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Kakaniens Dampf

von Senex
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
23.08.2022
17.11.2022
18
374.012
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Mai 1889




Abessinien




Die Stadt Gonder fungierte von 1636 bis 1855 als Hauptstadt des Kaiserreiches Äthiopien, seit 1796 regierte der Negus Negest jedoch nur noch das Umland von Gonder. Das restliche Land wurde von marodierenden Kriegsherren beherrscht, welche sich permanent gegenseitig bekämpften. Teils christliche gegen moslemische, muslimische gegen mosaische oder mosaische gegen christliche Fürsten und natürlich vice versa. Teils aber auch die mosaischen, abessinisch-orthodoxen oder moslemischen Herren untereinander. Die Erklärung der Fürsten für ihre Kriegshandlungen waren für alle andern ganz klar ersichtlich nur vorgeschoben, es ging wie immer und ausschließlich um die Macht. 1855 erkämpfte sich ein ehemaliger zum Provinzbeamten aufgestiegener Räuberführer mit dem Namen Thulu Bekele den Kaiserthron und ließ sich als Amanuel I zum Kaiser, zum Negus Negest von Abbessinien krönen. Er schaffte es danach tatsächlich, die Kriegsherren in zahlreichen Kämpfen zu besiegen und ganz Äthiopien zu einem gesamten Reich zu vereinen. Zum Erstaunen aller im In- und Ausland begann der Negus nach seinem Sieg eine Ära der Modernisierung und der persönlichen Freiheiten für die gesamte Bevölkerung. Auch und ganz besonders, was die Religion anging. Eine Politik, welche auch unter Tekle Haile Âto I und besonders stark seit August 1876 unter Yohannes IV fortgesetzt wurde. Es wurde allerdings kein ganz gewaltfreier Weg, den Amanuel und seine Erben eigeschlagen hatten, einige fanatische oder machtgierige Elemente versuchten immer wieder, sich gegen den Negus zu erheben. Aber bisher stets erfolglos.



Der Negus Negest Yohannes IV verlegte nach seiner Krönung 1876 seinen Regierungssitz aus unerfindlichen Gründen nach Addis Abeba. Angeblich liebte seine Gattin die dortigen warmen Quellen, und so wurde eine Stadt um ein luxuriöses Badehaus und einen Palast herum gebaut. Beziehungsweise  innerhalb von weniger als sechs Jahren aus dem Boden gestampft. Gonder im Norden Abessiniens verlor nach der Verlegung des Hofes schnell an Bedeutung. Die alte Königsburg wurde zur Garnison umgebaut, die Zahl der Einwohner nahm zwar nur ein wenig, der durchschnittliche Reichtum aber sehr stark ab, da natürlich gerade die Reichen und Einflussreichen in die neue Hauptstadt zogen. Die Besitzenden siedelten eben immer schon am liebsten im  Zentrum der Macht, egal wann und wo.



Die ehemalige Hauptstadt und jetziges Zentrum des mosaischen Abessinien lag nördlich des Zusammenflusses der beiden Arme des Flusses Angreb im Gebirge und war 40 Kilometer von der Stadt Weyna am Ufer des Tanasee entfernt, von dort waren es noch 75 Kilometer quer über den See Richtung Süden nach Bahir Dar, der nächsten Provinzhauptstadt. 1867, noch zu Zeiten Tekle Haile Âtos, begannen jene Bürger Gonders, welche mosaischen Glaubens waren, mit dem Bau einer neuen Synagoge und einer großen Bibliothek. Um die beiden Gebäude wurde eine burgähnliche Mauer gezogen, um die wertvollen Schriften vor Dieben und Plünderern, die es leider immer gab, zu beschützen. Die jüdischen Bürger holten nun aus den Höhlen der Umgebung  jene alte Schriftrollen, welche in hermetisch verschlossenen Keramikkrügen versteckt einige Jahrhunderte überdauert hatten. Jetzt wurden sie endlich wieder geborgen, um sie in den Schreibstuben der Synagoge gewissenhaft ganz genau Zeichen für Zeichen zu kopieren und danach wieder in neuen Tongefäßen in Sicherheit zu bringen. Wie schon vorher wurden die Keramiken wieder mit Erdpech versiegelt, eine bewährte und durchaus sichere Methode. Und selbstverständlich kamen diese Krüge wieder in geheim gehaltene Höhlen, wurden sie unter Gestein und Schutt verborgen. Grotten und Verstecke, welche nur den obersten Rabbinern bekannt waren und welche auch nur Rabbinern mitgeteilt werden sollten. Die Abschriften wurden wie die alten Originale sorgfältig auf Leinenstreifen geleimt, an zwei Stäben befestigt und in Röhren aus Ton aufbewahrt. Ein gefundenes Fressen für Orville Jones und seine Frau Henrietta, während sich Henry wieder einmal auf die Suche nach jemandem machte, der seine unerschöpfliche Neugier zu stillen vermochte. Dieses Mal einen Rabbiner des Stammes Daniel. Die dankbare Bevölkerung Goders erlaubte den beiden Wissenschaftlern gerne den Zutritt in die Bibliothek, und der zwar stets neugierige, aber nie respektlose Henry war jedem Rebbe willkommen. Auch, wenn er stets alles in Frage stellte, was er hörte und immer nach dem ‚Warum‘ fragte.



„Henny, was denkst du, was bedeutet das hier genau?“, drang die Stimme ihres Mannes in Henriettas Gedanken. Orville hatte etwa drei Wochen nach der Befreiung Gonders eine der Rollen vorsichtig geöffnet und wickelte sie zum Lesen von einem Stab zum anderen. „Ich bin mir nicht sicher, ist das ein ‚He‘, ein ‚Chet‘ oder ein ‚Taw‘?“ Henrietta legte ihren Stift beiseite und gesellte sich zu ihrem Mann.

„Lass einmal sehen. Hm, man kann es so auf den ersten Blick wirklich nicht genau sagen. Versuchen wir doch eine Übersetzung mit allen drei Möglichkeiten.“

Rasch drehte Orville sein Blatt Papier um. „Das habe ich zwar schon, aber nur zu. Ich bin auf deine Interpretationen gespannt. Verdammte semitische Schriften! Dieses Amharische ist auch nicht besser! Ist dieser blöde Haken für den Selbstlaut jetzt oben, unten oder in der Mitte! Eine Druckschrift ginge ja noch halbwegs gut zu lesen, aber diese inexakten Handschriften sind so – so – inexakt eben. Ungenau halt. Wie kannst du da nur durchblicken?“ Seine Frau brach in Lachen aus.

„Sagt jemand, der auf einen Blick erkennt, ob es vier oder fünf Striche bei einem Keilschriftzeichen sind!“ Rasch, aber intensiv küsste sie ihren Mann, dann konzentrierte sie sich ganz auf die Rolle. „Also, was wir haben hier? Resch-Beth – Lamed-Mem-Beth-He – Tzade-Jod-Jod-Kaph – das ist wohl ein Chet, ein Lamed, Qoph – Mem-Ajin-Mem – Jod-Schin-Resch Aleph-Lamed… Daleth-Resch-Jod-Mem… das, das glaube ich jetzt aber nicht! Das kann gar nicht wahr sein, aber – damned!“

„Also, mein Schatz, was hast du gelesen“, schmunzelte Orville, der sich an der Ratlosigkeit seiner Frau weidete, denn ihm war es vorhin nicht besser gegangen.

Rabbi Lemba Babbar Cohen zog mit einem Teil des Stammes Daniel vom neuen gelobten Land weiter gegen Süden. Mit sich trugen sie die Trommel der Ahnen, sie dem Zugriff von möglichen Verfolgern zu entziehen. Königin Rahat von Sha'abahr und die Rabbiner des im neuen gelobten Land Ahk'w'sehm am See T‘anha verbleibenden Teils des auserwählten Volkes GOTTES gaben ihnen das Geleit bis an das Ende des Sees und noch ein Stück weiter, bis an die Stelle, wo der Fluss gen Süd tief in die Schlucht fällt. Das – hat das die Italiener aufgehalten? Die Trommel der Ahnen? Dann müssten wir sie südlich des Tanasee suchen, aber wie weit?“ Der Amerobrite kratzte sich am Scheitel.

„Zumindest 30 Kilometer, denn diese hier erwähnten Wasserfälle sind wohl die Tissisat-Fälle. Ich vermute aber, wir müssten noch viel weiter gehen. Sehr viel weiter sogar. Aber das dürfte das Rätsel um die Trommel von Baylul eher noch um einiges größer machen. Wir müssten meiner Vermutung nach so etwa Drei-, Dreieinhalbtausend Kilometer weiter südlich, also ins Gebiet der Ndebele gehen.“



Die rothaarige Deutsche, welche heute ihr kurzes, grünes, von Franziska umgenähtes Reisekleid trug, schloss überlegend die Augen.

„Moment, da klingelt etwas bei mir. Ich habe es gleich! 1871? Ja, 1871, der Reisende und Goldschürfer Karl Mauch, diese Ruinen, welche die Eingeborenen dort im Süden – äh – ach ja, Simbabwe, also heilige Steinhäuser nannten. Dort gibt es auch einen Stamm… HOLY SHIT! Der Stamm der Lemba! Mit dem Clan der – der Buba, und die Buba gelten als die heiligen Männer der Lemba. Mauch hat damals beschrieben, dass die Lemba jüdische oder arabische Rituale und Sitten pflegen, selbst allerdings ihre Religion als musarisch bezeichnen. Musarisch – mosaisch – da gibt, also, es könnte durchaus eine etymologische Verbindung geben.“

„Stimmt“, bestätigte Orville und schob Henrietta sein Blatt zu. „Ich habe übrigens das Gleiche übersetzt. Mauch hat auch beschrieben, dass die Lemba ziemlich gute Gegenstände aus Metall herstellen können. Aus mehr als nur brauchbarem Stahl und hervorragendem Messing. Und sie haben einen Gegenstand, den sie Ngoma Lugundu nennen. Wörtlich übersetzt…“

„Die Trommel der Ahnen“, rief Henrietta laut.

„Die Trommel der Ahnen“, bestätigte der Wissenschaftler. „Interessant sind auch die Ausmaße der Trommel. Karl Mauch gibt sie mit 113,5 Zentimeter mal 68 mal 68 Zentimeter an.“

„Ja, und?“

„Eine Trommel, geformt wie ein Quader?“ Orville hob eine Braue, Henrietta hob die Schultern.

„Eine kastenförmige Schlitztrommel?“, vermutete Henny.

„Entschuldige, ich war jetzt unfair. Hier habe ich eine andere Rolle. Lies das bitte!“ Henrietta sah ihren Mann lange an, dann vertiefte sie sich in den alten Text.

„Macht eine Kiste, in welcher die Trommel transportiert werden soll. Aus Akazienholz und Gold, zweieinhalb Ellen lang, anderthalb breit und ebenso hoch. Befestigt zwei Stangen daran, sie zu tragen… Das erinnert mit an etwas – ach ja, richtig, die Bundeslade! Die gleiche Größe, nur ohne die Cherubim und goldenen Beine. Und die Stangen der Trommelkiste sollen auch nicht vergoldet sein, so wie die der Bundeslade!“

Orville schmunzelte. „Also, entweder ist das hier die originale Anleitung für die echte Bundeslade als Behälter dieser Trommel und die späteren Rabbiner haben im Exil eine Menge dazu erfunden…“

„Sag das nicht zu laut“, warnte Henrietta mit erhobenem Zeigefinger. „Die Thora ist immer und in jedem Zeichen unfehlbar!“

„Keine Sorge, mein Schatz", beruhigte der Historiker. „Ich sage es auch nur dir!“

„Gut! Also, weiter. Die zweite Möglichkeit, die Maße haben eine kabbalistische Bedeutung!“

Orville nickte. „Aber welche, mein Schatz?“

„Keine Ahnung, verehrter Vater meines geliebten Sohnes. Kabbala und Magie haben mich nie interessiert! Nicht ausreichend verifizierbar. Andere Frage – wenn die Lemba die Trommel der Ahnen mitgenommen haben, was war dann dieses Instrument, das die Italiener vernichtet hat! Und in diesen Kasten hätte das Ding doch nie gepasst!“

„Ich wusste doch, dass du diese Fragen stellen wirst“, lachte Orville und warf seiner Frau eine Kusshand zu. „Ich liebe einfach dein helles Köpfchen!“

„Und in letzter Zeit erfreulicherweise auch vermehrt wieder meinen Hintern!“ reckte Henny besagtes Körperteil heraus und wackelte damit. „Also, wie lautet deine Antwort, was war diese seltsame Trommel bei Baylul?“

„Da habe ich wirklich nicht die geringste Ahnung“, hob Orville die Hände und nahm dann Henrietta in die Arme. „Ich suche derzeit noch nach mehr Informationen. Zum Beispiel über Königin Rahat von Sha'abar. Wenn die einen Nachfahren namens Menelik hatte…“

„Oh! Die Königin von Saba! Salomon! Da kommt ja einiges zusammen!“



„Ma, Pa, Maaa!“ rannte laut rufend ein aufgeregter Henry Jones in die Bibliothek zu seinen Eltern.

„Was ist denn los, mein Sohn“, umarmte Henrietta den Jungen.

„Es stimmt etwas nicht mit den Zahlen!“

„Mit welchen Zahlen denn, mein Liebling?“, fragte Henrietta ratlos.

„Mit den Jahreszahlen, Ma! Pass auf! Der Lehrer, also Jesus, ist doch nach dem Salome-Evangelium im Jahr 3800 des hebräischen Kalenders geboren!“

Orville hob seinen Sohn lächelnd auf einen der hohen Studierstühle. „Ich erinnere mich auch daran", bestätigte er.

„Wenn das vor 1.889 Jahren war, dann müssten die Mosaischen doch jetzt das Jahr 5689 schreiben, oder eher mehr, die Jahre sind doch ein wenig kürzer, oder?“, rechnete Henry seinen Eltern vor.

„Das ist richtig", lächelte Henrietta.

„Die schreiben aber erst das Jahr 5649!“, platzte Henry heraus, Orvilles Augenbrauen flogen förmlich in die Höhe.

„Wirklich?“

„Aber ja, Pa. Rabbi Kochinim hat es mir gesagt. Und der Zugsführer Joram Rosen hat es auch bestätigt. Er ist zwar ein säkularisierter Jude, aber seine Familie rechnet immer noch von der Erschaffung Adams und Evas an.“

„Dann gibt es wohl nur zwei Erklärungen. Entweder haben die Mosaischen einen Fehler in ihrer Zeitrechnung, oder aber der gute Beda Venerabilis hat sich bei der Festlegung des Jahres der Geburt des Messias verrechnet", erklärte Orville.

„Oder beide haben Unrecht“, warf Henry ein. „Occams Rasiermesser trifft nicht immer zu. Nicht immer ist eine einfache Antwort auch die richtige.“

„Das ist völlig richtig, mein Sohn“, nickte die auf ihren Jungen sehr stolze Henrietta. „Nicht immer.“

„Und weißt du, was ganz witzig ist, Ma? Im Oktober ist es genau 1.800 hebräische Jahre her, dass der erste männliche Enkel des Lehrers geboren wurde.“

„Ernsthaft?“, hakte seine Mutter nach.

„Aber ja, Ma. Drei mal 600 Jahre. So wie in manchen Schriften der Thora ein Knabe nach drei mal sechs Jahre ein erwachsener Mann wird. Manchmal auch früher, aber in den Aufzeichnungen, die du in Lalibela gemacht hast, Ma, hat sich der Lehrer sehr für diese Rechnung eingesetzt. Und hier in Gonder ist sie ja auch üblich!“

„Und was schließt du daraus, Henry", fragte Henny lächelnd.

„Ich bin mir nicht sicher, Ma. Ein neuer religiöser Anführer oder so? Obwohl – irgendwie wäre drei mal 666 Jahre logischer“, überlegte Henry. „Dann käme nach unserer Zeitrechnung aber 1998 heraus, oder nach der Korrektur 1969. Es wäre aber auch viel logischer, von der Geburt des Lehrers auszugehen – und vor etwa fünfzig Jahren ging es ja auch schon ganz schön rund in Europa. Besonders auffällig war diese Sache mit der neuen römischen Republik. Also, du weißt schon, Rom ruft sich zur Republik aus, Papst Pius der – der – neunte, ja, der neunte Pius ist geflüchtet. Franzosen und Spanier haben dann dem Papst wieder die weltliche Herrschaft in Rom und dem Patrimonium Petri verschafft. Und der Kirchenstaat reichte damals ja auch noch bis zum Po. In Deutschland gab es 1848 und 49 einige heftige Revolutionen und in Österreich-Ungarn kamen durch den Kaiser eine riesige Menge an Reformen zusammen. Deswegen blieb es dort ja auch halbwegs ruhig unter der Bevölkerung aller Staaten der Habsburger. Dort hat es ja schon ein Jahr vorher massiv gekracht, die Märzrevolution von 1848. Ferdinand I wirft das Handtuch und Franz Karl, der Opa von Mary wird Kaiser. In Irland und Schottland gab es Aufstände und in America ging's auch rund! Der Punjab wurde auch damals nach einem kurzen, aber heftigen Krieg British-Indien zugeschlagen. Dazu kommt noch – nein, das ist jetzt ja alles unwichtig. Aber wenn diese Leute, die hinter Mary her gewesen sind, etwas mit dem Lehrer zu tun haben, dann rechnen sie scheinbar mit drei mal sechshundert Jahre von der Geburt vom Enkel des Lehrers an. Der heißt übrigens auch Yeshua – also Jesus! Es muss so sein, weil die gemeinen Lindwürmer, die bösen Drachen, die Diener des biblischen Tieres genau jetzt wieder aus ihren Löchern kriechen und unsere Welt mit ihrem stinkenden Atem verpesten wollen! Ha, deswegen nur drei Mal sechshundert! Die Zahl des Tieres, 666! Waw, Waw, Waw! Das sieht dann aus wie die römische drei! Wir sollten einmal die Herrscher mit der III überpr… nein, nicht jetzt, zuerst kommt das Wichtigste und Naheliegendste. Mary muss jetzt unbedingt ein magisches Schwert oder so etwas ähnliches finden, und es ist schade, dass das Blut dieser modernen Drachen nicht mehr unverwundbar macht, wenn man sie erst einmal erschlagen hat. Weil bei denen das Drachengift doch nur mehr in ihren Birnen ist!“ Er tippte an seine Stirn. „Oder – glaubt Ihr, wenn man sich mit so einem vergifteten Hirn einschmiert…?“

„Ich fürchte, davon wirst du nicht unverwundbar oder unbesiegbar, mein Schatz“, lachte Henrietta und wuschelte den Kopf ihres empört zurückweichenden Sohnes.

„MA!“, empörte sich Henry.

„Ich glaube, wir sollten wirklich Maria Sophia benachrichtigen“, überlegte Orville, und Henny nickte.

„Es könnte wirklich etwas an der Berechnung daran sein. Du bist ein wirklich kluger Junge, Henry!“

Henry duckte sich und legte die Hände über seinen Kopf. „Nein! Nicht schon wieder zausen!“



=◇=




Die Garnison in Gonder war in den letzte  Tagen ziemlich gewachsen, Major Willem Okomaratu befehligte nun 100 bewaffnete Gendarmen. Einige moderne Waffen nebst Munition waren im ehemaligen Königspalast und jetzigen Kaserne noch zu finden gewesen, die freiwilligen Männer kamen aus den umliegenden Orten und Gondar selbst. Den passionierten Jägern der Umgebung den Umgang mit den modernen Repetiergewehren der Polizeikräfte beizubringen war schnell erledigt. Und der Zustrom hielt an, der Major hoffte, bald wieder einiges an Kräften zur Verfügung zu haben. Die Männer, welche sonst hier ihre Stellung hatten, waren zu einem großen Teil abgezogen worden, um die von den schweren Waffen entblößte westliche Grenze zum Sudan zu sichern und würden wohl so schnell nicht wieder zurückkommen können. Mit einem Angriff aus der Luft mit Betäubungsgasen wie im vorliegenden Fall hatte wirklich niemand bei den abessinischen Verteidigungs- und Polizeistreitkräften gerechnet. Nicht rechnen können, denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine zivile Stadt ohne Kriegserklärung mit einer Waffe angegriffen wurde, welche eigentlich nur dem Militär zur Verfügung stehen konnte, war normalerweise verschwindend gering.



Der 1864 in Wien geborene Oskar Baumann hatte bereits mit neunzehn Jahren die damals noch unerforschten Gegenden Montenegros besucht und Meisterwerke der Kartographie mitgebracht. Diese waren so gut, dass er vom Expeditionsleiter zu einer Forschungsmission nach Africa eingeladen wurde. 1885 bis 1887 nahm er daher an der Kongoexpedition unter Heinrich Oskar Ritter von Lenz teil und kartographierte den Kongostrom. Jetzt war er von seiner Aufgabe als Kartograph vom Turkan- oder Franz-Rudolph-See abgezogen und vorrübergehend der Expedition der Erzherzogin zugeteilt worden. Der Kartograph war mit dem Aviso-Luftschiff KKLS LUITPOLD in Gonder angekommen und hatte sich sofort nach der Landung auf die Suche nach Maria Sophia gemacht. Die war auch nicht schwer zu finden gewesen, denn selbstverständlich wollte sie sehen, wer und was mit dem Schiff angekommen war.

„Also, Baumann. Ich hab' von ihm g'hört, dass er als Kartenzeichner eine Koryphäe ist“ hatte die Erzherzogin Oskar Baumann begrüßt. „Ich hoff‘, dass das auch so stimmt. Nehm er sich doch ein Boot und lass er sich zur Insel Dek im Tanasee bringen. Wir brauchen ordentliche Karten, weil die ÖDLAG dort einen Stützpunkt bauen darf. Und ich hab' g'hört, er hat nicht nur zeichnen g'lernt, sondern vom Lenz auch Mineralogie und so. Kann er vielleicht auch beurteilen, wo eine gute Stell' wär', die großen Masten sicher aufzustellen?“

„Nicht mit letzter Sicherheit, Euer kaiserliche Hoheit“, bekannte der junge Mann. „Ich kann eurer Hoheit aber sagen, wo es überhaupt nicht gehen würde!“

„Na, das ist ja auch schon eine Menge wert", gab sich Maria Sophia zufrieden. „Ist ja auch verständlich, Architekt und Statiker kann er ja wirklich nicht auch noch sein. Also, Baumann, mach er sich doch gleich an die Arbeit.“ Baumann verneigte sich tief, bis sich die Prinzessin entfernte. Dann wandte er sich um, ein Dolmetscher stand schon bereit, dem jungen Wiener bei seiner Suche nach einem Transportmittel zu helfen. Das war nicht schwer, denn die Fischer von Weyna  waren immer gerne zu einem kleinen Zusatzverdienst bereit.



Der Dolmetscher Eremias Fesfaye begleitete Oskar Baumann an den See und verhandelte kurz mit dem Besitzer eines größeren Tankwas aus Papyrus, und bald konnte der Maler mit seiner Ausrüstung in dem Boot Platz nehmen, der Fischer und sein Sohn griffen zu den Paddeln und fuhren los. Es waren etwa 40 Kilometer quer über den See, für die geübten Ruderer kein Kinderspiel, aber auch kein unüberwindbares Problem. Die Insel war nicht eben klein, sie maß ganze 16 Quadratkilometer, und im Jahr 1889 lebten bereits 3.000 Einwohner ständig darauf. Auf einer vorgelagerten Insel war ein abessinisch-orthodoxes Kloster, der südliche Teil des Sees lag bereits nicht mehr in Amhara. Auf der Insel ein angenehmes Quartier zu finden, stellte sich als etwas schwieriger heraus, aber Oskar war alles andere als verwöhnt. Gleich am ersten Tag begann er mit den ersten Vermessungen und zeichnete eine grobe Karte. Es sollten noch viele wesentlich genauere folgen.



Wenig später war auch das erste große Transportluftschiff KKLS TOHORĀ der neuen Orca-Klasse aus Wien eingetroffen. Die TOHORA benötigte keinen Landemast, sie verfügte über ausfahrbare Landekufen mit starken Klammern. Die Orca-Klasse besaß zwei 320 Meter lange und 50 Meter durchmessende Rümpfe für das Helium, welche an zwei nebeneinander her schwimmende Schwertwale erinnerten. Verbunden waren die beiden in viele Kammern unterteilten Körper unten mit einem flachen Kasten mit abgeschrägten Seitenflächen für die Fracht und oben mit einer dritten Gaszelle. Wo das hintere Drittel begann ragten links und rechts zwei Flossen aus dem Frachtraum und oben zwei Finnen. Angetrieben wurde das Monster, das auch wie ein Orca gefärbt war, durch acht umschaltbare und schwenkbare Zug- und Druckschrauben, welche zum Schutz der Hülle mit breiten Ringen umgeben waren. Der Riese sollte nach den Berechnungen der Konstrukteure bei einer direkten Fahrt ohne Zwischenlandung für die über 18.000 Kilometer von Māoi Land nach Wien nur 112 Stunden benötigen. Das waren 4 Tage und 16 Stunden. Die durchschnittliche Geschwindigkeit bei einer solchen Fahrt betrug dabei stolze 160 Stundenkilometer.



Kapitän Tamatahi Wakai war eigentlich nach Wien gereist, um das Schiff der neuen Klasse direkt an der Werft zu übernehmen und mit einiger Fracht nach den Māoi-Inseln zu bringen. In Wien erwartete ihn jedoch der Befehl, vorher zwei Luftabwehrkürassiere mit 20 Artilleristen direkt von Wien nach Gonder zu transportieren. Die Strecke von knapp 4.500 Kilometern hatte das moderne Luftschiff mit seiner Beladung in nur etwas mehr als 28 Stunden hinter sich gebracht. Die beiden Kürassiere waren neu ausgelieferte, speziell für die Flugschiffabwehr konzipierte und ausgerüstete Kettenfahrzeuge. Sie waren nicht sehr groß, zumindest im Vergleich zu den Jupiter oder Scudi der Italiener. Ohne Geschützrohr betrug die Länge nur 14,2 Meter, die Rumpfbreite ohne Kette 4,9 und die Höhe 3,2 Meter. Ohne Aufbauten. Statt der für diesen Typ üblichen 10,5 Zentimeter halbautomatischen Schnellfeuerkanone waren sie mit je einem Raketenwerfer für 24 Hale'sche Raketen ausgerüstet. 12 Zentimeter durchmessende und 240 Zentimeter lange Flugkörper, welche mit Rotation ihre Flugbahn stabilisierten und einen Splittersprengkopf mit tief eingeschnittener Hülle trugen. Die Antriebsladung aus gepresstem, rauchlosem Schießpulver steckte in einer stabilen Hülle aus Ulmer Leichtstahl, wurde elektrisch gezündet und trieb die Rakete mehrere Kilometer weit. Und die neuen Kürassiere waren statt mit Maxim-Gewehre mit der Erfindung des erst 22 Jahre alten Andreas Wilhelm Schwarzlose ausgestattet. Ein neues Maschinengewehr mit verbesserter Kühlung, leichterer Bedienung und einfacher in der Produktion. Obwohl das Kaliber ebenfalls 7,62 Millimeter maß, vertrug die gesamte Konstruktion durch besseren Stahl eine weit höhere Pulverladung, was eine beträchtlich erhöhte Reichweite zur Folge hatte. Und die Waffe verschoss ganze 850 Schuss in der Minute. Theoretisch, denn nach 35 Sekunden war der Gurt mit 500 Patronen leer und musste durch einen neuen ersetzt werden. Für die Rundumverteidigung saßen diese Maschinengewehre in vier drehbaren Kasematten, eine auf jeder Seite des Kürassiers. Das schwere Fahrzeug fuhr statt auf acht Rädern auf zwei 30 Zentimeter breiten Ketten, durch starke Schürzen aus Kristallstahl in Wabenbauweise geschützt. Die mit Fresnellinsen verstärkten Suchscheinwerfer der LA-Kürassiere verfügten über einen speziellen Filter, welcher den größten Teil des sichtbaren Lichtes ausfilterten. Vor die Linsen der Beobachtungseinrichtung konnten Nachts ebenfalls entsprechende Filter geschoben werden, sodass von jedem erfassten Körper über einige Spiegel und Prismen ein helles Bild auf eine Mattscheibe reflektiert wurde. Ohne, dass der Pilot des anfliegenden Gerätes von einem sichtbaren Lichtstrahl gewarnt wurde. Einer der Kürassiere stellte seinen Scheinwerfer stets auf weite Streuung, um tieffliegende Luftschiffe so schnell wie nur möglich zu erkennen, während der zweite Scheinwerfer mit einer starker Bündelung arbeitete, um nach hoch fliegenden Körpern zu suchen. Eine Mechanik bewegte den Scheinwerfer automatisch in einem von zwölf zuvor festgelegten Suchmustern, die stumpfen Schnauzen der Hales folgten jeder Bewegung des Scheinwerfers.



Außerdem hatte die TOHORĀ drei Mulis und einen Haflinger an Bord gehabt. Die Mulis waren seit geraumer Zeit die Arbeitstiere der österreichischen Infanterie. Sie waren insgesamt etwas über fünfeinhalb Meter lang, nicht ganz zwei Meter breit und etwas über zwei Meter hoch. Ausgestattet mit zwei Hinterachsen und einer lenkbaren Vorderachse, alle Räder konnten einzeln angetrieben werden. Mit den Mulis konnte die Infanterie einen Zug in der Stärke von zehn Soldaten mit Sturmgepäck, schwerer Ausrüstung und Munition im Mannschaftsraum transportieren, den Kommandanten auf dem Beifahrersitz. Wenn man die Sitzbänke umlegte, erhielt man eine ganz respektable Ladefläche. Man konnte die Verplanung lösen und erhielt eine mobile Geschützplattform für eine 2 Zentimeter Maschinenkanone. Wenn man auch noch die Bordwände umlegte und in der Waagerechten als Vergrößerung der Ladefläche arretierte, konnte man auch eine Zehn-fünfer montieren und bedienen. Die Drehzapfen der Geschütze waren standardisiert, sodass man die Oberlafette nur einfach in die entsprechende Öffnung in der Ladefläche der Mulis stecken musste. Die großen Räder der Mulis wurden auch mit schwierigstem Gelände fertig und erlaubten auf guter Straße 80 bis 90 Stundenkilometer. Das Konzept des leichten Fahrzeuges war ganz auf die Kriegsführung in den Schluchten der Alpen zugeschnitten. Für eine Hit-and-run Strategie in unübersichtlichem Terrain. Tarnen, lauern, im richtigen Moment feuern und so schnell wie möglich wieder verschwinden. Gleichzeitig sollte es die Stellungen der Gebirgsjäger mit Nachschub versorgen und die schweren Waffen der Jäger transportieren können. Die Fahrerkabine besaß über dem Beifahrersitz eine Dachluke und einen Drehkranz für ein Maxim- oder Schwarzlose-MG. Nur Panzerung war bei diesem Fahrzeug keine vorhanden. Überhaupt keine. Nun, was in den österreichischen Bergen funktionierte, konnte auch in den abessinischen Bergen nicht ganz fehl am Platze sein.



Der Haflinger war prinzipiell genau so gebaut wie ein Muli, aber mit vier dampfhydraulischen Beinen an Stelle der Räder ausgestattet. Eine ziemlich neue Konstruktion, welche zwar auf der Straße ein wenig langsamer war, im schweren Gelände jedoch einige Vorteile in der Beweglichkeit versprach. Die ersten jetzt angelieferten Muli und der Haflinger waren mit zwei Zentimeter Kanonen auf der Ladefläche und den modernen österreichischen Maschinengewehren an der Kommandoluke bestückt. Die Erzherzogin hatte einer alten Tradition folgend beschlossen, die Ausrüstung ‚ihrer' Gendarmerieeinheit in Gonder zu übernehmen und in Wien die Entsendung der Fahrzeuge angefordert. Immerhin war das Rätsel um den Verbleib der Trommel der Danaiten immer noch ungelöst, und mit dem Erscheinen von Truppen verschiedener Nationen und Organisationen, welche dieses Artefakt in ihren Besitz bringen wollten, war mit Sicherheit zu rechnen. Dass einige davon eher skrupellos und gewaltsam vorgehen würden, war ebenfalls nicht unwahrscheinlich, und Maria Sophia hätte sich geschämt, die Bevölkerung jetzt im Stich zu lassen.



Die Regentin der Donaumonarchien hatte zugestimmt und die erste Ladung sofort auf den Weg gebracht, einige weitere Luftschiffe mit vier zusätzlichen Mulis und mehr Ausrüstung, unter anderem einige Dutzend Repetiergewehre mit Munition, waren eben unterwegs Die Besorgung und Verladung der Kleinteile dauerte in Kakanien eben etwas länger, das war der Fluch einer großen Bürokratie. Außer im extremen Notfall benötigte alles seine Zeit. Formulare hier, Genehmigungen da, Unterschriften dort. Die Prinzessin in Gonder gegen Luftschiffe zu verteidigen war ein Grund für schnelles Handeln, ebenso erste Verstärkung durch bewaffnete Fahrzeuge. Der Rest – nun, Buchhaltung benötigte eben ihre Zeit. Zuerst musste man jetzt einmal die Ladungen der TOHORĀ ordnungsgemäß verbuchen, damit alles seine Richtigkeit hatte. Dann in die Waffenkammer gehen, und jedes Gewehr mit Seriennummer und Lebenslauf in den Bestandslisten aus- und den Lieferscheinen eintragen. Die Munition exakt auflisten, mit Herstellungsdatum und Chargennummer, die Ersatzteile für die bereits gelieferten und noch zu verschiffenden Fahrzeuge. Ein scheinbar nicht enden wollender Papierkram. Die TOHORĀ war also einiges früher gestartet und hätte die älteren Luftschiffe auch im direkten Vergleich auf ihrem Flug weit hinter sich gelassen.



Und dann war auch noch die KKS ROSENHEIM eingetroffen, ein mittels Werner-Dampfturbinen flugfähiges, aber sonst nicht mehr ganz neues Kanonenboot mit 91 Meter Länge und 12 Meter Breite aus Port Helene. Das Boot war im Tanasee gewassert, um die äthiopischen Streitkräfte vor Ort verstärken zu können.

„Also, Major Okomaratu, die ROSENHEIM untersteht ab jetzt dem Kommando der abessinischen Polizei.“ Maria Sophia von Habsburg-Lothringen unterzeichnete einen entsprechenden Eintrag im Logbuch. „Suchen Sie sich 9 Leute als Offiziere und 121 Personen als Mannschaften, unsere Männer werden dann ihre Anwärter ausbilden. Vielleicht können wir dann später ins Geschäft kommen, damit sie ständig hier bleibt.“

„Wir sind ihnen zu großem Dank verpflichtet, Prinzessin. Besonders für die Luftabwehrscheinwerfer und die Raketenwerfer, welche die anderen Luftschiffe bei ihrer Landung nach Gonder bringen sollen. Die Installation dieser Abwehreinrichtungen wird uns dort sehr helfen und uns unabhängig von ihren Spezialkürassieren machen. Sie und ihr Land ist sehr hilfsbereit.“ Der Polizeimajor streckte seine Hand aus, welche Maria Sophia ergriff.

„Nicht so sehr, Major. Wir erhoffen uns immer irgendwas, wenn wir etwas geben. Die Insel Dek zum Beispiel ist strategisch günstig für die ÖDLAG und leicht zu verteidigen. Und Abessinien hat auch noch einiges an Bodenschätzen zu bieten. Im Bakilisee zum Beispiel.“

„Aber – noch nicht einmal das Salz aus diesem See ist brauchbar“ verzog Willem angeekelt das Gesicht. „Es schmeckt schlecht, und solange die dort ansässigen Menschen davon gegessen haben, sind sie auch noch krank davon geworden.“

„Das habe ich gehört, Major“, schmunzelte Maria. „Ich könnte jetzt unfair sein und einige Almosen für die Schürfrechte an dem See anbieten, den Sie für wertlos halten. Aber ich möchte ehrlich sein. In dem Salz des Sees, welches die Menschen beim Verzehr töten kann, haben unsere Schürfer einige Elemente gefunden, die für uns wertvoll sind. Sehr wertvoll. Noch wertvoller als Gold, denn eines davon wird für die Herstellung von Vaporid benötigt. Nein, Major, dieser Bestandteil ist nicht geheim, diesen speziellen kennt jeder, der sich für das Vaporid und seine Herstellung interessiert. Der ist auch im englischen Steampowder. Trotzdem, wir brauchen eben auch immer wieder eine höhere Menge davon.“

„Und das sagen Sie mir, obwohl das den Preis natürlich in die Höhe treiben wird?“

Maria Sophia lachte auf. „Im Endeffekt wird es sogar billiger! Gute Geschäfte auf Gegenseitigkeit bringen lange Gewinn, immer wieder, über einen längeren Zeitraum. Unehrlichkeit bringt hingegen vielleicht kurzfristig sehr viel Geld ein, dann aber nie wieder. Außerdem werden die Salzgewinnungsanlagen am Bakilisee mitten in ihrem Land liegen – und gute Nachbarschaft ist in diesem Geschäft bereits die halbe Miete. Viel Spaß mit ihrem Spielzeug, Major. Und drahten Sie nach Addis Abeba wegen des Sees, in den nächsten Tagen hätte sich ohnehin eine Handelsdelegation dort gemeldet.“ Noch ein letzter Händedruck, und die Prinzessin stieg wieder in den Windhund, um von Weyna am Ufer des Tanasee wieder zurück nach Gonder zu fahren. Der Major wollte mit seinem eigenen fabrikneuen Muli später nachkommen.



Die Fahrt über die Ebene brachte keine großen Überraschungen mit sich, es blieb immer noch alles ruhig in der Umgehung von Gonder. Nur einmal beobachtete sie, wie der Haflinger auf der Ebene zwischen Gonder und dem Tanasee ihrem Windhund im vollen Galopp entgegen kam. Das Gerät machte sehr weite Sprünge, der Fahrer musste ordentlich durchgeschüttelt werden. Die Erzherzogin lächelte amüsiert. Die abessinischen Gendarmen, welche auf diesem Gerät eingeschult wurden, erreichten allmählich wirklich gute Fertigkeiten in der Bedienung der Steuerung, manche hatten die Instruktoren bereits weit überflügelt. Maria Sophia selbst hätte es nicht ohne Notfall gewagt, auf diesem Untergrund ein derart enges Wendemanöver auf den Hinterbeinen zu steuern wie dieser Fahrer. Doch mit den Händen von Sergent Dawyd Kamabaso an den Steuerhebeln und seinen Füßen auf den Pedalen bewegte sich das Muli wie ein gut geschultes Quarterhorse von den riesigen Weiden des nordamerikanischen Kontinents. Auch die Telegraphenstationen meldeten derzeit keine besonderen Vorkommnisse in der Umgebung, doch Maria Sophia war deshalb noch lange nicht beruhigt. Sie war sich ganz sicher, dass noch einige Trupps auf der Suche nach der Trommel von Baylul unterwegs waren. Truppen, welche nur nicht so auffällig wie jene brutale Truppe waren, welche hier in Gonder zu Gange gewesen war und viele Menschen abgeschlachtet hatte. Sie war sich auch keineswegs sicher, ob nicht ein weiterer Überfall mit einem Luftschiff erfolgen konnte. Auch, wenn die Uhus im Toussidè ganze Arbeit geleistet hatten, wer garantierte, dass es sich dabei um den einzigen Stützpunkt des Gegners gehandelt hatte? Der Windhund rollte durch das Tor in die Garnison und stellte sich zu den Husaren in eine Reihe. Als die Luke aufging, schwang sich Maria Sophia elegant aus dem Fahrzeug.



„Mary!“ Ein kleiner Körper raste auf die Erzherzogin los und klammerte sich an die sich rasch bückende Frau.

„Henry! Du bist ja ganz aufgeregt! Ist etwas geschehen?“

„Wir haben etwas herausgefunden, Mary. Die Zahlen stimmen nicht, und du musst eine magische Waffe finden!“

„Aber genau das versuchen wir doch schon, Henry!“ Maria ging vor dem Jungen in die Hocke und strich ihm eine Locke aus dem Gesicht.

„Eine Trommel", rief Henry mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Was ist das schon! Du brauchst schon eine ordentliche Waffe, ein Schwert, eine Lanze oder so etwas! Vielleicht auch eine Rüstung, so eine wie die Walküren oder Jeanne d'Darc!“

„Wirklich? Aber der guten Jeanne ist das gar nicht gut bekommen“, bemerkte Maria Sophia.

„Aber du bist doch eine Prinzessin“, ereiferte sich der junge Jones. „Da geht es schon gut aus!“

„Erzählst du mir die Sache bitte von Anfang an“, fragte die Erzherzogin mit sanfter Stimme. Sie hatte schon immer recht gut mit Kindern umgehen können, und das Training mit Franz Rudolf machte sich bezahlt.

Der junge Jones nickte heftig. „Hast recht, Mary. Das ist immer besser! Komm mit, Ma und Pa wissen schon Bescheid, die glauben auch, dass das etwas daran ist.“ Henry zerrte am Ärmel der Prinzessin.

„Na, dann gehen wir eben!“ Maria Sophia erhob sich und nahm Henry bei der Hand. „Wo sind denn deine Eltern jetzt?“

„In ihrem Zimmer! Jetzt komm doch schon endlich mit", zog der Knabe die lachende Prinzessin mit sich.



„1.800 Jahre nach der Geburt des ersten Enkels“, fragte Maria Sophia ungläubig. „Das ergibt doch nicht wirklich Sinn. Eher denke ich, dass irgendwo in der Aufzeichnung der Hebräer ein Fehler von 40 Jahren ist, und in Wirklichkeit die Geburt von – nein, das stimmt nicht. Wenn diese Marjam, also die Tochter von Rahel und Ehefrau von Joseph sich eingebildet hat, dass eigentlich sie die Mutter des Messias ist und es nicht der Vater ihres Mannes gewesen ist – dann könnte der Orden schon damit rechnen. Wissen wir etwas über das Jahr 40? Nein, Moment, vierzig geboren, drei Mal sechs Jahre – 58! Was wissen wir über dieses Jahr?“

„Gaius Suetonius Paulinus wird in Britannien Statthalter. Der, der dann 61 Boudicca besiegt. Der Partherkrieg unter Nero beginnt…“, zählte Orville auf.

„Moment, Pa! Wir müssen anders rechnen, wir müssen ausrechnen, welches Jahr 3858 hebräischer Zeitrechnung in unserer ist“, rief Henry.

„Oh ja!“ Maria Sophia schlug sich mit der Hand auf die Stirn. „Der Rechenfehler des Beda!“

„Ja das wäre dann 97“, rechnete Henrietta rasch nach. „Kann aber eigentlich nicht sein, angeblich war da schon ein gewisser Clemens Bischof von Rom.“

„Ja, und“, überlegte Orville. „Wenn man als ersten Papst Petrus nimmt, warum soll es dann zu dieser Zeit keinen Bischof von Rom geben?“

„Mit diesen Jahreszahlen kommen wir nicht weiter“, ärgerte sich die Erzherzogin. „Das ist das reinste Chaos, und das wiederum heißt, genau genommen wissen wir nicht viel. Außer dass ein paar Wahnsinnige glauben, das Jahr ihres neuen Herrn wäre gekommen. Oder besser gesagt, wird demnächst kommen – und sie hätten das Recht, alles zu unternehmen, Mord, Totschlag und Vergewaltigung, Folter und Erpressung. Nur um einen neuen Messias in Jerusalem zu etablieren.“

„Und einen Staat Gottes zu errichten, dem alle Welt untertan ist“, bemerkte Orville.

„Immer diese verdammten religiösen Fanatiker!“ Wütend stampfte Maria Sophia mit geballten Fäusten auf.



=◇=




Entlang der größeren Handelsstraßen Abessiniens gab es in regelmäßigen Abständen Gaststätten mit gedeckten und bewachten Unterstellmöglichkeiten für Fahrzeuge und Tiere. Auch wenn diese Straßen nur aus Farbe an Felswänden und einem etwas über Kopfhöhe verlegtem Telegraphenkabel bestanden, die Versorgung der Karawanen funktionierte hervorragend. Es gab zu essen, zu trinken und einen Schlafsaal. Und da manchmal auch Frauen unterwegs waren, einen abgesonderten Raum für diese. Und natürlich Waschräume für beide Geschlechter. Nicht wirklich komfortabel, aber natürlich immer noch bequemer und sicherer als ein Biwak in einer der Nebenschluchten unter freiem Himmel. Es gab in dieser Gegend zwar schon seit längerer Zeit keine großen Räuberbanden mehr, aber wenn man seine Tiere und Waren irgendwo hinstellte, wo sie leicht mitzunehmen waren – da erlagen auch schon einmal die im Normalfall ehrlichen Bergbewohner der Versuchung.



Irgendwie waren alle diese Raststätten einander ähnlich, als hätte ein und derselbe Mann alle geplant, gebaut und betreibe sie auch. Der Geruch nach allen möglichen Gewürzen, nach kaltem Rauch und billigem Fett schwebte wie Nebel in den Gasträumen, die selten gelüftet wurden. Im Mai war es allerdings im Freien ohnehin angenehm warm im Hochland von Amhara, sodass die Reisenden gerne im Freien zusammen saßen und bei gegrilltem Ziegenfleisch, Reis und einem Pfeifchen ein Schwätzchen hielten. Wer hatte wen wann wo gesehen, wo war was gut zu verkaufen, wie konnte man Lasten besser verstauen. Die meisten reisenden Händler in Abessinischen trugen, unabhängig von ihrer Religion, leichte Baumwollhosen mit langen Hemden und eine ärmellose Weste mit vielen Taschen. Darüber wurde noch ein Burnus getragen. Ein großes Messer hatte jeder am Gürtel hängen, gleichzeitig Waffe und Vielzweckwerkzeug. Auch ein Gewehr nannten sie fast alle ihr eigen, einen Revolver nur wenige. Umso mehr fiel die Gruppe aus mehreren in Burnusse gehüllte Männer auf, welche moderne Gewehre bei sich hatten und von denen jeder einen modernen Revolver in der Gürteltasche stecken hatte. Lefaucheux 1879 Double Action mit schwenkbarer Trommel, wie Caporal Hawi Kebede von der abessinischen Gendarmerie mit Kennerblick feststellte. Allerdings ließen sich daraus keine Schlüsse auf die Nationalität der Männer ziehen, die französischen Waffen waren weit verbreitet. Sogar in Russland gab es einige hohe Offiziere, welche eine solche Waffe besaßen. In Verbindung mit den Gewehren vermutete der Gendarm allerdings in erster Linie Franzosen. Belgier – ja, möglich, die kauften auch oft französische Ausrüstung. Vielleicht auch Spanier oder Portugiesen, aber auch wenn sie kaum sprachen, ihr Akzent klang eher nicht nach der iberischen Halbinsel.

Der als Händler verkleidete Caporal Asaria Tedhome brachte nun das Gespräch auf die Trommel, welche die Italiener vernichtet hatte.

„Es gibt keine solche Waffe", bestritt der uniformierte Hawi Kebede. „Wenn es die gäbe, wäre unser Leben bei der Gendarmerie weit einfacher. Und wir hätten auch die Truppe in Mogadischu schon zurück geschlagen. Das wäre unserer Heimat billiger gekommen als die Forteresses allemandes, die wir dort für teures Geld hin gebaut haben. Außerdem – wo sollte das Ding denn sein?“

„Auf dem Weg zurück nach Gonder natürlich“, argumentierte Asaria heftig gestikulierend. „Die Juden wohnen in Amhara, und besonders in Gonder, also werden sie ihre Trommel auch dort versteckt haben!“

„Das ist doch Unfug!“ Hawi blieb ruhig. „Es gibt in ganz Amhara keinen Ort, wo man dieses Ding verstecken könnte!“

„Ist schon klar, dass du so etwas behaupten musst, Gendarm“ ereiferte sich Asaria.

Einer der Händler mischte sich ins Gespräch. „Die Mosaischen haben ja auch ihre Schriften versteckt gehabt. Warum also nicht auch eine Trommel?“

„Und sagen nicht alte Sagen, dass der Sohn des Salomo die Bundeslade nach Amhara brachte?“

„Alles Ammenmärchen“ wehrte Hawi vehement ab. „Warum hat man denn nie etwas gefunden?“

„Die Regierung sagt uns doch nicht alles! Vielleicht weiß ja der Negus nur zu gut Bescheid. Ich würde ein solches Geheimnis auch für mich behalten!“



Die Franzosen – oder Belgier, vielleicht auch Iberer schwiegen während der Diskussion. Allerdings hielten sie die Ohren weit offen, besonders als sich ein weiterer Händler einmischte.

„Also, ich weiß ja nicht, was der DLKW geladen hatte, aber ich habe einen mit einem runden Frachtstück in etwa der richtigen Größe ungefähr eine Tagesreise weiter westlich gesehen. Er war so grob in die Richtung zum Tanasee unterwegs!“ Auch Mohamed Kidane war ein verkleideter Caporal der Gendamerie.

„Habe ich es nicht gesagt“, jubelte Asaria. „Was sagst du nun, Freund Gendarm?“

„Dass das doch alles mögliche gewesen sein kann“, beharrte Hawi!

„Aber es könnte auch die Trommel gewesen sein“, insistierte einer der echten Kaufleute.

„Es gibt keine Trommel!“ Hawi stand auf. „Ich werde jetzt zu Bett gehen, damit ich morgen nicht einen von euren Eseln erschieße, weil ich ihn für einen Gebirgsbock halte!“ Die Händler und auch die Fremden brachen in Gelächter aus. Das Gespräch drehte sich noch lange um die Trommel Dans,  welche unterwegs nach Gonder in Amhara war. Ganz bestimmt, die drei Gendarmen von Major Okomaratu hatten wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Und als Bonus waren dieses Mal sogar Fremde anwesend gewesen. Die Gerüchte verdichteten sich, in jeder Station erzählte man sich das selbe. Trommel! Amhara! Tanasee! GONDER!



=◇=




Auch in Gonder war Maria Sophia in der Lage, per Telegraphie mit Wien in Verbindung und damit stets auf dem Laufenden bleiben zu können. Sie tauschte  mit ihrer Mutter, der Regentin Helene, immer wieder Neuigkeiten aus. Morsen mit dem Familiencode gehörte zum Lehrstoff aller Habsburger, schon als Kinder wurden sie darin unterrichtet. Und so erfuhr Maria Sophia auch von der kurz bevorstehenden Verlobung ihrer Schwester Valerie Theresia mit François Louis. Roxane Solange hatte also ihren Vorschlag zugestimmt, die französische Kaiserin hatte nur noch die Sache mit dem Verzicht auf den Thron in die Verhandlungen eingebracht.

„Damit will sie nur für Franz Ludwig selber eine Hintertür aufmachen, im Ernstfall den Thron für sich und Frankreich beanspruchen zu können“, tastete Maria Sophia mit ziemlicher Geschwindigkeit auf dem Morsegerät. „Oder besser gesagt, für Madame Roxane. Noch nicht geborene Kinder dürften bei dieser Überlegung wohl keine große Rolle gespielt haben!“

„Natürlich“, antwortete Helene ebenfalls mit langen und kurzen Stromimpulsen. „Diese Beraterin von Roxane Solange ist ziemlich clever. Aber sie hat etwas übersehen.“

„Die pragmatische Sanktion?“

„Die pragmatische Sanktion! Jeder denkt bei diesem Gesetz nur daran, dass sie eine weibliche Thronfolge ermöglichen soll. Wenn es nur das wäre, gälte diese Regelung wirklich nur für das Erzherzogtum Österreich ob und unter der Enns. Aber die Gute vergisst dabei einen anderen Passus in diesem Dokument – die Unteilbarkeit der Habsburgischen Kronlande. Und da gehört heute auch schon Bayern dazu, nicht nur allein wegen mir. Und Roxane Solange vergisst auch die Verfassung der Vereinigten Donaumonarchien und die ihrer Mitgliedstaaten. Da gibt es einige Länder, die sind freiwillig im Bund mit Österreich, ohne Besitz der Habsburger zu sein. Die transalpischen und africanischen Reiche zum Beispiel.“

„Nun, dann hat der Franzl wohl wenig Chancen auf den kakanischen Thron“, freute sich Maria Sophia.

„Gar keine hat er", telegraphierte Helene zurück. „Selbst, wenn Roxane oder der Frühling es schaffen sollten, dich, deinen Bruder und mich aus dem Weg zu räumen. Dann bleibt ja immer noch Helene Antonia, Gott schütze Österreich.“

„Hihi. Aber ernsthaft, gib bitte auf dich acht bei der Hochzeitsfeier, wenn die in Paris stattfindet. Erinnere dich bitte an die Bartholomäusnacht!  Behauptet denn Roxane nicht immer, dass ihre Familie von den Valois und damit von den Medici abstammt? Und denk auch das Gastmahl der Burgunder an Etzels Hof im Nibelungenlied. Ich könnte für die Zeit der Hochzeit nach Paris fliegen und dich vertreten!“

„Kommt gar nicht in Frage“, tastete Helene. „Wenn, dann kommst du nach Wien und ich alte Schachtel fliege nach Paris. Aber das wird sicher kein Problem für meine Sicherheit werden, ich verlasse mich da ganz auf Hametten. Bleibst du noch ein wenig in Gonder?“

„Nun, ja! Zumindest so lange, bis ich eine neue Spur habe.“

„Gut“, morste Helene. „Ich habe dir noch drei Wespen geschickt!“

„???“

„Du wirst sie erkennen, wenn du sie siehst! Bis später, mein Kind. Küsschen!“ Maria Sophia nahm die Kopfhörer ab und schüttelte ihr Haar aus, erhob sich und verflocht ihre Finger, hob so die gestreckten Arme mit den Handflächen nach oben hoch über den Kopf, streckte die Wirbelsäule.

„Wespen, na so `was“, murmelte sie. „Wer hat denn jetzt schon wieder was austüftelt?“



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Laxenburg




Nur 17 Kilometer südlich von Wien lag die Ortschaft Laxenburg, wo die Habsburger bereits seit langem das Stammschloss der Familie von Lachsenburg nach deren Aussterben erworben hatten und als Jagdschloss nutzten. Nach und nach waren andere, modernere Gebäude hinzu gekommen, den Beginn hatte Franz I mit einer ‚echten' Ritterburg im Schlosspark gemacht, welche er auf eine der Inseln in einem Teich bauen ließ. Der Park wurde umgebaut und mehr wie eine natürliche Landschaft gestaltet, es wurden keine geometrisch zurechtgestutzten Alleen oder geometrischen Beete mehr angelegt. Kronprinz Franz Joseph, der flugbegeisterte Thronfolger, hatte 1857 in der Ebene zwischen dem Schloss und der Stadt Wien die k.u.k. Militärforschungsanstalt für Flugwesen erbauen lassen und nicht nur für entsprechende Mittel und Gebäude, sondern auch für ein großzügiges, nicht einsehbares Gelände gesorgt. Nach dem Tod des Prinzen wurde diese Einrichtung in Franz Joseph Kaserne umbenannt.



Für jeden, der das Forschungsgelände betreten durfte, war das auffallendste die fünf gigantischen, 500 Meter langen und 100 Meter im Radius messenden Hallen, welche wie halbe Zylinder geformt nahe den Wohngebäuden standen. Dort wurde an neuen Luftschiffen gearbeitet, neue Materialien und Bauweisen erprobt. Weniger auffallend waren ähnliche, aber wesentlich kleinere Metallbauten, welche in zwei Reihen im rechten Winkel zu den riesigen Hallen standen und ein völlig ebenes Feld begrenzten, dessen Rasen sorgfältig kurz gehalten wurde. Nach Norden war dieses Feld durch eine hohe Mauer begrenzt, deren Tor nur wenige Männer und Frauen durchschreiten durften. Selbst die Posten, welche von außen die Tore in dieser Mauer bewachten und alle Ausweise streng kontrollierten, hatten keine Ahnung, was sich hinter diesem Wall verbarg. Die Geräusche, welche immer wieder zu den Soldaten drangen, gaben ihnen auch keinen genaueren Aufschluss. Es musste allerdings schon irgend etwas mit Fliegen zu tun haben – denn was sonst sollte hier schon erprobt, erfunden und erforscht werden? Immerhin war die Entwicklung neuer Fluggeräte der einzige ausgewiesene Zweck der Anstalt. Die meisten Soldaten und Anrainer vermuteten eine Art fliegender Husar oder Landkreuzer.



Eine Vermutung, welche von Herrn Helmfried und Frau Auguste Jäger geteilt wurde. Das Ehepaar lebte im Hotel Franz Joseph in der Ortschaft Laxenburg und unternahm mit einer Staffelei, einem Koffer voller Farbe und einem photographischen Apparat auf einem Stativ lange Spaziergänge in der Umgebung, besonders im Schlosspark. Helmfried war akademischer Maler, der viele wirklich gelungene Skizzen von seinen Ausflügen mit in das Hotel brachte, während Auguste eine eifrige Architekturphotographin und gleichzeitig begeisterte Ornithologin war. Manchmal sah man sie stundenlang den Himmel über dem Park mit einem Feldstecher beobachten. Einmal hatte Helmfried auch eine Auftragsarbeit angenommen, der Bürgermeister Laxenburgs wünschte ein Portrait seiner Tochter. Bei diesem Werk bewies Herr Jäger, dass er auch Personen durchaus naturgetreu malen konnte. Das Lächeln im Gesicht der jungen Dame war erfrischend, aus den Augen funkelte der fröhliche Schalk und die vom Papa zum 16. Geburtstag geschenkte bekommene goldene Halskette mit einem kleinen Diamant schien von innen heraus zu glühen. Durchaus ein gelungenes Kunstwerk. In dieser Zeit zog Auguste mit Kamera und Feldstecher immer wieder allein los.



Die Umgebung der Forschungsanstalt Laxenburg war natürlich ein sensibles Gebiet, welches vom Evidenzbureau im Auge behalten wurde. Die Akte über Helmfried Jäger war nicht eben kurz. >Matteo Bianchi, Major des Ufficio Informazioni, geboren 6. Juli 1853 in Florenz, Schulbildung, Militärdienst, Eintritt in den militärischen Nachrichtendienst Italiens et cetera aliaque!<  Auch Auguste war kein unbeschriebenes Blatt mehr. >Romina Trotta, geboren 27 Mai 1861 in Neapel, Teniente des Ufficio Informazioni….< Das Evidenzbureau war fleißig gewesen. Ähnliche Akten gab es über Harro Ballnus, Hauptmann des preußischen Geheimdienstes, Jaques Podresine, Capitaine des Service secretes étrangers, Cvetanka Stojanović, Glavi des  Instjnkt špijunaže Serbiens und einigen Frauen und Männern mehr. In jedem Akt lagen auch noch einige Abzüge von Photos, welche die Agenten des Fürsten Hametten  mit Anschütz-Kameras und stark lichtempfindlichen Filmen unauffällig geschossen hatten. Aus der Hand, eine Hundertstel Sekunde reichte schon zum Belichten der Filme. Matteo Bianchi, dunkelhaarig, Knollennase, mächtiger Vollbart, füllig. Ein Schnappschuss – Matteo im Unterhemd, mit vor den Bauch geschnalltem Lederkissen, das die Fülligkeit vortäuschte. Romina Trotta, aschblond, schmales Gesicht, lange Nase, dünne Lippen, trainierter athletischer Körperbau mit wenig Formen. Harro Ballnus, exakter Scheitel, dunkelblond, mittelgroß, ein hageres Gesicht, das an Friedrich den Großen erinnerte. Jaques Podresine, feist, ein kleines Stupsnäschen zwischen vollen Backen, ein kleiner Mund mit aufgeworfenen Lippen. Von Cvetanka Stojanović gab es die meisten Photos. Die hohen, slawischen Backenknochen gaben dem Gesicht etwas exotisch-apartes, ebenso ihre gerade Nase, die große Augen und der etwas breite Mund mit den vollen Lippen. Sie war groß und schlank, ihre Figur konnte sich durchaus sehen lassen. Die Männer des Fürsten spielten Abends mit den Karten um einen nicht eben geringen Einsatz, der Sieger durfte dann die schöne Spionin überwachen.



Die Männer und Frauen im Dienst des Fürsten zu Hametten verstanden es, selbst geheime Informationen herauszufinden und unauffällige Photographien anzufertigen. Mehr noch aber verstanden sie sich hervorragend darauf, Gerüchte in Umlauf zu bringen. Ein fliegender Landkreuzer, etwa so groß wie ein italienischer Jupiter, sollte einmal ganz in der Nähe abgestürzt sein. Natürlich hatten die in der Franz Joseph Kaserne stationierten Feldjäger das Wrack sofort eingesammelt, bis auf die letzte Schraube. Es funktioniere also wohl noch nicht so richtig. Nun, es war eben leichter, große Schiffe mit entsprechenden Kraftanlagen zum fliegen zu bringen, kleiner als ein Kanonenboot sollte es bisher problematisch sein. Aber bei den kleinen Luftschiffen für Avisofahrten, da mache man gute Fortschritte bezüglich hoher Geschwindigkeiten nahe der 200 Stundenkilometer-Marke und vielleicht sogar darüber.



Die zwei Mal drei im schwarz-gelb der Habsburger gestreift lackierten Geräte, welche sich vor den Hallen auf zwei kajakförmigen Schwimmkörpern gegenüber standen, hatten allerdings mit Landkreuzern oder andern Rad- oder Kettenfahrzeugen, ob gepanzert oder ungepanzert, nicht das Geringste zu tun. Sie bestanden aus einem aufrecht stehenden, fassförmigen Körper mit einem Durchmesser von anderthalb Meter und ebenso hoch, vorne war eine Art ovoider Käfig aus einem Stahlgerüst angebracht, ein Meter hoch und zwei Meter von vorne nach hinten, einhundertachtzig Zentimeter breit. Hinten war eine liegende Tonne angebracht, ein Meter durchmessend und anderthalb lang. An dieser Tonne gab es am Heck zwei gegenläufige Luftschrauben mit je sechs verstellbaren Propellerflügeln, welche für den Vortrieb sorgen sollten. Vier große, dreieckige Heckflossen mit beweglichen Steuerflächen lagen rund um die Heckrotoren. Aus der stehenden Tonne erhob sich ein starker Mast mit einem großen Forlanini-Rotor aus bestem Kortwitz-Stahl. Die zwischen dem Stahlgerüst am Bug liegenden Panoramascheiben aus Glas gaben den Blick auf vier Sitzplätze und einige Hebel, Pedale und Schalter sowie auf eine Platte mit verschiedenen Skalen und Zeigern frei.



Es handelte sich um die neueste Erfindung des Mailänder Konstrukteurs Enrico Forlanini und des Ingenieurs Wilhelm Kress, welcher im Juli 1836 in Sankt Petersburg als Sohn deutscher Eltern geboren wurde und später nach Österreich auswanderte. Dort besuchte er die k.u.k. technische Universität und entdeckte sein Interesse an Fluggeräten. Er war äußerst unzufrieden mit den seiner Meinung nach viel zu komplizierten Bewegungsabläufen der Flügel bei Ornithoptern und suchte angestrengt nach einer Alternative. Zuerst orientierte er sich am Flug der Insekten und versuchte einen ‚Schwirrflügler' zu konstruieren, doch damit waren nur unbefriedigende Ergebnisse zu erzielen gewesen. Nach Rücksprache mit Enrico Forlanini hatte er sich dann doch für einen Drehflügler entschlossen, und jetzt waren die ersten zum Einsatz tauglichen Exemplare endlich fertig gestellt und warteten auf ihre erste Aufgabe. Es handelte sich um die ersten sechs Wespen, ausgerüstet mit je vier 16 Zentimeter Hales und einer 20 Millimeter rückstoßfreien Kanone, mit automatischer Munitionszuführung. Diese Kanone erreichte zwar nur 120 Schuss in der Minute, es lagen aber ganze 500 panzerbrechende Granaten im Gliedergurt aus Metall bereit.



„Die Flieger sind ja wirklich der helle Wahnsinn“, schwärmte Sabrina Kress, die wesentlich jüngere Halbschwester des Konstrukteurs, während sie ihre dicke Lederjacke mit dem Pelzkragen anzog. Sabrina und Tanja Kress, die Tochter Wilhelms, waren bei den Testflügen aller vorherigen Versuchsmodelle involviert gewesen. Alle Kollegen waren sich neidlos einig, dass es bisher keine besseren Piloten als diese zwei Damen für diese neuen Konstruktionen in der Luftfahrt gab. Ein Umstand, der Viceadmiral Gergö Molnár dazu gebracht hatte, die Fliegerschule, die ebenfalls in Laxenburg untergebracht war, auch für Frauen zu öffnen. Als dritte militärische Einrichtung nach den Marineakademien in Triest und Fiume, aus denen bereits erste weibliche Flugschiffkapitäne hervorgegangen waren.  Und er vereidigte die Damen Kress als k.u.k. Offiziere, beide im Range eines Korvettenkapitän. Die neuen Schülerinnen hatten sich bisher auf der Fliegerschule bereits recht gut bewährt. Es sollte nur noch ein Jahr dauern, und die ersten regulären Abgängerinnen der Fliegerakademie würden als Korvettenleutnant ihren Dienst als Berufsoffiziere antreten. Als Piloten von neu gebauten Wespen.



„Was ich dich schon immer frag‘n wollt'!“ Linienleutnant Vaclav Nemec stülpte sich die Haube mit den herabklappbaren Ohrenschützern über den Kopf und setzte die Schutzbrille auf die Stirn. „Warum heiß‘n die Flieger eigentlich Wesp‘n?“

Sabrina lachte laut. „Weil mein Bruder g‘sagt hat, die Kaiserfarb‘n sind schwarz-gelb, also werd‘n wir die Geräte schwarz-gelb lackieren. Und wenn wir das machen, dann werd‘n alle Leute sowieso Wesp‘n dazu sag‘n. Also nennen wir sie doch gleich so! Fertig, Vaclav?“

„Fertig, Sabrina!“ Vaclav schlüpfte in die Gurte.

„Also, los geht's!“ Sabrina Kress legte drei Schalter um, und die Flügel der Forlanini-Rotoren begannen sich langsam gegengleich zu drehen. „Das wird jetzt der erste richtige Langstreckenflug!“

„Wechsel alle vier Stund’n, Sabrina“, fragte der Leutnant.

„Sicher“, antwortete sie lächelnd. „Wie wir's g’übt hab'n!“



Die Rotoren drehten sich immer schneller, die Konturen verwischten sich allmählich, wurden schließlich zu beinahe unsichtbaren Schemen. Drei der Wespen erhoben sich senkrecht in die Luft, während sich die Beine mit den Schwimmkörpern an den Rumpf falteten. Immer noch weiter steigend nahmen die Fluggeräte ihren Kurs nach Südsüdost. Korvettenkapitän Sabrina Kress flog die Wespe eins mit leichter Hand zuerst über die niederösterreichische Ebene, überquerte die Leitha und die etwa 400 Meter hohen Hügel des hochtrabend Leithagebirge genannten Höhenzuges und streifte nach einer knappen Viertelstunde das südliche Ende des Neusiedlersees. Die Puszta breitete sich vor ihr aus, 260 Kilometer Gelände flach wie ein Teller, hin und wieder tauchten kaum 50 bis 60 Meter hohe, sanfte Hügel auf, anderthalb Stunden waren nur ab und zu ein kleines Dorf oder eine Herde Rinder oder Pferde zu sehen. Dann tauchte endlich der Balaton vor den Wespen auf, und Sabrina atmete auf. Sie hatte den Kurs über die stets gleiche Landschaft halbwegs genau getroffen, und die wenigen Meter Abweichung waren für die Fluggeräte leicht zu korrigieren. Weiter, immer weiter, das dort vorne musste Pécs, das dort unten Osijek sein. Hier die Donau, dort die Bosut und die Save, damit war man jetzt über Serbien. Nun, in beinahe 1.500 Metern Flughöhe hatten sie in ihren Wespen nicht allzu viel zu fürchten, wenn man die bekannten großen Festungen mied. Probleme könnte es erst geben, wenn man das Hochland erreichte und einige Berge, welche höher als die erreichbare Gipfelhöhe der Wespe waren, umfliegen musste.



„Kaffee?“ Pünktlich nach drei Stunden und fünfzig Minuten war Leutnant Nemec erwacht und hatte vom Rücksitz eine Dewarflasche genommen, welche das Getränk mehrere Stunde lang heiß hielt. 1874 hatte der Schotte James Dewar ein System mit ineinander liegenden und mit Vakuum getrennten Metallgefäßen für seine Experimente erfunden. Der bayrische Unternehmer Ritter Carl von Linde hatte daraus in nur einem Jahr ein serienreifes Produkt für den allgemeinen Gebrauch entwickelt und einen dankbaren Markt damit schier überschwemmt. Damit, und mit einem leistbaren elektrischen Kühlschrank. Das Militär hatte auch Interesse an großen Boxen auf der Basis der Dewarflaschen gezeigt, um die Soldaten überall im Feld mit warmem Essen versorgen zu können. Linde hatte darauf nur zu gerne reagiert und die k.u.k. Armee mit diesen Warmhaltebehältern ausgestattet. Auch wenn es derzeit natürlich nur im Manöver nötig war, die Soldaten waren dennoch über diesen kleinen Luxus erfreut. Nur wenig hob die Moral der kaiserlich-königlichen Truppen mehr als warmes, gut gekochtes Essen und ein Becher mit heißem Kaffee. Oder Tee, je nach dem individuellen Geschmack. Und nachdem die Produktion der Kästen gerade so gut lief, bot er sie auch dem deutschen Heer an. Obwohl manche Offiziere der Meinung waren, dass Essen nur eine lästige Unterbrechung des Dienstes darstelle, kaufte die Heeresleitung eine erhebliche Menge.

„Wenn schon Napoleon erkannt hat, dass eine Armee auf dem Magen marschiert, dürfen wir nicht dümmer als dieser Korse sein“, hatte Bismarck angemerkt und die Order zur Anschaffung der Ausrüstung gegeben.



Sabrina Kress schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Später vielleicht.“

„In Ordnung.“ Vaclav nippte an seinem Becher, das Getränk war noch immer warm wie frisch gekocht. „Hm! Heiß wie die Hölle, schwarz wie die Nacht, stark wie Kristallstahl und süß wir der Kuss von einer schönen Frau! Genau so muss Kaffee sein.“

„Na, da bin ich froh, dass ich meinen eigenen hab‘! Bei der Masse an Zucker, die du dir jedes Mal reinkippst!“ Sabrina verzog angeekelt das Gesicht.

„Gibt einem den richtig’n Energiekick“, grinste der Leutnant, dann wurde er formell. „Fertig zur Übernahme!“

„Sehr gut! Achtung – jetzt!“ Sabrina legte einen Schalter von links nach rechts, Vaclac wackelte kurz mit dem Rumpf.

„Habe das Ruder!“

„Sehr gut. Bestätige erfolgte Ablösung.“ Rasch trug Sabrina das Manöver in das Bordbuch mit Ort und Uhrzeit ein. „Nähe Pristina, 16.00.“ Dann lehnte sie sich gemütlich zurück und schloss ihre Augen. Dank des Lehrganges und ständigen Übungen in autogenem Training war sie beinahe sofort eingeschlafen.



Der Leutnant steuerte die Wespe weiter über die Berge des osmanischen Kosovo und Makedonien, sichtete die Orte Gilan, Kumanovo, Sveti Nicole, Demir und Kapija. Bei Polykastro erreichte er wieder eine Ebene, überflog Thessaloniki und schließlich breitete sich die Ägäis unter den drei Wespen aus. Vaclav danke jetzt der unbarmherzigen Ausbildung, in welcher er gezwungen gewesen war, ein Luftschiff ausschließlich mit Kompass und Log zu navigieren. Selbstverständlich konnte man auf diese Weise nicht ganz genau fliegen, denn der Wind und damit die Drift ließen sich nun einmal nicht so ganz genau messen und berechnen. Aber in etwa sollte ein guter Navigator das Zielgebiet schon treffen können. Und Vaclav war der beste Navigator geworden. Er hatte während der Ausbildung ein Gefühl entwickelt, irgendwie hatte er irgendwann die Drift zu fühlen begonnen. Er hatte es geschafft, sie auszugleichen und ganz instinktiv sein Ziel wesentlich genauer als alle anderen seiner Kameraden anzusteuern. Zuerst hatten die Offiziere angenommen, dass Vaclav es irgendwie schaffte, bei seinen Übungen zu schummeln. Allein, es fanden sich nie irgendwelche Beweise dafür. Noch nicht einmal eine Idee, wie er es geschafft haben könnte, die Prüfer zu betrügen. So bekam er nach Abschluss der Ausbildung sein Patent als Offizier der k.u.k. Marine und trat seinen Dienst als Korvettenleutnant bei der kakanischen Luftflotte an.Einer seiner Kapitäne machte ihm dann den Vorschlag, sich nach Laxenburg versetzen zu lassen.



„Se sein a gånz a guter Mån, Nemec“, hatte dieser Kapitän zu ihm gesagt. „Se müss'n sich åls Lehrer in da Schul' in Laxenburg bewerb‘n, dass wir mehr Leit' wie se krig'n!“ Der junge Mann war durchaus geschmeichelt, bewarb sich und erhielt ein Angebot. Und Fregattenleutnant Vaclav Nemec nahm Beförderung und Versetzung gerne an. Zuerst sollte er Kadetten seine Art der Navigation beibringen, doch mehr als ‚Ihr müsst es einfach fühlen! Macht die Augen zu, hört in euer Innerstes und erspürt die Richtung‘ konnte er nicht sagen, immer und immer wieder. Zweimal funktionierte es sogar, die beiden Kadetten lernten es, ihrem Gefühl zu vertrauen und ebenso sicher wie Nemec zu navigieren. Bei allen anderen Schülern versagte seine Methode kläglich, sein Talent ließ sich einfach nicht erlernen. Also versetzte man ihn eines Tages weiter. Es gab genug Offiziere als Lehrkräfte, man wollte das Talent Vaclavs nicht an der Schule verschwenden. Weil er nicht nur ein exzellenter Navigator, sondern auch ein hervorragender Steuermann und intelligent war, kam er in die geheime Abteilung der Fliegerschule. Dort lernte er die neue Wespe von Wilhelm Kress kennen und lieben. Und auch seine direkte Vorgesetzte, Korvettenkapitän Sabrina Kress. Letztere erwiderte seine Gefühle allerdings sehr viel schneller als die vorerst noch etwas widerspenstige und bockige Wespe. Die Schwirrflügel wollten einfach nicht, wie sie den Berechnungen nach sollten,  zumindest nicht verlässlich genug. Nicht nur einmal landete ein Prototyp nach nur wenigen Metern hart auf dem Boden, wenn er denn überhaupt einmal abhob. Einmal hatte Vaclav seinen Flugversuch mit einem  gebrochenen Arm bezahlt und war einige Zeit nur zu theoretischen Forschungen fähig gewesen. Dabei stieß er auf die Berichte über die Vorstellungen des Ingenieurs und Erfinders Enrico Forlanini im Park von Mailand. Er zeigte dem staunenden Publikum das Modell eines dampfbetriebenen Drehflüglers mit zwei gegenläufigen Luftschrauben. Bereits im Jahr des Herrn 1877.



Vaclav brachte diese Berichte sofort zu Kress, der sie eingehend studierte.

„Wad soll es, wer habe nichds zu verlieren“, kommentierte Wilhelm Kress, und zwischen ihm und Forlanini entstand bald ein reger Briefwechsel. Bis sich beide auf dem Gelände der Franz-Josephskaserne endlich von Angesicht zu Angesicht trafen, um gemeinsam an dem Projekt der Wespe zu arbeiten. Es mussten doch noch verschiedene Dinge angepasst, angeglichen und verbessert werden. Zum einen natürlich, weil den Ingenieuren in der k.u.k. Militärforschungsanstalt für Luftfahrt die neuesten elektrischen Tesla-Motore zur Verfügung standen, die den Mailänder in helles Verzücken trieben. Zudem zeigte ein bemanntes Gerät doch ganz andere Mucken als ein kleines Modell, das aus einem senkrechten Stab mit dem größten Gewicht am unteren Ende bestand. Und war mit dem Modell Forlaninis der Auf- und Abstieg kein Problem, stand die gesteuerte Fortbewegung noch auf einen anderen Blatt. Sie montierten noch die beiden koaxialen Luftschrauben und die dreieckigen Flossen mit den Steuerflächen an das Heck, das war dann endlich der erhoffte Durchbruch. Vaclav Nemec gelang mit diesem Prototypen der erste ruhige Flug, und Wilhelm rief zufrieden

„Nu, wenigsdenns flieschd ded Ding nu. Wenn wer noch die Ganone reingriesche, habe wer g‘wonne!“ Jetzt begannen die Berechnungen von vorn. Man musste die Balance neu bestimmen, da die Manövrierfähigkeit natürlich am Besten war, wenn die Tragschraube möglichst gerade über dem Schwerpunkt lag. Es gab selbstverständlich ein wenig Spiel, aber nicht allzu viel. Aber das war einfache Mathematik. Sobald man wusste, was welche Waffe wog, eine Arbeit weniger Minuten. Die Hales außenbords im Schwerpunkt, die Munition für die Kanone in einem Stauraum unter der Luftschraube.



Die Firma Emil Škoda in Pilsen nahm das System des vom Amerobriten Hiram Maxim erfundenen Maschinengewehrs und übertrug es auf ein 20 Millimeter Geschütz. Da aber eine Wasserkühlung zu viel Gewicht bedeutet hätte, hatte er einige Hemmungen eingebaut und damit die Kadenz der schweren Waffe auf zwei Schüsse in der Sekunde gebremst. Da der Rückstoß der Waffe für den Ladeprozess verwendet wurde, wurde der Flug der Wespe nicht wesentlich beeinträchtigt, ebenso wie bei dem Abschuss der vier Hale'schen Raketen. Nun, Wespe war schon der richtige Name für das Fluggerät, es war klein, schnell, wendig, bissig und giftig.



Wilhelm Kress war gar nicht begeistert, als er erfuhr, dass zwei seiner besten Testpiloten mit nach Africa aufbrechen sollten. Aber ein direkter Wunsch der Regentin war nun einmal ein nicht zu ignorierender Befehl. Außerdem blieb ihm ja noch seine Tochter Tanja zur Unterstützung.

„Ich helf' dir doch, Baba!“ hatte sie zu ihm gesagt, und er hatte ihr den Arm um die Schulter gelegt.

„Ded is richdig, Meechen. Wad is, mache mer uns über die Hornisse? Zwee Piloten, zehn Pasaschiere, zwee von de 20 Millimeter Ganone und zehn Hales? Enrico, sind sie mid an Bord?“

Der Mailänder nickte. „Natürlich. Das wird doch eine Revolution des Flugwesens!“

„Nu werd abe geglodschd und ned gegleggert, Baba! Was isd, wolle mer och `n Geräd baue, das nen Husaren drasche gann?“

„Du meensd een janz große Dranschborter, Doschder?“ Wilhelm zog die Augenbrauen hoch, und Tanja nickte.

„Schdell's dir vor, Baba. Das Geräd landed uf dem Husaren, werd ordendlich verbolschd und schwebd mid dem Wasche davon. Im Ziel maschd man die Glammern uf, und der Husar gann davon rolle, und unser – hm, Adlas, wie der Gigand, der den Himmel dragd – also der Adlas fliechd davo und hold den nächschde!“

„Dasch isch mei Doschder!“ Wilhelm umarmte Tanja. „Gehe mersch an!“



Vor Vaclav Nemec erschien jetzt die kleine Insel Alonissos, dann folgten Andros und Tinos, und knapp ehe Naxos in Sicht kommen sollte, erwachte Sabrina Kress aus ihrem Nickerchen. Nun war es an ihr, zum Dewar-Gefäß zu greifen und sich einen Becher Kaffee einzugießen. Dazu nahm sie noch rasch einen kleinen Riegel Bitterschokolade mit Nüssen, den sie rasch aß, ehe sie um 20.01 Uhr das Steuer wieder übernahm. Vaclav vermerkte die Uhrzeit ganz penibel.

„Wir woll'n doch festhalt'n, dass du mich jetzt um eine ganze Minute Schlaf betrügst“, tadelte er seine Verlobte scherzhaft.

„Mach die Augen und dein‘n frech’n Schnab'l zu. Schlaf endlich.“ Im Gegensatz zu ihrem Bruder und ihrer Nichte sprach Sabrina das nasale wiener Deutsch. „Sonst jammerst ja auch nicht, wenn ich dich nicht schlaf'n lass!“ Vaclav zwinkerte ihr lächelnd zu. Dann schloss er wieder die Augen, begann mit seinen Atemübungen und war bald eingeschlafen, um für seine nächste Etappe fit zu sein. Sabrina flog die Wespe weiter, überquerte Anafi und sah zu rechter Hand im Westen die Lichter des Leuchtturms auf Akra Sideros, am östlichsten Teil der Nordküste Kretas. Sie war mit ihren 32 Jahren älter als ihr Vaclav, der es erst auf 29 Jahre brachte.



Bisher hatte weder der Rang- noch der Altersunterschied beiden etwas ausgemacht, aber wie würde es in dreißig Jahren aussehen? Sie 62, er 59, sie eine alte Frau, er ein Mann in den besten Jahren. Sie musste grinsen, als sie daran dachte, was Vaclav gesagt hatte, als sie genau diese Frage einmal zur Sprache gebracht hatte. ‚Männer sagen immer, sie sind in den besten Jahren, weil sie nicht zugeben können, dass die guten schon vorbei sind.‘ Trotzdem, Frauen wurden mit 60 als alt betrachtet, und die körperlich stets schwer arbeitenden Frauen der Vergangenheit waren es auch wirklich gewesen. Die Doppelbelastung von Haushalt mit Kindern zusätzlich zum oft nötigen Broterwerb machte sich bemerkbar, sie waren einfach abgenutzt. Lange, oft sehr lange vor ihrer Zeit. Allerdings schienen sich die Reformen des Kaisers Franz Karl auch hier durchaus zu lohnen. Es gab heute durchaus auch Frauen aus den sozial benachteiligten Schichten, welche mit siebzig jünger und gesünder wirkten als vorher mit fünfzig. Vielleicht – nun ja, vielleicht könnte sie es ja doch riskieren, dem Werben des Leutnants ganz nach zu geben und ihn auch zu heiraten. Nach zwei Jahren Verlobung könnte sie es doch wirklich endlich wagen und mit Vaclav zum Altar schreiten.



„Es nahet sich rasch die Mitternacht - und die Geister, die sonst im Grabe ruh'n – halten jetzt eine ganze Stunde Wacht…“ deklamierte Vaclav.

„… und ich red‘ wie ein erschrecktes Huhn“, ergänzte Sabrina, nicht ganz korrekt. „Da vorne, das schaut aus wie der Leuchtturm von Sidi Abd ar-Rahman, und das dort drüben sollte el Alamein sein!“

„Sieht so aus!“ Der Leutnant gähnte noch einmal und nahm sich einen Becher Kaffee. „Die nächst‘n sechs Stund‘n werd'n schwierig. Stockdunkle Nacht über der Wüste, nur nach Kompass. Und dann woll'n wir hoff'n, dass wir zwisch’n Assuan und Abu Simbel auf den Nil treffen. Dann sind wir nämlich richtig!“

„Bei deine vier Stund' hab' ich keine Angst, dass wir uns verfliegen könnt‘n.“ Sabrina trug die Steuerübergabe ins Bordbuch ein. „Übrigens Vaclav, was hältst du davon, wenn wir uns in Gonder trauen lassen. Wenn's sein muss, na ja, dort ist die ROSENHEIM, und ein Kapitän kann ja auch Trauungen vornehmen.“

„Eigentlich hab' ich mir mehr als eine Kriegstrauung in Uniform vorg'stellt“, überlegte Vaclav. „Aber…“

„Aber das hol'n wir später nach - wenn’st willst, mit weißem Kleid in der Kirch'n und allem drum und dran“, zwinkerte Sabrina ihrem Vaclav zu. „Aber ich hab' mich jetzt halt entschieden! Endgültig!“

„Na, wenn du dich endlich entschieden hast!“ Ein breites Grinsen überzog Vaclavs Gesicht. „Ich werd' sicher nicht mehr nein sag'n. Ich nehm' dann halt, was ich krieg! Obwohl, weißt du, ein weißes Kleid wird mir nicht so wirklich gut steh‘n, das füll' ich doch oben herum gar nicht so richtig aus. Zumindest nicht so gut wie du!“

„Depp, blöder“, schimpfte Sabrina lachend.

„Herr Depp, bitte. So viel Zeit muss sein! Und jetzt schlaf!“



Natürlich war die Nacht nicht wirklich stockdunkel, am wolkenlosen Himmel funkelten eine Unzahl von Sternen, und der Mond verwandelte die Wüste in ein dunkles Grau in verschiedenen Schattierungen. Ein Blick in die Rückspiegel, die Positionslichter der anderen Wespen waren an Ort und Stelle und folgten der Wespe I in perfekter Formation. Seine Blase meldete sich, und dankbar dachte Vaclav Nemec an die modernen Gummiwindeln mit der Einlage aus Hanf, mit Baumwolle umgeben. Einen ganzen Tag ohne Toilette, das ging eben nur mit solchen Hilfsmitteln. Flüssige Ausscheidungen waren ja kein Problem, aber bei noch längeren Überführungsflügen müssten entweder Toiletten eingebaut werden, was bei dem Platzangebot an Bord der kleinen Wespen allerdings ein Problem werden würde. Oder man musste eben eine Zwischenlandung einplanen. Vielleicht auf dem Meer. Mit einem Geschirr sichern, Hose hinunter und nach hinten vom Schwimmer weglehnen und – nun ja, das tun, was Menschen nun einmal manchmal tun müssen. Unweigerlich. Aber erst nach der Landung, im Flug – nun, vielleicht tief genug gehen wegen der Temperatur, den Einstieg als Flügeltür und arretierbar wegen des Abwindes bauen, und man könnte den Leuten unter sich im wahrsten Sinn des Wortes auf den Schädel sch… Aber nein, eine bei manchen Leuten vielleicht reizvolle, aber doch keine so gute Idee. Wenn die Menschen da unten dann zur Jagdflinte griffen – eine Schrotladung in den Allerwertesten zum Beispiel wäre wohl absolut kontraproduktiv. Den Rest des Weges auf dem Schwimmer stehend und danach Wochen auf dem Bauch liegend verbringen zu müssen klang nun wirklich nicht nach einem schönen, traumhaften Erlebnis.



Während des Fluges gingen ihm noch andere, verschiedene Gedanken durch den Kopf. Zuerst natürlich seine Freude, sein Glück, bald seine Liebste zu heiraten, dann seine nicht eben großartigen Sünden in der Vergangenheit. Er war zwar kein Kind von Traurigkeit gewesen, hatte aber immer mit offenen Karten gespielt. Noch nie hatte er vor Sabrina zu einer Frau oder einem Mädchen von großer, unsterblicher Liebe gesprochen oder dieser gar die Ehe versprochen – und bei Sabrina meinte er es ja tatsächlich ernst. Für seine früheren Eskapaden hatte er sich immer schon lieber reifere Frauen gesucht und auch stets ein Condom dabei benützt. Zum Selbstschutz, denn ein Kind konnte er sich nicht leisten, er wollte zuerst Karriere machen und fliegen. Eine venerische Krankheit war auch nicht eben sein größter Wunsch, ganz abgesehen von den eher unangenehmen körperlichen Symptomen hätte auch diese ihn an seinem Traum gehindert. Vaclav warf einen Blick auf die mit schwachen Lämpchen beleuchteten Instrumente. Barometer – die Höhe stimmte genau. Kompass – auf exaktem Kurs. Druck im Kessel – perfekt nach Plan. Leutnant Nemec griff an eine Taste und gab drei kurze Impulse auf den Heckscheinwerfer, die beiden anderen Wespen antworteten mit den gleichen Impulsen mittels der Bugscheinwerfer. Alles in Ordnung bei den anderen, alle Wespen mit Maschinen auf Kurs, die wie geplant funktionierten. Ob wohl jetzt unten in der Wüste irgendwelche Nomaden gerade eben in den Himmel gesehen hatten? Ob sie mit den dunklen Schatten vor den Sternen etwas anfangen konnten? Was sie sich wohl dabei dachten, drei Luftschiffe hoch im Himmel in Formation? In zwei Kilometer Höhe in der Nacht – die richtige Form war sicher nicht zu erkennen, nur die sich rasch bewegenden Lichter.



Um vier Uhr morgens übernahm Sabrina wieder das Ruder und vertrieb ihre Müdigkeit mit einigen Schlucken des nun allmählich doch kühler werdenden Kaffees. Schade, aber auch die Vakuumflaschen hatten nun einmal ihre Grenzen. Seit 17 Stunden flogen die Wespen nun schon wie ein Uhrwerk, Stunde um Stunden hatten sie mit einer ständigen Geschwindigkeit von 180 Kilom(etern pro Stunde bereits eine große Entfernung hinter sich gebracht. Mehr als 3.000 Kilometer waren sie nun schon von Laxenburg entfernt, und der Vaporidkessel produzierte gleichmäßig und zuverlässig den elektrischen Strom für die Teslamotore, welche leise singend die Rotoren und die Schubpropeller antrieben. Halblinks färbte sich allmählich der Himmel heller, lange konnte es nun nicht mehr dauern. Dann würde der glühende Ball der Sonne über dem Horizont sichtbar werden und auch auf der Erde ein neuer Tag beginnen. Menschen würden erwachen und ihrem Tagwerk nachgehen, einige glücklich, andere wieder unglücklich. Es würde Menschen geben, welche jetzt ihre Arbeit beendeten und ihr Heim aufsuchten, um von einer langen Nacht auszuruhen. Die Schwester des Erfinders der Wespen ging tiefer und drehte am Kompassring, um eine Linie nach der hellsten Stelle des Horizontes auszurichten. Nicht so exakt wie die Messung mit einem Sextanten, aber für eine grobe Schätzung dennoch hilfreich. Jetzt, ein erster Punkt, schnell noch den Kompassring genauer ausgerichtet. Da vorne, das glitzernde Band, der Nil! Der Kopf der Kolossalstatue war selbst von hier oben zu erkennen. Vaclav öffnete die Augen und sah sich um.

„Wir sind zu weit südlich", bemerkte er verschlafen.

„Aber geh, wirklich“, konterte Sabrina.

„Du must mehr nach Norden steuern“, riet Vaclav.

„Ach wirklich? Was du nicht sagst“, staunte Korvettenkapitän Kress ironisch. „Wennst aufpasserst, dann segerst, dass wir ja eh schon dreh‘n.“

„Na gut!“ Schon war Vaclav wieder eingeschlafen.



=◇=




Knapp nach 14 Uhr Ortszeit gellten die Dampfsirenen der Flugabwehrkürassiere durch Gonder. Drei Mal auf und abschwellend, drei Fluggeräte näherten sich also der Stadt.

„Himmel, Arsch und Zwirn!“ Maria Sophia schloss hastig die Knöpfe ihrer Uniformbluse, welche Carl Friedrich eben langsam und voller Vorfreude bei beiden Beteiligten geöffnet hatte. „Immer wird man g'stört!“ Damit rannte sie auch bereits aus dem Zimmer, gefolgt von Maerz, welcher zwar weit weniger Knöpfe schließen musste, dafür aber um einiges mehr Probleme hatte, das zu bedeckende Corpus Voluptatis zu verstauen.



Die Raketenwerfer auf den beiden Spezialkürassieren drehten sich bereits den anfliegenden Körpern entgegen, die vorderen Teile der Lafetten wurden dabei nach oben gehoben und die Schutzblenden klappten auf. Die wachhabenden Offiziere pressten ihre Feldstecher an die Augen und versuchten, die Ankömmlinge zu identifizieren. Diese machten es ihnen leicht und sandten aus ihren Bugscheinwerfern Signale im k.u.k. Marinecode.

„Nicht feuern, sind Verstärkung aus Wien“, entzifferte Leutnant Hubert Lederwaldner, der aus Regensburg stammende Kommandant der beiden zur Artillerie zählenden  Luftabwehrkürassiere. „Noch nicht feuern, aber wachsam bleiben", bellte er in den Hörer des sperrigen Feldtelephons. Das Kabel dafür zum Gefechtsstand auf der Mauer der Garnison hatten die Soldaten sofort nach ihrem Eintreffen verlegt. „Es sind scheinbar unsrige", rief er der Prinzessin entgegen, als sie auf die Bastion mit dem Beobachtungsposten lief. „Wenn Hoheit erlauben wollen. Feuerbereitschaft ist noch nicht aufgehoben.“

„In Ordnung, Leutnant.“ Maria Sophia erwiderte den Salut des Offiziers. „Damit weiß ich aber immer noch nicht, was das ist! Außer – Moment mal, das sind wohl die aus Wien avisiert‘n Weps'n! Die hab'n dann aber ganz schön anzaht.“

„Die Flieger erbitten Landeerlaubnis, Hoheit.“

„Passt schon. Dort der Exerzierplatz erscheint mir g'eignet. Lassen's das doch blink‘n, Leutnant.“



Einer nach dem anderen schwebten die Tragschrauber über den Platz, fuhren ihre Schwimmer aus und setzten sanft auf. Die Forlaninis wurden sichtbar und liefen schließlich ganz aus. Die Türen der Kanzeln wurden geöffnet und die sechs Flieger kletterten ein wenig steif und ungelenk aus ihren Sitzen. Immerhin hatten sie etwa 25 Stunden in der Lenkerkabine sitzend verbracht, nicht sehr angenehm, auch wenn man möglichst bequeme Sitze eingebaut hatte. Ein kurzes Dehnen und Strecken der Glieder, dann marschierten die Ankömmlinge auf die eben eintreffende Erzherzogin zu und machten Front.

„Euer kaiserliche und königliche Hoheit, Korvettenkapitän Sabrina Kress meldet sich mit fünf Mann und drei Wespen zur Stelle", machte die Tochter des Konstrukteurs Meldung.

„Danke, Korvettenkapitän. Einheit ruhen lassen“, erwiderte Maria Sophia den Salut. ‚Ruhen lassen‘, das bedeutete in der Sprachregelung des österreichischen Heeres das Aufheben der starren Grundstellung des ‚habt acht' und bequemeres stehen. „Willkommen in Gonder, Korvettenkapitän. Das sind die avisierten Wespen?“

„Jawohl, Euer kaiserliche Hoheit“, nahm Sabrina wieder Haltung an.

„Generaloberst reicht, Kapitän“, versetzte Maria Sophia, Sabrinas Haltung wurde etwas weniger steif.

„Danke, Generaloberst.“

„Also, fesch. Wie lange waren Sie unterwegs?“

„25 Stunden und 8 Minuten, Generaloberst!“

„Reife Leistung", gratulierte die Erzherzogin. „Lassen’s wegtreten, Kapitän. Der Quartiermeister wird ihnen Unterkünfte zuweisen. Haben's leichte Uniformen mitbracht? Ja? Sehr gut.“ Sie drehte sich um und wies auf einen der ebenfalls die Wespen bewundernden abessinischen Gendarmen. „Sergent Chef, bringen Sie die Leute zum Quartiermeister, er soll ihnen auch Dschellabas aushändigen. Dann zeigen Sie ihnen die Räume und Waschgelegenheiten, schnappen sich sechs Männer und bringen das Gepäck der Offiziere auf deren Zimmer. Danke, wegtreten!“ Dann wandte sie sich an Sabrina Kress. „Leider hab’n wir nur zwei große Duschräume, keine Badezimmer in den Stuben. Also hab ich einen zur Damen- und einen zur Herrendusche deklariert, und zum hin- und hergeh‘n ist so eine Dschellaba schon was feines. Angenehmer wie eine Uniform. Ruhen Sie sich erst einmal aus, wir reden morgen weiter. Abtreten, Kapitän!“

=◇=




Wien




„Es ist doch nicht zu glauben, was da für Schwachsinn g'schrieb'n wird!“ Helmuth Kollomwetz wedelte mit einer Broschüre herum. „Geh Heinzi, schnorr mir bitte eine von deine Beuschelreißer!“ Der Polizist nahm einen tiefen Zug. „Danke. Also, wo? Ach ja. Da gibt's einen gewissen Guido von List. Nein, nicht verwandt mit dem Komponisten Franz Liszt, der Guido da schreibt sich ohne ‚Z'. Also, das ist das Statut von den Neutemplern, die was dieser Guido gründet hat. Passt's einmal auf. ‚Wir erachten also folgendes für absolut logisch und daher keinerlei weiteren Beweisführung für nötig, als was da ist, dass der weiße nordische Mann als das höchst entwickelte menschliche Wesen zu betrachten ist und daher an oberster Stelle im Machtgefüge zu stehen hat. Denn er steht noch über dem nordischen Weibe, welche ihm untertan zu sein hat, aber immer noch hoch über allen anderen steht. Ganz so, wie es die Erberinnerung an die große europäische Urrasse beweist. Die nordischen Menschen stammen von Thule ab und waren damals schon allen Völkern überlegen, ganz so, wie es heute noch der Fall sein müsste. Wir müssen daher bereit sein, mit allen Mitteln die österreichische Regierung dazu zu bringen, die minderen Arten wieder auf die ihnen zustehenden Plätze zu verweisen!‘ Ja leck mich doch am Arsch, sind das feste Arschlöcher. Maoris und Neger als mindere Rassen zu bezeichnen ist schon ein starkes Stück. Seit die Reserl damals alle ihre Untertanen gleich g'stellt und in die Schul' g'schickt hat, hab'n wir‘s ja genau g'seh’n, dass die Murln mit der dunkeln Haut in der Birn' genau so schlau sind wie unsereins. Manchmal sogar schlauer. Neulich hat sich die Jetti, also mei Frau, operier‘n lass‘n müss’n. Kohlschwarz war der Chirurg. Ein Maori. Und verdammt gut war er, der Doktor Joseph T'ūpulā. Aber das Heftl da, das ist ja Rassismus aus der unterst‘n Schublad‘. Rassismus und der idiotischste Okkultismus, von dem je g'hört hab. Erberinnerung an die europäische Urrasse, die aus Thule kommt und von – hörts gut zu, von den Atlantern abstammt! Ich pack’s net!“

„Was hast geg'n Okkultismus“, fragte Heinz Navratil. „Also, ich sag dir, da ist nicht alles türkt. Es gibt Medien und es gibt Dinge, die wir uns net erklär'n können! Es gibt ja auch Vampir‘ und so, die Polizei hat sogar ein eigen‘s Referat dafür. Da kann man einen als unterstützend‘n Ermittler anfordern.“

„Ja, schon, Heinzi. Und vielleicht stammen wir Europäer ja auch wirklich von irgendwelche Atlanter ab. Aber wieso soll‘s uns denn besser mach‘n wie die andern. Die lernen genau so schnell wie wir, also außer der dunkeln Haut merk‘ ich kein' Unterschied. Wie kommen die präpotent‘n Wappler eigentlich zu ihre deppert‘n Ansicht‘n?“



„Das ist die Überheblichkeit jener, die außer Schlagworten nichts haben, auf das sie stolz sein können", ertönte eine unbekannte Stimme von der Tür her.

Joschi Pospischil erhob sich. „Kann ich ihnen irgendwie helfen?“

„Au contraire, mein lieber Herr Inspector.“ Der etwa 50 Jahre alte Fremde trat näher und holte ein gefaltetes Papier hervor. „Mein Name ist Josef Breuer, ich bin Neurologe und Psychologe. Ich hatte vor kurzem bei der Gräfin Schwabthal ein Gespräch mit dem Fürsten von Hametten. Sehr interessanter Mann. Auf jeden Fall hat der Fürst gedacht, ich könnte ihnen bei der Lösung ihres Falles helfe.“

„Und wie, Herr Doktor“, fragte Heinrich Navratil, nachdem er das Schriftstück studiert hatte.

„Ich könnte ihnen vielleicht sagen, was für eine Art Mensch oder Organisation Sie suchen, meine Herren.“

„Das wiss'n wir schon", versetzte Helmuth. „Einen ganz’n Hauf'n wahnsinniger, religiöser Irrer!“

„Ja, schon", bestätigte Breuer. „Aber welche Art von Irre? Das ist doch immer die Frage. Nehmen Sie zum Exempel die Anhänger dieses Herrn List. Diese könnte man ganz leicht manipulieren, auch widersinnigste Theoreme zu glauben und einem Weg, welcher ihren ureigensten Interessen widerspricht, zu verfolgen.“

„Das werd'n wahrscheinlich Männer sein, die keine Frau will, weil's zu deppert, ung'waschen oder ganz einfach grobe Lack'l sind“, vermutete Navratil. „Oder weil ihr Zumpferl zu klein ist. Oder sich z'schnell abbiegt.“

„Alles das ist nicht ganz falsch, und auf einige Mitläufer wird ihre These sicher zutreffen“, dozierte der Neurologe und Psychologe! „Ähnliches postuliert auch Freud in seiner Theorie zur Psychoanalyse. Ich denke, dass dieses Werk durchaus einen Durchbruch in der Behandlung diverser psychischer Leiden darstellen könnte. Wenn es einmal ausgereift ist. Aber zurück zu ihnen, Gendarm. Die Macht über Frauen, die manche Männer von Geburt an als mit geringerem Wert in Comparation, im direkten Vergleich zu dem ihren ausgestattet postulieren, kann einige schwache Männer durchaus direct in die Arme einer solchen secta insolita, einer seltsamen  Sekte treiben. Die Sache darauf zu reduzieren könnte allerdings etwas decipit sein!“

„Was könnte es sein?“ Das Faktotum der Wache machte ein ratloses Gesicht.

„Entschuldigen Sie. Es könnte irreführend sein. Zum Exempel – auch die katholische Kirche hält Frauen für non idoneus, also für ungeeignet, höhere Ämter in der Kirche zu bekleiden. Dennoch sind vor allem Frauen die strenggläubigsten Katholiken. Warum? Sie wenden sich in diesem Fall von einer wissenschaftlichen Sententia, welche sie als idem valo, also als gleichwertig betrachtet ab, und hängen lieber einem Superstitiosus – einem Aberglauben an, der sie supressiert. Ich meine Unterdrückt! Warum? Ist es nur Educatio, also  Erziehung? Und warum gelang es dann immer wieder einigen starken Persönlichkeiten, Frauen wie Männern, sich aus der früher allgemein vertretenen und heute völlig überalterten Ansicht einer unbewiesenen weiblichen Minderwertigkeit zu befreien? Sie sehen also, die Causae, die Gründe könnten complexer sein, als wir es ut initio suspicare, das heißt anfänglich vermuten!“

„Na dann", meinte Walter Brunner, der unbemerkt das Bureau betreten hatte. „Nehmen Sie sich halt einmal die Akten von den Leuten vor. Vielleicht sehn's ja wirklich was, das wir überseh'n hab'n!“



=◇=




Es ist viel über das unterirdische Wien der Habsburgermonarchie spekuliert worden. Riesige geheime Kasernen und Waffenlager, breite Straßen, auf den man mit drei Kutschen nebeneinander her fahren konnte. Gigantische Stallungen für hunderte Pferde, mit allem nur erdenklichen Luxus ausgestattete Paläste und riesige, von künstlichem Licht erhellte Gartenanlagen. Und natürlich gespenstische Katakomben, verfluchte Kammern, geheime Verliese, in denen man die unliebsamen und kritischen Zeitgenossen verschwinden lassen konnte und grausame Folterkammern, wo sadistische Folterknechte ihrem Vergnügen freien Lauf lassen konnten. Nicht alles davon war falsch. Die Gartenanlagen waren natürlich Humbug, die Straßen zwischen einigen Palästen des Herrscherhauses und den wichtigsten Regierungsgebäuden waren für maximal zwei Kutschen ausgelegt,  die Stallungen für die wenigen Pferde, welche früher die Kutschen durch die Gänge gezogen hatten, standen schon Jahrzehnte leer. Die Verließe und Folterkammern hatte Maria Theresia geschlossen, und noch nicht einmal Metternich hatte es gewagt, sie zu reaktivieren.



Teile des unterirdischen Wiens bestanden aus Abwasserkanälen, durch welche an den Decken auch gut gesichert die Wasser- und die Dampfrohre sowie verlegt waren. Das gesamte System wurde regelmäßig überprüft und gewartet, eine unangenehme, aber gut bezahlte Arbeit. Andere Teile dienten den leider immer noch existierenden Obdachlosen und wenigen illegalen Zuwanderern in der kalten Jahreszeit als halbwegs trockenes und warmes Quartier. Die Polizei wusste davon, aber wenn es keine Probleme gab und auch gerade keine groß angelegte Fahndung nach jemanden stattfand, tolerierten die Beamten diese Okkupation öffentlichen Eigentums durch die Grieasler. Dafür kam dann auch schon der eine oder andere Zund aus den Katakomben, der zur Festnahme eines Flüchtigen führte. Die riesigen Kasernen waren pure Erfindung, auch wenn unter den offiziellen Kasernen unterirdische Waffen- und Munitionsbunker lagen und für den Ernstfall gut geschützte Wohnräume für die kaiserliche Familie bereitstanden. Was die Paläste anging, hatte das Gerücht nicht ganz unrecht, wenn auch die Art seiner Bewohner die wildesten Spekulationen übertraf.



Ein Zugang führte vom Gebäude des äußeren Amtes in Wien zu diesen Palästen in der wiener Unterwelt. Fürst Heinrich zu Hametten betrat mit einer Flügelmappe ein kleines Zimmerchen, in welchem sich ein Diwan und ein kleines Tischchen befanden.  Zielsicher trat der Fürst an die Hinterwand, schob ein Stück der Vertäfelung beiseite und drückte auf einen elektrischen Schalter. „Hametten“, sagte er kurz in ein Mikrophon. Das Zimmerchen ruckte einmal kurz, und Heinrich wusste, dass der Lift nun nach unten fuhr. Kurz danach blinkte ein kleines Lämpchen auf, und Hametten öffnete die Tür.

„Willkommen, Fürst zu Hametten“, begrüßte eine schöne, wenn auch sehr bleiche Frau den Leiter des Evidenzbureaus. Ihre Kleidung bestand aus hellen, beinahe durchsichtigen Stoffbannen, welche eigentlich nichts versteckten.

„Danke, Anyana“, nickte der Fürst der Frau zu. „Ist der Markgraf anwesend?“

„Er ist sofort aufgebrochen, als ihm Euer Erscheinen angekündigt wurde“, bestätigte Anyana Dimitrova. Mit einer eleganten Handbewegung lud die Bulgarin den Österreicher ein, weiter zu kommen und öffnete eine andere Tür. „Bitte folgt mir, Durchlaucht.“

„Natürlich!“ Vor dem Fürsten erstreckte sich ein nicht allzu langer Gang, von dessen Decke einige erlesene Kristalllüster mit elektrischen Göbelbirnen bestückt hingen. Trotzdem war der Gang eher spärlich beleuchtet, da nur wenige der Lampen auch brannten. Als Anyana den Gang betrat, leuchteten auf dem ersten Lüster alle Lampen auf und tauchten diesen Abschnitt des Weges in helles Licht. Während sie weitergingen, flammten vor ihnen weiterhin die Lampen auf und erloschen wieder, wenn sie den Bereich der Lampen hinter sich ließen.

„Ich bin durchaus beeindruckt“, bekannte Hametten.

Anyana lächelte sparsam. „Ein paar einfache Druckschalter unter den Dielen, Durchlaucht. Keine Hexerei!“

Eine Augenbraue des Fürsten hob sich. „Tatsächlich!“

„Aber ja! Warum sich anstrengen, wenn ein wenig Metall und Bastelei den gleichen Effekt ergiebt.“

„Eine löbliche Überlegung“, äußerte sich der Fürst anerkennend. „Es sollten mehr Menschen nach dieser Effizienz streben.“



Endlich hatten sie ein bequem eingerichtetes Arbeitszimmer erreicht, und aus einem gemütlichen Sessel erhob sich Jakob, Markgraf von Höllerer. Groß, schlank, das schulterlange Haar aus der bleichen Stirn gekämmt. Er trug einen mehr als eleganten Anzug nach neuester Mode in schwarzer Farbe, ein passender Gehstock lehnte an seinem Schreibtisch.

„Mein lieber Fürst“, verbeugte sich der Markgraf und wies auf einen zweiten Stuhl. „Bitte, nehmt doch Platz! Wie geht es Euch?“

Hametten setzte sich. „Danke, Markgraf, mein Befinden ist ausgezeichnet. Ich hoffe, ihre Schützlinge und Sie selbst sind den Umständen entsprechend wohlauf?“

„Ach, es geht so“, erklärte der Markgraf. „Zumindest haben wir keinerlei Beschwerden! Anyana, ein Glas für den Fürsten!“

„Das freut mich!“ Hametten stockte kurz, als ihm die Frau einen Glaskelch mit roter Flüssigkeit reichte.

„Merlot, Wachau, 1884“, bemerkte Höllerer, und der Fürst kostete vorsichtig.

„Hervorragend", bekannte er. „Wirklich ein exzellenter Tropfen.“

„Was bringt Euch zu mir, Durchlaucht?“, fragte Höllerer rundheraus und nippte an seinem Glas. Hametten griff in seine Mappe und überreichte Höllerer eine Liste mit vielen Namen.

„Dies, Markgraf, sind Personen, welche eine Bedrohung für das Kaiserhaus und Österreich darstellen könnten. Und sei es nur, indem sie, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, irgendwelche Informationen weitergeben. Auch ihre Familien könnten ein Informationsleck sein. Sie können aber auch durchaus unschuldig sein. Ich will, dass ihre Schützlinge diese Leute überprüfen. Wenn sie unschuldig sind und keine Gefahr darstellen, sollen sie von der Überprüfung nicht das Geringste bemerken. Gibt es allerdings eine Lücke in der Sicherheit des Landes oder unseres Herrscherhauses, dann muss es gestopft werden. Diskret natürlich. Ich will nichts von einer seltsamen Mordserie hören, und auch keine Gerüchte über Vampire, Werwölfe und schwarze Magie. Geht das klar?“ Joseph studierte die Liste, dann wandte er sich an Anyana.

„Was denkst du, Mädchen? Einer der Männer könnte dein erster Außeneinsatz im Dienste ihrer Majestät werden.“ Die jung scheinende Frau lächelte breit und zeigte dabei zwei nadelspitze, lange Eckzähne.

„Hören ist gehorchen, Markgraf Joseph!“



=◇=




Im Jahr des Herrn 1723 herrschte in Europa endlich wieder Frieden. Nur vier Jahre vorher, also 1719, hatten Österreichs Truppen im Verein mit jenen der Republik Venedig unter dem Kommando von Eugen Franz, Prinz von Savoyen-Carignan, die Osmanen aus Ungarn und Rumänien vertrieben. Die habsburgischen Lande erstreckten sich nun vom Bodensee bis zum schwarzen Meer, und die dampfbetriebenen Kanonenschaluppen mit 6 bis 10 schweren Kammergeschützen auf der Donau und, mit großen, ebenfalls mit Dampf angetriebenen Kutschenrädern ausgestattet, auch zu Lande sicherten den Frieden in den neuen Provinzen. Doch seit dem letzten Sieg bei Silistra an der Donau und den nachfolgenden Verhandlungen bis Juni 1720 trübte nur noch der frühe Tod des Thronfolgers Leopold Johann das Glück von Karl VI, Kaiser des Heiligen Reiches deutscher Nation und seiner Gemahlin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel. Der Sohn war keine acht Monate alt geworden, und nun war die 1717 geborene Tochter Maria Theresia bisher das einzige Kind und damit Erbin des Kaisers. Falls nicht doch noch ein Sohn geboren würde, was bei einer Frau mit 32 Jahren allerdings nicht unwahrscheinlich erschien. Daher interessierte sich der Wiener Hof und die Gesellschaft mehr für die neuesten Werke von Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, für den fünfzehnten Ludwig, der in Frankreich eben großjährig geworden den Thron bestieg und für die Erhebung Sankt Petersburgs zur Residenz der russischen Zaren.



Nur im Juli wurde das Idyll eine Zeit lang erschüttert. Die sechsjährige Maria Theresia, welche mit ihrer Familie in der neu renovierten Burg Liechtenstein zu Gast war, verschwand mit ihrem Kindermädchen, der Frau von Ziethof, während einer Besichtigung der Höhlen in der Hinterbrühl spurlos. Einige Tage durchsuchten Landjäger die Höhlen und die umliegenden Wälder, ohne eine Spur von den Vermissten zu finden. Dann, eines Tages kamen sie frisch und munter aus einem Höhlenausgang. Nur die Augen der Damen reagierten etwas empfindlich auf die helle Sonne, verständlich nach so langer Dunkelheit. Bald schon sahen beide wieder normal, und erzählten eine sonderbare Geschichte. Maria Theresia wollte sich bei einem der Seen einen Stalagmiten genauer ansehen, dann wären sie plötzlich allein gewesen, niemand war mehr in der Nähe. Sabine, Frau von Ziethof, versuchte ruhig zu bleiben und den Weg zurück zu finden, doch dann war die Laterne ausgegangen. In der tiefen Dunkelheit gefangen, war der Prinzessin und ihrer Gouvernante mehr als bang geworden, dann hatte eine Stimme zu ihnen gesprochen. Sich mit einer Hand gegenseitig und der zweiten an dem Mann festhaltend waren sie in einen großen Saal gekommen, wo bald ein kleines Feuer ein wenig Wärme und Licht spendete. Der Mann hatte sie in ein warmes Fell gehüllt und ihnen zu trinken gegeben. Dann wären sie eingeschlafen und hätten, als sie erwachten, den hellen Ausgang gesehen. Überglücklich wären sie darauf zu gegangen. Dass mehrere Tage vergangen waren, konnten sie zuerst kaum glauben. Wäre die Freifrau von Ziethof nicht trotz ihrer Jugend als derart integre und absolut treue Person bekannt gewesen, hätte die Polizei wahrscheinlich an ein Komplott geglaubt. Wieder schwärmten Soldaten aus und durchsuchten große Teile der Höhlen, doch sie fanden weder den Mann noch das geschilderte Gemach. Man musste aufgeben, denn das unterirdische Labyrinth war einfach zu groß.



Ein Mann betrat allein die Höhle, als die Soldaten endlich abgezogen waren. Er war etwa sechzig Jahre alt und stützte sich auf einen Stock mit wertvollem Knauf. An Kleidung trug er einen unauffälligen langen Rock von waldgrüner Farbe, seine Weste war zierlich mit Goldfäden bestickt und den weißen Strümpfen sah man an, dass sie aus reiner Seide waren. Seine bis über die Schulter reichende Perücke war in der Mode der Zeit zu kleinen Löckchen frisiert und streckte sein langes Gesicht noch mehr. Der nicht sehr große Mann nickte sich selbst noch einmal zu, entzündete seine Laterne und betrat die Seegrotte. Er hatte die Pläne genau studiert und war bereits öfter mit Ortskundigen hier gewesen. Am See angekommen setzte er sich auf einen Stein und wappnete sich in Geduld. Diese wurde auch stark strapaziert, doch dann erschien ein jung aussehender Mann in dunklem, beinahe mönchisch wirkenden Anzug. Er trug keine Perücke, aber lange Haare, im Nacken von einer goldenen Schnalle gehalten.

„Ihr geht nicht mehr so bald weg, oder?“, fragte der Fremde ruhig, und der alte Mann schüttelte den Kopf.

„Nicht bevor ich mit Euch gesprochen habe!“

„Reicht es nicht, dass ich Euch das Kind und die Frau unbeschädigt zurück gegeben habe?“, murrte der langhaarige.

„Interessante Ausdrucksweise, mein Herr“, stellte der alte Mann fest. „Ich hätte den Begriff unbeschadet gewählt!“

„Nun, was wollt ihr, Mann?“

Der Mann mit der Perücke erhob sich seufzend. „Ich habe mir die Erzählungen sowohl des Kindermädchens als auch der Prinzessin Maria Theresia sehr genau angehört. Dabei gab es ein Detail, dass den anderen entgangen ist – oder sie haben es als Einbildung abgetan. Die junge Prinzessin hat geschildert, wie plötzlich ein Zahn zwischen euren Lippen hervor gewachsen und dann wieder verschwunden ist. Ich nehme an…“, der alte Mann wies auf eine Stelle im Gesicht des Anderen. „Etwa hier!“

„Ein Zahn? Gewachsen?“, fragte der Dunkelhaarige erstaunt.

„Ein Zahn! Gewachsen", bekräftigte der Perückenträger. „Ich habe mich ein wenig mit den Mythen der Gegend vertraut gemacht. Sie gehörte einmal zum Königreich Norikum. Ein keltischer Stamm.“

„Ja? Und?“

„Es gab einen Neach-ghlcaïdh Ahanam, einen Sammler der verlorenen Seelen. Oder, wenn ein moderner Ausdruck erlaubt ist, ein Vampir.“

Der langhaarige Mann lachte laut auf. „Ihr glaubt an Vampire? An Untote? Nun, als lebender Toter müsste ich eiskslt wie jede Leiche sein. Fühlt meine Hand, sie ist ebenso warm wie eure!“

„Wer sagt denn, dass Vampire kaltblütig sein müssen?“ Der Mann rückte seine Perücke zurecht. „Nur weil sie untot sind, was auch immer damit ausgedrückt werden soll? Irgend etwas dem Blutkreislauf ähnliches muss vorhanden sein, etwas muss das Denken am Laufen erhalten. Und, verzeiht wenn ich intim werde, alle Vampire und Vampirinnen werden als sehr sinnliche und erotische Wesen beschrieben. Es ist nicht nur Gier nach Blut, welches sie antreibt, sondern auch – nun, sagen wir, dass etwas für eine Größenveränderung bei einem bestimmten Körperteil führen muss.“

„Ihr seid wohl einer der aufgeklärten Naturphilosophen?“, bemerkte der Mann.

„Sagen wir, ich halte mich für einen gebildeten und denkenden Menschen. Mein Name ist Eugen Franz, Prinz von Savoyen-Carignan. Wie kann ich Euch ansprechen?“

„Sagtet Ihr nicht etwas vom Sammler der verlorenen Seelen? Aber geboren bin ich als Salghaïr. Als Jäger.“

„Nun, Salghaïr, das Kaiserhaus schuldet Euch etwas für die unbeschadete Rückkehr der derzeitigen Erbin. Und ich denke, das Reich kann solche Menschen wie Euch brauchen. Ihr scheint nicht unbedingt auf Blut angewiesen zu sein?“

Salghaïr lachte. „Es reicht ab und zu Rind oder Schwein. Oder auch Schaf, obwohl es etwas streng schmeckt. Genau genommen sogar salzige Brühe!“

„Ach? Warum sind dann Vampire so hinter menschlichem Blut her?“

„Es ist – eine Gier“, bekannte Salghaïr. „Und natürlich Lust. Als Vampir empfindet man keine Liebe mehr, aber umso mehr…“ Er zuckte mit den Schultern. „Und was habt Ihr zu bieten, wenn ich Eurem Kaiser diene, Eugen Franz von Savoyen-Carignan?“

„Ein Leben ohne Verfolger“, versetzte Prinz Eugen. „Derzeit baut ein gewisser Johann Ludwig von Hildebrandt einen Teil meines Stadtschlosses außerhalb der Stadtmauern Wiens aus. Ich nenne es Belvedere, und der obere Teil mit den Räumen zur Repräsentation ist noch ein wenig klein ausgefallen. Ein unterirdisches Schloss, alles, was Ihr benötigt, und vielleicht ab und zu einen Staatsfeind zum Dessert.“

Der Vampir überlegte kurz, dann nickte er. „Einverstanden, Prinz Eugen von Savoyen-Carignan.“

„Dann benötigt Ihr einen anderen Namen, Salghaïr. Vielleicht Rudolf, Markgraf von Höllerer.“

=◇=




Rudolf bewohnte immer noch sein altes unterirdisches Palais unter dem Belvedere, wenn auch mittlerweile unterirdische Gänge seine Wohnstatt mit Schloss Schönbrunn und dem Palais Hametten verbanden und viele seiner Art unter Wien beheimatet waren. Sein Geheimnis war von Kaiser zu Kaiser, von engem Vertrauten des Herrschers zum nächsten weitergegeben worden. In jeder Generation erfuhr vielleicht eine Handvoll Personen von der Existenz des unterirdischen Volkes von Vampiren. Sie und eine Schar Metamorphen dienten mit ihren speziellen Fähigkeiten dem Haus Habsburg beziehungsweise Habsburg-Lothringen. Denn Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel gebar nur noch Töchter, und so wurde Maria Theresia Herrscherin von Österreich und heiratete Franz Stepan von Lothringen. Den Mann mit dem wachsenden Zahn aber hatte sie nie in ihrem Leben vergessen und ihn, als er eines Nachts im Schloss Schönbrunn vor ihr stand, sofort wieder erkannt. Sie war 52 Jahren alt, seit vier Jahren Witwe und hatte Franz Stephan 16 Kinder geboren.  Trotzdem wurden ihre Knie weich, als sie den Vampir ansah,  er hatte sich nicht verändert. Und dieser Mann diente immer noch den Vereinigten Donaumonarchien.



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Das Schloss Schönbrunn mit seinen unzähligen Räumen war seit seiner Erbauung im 17. Jahrhundert als Residenz für die Ehefrau von Ferdinand II, Eleonora Gonzaga,  schon oft umgebaut und erweitert worden. Das letzte Mal, als man es mit Dampfheizung und elektrischem Licht ausstattete und so aus dem  1743 zum barocken ‚Sommerschloss' der Maria Theresia ausgebauten Bauwerk ein ganzjährig gemütlich bewohnbares Gebäude machte. Mit ein Grund, warum die Regentin Helene das Schloss Schönbrunn der bei weitem größeren und prächtigeren Hofburg vorzog. Nun ja, ein paar Jahre noch, dann hätte der Kaiser Franz Rudolph selbst die Wahl, wo er lieber wohnen wollte. Zum 19. Geburtstag ihres Sohnes wäre auch die Renovierung des Wiener Stammsitzes der habsburgischen Kaiser an der Ringstraße endlich abgeschlossen und sie – nun, sie würde noch am selbem Tag zurücktreten und ihrem Sohn die Regierungsgeschäfte ganz offiziell übergeben, der amtierende Kardinal Erzbischof von Wien würde Franz Rudolph im Dom zu Sankt Stephan feierlich salben und zum Kaiser krönen. Sie wäre dann als Regentin sozusagen im Ruhestand, auch wenn sie selbstverständlich weiter eine beratende Stelle am Hof einnehmen würde. Vorausgesetzt natürlich, der Kaiser wünschte dies. Mit ihren 59 Jahren wäre Helene dann noch immer keine wirklich alte Frau, und ein wenig Spaß würde das Leben für sie wohl doch noch bereit halten. Hoffentlich! Sie lächelte, als sie durch die große Galerie schritt, vorbei an den hundert Mal gesiebten und geprüften Wachposten des Gardebataillons Nummer Eins in ihren flaschengrünen rotgesäumten Röcken, goldenen Epauletten und Schnüren. Auf dem Kopf die Pickehaube, welche völlig unter dem Busch aus Rosshaar verschwand. Einer nach den anderen zog, wenn sie an ihm vorbeikam, seinen Säbel und grüßte damit.



Ein paar gute Eigenschaften musste Helene ihrem verstorbenen Gatten Franz Joseph schon zugestehen, immerhin hatte er ihr vier recht gut gelungene Töchter und einen kräftigen und aufgeweckten Sohn geschenkt. Und man musste ihm zu Gute halten, er war in der Hochzeitsnacht ein zärtlicher und geduldiger Mann gewesen, der es verstanden hatte, auch in ihr die Leidenschaft zu erwecken. Seine Seitensprünge – nun, sie fand leicht Trost. Und was die Erbfolge anging, so gab es seit geraumer Zeit Präservative, seit 1855 sogar aus ganz dünnem Latex, womit auch der Liebhaber durchaus auf seine Kosten kam und seinen Spaß hatte. Nun, Franz Joseph hatte es geschafft, ihr Feuer zu entfachen, und es wollte danach eben ab und zu auch gelöscht werden. Auch heute noch. Helene blieb stehen und klopfte an eine der unzähligen Türen.

„Bist du in Dezenz, Kleines?“

„Falls du allein bist, dann komm ruhig herein, Chére Maman!“



Erzherzogin Valerie Theresia war ziemlich groß, ganze 192 Zentimeter, eine schlanke, ätherisch wirkende junge Frau, deren dunkle Locken lang über Rücken fielen. In ihrem schmalen Gesicht wölbten sich volle Lippen unter einem kecken

Stupsnäschen, das beiderseits am Rücken allerliebste kleine Fältchen zeigte, wenn sie lächelte. Ihr kleiner Busen war rund und fest, ebenso der Po, ihre Beine waren lang und durchtrainiert. Sie war etwas größer als ihre Schwester Maria Sophia, aber nicht ganz so breitschultrig und muskulös gebaut. Allerdings war ihr Wille nicht schwächer, nur ihre Methoden, diesen durchzusetzen, waren weniger offenkundig und direkt.

„Was meinst du?“ Valerie hatte, nur mit einem Subligaculum bekleidet, in den Händen ein cremefarbenes langes, schulterfreies Kleid. „Dazu diesen roten Gürtel und die roten Stiefeletten und Handschuhe.“ Während sie sich umdrehte, griff die Prinzessin nach einem anderen Kleid. „Oder lieber das in Aprikot, mit der dunklen Spitze am Ausschnitt?“

„Was ist das für ein Höschen?“ Helene schnappte nach Luft. „Da ist ja von hinten gar nichts mehr davon zu sehen!“

„Der neueste Schrei aus den Revuetheatern in Wien, mon cher Maman. Das hebt den Cancan in ganz neue Dimensionen.“

Das glaube ich sofort!“

„Maman, man muss halt mit der Zeit geh‘n.“ Erzherzogin Valerie verdrehte die Augen nach oben. „François Louis wird sich sicher nicht von so einer brav‘n Bux‘ oder einer Culotte beeindruck‘n lassen. Was trägst denn du eigentlich unter deinem Kleid?“  

„Eine Création von Maître Pierre-François-Pascal Guerlain“, schmunzelte Helene. „Du weißt schon, dass es heute erst der Verlobungsball ist. Möchtest du ihm denn heute schon dein Doux Secret zeigen?“

„Was, mein Buscherl herzeigen? Eigentlich nicht, aber den Popsch kriegt er vielleicht noch zu seh‘n“, kicherte Valerie. „Man muss dem Mannsbild ein wengerl einheiz‘n, ihm zeig‘n, was ihn erwartet. Und dann muss er bis zur Hochzeit wart‘n, bis er's kriegt, weil er nachher die nächste Zeit nicht mal in's Puff geh'n kann. Ja, ich kann recht gemein sein, wenn ich will. Ich hab' mir `dacht, Maître Guerlain wär‘ ein Parfumeur?“

„Oh, das ist er ja auch. Die Création nennt sich Eau Impériale! Ein Tupf hier und einer da!“

Maman“, rief Valerie Theresia. „Du meinst, du tragst… Und da regst du dich wegen mein Seidenhoserl auf?“

„Ach Kind, ich bin immerhin 55 Jahre alt.“ Die Regentin hob die Schultern. „Da muss man schon ein wenig mehr in ein etwas größeres Schaufenster legen, wenn man Erfolg haben will. Du bist erst 23, da hat es Frau noch leicht!“

„Ach. Reicht dir der Kardinal Erzbischof Langer leicht nimmer, oder kommt er heut‘ nicht?“ Valerie wackelte direkt obszön mit den Augenbrauen.

„Ich habe mir da vielleicht ein freches Stück herangezogen", tadelte Helene schmunzelnd. „Aber wenigstens muss ich dir nichts mehr über die Hochzeitsnacht erzählen. Du darfst nur nicht das…“

„…das Blut vergessen. Ich weiß schon. Damit's Leintuch ein paar Fleck‘n kriegt, wenn in der Früh‘ die Moralapost‘l kontrollier‘n kommen“, verzog Valerie das Gesicht. „Solange nur der François mitspielt.“

„Das wird er schon", versprach Helene. „Er weiß schon, dass er keine Jungfrau bekommt, Roxane Solange weiß es, und Charles Joseph weiß es garantiert auch. Aber du darfst halt ohne Condom nur mit dem Franz Ludwig vö… – äh…“

„Ja, ist recht. Ich weiß eh schon", winkte die Prinzessin ab. „Zum Glück gibt's die Dinger in Paris ja an jeder Straßenecke. Wie wohl die Maria in Abessinien ihr'n Nachschub organisiert?“

„Allmählich fürchte ich, dass deine Schwester auch ohne diese Dinger nicht schwanger wird. Sonst hätte es schon passieren müssen, aber – na ja, es gibt halt Frauen, die nicht empfangen können, egal was sie versuchen. Da kann man leider auch nichts machen!“



=◇=




Vom Schloss aus gesehen hinter der Gloriette im Schlosspark von Schönbrunn stand die Fasangartenkaserne, wo die vier Regimenter des Infanteriebataillon Nummer 4,  der Hoch- und Deutschmeister als die Nachfolger des ‚Deutschen Ritterordens' stationiert waren. Und natürlich auch die Wachposten des Schlosses Schönbrunn sowie die Garderegimenter. Hier befand sich auch der k.u.k. Hoflufthafen mit einer maximalen Kapazität von 6 mittleren Schiffen und einem großen. Die große k.u.k. Luftyacht KRONPRINZ FRANZ JOSEPH lag üblicherweise in Laxenburg, und die allerhöchste Familie begab sich mit der wesentlich kleineren AUGUSTINE vom Schloss Schönbrunn dorthin. Den Hoflufthafen hinter der Gloriette flog nun die AIGLE an, als sie die französische Kaiserfamilie zur Verlobungsfeier nach Schönbrunn bringen sollte. Das Gebäude des Hoflufthafens war äußerlich eine Stahl- und Glaskonstruktion mit elegant geschwungenen Formen, die der Hofschlosser Ignaz Gridl nach den Plänen des Hofarchitekten Franz Xaver Segenschmid baute. Das Gebäude erinnerte an einen der alten Raddampfer in voller Fahrt, mit Rammbug und Türmen an den Seiten und in der Mitte. 1880 wurde nach beinahe den gleichen Plänen auch das Palmenhaus im Schlosspark von Schönbrunn gebaut. Ein Fahrstuhl brachte die Passagiere in die Tiefe, wo eine elektrische Untergrundbahn den Lufthafen mit dem Kellergeschoss des Schlosses und dem 1849 unter Franz Karl gebauten Gästehaus auf der anderen Seite des Wienflusses an der Schlossallee verband. Die Stationen waren mit fein geädertem, weißen Carrara-Marmor ausgelegt, welcher nun mit den Fahnen der Habsburger, welche den schwarzen Doppeladler auf goldenem Grund zeigten und den blauen Fahnen mit dem goldenen Bonaparte-Adler Frankreichs verziert war.



Die Garde der Habsburger war in der Halle des Lufthafens angetreten und trug die klassischen dunkelgrünen Uniformröcke der Palastwache zu schwarzen Hosen mit breiten roten Streifen, einem Pickelhelm mit Rosshaarbusch und weißen Handschuhen bestand. Ihre Bewaffnung bestand neben den Mannlicher-Repetiergewehren der k.u.k. Armee mit zweischneidigem Bajonett auch aus einen Säbel mit Portepee. Dazu trugen die Soldaten hohe Schnürschuhen, deren Sohlen an Spitzen und Fersen Metallscheibchen aufwiesen. Damit es beim Exerzieren auch richtig schön laut knallte und hallte. Als kaiserliche Familie Frankreichs stand den Bonapartes ein wirklich großer Empfang zu, ein gesamtes Garderegiment. Zweihundert Mann standen sich in je vier Reihen gegenüber, das Gewehr bei Fuß, zwischen sich einen roten Teppich. Der Lift, welcher an die Luke der AIGLE gedockt war, sank herab und stoppte, die Türen glitten auseinander und Charles Joseph Napoleon IV Bonaparte trat in seiner dunkelblauen Uniform und dem in Gold gesäumten und betressten Überrock mit den goldenen Ärmelaufschlägen und Epauletten als erster aus der Kabine. Oberst Konrad Baron Lassitz brüllte sein „Haaabt acht“, 400 Fersen knallten synchron aneinander, 200 Gewehreläufe wurden an  die Oberschenkel gerissen. „Das Gewehr prääsen-tiert!“ Die Gewehre wurden hochgerissen, an der Mitte genommen, noch stärker angehoben und die rechten Hände in Bauchhöhe an die Gewehrschlösser gelegt. Dann machte der Oberst kehrt und salutierte vor dem Gast. Die Militärkapelle intonierte die ziemlich schwungvolle französische kaiserliche Hymne ‚Vive l'empereur Napoléon‘ von Hector Berlioz und danach das eher getragene österreichische ‚Gott erhalte, Gott beschütze‘ von Franz Joseph Haydn. Danach ging die Regentin Helene mit ihrem Sohn Franz Rudolph von einem Ende des roten Teppichs los, während Charles Joseph, Roxane Solange und François Louis von ihrer Seite her die Ehrengarde abschritten. In der Mitte trafen sie einander, und Charles küsste die Hand der Regentin, während der in die österreichische Gardeuniform gekleidete vierzehnjährige Franz Rudolph jene von Roxane Solange küsste, dann salutierten Kaiser und Thronfolger voreinander, während die Damen nach einem Hofknicks voreinander eine Umarmung andeuteten und jeweils vier Küsse in die Luft hauchten.



Letztendlich hatte sich Prinzessin Valerie Theresia für das cremefarbene Kleid mit den roten Accessoires entschieden, und darin schwebte sie Abends pünktlich der vorher festgelegten Choreographie folgend die große Treppe des Schlosses herunter, während sie die Gäste unten im Festsaal bereits erwarteten. Natürlich waren viele Würdenträger des französischen Hofes zu diesem Ball angereist, und auch die anderen europäischen Staaten hatten durchaus hochrangige Vertreter zu diesem Ereignis entsandt. Es geschah immerhin nicht so oft, dass eine erste offizielle Begegnung vor einer Verlobung auf allerhöchster Ebene stattfand. Das laute Pochen eines Stabes machte die Gäste darauf aufmerksam, dass es Zeit war, sie öffneten eine Gasse für die Braut in spe, die Herren verneigten sich tief, die Damen machten den Hofknicks, während Valerie Theresia lächelnd an ihnen vorüber schritt und hier und da jemandem zunickte oder gar winkte. Charles Joseph Napoleon Bonaparte und Roxane Solange de Beauvoise wichen etwas zur Seite, ebenso Helene und Franz Rudolph, sodass nur noch François in seiner mittelblauen Gardeuniform mit den vielen goldenen Schnüren am Ende des Ganges aus Personen auf seine künftige Braut wartete. Von irgendwo her tauchte der Zeremonienmeister Istvan Freiherr Waraszen auf und stieß seinen Stab drei Mal lautstark auf den Boden.

„Es ist mir eine Ehre, Euer kaiserlichen Hoheit den Dauphin von Frankreich, Prinz François Louis Napoleon Bonaparte, Herzog der Dauphiné, Graf von Isere, Träger des Ehrenkreuzes der Legion, des Dionysoskreuzes, des Ordens für besondere Verdienste, Colonel der Garde von Paris vorzustellen. Euer kaiserliche Hoheit, ich darf Euch Prinzessin Valerie Theresia von Habsburg, Prinzessin von Österreich, Bayern, Ungarn, Böhmen und Illyrien, Herzogin von Piemont vorstellen.“

„Ich bin erfreut, Monsieur le Prince!“ Valerie hob ihre behandschuhte Hand und François Louis beugte sich darüber, während er die Haken zusammen schlug.

„Madame la Princesse! Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Darf ich Euch sagen, dass Ihr sehr schön seid, Erzherzogin?“

„Das hört jede Frau gerne, Dauphin“, lächelte die Österreicherin. „Auch wenn es nur ein nett gemeintes Kompliment ist!“

„Ihr verkennt mich, meine Liebe!“ François hielt die Hand Valeries immer noch in seiner.



Jetzt setzte auch das Orchester mit den ganz neuen Johann Strauß Walzer Sinnen und Minnen wieder ein, und die Beiden konnten leise mit einander sprechen, ohne dass der ganze Saal es hörte.

„Ich meine es völlig ernst! Darf ich Euch um…“

„So schnell, mon Dauphin? Ohne vorher ein wenig zu plaudern und zu schäkern?“ Die Prinzessin zog einen Schmollmund.

„… den nächsten Tanz bitten, verehrteste Cousine,“ lachte der Franzose amüsiert. „Das andere haben doch unsere Mütter schon lange beschlossen. Wir dürfen dann ja und Amen sagen und irgendwann heute Abend das Verlöbnis bekannt geben!“

„Ihr liebt mich also gar nicht, mein Herr", neckte Valerie, sich echauffiert gebend. „Nein, keine Sorge, mon Cousin. Ich weiß recht gut Bescheid über euren Lebensstil, und ich hoffe, der meine ist Euch nicht gänzlich fremd.“

„Nun! Nach allem, was man mir über die österreichischen Prinzessinnen erzählt hat, schätze ich einmal, Ihr seid schon lange keine Jungfrau mehr. In der Hochzeitsnacht werden wir eben ein wenig tricksen müssen!“ Valerie und François hatten bereits Kilometer im Dreiviertel-Takt getanzt und benötigten keine Konzentration mehr, um den Takt zu halten.

„Wir haben also ein durchaus ähnliches privates Verhalten und müssen uns eben damit abfinden, dass es eine politische Hochzeit wird“, stellte Valerie fest. „Wir können untereinander also auf verliebtes Gesäusel, Geturtel und großartige Floskeln verzichten. Lächeln, François, ich sagte untereinander. In der Öffentlichkeit sind wir doch ab heute ein Liebespaar. Ganz schwer ineinander verliebt.“ Mit einem strahlenden Lächeln blickte Valerie François in die Augen, dessen Mundwinkel  sich wieder nach oben bewegten. Ein Jouer  für die Gäste, auch wenn diese ohnehin Bescheid wussten. Der Schein, der heilige Schein musste auf jeden Fall gewahrt bleiben.

„Ich gestehe, meine liebe Valerie, dass Ihr mich schon ein wenig überrascht. Bei eurer Schwester habe ich mit solch direkten Worten gerechnet, aber bei Euch?“ Während einer Tanzfigur legte sich Valeries Hand mit einer zärtlichen Geste an die Wange des Dauphin.

„Mein armer Cousin. Ich mag Euch, François, ganz ehrlich. Und ich respektiere Euch auch, als Mensch und als Thronfolger. Aber woher soll denn die Liebe kommen, wenn wir noch nie mehr als ein paar mehr oder weniger offizielle Phrasen gewechselt haben? Vielleicht erblüht l'Amour ja noch, wenn wir uns erst näher kennen lernen.“

„Damit kann ich leben“, lachte der französische Prinz.

„Und ich verspreche Euch, mein lieber Cousin, dass alle meine Kinder ausschließlich von Euch sein werden, solange Ihr lebt“, strahlte Valerie ihn an.

„Le Parsienne?“ schmunzelte der, und Valerie nickte.

„Oder le Bijous! Und ich wünsche von Euch das gleiche, mein Dauphin. Ich weiß sehr wohl, was ein Kavaliersschnupfen ist. Wenn auch bislang nur aus der Theorie. Ich gestehe aber, wenig Interesse zu haben, selbst daran zu erkranken und die Symptome in der Praxis kennen zu lernen.“

„Das ist – fair, nehme ich an.“

„Lächeln, François, nicht auf das Lächeln vergessen. Wir sind verliebt, mon Cousin. Es ist sogar sehr fair, ebenso wie der Arzt, den ich aus Wien mitbringen und Euch regelmäßig auf den Hals hetzen werde! Lacht doch noch einmal, Cousin!“

„Ihr verhandelt hart, Cousine“, schluckte Franz Ludwig. „Und wenn ich mich einmal nicht daran halte?“

Valerie lachte glockenhell auf. „Dann werdet Ihr Euch wünschen, es doch getan zu haben. In mein Bett solltet Ihr dann nicht mehr kommen, wenn Euch an eurem Bite etwas liegt. Das verspreche ich Euch. Lächeln, Cousin, lächeln!“

„Soeben hat sich mein Bite irgendwo in der Magengegend versteckt. Nun gut, ich werde keinen Kavaliersschnupfen mit nach Hause bringen, und auch sonst keine venerischen Krankheiten.“

„Dann, mein lieber Cousin, sind wir uns ja einig!“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Wollt Ihr mich auf einen Spaziergang begleiten, mein Prinz?“

„Aber ja, meine Prinzessin“, bot er ihr den Arm, und sie nahm ihn.

„Keine Sorge, François, es wird heute keine schlimmen Überraschungen mehr geben. Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte, jetzt möchte ich wirklich nur noch ein wenig mit Euch plaudern, Euch noch ein wenig näher kennen lernen. Welche Musik zieht Ihr denn vor, vom Cancan einmal abgesehen? Und gibt es die Möglichkeit für mich, in Paris eine solche Revue einmal selbst zu sehen?“

„Ihr überrascht mich, ma Cousine.“ François blieb stehen und sah Valerie an. „Wollt Ihr wirklich leicht geschürzte Mädchen auf der Bühne die Beine heben und den Busen entblößen sehen?“

„Aber ja, natürlich. Warum denn nicht?“ Sie zog den Prinzen weiter. „Wenn sie gut gebaut sind?“ Das Bild, das sich in seine Gedanken schlich, ließ den Mund des Dauphin trocken, seinen Herzschlag schneller und seine Hose enger werden.

„Wenn ich Euch recht verstanden habe, seid Ihr der Bewunderung hübsch gebauter Frauen nicht abgeneigt?“ François Louis Bonaparte leckte seine Lippen.

„Ach, mon Cousin, wie ich sehe, dieser Gedanke erregt Euch sogar“, schmunzelte Valerie nach einem Blick auf das kaiserliche Gemächt. „Zumindest sollte ich in der Hochzeitsnacht also nicht enttäuscht werden!“ Sie legte ihre Unterarme auf die Brüstung des Säulenganges, der dünne Stoff über den rückwärtigen Backen der Prinzessin ließ der Phantasie des Dauphins wenig Spielraum.

„Valerie, ich glaube, ich sehe einer überraschend erfreulichen Zukunft entgegen.“ Der Atem des Dauphin ging bereits ein wenig schwer, seiner breiten Brust entrang sich ein Seufzer. Valerie stieß sich ab und drehte sich zu ihrem baldigen Verlobten um.

„Werdet Ihr mir die hübschesten eurer Gespielinnen vorstellen, mon Dauphin?“

„Ich werde Euch sogar ein gewisses Mitspracherecht einräumen, ma Cousine“, versprach der Kronprinz.

„Einverstanden. Das ist gut, François.“ Valerie wurde wieder ernst. „Die ersten Bauingenieure sind schon unterwegs nach Paris. Der soziale Wohnbau ist mir wirklich ein großes Anliegen, wir werden es mit deiner Zustimmung gleich in Angriff nehmen.“



=◇=




Mit zufriedenem Lächeln hatte Roxane Solange beobachtet, wie ihr Sohn mit Valerie davon tanzte. Die zukünftige Braut hatte François angestrahlt, und auch wenn der zwischenzeitlich kurz ein ernstes Gesicht machte, hatte auch er zufrieden gewirkt. Dann war Franz Rudolph vor sie hingetreten, hatte mit den Haken geknallt und sich vor ihr verbeugt.

„Madame gestatten?“ Heiliges Protokoll, danach mussten die ranghöchsten Anwesenden als erste nach den Ehrengästen tanzen. Die Französin hatte mit einem tiefen Hofknicks reagiert.

„Es ist mir eine Ehre, Sire.“ Dann hatte Franz Rudolph ihre Taille umfasst und sie für den Tanz an sich gezogen, der Wiener Walzer bedingte nun einmal eine enge Tanzhaltung unter dem Bauchnabel. Der Thronfolger der Vereinigten Donaumonarchien war für sein Alter bereits recht groß, es fehlte ihm nicht mehr viel auf 166 Zentimeter. Roxane selbst war nur wenig größer, und sie bemerkte, dass der junge Mann nur mit Mühe den Blick von ihrem großzügigen Dekolleté lassen konnte und erfühlte sehr wohl die erwachende Männlichkeit des Knaben. Sie lächelte amüsiert in sich hinein, seine Gouvernante würde an diesem Tag wohl ihr Geld mit langen Überstunden verdienen müssen. Man merkte die Anstrengungen des Prinzen, den Tanz mitsamt dem leichten Geplauder mit Würde zu überstehen. Aber natürlich war Franz Rudolph hervorragend ausgebildet, und so war keine wirkliche Peinlichkeit entstanden. Als der Walzer ausklang, führte der Prinz Roxane in eine elegante Drehung und verbeugte sich, während sie wiederum einen Knicks machte.

„Madame möchten mich bitte entschuldigen, es wird Zeit, mich zurück zu ziehen!“ Franz Rudolph küsste der französischen Kaiserin galant die Hand.

„Natürlich, Sire. Ich verstehe das vollkommen“, antwortete Roxane mit feinem Lächeln. Dann beobachtete sie, wie der Thronfolger zu Frau von Lipperth, seiner Hausdame, ging und sie mit sich zog. Im Gedanken wünschte Madame de Beauvoise dem Jungen viel Spaß. Dann hielt sie einen Lakaien auf und nahm sich ein Glas Champagner. Müßig schlenderte sie durch die Räumlichkeiten und betrachtete das bunte Treiben. Plötzlich stockte ihr Schritt. Charles Joseph Napoleon, ihr Gatte, ging mit Helene, der Regentin der Vereinigten Donaumonarchien in einen Nebenraum, ein Diener schloss die Tür und bezog davor Aufstellung. Nicht, dass sie zur Eifersucht neigte, aber wenn Charles sich mit einer Frau wie Néné zurück zog, war es nicht aus amourösen Gründen. Ganz bestimmt nicht. Hier konnte nur Politik im Spiel sein, und Roxane Solange hasste es, davon ausgeschlossen zu sein und nicht mitbestimmen zu dürfen.

„Madame gestatten bitte!“ Ein großgewachsener Gardeoberst salutierte vor Roxane. Mit Mühe, aber würdevoll lächelnd akzeptierte sie die Aufforderung des Offiziers zum Tanz.



Ganz unrecht hatte Roxane nicht. Denn wenn auch Néné auf ihre etwas herbe Art recht gut aussah, so fiel sie doch nicht so ganz in das Beuteschema des Empereur. Sie war zu groß, zu kräftig und – man konnte es  nicht höflicher sagen, zu alt, obgleich der Franzose nur ein Jahr jünger als die Regentin war. Aber Charles mochte seine Gespielinnen lieber klein, zierlich und nicht älter als fünf- oder sechsundzwanzig. Auch Roxane war mit zwanzig genau so gewesen, als sie den sieben Jahre älteren Charles geheiratet hatte. Nach der Geburt ihres Sohnes war es ihr gelungen, ihre Figur wieder zu finden, drei Jahre später, als Nicolette Justine auf die Welt kam, wurden die Brüste voller, die Hüften blieben breiter und die gesamte Figur nicht dick, aber etwas mollig. Ein Grund für Charles, das Bett seiner Angetrauten nur noch selten aufzusuchen. Und Roxane Solange fand etwas, das für sie noch weit erregender als die Umarmungen eines Mannes war. Das Spiel mit der Macht. Und so setzte sie ihre Gunst ein, um die mächtigsten Männer Frankreichs an sich zu binden und als Verbündete zu gewinnen. Sie wollte allerdings keine Revolution anzetteln, die Macht als graue Eminenz im Hintergrund, welche die echte Macht ausübte, reichte ihr völlig. Daher wählte sie ihre Hofdamen mit Bedacht – nach Aussehen und Neigung. Mit Erfolg. Dass sie selbst nun schon einige Zeit die Marionette einer anderen war, bemerkte sie nicht.





Selbstverständlich hatte Charles seinerseits Néné zum Tanz aufgefordert, alles andere wäre ein Affront und völlig unmöglich gewesen. Auch wenn er den Tanz als solchen nicht wirklich genoss.

„Es sieht so aus, als wären unsere Kinder dabei,  ihre Angelegenheiten zu regeln“, plauderte Helene lächelnd, und der Kaiser lächelte zurück.

„Es sind politische Verhandlungen, ma cher Cousine. Mit einem Lächeln im Gesicht und harten Tatsachen hinter netten Worten!“

„Das, mon Cousin, ist genau das Wesen der Diplomatie. Am Ende sind beide nicht völlig zufrieden, haben aber ein Abkommen wurde getroffen, mit dem beide Leben können!“

Napoleon IV zuckte mit den Achseln. „Ich denke, das ist auch das Wesen der Ehe. Zumindest, wenn man Rang und Namen hat!“

„Aber Mon cher Empereur, warum denkst du, dass eine Beziehung oder Ehe ohne Diplomatie lange gut gehen könnte?“ Sie folgte der Führung des Kaisers und wechselte die Drehrichtung. „In einer guten Beziehung ist Höflichkeit und Diplomatie noch wichtiger als unter Fremden!“ Der Walzer verklang, und Charles küsste die Hand Helenes.

„Ich danke für diesen Tanz, Cousine. Es war ein ausgesprochenes Vergnügen.“

„Charmeur!“ Néné zwinkerte. „Ich bitte dich, mir zu folgen, ein kleines Stübchen, wo uns niemand stören wird, erwartet uns!“

„Das ist – nun, ich möchte nicht unhöflich sein, aber…“. Charles wurde sichtlich verlegen.

„Zum Reden, Cousin, nur zum reden", lachte Néné. „Und wir haben einiges zu besprechen. Ohne Zeugen!“

„Dann wird es mir ein Vergnügen sein“, bot er ihr den Arm an, und sie hakte sich unter. „Auch wenn ich vorsichtig sein muss. Ich habe die Staatsgeschäfte ehrlich gesagt zu lange vernachlässigt. Jetzt hat meine Frau eine ziemlich mächtige Allianz hinter sich, und Madame de Cartaille hat ebenfalls nicht wenige Anhänger in ganz Frankreich. Und diese Hellseherin ist derzeit die mächtigste Person in meinem Reich. Wahrscheinlich sind alle Hofdamen, deren Gunst ich mich erfreuen durfte, von dieser Madame de Bouffée bereit gestellt worden."



Der Diener hatte die Tür des Kämmerchens geschlossen, und nicht einmal die Gemahlin des französischen Kaisers würde an ihm vorbei kommen. Néné goss Champagner in zwei Glasflöten und reichte Charles eine davon.

„Das ist der beste Exportartikel deines Landes“, schwärmte sie. „Das, und der Weinbrand aus der Cognac. Warum hinkt Frankreich eigentlich wirtschaftlich so hinterher, Charles. Die Armee Frankreichs ist die größte Europas und bekommt die moderne Ausrüstung, aber beim Volk kommt nichts an. Noch nicht einmal ein Dampfnetz in Paris, von elektrischem Strom gar nicht zu reden. Außerdem  haben große Teile deines Volkes zu wenig zu essen und kein Dach über dem Kopf.“

Der Kaiser sah in sein Glas und überlegte lange. „Ich bin dem Gedanken aufgewachsen, dass Frankreich von Feinden umgeben ist. Vor allem England, dann natürlich die belgisch-niederländischen Länder. Der deutsche Bund, obwohl mein Uropa Canada nur mit den von den Deutschen gekauften Dampfschiffen erobern konnte. Russland könnte jederzeit von Alaska aus unsere canadischen Gebiete überfallen, im Süden und in Africa sind die Spanier und Portugiesen auch noch mit im Spiel. Das kleine Frankreich steht allein gegen eine Unzahl von Feinden, Helene. Frankreich war einmal eine große Macht, und das Volk erwartet von mir…“

„Brot und Wohnraum, Cousin", unterbrach Néné. „Großreichträume halten ein Volk eine gewisse Zeit bei der Stange. Aber wenn sich zu Hause nichts ändert und weiterhin dünne Suppe auf den Tisch kommt, dann brauchst du noch mehr Geld für Spitzel und Geheimpolizisten, als fehlende Nahrungsmittel kosten. Wenn das Volk dann ins Ausland schaut und überall elektrisches Licht, Dampffahrzeuge und öffentlichen Verkehrsmittel sieht, dann möchte der kleine Mann das auch. Und jetzt ehrlich – bekommt er es, wenn die Donaumonarchien in Frankreich aufgehen? Nein, denn dann muss alles in eine noch größere Unterdrückungsmacht gesteckt werden, damit das Volk nicht aufbegehrt. Du solltest anders herum vorgehen. Mein Schwiegervater hat das richtig erkannt, und jetzt stehen die verschiedenen Völker unserer Monarchien nicht mehr gegeneinander, sondern füreinander. Ohne Zwang und Denunzianten. Noch ein Glas?“

„Ja, bitte!“ Charles trank rasch aus und hielt Helene sein Glas entgegen. Diese reichte ihm die Flasche und schüttelte das ihre. „Natürlich, entschuldige. Ich bin es so gewöhnt, dass – nun ja.“ Gekonnt füllte der Franzose die Gläser, ohne etwas zu verschütten. „Du hast leicht reden, Helene. Österreich ist mit Deutschland in einem ziemlich festen und mächtigen Bündnis. Frankreich aber hat niemand.“

„Und warum ist das so?“, fragte Néné. „Weil Frankreich immer bestimmen will. Die ganze Welt soll nach der Pfeife von Paris tanzen und froh sein, dass die Grande Nation den Takt vorgibt. Aber in der Zwischenzeit verhungern die Ärmsten der Armen und erfrieren auf den Straßen der französischen Städte. Ist es das wert?“

„Die Glorie Frankreichs ist alles Wert und verlangt nun einmal Opfer von jedem!“

„Die Glorie Frankreichs“, wiederholte Helene leise. „Was ist denn die Glorie ohne Menschlichkeit Wert?“

„Alles!“, betonte Charles. „Was ist ein Land ohne seine Ehre und seinen Stolz?“

„Was ist ein Volk ohne essen, weil zwar fruchtbare Böden vorhanden sind, aber die große Armee der Bevölkerung alles wegfrisst?“, gab Néné zurück. „Und durch diese riesige Armee fehlen Hände für die Ernte. Maschinen benutzt man in Frankreich ja auch nicht für die Landwirtschaft. Und kaum in der Industrie, außer den alten exothermischen Kesseln, deren Qualm alles verstinkt und trotzdem ungenügende Leistung erbringt.“

„Wir haben auf unseren Gebieten nur wenige Rohstoffe für das Dampfpulver“, musste Napoleon zugeben. „Wir produzieren gerade genug für unsere Armee und eine gewisse Reserve, damit wir durchhalten können, wenn wir angegriffen werden.“

„Mon Ami, niemand will Frankreich überfallen – außer vielleicht die Engländer, die Canada zurück wollen.“ Helene nahm noch einen Schluck von ihrem Schaumwein. „Und selbst Britannien wird auf einen Anlass warten. Die Weltöffentlichkeit ist heute im Zeitalter der unzensierten Presse und der Telegraphie nicht mehr so leicht hinters Licht zu führen und verurteilt üblicherweise ungerechtfertigte Kriege. Und kein Haus in Europa möchte das andere zu mächtig werden sehen. Das wird das noch junge Haus Habsburg-Bonaparte noch lernen.“

„Habsburg-Bonaparte?“, fuhr Charles auf.

„Natürlich“, lächelte die Erzherzogin. „Erinnere dich doch. 1810 heiratet Marie Louise von Österreich Napoleon Bonaparte. Das ältere, höhere Haus wird immer zuerst genannt.“

„So etwas würde das französische Volk niemals akzeptieren!“ Charles ballte seine Faust.

„Und doch wird dein Enkel wieder genau das sein“, bohrte Helene weiter in der Wunde. „Wann wurde der erste Bonaparte Kaiser Frankreichs? 1799 Konsul, 1804 Kaiser, wenn wir großzügig rechnen, spielt dein Haus knapp 90 Jahre eine bemerkenswerte Rolle. Also höre auf eine Dynastie, die wirklich Erfahrung gesammelt hat. Sorge für Wirtschaft und Landwirtschaft. Gib deinem Volk zu essen, Charles Joseph Napoleon IV Bonaparte! Und dein Volk wird dich dafür mehr lieben als für die Eroberung von halb Österreich. Was uns zu einem weiteren Punkt bringt. Die Donaumonarchien garantieren, Frankreich nicht anzugreifen. Solltest du jedoch auf die Idee kommen, uns oder unsere Verbündeten anzugreifen, dann wird Frankreich die gesamte Wut unserer Soldaten zu spüren bekommen. Überall auf der Welt. Und Valerie Theresia wird dir als Geisel nichts nützen. Gar nichts.“ Plötzlich schwang Eiseskälte in der Stimme der Regentin mit, Charles Joseph erschauderte plötzlich. „Wir werden dafür sorgen, dass das Haus Bonaparte einen solchen Schritt bitter bereuen würde. Aber das ist sicher nicht nötig“, fuhr sie im Plauderton fort, der Franzose fragte sich, ob er diese Kälte wirklich verspürt hatte.

„Nun, ich habe nicht vor, einen Krieg zu beginnen", verkündete er.

„Gut! Nächster Punkt. Versuche nicht, meinem Sohn etwas anzutun, damit François Louis den Thron der Donaumonarchien besteigen kann“ wieder schlich sich ein stahlharter Unterton in die Stimme Helenes. „Es würde nicht klappen!“

„Ich habe nicht vor, Franz Rudolph etwas antun zu wollen“, fuhr der Franzose auf. „Das hätte doch keinen Sinn! Selbst wenn Maria Sophia sich zurück reihen ließ, kommt doch vorher noch Pavel Alexandrowitsch Romanow, der Ehemann von Elisabeth Anna.“

„Roxane Solange hat es vor, Cousin, da sind wir uns ganz sicher. Bremse sie besser ein, oder – nun, ich will nicht drohen, aber es wäre ratsamer. Und nun, mon Ami, möchte ich deiner Rückkehr zu deiner Mätresse nicht mehr im Wege stehen! Viel Vergnügen noch auf dem Ball!“ Helene erhob sich und drückte auf einen elektrischen Schalter, welcher ein dezentes Signal vor der Tür auslöste. Sofort öffnete der Lakai die Tür, und die Regentin der Vereinigten Donaumonarchien schritt zurück in die öffentlichen Räumlichkeiten des Schlosses Schönbrunn und mischte sich wieder fröhlich plaudernd unter ihre Gäste.



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Wilhelmshaven




Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen aus dem Hause der Hohenzollern,  durch Gottes Gnade unter dem Thronnahmen Wilhelm II Kaiser des Deutschen Reiches, König von Preußen, Fürst von Brandenburg, Meister des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler, Protektor des Johanniterordens und Träger von mehreren internationalen Rittertiteln hatte seinen linken Arm, der ab der Schulter aus einer durch Vaporid betriebenen Prothese bestand, auf den Rücken gelegt und zwirbelte mit der rechten Hand seinen Schnurrbart. Sein Blick ging von der hohen Brücke des flugfähigen Schlachtkreuzers aus über die beiden vorderen Drehtürme der 35 Zentimeter Hauptartillerie bis zum spitzen Bug

„Sie ist fertig, Bismarck.“ Purer Stolz klang aus den Worten des deutschen Kaisers. „Die SPREEWALD ist noch besser geworden als geplant, dank der optimierten Schaufeln. 47 Knoten im Wasser und 95 in der Luft! 600 Kilometer Reichweite. Für etwa sechs Stunden ist die SPREEWALD das stärkste Schiff am Himmel! Die zwei einfahrbaren Kielbatterien mit je vier Rohren sind halbautomatisch, und das mit einem Kaliber 15 Zentimeter! Sehen sich diese Kurven an. Aber wie ich Sie kenne, sind Sie nicht gekommen, das neueste Schiff des deutschen Kaiserreiches zu bewundern. Was haben Sie zu berichten. Wenn es so dringend ist, fürchte ich allerdings etwas Schlimmes.“

Der wuchtige Kanzler wiegte den Kopf. „Ich bin nicht sicher, Majestät“, begann er zögernd.

SIE sind sich nicht sicher?" Dem Mann in der reich geschmückten Admiralsuniform fiel das Monokel aus dem linken Auge und baumelte an seiner Kordel. „Das habe ich ja noch nie gehört. Geht jetzt die Welt unter? Mann, Bismarck, mein Großvater hat Sie nicht gemocht, aber gebraucht. Mein Vater hat ihre Art verabscheut, Sie aber als den klügsten Kopf im deutschen Reich bewundert. Und bisher – nun, ich mag Sie auch nicht besonders, aber mit ihrer Klugheit und Ehrbarkeit sind Sie die beste Wahl für den Posten des Kanzlers. Und ein Garant für die Ehre des Reiches. Ich weiß, ich könnte ihnen mein Haus, meine Frau und mein Vermögen völlig unbedenklich anvertrauen. Und jetzt sagen SIE mir, dass Sie etwas nicht einschätzen können? Was ist es?“

Fürst Otto von Bismarck sah starr geradeaus. „Valerie Theresia von Österreich heiratet François Louis Bonaparte von Frankreich. Gestern ist die Verlobung offiziell bekannt gegeben worden! Euer Bruder Heinrich hat die Honneurs gemacht.“

„Oh!“ Wilhelm spielte mit der Kordel des Monokel. „Eine Hinwendung Österreichs nach Frankreich? Beide zusammen wären fürchterlich stark – aber warum? Wozu?“

„Ich habe eine Nachricht der Regentin Helene. Darin versichert sie uns ihrer ungebrochenen Bündnistreue.“ Bismarck nahm einen Brief aus der Tasche und reichte ihn seinem Kaiser. „Sie vertraut uns an, dass Franz Ludwig eigentlich Maria Sophia Ludovika ehelichen wollte.“

„Das könnte dann ja der Grund für seine Reise nach Ägypten, den Sudan und Abessinien gewesen sein.“ Der Kaiser spielte mit dem Schreiben, plötzlich huschte ein Grinsen über das sonst eher melancholische Gesicht Wilhelms. „Aber die Dame wollte wohl nicht. Maria Sophia kann ziemlich störrisch sein, ich habe es selbst erlebt. Sie hat einige gute Partien ausgeschlagen, als sie auf meinem offiziellen Verlobungsball in Berlin war. Damals, als ich mich mit Auguste Viktoria verlobt habe. Ich glaube, der damalige skandinavische Thronfolger wäre ziemlich an ihr interessiert gewesen. Sie auch an ihm, aber nicht als Ehemann.“ Der Kaiser der Deutschen betrachtete seine maschinelle linke Hand. „Wir sind beinahe gleich alt, Bismarck. Sie ist nur etwa ein Monat jünger. Und sie hat mir damals gezeigt, dass man auch mit einem verkrüppelten Arm seinen Spaß auf der Tanzfläche haben kann!“

„Jawohl, Hoheit. Damals stand eine Verlobung kurz im Raum, aber beide Reiche haben die Idee ad Acta gelegt. Vielleicht weil damals - allerdings hatte Knut Olaf zu diesem Zeitpunkt auch schon einige Liebschaften hinter sich gebracht.“ Der Blick des Kanzlers war wieder in weite Fernen gerichtet.

„Schon gut, Bismarck, Sie haben recht. Es geht um heute. Was lässt uns die Regentin noch wissen.

„Die Verlobung hat im Schloss Schönbrunn stattgefunden. Dieser Umstand war nicht zu verheimlichen, und Euer Bruder und unser Botschafter war anwesend. Es wird im Juni der große Verlobungsball stattfinden, zu welchem auch Euer Majestät eingeladen sind.“

„Ein übliches Procedere, würde ich sagen. Was ist das Besondere?“ „Der Überbringer der Nachricht, Hoheit. Darf er an eintreten?“

„Ach, Sie haben ihn gleich mitgebracht? Kapitän, würden Sie sich darum kümmern?“



Von zwei Seesoldaten begleitet holte der erste Offizier einen noch jungen, schlaksigen Mann in der Uniform eines österreichischen Korvettenkapitäns auf die Brücke. Er hatte ein weiches, hübsches Gesicht und sehr schmale, gepflegte Hände. Irgendwie hatte das Gesicht Ähnlichkeit mit – der Kaiser grübelte, dann fiel ihm das Monokel an diesem Tag ein zweites Mal aus dem Auge.

„Kapitän, ich werde mit dem Kanzler und dem Korvettenkapitän die Admiralitätskabine aufsuchen. Geben Sie dem Steward Bescheid, er soll Tee und Kaffee servieren. Bismarck, Kapitän, folgen Sie mir!“ Sie stiegen eine enge Wendeltreppe hinab bis zur den Räumlichkeiten des Flottenadmirals. Immerhin waren die SPREEWALD und ihre folgenden Schwesterschiffe als Flaggschiffe einzelner Flottenverbände vorgesehen und verfügte daher über die entsprechenden Räumlichkeiten. Dort angekommen nahm der Kaiser die Mütze ab und küsste die Hand des Kadetten.

„Ich bin entzückt, dich wieder einmal zu sehen, Helene Antonia von Österreich.“ Sie erwiderte den Handkuss mit einem tiefen Knicks und das Kompliment mit überraschend rauchiger Stimme.

„Majestät sind zu gütig!“

„Waren wir nicht schon beim Du? Wann war das? Schönbrunn 1867? Der Hofball?“

„Ach, seither hat sich viel verändert“, lachte Helene. „Ihr wart 18 Jahre und ich gerade 12. In der Zwischenzeit seid Ihr Kaiser geworden, und ich – nun, ich hoffe nicht, es irgendwann werden zu müssen. Ich habe höchstens noch Chancen auf den Titel einer Königin!“

Wilhelm rechnete kurz nach. „Albert von Belgien?“

„Aber nein", schüttelte Helene heftig ihren Kopf. „Viel zu nahe verwandt mit uns Habsburgern. Raininilharo von Madagaskar käme vielleicht in Frage!“

„Aber der ist doch…“

„Schwarz?“ Helene  hob eine Augenbraue. „Aber geh! So was aber auch! Hätt‘ ich jetzt gar nicht g'merkt!“

„Alt, Helene. Zu alt für dich.  Er ist 54 und du? 24?“

„Ach der!“ Helene winkte ab. „Der Sohn von Rasoherina wird wohl nicht mehr König von Madagaskar, er ist zu schwer krank. Und selbst wenn nicht, er wäre wohl auch nicht an mir interessiert. Ich meinte eigentlich ihren Neffen, den Sohn und  designierten Nachfolger von Königin Ranavalona II.“

„Ach! Nun ja, warum denn eigentlich nicht. Hat er schon um deine Hand angehalten?“

„Aber nein, hat er nicht“, grinste Helene keck. „Aber mit ihm könnte ich mir noch eine eigene Krone erheiraten.“

„Ich verstehe!“ Wilhelm lehnte sich bequem zurück. „Zurück zum Geschäft, Helene. Warum bist du hier?“

„Ich bin gekommen, weil es Nachrichten gibt, die meine Mutter weder dem Kabel noch einen Brief anvertrauen wollte, die aber trotzdem unsere beiden Länder betreffen, mein kaiserlicher Freund. Ich nehme an, Sie – du bist ebenso an einer gewissen Stabilität in Europa interessiert wie Österreich?“ Helene Antonia steckte eine Zigarette in eine lange Spitze, und Bismarck beeilte sich, ihr Feuer zu geben. „Danke, Fürst!“ Ein Lächeln strahlte dem Kanzler entgegen.

Wilhelm II nippte an seinem Kaffee. „Ich bin prinzipiell am Frieden interessiert, Helene Antonia. Aber Deutschland wird sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen! Von Niemandem.“

„Das ist selbstverständlich!“ Auch die Erzherzogin kostete ihren Tee. „Hervorragend! Der deutsche Kaffee ist zwar eine bohnenlose Frechheit, aber der Tee ist gut. Also, natürlich will Österreich das deutsche Reich nicht übervorteilen. Leben und leben lassen ist seit Opa Franz Karl der Wahlspruch unserer Monarchien.“ Sie nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. „Roxane Solange hat uns Habsburger in eine gewisse Zwickmühle gebracht, und wir müssen zuerst einmal auf Zeit spielen und zum Zweiten – nun, mit ein paar sozialen Projekten die Franzosen, also das Volk Frankreichs für Österreich einnehmen. Dem Übel noch mehr die Spitze nehmen. Ich habe dir und dem Fürsten einiges von einer Organisation zu berichten, welche in Frankreich und Paris ganz stark in der Politik mitmischt und seine Arme bereits nach Wien und Triest ausgestreckt hat. So wie Roxane Solange die graue Eminenz hinter dem Kaiser Frankreichs ist, so steht hinter ihr eine andere Macht. Die von uns bisher gefundenen Teile nennen sich ‚Der goldene Frühling'!“ Bismarck fuhr auf. „Ach, ich sehe, dem Kanzler ist der Name nicht unbekannt. Nein, bitte! Lassen Sie mich zuerst aussprechen.“ Helene hob die Hand. „Es muss eine noch geheimere und mächtigere Organisation hinter dem Frühling geben. Eine, die es geschafft hat, mitten in der Wüste in einem Vulkankrater eine Armee aufzustellen und mit allem Nötigen zu versorgen!“

„Dann war also der Toussidè doch das Werk eines österreichischen Kommandounternehmens“, fragte der deutsche Kanzler aufgeregt.

„Nun – sagen wir, dass wir recht gut Bescheid wissen und einiges an Papieren gefunden haben.“ Helenes Gesicht wurde ernst. „Majestät, Kanzler, Österreich meint es ehrlich mit Deutschland. Wir stehen gemeinsam einer Gefahr gegenüber, welche niemand von uns wirklich einschätzen kann. Ich könnte natürlich das Nötigste von dem, was wir herausgefunden haben, aus dem Kopf referieren, hier und heute. Meine Mutter fände allerdings ein direktes Treffen für opportun, bei welchem sowohl dem Kaiser als auch dem Kanzler einige Dokumente zugänglich gemacht werden könnten. Geheim, denn wir können nicht sagen, wer alles in die Sache verstrickt ist. Es – könnten wie in Frankreich selbst höchste Kreise involviert sein.“

„Und wie stellt sich die Regentin dieses Treffen vor?“ Bismarck blieb distanziert, wie es nun einmal seiner Art entsprach.“

„Sind Sie mit meinem Hobby vertraut, Kanzler?“ Helene Antonia öffnete die Knöpfe ihrer Uniformjacke. „Es ist ziemlich warm hier!“

„Nun, mir ist bekannt, dass die Erzherzogin gerne segelt. Das – ach! Die Kieler Woche!“ Bismarck strich sich über den buschigen Schnurrbart.

„Die 8. Kieler Woche“, bestätigte Helene. „Ich habe mir einen Rennschoner bauen lassen, etwa 45 Meter Länge über alles zu 5 Meter Breite. 1.310 Quadratmeter Segelfläche auf zwei Masten. Wenn Sie die österreichischen Zeitungen verfolgt haben sollten, so werden Sie feststellen, dass ich die SPERBER bereits voriges Monat für das Rennen gemeldet habe. Es gab sogar ein Foto von mir, in weißen Regattahosen und einer entsprechenden Bluse. Es wird also nicht auffallen, dass ich mit diesem Schiff zur Kieler Woche anreise. Dass meine Mutter mich zu dieser meiner ersten internationalen Regatta mit der SPERBER begleitet ist nicht weiter verwunderlich. Wenn der deutsche Kaiser als Hochadmiral des deutschen Yachtbundes die Veranstaltung mit seiner Anwesenheit ehrt, wer sollte dabei etwas Sonderbares vermuten? Und ein Besuch eines derartigen Bewunderers für Segelschiffe wie Kaiser Wilhelm II auf der SPERBER – es wäre weit auffälliger, wenn dieser Besuch nicht stattfände. Ich bin sicher, ihnen gefällt die Yacht, Wilhelm. Dann, ein Diner an Bord der deutschen kaiserlichen Yacht AUGUSTE VIKTORIA und eine Gegeneinladung an Bord der SPERBER. Alles ganz normal, oder?“

„Kompliment, Durchlaucht!“ Der Fürst verneigte sich im Sitzen. „Dieser Plan hat eine gewisse  - Genialität!“

„Eine Idee vom Fürst Hametten, Kanzler“, versetzte Helene Antonia von Österreich. „Er war uns einige Schritte voraus.“

„Demzufolge vertrauen Sie dem Fürst von Hametten?“ Bismarck holte eine dicke Zigarre aus der Rocktasche und entzündete sie sorgfältig.

„Ihm und ein paar Polizisten in Wien und Triest. Es ist nicht einfach.“ Helene schloss die Augen und lehnte sich zurück. „Wir haben ein paar – Personen mit speziellen Fertigkeiten. Die sind eben dabei, das Offizierscorps und den Hof sorgfältig zu überprüfen. Bis dahin ist der Kreis, dem wir vertrauen dürfen, klein, Fürst. Sehr klein.“

Der Kanzler Deutschlands zögerte kurz, dann beschloss er, doch zu fragen. „Wenn Ihr der wahren Macht in Frankreich, also Madame Roxane Solange de Beauvoise, nicht vertraut, warum dann mir? Oder hat mich ebenfalls jemand überprüft?“

Die österreichische Erzherzogin lächelte amüsiert. „Fürst Otto von Bismarck, ich könnte ihnen schmeicheln und etwas von integer, loyal und über jeden Verdacht erhaben erzählen. Die Wahrheit ist aber, dass das Evidenzbureau schon seit Jahrzehnten Agenten in Berlin hat, so wie der Preußische Geheimdienst in Wien. Und in Laxenburg und Triest. Oh, Pardon – seit Neuestem nennt sich der Dienst ja Abteilung römisch III klein berta und untersteht dem Major ZbV Artur Waenker von Dankenschweil.  Den Herrn Ludwig Liberkowski in Wien kennen wir zum Beispiel schon.“ Bismarck zuckte grinsend mit den Schultern. „Nein, wir sind uns schon klar, dass der Herr nur eine Ablenkung ist, und das der wahre Agent wo anders sitzen dürfte“, winkte Helene schmunzelnd ab. Jetzt verengten sich die Augen des Kanzlers, und er holte tief Luft. „Keine Aufregung, Fürst. Wenn wir ihn erwischen, wird ihm nichts geschehen!“

„Natürlich nicht!“ Nachdenklich paffte Bismarck an seiner Zigarre. „Dazu ist der Fürst von Hametten zu astucieux. Und ich muss mir jetzt überlegen, was die Informationen meines Mannes in Wien noch wert sind!“

„Wie dem auch sei, Fürst. Einige Ergebnisse ihrer Agenten dürften in wenigen Tagen obsoléte sein. Wir haben drei unserer besten Physiker, die Herren Nicola von Tesla, Ernst Waldfried von Mach und Jan Josef Lochschmidt gebeten, mit ihren Herren Hermann von Helmholtz und Heinrich Hertz zusammen zu arbeiten. Der Mach hat ein paar interessante Berichte in der Tasche, und der Tesla wie immer jede Menge revolutionärer Ideen. Berichte und Ideen, Fürst, welche sicher noch keiner ihrer Agenten nach Berlin gesandt hat.“



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Great Plains, Britisch Amerika




Die Hufe des gescheckten Ponys donnerten im gestreckten Galopp über die Weiten der Prairie, und das lange, schwarze Haar von Viviane Büffelfrau, welche  den Mustang ritt, wehte hinter ihr her wie ein dunkler Schleier. Immer wieder sah sich die junge Frau auf dem ungesattelten Pferd nach ihrem Verfolger um, der sie nun schon seit dem Morgen jagte. Er war wieder ein wenig mehr zurück gefallen. Sollte sie ihr Tier jetzt ein wenig bremsen? Eine gewisse Zeit zu Atem kommen lassen? Ihr Pony war ein schneller Renner und hatte weniger Gewicht zu tragen als das Pferd des Verfolgers, aber dessen Appaloosahengst war ein großes, ausdauerndes Tier. Also langsamer, nur ein wenig. Wieder sah sich schwer atmend um. Der Mann war noch weit genug hinter ihr. Vor ihr war das Hügelland, die Schlucht des Otternbaches, dort, im Gewirr der Schluchten, würde sie den Verfolger abschütteln können. Sie sah ihr Ziel schon, sie war ganz nahe, jetzt ritt sie schon zwischen den Schluchtwänden. Sie hatte es geschafft, war dann rasch in den zweiten Seitencanon links geritten. Sie atmete tief durch und lachte unhörbar in sich hinein, sprang vom Pferd und lauschte nach der Hauptschlucht. Stille, kein Hufschlag. Hatte der Mann aufgegeben, als er sah, dass sie das Labyrinth erreicht hatte? War sie entkommen? Da! Ein Geräusch. Sie tastete nach den Nüstern ihres Pferdes, um ein Schnauben oder Wiehern zu verhindern.



Zwei starke Arme umschlangen sie unvermittelt von hinten und eine raue Stimme flüsterte in ihr Ohr. „Habe ich dich gefangen, schöne Viviane. Ich kenne dein Versteck hier doch schon lange! Ich wusste, dass du vor mir hierher flüchten würdest.“ Viviane entwand sich dem Mann, drehte sich um und legte ihm die Arme und den Hals.

„Dann gehöre ich jetzt wohl dir, Jonathan“, lachte sie und schmiegte sich an ihn.  „Mit Haut und Haar, mit Leib und Seele!“ Jonathan Wildes Wiesel hob das Mädchen auf und trug es hinter ein Gebüsch, wo ein schönes, wunderbar weiches Büffelfell lag.

„Wie du siehst, wusste ich wirklich, wohin du flüchten würdest!“

„Ich weiß", flüsterte sie, ihren Gürtel lösend. „Ich habe ja in letzter Zeit genug Hinweise fallen lassen.“ Sie ließ sich den ledernen Poncho mit den Zierfransen über den Kopf ziehen und legte sich dekorativ auf das Fell. „Hol dir doch jetzt deine Beute, Krieger!“ Jonathan stieß den Triumphschrei der Dakota aus und warf sein Lendentuch beiseite.

„Ab heute sind wir ganz offiziell ein Paar“, jubelte er laut. Das traditionelle Bärenfell, das ihr Vater für sein Einverständnis zur Eheschließung verlangte, hatte Jonathan heute Morgen auf seinem Pferd liegen gehabt und an Jason Zauberadler übergeben. Viviane hatte es gesehen und war unter dem Rand des väterlichen Zeltes ins Freie geschlüpft, zu ihrem Pferd gelaufen und geflohen. Eine alte Tradition, seit die Lakota den Mustang gezähmt hatten. Nur der starke Krieger bekam die starke Frau. Nun – theoretisch. Manchmal sorgte Frau schon dafür, dass auch der nicht ganz so starke Mann das Rennen gewann. Vielleicht nicht gleich beim ersten Mal, aber beim zweiten. Oder auch vielleicht erst beim dritten Versuch, wenn sie doch noch nicht so ganz überzeugt war. Oder ihn einfach zappeln lassen wollte. Wildes Wiesel war jetzt sicher nicht der größte und stärkste aller Krieger des Minneconjou-Dorfes nahe dem Otterbach, aber einer der angesehensten. Er blieb meistens Sieger in den Wettbewerben, weil er selten etwas dem Zufall überließ. Er hatte auch für den heutigen Tag vorgedacht, mit Viviane über alles Mögliche gesprochen und ihr auch zugehört, dann hatte er die Verfolgung geplant, so wie er eben alles anging.



Es wurde Abend, ehe die Beiden Hand in Hand langsam in das heimatliche Zeltdorf ritten. Noch standen hier die Winterzelte aus dickem Leder und Pelz, denn Abends konnte es noch empfindlich kalt werden. Und auch wenn die Lakota an Kälte und Entbehrung gewöhnt waren, schätzten sie doch einen warmen und gemütlichen Schlafplatz. Durch das dicke Leder seines Zeltes hörte Jason Zauberadler den Hufschlag der Heimkehrer und kam heraus.

„Hast du meine Tochter heute zur Frau gemacht?“, wollte er wissen. Jonathan machte eine bejahende Geste.

„Das habe ich, Heiliger Mann!“

„Und, bist du zufrieden, Tochter?“, wandte er sich an Viviane, welche die gleiche Geste der Zustimmung machte.

„Das bin ich tatsächlich, Vater!“

„Das ist gut!“ Jason bedeutete dem Paar vom Pferd zu steigen. „Kommt mit hinein. Lilian Reine Quelle hat noch etwas Braten, und wir Männer werden danach noch eine Pfeife rauchen. Ich habe mit Euch zu reden. Um die Pferde werden sich die Söhne des Nachbarn kümmern!“



Angenehm gesättigt stießen die Vier im Zelt von Jason höflich auf, was Lilian zu einem zufriedenen „Fein, das freut mich“ veranlasste. Dann nahm der Medizinmann zwei lange Pfeifen mit kunstvoll geschnittenen Köpfen aus einer Ledertasche, welche er mit Ruhe und Sorgfalt stopfte und von denen er eine an Jonathan weitergab. Liliane und Viviane erhielten Pfeifen mit einfachem Kopf und nur kurzen Holmen, und kurze Zeit später stiegen blaue Wolken zur Öffnung an der Spitze des Tipi. Lilian drehte das elektrische Licht ab, und wie es sich für eine Besprechung bei einer langen Pfeife gehörte, erleuchtete nur noch die zentrale Feuerstelle das Zelt mit flackerndem Licht. Eine Zeit lang herrschte Schweigen, dann ergriff Jason das Wort.

„Ihr wisst, dass der große Druide George Silbernes Wasser die Aingeal des Wampum ausgesandt hat?“

„Das ist nicht unbemerkt geblieben", bemerkte Jonathan. „Von niemandem!“

„Natürlich. Das hatte ich auch erwartet. Nun, es stehen dem Volk des Wampum schlimme Kämpfe bevor. Vielleicht sogar sehr schlimme. Körperliche und geistige Kämpfe. Wir sollen den Kriegshäuptling und den oder die Weiseste zum Paw-Waw nach Milwaukee entsenden.“ Wieder trat eine Pause ein, in denen sie den guten Tabak aus Virginia genossen. „Es kann einer Frau oder einem Mann außer im Krieg Niemand vorschreiben, was er tun und lassen soll, doch im Rat wurde beschlossen, dass du nach Milwaukee gehen solltest, Jonathan Wildes Wiesel. Natürlich nur, falls du die Nominierung annimmst. Und nachdem meine Tochter jetzt zur Frau geworden ist, kann sie dich an meiner Stelle als Zauberfrau begleiten. Das war, was ich zu sagen hatte!“

Jonathan paffte einige Male überlegend, dann machte er die Geste der Zustimmung. „Wenn der Rat mir sein Vertrauen schenkt, dann werde ich selbstverständlich reisen, und es wird mir eine Ehre sein, wenn Viviane mich begleiten möchte!“

„Dann werde ich dir jetzt die Worte der Aingeal Maria Geht ihren Weg genau mitteilen, Captain!“



=◇=




Zwei Tage später beluden Vivien und Jonathan ihre Fahrzeuge. Vivien trug lederne Hosen und ein kurzes Kleid aus Leder, darüber konnte sie noch eine warme Pelzjacke aus dem Fell von Bisamratten ziehen. Das gürtellange Haar war zu zwei lackschwarzen Zöpfen geflochten, in diesen trug sie die sonnengelben Bänder, die sie als Schamanin der Lakota kennzeichneten. Sie fuhr ein größeres Fahrzeug von Brewster and Company, auf welchem ein Reisezelt und Proviant sowie ein wenig Wäsche zum Wechseln verstaut war. Der Sattel war knapp vor dem mit Steam Powder geheizten Dampfkessel, welcher über der hinteren Achse mit den 5 Fuß durchmessenden Antriebsrädern lag, angebracht. Hinter dem Kessel lag der Behälter für das Gepäck. Vor dem Sattel war ein Wassertank und das 30 Zoll große Vorderrad zum lenken. An der Seite des Tanks war ein Holster für das BAR mit Unterhebelrepetierung im geläufigen Kaliber .44-40 geschnallt, an der Hüfte trug Vivien einen langen Revolver im gleichen Kaliber. Ebenfalls von John Moses Browning Firearms hergestellt. Auf der anderen Seite des Tanks hing ihre Medizintrommel in einer Ledertasche, mit den heiligen Symbolen ihres Volkes bemalt.



Das Armeemodell von Henderson and Dashwood, welches Jonathan ritt, war ein wesentlich schmaleres und sehr schnelles bewaffnetes Dreirad. Es verfügte über ein ebenfalls hinten liegendes 10 Zoll breites einzelnes Antriebsrad mit einem Durchmesser von 4,5 Fuß, es drehte sich um den scheibenförmigen, als Achse angelegten Dampfkessel mit 4 Fuß Durchmesser. Etwas mehr als die obere Hälfte des Hinterrades war verkleidet, unter dieser Abdeckung führten die Wasserschläuche vom Reservetank in die Druckkammer. Zwischen diesem Tank und dem Hinterrad war der Sitz des Fahrers angebracht, auf dem Tank war ein überschweres Maxim-Gewehr in Fahrtrichtung fix montiert. Kaliber .50 x 4, 90 Schuss in der Minute, die Munitionszufuhr erfolgte über einen Gliedergurt. Bis zu 800 Schuss konnten so zum Einsatz gebracht werden. Wenn der Fahrer stehen blieb, konnte er die schwere Waffe mit einer Zahnstange etwas höher kurbeln und die Arretierung lösen, um sie so nach allen Richtungen schwenken zu können. Die beiden vorderen Räder des Fahrzeuges dienten zur Steuerung und wurden über zwei Pedale bedient, im Winter konnten ganz einfach Kufen darunter geklappt werden, und das Gefährt wurde zum schnellen Schneemobil. Für die Fahrt hatte Jonathan Wildes Wiesel lederne Hosen und wadenhohe Mokassins angezogen, die Weste, welche er auf der bloßen Haut trug, war aus feinem Wildleder und verfügte über viele Taschen, die Stickerei aus roter Wolle auf seiner Brust zeigte eine Feder des Kriegsadlers in einem Kreis – das Zeichen eines Captain. Eines Kriegshäuptling. Natürlich besaß er auch den zeremoniellen roten Waffenrock mit den grünen Armaufschlägen und Kragenspiegel des RANAC, des Royal American Native Army Corps, genauer der 2 Lakota Dragoons. Aber mit Ausnahme von offiziellen Anlässen trug dieses Kleidungsstück heute Niemand mehr. Besonders nicht im Kampf, da konnte man sich ja gleich eine leuchtende Zielscheibe auf die Brust hängen. Da zog Jonathan lieber eine Jacke aus Naturleder im Blazerschnitt an, mit Zierfransen und dem Zeichen des Captain auf der Brusttasche. Auch er hatte seine langen Haare zu Zöpfen geflochten, trug jedoch in der Mitte des Hauptes eine handgroße Stelle kurz geschnitten. Dort waren die Haare mit Fett getränkt und standen etwa zwei Finger hoch aufrecht, die Stirn hatte er sich mit Zinnober rot gefärbt.  Auch er besaß die BAR und den Revolver im Gürtel, die gleichen Waffen, welche auch Viviane Büffelfrau trug. Jason Zauberadler sprach noch den Reisesegen über seine Tochter und deren Mann, dann warf das Paar die Motoren an und fuhr los. In Richtung Süden, zum South Lakota Trail, einer von zwei Wegen, welche die Rocky Mountains mit den großen Seen verband. Der südliche Trail, den sie jetzt ansteuerten, ging durch die großen Prärien, in welchen außer Büffelgras nicht viel wuchs. Selbst Bäume waren hier eine Seltenheit, daher hatte Holz für die Völker der Lakota schon immer einen großen Wert besessen.



Der Trail selber war keine besonders gut ausgebaute Straße, eigentlich nur Erdreich zwischen Hohlsteinen aus Beton. Den Verlauf dieser Straße markierten bereits aus der Ferne sichtbare 33 Fuß hohe Markierungsmasten aus Stahl, welche jeweils eine halbe Meile voneinander entfernt standen. Etwa alle 200 Meilen befand sich entlang des Trails eine Raststation mit einem Posten der Royal American Mounted Police, einem kleinen Restaurant und einigen Zimmern zum Übernachten. Trotzdem konnten die Reisenden auf dieser Straße die Ventile ihrer Dampfkessel jetzt weit öffnen und ihre Trikes auf 50 Meilen in der Stunde beschleunigen. Das hochgezüchtete leichte Offiziersmodell von Jonathan hätte es zwar noch auf 57 Meilen  gebracht, aber das zivile Gefährt Vivianes war eben deutlich langsamer, dafür aber robuster und konnte mehr Ladung transportierten. Beide waren mit ihrer Welt durchaus zufrieden. Die riesige Ebene der Great Plains, welche schon die später im Volk der Lakota aufgegangen Algonkin Wyoming genannt hatten, um sich herum, das grüne, frische Büffelgras, das jetzt im Msi nur bis knapp an das Knie Vivianes reichte, gegen Ende des Sommer aber die Schultern Jonathans überragen würde. Hinter sich hatten sie die Paha Sapa, mit dem höchsten Berg Wakondas Thron, einem Tafelberg. Vor sich die leicht hügeligen Ebenen, die schnurgerade Straße. Der Wind der Geschwindigkeit spielte in ihren Haaren, sie waren verliebt und fühlten sich frei, die Probleme der Welt konnten warten, bis sie die großen Seen erreicht hatten.



Nach zwei Tagen auf dem Trail hielten sie eines Vormittags ihre Räder an. „Das gefällt mir nicht", Wildes Wiesel nahm das Gewehr aus dem Halfter und kontrollierte die Ladung, Büffelfrau tat es ihm sofort gleich. Er war ein erfahrener Krieger, hier war es durchaus angebracht, seinem Beispiel zu folgen.

„Es ist weiter im Süden“, überlegte Viviane Büffelfrau, kontrollierte auch noch ihren Revolver und stieß ihn wieder ins Holster. „Ob das auf dem Mormon Trail ist?“

Jonathan sah zur Sonne, dann holte er seine Uhr aus der Tasche. „Es könnte auf dem Trail oder auch der Mormon Railway sein.“

„Ein Zugunglück?“, erschrak Viviane. „Das wäre aber möglich!“

„Wir waren etwa eine Stunde seit der letzten Station unterwegs“, überlegte Wildes Wiesel. „Fahr zurück und erstatte dort bitte Bericht.“

„Du bist schneller als ich", wandte sie ein.

„Ich weiß nicht, es ist ein dummes Gefühl, aber mir wäre wohler, du wärst möglichst weit weg von der Unglücksstelle“, bekannte Jonathan.

„Ein Krieger, der etwas auf sein Bauchgefühl gibt", hänselte die junge Frau und erschrak, als Jonathan sich ihr zuwandte und sie ansah. In seinen Augen flackerten Lichter, und seine Lippen waren zusammen gekniffen. „Wakan!“ flüsterte sie, dann gehorchte sie, wandte ihr Trike um und fuhr davon. So schnell es ihr Gefährt erlaubte.



Jonathan sah der kleiner werdenden Gestalt seiner Frau nach, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder nach Osten. Irgend etwas war Seltsam. Vielleicht die Farbe des Rauches, oder – nein er kam noch nicht dahinter. Langsam, wie ferngesteuert lehnte er sich leicht vor und lud das Maxim-Gewehr durch. Dann drückte er den Dampfhebel mit der linken Hand behutsam hinunter, öffnete damit die Ventile line by line und fuhr langsam los. Nicht direkt auf die Rauchsäule zu, sondern sich etwas weiter südlich haltend. Es war nicht das erste Mal, dass er solche Gefühle entwickelte, und bisher hatte es sich immer gelohnt, auf diese Eingebungen zu hören. Das letzte Stück Weg zum Gipfel eines höheren Hügels legte er zu Fuß zurück. Dort holte er sein Fernrohr hervor und beobachtete die Umgebung. Eine Staubwolke, die sich rasch nach Nordwesten bewegte, erregte seine Aufmerksamkeit. Sein Verdacht schien zumindest nicht ganz aus der Luft gegriffen, denn warum sollte sich jemand so rasch von einem Unfallort entfernen? Und für eine Herde Büffel oder Mustangs war ganz entschieden nicht die Zeit. Und wenn es Nachzügler wären, eilten sie in die völlig verkehrte Richtung. Was sollte er also tun? Der Staubwolke nach musste es sich um eine größere Bande handeln, gegen welche er wahrscheinlich nicht einmal mit dem Maxim eine ausgewogene Chance hatte.



Jonathan war ein durchaus mutiger Mann, aber deswegen noch lange kein Selbstmörder, wenn er starb, dann sollte sein Tod schon einen Sinn gehabt haben. Der Captain des RANAC lief zurück zu seinem Trike und suchte die Straße wieder auf, gab etwas mehr Dampf auf das große Rad und fuhr mit gemäßigter Geschwindigkeit nach Westen zurück. Ab und zu machte er einen Abstecher zu einem der Hügel, um nach Süden zu spähen, und immer wieder fand er die Spuren des Staubes in der Luft. Dann, mit einem Male nichts mehr. Jonathan beobachtete weiter, und wirklich, nach einiger Zeit schien sich das oder die Objekte wieder in Bewegung zu setzen. Allmählich näherte sich die Wolke aus von harten Rädern aufgerissenem und in die Luft geschleuderten Erdreich dem South Lakota Trail. Jonathan wurde irgendwie klar, das ein Feuergefecht immer wahrscheinlicher wurde. Irgendwo auf dem Trail würde es wohl dazu kommen.



=◇=




„Nun", bellte der hochgewachsene Mann barsch. Joseph Der-schneller-als-der-Wind-läuft machte sich nichts daraus. Er wusste, dass Sheriff James Amos Young nicht ihn meinte, und schon kam ein verlegenes Räuspern. „Sorry, Joseph. Es ist nur...“

Joseph winkte ab und erhob sich aus der Hocke. „Dort haben sie gewartet, Sheriff. Sie haben hier ein Wrack von einem Wagen stehen gehabt, das ist nicht zu übersehen. Ich vermute einmal, dass wirklich eine Frau den Köder spielte, zumindest sind hier Spuren von Frauenschuhen. Da drüben steht noch das Dreibein, mit dem sie eine Rakete abgeschossen haben. Wahrscheinlich eine Hale, so gut wie sie die Waggon mit dem Safe getroffen haben.“

„Shit!“ Der Sheriff nahm den schwarzen, an einen Saturno erinnernden Hut Krempe ab und fuhr mit dem Taschentuch über das Schweißband. Young war mehr als hager. Sein kahler Kopf, die tiefliegenden Augen und die eingefallen Wangen erinnerten stark an einen Totenkopf, und auch sonst schien an dem Mann kein Stück Fleisch zu sein. Das weiße Hemd, die schwarze Weste mit dem Sheriffabzeichen und die schwarzen Hosen, beides aus feinstem Cord, schlotterten im Wind um die traurig wirkende Gestalt, man traute ihm gar nicht zu, die beiden schweren .44-40 Revolver von Browning überhaupt aus dem Holster ziehen, geschweige denn zielgerichtet abfeuern zu können. Man hätte sich stark getäuscht. Einige Desperados hatten den Irrtum mit einem Aufenthalt im Gefängnis bezahlt, viele entweder sofort oder einige Zeit später sogar mit dem Leben. Die Richter der südlich und westlich des Lakotalandes gelegen Mormon States Utah und Idaho mochten es gar nicht, wenn man ihre Polizisten angriff und waren recht schnell mit einem Strick zur Hand. In der Bibel stand der Spruch Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen – die Friedensrichter waren durchaus bereit, den langsam mahlenden Mühlen GOTTES etwas mehr an Geschwindigkeit zu verleihen. Der HERR sprach zwar Mein ist die Rache, aber auch hier wollten die Mormonen dem HERRN gerne behilflich sein. Bitte, gerne geschehen, und wenn ER auf seine Rache verzichten wollte, konnte GOTT der HERR jederzeit den Strick reißen lassen, mit dem seine Diener die Übeltäter an den Baum knüpften. Niemand würde IHN daran hindern.



Nachdem ihm sein Fluch entfahren war, bekreuzigte sich James Amos schnell. Er war zwar kein strenggläubiger Anhänger der Kirche der letzten Tage, aber das mit dem Fluchen brachte einen irgendwie immer ins Gerede. Auch wenn ein Mann wie der Sheriff schon einiges an Narrenfreiheit genoss.

„Wie viele?“, fragte er.

„Zweiunddreißig Männer haben die Fahrzeuge verlassen, Sheriff. Vier Fahrzeuge, mit Metall und Nägel beschlagene Räder mit einer Breite von 8 Zoll.“

„Conestogas“, vermutete Sheriff Young.

„Natürlich“, bestätigte Joseph, der Fährtenleser aus dem Volk der Cheyenne. „Sonst hätten sie mehr Wagen benötigt, um das geraubte Gold weg zu bringen.“

„Ich nehme an, es waren Weiße?“ Der Mormone stülpte seinen Hut wieder über den haarlosen Kopf.

„Wenn ein Lakota oder Cheyenne dabei war, dann war es ein Renegat“, bestätigte sein Scout. „Wir Natives rauben zwar schon einmal etwas, von Frauen angefangen, über Trikes und Quads bis hin zu Pferden. Aber wir löschen nicht das Leben von mehr als hundert Männern, Frauen und Kindern für eine Ladung Gold aus. Nicht einmal im Krieg, das wäre überhaupt nicht ehrenwert, Sheriff.“

„Nun – nun gut. Ich finde es allerdings auch nicht ehrenhaft, eine Frau zu rauben, aber – es sind eure Sitten!“

„Aber Sheriff, wo bleibt der Spaß, wenn kein Risiko dabei ist. Natürlich benachrichtigt man den Vater der Braut, in welchem Zeitraum man seine Tochter rauben möchte. Und man bringt nachher den ausgemachten Preis. Bei den Lakota bringt man den Preis schon vorher, die Frau kann dann noch fliehen. Wir respektieren untereinander die jeweils anderen Sitten. Meine Frau ist eine Lakota, und sie hat ihren Vater abgelenkt, damit ich leichter ins Dorf kam. Das alles ist mehr oder weniger ein Spiel. Ein uns heiliges Spiel.“

„Wenn du meinst!“ Damit war das Kapitel beendet.  Als vor 50 Jahren die Mormonen in das Land der Cheyenne und jenes der Yuthaha vorgedrungen waren, waren sie froh, dass sie in den Natives Nachbarn fanden, denen ihre Religion und Rituale egal waren. Man kam ins Geschäft. Hier und hier ziehen Büffel, also siedelt lieber dort und dort. Wenn Ihr den Büffeln und den Mustangs im Weg seid, werden wir ihnen den Weg freimachen, sie sind für uns wichtiger als Ihr. Und dieses und jenes ist uns heilig, also haltet Euch besser daran, dann dürft Ihr ebenfalls glauben und machen, was Ihr wollt. Von uns aus auch 100 Frauen heiraten, obwohl wir Euch nicht einmal drei zutrauen, ohne eine davon  zu vernachlässigen. Aber – das soll nicht unser Problem sein. Die Heiligen der letzten Tage hielten sich an die Verträge, es wurde ein friedliches Nebeneinander ohne viel Verschmelzungen. Und letztendlich ein gutes Geschäft für die technisch versierten Mormonen, nachdem Jonathan Browning 1854 die geschlossene Patrone erfunden und zum Patent angemeldet hatte. Seit 1882 stellte John Moses Browning, sein Sohn, das Modell BAR und den Revolver im Kaliber .44 – 40 her, die offiziellen Waffe des RANAC. Und auch der Miliz der Mormonen, Cheyenne und Yuthaha.

„Also zweiunddreißig Männer und vier Conestogas“, überlegte Sheriff Young.  

Mindestens zweiunddreißig“, präzisierte Joseph Der-schneller-als-der-Wind-läuft.

„Selbstverständlich“, nickte der dürre Mormone und ging zu seinem Steamquad mit den 32 Zoll durchmessenden Rädern. „Aufsitzen, Leute!“, befahl er, und seine 8 Hilfssheriffs schwangen sich ebenfalls auf ihre Gefährte. „Joseph übernimmt die Führung, der Rest in Reihe folgen, hoho!“ Den scharfen Augen des Cheyenne bot sich überhaupt keine Schwierigkeiten, der Spur aus dem von den harten Rädern der dampfgetriebenen Transportfahrzeugen für schwere Lasten aufgerissenen Boden zu folgen.



=◇=




„Noch keine Spur von Verfolgern!" Jean-Paul Montes setzte das Fernglas ab. „Ob die Greifer überhaupt schon an der Stelle sind, wo wir zugeschlagen haben?“

„Du solltest besser davon ausgehen.“ Pierre Brule spuckte seinen Kautabak über die Bordwand des Conestoga. „Und wenn Young mit seinem Spürhund Der-schneller-als-der-Wind-läuft in der Gegend war, sind sie auch schon auf unserer Spur.“

„Skeleton Young?“ Montes kniff kurz die Augen zusammen, dann zuckte er mit den Schultern. „Was soll's? Wir sind fast vierzig Männer. Da beißt sich auch Young die Zähne aus. Eigentlich hat er hier schon nichts mehr zu melden. Wir sind doch bereits auf Lakota-Gebiet, da wären die Native Mounties zuständig! Also ist es egal, er muss sowieso an der Grenze umdrehen. Und wenn wir erst in Saskatchewan sind, kann uns auch keine Amtshilfe der Mounties zurück holen, wir sind dann auf französischem Gebiet.“

„Dann könnten wir ja ein wenig rasten“, grinste Germaine Contrail. „Die Mounties können uns nichts anhaben, weil wir den Zug noch auf Cheyenne-Land ausgenommen haben! Und bis das America Scotland Yard übernimmt, können wir nach Canada gehen!“

„Kurze Pinkelpause, dann geht es weiter“, entschied Montes. „Mit langsamer Fahrt, aber doch. Also, absteigen zum pipi!“



Es waren Frankocanadier, die den altertümlichen Dialekt des Fracais québébois sprachen. Diese Sprache hatte sich nicht nur, aber vor allem in der Hauptstadt des französischen Canadas auch zur Zeit der britischen Herrschaft erhalten und sich nach der Reprise Canadas durch den Aigle Napoleon Bonaparte über das gesamte Canada bis zur Grenze zum russischen Alaska durchgesetzt. Napoleon hatte auch Quebec wieder zur Hauptstadt Canadas gemacht. Es handelte sich um sans foi ni loi, wie es sie leider am Rand jeder Zivilisation gibt. Männer und manchmal auch Frauen, welche lieber durch Diebstahl, Raub oder Mord ihren Lebensunterhalt verdienten statt einer geregelten Arbeit nachzugehen. Mit letzterer erreichte man aber keine Reichtümer, und so klammerten sich diese Verbrecher immer an die Hoffnung vom ganz großen Coup. Auch die Mannschaft, die Jean-Paul Montes und seine Geliebte Germaine Contrail gemeinsam mit Pierre Brule zusammen gesammelt hatten. Und es schien tatsächlich so zu sein. Sie hatten mit einem Lockvogel den Zug zum Stehen gebracht, mit vorgehaltenen Waffen die Lokomotive und die normalen Wagen geentert. Dann hatten sie die Passagiere erschossen, Männer, Frauen und Kinder, mit Hilfe einer Hale-Raketen den schweren Waggon mit dem Gold geknackt und mehrere Kilogramm Gold in Barrenform aus den Minen in den Rocky Mountains sowie einige Säcke mit bereits geprägten Pfundmünzen geraubt. Dazu noch einiges an Silber, weit weniger im Wert, aber noch immer eine willkommene Beute.



Jetzt kletterten sie aus den Transportwagen, die wie Boote geformt waren, welche auf ihren 5 Meter durchmessenden Rädern eine Bodenfreiheit von einem Meter erreichten. Der Rumpf war 12,3 Meter lang und 3,2 Meter breit. Ohne die jeweils 20,4 breiten Räder, welche in tieferem Wasser auch als Schaufelrad-Antrieb fungieren konnten. Alte, französische Technik, nichts ausgefallenes, einfach, aber praktisch. Während die Männer ihre Notdurft verrichteten, schälte sich Germaine aus ihrem Kleid, mit welchem sie den Lockvogel gespielt hatte. Sie sah nicht einmal schlecht aus, wie ein kleiner, frecher, französischer Spatz. Doch sie hatte es faustdick hinter den Ohren. Geboren und aufgewachsen in guten und geborgenen Verhältnissen, zeigten sich bald sadistische Tendenzen. Sie begann mit dem Quälen von Insekten, später folterte und tötete sie Mäuse, Katzen und Hunde. Mit 14 Jahren hatte sie dann den ersten Mann getötet, ihm zuerst Avancen gemacht und dann plötzlich zugestochen. In den Bauch. Es war für sie absolut erregend gewesen, ihrem Opfer beim Sterben zuzusehen. Dann hatte sie Geld und wertvolle Schmuckstücke an sich genommen und war geflohen. So lebte sie weiter, finanzierte ihr weiteres Leben mit Mord und Raub, bis sie Jean Paul Montes traf. Er ließ sich von ihr nicht überraschen, nahm ihr das Messer weg und zähmte die damals 19-Jährige. Nun tötete sie nur noch, wenn Jean-Paul es befahl. Oder besser, wenn er es erlaubte.



Montes beobachtete die Entkleidung mit großem Vergnügen.

„Schade, schade“, meinte er kopfschüttelnd.

„Dann lass uns doch noch etwas länger bleiben!“ Ihre Stimme klang rau, der Gedanke an die Toten erregte sie wie immer.

„Nein!“ Der Desperado schüttelte den Kopf. „Wir fahren weiter. Zieh dir wieder etwas über“, befahl er. Sie zwängte ihre aufregenden Formen widerwillig in eine enge, grüne Cordhose und eine helle Hemdbluse, dann schlüpfte sie in kniehohe Stiefel, stülpte einen breitkrempigen Hut auf ihre dunkelblonden Haare und schnallte einen Waffengurt mit einem Revolver um ihre schlanken Hüften.

„Et Voila!“, präsentierte sie sich.

„Sehr gut!“ Montes packte sie mit hartem an den Schultern, zog sie brutal an sich und küsste sie rasch auf den Mund.

„Heute Abend“, versprach er ihr. Dann sprang er in die Einstiegsluke und brüllte hinaus. „Werdet endlich fertig und packt tes Queues wieder in die Hosen, Ihr Waschweiber. Es geht weiter!“



Als erster turnte Peter Brule über die ausgefahrene Leiter in den Wagen. Er war als Cepahubi (Large Organs) Pierre Gelber Bär auf die Welt gekommen. Er pflegte zu behaupten, dass sich der Name des Clans Cepahubi der Assiniboine auf ein spezielles Organ bezog, welches er auch oft und gerne benutzte. Im Gegensatz zu den anderen Männern seines Stammes war er zänkisch veranlagt und suchte gerne und oft Streit. Bald benannte man in um, in Giftiger Bär. Er tötete seinen eigenen Halbbruder, nicht im ehrlichen Kampf,  sondern mit einem Pfeil aus dem Hinterhalt. Warum konnte niemand in seinem Stamm sagen, aber er war danach kein Cepahubi, er galt noch nicht einmal mehr als Assiniboine. Pierre Der Stammlose floh in die Städte der Weißen, wo er in einer dunklen Seitengasse auf Jean-Paul Montes und Germaine Contrail traf. Er dachte, die kleine Frau in der eleganten Abendrobe wäre gut geeignet, den damals für einen Coup ebenfalls dandyhaft gut gekleideten Mann zu erpressen. Ein rascher Würgegriff, ein Revolver an ihren Kopf halten, die Wertsachen verlangen und dann den Mann trotzdem erschießen. Die Frau wäre ihm hilflos ausgeliefert gewesen. Hatte er sich ausgemalt und auch teilweise versucht, bis er ganz überraschend einen heftigen Schmerz in der Leibesmitte verspürte. Eine kleine, aber eiserne Hand war unter dem Schamtuch zwischen seine indianischen Leggings geschlüpft und hatte seine Hoden gequetscht, bis er nur noch gewimmert hatte, dann hatte er ein Messer an der Kehle gespürt und eine helle Stimme gehört.

„Darf ich, Jean-Paul? Bitte, lass mich ihm die Kehle durchschneiden", bettelte die kleine Frau den Mann an. „Ich werde heute Abend auch ganz besonders nett zu dir sein.“

Jean-Paul hatte den Kopf geschüttelt. „Nicht so voreilig, mon petit Chaton. Erst wollen wir doch noch ein wenig mit dem Mann plaudern!“

„Dann darf ich ihm vielleicht wenigstens die Œufs oder den Bite abschneiden?“ Germaine leckte sich die Lippen, der Stahl verlagerte sich, und Pierres Grandes Organes wurden sehr petits.

„Mon Chaton mignon“, tadelte Jean-Paul. „Nicht so schnell! Vielleicht bedauerst du es noch einmal, wenn du jetzt schneidest!“

„Was denn?“, wollte sie wissen.

„Wir brauchen immer wieder einen Fährtenleser. Kannst du Spuren finden, mon Ami?“

„Ja", nickte Pierre vorsichtig.

„Siehst du, Chaton!“ Jean-Paul nahm das Messer in Germains Hand von Pierres Gemächt.

„Und wer sagt uns, dass er nicht lügt?“ Wieder fühlte der ehemalige Assiniboine die Spitze von Germaines Dolch. „Es geht auch ganz schnell!“

„Germaine!“ Jean-Pauls Stimme klang schneidend, leise grummelnd steckte die Frau das Messer weg. „Und du darfst ihn auch loslassen“, kommandierte Montes. Contrail holte Luft.

„Jetzt!“ Der Befehl war noch nicht einmal laut, doch Pierre fühlte, wie sich der brutal harte Griff löste und brach vor Erleichterung beinahe zusammen. Jean-Paul legte ihm den Arm um die Schultern. „Komm, mon Ami. Wir wollen einmal sehen wie gut du bist. Wenn du deine Aufgabe nicht meisterst, darf das kleine Kätzchen mit dir machen, was immer es möchte. Und es hat Phantasie, glaube mir!“



Pierre glaubte es sofort, aber er war bei all seinen Schwächen und seiner Bösartigkeit ein guter Fährtenleser. Germaine Contrail akzeptierte ihn schließlich auch als dritten im Bunde, der unbestrittene Anführer blieb Jean Paul. Was immer er anordnete, führten die beiden anderen ohne zu Zögern aus. Alles! Das Trio wuchs allmählich zusammen und verübte eine Menge Verbrechen, welche aber noch nicht aufgeklärt waren. Sie blieben bisher immer unverdächtig, besonders, weil sie einen guten Teil ihrer Verbrechen südlich des Gebietes der Haudenosaunee verübten und durch diesen Landstrich unauffällig wieder nach Canada entkamen. Es reisten immerhin jährlich tausende Personen über die Trails von Canada nach Britisch America und zurück, zum Teil ohne Grenzkontrollen über die ‚grüne Grenze'.



„Geht's weiter?“, zwinkerte Pierre und machte den Weg für den Fahrer des Conestoga frei.

„Er will alles auf den Abend verschieben“, schmollte Germaine. „Dabei – egal! Wir haben ja das Gold!“

Jean-Paul räusperte sich. „Genug. Wenn alle aufgesessen sind, geht es weiter!“

„In Ordnung, mon Commandant!“ Jaques Dubois zog an der Schnur der Dampfpfeife, welche von den anderen Fahrern beantwortet wurde. Die vier Conestogas rollten wieder an.



=◇=




In der Mountiestation Silver Creek war Samuel Klares Wasser dabei, die Dienste für den folgenden Tag einzuteilen und einiges an Papierkram zu erledigen, als ein Trike mit hoher Geschwindigkeit heranfuhr und vor der Station abbremste. Sofort gingen in dem alten PI die Alarmglocken an. Er hatte die schöne Frau bereits am vorigen Abend und diesem Morgen bewundert, in allen Ehren natürlich. Wenn sie jetzt nach weniger als zwei Stunden allein zurück kam, war etwas geschehen. Und zwar sicher nichts Gutes. Viviane stürmte in die Amtsstube.

„Ein Unglück entweder auf dem Mormon Trail oder auf dem Mormon Railroad“, rief sie schon von der Tür her. „Eine dicke Qualmwolke steht etwa 100 Meilen von hier im Südosten.“ Samuel sprang erschrocken auf und zog sofort die Leine der Alarmsirene. Sein Schreck hinderte ihn nicht daran, seiner Ausbildung gemäß prompt und vor allem richtig zu reagieren. Ein tiefer, tragender Ton erklang, und schon setzte wildes Trampeln im Gebäude ein.

„Sarge, übermittle den nächsten Stationen östlich und westlich den Alarm“, wandte er sich an den PS Lester Dürrer Fisch an der Morsetaste. „Teile ihnen auch mit, was die Zauberfrau erzählt hat. Dein Mann möchte näher erkunden?“

„Das will er. Und Inspektor – er ist davon überzeugt, dass es ein Überfall oder ähnliches ist. Er wird in Sichtweite der Straße bleiben.“

„Ein Überfall? Das wäre aber sehr – unüblich.“ Klares Wasser zögerte noch, den Uniformhut in der Hand. „Wie kommt er denn darauf?“

„Ich habe das Wakan in seinen Augen gesehen“, flüsterte Viviane. „Starkes, mächtiges Wakan.“

„In Ordnung“, nickte Samuel und stülpte seinen Hut auf den Kopf. „Wenn Wakonda einen Mann berührt, dann sollte man dem auch folgen. Wir bleiben auf der Straße, bis wir ihn treffen!“



Den Männern der Mounted Police stand ein dampfbetriebener, leicht gepanzerter Pick-Up-Truck zur Verfügung. Ein sogenannter Hummer, wegen der Panzerung und der knallroten Farbe, welche ihn als Fahrzeug des RAMPC auswies. 19 Fuß und 8 Zoll lang, 7 Fuß und 9 Zoll breit, auf der Straße 35 Meilen in der Stunde schnell. Die Bodenfreiheit betrug dank einer Portalachse  20 Zoll, die Panzerplatten boten Fahrer, Beifahrer und den maximal 8 Mann Besatzung im Fahrgastraum gegen Handfeuer ausreichend Schutz, der Gegner musste schon wirklich schweres Gerät auffahren. Ein Kaliber .55 x 5 Zoll überschweres Maxim-Gewehr etwa. Eine extrem seltene Waffe bei Privatpersonen, und das RAMPC war eine Polizeieinheit, welche aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit einer solchen schweren Militärwaffe zu tun bekam. Dazu war der Hummer selbst auch nicht unbewaffnet, auf dem Dach war ein von – selbstverständlich – Browning in Lizenz hergestelltes Maxim-Gewehr montiert. Kaliber .50 x 4, wie auch auf Jonathans Trike.

„Also, Leute, Aufsitzen!“, rief PI Klares Wasser seinen Constables zu, und vier mit Gewehren bewaffnete Männer in der roten Uniform des RAMPC sprangen hinten in die Fahrgastkabine. „Du bitte auch, Zauberfrau“, rief er, als er sich auf den Beifahrersitz schwang. Viviane nickte dankbar. Es wäre für sie beinahe unerträglich gewesen, in der Station zu bleiben. Rasch nahm sie sich noch ihre BAR und die Tasche mit den schamanistischen Utensilien vom Trike, dann lief sie rasch zum Hummer.



„Deine Hand, Zauberfrau!“ PC Gregory Scharfes Auge streckte seine rechte Hand aus, welche Vivian dankbar ergriff. Mit einem kräftigen Zug half er ihr in den Wagen, wo sie auf der Bank mit dem Rücken zur Fahrtrichtung neben Gregory Platz nahm. „Willkommen, Zauberfrau. Ich bin Gregory Scharfes Auge, der kleine bullige dort links ist Jasper Rollender Donner, daneben der Riese ist Georges Eisenfaust und das dünne Gespenst ist auch ein Georges. Georges Helles Haar. Sein Dad war ein Weißer aus einer Stadt mit einem komischen Namen, den es zu uns verschlagen hat und der eine von uns geheiratet hat. Guter Jäger. Eine halbe Portion, aber ein guter Jäger. Hat sich gemausert, wie unser Georges hier!“

„Mein Vater war aus Haarlem, Gregory. Er hieß Jan van Njiuheusten und war ein Zakenman uit Nederland“, wandte sich der schlanke Mountie an Viviane. „Vergib ihm, Zauberfrau. Er hat ein scharfes Auge, aber einen stumpfen Geist!“

„Ich bin Viviane Büffelfrau, Freunde. Danke für das herzliche Willkommen!“

„Kaffee?“ Jasper Rollender Donner machte seinem Namen alle Ehre, der knapp 5 Fuß und 3 Zoll kleine Mann mit dem riesigen Brustkorb und den schwellenden Muskeln besaß den dunkelsten aller möglichen Bässe, er hätte in Richard Wagners Siegfried sofort den Zwerg Alberich singen können. Sein breiter Akzent verriet ebenso wie seine Einsilbigkeit den Wahpekute-Dakota. Für einen Mann von den Wahpekute im äußersten Osten des Dakotalandes war dieses Angebot außerhalb des Dienstweges schon eine festliche Rede, üblicherweise begnügten sich die Angehörigen dieses Stammes mit knappen Handzeichen.  Georges Eisenfaust griff hinter sich und holte eine Flasche hervor.

„Dort hinten bleibt der Kaffee schön heiß. Magst du Zucker?“

„Ja, gerne!“

„Dein Glück, Viviane Büffelfrau", bemerkte Georges Helles Haar. „Der gute Gregory kippt nämlich immer jede Menge Zucker in den Kaffee, er schmeckt dann beinahe wie Sirup. Dafür wird er immer zu dünn!“ Der Kaffee, der jetzt in den Becher floss, war tatsächlich etwas durchsichtig, das Muster am Boden des Blechbechers war noch deutlich zu erkennen. Trotzdem nippte Viviane an dem Getränk, und heiß war es zumindest wirklich. Und süß. Gut, Zucker gab schnell neue Kraft und Konzentration.



=◇=




„Dort links von uns fährt jemand auf dem Trail, Jean-Paul!“ Japues Dubois, der Fahrer des ersten Conestogas wies nach rechts, wo im spitzen Winkel zu ihrem Kurs der südliche Lakota Trail verlief. Der Chef der Bande kam auf den Bock und sah sich um.

„Ich glaube nicht, dass uns der Mann Probleme bereiten wird“, überlegte Montes.

„Er hat ein Maxim-Gewehr auf seinem Trike, das ist ein Militärmodell.“ Pierre benötigte kein Fernglas, um das zu erkennen. „Da ist ein Offizier der RANAC unterwegs.“

„Trotzdem, ein Soldat, auch ein Offizier, hat in Friedenszeiten keine Befugnisse“, erklärte Jean-Paul. „Und er ist nicht einmal in Uniform.“

„Lass mich sehen!“ Germaine zwängte sich ebenfalls nach vorne. „Oh, das wäre ein Häppchen“, urteilte sie. „Der Junge hält bestimmt eine Menge durch. Und Pierre wünscht sich schon lange ein Trike.“

„Nein“, wehrte Montes ab. „Nicht verzetteln. Unsere Spuren sind zu gut zu sehen, und es ist immerhin eine Straße. Da könnte eine Patrouille vorbeikommen. Wir bringen zuerst das Gold in Sicherheit. Keine Sorge, mon petit Chaton, du kommst schon noch auf deine Kosten!“

„Er fährt ziemlich langsam“ überlegte Pierre. „So ein Trike schafft doch sicher um die 50 Meilen! Aber er fährt langsamer als wir, als wolle er hinter uns bleiben.“

„Er wird wohl misstrauisch sein und uns ein wenig beobachten wollen“ meinte Jean-Paul. „Einfach weiterfahren, ganz ruhig. Seht doch, er bleibt stehen.“

„Merde!“, entfuhr es Germaine. „Von dort drüben kommt ein Hummer.“ Der Anführer fuhr herum.

„Teufel, ja, und diese indianischen Flics haben etwas zu melden in dem Gebiet.“



„Mögliche Banditen voraus!“ Die Stimme von Samuel Klares Wasser tönte durch den Passagierraum des Hummer.

„Mein Stichwort!“ Der dünne, aber umso länger gebaute Georges Helles Haar erhob sich von seinem Sitz, öffnete eine Lucke in der Decke des gepanzerten Fahrzeuges und schob seinen langen Oberkörper ins Freie. Dann hörten die anderen, wie er den Verschluss des Maxim-Gewehres zurückzog und wieder losließ. Mit den typischen metallischen Scheppern fuhr der Verschlussblock nach vorne und schob dabei die erste Patrone des Munitionsgurts in den Lauf.  „Geladen und gesichert!“ meldete Georges. Gleichzeitig schlossen die anderen vier Mounties die Fensteröffnungen mit Metallplatten, sodass nur schmale Schießscharten übrig blieben und luden ihre BARs durch. Viviane folgte ihrem Beispiel und kontrollierte auch noch einmal ihren Revolver. Das hatte sie zwar schon einige Male gemacht, aber sie war eben ein wenig nervös.

„Es wird schon gut gehen!“ beruhigte Gregory Scharfes Auge, und die Schamanin nickte.

„Natürlich. Aber mein Mann Jonathan Wildes Wiesel ist da draußen. Ganz allein!“

Ein flüchtiges Lächeln flog über Gregorys Gesicht. „Wenn er eine Frau wie dich erobert hat, dann ist er ein fähiger Mann. Konzentriere dich auf das Hier und Jetzt!“

Nun musste auch Viviane grinsen. „Klau mir nicht meinen Text, Greogory!“

„Liegt in der Familie!“ Scharfes Auge zuckte mit den Schultern. „Opa war Medizinmann, und er hat es auch ständig gepredigt.“



Auf seinem Trike hatte Jonathan die Arretierung des Maxims gelöst und es auf der Zahnstange frei schwenkbar gemacht. 800 Patronen im Kaliber .50x4 warteten jetzt nur noch darauf, Tod und Verderben über die Conestogas ausschütten zu können. Ein kleiner Druck von vielleicht 1 Pound mit dem rechten oder linken Daumen würde reichen, und das Maxim würde losrattern, wenn er den Druck nicht verringerte, beinahe neun Minuten. Und es war unverkennbar, dass die Mündung auf den vordersten Wagen gerichtet war. Auch Georges Helles Haar hielt sein Maxim-Gewehr auf die Conestogas gerichtet, und zähneknirschend gab Jean-Paul Montes das Signal zu halten. Als aus dem Hummer ein Mounty im roten Uniformrock mit den Schulterstücken eines Police Inspector stieg, bastelte der Francocanadier an einem halbwegs überzeugendem Lächeln.

„Mon Capitaine de Gendarmes, was kann ich für Sie tun?“ Samuel Klares Wasser blickte Montes lang an.

„Wir haben gehört, dass im Südosten eine mächtige Rauchsäule zu sehen ist.“ Der PI nahm bedächtig den Hut ab und wischte über das Schweißband. „Haben Sie dazu etwas zu sagen, Mister…?“

„Jaques-Marie Bernardotte, Monsieur“, antwortete Jean-Paul innerlich fluchend. Trotzdem, jetzt musste er die Nerven behalten. Mounties, Grenze, keine Gefahr. „Nun, ja, wir haben es aus der Entfernung gesehen! Aber wir sind nicht hingefahren, um nachzusehen!“

Samuel nickte. „So, so, natürlich! Es ging Sie ja wohl nichts an, oder?“

„Nein, natürlich nicht. Es war übrigens jenseits der Grenze zum Lakota-Gebiet“, spielte Montes seinen Trumpf aus.

„Ach so!“ Wieder nickte Klares Wasser mit dem unschuldigsten Gesicht zwischen Nordpol und Mexico. „Dann brauchen wir wohl nicht hin fahren, um nachzusehen.“

„Das kann ich nicht sagen, Monsieur.“ Jean-Paul antwortete zögernd. „Ich kenne mich mit ihrem Recht ja nicht so gut aus.“

„Natürlich. Entschuldigen Sie, Sir. Das darf ich Sie ja nicht fragen.“ Samuel Klares Wasser wirkte wie ein Idiot, aber er verfolgte eine Strategie. Die Verdächtigen in Sicherheit wiegen und dann – nun ja, was immer nötig war. „Und was treibt Sie und ihre Gesellschaft hierher, Sir?“

„Handel, Mon Capitaine. Wir versuchen, ein wenig französische Ware in den englischen Kolonien und englische Waren nach Canada zu bringen.“

„Aha!“ Samuel Klares Wasser blickte die Wagen zurück und seufzte innerlich, obwohl er äußerlich ruhig blieb. Die Staubwolke auf der Spur der Wagen konnte nur ein Blinder übersehen. Verstärkung für die Conestogas? Außerdem, bisher hatte er nur Vivianes Wort über das Wakan ihres Gefährten als Beweis für ein eventuelles Problem. Er beschloss, für das erste weiter auf Zeit zu spielen.



„Dort vorne ist schon der South Lakota Trail, Sheriff!“ Joseph Der-schneller-als-der-Wind-läuft deutete nach vorne. „Sie haben ungefähr dort, wo sie den Weg kreuzen sollten, gestoppt.“

James Amos Young nickte. „Warum auch immer, es hilft uns. Waffen schussbereit und ausschwärmen.“ Die insgesamt zehn Männer bildeten eine lange Reihe mit James und Joseph in der Mitte, dann gaben sie vollen Dampf. Und bremsten, als sie die Situation erkannten. Auch Samuel Klares Wasser erkannte Sheriff Young, wie auch die Besatzung des letzten Wagens.

„Es ist dieser verdammte Mormonensheriff“, rief Yves Blanche laut und hob sein Lefaucheux Gewehr. Der Schuss krachte und bohrte ein Loch in den Hut des Sheriffs und ließ ihn weit davonfliegen. Sofort schwangen sich die Sheriffs von ihren Quads und nahmen ihre Gewehre in Anschlag. Samuel Klares Wasser hechtete vorwärts und rollte unter den vordersten Conestoga, wo er sich möglichst flach zu Boden warf. Keine Sekunde zu früh, denn sowohl die Flinten der Banditen als auch die Maxim-Gewehre des Hummers und Jonathans hämmerten los. Eine Kugel traf Wildes Wiesel an der linken Schulter, doch er konnte mit der rechten Hand weiterfeuern. Die Konstruktion des Maxims, bei welcher der Rückstoß durch den Lademechanismus beinahe zur Gänze abgefangen wurde, half ihm dabei enorm. Und seine Ausbildung zum Krieger, in der er gelernt hatte, Schmerzen zu ignorieren.



Die schweren Geschosse mit 0,5 Zoll Durchmesser durchschlugen selbst die massiven Bohlen der Wagenkonstruktion. Keiner im Inneren kam ohne Verletzung davon, viele der Eisenbahnräuber starben bereits in den ersten Minuten des Feuergefechtes. Auch Jean-Paul und Pierre waren unter den Toten. Germaine warf ihre Revolver weg und suchte so gut es ging nach Deckung. Das Feuer aus den Gewehren der Banditen verlosch allmählich, und auch die Maxims schwiegen. Beide Schützen blieben allerdings wachsam. Samuel Klares Wasser kam wieder aus seiner Deckung, und auch die Mormonen näherten sich vorsichtig den Wagen.

„Durchsuchen“, winkte der PI seinen Männern, und mit den Revolvern im Anschlag kletterten die Mounties in den Wagen.

„Dem Himmel sei Dank!“ Eine kleine, zierliche Frau kam aus einem Versteck. Tränen liefen ihr über das Gesicht und zeichneten eine breite Spur in das verschmutzte Gesicht. „Ich habe schon nicht mehr auf Rettung gehofft. Aber ihnen ist es gelungen, diese Banditen zu besiegen! Ich danke ihnen, meine Herren, vielen, vielen Dank.“

„Hmpf!“ Jasper Rollender Donner sah sich wachsam um. Seinem Auge entging nicht, dass einer der Männer von einem Kopfschuss getötet worden war. Von hinten mit einem kleinen Kaliber. Weit kleiner als die .50er der Maxims, und noch immer kleiner .44er der BARs, welche die Mounties benützten. Trotzdem nickte er verständnisvoll. „Komm!“ Er deutete zum Ausgang, und Germaine kletterte zu Boden. Jasper gab Georges Eisenfaust durch die Luke ein Zeichen, und als Germaine an Georges vorbei ging, schnappten die Handfesseln zu.

„Ma'am, ich nehme Sie hiermit unter dem Verdacht des Mordes fest. Die Anklage kann im Zuge der Ermittlungen ausgedehnt werden.“

„Aber warum? Ich habe doch nichts getan“, jammerte Germaine. „Ich war vielleicht nicht immer ein braves Mädchen, aber auf Lakota-Gebiet habe ich nie etwas böses angestellt!“

„Wenn das stimmt, gehörst du uns, Mädchen!“ James Amos Young stand neben Samuel und betrachtete Germaine kopfschüttelnd. „So hübsch, und so verdorben.“

„Was soll ich denn gemacht haben?“, fragte Germaine. „Überfall auf einen Eisenbahnzug, vielfachen Mord und Raub einer Menge Goldes.“

„Es gibt auf Lakota-Gebiet keine Eisenbahn, und sie haben hier keine Rechte, Skelleton Young“, fauchte Germaine wie eine zornige Katze.

„Das ist nur bedingt richtig", korrigierte Samuel Klares Wasser. „Seit etwa drei Jahren besteht ein gegenseitiges Abkommen mit den Mormon States. Ihre Sheriffs dürfen bei uns tätig werden, und wir Mounties auf ihrem Gebiet. Das hat sich schon bewährt.“

„Also, Miss, ich nehme Sie ebenfalls wegen Mordes und wegen Raubes fest. Ich darf das.“ Germaine sah von einem zum anderen. Langsam begann sie zu verstehen, dass sie dieses Mal verloren hatte. Endgültig. Sie fasste sich an den Hals, der bereits jetzt eng zu werden drohte. Nach dem englischen Recht wartete nach einem Gerichtsverfahren der Galgen auf sie.



„Jonathan!“ Viviane Büffelfrau stürmte an Samuel und Young vorbei. Dann stockte ihr Schritt, sie sah den großen, roten Fleck, der die Weste des Wilden Wiesels an der linken Schulter durchtränkte. Der linke Arm hing kraftlos herab. Auch seine Leggins am linken Bein wiesen einen rasch größer werdenden Blutfleck auf, offenbar hatte ihn auch hier eine Kugel getroffen. Jonathan hatte sich mit bleichem Gesicht wieder in den Sattel seines Trikes sinken lassen, ganz offensichtlich ging es ihm gar nicht gut. Das Gesicht Büffelfrau verhärtete sich, als sie mit einem tiefen Atemzug ihre persönlichen Gefühle verdrängte und zur reinen Schamanin wurde. Sie lief zurück zum Hummer, um ihre Tasche zu holen, dabei nahm sich auch die Flasche mit Gregorys Kaffee mit. Doch zuerst legte sie den Verwundeten zärtlich auf den Boden, flößte ihm einen ihrer Kräutertränke ein und schnitt mit einem scharfen Messer das Leder von den Wunden. Die Kugeln mussten baldmöglichst entfernt, die Verletzungen möglichst rasch gesäubert und desinfiziert werden. Die Medizinmänner der Lakota hatten noch nie von Bakterien oder Viren gehört, aber dass gereinigte Wunden besser heilten und man mit sauberen Werkzeugen und Händen arbeiten sollte, wussten sie noch aus einer Zeit vor den Waiscun. Bald begann die Mixtur der Zauberin zu wirken, Jonathan verdrehte die Augen und schlief tief ein. Viviane schloss seine Lider, um eine Austrocknung seiner Augen zu verhindern, und streute zuerst blutstillendes Pulver in die Wunde am Oberschenkel. Dann arbeitete sie ruhig und effizient mit einem kleinen Skalpell und einer Pinzette aus ihrer Schamanentasche, als sie die Projektile aus seinem Körper entfernte. Zuerst das aus seiner Schulter, vorsichtig, behutsam, damit der Arm wieder beweglich werden würde. Ebenso vorsichtig streute sie ein Pulver aus getrockneten und sorgfältig zu Pulvern verriebenen Kräutern in wie Wunde, spülte mit einer Tinktur die Wundkanäle nach und streute wieder andere Kräuter. Danach nahm sie ihre Schamanentrommel und begann den Weggesang, der sie und Jonathan  in eine Trance führen würde. Eine Trance, welche die Heilung vorantreiben würde. Natürlich konnte das keine Wunder vollbringen, und die Wunden würden noch lange Zeit schmerzen. Aber der Heilungsprozess würde zumindest einsetzen und die stärkste Blutung stoppen.



Nachdem sie ihre Zeremonie beendet hatte, trank sie rasch von dem stark gezuckerten Kaffee. Hm, kalt schmeckte dieses Zuckerwasser fast noch besser. Sie dehnte sich und begab sich zu Samuel.

„Gibt es Verwundete, PI?“

Klares Wasser nickte. „Ein paar haben überlebt, sie sind bereits geständig. Wir haben ihre Wunden zugeknüpft und halbwegs versorgt, damit sie sich vor einem Gericht verantworten können.“

Sheriff Young trat dazu. „PI, danke für ihre Hilfe. Aus den Angaben der Überlebenden Banditen kennen wir auch die Rolle, welche diese Germaine Contrail bei dem Eisenbahnraub gespielt hat. Diese Frau ist ein Teufel im Körper eines Engels. Eine Frau, die dem Sterben von Kindern nicht nur gnadenlos zusieht, sondern selbst mit Hand anlegt – es ekelt mich. Das ist ein Monster, keine Frau!“



=◇=




Jonathan Wildes Wiesel hinkte bereits nach wenigen Tagen wieder auf einen Stock gestützt herum. Doch die Steuerung seines Trikes erfolgte in erster Linie mit den Beinen, und die Verwundung war bedauerlicherweise nahe am Kniegelenk gewesen. Sein Bein würde noch einige Wochen steif bandagiert bleiben müssen.

„Wir müssen weiter, um rechtzeitig einige Tage vor der Sommersonnenwende zum Pow-Wow nach Milwaukee und ich kann nicht fahren! Also bleibt uns nur der Trailhound bis Oacoma am Missouri, und dann weiter mit dem Canoe Aeir. Unsere Trikes müssen wohl hier bleiben, bis wir zurück kommen!“

„Es wird uns eine Ehre sein, darauf acht zu geben", versicherte PI Klares Wasser. „Und was die Fahrt nach Oacoma betrifft, Captain, habe ich schon telegraphiert. Du wirst den Lufthafen mit einem Hummer erreichen!“

„Das – ist sehr aufmerksam, PI“, versetzte Wildes Wiesel dankbar. „Das werden Viviane und ich gerne annehmen.“

„Es ist mir ein Vergnügen, Jonathan“, bekundete Samuel. „Besonders, weil Euch Macgpiya-Iuta in Oacoma treffen möchte!“

„Es wird eine große Ehre für mich kleinen Captain sein, General Andrew Rote Wolke persönlich zu treffen“, versprach Jonathan.



Am nächsten Morgen stiegen der Captain und die Schamanin nach einem herzlichen Abschied in den Fahrgastraum. Vorher hatte ihnen Klares Wasser noch ein Telegramm aus Salt Lake City gezeigt. Germaine Contrail war wirklich wie alle ihre gefangenen Kumpane nach angelsächsischem Recht zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Der Hinrichtungstermin stand allerdings noch nicht fest. Jonathan nahm es ungerührt zur Kenntnis. Er selbst hätte allerdings lieber bis zum Tod gekämpft, statt sich zu ergeben.
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