhin – das waren ganze zwei Stundenkilometer schneller als die mit Handkurbeln betriebenen Hunley-Boote der Royal Navy. Wie diese war auch die PLONGEUR mit einem Sprengkopf an einer langen Stange bewaffnet – ein sogenannter Spierentorpedo. Ein solcher machte den Angriff zwar nicht zu einem echten Himmelfahrts- und Selbstmordkommando, war aber für das Tauchboot oft genug beinahe ebenso gefährlich wie dem eigentlichen Ziel. Die Marine Impériale sah jedoch ein gewisses Potential in der Waffe, und im September 86 lief in Martigue nahe Marseille die GYMNOTE vom Stapel, ein kleiner Zwerg mit zwanzig Metern Länge, aber bereits mit einem 65 PS starken Elektromotor und zwei echten 35-Zentimer Torpedos in einer Außenbordaufhängung ausgerüstet. Mit achtundzwanzig Stundenkilometern getaucht auch gar nicht mehr so langsam, die GYMNOTE war bereits eine wirklich ernst zu nehmende Waffe. 1887 folgte die ANGUILLE, 1888 die CATHUBODUA, bereits an die 50 Meter lang, mit 6 Torpedos in Halterungen außen am Rumpf, Ende 1889 sollte ein noch größeres Schiff, die KARDINAL RICHELLIEU folgen. Bisher wussten nur hochrangige Mitglieder des Admiralsstabes und die hundertfach gesiebten Mannschaften der Boote, je sechs Mann für kleinen und zehn für die CATHUBODUA, von der Existenz einsatzfähiger Tauchboote. Hundertmal gesiebt und auf ihre Loyalität überprüft vom Admiral der Mittelmeerflotte, vom Marquis de Molotaire. Er stammte, wenig überraschend, aus Montpellier, wohin er soeben mit einem Schnellzug unterwegs war. Nicht, um dem Zorn des Kaisers zu entgehen, denn dort würde die Police Militaire zuerst nach ihm suchen. Er wollte nur zu Hause sterben. Noch einmal durch die Straßen seiner Heimat gehen, am Hafen einen Cartagéne trinken. Und dann, der letzte Schritt, der Griff zur Dienstwaffe, Ruhe, Stille für immer.



Weder den Contre-Admiral Jaques Marais noch Capitaine Noel Germain oder Lieutenant de Vaissea Louis Bromaire hatte der Befehl die Flotte zu verlassen überrascht, denn sie hatten ihn bereits erwartet. An Kithira und Santorin vorbei hatte die DANTON Kurs auf die griechische Insel Kos genommen, die drei kleinen Tauchboote begleiteten sie und kamen nur Nachts an die Oberfläche des Mittelmeeres. Jetzt näherte sich das schwere Linienschiff der Steilküste im Süden, und der Capitaine befahl, die Maschinen zu stoppen und die Anker zu werfen, danach sollten sich die Mannschaft auf dem Deck versammeln und wie zur Flaggparade aufstellen. Es fehlten bei diesem Appell die meisten Matrosen aus Okzitanien, welche völlig überraschend die von ihnen besetzten Maxim-Gewehre umdrehten und das Feuer auf die angetretenen Kameraden eröffneten. Lieutenant Victor Truffault sprang nach vorn und zog seine Dienstwaffe, doch ein Schuss aus dem Revolver des Capitaine streckte auch ihn nieder. Aus einer Höhle in der Steilküste näherten sich zwei Dampfbarkassen dem Linienschiff und den auftauchenden U-Booten und die DANTON strich die Fahne. Einige Männer aus den Barkassen enterten das riesige Schiff. Capitaine German salutierte dem Anführer.

„Ich bringe wie verabredet die DANTON, Herr!“

„Gut, Capitaine. Dann bringen wir sie einmal in unser Dock. Lotse, Ruder übernehmen.“ Das mächtige Schiff und die geheimen Unterseeboote waren bald verschwunden. 1.500 Männer aus ganz Europa, Africa uns Asien, welche von der MARIA M unauffällig auf die Insel Kos gebracht wurden,  machten sich bald mit dem Giganten vertraut. Sie stellten die neue Besatzung im Dienst des goldenen Frühlings.



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Paris




Im 2. Arrondissement von Paris wohnte in der Rue Chabanais 12 nach eigenen Angaben der Maler Henri Toulouse Lautrec. In einem Etablissement mit dem Namen le Chabannais, das von Madame Kelly seit 1878 geführt wurde und in welchem sogar ein gewisser Prinz Albert Edward von Sachsen-Coburg und Gotha  häufig zu Gast war. Auch wenn der Kronprinz von Großbritannien seit 1863 mit Victoria von Dänemark verheiratet war, verzichtete der hochgeborene Besucher nie, auf einen Sprung bei Madame Kelly vorbei zu kommen. Oder auch auf mehrere Sprünge. Der vom beleibten Prinzen selbst entworfene Stuhl zur Erfüllung seiner erotischen Phantasien war noch lange in diesem Etablissement zu bewundern. Es ging in diesem Hause sehr egalitär und formlos zu, selbst wenn der Thronfolger zu Gast waren. Die Leibwächter des Prinzen kannten die Stammgäste bereits, ein kurzer Blick reichte zumeist aus, und sie bezogen diskret ihre Stellungen, ohne weiter zu stören. Das le Chabanais war, man konnte es einfach nicht anders nennen, ein Bordell. Um genau zu sein, das Bordell im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Was allerdings nichts daran änderte, dass es eine gültige Meldeadresse war. Und der Maler Toulouse-Lautrec wohnte tatsächlich dort. Die Damen des Hauses waren von groß bis klein, schlank bis üppig, blond, schwarz, rot und brünett. Jeder, aber auch wirklich jeder Besucher fand ein williges Mädchen, welches seinem Geschmack entsprach. Wenn er genug Franc in der Tasche hatte, denn billig war le Chabannais nicht zu nennen.



Das Foyer war kunstvoll einer kahlen und nur spärlich beleuchteten Felsengrotte nachempfunden, die Salons und Zimmer allerdings um so aufwändiger ausgestattet. Im maurischen, japanischen, indischen oder pompejanischen Stil. Es gab Zimmer, in denen man sich wie Ludwig XV fühlen konnte, der von Madame du Bary oder der Pompadur verwöhnt wurde. Entsprechende Kostüme und Perücken inclusive. Oder aber ein Nubier trug Kleopatra zu Cäsar, man konnte ein Sultan werden, der seinen Harem betrat. Besonders beliebt war derzeit die ägyptische Kulisse, wenn der Pharao Nofretete empfing. Die Maskenbälle, welche nicht nur zur Karnevalszeit abgehalten wurden, waren legendär. An diesem Tag war das Haus für ‚Laufkundschaft' geschlossen, eine Einladung zu diesen Veranstaltungen war heiß begehrt – und normalerweise nicht gerade billig. Außer man gehörte zu den gefeierten Künstlern wie zum Beispiel Jaques Offenbach, Emile Zola, Paul Cezanne oder auch Guy de Maupassant, dann bekam man sogar an diesen Tagen einen eigenen Salon. Letzterer hatte vor kurzem seinen Roman Pierre et Jean heraus gebracht und lag jetzt auf einer der Chaiselonguen. Sein Kopf war auf dem Schoß einer der Damen gebettet und er betrachtete angelegentlich die Bewegung ihrer Brüste über seinem nach oben gewandten Gesicht.

„Aber natürlich werde ich so oft wie möglich im Restaurant auf dem Eiffelturm speisen, Henri“ plauderte Guy dabei. „Immerhin ist es dann einer der ganz wenigen Plätze, von welchem man den architektonischen Schandfleck nicht sehen muss!“

Der ebenfalls anwesende Edgar Degas lachte. „Er ist ihnen wohl nicht rund genug, Guy. Er erinnert zu sehr an einen Bite und zu wenig an Seins. Mit zwei Kuppeln gefiele ihnen das Bauwerk sicher besser!“

„Ach, Edgar!“ Offenbach ließ sich von einem Mädchen mit Weintrauben füttern. „Auch wenn ich Erotik durchaus schätze, müssen Sie nicht alles sexuell erklären. Manchmal ist ein hässliches Teil einfach nur ein hässliches Teil.“

„Auch wenn es eine technische Großleistung ist“, bemerkte Gaston Leroux, der mit den langen Haaren seiner Mamsell herumspielte. „Besonders, weil Monsieur Eiffel nicht über den Kristall-Leichtstahl der Deutschen und Österreicher verfügt. Nur die Armee und die Flotte wird in Frankreich damit beliefert!“

„Mag sein!“ Paul Cezanne trank einen Schluck Champagner. „Das macht aber den Turm nicht schöner!“

„Ich weiß gar nicht, was Sie alle wollen", warf Emile Zola ein und tätschelte kurz ein vorbeikommendes Hinterteil. „Die Hauptsache ist doch, das Ding zieht die Menschen zur zehnten Weltausstellung!“

Guy de Maupassant nahm seinen Blick nicht von den bebenden Halbkugeln vor seinen Augen. „Wenn der Turm eher wie die Statue de l'unité, die Einheitsstatue auf Lovell's Island vor dem Hafen von Boston aussähe, nur ohne diesen zwar für den Erbauer und Statik praktischen, aber wenig ansprechenden Chiton, kämen sicher noch mehr Menschen nach Paris!“

„Scheinbar hat Edgar doch nicht so ganz unrecht", lachte Zola. „Aber ich sehe darin auch ein gutes Symbol für die Revolution 1789. Ein so toller Ansatz für die Freiheit und die Menschlichkeit, der Schrei, der Kampf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Am Ende waren dann nur noch vor der Guillotine alle gleich, und das einfache Volk hatte nicht mehr als vorher. Nur die Mächtigen hatten gewechselt, und der Terror war schlimmer als vorher. Der einzige, der etwas getan hat, war der dritte Napoleon. Der hat die Boulevards und die neuen Häuser mit den großen Fenstern bauen lassen. Welche sich auch wieder nur die betuchteren Bürger leisten konnten, die Masse ist auch unter den Kaisern wieder arm dran.“

„Vielleicht kommen die Menschen im September ja auch, um unsere neue Kaiserin zu bewundern!“ Offenbach naschte noch eine Weinbeere. „Ich habe gehört, dass Valerie Theresia von Österreich eine verdammt schöne Frau sein soll!“

„Das ist sie tatsächlich!“ Maupassant riss seinen Blick vom Anblick des Busens über seinem Kopf los. „Und die Figur erst!“

„Und ihren Mut darf man nicht vergessen!“ Cezanne ließ sich das Sektglas nochmals an die Lippen halten. „Wenn ich an Marie Antoinette denke…“

„Die neue Kaiserin ist nicht nur weit klüger als die arme Marie, sie wird sich wirklich um die Franzosen, um das kleine Volk kümmern“, meinte Jaques Offenbach. „Man weiß schon, dass sie eine Menge Geld und eine Firma im Gepäck haben wird, die Logement social. Die Leute dieses Unternehmens haben im dreizehnten Arrondissemtent bereits eine große Fläche eingezäunt und vermessen das Gelände genau. Dort sollen billige Arbeiterwohnungen mit elektrischer Beleuchtung, dampfbetriebenen Fahrstühlen und zentralen Heizungen entstehen. 15 bis 20 Stockwerke, auf dem Gelände werden in einigen Häusern mehr als tausend Wohnungen, jede mit rund 80 Quadratmeter Größe entstehen. Und diese Siedlung ist nur ein erstes Geschenk, wenn sie erst Kaiserin geworden ist, sollen noch mehr solcher Orte entstehen!“

„80 Quadratmeter Wohnfläche?“ Edgar Degas lachte auf, während er sich erhob, um sein Glas noch einmal füllen zu lassen und zwischendurch noch eine der Damen im Genick zu küssen, was diese mit lautem Gekicher quittierte. „Elektrisches Licht? Da werden eher wohlhabende Bürger einziehen und die Arbeiter gehen wieder leer aus! Wie immer.“

„Das glaube ich nicht", widersprach Maupassant und blickte wieder zu den hübschen Brüsten hinauf. „Beuge dich nur ein klein wenig vor, du Hübscheste der Hübschen, und die Engel singen im Chor, was kann man mehr sich wünschen! Entschuldigen Sie die Abschweifung, Monsieurs, aber was wollte ich sagen? Ach ja! Die Vergabe der Wohnungen erfolgt nicht etwa durch französische Beamte, sondern durch Angestellte unserer zukünftigen Kaiserin. Und in Wien wohnen, von ganz wenigen Ausnahmen, wirklich nur Arbeiter in diesen Sozialwohnungen. Das Großbürgertum muss weiterhin selbst für seine Unterkunft sorgen!“

„So wie ich, meine lieben Freunde“, hob Toulouse-Lautrec sein Glas! „Ihr könnt mich ja für unvernünftig halten, aber ich werde nie umziehen. Das könnte ich meiner liebsten Frou-Frou doch gar nicht antun, nicht war, mein kleiner Schatz?“ Die schlanke, beinahe zwei Meter große Frau mit den üppigen Formen sah auf den 152 Zentimeter großen Mann, der auf ihrem Schoß saß, hinunter.

„Natürlich nicht, mon Loup“, wuschelte sie das Haar des Malers.

„Was sage ich!“ Henri zog die Handfläche Frou-Frous an seine Lippen. „Aber natürlich sehe ich durchaus ein, dass dieser soziale Wohnbau eine gute Sache ist. Wenn es funktioniert.“

„Wie gesagt, in Wien funktioniert es recht gut.“ Mit dem Zeigefinger strich Maupassant über die samtige Haut der Frau, in deren Schoß er seinen Kopf gebettet hatte. „Und es gibt eine dampfbetriebene Schienenbahn von den Vorstädten in das Zentrum und die Industriegebiete weit draußen vor der Stadt.“  

„Sie wollen jetzt aber nicht, dass aus Paris Wien wird, oder“, monierte Degas.

„Wenn die Bühnen, die Straßen und die Wohnungen elektrisch beleuchtet werden, darf ruhig ein wenig Wien nach Paris kommen“, beschied Toulouse-Lautrec. „Das le Chabanais wird die Dame wohl nicht schließen wollen!“

„Warum sollte sie“, lachte Guy de Maupassant laut. „Meine Freunde, ich sage ihnen, Wien ist nicht so prüde, wie Sie denken. London – nun, Victoria ist wirklich eher körperfeindlich eingestellt und hat die Erotik in den Untergrund vertrieben. Oder nach Paris, wie unser Freund Bertie bestätigen würde, wäre er heute hier. Aber Wien? Ha! Die Prinzessin Valerie ist 23 Jahre alt, aber ob sie wirklich noch Jungfrau ist? Ich bezweifle es! Ich bezweifle es ganz stark. Und ich sage ihnen ganz offen, recht hätte sie, wenn sie ihr Leben und ihre Triebe in vollen Zügen genossen hat!“

„Ach, am Tage ihrer Hochzeit wird sie ihre Jungfräulichkeit schon wieder erlangen, zumindest bis zum Brautlager“, lachte Degas! „Und François Louis kann sich nicht einmal darüber beschweren, er war ja schließlich auch kein Kind von Traurigkeit.“

„Solange die Diskretion gewahrt wird!“ Maupassant erhob sich und zog seine Dame hoch. „Auch unser jetziger Kaiser hat seine Gespielin, und wer weiß, was notre Impératrice macht, wenn er sich mit Colette vergnügt! Wer weiß, ob sie bei Madame Madelaine nur spirituellen Rat sucht?“

„Sie meinen, mon Ami, hier geschieht – oh, diese Bilder in meinem Kopf! Diese Bilder!“ Offenbach schlug mit der Hand lachend gegen seine Stirn. „Sie sind grausam, Guy! Ob ich je wieder an Madame Roxane Solange denken kann, ohne zwei Frauen im erhitzten Spiel zu sehen?“

Der berühmte Romancier lachte. „Was uns recht ist, gilt doch auch für die Kaiserin. Liberté, Fraternité und, in diesem Falle besonders, auch Égalité. Komm jetzt einmal mit, meine Schönheit! Freunde, entschuldigt uns zwei bitte für einige Zeit. Die Natur verlangt ihr Recht ebenso mächtig wie der Geist. Wir parlieren später weiter, zumindest ich weit entspannter als in diesem Momente.“



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Berlin




„Klara Subowski?“ Atze Friedmann blätterte in seiner Akte.

„Bin icke, Herr Schutzmann“, bestätigte Lattenklara und lümmelte breitbeinig auf ihrem Sessel.

„Jeboren am 31. Mai 1869?“, fragte Atze weiter.

„Kla, hübscher Junge, wenn ma mene Mutta nich anjeschmiert hat“, gestand Klara und spielte mit ihrem Rock, zeigte den Polizisten Friedmann und Jankowsky eine Menge wohlgeformtes Bein.

„Zuletzt jemeldet in dit Friedrichstraße, in die Räume vom joldenen Frühling?“, setzte Atze die Bestätigung der Personalien fort.

„Wat for en Verbrechen“, monierte Klara! „Da wohnt ne Penunzenritze glatt in dem Puff, in dem se anschaffen jeht, und det steht sojar in dit Friedrichstraße, fast de nobelste Adresse von Balin. Schlimm, schlimm. Icke men, is dit en Fall for nen zivilen Bullen?“

„Ick werte det mal als ja“, stellte Manni fest.

„Jut, ja, war icke!“, bequemte sich Klara zu einer Bestätigung.

„Den pack mal aus, Meechen. Wat haste jehört auf der Arbeit“, Atze nahm den Bleistift und machte sich bereit,  die Aussage aufzuschreiben

„Nix hab icke jehört, Herr Polizist. Jar nix“, gab die Klara an.

„Meechen, du musste doch beim Bene breit machen wat mitjehört haben“, insistierte Manni. „In de Ohren wirste ja wohl nüscht stecken jehabt haben.“

„Nö, hab icke nich“ verweigerte Klara jede Zusammenarbeit mit der Polizei. „Also, jesteckt haben die Kerle janz wonanders, aber jehört, Herr Wachtmester, jehört hab icke trotdem nüscht. Icke hab nur die Bene bret un die Ohren of Durchzuch jehalten. Icke will irchendwann enmal ene alte, zufriedene Hure werden, die nur mehr in die Knie jeht, wenn et ihr danach ist und die for det Tachesjeschäft zwei Püppchen hat, die det Jeld nacn Hause bringen. In meinem Metje wirste nich alt, wennste zuviel siehst und hörst. Ne, ne, lieber in det Knast als mit der Bettwäsche ofjehangen zu werden, so wie die Scheffin.“

„Wir können dir beschützen, Lattenklara“, versprach Manni.

Klara setzte sich abrupt aufrecht hin und legte ihre Unterarme auf den Tisch. „Seid Ihr zwei bescheuert oder glaubt Ihr, dat icke komplett doof bin? Die janze Polente von Balin kann mir nich schützen, wenn die in mir ene Bedrohung sehen. Icke sach Euch wat, dat Ding is jroß. Da war dit Kosaken Kathi auch nur en winziches Rädchen. Mann, Mann, Mann, dit is en Wespennest, in dem Ihr da stochert. Ne, Junges, die Klara hat sich for Penunze flach lechen lassen, aber nichts jehört außer ‚schneller', ‚fester' und ‚jeh man of die Knie, Klene'. Mehr sach icke nich mehr.“

Atze warf den Stift auf den Block. „Ist det det letzte Wort?“

„Da kannste enen druf lassen!“ Klara lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Wenn icke eure Pissstängel verwöhnen soll, dann könnt Ihr mir rufen, aber sonst ist et verjebliche Liebesmühm dat icke hochkomm. Icke warte in meiner Zelle auf meine Verhandlung vor Jericht. Oder wollt Ihr jetzt gleich wissen, wat icke so drauf hab?“ Sie lächelte und ließ kurz ihre Zungenspitze zwischen den spitzen Lippen sehen.

„Ne, Mädel! Lass man jut sein. Bruno, bring man die Olle in ihren Käfig und bring die mal die Lotte Kärcher!“ Der bullige Schließer des Reviers, in welchem die festgenommenen Damen einsaßen, nahm Lattenklara mit festem Griff am Oberarm.

„Geht klar, Herr Unterkriminalrat. Komm, Kleine.“

Klara zwinkerte den Polizisten frech zu. „Wenn ihrs Euch anders überlecht, dann wisst Ihr ja, wo Ihr mir findet, Jungs. Und icke kanns besser als eure Ollen!“ Dann ließ sie sich abführen.



„Du solltest net so frech sei", knurrte Bruno Weber. „Außerdem solltest du endlich singe!“ Weber war kein Berliner, sondern kam Schwaben.

„Du auch noch, Bruno? Wat soll icke denn singen, icke weiß doch nüscht. He, ick kann aussachen, dat det Männeken, det bei die Razzia aufjemuckt hat…“

„Der Markgraf Ludovsky?“

„Ach, det war'n richticher Markgraf, und dit in unserm Puff? Nu jut, wennste dit sachst. wird's wohl sein. Also, det Typ nimmt bei einer Ollen lieber den Hinter- als den Vordereingang, det dünne Bürschchen mit dir Ziechenbärtchen…

„Rechtsanwalt Zimmermann?“

„Kene Ahnung, aber von mir aus, wenn er so heißt, also, icke kann sachen, dat er sich jerne det Ästchen lutschen lässt und dat der Dicke…“

„Der Großindustrielle Hönisch?“

„Na, nach mächtig Kohle hat er ja ausjesehen, also, der tut jerne an unjewaschenen Pissnelken schnobbern. Mehr – ne, mehr wird's nich. Na ja, da jibt es einen, der…“

„Wer?“

„Woher soll icke det wissen. Mensch, Bruno, wat denkste, for wat die Masken jut war'n? Icke kann dir auch nüscht mehr sachen als den jrünen Jungs in det Zimmerchen!“

„Ach Mädle, du bis do net dumm“, versuchte es Bruno weiter.

„Jenau, die Klara is nich doof“, antwortete sie nickend. „Und eben weil icke nich doof bin, habe icke mir immer nur auf meine Arbeit und sonst nüscht konzentriert. Also, willste en rasches Nümmerchen von mir? Weil, wennste nich willst, dann quatsch mir kene Opern vor, klar?“ Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück, dann schloss Bruno Klara wieder in ihrer Zelle ein und öffnete eine andere.

„Lotte Kärcher! Mitkomme.“ Auch Lotte versuchte der joviale Beamte auszuhorchen, doch abgesehen vom Dialekt erhielt er die gleichen Antworten. Nach einer dieser Antworten, die Lotte allerdings nicht mit dem Mund gab, roch der Gang zu den Zellen noch stundenlang. Sie war lang und donnernd ausgefallen.



Den Abend verbrachte der Schwabe in Berlin gerne in einer Eckkneipe nicht weit vom Revier entfernt. Keine reine Polizistenkneipe, aber sie alle gingen ganz gerne auf eine Weiße mit Schuss oder ein Pils dorthin. Der Wirt servierte auch hervorragende Bockwurst, geräucherten Aal und Bouletten. An diesem Tag kippte Bruno eben seinen Schnaps, als sich jemand neben ihn stellte.

„Die meiste Mädle sind kei Problem“, vertraute Bruno leise seinem Bier an. „Nur die Ilse, die könnt was sage wolle!“

„Besser, wenn nicht.“ Eine schlanke  Hand legte eine Münze auf den Tresen, und die Gestalt verschwand wieder, nachdem sie ihren Korn ausgetrunken hatte. In der Tasche seiner Jacke fand  Bruno drei Zehn-Mark-Scheine und ein kleines Briefchen. Er wusste auch ohne es zu öffnen, dass es ein feines, leicht grünlich schimmerndes Pulver enthielt. Busu la milele - den Kuss der Ewigkeit aus den tiefsten Wäldern des schwarzen Kontinents.

‚Schad drum‘, dachte Bruno. ‚Die Ilse ist ein hübsches Mädle. Aber wenn sie den Mund net halte kann.‘



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Unter den Linden war mit Fug und Recht neben der Friedrichstraße die Prachtstraße von Berlin. Vier Reihen Lindenbäume, welche der anderthalb Kilometer langen Straße seit 1647 ihren Namen gaben, trennten die Fahrspuren. Die mittlere Spur war der Dampftram vorbehalten, welche Charlottenburg durch das Brandenburger Tor mit dem Berliner Dom verband. Hier hatten viele der wirklich Reichen Berlins ihre Häuser im Stil der Belle Epoque  errichten lassen, Häuser, welche die Stadtpalais vieler alter, adeliger Familien an Größe und Prunk in den Schatten stellten. Auch Ernst August Ritter von Reicherth hatte sich hier ein Haus bauen lassen, welches zwar kleiner als die meisten Industriellenpaläste war, aber schon von außen gemütlicher wirkte. Natürlich war der Hersteller dampfbetriebener Flechettewaffen einigen der üblichen Trends gefolgt, eine große Treppe führte vom Eingangsbereich in die Räume der Familie, im Erdgeschoss waren die Dienstboten zu Hause. Auch über einen großen Ballsaal verfügte dieses Gebäude selbstverständlich, und es war eine gesellschaftliche Verpflichtung, zumindest einen größeren Ball im Jahr abzuhalten.



Der Fabrikant hatte Oberkriminalrat Franz Kaltenegger, der nun schon zum dritten Mal zum Essen eingeladen war, nach dem Dessert in den Rauchsalon gebeten. Wobei die von Ernst August ausgesprochene Bitte eher einem Befehl gleich zu setzen war. Nichtsdestotrotz hatte Reicherth seinem Gast einen Cognac und eine Zigarre angeboten und danach den Butler weg geschickt.

„Wir wollen offen reden, Oberkriminalrat", hatte der Industrielle begonnen. „Nach allem, wat ick von ihnen jehört habe, wird ihnen dat nicht schwer fallen! Also – meine Annabelle ist ihnen sehr jewochen, und wenn ick Sie ansehe, scheint das auf Jechenseitigkeit zu beruhen! Trotzdem scheinen Sie meine Tochter zu meiden. Also, bitte, erklären Sie sich!“

„Hochwohlgeboren, das ist nicht leicht. Ich bin ein kleiner Beamter, ein Niemand, der außer seinem Gehalt nichts besitzt. Wie soll ich da der Tochter eines Ritter von Reicherth…“

„Ach wat!“, unterbrach Reicherth den Polizisten. „Icke bin auch nich als Ritter auf diese Welt jekommen. Und ick hab jenuch Penunze, dat meine Tochter keinen Mann wechen Jeld heiraten muss. Sie kann sich den Mann leisten, den sie liebt, und ick muss sachen, wat ick von ihnen jehört habe, jefällt mir. Sie haben eine Meinung und stehen dazu, und Sie haben Bismarck die Stirn jeboten.  Und Sie sind ein ehrlicher Mann, der Jerechtichkeit über Titel und Rang steht. Also, wat sachen Sie? Ick will jetzt nur eine Antwort hören. Ick höre!“

„Dann bitte ich Hochwohlgeboren, dem Fräulein Tochter den Hof machen zu dürfen!“ Kaltenegger stand stramm wie ein Soldat vor seinem Offizier.

„Jewährt", bellte Reicherth und goss noch Cognac in die beiden Schwenker. „Und nehmen Sie den Stock aus ihrem Arsch, lassen Sie dat jetzt mit det Hochwohljeboren. Wenn es formell sein soll, reicht Herr Reicherth. Zumindest…“ Reicherth hieb Kaltenegger unter donnerndem Gelächter die rechte Pranke auf die Schulter. „Zumindest, bis die Verlobung über die Bühne jeht und wir zum Herrn Papa kommen. Trinken Sie aus, junger Mann, wir jehen zu die Dame und teilen ihnen die jute Nachricht mit!“



Besagte Damen saßen im kleinen Salon, und während die Gattin des Ritters eben mit einer Patience beschäftigt war, las deren Tochter in einem Buch über den Blutkreislauf und den Herzmuskel.

„Dein Herr Papa ist mit dem Kriminalrat schon lange abwesend!“ Waltraud Frau von Reicherth legte den Kreuzbuben auf die entsprechende zehn und nahm eine weitere Karte vom Talon.

„Oberkriminalrat, cher Maman", antwortete Annabelle.

„Das, mein Kind, ist mir völlig egal! Ach, die Herz drei. Endlich!“ Rasch legte sie die frei auf den Stapeln liegenden Karten auf die ausgelegte Karte. Waltraud war eine Walküre von Gestalt, groß mit breiten Schultern und massenhaft ‚Holz vor der Hütte'. Das rote Kleid mit breitem Gürtel verhüllte allerdings das meiste davon, passte aber gut zu den schwarzen Haaren, welche die Dame des Hauses unter Missachtung der derzeitigen Mode relativ kurz und offen trug. „Wenn er die richtige Frage stellt, ist er der Franz, und wenn nicht, ist das Ober im Titel auch egal!“

„Du meinst…“ Annabelle legte ihr Buch weg. „Papa hätte nichts dagegen, wenn…“

„Ne, Froilein, dein Papa hat nüscht dajegen, wenn dir dein Jalan den Hof macht.“ Ernst August hatte mit Kaltenegger den Salon betreten. „Und jetzt lauf, Meechen, dit erste Kuss jebührt dem Herrn Papa, aber dann darfste deinem Verehrer auch nen dicken Schmatz jeben. Und er wird stille halten, stimmt's, junger Mann?“

Kaltenegger lief rot an, aber nickte. „Froilein Annabelle, wenn Sie mir erlauben, Sie ab und zu…“ Der Polizist konnte nicht weitersprechen, zwei weiche Lippen versiegelten seinen Mund. Ernst August räusperte sich amüsiert.

„Ick muss meiner Holden noch wat zeigen. Seid schön artich, bis wir wieder kommen, Kinder.“



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Mogadischu




Die bereits im 10. Jahrhundert von Arabien aus gegründete Stadt Mogadischu hatte bereits viele Herren gesehen, zumeist Sultane aus Oman und Sansibar, aber auch Portugiesen waren hier bereits Herren gewesen. Seit drei Jahren saßen hier die Italiener und hatten Mogadischu zur Hauptstadt ihrer Kolonie AOI gemacht. In diesen Jahren hatte sich in der Stadt nicht viel geändert, in den Basaren wurde immer noch gehandelt und gefeilscht, was das Zeug hielt, die Männer saßen immer noch bei ihrem Tee mit Minzblättern, die Frauen gingen immer noch verschleiert und verschwiegen dem Herrn und Ehegemahl, dass das dritte oder vierte Kind nicht von ihm selber war. Über der Festung wehte eine neue Fahne, im Hafen waren einige Kais aus Stahlbeton errichtet worden, und die Bordelle hatten seit einigen Monaten Hochkonjunktur. Durch italienische Soldaten. Im Norden der Stadt, mit dem neuen Hafen durch eine breite Straße verbunden, hatte die italienische Armee eine neue Stadt regelrecht aus der Wüste gestampft. Ein Armeelager, noch größer und mächtiger als jene Lager zu den lange vergangenen Zeiten, als die Tritte der römischen Legionen die Welt erbeben ließen. Sechs Divisionen, jede etwa 20.000 Mannschaftsgrade, Unteroffiziere und Offiziere stark, jede unter einem Generale di Divisione. Die über 120.000 Männer kämpfende Truppe unterstanden dem Generale di Corpo d'Armata Salvatore Danelli. Zu diesen Soldaten kam noch der Tross. Köche, Schreiber, Verwaltungsbeamte – insgesamt noch einmal 1.000 Männer.



Nach der Niederlage der von hier aufgebrochenen Armee bei ihrem Überfall auf Abessinien waren die beschädigten Landkreuzer und -Korvetten wieder in das Lager von Mogadischu transportiert worden, die Mechaniker hatten sich sofort an die Arbeit gemacht. Trotzdem waren von den 120 Jupiter-Kreuzern nur noch 72 kampftauglich, und die Verluste unter den Scudi-Korvetten betrugen mehr als 160 von den ursprünglich 480. Die Luftschiffflotte der Invasionsstreitmacht hatte von ihren acht Einheiten ebenfalls eine komplett eingebüßt, bei dem Rückzug hatte das Schiff noch einen Treffer in der Ruderanlage erhalten. Und obwohl die Benadiri, wie die von Somali und Arabern abstammende Bevölkerungsschicht Mogadischus genannt wurde, durchaus keine schlechten Schmiede waren, die Bearbeitung von Leichtstahl ging weit über ihre Möglichkeiten hinaus. Dafür benötigte man eben spezialisierte industrielle Maschinen, welche höchste Temperaturen erzeugen konnten. Diese Maschinen waren selbst in Italien noch eine Rarität.



Italien hatte natürlich auch einen Generalgouverneur ernannt und als zivilen Statthalter für das AOI nach Mogadischu entsandt. Es war der pensionierte Cavaliere Amirale Antonio Cecchi, ein Seeoffizier, welcher bereits einige Male in Africa unterwegs gewesen war und auf dem Weg zum Victoria-See mit seinem Partner Giovanni Chiarini auf Befehl der Königin des Stammes der Gera gefangen genommen wurde. Antonio hatte  Glück. Er überlebte die Gefangenschaft und wurde nach einiger Zeit wieder frei gelassen, während sein Partner während der Gefangenschaft starb. Über die Hintergründe der Haft wurde vor allem in Italien sehr viel spekuliert, und natürlich sah man alle Schuld bei der Königin Genne Fa – wer wusste denn schon, was im Kopf dieser, dieser Primitiven, dieser Schwarzen vorging. Leise Stimmen, welche über ungehöriges Benehmen oder gar Übergriffe der beiden Weißen Überlegungen anstellten, wurden entweder schlicht ignoriert oder mit dem Hinweis zum Schweigen gebracht, dass man als Europäer alle Rechte in Africa habe und ‚die da unten‘, die mit der dunklen Haut, doch sowieso gar keine echten Menschen wären und froh sein mussten, nein, stolz darauf, überhaupt wahrgenommen zu werden und den Weißen dienen zu dürfen. In Mogadischu und Somalia hatte sich der Cavaliere mit seiner Einstellung, welche er natürlich immer noch pflegte, keine Freunde unter der dunkelhäutigen Bevölkerung gemacht. Besonders unter dem weiblichen Teil der Bewohner. Nur die hellhäutigeren Benadiri wurden von ihm ein wenig besser behandelt, beinahe wie echte Menschen. Und auch wenn die Somali eine solche Behandlung mehr oder weniger bereits seit der portugiesischen Zeit gewohnt waren, gefallen musste es ihnen deshalb noch lange nicht. Stark genug, um daran etwas zu ändern, waren sie aber nicht. Man konnte es nicht besser beschreiben, Italien war keine freundliche Besatzungsmacht. Nun, nicht ganz so übel und brutal wie die Belgier, aber die Unterschiede waren nur gering. Der Galgen auf dem Hauptplatz Mogadischus wurde jedenfalls nicht leer, beinahe jeden Tag stand zumindest eine Hinrichtung an, zumeist von Menschen mit dunkler Hautfarbe. Auch die Strafen für kleinere Vergehen oder auch nur zu geringer Arbeitsleistung waren ziemlich brutal und nicht selten sadistisch.



Der Generale di Corpo d'Armata Salvatore Danelli stammte aus Neapel und war üblicherweise ein fröhlicher Mensch, der gerne lachte, trank und speiste, ein Mann, der selten nervös wurde. Selten, denn an diesem Tag war er eher sehr nervös. Der Grund für diese Nervosität legte soeben am Kai des modernen italienischen  Hafens an. Die CESARE BORGIA war ein moderner schwerer Kreuzer der italienischen Marine, was an sich noch kein Grund für besondere Aufregung gewesen wäre. Aber er führte am Flaggenmast neben der Trikolore auch noch den Wimpel des königlichen Generalstabes, was bedeutete, dass ein Mitglied desselben an Bord war. Wahrscheinlich Generale Guido Trapare, der Chef des Stabes persönlich. Es war eben auch für einen Generalleutnant nicht angenehm, seinem Vorgesetzten ein Versagen gestehen zu müssen. Und ganz besonders nicht General Trapare, der als rigoros galt und für seine brutale Härte Untergebenen gegenüber bekannt war. Sobald die Vorposten das Schiff und die Flagge gesichtet und über Signallampen nach Mogadischu gemeldet hatten, sandte Salvatore Danelli einen kleinen Dampfkraftwagen zum Hafen los, einen FAR 800. Die Fabbriche Automobile di Roma hatte sich auf kleine, wendige Dampffahrzeuge auch für den zivilen Markt spezialisiert und produzierte für das Militär die Dreiräder der Aufklärungstruppen und auch das Modell 800, das bei Offizieren sehr beliebt war. Inklusive des Fahrers beförderte es vier Personen, erreichte eine Geschwindigkeit von beinahe 100 Stundenkilometern auf einer guten Straße und  immerhin 35 bis 40 in der Wüste. Und der 800vm – für versione militare - war auch universell in beinahe jedem anderen Gelände einsetzbar. Hier, im tiefen Süden, war das Fahrzeug mit einem leichten Stoffdach ausgestattet, welches zumindest tagsüber rudimentären Schatten spendete und für den Wüsteneinsatz waren extra breite Räder aufgezogen worden.



Guido Trapare kam aus  Perugia, dem alten Phersna der Ertrusker, er war ein schmalbrüstiger, nicht sehr hochgewachsener Mann, dessen kahler Kopf mit der scharfen Hakennase und den schmalen Lippen für diesen kleinen Körper überdimensioniert groß erschien. Seine Augen blickten scharf und eiskalt unter den buschigen Brauen hervor, als er in der schwarzgrünen Generaluniform mit dem breitkrempigen federgeschmückten Hut die CESARE BORGIA verließ und auf Salvatore Danelli zuschritt, der die Haken zusammen schlug und salutierte.

„Sie sind hier in Mogadischu und nicht an der Front“, fragte Trapare kurz angebunden den Korpskommandanten.

„Gestern angekommen“, beschied dieser. „Ich wollte noch einmal eine Depesche nach Rom absenden. Wir benötigen Munition, Ersatzteile und Verstärkung. Dazu eine bessere Flugabwehr und mehr Artillerie. Diese Abessinier haben viele gute Luftschiffe aus deutscher Fertigung, mit denen sie unsere Landkreuzer und -Korvetten nach Belieben bombardieren können. Unsere eigenen Luftschiffe werden von britischen Ornithoptern vertrieben, die mit modifizierten Hale-Raketenwerfern ausgestattet sind und teuflisch treffsicher sind. Und ihre Sprengköpfe zerfetzen die Tragzellen unserer Luftschiffe in ungeahntem Ausmaß.“

Trapare nickte ruckartig. „Das ist mir bekannt. Trotzdem sollte es kein Problem sein, dass eine moderne, europäische Armee diese Halbwilden besiegen kann. Auch wenn diese ein paar Spielereien bekommen haben.“

„Sie sind bisher unserer Armee gewachsen, Generale.“ Danelli führte den Chef des Generalstabes zum FAR 800. „Unsere Aufklärung hat uns einen recht guten Überblick über die Festungen an der Grenze verschafft. Die sind sehr geschickt aufgestellt, beinahe, als hätte ein preußischer Militäringenieur diese Verteidigung geplant.“

Der General zögerte und überlegte kurz. „Das könnte auch tatsächlich so sein.“ Er schwang sich auf den Rücksitz und nahm seinen Hut ab. „Ins Hauptquartier!“

„Zu Befehl, Generale!“ Danelli ging um den Wagen herum und setzte sich auf den anderen Sitz. „Fahrer! Losfahren!“



Für die beinahe 300 Kilometer bis zur Frontlinie benötigten die Herren in dem FAR etwa vier Stunden. Eine Straße hatten die Italiener zwar noch nicht bis zur Front gebaut, aber hunderte von tonnenschweren Kettenfahrzeugen hatten den Boden verdichtet und eine gut passierbare Piste in Sichtweite eines kleinen Flüsschens geschaffen.

„Wir haben uns an der Front eingegraben, derzeit ist es dort ziemlich ruhig. Die Abessinier verzichten auf Gegenangriffe und feuern nur, wenn wir die Grenze überschreiten“, berichtete der Korpskommandant. „Dann aber erschreckend effizient. Sie haben dort oben einen großen Zeppelin, wahrscheinlich mit einer Kabelverbindung, damit weisen sie wohl die Steilfeuergeschütze ein, und wir können überhaupt nichts dagegen machen. Mit ihren Ornithoptern haben sie die Hoheit in der Luft, und wir haben keine wirklich schweren Kanonen erhalten. Die 18 Zentimeter der Jupiter reichen nicht aus, bis hinter die feindlichen Linien zu schießen und die Granatwerfer zu erreichen!“

„Sie haben versucht, die Verteidigungsanlagen zu umgehen?“ Der General hatte seinen breitkrempigen Hut der Bersaglieri mit den Hahnenfedern wieder aufgesetzt und starrte zu den Stellungen der Feinde hinüber, welche nun an der Oberfläche verweilten und nicht mehr eingefahren wurden. Die 42 Zentimeter Langrohrgeschütze waren deutlich zu erkennen, ebenso die mittelschweren 10,5 – Schnellfeuerkanonen und die Schießscharten, hinter denen wohl zumindest einige Maxim-Gewehre auf stürmende Infanteristen warten mochten. Die nur wenige Kilometer voneinander entfernten Forts schienen die Forza Italia herauszufordern, die Angreifer verspotten zu wollen.

„Damit gibt es ein erhebliches Problem, Generale. Hier entlang, bitte!“



Salvatore Danelli führte den Gast in seinen Unterstand. „Wie Sie auf dieser Karte sehen können, reichen die Festungen im Norden bis zur Grenze der französischen Kolonie von Dschibuti am Horn von Africa, die französische Grenze zum AOI verläuft in der Nähe von Gori Rit etwa am 48. Längengrad und dem 8. Breitengrad in südöstlicher Richtung bis zur Küste, ungefähr bei Garacad. Wir müssten also französisches Gebiet betreten, und im Gegensatz zu den Briten im ägyptischen Eritrea sind die Franzosen sehr präsent in dieser Kolonie. Wir haben auch keinen Vorwand, französisches Gebiet zu durchqueren. Auf der anderen Seite der Front sitzen die Tedesci in Deutsch-Kenya. Von Hohenzollernhafen in der Bucht von Burgabo nach Nordosten über Baardheere am Fluss Jubba, das sie jetzt Friedrichsburg nennen nach Mandera. Und die Deutschen kennen auch keinen Spaß bei Grenzverletzungen, noch dazu werden sie, falls wir hier angreifen sollten, ganz bestimmt von den Kakaniern am Franz Rudolph- und am  Maria Sophia-See unterstützt.“

„Ich dachte immer, die Donaumonarchien hätten keine Kolonien in Africa“, bemerkte General Trapare stirnrunzelnd.

„Es ist auch keine Kolonie, sie haben nur von den dort lebenden Turkana Schürfrechte erworben“, erklärte Salvatore Danelli. „Diese sind zwar keine Untertanen der Monarchien, dürften allerdings davon profitieren, dass die Österreicher dort Schulen bauen werden, welche sie dann auch besuchen dürfen. Wenn sie wollen.“

„Dann sind die Österreicher noch nicht lange dort? Sonst wären ihre Schulen doch schon fertig“, stellte Trapare fest. „Diese dannatamente brava gente mit ihren Schulen überall! Wozu den Wilden Bildung bringen, die kapieren doch ohnehin nur die Peitsche und den Galgen!“

„Diese Verträge und Schürferstädte gibt es tatsächlich noch nicht lange, General. Im Jahr 1887, also vor zwei Jahren, hat Graf Sámuel Teleki von Szék die Seen erreicht und nach seinem Thronfolger und dessen ältester Schwester benannt“, erzählte Danelli. „Vor einem halben Jahr haben sie mit dem Bau eines Luftschiffhafen und, gemeinsam mit den Deutschen, einer Eisenbahnlinie von Hohenzollernhafen nach Mji’Wa‘Mto begonnen. Etwa 700 Kilometer lang muss sie werden.“

„Nun gut, das ist ja jetzt auch egal“, winkte Trapare unwirsch ab. „Wir stehen hier also vor einer 850 Kilometer langen Front, wo alle fünf Kilometer ein großes Fort und jeden Kilometer ein kleines steht. Das macht 170 von den riesigen Gefechtsstellungen! 170, Korpskommandant! Und da sind die kleineren Nester und die Granatwerfer im Hinterland noch nicht mitgerechnet! Warum ist gerade diese Grenze derart stark befestigt? Bei Baylul war nichts dergleichen zu sehen. Und woher kommen die Mittel dafür?“

„Generale, das…“

„Natürlich wissen Sie das nicht, Korpskommandant“, unterbrach der General aufgebracht, zwang sich aber wieder zur Ruhe. „Woher sollten Sie denn auch. Warum haben Sie ihre schwere Artillerie denn nicht eingesetzt?“

„Ich habe keine!“ Danelli hob beide Hände in Schulterhöhe. „Sie ist in Italien geblieben. Als ich den Schiffsraum dafür angefordert habe, bekam ich die Antwort, dass dieser Angriff sowieso nur eine Ablenkung sei, und wir hier vor allem die Truppen des Gegners binden sollten. Und dass ein paar Halbwilde doch wohl auch ohne schwere Kanonen zu besiegen wären. Die größten Kaliber vor Ort sind die 18 Zentimeter der Jupiter. Völlig unzureichend. Ohne schwere Granatwerfer und Mörser hat sich der Angriff hier auf ewige Zeiten fest gelaufen.“

Trapare hatte die Augen weit aufgerissen und starrte Danelli an. „Sie - Sie sind ohne nennenswerte Artillerie los gezogen? Wie sind Sie…“, der General schnappte nach Luft und begann zu stottern, weil der zu viele Fragen gleichzeitig aussprechen wollte. „Warum…“

„Ich habe vor meinem Aufbruch aus Italien fünf Mal an den Generalstab appelliert, Signore Generale“, beschwerte sich der  Korpskommandant bitter. „Fünf Mal wurde mein Gesuch um Transportraum vom Stab abgelehnt. Zu teuer, die Truppen und die Kanonen der Jupiter und Scudi  müssten für Steinzeitwilde doch reichen. Steinzeitwilde! Diese Abessinier haben teilweise bessere Ausrüstung als wir! Scharfschützengewehre zum Beispiel. Diese haben mir einige Offiziere auf beinahe anderthalb Kilometer aus den FAR geschossen. Mit unseren Gewehren treffen nicht einmal die Bersaglieri auf diese Entfernung.“

„Ich habe nie von solchen Eingaben gehört, Korpskommandant.“ Trapare schüttelte den Kopf. „Kein einziges Mal.“

Der Generale di Corpo d'Armata holte eine Korrespondenzmappe hervor. „Bitte, Signore Generale, die Eingaben, und die Antworten. Und ich wiederhole es noch einmal. Ohne Artillerie werden wir diese harte Nuss nicht knacken. Vielleicht könnte man die Batterien jetzt endlich in Marsch setzen. Sonst – können wir uns gleich nach Mogadischu oder gar nach Italien zurück ziehen.“



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Foz de Cuene




Im Atlantik südlich des Äquators war es im Mai eben Mitte Herbst, die Temperaturen erreichten in den Gewässer vor Luanda und Benguela  angenehme 26 bis 28 Grad Celsius während des Tages, Nachts kühlte es manchmal bis knapp unter die 20 Grad-Marke ab. Die Küste entlang waren seit hunderten Jahren portugiesische Stationen und Forts für die Sicherung und Verpflegung der Schiffe auf dem Weg zum Kap der guten Hoffnung und darüber hinaus gebaut worden. Doch moderne Dampfschiffe verschmähten oft den Weg die Küste entlang, wenn sie nicht im Linienverkehr die Städte anliefen. Zumeist waren diese Schiffe kombinierte Fracht- und Passagierschiffe mit begrenztem Luxus und einer Größe von vielleicht zwei- bis dreitausend Bruttoregistertonnen.



Die NAMIB gehörte einer ganz anderen Klasse von Schiffen an. Ihre Länge von 142,6 Metern über alles und ihre Breite von 13,77 Metern ergaben 5008 BRT. 105 Mann Besatzung sorgten für das Wohlergehen von 220 Passagieren der ersten Klasse und die Sicherheit von 800 Fahrgästen in der zweiten. Dazu kamen auch bei diesem Schiff mächtige Cargoräume für Fracht. Die NAMIB fuhr im Liniendienst regelmäßig die 12.000 Kilometer lange Strecke Genua – Algier – Gibraltar – Lagos – Gran Canaria – Cap Verdsche Inseln – Foz de Cunene – Lüderitz – Kapstadt und wieder zurück. Auf offener See erreichte das Schiff eine ganz beachtliche Reisegeschwindigkeit von 24,8 Knoten, welche sie in erster Linie ihren drei in Foz de Cuene gefertigten endothermischen Vaporidkesseln, den Wernerschen Turbinenmotoren und den optimierten Schiffsschrauben mit 8 Blättern verdanke, welche bei der letzten Überholung die alten dreiblätterigen Bronzeschrauben ersetzt hatten. Die NAMIB bestand aus bestem Stahl, welcher aus den eigenen Minen Neuhochadlersteins stammte und auch im Lande verarbeitet wurde. Die elektrisch betriebenen Hochöfen in der Markgrafschaft Oberantersbach arbeiteten in vier Schichten und standen praktisch niemals still, und ein steter Strom bester Stahlplatten bewegte sich den Cunene abwärts, um entweder im Land weiterverarbeitet oder nach Ulm zur weiteren Veredelung in kristallinen Kortwitzstahl verschifft zu werden. Ein Teil der Stahlproduktion wurde auch an das Ausland verkauft und spülte so Geld in die Kassen des Staates Neuhochadlerstein. Und damit auch in die der Donaumonarchien.



Mitte Mai des Jahres 1889 näherte sich die NAMIB dem Hafen von Foz de Cunene, der Hauptstadt des Königreichs Neuhochadlerstein. In der etwas über dreißig Jahre alten Frau an der Reling mit der sportlichen Figur hätte man Wilhelmine, die Gräfin von Perggreith nicht sofort wieder erkannt. Die riesige, auffällige Hornbrille war einer kleinen, viereckigen Fassung aus dünnem Golddraht gewichen, ein Coiffeur hatte sie zu einer neuen Frisur ohne hochgesteckten Knoten, aber mit Seitenscheitel überredet, welche ihr Gesicht runder erscheinen ließ, im Nacken wurde die Haarflut von einer auffälligen Klammer gebändigt. Natürlich war die Nase nicht kleiner geworden, wurde jetzt aber nicht mehr durch die Brille noch mehr betont, das Gesicht wirkte insgesamt weicher und durchaus ansprechend. Andreas von Oberantersbach hatte auf dem Geburtstagsball in Schönbrunn zu Ehren der Prinzessin durchaus recht gehabt, und Wilhelmine hatte es letztendlich auch eingesehen.



Die Besuche bei der Baronesse von Klederwald, von der sie später erfahren hatte, dass sie eigentlich Josephine Hintwitz geheißen hatte, waren bei ihrer Selbstfindung ebenfalls durchaus hilfreich gewesen. Besonders ein Abend, es war Anfangs April gewesen und sollte ihr letzter im Zirkel werden. Es waren keine professionellen Männer anwesend gewesen, nur enge Freunde des Mediums und sechs Damen aus dem Gewerbe. Und alle anwesenden Herren hatten sich der Reihe nach ihres Körpers bedient. Sie hatte alle diese Männer in sich durchaus genossen, jeden einzelnen, dann aber gemerkt, dass der ungezügelte und ausschweifende Hedonismus auf Dauer für sie nicht erfüllend genug war. Sie wollte mehr und beschloss, Wien zu verlassen und irgendwo einfach neu anzufangen. Vielleicht in Africa, in Neuhochadlerstein. Dort waren Techniker und Ingenieure immer gesucht, es war ein Land voller innovativer Ideen und mit florierendem technischem Aufschwung, gefördert von König Emanuel III. Ihr Vater, Ferdinand Graf zu Perggreith, war durchaus derselben Meinung, denn von den Besitzungen allein konnte die Familie schon lange nicht mehr leben. Der ältere Bruder Wilhelmines hatte bereits einen Posten bei der Polizei annehmen müssen und arbeitete als Commissario in Venedig. Sogar ziemlich erfolgreich. Also ermutigte der alte Graf seine Tochter mit dem Hinweis, dass sie zwar kein offiziell abgeschlossenes Hochschulstudium in Ingenieurswesen vorzuweisen hatte, aber viele der Vorlesungen in der Fachhochschule für Technik besucht hatte. Aus purer Neugier. Die Perggreiths verfügten zwar über wenig Mittel, aber immer noch über viele Beziehungen, und so wurde der Rektor der Technischen Universität Wien überredet, eine Prüfungskommission zusammen zu stellen und die junge Dame zu examinieren. Vorurteilsfrei. Sie bestand ihre Examen zwar nicht mit Auszeichnung, aber doch immerhin im oberen positiven Bereich.



Das Aushängeschild der Industrie von Neuhochadlerstein waren die Landwirtschafts- und Erdbewegungsmaschinen der ADMAG, der Africanischen Dampf-Maschinen Aktien Gesellschaft, welche zu einem Drittel in königlichem Besitz war. Selbst die Franzosen Ferdinand de Lesseps und Gustave Eiffel bedienten sich bei ihrem Versuch, durch die Landenge von Panama eine Verbindung vom Atlantik zum Pazifik zu bauen, speziell für diesen Zweck  konstruierter gigantischer Maschinen der ADMAG. Wilhelmine hatte sich in Wien bei der Vertretung dieser Firma vorgestellt und ihre Zeugnisse vorgelegt, einige Tage später hatte sie eine Einladung nach Foz de Cunene zu einem persönlichen Gespräch erhalten. Mit einer Fahrkarte 2. Klasse auf der NAMIB.  Am 28. April war sie in Wien aufgebrochen, per Bahn nach Genua. Am Abend des 29. hatte sie ihre Kabine bezogen, immerhin 5 Quadratmeter plus Dusche und Toilette. Einfach, aber sauber, das Bett war bequem, das Essen im Speiseraum schmackhaft. Das Promenadendeck der zweiten Klasse war groß genug für sportliche Aktivitäten, und Wilhelmine umrundete das Schiff täglich mehrmals. Allerdings trat genau das ein, vor dem sie ihre Freundin Franziska von Oberantersbach gewarnt hatte. Sie verlor ihre europäische Blässe, was aber in Neuhochadlerstein ohnehin egal war. Dort galt eine gesunde Bräunung des Gesichts und der Hände durchaus als chic.



Wilhelmine betrachtete den sich nähernden Hafen. Foz de Cunene, der ‚Mund des Flusses Cunene‘, lag beiderseits der Mündung, doch unterschiedlicher konnten die Stadtteile kaum sein. Das Nordufer dominierte der älteste Teil, die große ‚Lepoldi-Feste', jene Burg, welche Emanuel von Hochadlerstein damals, nachdem er den Fluss gekauft hatte, als ersten Stützpunkt gebaut hatte. Benannt nach dem heiligen Leopold, dem Schutzpatron seiner alten Heimat. Weiter den Fluss hinauf lag die Mittelstadt, in der noch zwischen prächtigen Palästen niedrige Häuser mit zwei oder drei Stockwerken standen.  Am südlichen Ufer war das moderne Foz de Cunene entstanden. Zehn, zwölf Etagen waren die Norm, doch dazwischen standen einige Türme mit über zwanzig Stockwerken. Beton, Stahl und Glas waren die Baustoffe der modernen Stadt, Schmuckelemente des Art Deco lockerten die strengen Fassaden auf, die Straßen waren breit und hell. Als die NAMIB den Kai erreichte und festgemacht hatte, verließ die Gräfin zu Perggreith über die Gangway das Schiff und sah sich auf dem Kai um.  Vier Schiffe der unterschiedlichsten Reedereien lagen eben vor Anker, wurden be- und entladen, es tönten Kommandos und Flüche in Deutsch, Französisch, Portugiesisch und Englisch durcheinander, es wimmelte von Karren aller Art.

„Sie müssen dort durch die Sperre", informierte sie Leutnant Andalele von der NAMIB, welcher an der Gangway stand, um den Passagieren zu helfen und die Tickets der an Bord gehenden zu kontrollieren.

„Natürlich, Leutnant. Danke.“ Wilhelmine nickte dem Seeoffizier zu. „Es ist nur – das Bild war einfach überwältigend.“

„Willkommen in Neuhochadlerstein, Gräfin", grinste der Herero. „Sie werden sich hier sicher schnell eingewöhnen.“

„Das hoffe ich sehr, Leutnant!“ Sie umfasste das Schiff noch einmal mit einem raschen Blick, straffte ihre Haltung und lächelte. „Auf Wiedersehen!“

„Viel Glück, Fräulein!“



Mit raschen Schritten näherte sich Wilhelmine der Einreisstation, wo ein Offizier in weißer Polizeiuniform ihren Pass entgegen nahm.

„Fräulein Wilhelmine zu Perggreith, Sie kommen aus Wien?“

„Ja, Hauptmann.“

„Schön, schön!“ Der Polizeihauptmann wies auf einen Stuhl. „Fräulein zu Perggreith, nachdem ich ihrem Pass entnehme, dass Sie nicht nur einige Zeit als Tourist bleiben möchten, habe ich einige Fragen an Sie zu stellen. Sie wollen sich bei der ADMAG bewerben?“

„Ja, das möchte ich. Ich will einen Neuanfang machen, nachdem – das führte jetzt zu weit. Es soll einfach ein neuer Beginn werden.“

„Nach ihrer Zeit bei der Organisation namens“, der Mann sah in die Akte vor sich. „Goldener Frühling?“

Wilhelmine seufzte. „Nun, ja. Es war – nein, nicht alles, was ich erlebt habe, war für meine Person schlecht. Es hat mir einiges bewiesen, und dafür habe ich die Augen und Ohren anderen Dingen gegenüber verschlossen. Aber ich habe alles, was ich wusste, in Wien bereits Herrn Kommissär Brunner erzählt.“

„Das ist mir bekannt, Fräulein.“ Hauptmann Salomon Blaustern faltete seine Hände über der Akte. „Wir dürfen hier aber nicht nachlässig werden. In Neuhochadlerstein gibt es immerhin einige Dinge, welche für – sagen wir einmal – fehlgeleitete Individuen recht wertvoll sein könnten. Einige Pläne und Methoden nicht nur der ADMAG wären für Firmen, welche Geräte, Maschinen und Fahrzeuge aus konventionellem Stahl herstellen, eine hübsche Summe wert. Ich hoffe, Sie entschuldigen meine direkten Worte.“

„Ich verstehe, Hauptmann Blaustern.“ Wilhelmine senkte den Kopf. „Aber ich fürchte, ich kann ihnen nicht mehr erzählen, als das in ihrer Akte stehende.“

„Sie wissen also nicht mehr als das?“ Salomon hob den Akt und ließ in klatschend auf den Tisch fallen. „Soll ich das wirklich glauben?“

„Das kann…“

„SIE KÖNNEN!“ brüllte Salomon Blaustern unvermittelt los und schlug mit der Hand auf den Hefter. Wilhelmine sah ihm direkt in die Augen.

„Hauptmann, ich weiß nicht, wie viel in ihrer Akte steht, aber ich werde ihnen nichts mehr erzählen. Ich wurde vereidigt, mit niemand über diese Sache zu sprechen. Wenn Sie nähere Informationen benötigen, wenden Sie sich bitte an den Fürst zu Hametten. Ich habe damals vielleicht einen Fehler gemacht, mich mit diesen Leuten vom Frühling einzulassen. Mag sein. Aber, Hauptmann, ich nehme meinen Eid, welchen ich vor Fürst zu Hametten in Vertretung  der Donaumonarchien geschworen habe, sehr ernst. Sie können mir vielleicht verbieten, im Land zu bleiben, obwohl ich Bürgerin der Donaumonarchien bin. Sie können mich wahrscheinlich auch verhaften, weil ich in ihren Augen ein Sicherheitsrisiko darstelle! Aber Sie können mich nicht zwingen, meinen Eid zu brechen.“

„Nun gut!“ Der Mann in der Uniform eines Polizeihauptmanns schlug den Schnellhefter wieder auf und blätterte lange darin. Es waren viele Blätter, und er ließ sich Zeit. „Sagen Sie, Fräulein", begann er nach geraumer Zeit wieder. „Was wollen Sie machen, wenn die ADMAG Sie nicht nimmt?“



Etwa eine Stunde später durfte Wilhelmine die Einreisestation verlassen und sah verschwitzt, aber erleichtert auf den Stempel in ihrem Pass. Sie hatte die Genehmigung zur Einreise, zum dauerhaften Aufenthalt und zum Arbeiten in Neuhochadlerstein erhalten. Vor dem Hafengebäude standen einige Dampftaxen, elegante, leicht wirkende Cabrios mit Stoffdächern, welche den zu manchen Zeiten schier sintflutartigen Regen und die Sonne abhielten, aber im Sommer trotzdem für angenehmeres Klima im Automobil sorgten.

„Taxi, gnä Frau?“ Ein kräftiger Mann, dem einmal jemand die Nase gebrochen haben musste, griff nach ihrem Schrankkoffer, als sie nickte. „In ein Hotel?“ Wilhelmine las das Schild auf der Brust des Mannes.

„Das Neue Imperial bitte, Olberth“

„Gerne, gnä Frau.“ Er hievte den schweren Koffer scheinbar ohne allzu große Mühe auf den Gepäckträger am Heck der Droschke und öffnete den Schlag. Dankbar ließ sich Wilhelmine auf die bequeme Rückbank sinken und genoss ihre Fahrt durch die moderne Stadt. Das Fahrzeug war hervorragend gefedert, die dicken pneumatischen Reifen taten auf dem Straßenbelag aus Beton ihres dazu, dass die Fahrt auf der breiten Straße beinahe lautlos vor sich ging.



Das Neue Imperial war ein modernes Hotel, welches in der Nähe des Hafens Zimmer für jeden Geldbeutel bereit hielt. Verständlicherweise hatte die Firma ADMAG keine prächtige Suite für ihre Kandidatin gebucht, aber es war doch mehr als eine Toilette mit Schlafnische. Das Zimmer Wilhelmines im 18. Stockwerk ging auf die Straße, aber in über fünfzig Meter Höhe drang kaum noch ein Geräusch herauf. Über die Dächer der anderen Gebäude sah konnte man sogar das Meer sehen, auf dem eben ein Schiff nach Norden davon fuhr.  Sie versuchte immer noch, ihre Überraschung zu verarbeiten. Dass die Herero an der Rezeption eine weiße Bluse zu einem leichten, blauen Rock getragen hatte, war nicht weiter aufgefallen. Doch während Wilhelmine auf ihren Schlüssel wartete, war eine europäische Frau von der Straße in die Halle gekommen. An den Füßen trug sie leichte, hochhakige Sandalen, bis zum Knie geschürt. Man konnte es leicht erkennen, denn der leichte Rock in den traditionellen Hereromustern war links ziemlich hoch geschlitzt. Auf dem Kopf mit den blonden Haaren thronte ein Strohhut, welcher mit einem bunten Seidenschal geschmückt und mit einer Krempe ausgestattet war, die den Durchmesser eines Kutschenrades aufwies. Zwischen dem Hut und dem Rock war außer einem dünnen Goldkettchen nur sanft gebräunte Haut zu sehen gewesen. Nun erst war es Wilhelmine aufgefallen. Hier trug wirklich jeder, was er wollte, sowohl im Haus als auch auf der Straße. Dort ein Mann nur mit einem kurzen Lendentuch, dort einer in vollem Anzug, der nächste trug ein weißes Hemd zum langen Lendenschurz.

„Neu hier?“, hatte die halbnackte Frau Wilhelmine gefragt, die nur nicken konnte.

„Bitte, Gräfin zu Perggreith!“ Die Hotelangestellte legte ihr den Zimmerschlüssel auf die Theke.

„Ich bin Josi“, stellte sich die halbnackte Frau vor. „Also eigentlich Josepha Valentina Helena, Tochter des Herzogs von  Mtsinje wa njati. Entschuldigung. Von der Furt der Büffel.“ Josi reichte Wilhelmine, welche schon zu einem Knicks ansetzen wollte, zwanglos die Hand. „Du wirst dich daran gewöhnen. Wir sind hier bis etwa 19. Uhr eher locker in unseren Umgangsformen, danach kommt es ganz auf die Verhältnisse an. Ich würde so in der Aufmachung nie in die Oper gehen, zum Beispiel. Und es empfiehlt sich auch, bei einem Vorstellungsgespräch nicht zu leger zu erscheinen. Aber sonst ist ein blanker Oberkörper bei einer Frau hier nichts, worüber man sich großartig aufregt. Das haben wir von den Herero, den Nama und den Himba gelernt. Man sieht sich, Willi!“ Damit hatte Josepha Valentina ihren Schlüssel genommen und war davon gegangen, verfolgt von den Blicken einiger Männer, welche den Blick nicht von dem zwar verhüllten, aber durch den leichten Stoff doch erkennbaren kokett schwingenden knackigen Po der jungen Dame wenden konnten.



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Abessinien




Nordwestlich der Stadt Gonder lagen einige bewaldete Höhenzüge, von denen aus man die Stadt gut beobachten konnte. Die drei Männer in der Kleidung einfacher abessinischer Landbewohner waren nicht sonderlich auffallend. Sie mochten etwas hellere Hautfarbe als der durchschnittliche Untertan des Negus Negest Yohannes IV haben, aber es gab durchaus auch noch hellhäutigere darunter. Es hätte schon eines sehr aufmerksamen Beobachters bedurft, in den Ausbeulungen der Kleidung moderne Flechettepistolen zu erkennen.  Made in Germany, auf geheimnisvollen Wegen in die Hände dieser Männer geraten, welche mit ebenso modernen Gläsern das Treiben in der Stadt beobachteten.

„Merde!" Das Französische des Mannes war stark arabisch geprägt. „Da hat sich eine kleine Armee versammelt.“

„Wenn jetzt die Trommel kommt, ist sie für den neuen Messias verloren!“ Auch der zweite Mann sprach die französische Sprache mit deutlichem Akzent, man konnte den Spanier leicht erkennen. Der dritte Man hatte ebenfalls einen deutlichen Zungenschlag, allerdings einen original  französischen – er war Bretone.

„Sie müssen unsere Agenten hier irgendwie erkannt und überrumpelt haben. Die Leute aus der Gegend erzählen davon, dass vor kurzem hier ein Prozess stattgefunden hat und danach eine Menge Leute, Araber und Europäer, am Galgen gelandet sind. Eine Prinzessin aus Ositira soll die Stadt vor einer Mörderbande gerettet haben, und das passt zu den Fahrzeugen da unten. Die Weiber des kakanischen Herrscherhauses sollen ja recht wehrhaft sein.“

Halef Achmed setzte sein Glas ab. „Vielleicht sollten wir ihr einen Denkzettel verpassen, damit sie von hier verschwindet.“

Roland Monchartes verdrehte die Augen. „Denk doch einmal mit deinem Kopf und nicht mit deinem thueban sulb. Egal, ob sie es überlebt oder nicht, es werden uns ganze Regimenter österreichischer Soldaten und sämtliche Bewohner des Landes im weiten Umkreis suchen. Wie könnten uns irgendwo verstecken oder von hier verschwinden, aber erfahren würden wir höchstens noch, wie sich eine Steinigung anfühlt. Wenn deine Schlange wieder in eine Höhle kriechen will, dann lass ein paar Maria-Theresien-Taler springen, in Gorgora gibt es sicher ein Bayt dieara.“  

„Es bringt nichts, hier noch länger zu warten“, bemerkte Paco, der Spanier. „Wir fallen nur auf!“

„Stimmt.“ Der Bretone erhob sich, nahm einen Wanderstab auf und schulterte einen Ranzen. „Wir müssen zusehen, dass die Um qadasa Bidhara von der Situation hier erfährt und wir weiter nach der Trommel Ausschau halten. Ich schlage vor, wir losen. Zwei von uns versuchen ganz offiziell eine Anstellung in der Nähe zu finden, und einer sucht den Treffpunkt mit unserem Luftschiff auf, gibt der Herrin Atrá Bescheid über die hiesigen Zustände und meldet sich dann wieder hier bei den anderen, um dann wieder die neuesten Nachrichten nach Kairo zu senden.“

„Klingt gut!“ Paco Sanchez nahm drei Schwefelhölzer aus der Packung und kürzte eines. Dann hielt er die Hölzer mit den Kopf voran den anderen hin.

„Ich habe das kurze“, verkündete Halef. „Wo wollen wir uns treffen, wenn ich zurück komme?“

„Dort in dieser Ortschaft gibt es ein Gasthaus“, schlug Roland Monchartes vor. „Dort ist es nicht weiter auffällig, Abends ein Hirsebier oder zwei zu trinken!“  

„Einverstanden“, stimmte Halef zu. „Dann mache ich mich auf den Weg. Vielleicht kann sie ja noch einmal ein Luftschiff schicken.“

„Nein, auf gar keinen Fall!“ Roland umklammerte den Oberarm des Orientalen mit eisernem Griff. „Da unten sind spezielle Luftschiffabwehrwaffen eingetroffen! Sieh nur noch einmal hin!“

„Ach, des Nachts über die Zitadelle treiben lassen und…“

„Nein!“, unterbrach der Bretone. „Die Österreicher haben Scheinwerfer, die wir mit bloßem Auge nicht richtig sehen können, aber sie haben Filter dafür und sehen auch Nachts jeden Angreifer aus der Luft. Sie würden jede Anfahrt erkennen, glaube es mir!“

„Also gut, ich werde das alles der Herrin Atrá mitteilen.“ Halef machte sich an den Abstieg in Richtung Norden, um dort das Luftschiff seines Ordens aufzusuchen und dem Kapitän eine Nachricht mit auf den Weg zu geben, die anderen gingen nach Westen, um sich eine Arbeit für einige Wochen zu suchen.



Keiner von den drei Männern hatte während ihrer Unterhaltung nach oben geblickt, und wenn, hätte er das kleine gelb-schwarz gestreifte Ding vielleicht nicht einmal wahrgenommen. Linienschiffleutnant Mathias Szabo und Fregattenleutnant Emil Voglmüller hingegen hatten das Verhalten der Personen sehr wohl bemerkt und mit ihrer neuen Faltkamera der Firma Anschütz einige gelungene Photographien angefertigt. Dank der großen Linsen konnte man sogar einige Details erkennen. Szabo überlegte nicht lange, sondern zog die Wespe hoch und folgte dem einzelnen Mann Richtung Westen.

„Na, do schaugst oba!“ Voglmüller hatte den Feldstecher vor die Augen genommen. „Dos is jo a Giffard DG3. A gonz monderns Ding. Schofft trotzdem kane 25 Knoten. Aber guat vastecken konn mas!“

Szabo verzog das Gesicht. „Die ersten Beobachter sind da. Franzosen oder Belgier? Oder wart, die Spanier und Italiener benutzen ja auch gerne französische Technik.“

„Da ane hot ausgschaugt wie a Araber – do san de Franzosen stark. Oda – Himmehergottszeitenkreziseidene Zpfelhaub'n. Imre, wos is, wann des de deppaten Saupreißen, de deppaten, von dem goidenen Frühling san, von dem's uns verzählt hobn.“

„Könnte passen. Eine durchmischte Mannschaft, Araber und Europäer. Auf jeden Fall markieren wir die Stelle auf der Karte und fliegen heim. Ob die Sabrina wohl schon unter der Haube ist?“  



=◇=




Die militärischen Luftschiffe ‚Leichter als Luft' unterstanden in den Donaumonarchien wie die Flugschiffe der Marine. Auch die Piloten der Wespen wurden als Marineoffiziere geführt und trugen daher die entsprechende Dienstkleidung. Nach Abessinien hatten sie die leichten Sommeruniformen mitgebracht, weiße, gerade geschnittene Hosen mit blauen Borten und eine bis zur Mitte des Oberschenkel reichende Bluse mit Stehkragen, mit einer Reihe Goldknöpfen verschlossen. Die Schulterstücke dazu waren dunkelblau und zeigten bei Sabrina Kress eine breite und eine schmale, mit einem Ring versehene Borte für ihren Rang als Korvettenkapitän, während der Linienschiffleutnant Vaclav Nemec drei schmale Borten, die der Schulter am nächsten liegend ebenfalls mit einem kleinen Ring versehen trug. Die Uniform der Korvettenkapitän war auf den Leib nach Maß geschneidert und betonte die erfreulichen Formen der sportlichen mittelgroßen Frau, während sich Vaclav mit der Standardausführung begnügte.



Im Moment stand der Linienschiffleutnant nervös in der Messe des Kanonenbootes ROSENHEIM und tauschte irgendwelche Nichtigkeiten mit Fregattenleutnant Istvan Toth aus, während er wartete. Istvan war ein guter Freund Vaclavs und sollte heute sein Trauzeuge sein. Sabrina hatte ihre Idee mit der Hochzeit wirklich umgesetzt und bei der Prinzessin die Erlaubnis erwirkt, an Bord des Schiffes rechtsgültig heiraten zu dürfen. Es war nicht schwer gewesen, der Kommandant des Kanonenbootes war ganz aufgeregt, endlich einmal eine solche Zeremonie abhalten zu dürfen. Dem Rang nach war er Linienschiffleutnant, doch höflicherweise hatte sich die Anrede Kapitänsleutnant für die Kommandanten eigenständiger kleinerer Einheiten wie Kanonenbooten eingebürgert, obwohl es in den Donaumonarchien diesen Rang eigentlich gar nicht gab. Als Zeichen seines eigenen Kommandos durfte er über dem Ring der der obersten Borte einen kleinen goldenen Stern mit sechs Strahlen auf dem Rangabzeichen tragen.



Sabrina ihrerseits saß in einem Muli, welches sie von Gonder zur ROSENHEIM bringen sollte. Josepha Müller, die Zofe Maria Sophias, hatte genügend weiße Blumen auftreiben können, um einen Brautstrauß und einen Kranz flechten zu können, und sogar ein Stück Spitzengewebe für einen Schleier war aufzutreiben gewesen. Auch wenn die Braut schon lange keine Jungfrau mehr war, wie der Bräutigam nur zu genau wusste. Trotzdem gehörte die symbolische Defloration der Braut im Zuge der Vermählung selbst bei Militärtrauungen durchaus zum gerne gepflegten Brauch. Die Baronesse von Oberwinden trug ihre sandfarbene Tropenuniform, Henrietta Jones hatte die enge Matrosenhose angelegt und sich ein passendes ziviles Oberteil in hellblau besorgt. Sabrina hatte die Damen gebeten, ihre Brautjungfern zu sein und Maria Sophia hatte sich bereit erklärt, als Zeugin anwesend zu sein. Vor dem Landesteg der ROSENHEIM hielt das Fahrzeug, und einer den neuen Matrosen aus Abessinien öffnete den Einstieg. Da die abessinische Marine noch keine eigene Uniform besaß, trug er zur österreichischen weißen Montur die typische Kopfbedeckung seiner Heimat. Salutieren konnte er jedenfalls schon ganz ordentlich. Sabrina verließ das Muli, und betrat als erste die Gangway. Auf dem Schiff wurde sie von einem der abessinischen Kadetten und einer vierköpfigen Ehrengarde erwartet. Kadett Salomon Mek'urech'a erwiderte Sabrinas militärischen Gruß, und die Braut fragte, ob sie und die Brautjungfern an Bord kommen dürften. Was sie selbstverständlich durften. Dann gab die Dampfsirene einen langgezogenen Ton von sich, die Schiffsschrauben begannen sich zu drehen und die ROSENHEIM entfernte sich von ihrem Ankerplatz. Somit wurde ‚Kapitänsleutnant‘ Anton Nemecič der absolute Herr an Bord der ROSENHEIM und damit auch berechtigt, die Trauung vorzunehmen.



Die Tür zur Messe öffnete sich, und die verschleierte Braut im großen Dienstanzug schritt am Arm des ersten Offiziers der ROSENHEIM auf die Kapitänstafel zu, wo Vaclav bereits voll Ungeduld wartete. Bräutigam und IO salutierten voreinander, dann legte Karl Moser Sabrinas Rechte auf den linken Arm Vaclavs, und beide wandten sich Anton Nemecič zu.

„Ich fühle mich geehrt, dass Sie sich entschieden haben, auf meinem kleinen Boot zu heiraten. Soweit ich das Brautpaar in den letzten Tagen kennen lernen durfte, haben beide wohl Glück gehabt,  einen derart passenden Partner zu finden. Ich werde Sie nun noch einmal fragen, einen nach dem anderen, ob Sie im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten und unbeeinflusst aus freien Stücken diese Ehe eingehen wollen. Vaclav, wollen Sie die hier anwesende Sabrina nach den Gesetzen und Regeln der Vereinigten Donaumonarchien zur Frau nehmen?“

Vaclav nickte energisch. „Das will ich!“

„Und Sie, Sabrina, möchten Sie den hier anwesenden Vaclav nach den Gesetzen und Regeln der Vereinigten Donaumonarchien zum Manne nehmen?“

Sabrinas Lächeln erhellte den Raum. „Oh ja, und wie ich will!“

Anton Nemecič vollendete das Ritual mit den alten, ehrwürdigen Worten. „Im Namen der Vereinigten Donaumonarchien erkläre ich Euch hiermit zu Mann und Frau.“ Dann fiel er ein wenig aus seiner würdigen Rolle. „Und wir alle wissen, was jetzt kommt! Küss deine Braut, Seemann!“ Vaclav hob den Schleier, und nie vorher hatte seine Sabrina für ihn schöner ausgesehen. Die Welt versank in einem nicht enden wollenden Kuss.



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Wales




Hawk Hall in der Nähe von Barry war eine Mischung verschiedener Stile. Vom ursprünglichen Tudor – Herrenhaus war allerdings nicht mehr viel zu sehen. Trotzdem sah man dem Ensemble seine grundlegende Struktur als Wehrbau durchaus noch an, auch wenn die Fenster größer gemacht wurden und neben den ehemals trutzigen Mauern Bäume standen, welche für jeden leicht zu erklettern waren. Das Herrenhaus stand auf einem Hügel, zum Haupteingang führten zwei breite Treppen hinauf. Der Hügel war im Laufe der Zeit in mehrere Gärten auf einzelnen Terrassenstufen verwandelt worden.



Im großen Speisesaal saßen Doktor John Hamish Watson und Major August Warren Hawk an diesem nebeligen walisischen Maimorgen bei einem opulenten Frühstück. Tee, Nieren, baked Beans, Speck, Ei, Toast, Butter, Marmelade, Porridge, Muscheln, die gesamte Palette der englischen und walisischen Frühstücksküche. Der Major sprach wie so oft wieder einmal über seine Dienstzeit in Indien und Ceylon. Und auch beinahe eben so gerne über die Heldentaten seines Vaters Lester während des Sepoy-Aufstandes, während Watson an den richtigen Stellen nur noch zustimmend brummte und sich mehr auf das Essen als die Worte des Majors konzentrierte.

„Und ich sage ihnen, John, die Tamilen auf Sri Lanka waren weit schlimmer als die Sepoy! Diese Bastarde haben bei ihrem Aufstand Anno 1863 jeden weißen Mann, den sie in die Hände bekommen haben, langsam und voller Genuss umgebracht. Ganz egal, ob der in Uniform oder Zivil unterwegs war. Die Frauen und Kinder haben meistens  überlebt, aber bei den Damen – fragen Sie lieber nicht, womit sie ihr eigenes und das Überleben ihrer Kinder bezahlen mussten! Fragen Sie nicht, John!“ Major Hawk schob sich ein Stück Niere in den Mund und kaute zufrieden darauf herum. ‚Wahrscheinlich mit dem Gleichen, das vorher die Weißen mit den tamilischen Mädchen gemacht haben', dachte Watson, hütete sich aber, es laut auszusprechen.  

„Nun ja“, fuhr August schließlich fort. „Also wir waren damals vor 26 Jahren im Fort Stonebridge stationiert, ich noch als ein blutjunger Lieutenant. Das Kommando über die Festung hatte Colonel Georges Allistair übernommen, ein richtiger Bulle von einem Mann. Hart, aber gerecht. Ein Terrier, der nicht nachgab, bis seine Aufgabe erfüllt war. Die tamilischen Aufständischen hatten uns von allen Seiten eingeschlossen, aber bisher hatten sie sich außer blutigen Nasen nichts geholt. Wir hatten gute Deckungen, und sie keine schwere Artillerie und keine Mörser. Die Tamilen hatten auch noch die alten Enfield Vorderladergewehre, und wir bereits die Snider-Enfield mit den geschlossenen Patronen. Dann ist aber eine neue Einheit aufgetaucht, und dann wurde es auch für uns bitter. Das war das Allistair Tamil Rifles Regiment, also das ehemalige Regiment unseres eigenen Kommandanten, leicht zu erkennen an der Schärpe im Allistair-Tartan und dem Ledersporran über dem Sarong. Warum sie die noch immer trugen, ich habe keine Ahnung. Aber ich sage ihnen, John, das waren die härtesten Kriegshunde auf dem Schlachtfeld und teuflisch gute Schützen. Und dann steht der Oberst neben mir, beobachtet die Typen da drüben und murmelt vor sich her: ‚Gute Jungs! Haben nicht vergessen, was ich ihnen beigebracht habe. Verdammt wackere Kerle!‘ Das werde ich nie vergessen, John. Colonel Georges Allistair lobte den Feind. Nun ja, letztendlich haben wir trotz den Tamil Rifles lange genug durchgehalten, bis ein Entsatzheer kam. Fort Stonebridge wurde nie aufgegeben. Es haben damals mit mir zwar nur noch ein Sergeant und sechs Privates überlebt,  aber das Fort, John, das Fort haben wir gehalten. Dafür wurden wir von der Queen persönlich empfangen und… Einen guten Morgen, Diana!“



Die Tür hatte sich geöffnet und die harten Sohlen von Dame Diana Ava Hawks Reitstiefeln klackten über den Steinfußboden, bis sie den dicken Teppich erreichte.

„Guten Morgen, meine Herren!“ Diana war zu den Stiefeln in eine enge, hellbeige Reithose gekleidet, welche ihre Kehrseite auf das prächtigste in Szene setzte, dazu eine weiße Seidenbluse mit Spitzenjabot. John und August erhoben sich, bis ein Diener Diana den Stuhl zurecht gerückt und sie Platz genommen hatte.

„Danke, George. Bitte nur Tee, Toast, Butter und Orangenmarmelade heute. Ich möchte heute noch ausreiten! Der Nebel wird sich sicher bald heben, und dann wird es noch ein schöner, sonniger Tag werden.“

„Ja, das könnte sein!“ August Hawk sah in das Freie. „Für übermorgen habe ich die übrigens die Powells und die Pritchards zur Jagd eingeladen!“

„Das ist schön“, freute sich Diana. „Ich habe Arthur und Hellen schon lange nicht mehr gesehen. Wollen Sie mich heute begleiten, John? Oder du, August?“

„Leider nein, Diana“, August schob eine Gabel voll Bohnen in seinen Mund. „Ich habe etwas zu tun, Schwesterchen. Du wirst mit John vorlieb nehmen müssen.“

„Also, John, wollen Sie mit mir reiten gehen? Ich kann auch eine Picknicktasche einpacken lassen.“

„Aber gerne, Diana. Bitte geben Sie mir Zeit, mich umzukleiden.“ Watson stand auf und verneigte sich leicht, ehe er den Speisesaal verließ.



Der Diener brachte den feurigen Rappen von Dame Diana und einen Rotfuchs für Doktor Watson gesattelt auf den Hof. Diana hatte noch ein Reitjackett in der klassischen roten Farbe der britischen Uniformen angezogen und einen Zylinderhut mit weißem Schleier aufgesetzt, während John schlicht in eine geborgte schwarze Reithose geschlüpft war und dazu eine hellbraune Reitjacke aus fester Wolle trug. Selbstverständlich war auch sein Hemd weiß, und er trug ein dezentes Halstuch. Auf einen Schal um den Hut verzichtete er allerdings. Die Nebel hatte sich tatsächlich verzogen, und das Wetter war genau das richtige für einen Parforce-Ritt. Die beiden Ausflügler hatten auch bald die zum Hof gehörenden Wiesen erreicht. Sie stellten sich in den Steigbügeln auf, um die Pferde zu entlasten und gaben den temperamentvollen Hengsten einfach die Zügel frei. Das reichte, um diese Pferde zum Galopp zu bringen. So jagten sie über die Feldwege, John Hamish Watson immer ein wenig hinter Diana Ava Hawk. So hatte er ungehinderten Ausblick auf die Dame, welche die Galoppsprünge ihres Rappen gekonnt abfederte. Watson bewunderte das reiterische Können von Dame Diana ebenso wie das Spiel ihrer sich abwechselnd an- und entspannenden großen Gesäßmuskeln. Ein wenig zu sehr, mochte es scheinen, jedenfalls sah er den Schatten, der auf seine Stirn zuraste, viel zu spät. John H. Watson stieg mit einem veritablen Rückwärtssalto aus dem Schatten, als sein Kopf mit einem Ast kollidierte. Leider bekam diese Glanzleistung niemand zu Gesicht, denn als sich Diana zu ihrem Begleiter umwandte, lag dieser bereits auf dem Boden, der Fuchs, der noch einige Sprünge weiter gelaufen war, stand neben dem Doktor.



Sofort riss Miss Hawk ihren Rappen auf der Hinterhand herum und galoppierte zurück. Zu ihrer Erleichterung rappelte sich der Doktor bereits wieder auf, ehe sie bei ihm ankam.

„Geht es ihnen gut, John?“, sorgte sich Diana. John arbeitete sich auf die Beine und stützte sich mit der rechten Hand am Baumstamm ab. Mit der Linken rieb er sich die Stirn.

„Es geht so“, brummte er, vorsichtig den Kopf schüttelnd. „Es dürfte sich zumindest um keine Gehirnerschütterung handeln.“

Erleichtert lachte Diana auf. „Warum sind Sie denn abgestiegen, John? Gefällt es ihnen hier so gut?“

„Äh, also, ich – nun ja…", stotterte Watson etwas verlegen.

„Ach so, Sie haben wohl den dort Ast übersehen", deutete Hawk nach oben. „Wo hatten Sie bloß ihre Augen, John?“

„Oh, das war, wie soll ich sagen…“

„Auf jeden Fall waren ihre Augen nicht auf den Baum gerichtet, mein lieber Freund", lachte Diana. „Kommen Sie, steigen Sie wieder auf. Wir wollen noch ein Stück reiten.“ John Hamish schwang sich wieder auf den Fuchs. „Vorwärts, Doktor! Wir wollen zuerst einmal dort zu den Hügel!“ Langsam trabten sie weiter plaudernd wieder an und näherten sich einem bewaldeten Hügel.



„Was halten Sie von dort drüben, John?“ Diana hatte ihr Pferd gezügelt und wies auf den Gipfel des Hügels, wo das kleine Wäldchen mit dichtem Strauchwerk umgeben war. „Von dort hat man einen wunderschönen Ausblick auf das Tal des River Bender.“

John Watson nickte. „Gerne!“ Sie gaben den Pferden wieder die Zügel frei und ritten noch ein Stück den Hang hinauf.

„Dort oben können wir die Decke ausbreiten!“, wies Diana auf einen Pfad, schwang sich aus dem Sattel und nahm eine Decke aus der Satteltasche. „Nehmen Sie doch bitte ihre Taschen mit, John.“ Sie entfaltete die Plane aus dichter Wolle auf dem Boden aus, während Watson seine Satteltaschen daneben stellte. Dann packten sie Teller und Gläser aus. Diana legte das Brot auf und öffnete die mit Klammern verschlossenen Töpfe, während sich John um den Wein kümmerte.

„Ein californischer Rotwein“, bemerkte er. „Ein Glück, dass in den Kolonien guter Wein wächst, sonst wären wir Briten immer noch von anderen Ländern abhängig!“ Dann griff er sich einen Hähnchenschenkel und biss herzhaft hinein.



„Aaaaaahhhhh!“ Diana Hawks Rücken krümmte sich zu einem starken Hohlkreuz, während der unartikulierte Schrei aus ihrer Kehle brach. Ihre Finger krallten sich in den festen Stoff von Watsons hellbrauner Reitjacke, ihre Schenkel pressten sich krampfartig um seine Hüften. Auch John Hamish Watson begann jetzt unkontrolliert zu stöhnen, mit entspannten Muskeln sank er Sekunden später hinab und wälzte sich eben noch zur Seite, ehe er Diana mit seinem gesamten Gewicht belastete. Seine Blicke ruhten bewundernd auf den Formen von Dianas sportgestähltem und doch so weichen und anschmiegsamen Körper, der durch die geöffnete scharlachrote Reitjacke und die ebenfalls nicht mehr zugeknöpfte Bluse seinem Blick und seinen Händen  preisgegeben war.

„Nun, John, ich hoffe, ihnen gefallen ihre anatomischen Studien am lebenden Objekt“, neckte Diana ihren Begleiter.

„Durchaus!“ Watson versuchte ein kühles Gesicht zu machen, doch das Funkeln in seinen Augen konnte er nicht unterdrücken. „Der weibliche Körperbau unterscheidet sich doch sehr von dem des Mannes. Gott in all seiner Weisheit sei es gedankt, möchte ich hinzu fügen!“

„Oooh, ja! Dem kann ich nur zustimmen. Was würde wohl Ihr Freund Holmes dazu sagen?“

„Dass Gott sicher nichts damit zu tun hat", erklang die ruhige Stimme des Detektives. „Ich bin ein großer Anhänger der Lehren Darwins!“

„Holmes!“ Watson fuhr auf. „Wie zum Teufel haben Sie uns gefunden?“



Sherlock Holmes wand sich durch das Gebüsch. „Elementare Deduktion, Watson. Auf Hawk Hall hat man mir gesagt, in welche Richtung Sie losgeritten sind und hat mir ein Pferd geliehen. Dann bin ich dem Fluss gefolgt – so leicht erklärt sich meine Anwesenheit!“

„Da haben Sie dann wohl unsere Pferde gesehen und sich gefragt, wo Sie sich verstecken würden, um – nun ja“, mutmaßte Watson.

„Aber nein, mein lieber Doktor. Ich habe mich gefragt,  wo sich ein ehrlicher und in der Kunst der Täuschung unerfahrener Mann wie Sie und eine ebenso ehrliche Frau sich wohl für ein wenig Spaß verstecken würden. Ich fürchte, Sie hätten mich nicht gefunden.“

„Das ist…“

„Möchten Sie sich nicht zu uns gesellen, Mister Holmes“, unterbrach Diana Watson.

„Aber gerne, Miss Hawk!“ Holmes machte Anstalten, sich zu setzen.

„Aber Mister Holmes, Sie sind unhöflich", tadelte Diana Hawks, und der Detektiv erstarrte mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Der Herr hat sich bei der Förmlichkeit seiner Kleidung stets jener der Dame anzupassen!“

„Sie meinen….?“

„Hinunter mit den Panatalones, Mister Holmes!“



=◇=




„Nun, also, Holmes!“ Watson zog den Vorhang zurück und betrachtete die vorbei fliegende Landschaft Südenglands. „Jetzt sind wir auf dem Weg zurück nach London, und niemand kann uns hier in diesem Abteil belauschen. Was haben Sie herausgefunden?“ Sherlock paffte an seiner berühmten Meerschaumpfeife.

„Es ist schwierig, mein lieber Watson. Ich habe mit dem Vorstand der mosaischen Community in London gesprochen. Leider dauerte es einige Zeit, ihn von meinen lauteren Absichten zu überzeugen.“

„Und? Spannen Sie mich doch nicht noch mehr auf die Folter, Holmes!“

„Wir werden die Lösung des Rätsels in ganz Britannien nicht finden, fürchte ich.“ Das Gesicht von Holmes verzog sich beinahe schmerzhaft. „Aber von Angang an. Wie Sie sich erinnern, hatte unser Nachbau aus Eiche eine Ringbreite von 6 und einen Durchmesser von 9 Fuß. Bespannt mit dem Leder von Schweinen.“

„Ich entsinne mich, Holmes", bestätigte Watson. „Sie sagten bereits, dass diese Materialien fehlerhaft seien.“

„Richtig, Watson. Hier liegt der erste Fehler. Dieser ließe sich leicht beheben, die Zedern des Libanon gibt es ja noch, und Ziegen lassen sich auch auftreiben. Das nächste wird schwieriger. Die Breite des Ringes sollte 6 Fuß betragen und der Durchmesser 6 Ellen. Israelische Maße, die nur in etwa denen unseres Nachbaus entsprechen.“

„Wo liegt dann das Problem, Holmes?“ Watson war einigermaßen ratlos.

„Im Wort etwa, mein lieber Doktor. Leider entspricht der jüdische Fuß nicht genau dem unseren – und nicht einmal die Rabbiner kennen das klassische Maß. Auch die Elle ist nur ungefähr bekannt. Unsere jüdischen Mitbürger rechnen schon so lange mit unseren angelsächsischen Längen und Gewichten, dass sie ihre eigenen vergessen haben. Ärgerlich, wirklich ärgerlich.“

„Oh!“

„Oh ja, Doktor Watson. Und das Schlimmste, das wirklich Allerschlimmste ist, dass liturgische Gesänge nötig sind! Und die sind im Besitz des Stammes Dan“, ärgerte sich Holmes.

„Nun, dann suchen wir doch einen Angehörigen der Daniten“, bemerkte John Hamish Watson.

„Gut gesagt, Doktor. Die Spur des verschollenen Stammes Dan führt nach Abessinien.  Nirgendwo anders leben noch Nachfahren dieser Leute!“

Der Arzt und Schriftsteller erschrak. „Verdammt! Ich habe es befürchtet! Wann geht ein Schiff nach Suez?“

„In vier Tagen geht ein Luftschiff von Croyden über Wien nach Kairo. Die Fahrt wird dann etwa anderthalb Tage dauern. Ich habe mir erlaubt, eine Kabine auf der RMAS SYNPHONIE zu buchen. Von Kairo an wird es dann ein wenig schwieriger!“



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Wien




In einer Sitzung des Rates der Völker am Ende des Monats Mai 1889 sollte ein neues Gesetz zur Krankenversicherung ratifiziert werden. Es sah vor, dass jeder, aber auch wirklich jeder, ob adelig oder bürgerlich, reich oder arm, Mann oder Frau, schwarz oder weiß, jung oder alt in den Monarchien einen bestimmten Prozentsatz seines Einkommens in einen gemeinsamen Topf zahlen musste. Und jede, wirklich jede medizinische Versorgung sollte aus diesem Topf beglichen werden. Für jede Person, auch für die Kinder der Einzahlenden. Zur Zeit des ausgehenden 19. Jahrhundert war das eine wahrhaft revolutionäre Idee, welche zwar viele Anhänger, aber auch nicht wenige Gegner fand. Vor allem viele Großgrundbesitzer und reiche Unternehmer konnten dieser Idee wenig positives abgewinnen. Sie wollten verständlicherweise, dass, wenn schon eine solche Versorgung eingeführt wurde, jeder das Gleiche zahlen sollte.



Die Regierung der Vereinigten Donaumonarchien basierte auf dem Parlament, dem Rat der Völker und dem Ministerrat. Bei den Wahlen zum Parlament wählten die Staatsbürger der Union ab 18. Jahren eine ihnen genehme Partei, welche sodann nach dem Stimmenverhältnis ihre Sitze im Parlament erhielten. Die stärkste Partei erhielt danach vom Kaiser, respektive derzeit von der Regentin, den Auftrag zur Regierungsbildung. Bei der Auswahl der Minister hatte das allerhöchste Haus durchaus ein Mitspracherecht, zumindest insoweit, als es durchaus nicht genehme Kandidaten zurück weisen konnte. Außerdem mussten die Minister zumindest ein Minimum an Fachkompetenz in ihrem Ressort vorweisen können. Das Parlament entschied dann über die von den Ministern eingebrachten Gesetzentwürfe und konnte auch selbst welche zur Beratung vorbringen. Alle neuen Gesetze mussten allerdings auch noch vom Rat der Völker ratifiziert werden. Hier saßen die Vertreter der einzelnen Nationen, welche je nach Land anders gewählt wurden. Zum Beispiel wählten die Bayern jene Personen, welche sie zu vertreten hatten, in einer direkten Personenwahl. So konnte es geschehen, dass zwar in Bayern die Christlich-Konservative Partei die stärkste Kraft war, im Rat der Völker aber vier von den fünf bayrischen Abgeordneten Sozialisten waren. In Madagaskar wählte die Bevölkerung vier seiner Leute ebenfalls direkt, der Delegationsleiter, derzeit Haramano Herzog von Antsinarana, wurde von Königin Rasoherina direkt ernannt.



Selbst mit dem schnellsten Avisoluftschiff war Antananarivo, die Hauptstadt Madagaskars, ganze 8.000 Kilometer, Foz de Cunene in Neuhochadlerstein immer noch 7.300 Kilometer und Whanganui auf der nördlichen der beiden großen  Māui-Inseln rund 18.000 Kilometer von Wien entfernt. Beinahe auf der anderen Seite der Erde liegend, war es bis Whanganui eine Strecke, für welche selbst das schnellste Avisoluftschiff im günstigsten Fall etwa 120 Stunden benötigte und sogar Nachrichten, die immerhin bis Port Helene telegraphisch übermittelt werden konnten, immer noch mindestens 100 Stunden auf die Inseln benötigten. Bis Antananarivo benötigte eine Nachricht mindestens 26 Stunden, wieder per Telegramm über Port Helene und via Telegramm nach Juba 17 Stunden nach Foz de Cunene. Sehr theoretische Werte. Zwar lag in Port Helene beinahe immer ein schnelles Avisoluftschiff bereit, aber über eine Strecke von 15.000 Kilometer eine durchschnittliche Geschwindigkeit nahe der Höchstgeschwindigkeit zu halten, war bei einem Gefährt beinahe ohne Gewicht, aber großen Fläche und damit großer Anfälligkeit etwaiger Seiten- oder Gegenwinden gegenüber absolut unmöglich. Den Rekord für die Strecke zwischen Port Helene und Whanganui hielt im Jahr 1889 noch die KKLS SPERBER mit 122 Stunden. Aus diesem Grund unterhielten die Königreiche Madagaskar, Neuhochadlerstein, Māui und auch einige europäische der im Rat vertretenen Länder ständige Vertretungen in Wien. Einen Palast, in welchem ihre Vertreter im Rat der Völker wohnen und arbeiten konnten. Diese Grundstücke in Wien unterstanden der Gerichtsbarkeit des Bundes, nicht der Stadt Wien.



Das Palais Madagaskars lag am Donaukanal, gleich neben der Rossauerkaserne, wo die Thornycrofts der Donaumarine untergebracht waren. Ein Tunnel führte unter der Straße und der Dampfstadtbahn hindurch von der Anlegestelle in der Kaserne zum Donaukanal. Die Paläste des Königreichs Neuhochadlerstein und das Haus von Māui lagen beide an der rechten Wienzeile zwischen der Schleifmühlgasse und der Paniglgasse, Ungarns Vertretung auf dem ‚Dürren Lerchenfeld' im ehemaligen Palais Strozzi und die Böhmische in unmittelbarer Nachbarschaft in Sankt Ulrich, beide in der Josefsstadt. Bayern hatte sein Gebäude in der Nähe der Wiener Oper, Ecke Getreidemarkt und Operngasse errichten lassen, gegenüber wurde eben ein Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst, für die Belle Epoque und Art Deco gebaut.



Das Haus der madagassischen Abgeordneten war eine größere Villa im Stil der Belle Epoque und lag in einem großzügig angelegten Garten. Die prächtige Fassade zum Rossauer Kai zeigte in einem von Egon Schiele entworfenen Mosaik einen Kuss zwischen einer androgynen schwarzen und einer ebenso geschlechtlosen weißen Person. Und natürlich jeder Menge Ornamentik und sowohl europäischer als auch afrikanischer glückverheißender Symbolik. Vor dem nischenartig vom Rest der Fassade zurück versetzten Eingang stand eine lebensgroße Statue aus Bronze von Königin Rasoherina. Im klassischen madagassischem Krönungsornat, nicht im europäischen Kleid. Der Busen glänzte, er war bereits etwas blank gerieben, denn er hatte sich unter den Wienern rasch eingebürgert, dass eine kurze Berührung desselben Glück und Erfolg in Herzensangelegenheiten bringen sollte. Die Madegassen hatten nichts dagegen, sie betrachteten diesen Brauch eher als Kompliment. Die Fenster im Erdgeschoss des Gebäudes waren mit starken Gittern versehen, jene des ersten und zweiten Stockwerks mit hochmodernen elektrischen Alarmanlagen versehen. Einmal aktiviert, unterbrach das Öffnen eines Fensterflügels einen Stromkreis, eine Feder, normalerweise von einem Elektromagneten gehalten, entspannte sich, schloss einen anderen Stromkreis und löste damit einen Alarm aus. Ebenso waren natürlich auch die Türen gesichert.



Unter den madagassischen Abgeordneten stach besonders Rahery Rampanarivo heraus. Er war ein hoher Adeliger, ein Loham. Dieser Rang entsprach ziemlich exakt dem eines deutschen oder österreichischen Herzogs, er besaß dazu noch eine einträgliche Graphit- und eine noch einträglichere Nickelmine. Obendrein machte er gute Geschäfte mit Bananen, welche er über eine eigene, ebenfalls Gewinn bringende Schifffahrtsgesellschaft nach Europa brachte. Er hätte mit den Einnahmen aus seinen vielen Geschäften ohne Probleme einer der reichsten Männer Madagaskars sein können.



Der Herzog war auch ein bekennender Katholik. Trotzdem setzte er sich nicht nur für die rechtliche und politische Gleichstellung, sondern auch für die priesterliche Ordination von Frauen ein. Er baute in seinem Herzogtum ein Netz von Armenspeisungen, Armenkrankenhäusern und Obdachlosenheimen auf und bezahlte seine Angestellten auch noch überdurchschnittlich gut. Er war 42 Jahre alt, Gründer und Vorsitzender einer konservativ-sozialistischen Partei, welche die von seinem Heiland gepredigten und die sozialistischen Werte unter einen Hut zu bringen verstand. Rahery war von dunkelschwarzer Hautfarbe, er trug einen krausen Vollbart und hatte auf dem Kopf bereits alle Haare verloren, auf eine Größe von 197 Zentimeter wog er 124 Kilogramm. Sein Gesicht wies markante, aber nicht hässliche Züge auf, die Kräfte in seinen Armen und Händen enorm, der Loham sprach fließend Französisch, Englisch, Portugiesisch und Deutsch. Er hatte eine ebenso dunkle, hochgewachsene, schlanke Frau geheiratet, eine wirkliche Dame. Diese hatte ihm zwei Söhne geschenkt, im Jahr 1889 war einer 21 und der andere 23 Jahre alt.



Vor zwei Jahren war er in den Rat der Völker gewählt worden und hatte eine neue Vorliebe entdeckt. Jene für dicke, weiße Hinterteile, ebenso üppige, helle Busen, blonde Haare und für die ordinäre wiener Gossensprache. In den billigen Bordellen in der Nähe des Naschmarkts war der Madagasse ein häufiger Gast, er mochte den Geruch der nicht immer frisch gewaschenen weiblichen Körper und die hier gebräuchlichen Ausdrücke. Diese Vorlieben hinderten Rahery Rampanarivo jedoch nicht daran, gewissenhaft seinen Aufgaben als Abgeordneter nachzukommen. Er legte seine Ausflüge regelmäßig auf den einzigen Abend, den er sich pro Woche gönnte. Den Freitagabend. An diesen Abenden war allerdings nicht damit zu rechnen, dass er vor den frühen Morgenstunden des Samstags in das Palais Madagaskar zurück kehrte, und er war dann ganz bestimmt nicht nüchtern. Dem Personal waren die Gewohnheiten bestens bekannt, und daher wurde der Alarm für den Nebeneingang, den die Abgeordneten benützten, erst eingeschaltet, wenn der Herzog von Rampanarivo wieder zu Hause war.



Der Mann, welcher in der Türkenstraße herumlungerte, wusste darüber genau Bescheid. Er war zwar das erste Mal hier, aber man hatte ihn bestens informiert. Seine Vorgesetzten hatten an vielen Stellen ihre Informanten, denn auch am Ende des 19. Jahrhundert waren selbst im Vielvölkerstaat Kakanien sowohl der rassische Chauvinismus als auch der Nationalismus noch nicht bei allen Bewohnern der Donaumonarchien passe. Auch wenn der Prozentsatz dieser Personen an der Bevölkerung sehr gering war und durchschnittlich nur zwei bis drei Prozent betrug,  waren das bei anderthalb Millionen Wiener immer noch etwa dreißig- bis fünfundvierzig Personen in der Hauptstadt. Ein zwar sehr bedauerlicher, aber kaum zu umgehender und ändernder Zustand. Also konnten seine Auftraggeber dem jungen Mann genau mitteilen, dass sich der Herzog von Rampanarivo sehr wahrscheinlich gerade eben in Mariahilf mit einigen rundlichen Prostituierten vergnügte und daher der Alarm noch nicht aktiviert war. Ein Feuerzeug flackerte auf und zeigte unter der dunklen Schiebermütze ein schlecht rasiertes Gesicht mit einer ziemlich frischen langen Narbe an der rechten Schläfe und am Ohr, die aber offensichtlich nicht von einer scharfen Klinge, sondern eher von etwas wie einem abgebrochenen Flaschenhals stammte und daher wohl keine ehrenhafte Mensur war. Auch seine Nase musste irgendwann einmal durch einen kräftigen Schlag gebrochen geworden sein. Er inhalierte tief den Rauch seiner selbstgedrehten Zigarette. Der blonde Mann trug ein grob gemustertes Sakko aus billiger Wolle, schwarz mit sich kreuzenden Linien in anthrazit. Ein billiges Kleidungsstück, zu hunderten in den Läden der Donaumonarchien verkauft. Auch das Hemd und die Hosen waren billige Massenware, nur die Schuhe waren, auch wenn sie bereits bessere Tage gesehen hatten, von guter Qualität. Besonders die Sohlen.



Jetzt bewegte sich etwas auf der Straße, ein Schatten glitt zum Seiteneingang des madagassischen Palais. Ein dünner, schlanker Mann, dessen Kleidung der des anderen durchaus ähnlich war, huschte durch die Schatten der Straße. Wenn man sein Gesicht gesehen hätte, wäre die lange, dünne Nase zuerst aufgefallen. Eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Zwerg- oder Rehpinscher, oder wie man in Wien manchmal auch wenig schmeichelhaft sagte, einem Rehrattler. Seiner geringen Größe und seines Aussehens trug der Einschleichdieb in der Unterwelt den Namen Zwergrattler. Er war gut in seinem Metier, denn selbst der Mann auf der anderen Straßenseite, der ihn eigentlich erwartete, sah ihn erst, als ganz kurz ein winziger Funke in der Toreinfahrt zu sehen war. Rasch warf Narbengesicht seine Zigarette weg und huschte über die Straße, ein dritter kam von der Straße am Donaukanal zur Tür gehuscht. Dieser Mann war groß und kräftig, bewegte sich aber trotzdem mit einer gewissen geschmeidigen Leichtigkeit. Dieser Mann war in Wien kein Unbekannter, er trat auf dem wiener Heumarkt als Freistilringer auf. Dort trug er den Spitznamen Monsieur Megalo, sein Markenzeichen waren der kahle Kopf und unzählige Tätowierungen. Bisher hatte es der Kraftsportler allerdings nicht in die erste Riege seiner Zunft geschafft, er war einer, der nach dem Willen der Veranstalter immer ziemlich früh ausscheiden musste. Er war für eine große Show einfach nicht talentiert genug, ihm fehlte jenes schauspielerische Talent, jene Bühnenpräsenz, wie sie der derzeitige Liebling des Publikums, das Walross, zeigte. Oder der Maori, der bei den Damen beliebt war, oder der Gorilla, der im Ring den bösen gab und das Publikum herausforderte und regelmäßig für volle Ränge sorgte. Jetzt trug auch Monsieur Megalo ähnliche Kleidung wie der Zwergrattler und Narbengesicht. Beinahe lautlos drangen sie zu dritt in das Gebäude ein.



Im Erdgeschoss herrschte zu dieser Zeit tiefste Stille. Hier lagen die Bureaus der Abgeordneten und ihrer Helferinnen und Helfer, das Archiv, eine gut ausgestattete Küche und ein schöner Ballsaal. An den Wänden der Gänge hingen durchaus erlesene Kunstwerke zeitgenössischer Maler, an der Schmalseite des Flures wachten ein überlebensgroßes Portrait der Königin Ranavalona II und ein ebenso großes der kaiserlichen Regentin über die Besucher. Der Boden war mit roten Kacheln aus Terrakotta belegt, die Wände mit Halbreliefs aus weißem Alabaster und schwarzem Basalt geschmückt. Sie zeigten Szenen aus der madagassischen Geschichte und Mythologie. Der Mann, der das Schloss der Tür mit einem Dietrich geöffnet hatte, verzog angesichts der Bilder angeekelt das Gesicht.

„Primitiv“, flüsterte er. „Und solchene schwarz'n Halbaff‘n, die nicht einmal Hemd und Hos‘n trag‘n, hab'n einen politisch‘n Einfluss, ohne das was hackeln und unsereins hat nix und lebt von der Hand in den Mund. Das ist nicht gerecht!“

„Deswegen sind wir ja hier", flüsterte der Mann mit dem Narbengesicht eben so leise zurück. „Weiter.“ Leise schlich das Trio über die Treppe in den ersten Stock, verständlicherweise war der Lift für sie Tabu. Das Geräusch hatte ihre Anwesenheit verraten. Das eiserne Gitter des Stiegenaufganges war zierlich, die Steher zeigten abwechselnd einen Mann und eine Frau aus Madagaskar.

„G'schieht den Bimbos ganz recht, dass wir da herin sind“, befand Narbengesicht. „Nicht einmal ein Wachtpost‘n steht da am Seitentürl. Das ist ja eine richtige Einladung.“  

„Wieso steht da eigentlich wirklich keiner?“ Der Zwergrattler sah misstrauisch zurück in den düsteren Vorraum.

„Weil der grad beschäftigt ist“, grinste Narbengesicht. „Der schleckt grad die Mimi ab. Eins von die Dienstmadln.“

„Woher willst das wissen?“ Mit großen Augen starrte der Einschleichdieb Narbengesicht an.

„Weil die Mimi eine von uns ist und es drauf anlegt. Und glaub mir, wenn die blank legt, dann musst schon ein Eunuch sein,  dass sich nix in der Hos'n rührt.“



In der ersten Etage lagen die Räumlichkeiten der im Haus lebenden Angestellten, welche zumeist ebenfalls aus Madagaskar stammten, der Dienerschaft und des Sicherheitspersonals. Der Aufgang war pompös, immerhin war Madagaskar kein armes Königreich mehr, seit der größte Teil der erwirtschafteten Erträge seit dem Beitritt zu den Donaumonarchien im Land verblieb. Und um die Optik nicht zu stören, lag der Eingang zu den Räumen der ersten Etage hinter einem großen Mosaik, das eine Karte von Madagaskar darstellte. Erst in der zweiten waren die Räumlichkeiten der Ratsmänner und ihrer Familien. Als das Trio an dem Eingang zu den Dienstbotenräumen vorbeiging, kam eine kleine Frau in der üblichen Dienstmädchenuniform daraus hervor und legte ihren Zeigefinger auf die Lippen.

„Hallo Mimi!“ Narbengesicht nickte ihr zu. „Alles in Ordnung?“

„Alles Paletti, Narbengesicht. Der Sambo schlaft jetzt vielleicht eine Stund‘, dann wird er sich nimmer dran erinnern, was los war. Schon gar nicht, mit wem. Helft's mir und tragt's ihn runter in seine Log‘, dann wird er glauben, dass alles wia immer war!“

„Wie, wie geht das, dass er gar nix merkt?“, fragte Megalo.

„Mei, in Südamerika gibt's a Pulverl, absolut sicher“, zuckte das Mädchen mit den Schultern. „Ein bisserl was in sein Präserl, und eine runde halbe Stund' später wirkt des Zeug und der Typ büselt weg. Absolut wegtret'n tut er.“

„Und vorher, bevor das Zeug wirkt?“, wunderte sich der Zwergrattler.

„Vorher hab' ich mich halt von ihm noch ein wengerl reiten lass'n, Dummerl“, lächelte Mimi lüstern. „Man möcht‘ ja auch sein bisserl Spaß bei der Arbeit haben. Und ich sag dir, der Bimbo hat nicht nur einen großen…“

„Du hast dich wirklich…?“ Megalo machte ein sehr erstauntes Gesicht.

„Ja sicher, warum denn nicht? Und jetzt schaut‘s, dass er in sein Kammerl kommt und dass Ihr weiter macht’s. Sonst muss ich dem Bub'n vielleicht noch einen zweit’n Pariser über sein Ding zieh'n.“

„Recht hast, Mimi", bestätigte Narbengesicht. „Megalo, schaffst es allein oder brauchst eine Hilf'?“

„Das mach ich schon!“ Megalo folgte dem Dienstmädchen.

„Pass aber auf, Megalo“, warnte Mimi den Riesen. „Er sollt keine Blessuren hab’n. Die Bimbos soll’n nicht dahinter steig'n, wie da wer reinkommen ist. Vielleicht brauch'n wir den Schmäh ja noch einmal!“

„Na gut", knurrte Megalo und legte sich den Posten auf die Schulter. „Aber irgendwann häng' ich auch ihn auf.“



Nachdem der Wächter wieder in der Wächterloge hinter seinem Schreibtisch saß, schlichen sich die drei Männer in den zweiten Stock. Hier mündete die Treppe in einen breiten Flur, dessen Boden mit einem weichen Teppich ausgelegt war, welcher die Schritte der Anwesenden völlig dämpfte. Die hier Wohnenden sollten nicht gestört werden, wenn einer der Herren seine Wohnung noch einmal verließ, um sich noch einen Akt zu holen. Oder auszugehen, allein oder mit Begleitung. Auch wenn einer der Dienstboten noch einen raschen Imbiss auf ein Zimmer brachte, sollten die anderen Herrschaften nicht gestört werden. Es war hier für die Einbrecher ein weit entspannteres Gehen als auf der Treppe.

„Das hier muss die Tür sein.“ Narbengesicht hatte eine Lageskizze der Etage entfaltet und die Eingänge gezählt. „Da wohnt der Obersambo mit seiner Alten persönlich. Mach auf, Zwergrattler!“ Der Dieb nahm das Schloss kurz in Augenschein, fummelte kurz mit seinem Werkzeug, dann schwang die Tür auf. Lautlos huschten die Männer in die Wohnung, anhand der Skizze fanden sie das Schlafzimmer ohne Probleme, überrumpelten und fesselten die schlafende Familie an Händen und Füßen.



„Also, Sambo!“ Sie hatten Haramano, den Herzog von Antsinarana auf einen Stuhl gefesselt und eine Seilschlinge um den Hals gelegt, in der ein kurzer Holzstab steckte. Narbengesicht hatte sich vor ihm aufgebaut. „Jetzt hab'n wir dich. Die Gurg'l dreh'n wir dir Halbaffen ganz langsam zu, als Warnung für alle deine schwarzen Haberer, dass wir uns eure depperten Einmischungen in österreichische Angelegenheiten nimmer g'fallen lass‘n. Es seid's nicht genug Wert, dass im Rat auch was zum plauschen habt's, soweit kommt's noch, dass Ihr Bimbos glaubts, dass soviel zum sag'n wie wir Weißen habts. Und drum hast du jetzt die Schling'n um den Hals.“

„Ja, und deine Alte knöpf’n wir uns auch noch vor. Vielleicht lass’n wir dich auch noch zuschau‘n, wenn wir's mit ihr machen!" Der Zwergrattler sabberte bereits ein wenig. „Dazu müss'n wir's nur mehr ausgwand'ln und ein bisserl anders am Bett festbind'n!“

„Ich helf' dir“, sagte Megalo grinsend. „Und wenn die Bimba nicht spurt, kriegt sie halt auch noch ein paar Tetschen vorher. Die Schwarzen soll'n g'fälligst folgen, wenn unsereiner was befehel'n tut, zu was ander‘m sind eh net da. Komm schon, Rattler!“



=◇=




Jean Joseph war der Sohn eines Franzosen und einer Madagassin. Er war groß, schlank und muskulös, sein Gesicht wirkte weich. Wenn er sprach, dann klang es immer so verschlafen, als käme er direkt aus seinem Bett und hätte einzig seine Rückkehr in dasselbe im Sinn. Trotzdem gehörte er zu den besten Sicherheitsoffizieren und hatte viele Systeme selbst eingebaut. Von einigen wussten nur er und sein Kollege Sanamatano Rahavagoro. Als daher ein Lämpchen auf seinem Schreibtisch aufleuchtete, ging er in einen kleinen, geheimen Nebenraum und drückte dort einen Schalter. An der Wand, die aus vielen Lämpchen bestand, flammten einige auf und erloschen wieder, es zeichnete sich ein deutliches Muster ab. Die kleinen Teslabirnen waren über viele Drähte mit den Wohnungen der Ratsmitglieder verbunden und endeten dort in Metallplättchen. Wenn die Diele darüber belastet wurde, schloss sich ein Stromkreis, eine einfache und wirkungsvolle Methode. Die Verteilung und Bewegungen an der Wand sagten Jean genug. Er gab stillen Alarm, zog seine Flechettepistole und lief los. Lautlos betrat er die Wohnung des Herzogs und öffnete vorsichtig  die Schlafzimmertür.



Das Narbengesicht hatte seine ganze Aufmerksamkeit auf Madame Antsinarana gerichtet, welche Zwergrattler und Megalo mit gespreizten Armen und Beinen an die Bettpfosten gefesselt hatten. Valisoa war eine zwar zierlich aussehende, aber dennoch keine schwache Frau, und der Zwergrattler würde die nächsten Tage mit einem blauen Auge und einigen anderen Blutergüssen herum laufen müssen. Aber der rohen Körperkraft des Freistilringers war sie schließlich doch unterlegen, welcher eben zwischen den Beinen seines Opfers kniete und noch an seinem Hosenschlitz nestelte. Der Halbfranzose zögerte nicht den Bruchteil einer Sekunde. Seine Pistole war auf Feuerstöße von vier Pfeilen pro Schuss eingestellt, welche durch den dicken Wollstoff der Jacke kaum gebremst, von schräg hinten in den Oberkörper des Bullen eindrangen und sowohl Lungengewebe als auch den Herzmuskel zerfetzten. Ein schneller, plötzlicher Tod, Megalo sank wie eine Marionette mit zerrissenen Schnüren in sich zusammen. Das Visier wanderte weiter, auf den Zwergrattler, der seine Hose in der Zwischenzeit bereits voller Vorfreude und Ungeduld geöffnet und sich entblößt hatte und nun fassungslos auf den toten Kumpan starrte. Wieder fauchte hochkomprimierter Dampf aus der Kartusche und beschleunigte vier Stahlpfeile auf mehr als 600 Meter in der Sekunde. Das Narbengesicht zog reaktionsschnell einen kleinen Revolver aus der Tasche und schaffte es noch, ihn auf Hauptmann Joseph anzuschlagen. Zum Schuss kam er nicht mehr, vier Stifte aus Stahl durchbohrten die Stirn des Mannes, der einmal unter dem Namen Leutnant von Oberfels bekannt gewesen war.



Der Hauptmann zog sein Messer aus der Tasche und befreite zuerst die Herzogin Valisoa von ihren Fesseln, dann wandte er sich an den Herzog und entfernte, während sich die Herzogin rasch einen Morgenmantel überwarf, den Knebel und die Fesseln Haramanos.

„Lebt noch eines von diesen Adala noch?“ Der Delegationsleiter Madagaskars rieb sich die Handgelenke, ehe er in seine Hose schlüpfte.

„Das kleine Rattengesicht hier könnte noch leben, Hoheit!“ Der Hauptmann bohrte seine Schuhspitze in Zwergrattlers Rippen. „Bei dem habe ich den Schuss ziemlich tief angesetzt, wenn ich keine große Ader verletzt habe... Bei den anderen – es erschien mir bei diesen Männern opportun, sie rasch und endgültig an ihren beabsichtigten Handlungen zu hindern!“

„Das sehe ich auch so, Hauptmann“, nickte Haramano. „Ihre Männer sind im Wohnzimmer?“

„Das sind sie, Euer Hoheit!“ Jean hatte gesehen, wie der Wachleutnant kurz durch die Tür geblickt hatte, aber das Schlafgemach nicht betreten hatte. Immerhin hatte sein Vorgesetzter die Lage bereits im Griff.

„Rufen Sie sie herein, und Sie können sich auch wieder umwenden! Die Herzogin ist bereits wieder in Dezenz!“

„Danke Hoheit. Mpamboly, Mpanjono, hereinkommen! Dieses Vieh hier fesseln und in irgendeiner Kammer einsperren. Dann benachrichtigt Ihr Doktor Antrongotra, er soll sehen, ob er noch etwas tun kann. Vielleicht weiß die Ratte ja noch etwas. Und dann telephoniert Ihr mit der Wiener Sicherheitskommission, sie sollen uns einen ihrer Kommissäre herschicken. Der soll dann diese Ratte verhören, wenn ich es mache, überlebt er es vielleicht nicht.“  Nur mit Mühe schaffte es Jean Joseph, Zwergrattler nicht noch einmal in die geöffnete Hose zu treten.



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Abessinien




Etwa südlich der immer noch menschenleeren Stadt Emfraz lag auf einem Berghang die Sankt Marjam Kirche. Es war ein einfacher kleiner Rundbau mit einem größeren viereckigen Nebengebäude, das als Wohnhaus für den Pater, seine Köchin und als Scheune und Stall gleichermaßen diente. Zu dieser Kirche gehörten auch die umliegenden Wälder, welche sich bis zum Grat des Berges erstreckten und in den Niederungen einige große Kaffeeplantagen. Kaffee war der Hauptexportartikel Abessiniens, die hervorragenden und überall geschätzten Bohnen der Klasse Arabica wurden in die gesamte Welt versandt und brachte jede Menge Devisen in die Kasse des Kaisers von Äthiopien. Sonst waren noch einige Metalle und edle Steine im Boden und den Bergen zu finden, ebenfalls ein erfreuliches Zubrot für die Staatskasse. Besonders der eine, gewaltige Fund, mit dem er die Grenze zur AOI befestigen und von den Briten die Ornithopter kaufen konnte. In aller Stille natürlich, und die Lieferanten und Erbauer gut verteilt, sodass niemand das gesamte Ausmaß des Auftrages erfuhr. Zumindest bis zu jenem Angriff durch Italien, mit welchem die Regierung Abessiniens bereits seit einiger Zeit rechnete. Das noch junge Königreich Italien wollte eben im Reigen der großen europäischen Kolonialreiche mitspielen und sich ebenfalls ein Stück Africa sichern, je größer, desto besser. Und sehr viel mehr als der äußerste Osten Africas, wo die große Wüste bis an den Atlantik reichte, und Äthiopien war eben kaum eine Gegend Africas mehr frei von Europa. Nun ja, in der Sahara gab es noch Land. Aber wer benötigte schon hunderte Quadratmeilen Sand.



Der Agent Siegfried Krause des preußischen Geheimdienstes, der jetzt in der Heimat als Abteilung IIIb firmierte, hatte bei Josephshafen 22 Söldner, 2 Feldwebel und Leutnant Alfred Dengler rekrutiert. Eben lagen die Offiziere über der Stadt in Deckung der Bäume und beobachteten mit ihren Feldstechern die Ebene am Ufer des Tanasee und den Ort Emfraz, der an der markierten Handelsstraße vor dem Eingang zum Pass an der Straße nach Gonder lag.

„Ich hoffe nur, dass die Gerüchte stimmen, die wir überall gehört haben“, knurrte Krause, und Dengler nickte.

„Ich denke schon. Immerhin ist ja Amhara und hier ganz besonders Gonder das jüdische Zentrum Äthiopiens. Und wir haben unterwegs ja auch immer wieder Spuren von einem schweren DLKW gefunden, mit welchem diese Trommel transportiert werden könnte.“

„Aber wo ist sie denn jetzt? Wir müssten sie doch gesehen haben, wenn wir sie überholt hätten. Es gibt doch ab Filakit nur diese eine Straße auf die Hochebene, da können wir doch nicht vorbei gefahren sein.“ Hauptmann Krause war unruhig und dem entsprechend ungeduldig. „Aber auf dieser verdammten Hochebene war keine Spur mehr zu finden. Vielleicht gibt es ja eine Höhle in einem der Nebentäler. Da könnten wir endlos suchen und fänden nichts!“ Wer konnte sagen, wie lange Krause noch lamentiert hätte, aber die in seinen Oberarm gekrallte Rechte seines Leutnants unterbrach ihn abrupt.

„Da kommt ein 680er DLKW aus österreichischer Fertigung an der Steilwand um die Kurve! Mit einer sehr hohen Ladung hinten drauf. Die Höhe und die Länge sind etwa zwei-achtzig, die breite runde zwei Meter. Das könnte der Trommel entsprechen! Und das Frachtgut unter der Plane scheint rund zu sein.“

„Wie? Was? Wo?“ Rasch richtete Krause seinen Feldstecher aus. „Wirklich“, rief er. „Das muss es sein. Die Leute sollen sich bereit machen! Rasch! Wo ist Huber?“

„Hier, Herr Hauptmann!“ Soldat Huber, dessen ganzer Stolz ein Mauser Scharfschützengewehr im Kaliber 7,9 Millimeter mit einem Zielfernrohr der Carl-Zeiss-Werke in Jena war, hob die Hand.

„Machen Sie sich schussfertig, Soldat“, befahl Krause, Konrad Huber nickte, öffnete den Verschluss seines Gewehres und schob eine Patrone hinein, dann schloss und verriegelte sein langes Gewehr wieder.

„Bereit, Hauptmann!“

„Gut so, Soldat“, bestätigte Krause. „Bringen Sie den Wagen zum stehen, wenn er nahe genug ist!“



=◇=




Kaum 2 Kilometer in Richtung Westen, auf der anderen Seite der markierten Straße, erhob sich ein anderer Hügel, welcher von der Straße, welche von Weyna aus am östlichen Ufer des Tanasees die kleinen Fischerdörfer verband, leicht zu erreichen war. Auch auf diesem Hügel lagen fünf Personen, von denen zwei sowohl die Uferstraße als auch den Weg nach Emfraz nicht aus den Augen und den Feldstechern ließen. Lieutenant Pierre-François Blache und sein Major Frederic Peyrot wie auch die drei französischen Soldaten trugen leichte, weite Leinenhosen und luftige Blusen in hellen Naturfarben unter Kapuzenmäntel in der selben Farbe. Ihre Pferde hatten sie an der Westflanke des Hügels angebunden, wo sechs weitere Soldaten Wache hielten, die achtschüssigen Fusil d'Infantrie Lebel Modèle 1886 im Kaliber 8x50 Millimeter schussbereit ‚geladen und entsichert‘.

„Glauben Sie wirklich, dass die Trommel hier versteckt werden soll, Lieutenant?“ Major Peyrot war mehr als misstrauisch. „Ich meine, die müssen doch mindestens ein Monat unterwegs gewesen sein, aber schon am zweiten Tag der Invasion haben die Abessinier den Spaghetti-Fressern den Arsch aufgerissen. Der Afrera-See wäre nur etwas über hundert Kilometer von der Stelle entfernt, wo die Italiener landen wollten. Wäre das nicht viel logischer?“

„Die Gerüchte, die wir gehört haben, sagen alle die Gegend Amhara, also in der Gegend von Gonder“, bestand der Leutnant auf seinem Standpunkt. „Und Amhara ist hier! Der Zeit nach sollte die Trommel bald wieder hier eintreffen.“

„Oder sie sind schon vorbei“, murrte Peyrot.

„Bei einer so großen Trommel können die es nicht schneller geschafft haben!“ Blache setzte das Glas ab und rieb sich die Augen. „Sie werden sehen, Major, bald…“

„Staubwolke auf der Straße, mon Lieutenant“, rief Soldat Dubois. Das Fernglas des Offiziers flog wieder an die Augen.

„Tatsächlich! Und eine runde Struktur ist unter der Plane auch erkennbar. Das könnte wirklich die gesuchte Trommel sein. Was sagen Sie jetzt, Major?“

Peyrot zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall ist die Sache zu untersuchen, mon Lieutenant!“

„Das möchte ich auch meinen, Major. Soldat Roux, fertigmachen!“

„Mon Lieutenant!“ Sebastien Roux klappte das Zweibein seines 7,9 Millimeter Lefaucheux-Gewehres mit verlängertem Lauf aus und lud die Waffe. „Fertig, mon Lieutenant!“

„Also gut! Ich möchte, dass der Wagen steht, egal wie. Major, lassen Sie die anderen Männer schon einmal aufsitzen!



=◇=




Der DLKW 680 der Steyr-Daimler Werke war nicht dazu konzipiert, um irgendwelche Rekorde zu brechen. Die Werner-Dampfturbine war eine unkomplizierte, bewährte, zuverlässige und robuste Konstruktion, welche im Notfall selbst von einem einfachen Dorfschmied repariert werden konnte und trieb den Transporter ohne Zuladung mit einer Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern über eine gute Straße. Mit Hilfe des Allradantriebs und der Bodenfreiheit von einem halben Meter schaffte das Fahrzeug auf steinigen und unebenen Pisten beinahe ebenso viel, und dank der ausgeklügelten Federung und der breiten Gummireifen des Engländers Robert William Thomson, die er bereits 1845 patentieren ließ, sogar halbwegs komfortabel. Man konnte dem 5,67 Meter langem Vehikel mit einem Radstand von 3,3 Metern stolze 8 Tonnen aufladen und damit immer noch mit 50 Stundenkilometern in flachem, aber ziemlich unwegsamen Gelände erreichen. Kein Wunder, dass dieser Dampfwagen in vielen Ländern der Welt im Einsatz war, sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich.



So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass in Abessinien einige der seit 1863 produzierten 680er unterwegs waren, seit 1882 auch noch der Typ 680A, eine in Abessinien unter Lizenz gefertigte Variante mit vergrößerter Bodenfreiheit von 80 Zentimetern, was allerdings einen Raddurchmesser von beinahe zwei Metern bedingte. Daher wurde die Führerkabine etwas weiter nach vorne gerückt, und das ganze Fahrzeug war nun 5,97 Meter lang. Eine gute Variante für ein Gebiet, in welchem die Straßen aus Farbmarkierungen an Schluchtwänden und deren Belag aus den von tausenden Hufen, deren Besitzer von den Händlern seit vielen Jahrtausenden durch diese Berglandschaft Ostafricas getrieben wurden, klein gemahlenen Steinchen bestand. Nur im Westen fiel das Gebirge, in dem auch der Tanasee lag, zu einer fruchtbaren Tiefebene ab. Straßen fand man aber auch dort noch sehr wenige, denn Waren und Personen wurden in Äthiopien immer noch in den meisten Fällen von Pferden oder Eseln transportiert. Diese waren selbstreproduzierend und billig in der Haltung, dazu kam, dass die Wartung der einfachen Karren unkomplizierter als die eines jeden anderen Gefährts war. Es mochte also durchaus noch einige Zeit dauern, bis ein Netz von gut ausgebauten und gepflegten Straßen das Königreich Abessinien durchzog. Auch Eisenbahnen waren in diesem Land nicht so einfach zu bauen. Immerhin war eine Strecke von der Hauptstadt Addis Abeba zum Tanasee geplant und bereits im Bau. Etwa 200 Kilometer Schiene waren bis Gohatsion bereits verlegt und wurden auch halbwegs regelmäßig befahren, an der Brücke über das Tal des blauen Nils, wegen der zu erwartenden Hochwässer eine kühne, hohe Stahlkonstruktion, wurde noch gebaut. Bisher war nur die 318 Kilometer lange Eisenbahnstrecke von Nekemte in die Hauptstadt und danach beinahe 900 Kilometer weiter zur großen Garnison in der Nähe von Godcusbo bereits in regelmäßigem Betrieb. Das Telegraphennetz war allerdings bereits hervorragend ausgebaut, und es gab entlang der Handelswege nicht nur regelmäßig Übernachtungsmöglichkeiten, sondern bei diesen Raststätten auch immer öfter Telegraphenstationen. Auch einige der größeren Farmen im fruchtbaren Westen des Landes gönnten sich bereits einen solchen Nebenanschluss.



An den Steuerhebeln des klassischen DLKW Steyer 680 mit der Fahrgestellnummer SD-OOE-CLW-569 676 391 saß Tulu Abebe. Er war in einem winzigen Dorf mit Namen Ch'amak‘ losgefahren, als sein bewaffneter Wächter auf dem Beifahrersitz ihm das Signal dazu gegeben hatte. Bis Fercaber hatte er eine Escorte aus einigen schwer bewaffneten Reitern und Trike-Fahrern aus Tebre Tabór gehabt. Die äthiopische Gendamerie hielt sehr viel von technischem Fortschritt und rüstete ihre Beamten im Normalfall recht gut aus. In Fercaber war der Polizist dann ausgestiegen, und Tulu Abebe war allein weiter gefahren, in Richtung Emfraz. Die Trikefahrer folgten in gebührendem Abstand und behielten die Staubwolke des 680er immer im Auge. Hoch über dem Ganzen schwebte noch ein kleines, beinahe unsichtbares Gerät und beobachtete wie immer.



Tulu Abebe stammte aus Weyna am Tanasee, wo er die gesamte Familie seiner Ehefrau ausgelöscht hatte. Die Frau erdrosselt, die  Schwiegereltern erstochen, und all das nur, um an das Vermögen der wohlhabenden Familie zu kommen. Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und verurteilt. Zum Tod. In mancher Hinsicht war Abessinien ein fortschrittliches Land, doch von humanem Strafvollzug wollte der Negus Negest einfach nichts hören. Die Strafe sollte möglichst schmerzhaft sein, um andere Täter abzuschrecken und von ihrer Tat abzuhalten. Nicht, dass es funktioniert hätte, aber Abessinien war eine absolutistische Monarchie und das Wort des Herrschers Gesetz. Daher hatte Tulu Abebe auf seine Steinigung gewartet, als ihm ein Angebot gemacht wurde. Es handelte sich um einen einfachen Auftrag, er sollte einfach einen DLKW in Richtung Emfraz steuern. Es könnte sein, dass er dabei erschossen oder auf andere Art ums Leben kam, aber wenn er überlebte, wartete eine Begnadigung auf ihn. Er überlegte nicht lange und nahm das Angebot an. Was auch immer während der Fahrt geschehen mochte, es war unter Garantie weniger schmerzhaft als vielleicht stundenlang mit Steinen beworfen zu werden. Und wer weiß, vielleicht hatte er ja Glück und überlebte? Die voluminöse Fracht auf der Pritsche war ihm völlig egal, er hatte keine Ahnung, was dieses große, runde Ding unter der Plane war. Er dachte nur daran, dass vor ihm vielleicht die Freiheit und hinter ihm der sichere Tod lag, also steuerte er hinter Fercaber den Wagen den Steilhang entlang, der markierten Straße nach Emfranz folgend. Jetzt kam er um die letzte Kurve, sein Ziel lag noch etwas mehr als zwei Kilometer vor ihm. Ein Katzensprung für einen 680er, vielleicht noch eine Viertelstunde, und Tulu wäre ein freier Mann. Er drückte die beiden Hebel, mit denen der Dampfdruck auf die Räder reguliert wurde, gleichmäßig nach vorn, nahm bald rechts, dann wieder links ein wenig Druck zurück, um den Kurven in der Straßenführung zu folgen.



Der letzte Kilometer, er hatte es gleich geschafft, Tulu Abebe jubelte innerlich auf. Vor ihm zerbarst die Windschutzscheibe des DLKW plötzlich in tausend Stücke, die Splitter zerschnitten sein Gesicht, seinen Hals, selbst seine Hände. Tulu fühlte das nicht einmal mehr, denn ehe der Schmerz in seinem Bewusstsein ankam, durchschlug ein 7,9 mm Vollmantelgeschoß die Stirn des Mörders, dessen Hände sofort von den Steuerhebeln glitten. Ein einfacher Federmechanismus, der in jedem Fahrzeug eingebaut war, beförderte die Hebel in die Nullstellung, die Räder blockierten und der Wagen kam mit ausbrechendem Heck quer zur Straße zum Stillstand.



Auf der linken, der westlich gelegenen Straßenseite galoppierten 10 Reiter hinter einem Hügel hervor auf den 680er los, auf der rechten, östlichen, brachen zwei geländegängige Dampffahrzeuge der Gottlieb W. Daimler – Werke in Stuttgart hinter einem anderen Hang hervor und fuhren, eine beachtliche Staubwolke hinter sich herziehend, ebenfalls auf den DLKW zu. Jede der beiden Parteien versuchte, den Dampflaster als erste zu erreichen, die Trophäe zu gewinnen, niemand schien sich die Frage zu stellen, ob er die Beute dann auch behalten, den Besitz verteidigen konnte. Ein sich beinahe gemächlich ausdehnender Feuerball hüllte das Fahrzeug wie aus dem Nichts kommend ein, aus diesem Ball brachen links und rechts je eine lange, schmale Feuerlanze. Grün, rot, orange und blau leuchtend rasten diese heißen Zungen mehrere Meter waagrecht über den Boden dahin und erloschen eben so plötzlich, wie sie aufgetreten waren, während die kugelförmige Flamme immer noch über der Ladefläche strahlte. Die Plane des 680er verglühte, veraschte in Bruchteilen von Sekunden bereits im ersten Feuerball, dann leuchtete ein großes, ringförmiges Gebilde auf der Ladefläche grellweiß brennend auf, überstrahlte die Feuerkugel. Gekrümmte, brennende Holz- und verdrehte Metallstücke von der Bordwand des DLKW wirbelten durch die Luft, von denen eines den Major Peyrot traf und tödlich, ein anderes den Soldat Louis Preslaux  schwer verwundet aus dem Sattel warf. Auch andere wurden von Kleinteilen verletzt, wenn auch wesentlich leichter.



Hinter dem DLKW waren 15 Reiter aus einer Schlucht gekommen und spornten ihre Pferde, um mit wehenden Burnussen die Verfolgung aufzunehmen. Doch bereits nach wenigen Galoppsprüngen schleuderte das Fahrzeug und der vorderste Reiter gebot mit erhobener flacher Hand den Halt, während er selbst seinen Fuchs zügelte.

„Stoi“, brüllte Sotnik Radimir Dimitrowitsch Lesrup, dann winkte er zur Seite. „In die Schlucht! Dawai, dawai!“ 14 Reiter des dritten Kosakenregiments Hetman Taras Bulba rissen ihre kleinen Pferde auf der Hinterhand herum, während Radimir den Feldstecher vor die Augen riss. Eben als er durchsah, brachen die Feuerlanzen aus dem 680er, der erfahrene Soldat vertraute dem Halsriemen und ließ das Fernglas einfach fallen, riss sein Pferd herum und trieb es aus dem Stand in Galopp. Nur Sekunden, nachdem er den Spalt erreicht hatte, ging ein Regen brennender Trümmer auf der Ebene nieder.

„O, chert voz'mi“, sandte Soldat Werschnisow ein Stoßgebet zum Himmel. „Was war denn das?“

„Ich fürchte, das war genau das, was wir gesucht haben!“ Der Sotnik wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Wir werden uns noch ein wenig in der Gegend umhören, aber Hoffnung auf Erfolg habe ich keine mehr!“



=◇=




„Formidables Schauspiel!“ Auf der Mauer der Stadt Emfraz nahm Maria Sophia den Feldstecher von den Augen. „Wie hast denn das wieder ang'stellt, Lisi?“

Die junge Baronesse von Oberwinden lachte launig auf. „Ich hab' halt jede einzelne Signalraket‘n von der ROSENHEIM plündert, das Pulver mit den farbgebenden Metall‘n mit ein bisserl Magnesium und ein wengerl Ninja-Pulver vermischt, das Ganze gut verdämmt in ein Rohr g'stopft, danach den – na, nennen wir's halt einmal Trommelkörper – auch mit Magnesiumpulver eing'rieben. Ein paar Wasserschläuch' um das Rohr mit dem Schwarzpulver, und dann hat halt eins das andere anzündt.“

„Aber wie hast du das ganze eigentlich gezündet?“ Orville sah fasziniert zu dem immer noch heiß glühenden Ring, welcher nun in sich zusammen sackte und auf der ausgebrannten Ladefläche einen glühenden Haufen bildete und zu Boden tropfte.

„Das willst du gar nicht wissen, Orville“, hielt sich Lisi bedeckt. „Nur so viel – unser Evidenzbureau hat auch im Ausland ein Auge auf verschiedene Erfinder!“

„Aber ein bisserl eng war's schon, Lisi. Unsere Zeugen hätt'n das Schauspiel fast nicht überlebt!“

Elisabeth funkelte den Kasten mit der Morsetaste vor sich böse an. „Diese blöde drahtlose Zündung hat erst das zweite Mal ang'sprochen! Also, wenn das nicht besser wird, setzt sich das Klumpert nie durch!“

„Jedenfalls hat dein Werk'l ein beeindruckendes Schauspiel g'liefert!“ Die Prinzessin nahm eine Coiba aus der Packung, entzündete ihre Spitze und blies den Rauch behaglich von sich. „Wenn's jetzt nicht überzeugt sind, dass die Trommel im Arsch ist, dann weiß ich auch nicht weiter.“

„Also, für mich hat es überzeugend gewirkt.“ Carl Friedrich Maerz nahm Maria Sophia den Zigarillo aus der Hand, inhalierte einen kräftigen Zug und reichte ihn zurück.

„Magst einen eigenen?“ Die Prinzessin griff zur Tasche, aber der Autor winkte ab.

„Ich bleibe bei meinen Havanna, danke!“

„Ja, da steh‘n jetzt die Herren und überleg‘n.“ Der Oberst von Inzersmarkt grinste über das ganze Gesicht. „Hoffentlich schieß’n sich die Wappler jetzt nicht gegenseitig über'n Haufen.“

„Ich hoff', de Tulu war scho tot, wie das ganze hochgange isch. Auch a Mörder sollt ned unnötig leide“, bemerkte Henrietta und schüttelte sich.



=◇=




Pierre-François Blache hatte Glück gehabt. Der französische Lieutenant war dem Bombardement der Trümmer unverletzt entgangen und starrte entgeistert auf immer noch glühenden Ring auf der Ladefläche des völlig zerstörten Lastwagens.

„Oh, merde“, flüsterte er. Dann brach der Ring zusammen, schien sich in brennendes Wasser zu verwandeln und tropfte zu Boden. Blache schlug seine Kapuze zurück. „Das ist – das kann nicht wahr sein!“

Caporal Jean-Pierre Laman zügelte sein Pferd neben dem Offizier. „Mon Lieutenant, der Major ist tot, Soldat Preslaux schwer verwundet, sonst nur relativ leichte Blessuren! Bei den Pferden werden wir zwei erschießen müssen, fürchte ich. Ein paar werden wir wieder einfangen können, aber wenn wir nicht irgendwo neue kaufen können, steht uns ein langer Marsch bevor. Außer, die Leute da drüben nehmen uns mit!“

„Was? Wer?“ Blache schrak auf und folgte dem Wink des Caporal.



Aus der Fahrerkabine des vorderen Daimler – DLKW hatte Siegfried Krause das Schauspiel verfolgen können. Ein Trümmerstück hatte die Hälfte des Daches weggerissen, und der deutsche Agent hatte schon geglaubt, den Flügelschlag des Todesengels zu hören. Siegfried verdankte sein Leben der instinktiven Reaktion von Jasper Tütken. Der Friese hatte beide Hebel zurückgerissen und damit den Rückwärtsgang eingelegt. Zuerst hatten die Räder keinen Griff gefunden, doch dann machte der Wagen einen Satz zurück. Eben noch rechtzeitig, sonst wäre das Teil des 680er mitten durch das Führerhaus geflogen und hätte Krause ohne Zweifel enthauptet. Der Agent wusste später nicht, wie lange er wie gelähmt sitzen geblieben war und auf das Bild der Zerstörung starrte. Stimmengewirr weckte ihn aus seiner Erstarrung, wie durch ein Wunder ließ sich die Tür noch öffnen und Siegfried sprang ins Freie.

„Hauptmann, was war das denn?“ Auch Leutnant Alfred Dengler starrte das herabtropfende Feuer fassungslos an.

„Hooptmonn, dort sin een poor Geestolten, de zeechen of uns! Sin det Beeduiners odeer ondeere.“ Der Söldner nannte sich Klaas Lütgen und behauptete von sich, aus Hamburg zu sein. Sein Akzent war allerdings nicht immer stimmig, aber es interessierte in Wirklichkeit niemanden.

„Ich glaubee, dat sind Franzmänee“, widersprach Ludwig Hoffer. Der schwieg sich über seine Herkunft komplett aus.

„Nun gut, wir werden zu ihnen hinüber gehen", beschloss Krause. „Wachsam bleiben, aber die Gewehrmündungen zeigen zu Boden. Wir wollen sie nicht provozieren. Vielleicht erfahren wir ja etwas von ihnen!“



„Sie kommen herüber, mon Lieutenant“, bemerkte Caporal Laman.

„Ich sehe es, Caporal“, bestätigte Blache und schwang sich aus dem Sattel. „Zu Fuß bei mir sammeln.“ Laman sprang ebenfalls zu Boden und setzte seine Trillerpfeife an den Mund. Ein langgezogener Ton erregte die Aufmerksamkeit der französischen Soldaten, eine komplizierte Tonfolge gab das Signal zum sammeln. „Wer sind diese Leute wohl?“ Er starrte den sich nähernden Personen entgegen.

„Wir werden sie fragen. Aber ich vermute, es sind Söldner.“

„Parlez-vous Francais“, fragte Krause, als sich die Anführer gegenüber standen.

„Mais oui. Je suis Lieutenant Blache. Et tu es?“

„Ich bin Siegried Kraus. Hauptmann Kraus.“ Vorsichtig streckte er die rechte Hand aus, die der Franzose ergriff.

„Es-tu Allemand?“ „

Und Sie Franzose?“

„Ich verstehe!“ Blache nickte. „Ich nehme an, Sie fragen sich genau wie wir, was hier geschehen ist!“

„Ich denke, so viel ist wohl offensichtlich.“ Beide blickten zum immer noch glühenden 680er.

„Wenn…“

„Ja?“

„Ach, Unsinn. Wie soll das jemand geschafft haben. Es ist doch niemand abgesprungen!“

„Stimmt. Und wie soll eine solche Explosion zu machen sein?“

„Und von wem und warum?“



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Karlsruhe




Die 28 Jahre alte Frau schloss ihren Koffer. Es war etwas endgültiges in der Bewegung, und tatsächlich war die Wahrscheinlichkeit, dass Sarah Feldwerk je wieder in diesem Zimmer in einem Haus am Rande von Karlsruhe wohnen würde, eher gering einzustufen. Nun, es würde nicht mehr lange dauern, bis der Gepäckträger kam und ihre Effekten abholte. Sie würde mit ihrem Arbeitgeber und dessen Familie nach Potsdam übersiedeln, dieser hatte dort ein sehr gutes Angebot erhalten.



Die Universität Karlsruhe war weder die älteste, noch die berühmteste oder die beste Universität des Deutschen Kaiserreiches. Trotzdem – oder vielleicht sogar deswegen hatte Prof Heinrich Hertz bereits in relativ jungen Jahren eine Professur für Physik angeboten bekommen. Der Wissenschaftler war damals, 1881, erst 24 Jahre alt. Er schlug das Angebot von Kiel aus und war diesem Ruf in den Süden Deutschlands nicht ungern gefolgt, die Universität hatte ihm die Erlaubnis für eigene Experimente gegeben und ihm die Zeit und Räumlichkeiten dafür eingeräumt. Heinrich kam aus keiner armen Familie und richtete sein Labor auf eigene Kosten ein. Auch ein kleines Haus mietete er an und heiratete 1886 Elisabeth Doll, welche ihm ein Jahr später eine Tochter schenkte.



Sarah Feldwerk hatte Heinrich Hertz bereits 1884 eingestellt. Sein Vater war ein guter Freund der Familie Feldwerk gewesen, und deren Tochter Sarah war nur vier Jahre jünger als er. Keine sehr schöne, aber nette und intelligente Frau. Sie hatte ein hageres Gesicht, ihre Lippen waren etwas zu schmal, ihre Nase ein klein wenig zu lang geraten. Die Familie Feldwerk 1875 war nach Österreich gegangen, als sich Liber Feldwerk eine Chance bot, in das Geschäft seines Cousins einzusteigen. Es war für beide Seiten profitabel. Der Cousin hatte Geld und Geschäft geerbt, Liber verstand etwas davon und mehrte das Familienvermögen. Seine heiß geliebte Tochter nutzte die Gunst der Stunde und besuchte die Technische Hochschule in Wien. Eines Tages bewarb sich Fräulein Sarah Feldwerk bei Professor Hertz als Assistentin, ihr Vater hatte ihr ein Schreiben mit der Bitte um positiven Bescheid mit gegeben. Natürlich prüfte Heinrich Hertz zuerst die Eignung des 23 Jahre alten Fräulein Feldwerks. Sarah war klug und hatte das nötige Wissen, also erfüllte Heinrich den Wunsch des Freundes seines Vaters. Sarah wurde im Hertzschen Haushalt in Kost und Lohn genommen und erwies sich im Labor als fähige Hilfe. Heinrich und Sarah sprachen die selbe Sprache, welche ein Außenstehender kaum verstehen konnte.



Als Heinrich seine Elisabeth heiratete, stand Sarah als erste in der Schar der Gratulanten. Sie freute sich wirklich für ihren Chef, und mit der neuen Frau Hertz verband sie rasch eine tiefe Freundschaft. Als Elisabeth mit Johanna schwanger wurde, fand sie in Sarah eine große Hilfe. In ihrer Freizeit malte Sarah. Zuerst einfache und ausgeschmückte Ornamente im Stil des Fauvismus, dann starke expressionistische Werke mit einem lieblichen fauvistischen Rahmen. Das Thema war immer eine Reise. Die Reise eines Menschen durch die Widrigkeiten eines Lebens, strotzend vor Symbolik. Sei war nicht untalentiert, aber hohe Preise hätten die Bilder wohl nicht erzielt. Dazu waren einiges zu Verstörend in ihrer Symbolik. Sarah war das egal! Ab und an sandte sie ihren Eltern das neueste Werk, welches natürlich zuerst vom Badischen und später vom Deutschen Geheimdienst, der Abteilung III b unauffällig, aber umso genauer unter die Lupe genommen wurde. Ebenso ihre Korrespondenz mit der Familie in Wien. Man konnte doch nicht zulassen, dass technische Grundlagen der Erfindung des Professors irgend jemandem verraten wurden. Die Agenten hatten eine leichte Aufgabe. Sarah ging nicht aus, traf sich mit niemandem, ihre Briefe waren unauffällig und auf den Bildern fanden sich keine Spuren von geheimen Botschaften. Trotzdem hatten Sarahs Informationen über die Fortschritte des Herrn Hertz ihren Weg zu den Spezialisten des Fürsten Hametten gefunden. Denn die Familie Feldwerk arbeitete für das österreichische Evidenzbureau. Es war nur zu leicht, mit Hertzschen Wellen aus einer Entfernung von wenigen Kilometern einen Funken auszulösen. Viel zu leicht. Und manchmal war diese Art der Zündung eben nicht unpraktisch.
 
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