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Dragons - Auf zu neuen Ufern: Eine schlaflose Nacht

von SickBrain
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Het
Astrid Hofferson Hicks der Hüne
13.08.2022
13.08.2022
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Dragons – Auf zu neuen Ufern


~ Eine schlaflose Nacht – Teil 1 ~


When I open my eyes

I can’t believe it

How the world can look so different

than we were dreamin'


Hicks lag im Bett und starrte, eine Hand unter den Kopf gelegt, an die Dachbalken seiner Hütte. Obwohl bereits tiefste Nacht herrschte und es auf der Drachenklippe gespenstisch ruhig war, konnte er nicht schlafen.
Dabei sollte er müde sein. Müde bis in die Knochen. Der Tag hatte ihm schließlich einiges abverlangt.
Und nicht nur ihm. Auch seinen Freunden hatte der – wie er es nannte – Zwischenfall gehörig zugesetzt. Nach seiner Rettung hatten sie zwar so getan, als wäre alles in Ordnung, doch Hicks waren die erleichterten und zugleich besorgten Blicke sowie das ›um-ihn-Herumgeschleiche‹ sehr wohl aufgefallen.
Besonders sein Vater und Astrid hatten ihn quasi nicht mehr aus den Augen gelassen. Ohnezahn ebenso wenig, und selbst Fischbein war schreckhafter als sonst gewesen. Im Gegensatz dazu hatten die unbedarften Albernheiten der Zwillinge und Rotzbakkes gewohnte Großspurigkeit nahezu erfrischend gewirkt. Hicks hatte sich zwingen müssen, seine Gereiztheit nicht zu zeigen.
Er seufzte.
Im Grunde konnte er es ihnen nicht einmal verübeln. Schließlich war er teilweise selbst daran schuld, dass Viggo Grimborn diese absurd hohe Prämie auf seinen Kopf ausgesetzt hatte und er daraufhin entführt worden war.
Und das gleich mehrfach hintereinander.
Zuerst von diesen zwei wirklich überspannten Typen, die so kühn oder vielmehr dreist gewesen waren, ihn direkt nach der 400-Jahrfeier von Berk aufs offene Meer zu verschleppen. Wo Rohling sie dann aufgespürt hatte. Und ehe Hicks sich versah, war er von ihm für Gold und Ruhm kurzerhand von seinen Kidnappern gekidnappt worden. Dabei hatte Alwins – und später auch Dagurs – ehemalige rechte Hand seinem Namen alle Ehre gemacht.
Noch immer spürte er den Druck des Seils, mit dem er gefesselt gewesen war. Spürte, wie es ihm trotz des Hemdes in die Haut schnitt. Die Abschürfungen und blauen Flecke an seinen Armen würden wohl erst in ein paar Tagen verschwinden.
Hicks verzog das Gesicht.
Glücklicherweise war Trok aufgetaucht und hatte Rohling ausgeschaltet – nur um kurz darauf von diesem seltsamen Fremden, der wie aus dem Nichts erschienen war, selbst ausgeknockt zu werden. Und zwar mit einem Pfeil aus seinem eigenen Blasrohr.
Bei der Erinnerung daran rieb Hicks sich das Brustbein. Die Stelle, wo auch ihn ein Betäubungspfeil getroffen hatte, war nach wie vor empfindlich und leicht geschwollen.
Genau wie die Beule an seinem Hinterkopf.
Hicks unterdrückte ein Zischen, während er mit den Fingern vorsichtig das Horn unter seinen dichten, braunen Haaren befühlte.
Elendes Kopfgeld!
Elende Grimborns und elender Kopfgeldjäger!
Er wälzte sich auf die Seite.
Vielleicht lag es ja daran. Vielleicht konnte er nicht schlafen, weil er innerhalb kürzester Zeit gleich zweimal für etliche Stunden bewusstlos und somit länger als gewohnt im Land der Träume gewesen war.
Zumindest für einen Tag.
Hicks drehte sich wieder auf den Rücken und verkniff sich ein entnervtes Stöhnen. Stattdessen zerrte er sein Nachtgewand zurecht, das sich um seine nackten Oberschenkel gewickelt hatte, holte tief Luft – und zuckte vor Schmerzen zusammen. Ein gepresster Laut drang aus seiner Kehle, während seine Hand zu seinem Magen schnellte.
Götter, tat das noch immer weh.
Hicks knirschte mit den Zähnen.
Wenn er das nächste Mal auf Reiker traf, würde er sich für den Fausthieb revanchieren. Egal wie. Und wenn er ihn persönlich an einen Baum kettete, mit Honig einschmierte und anschließend zusah, wie die Feuerwürmer über ihn herfielen.
Für einen kurzen Moment legte sich ein grimmiges Lächeln auf Hicks' Lippen, doch dann schüttelte er den Kopf.
Das brachte nichts. Rache war nie eine gute Idee. Um den Grimborns das Handwerk zu legen, musste er ihnen mit Schläue begegnen. Musste klüger sein als Viggo. Und zäher als Reiker.
Er brauchte einen Plan.
Einen absolut perfekten Plan.
Ohne den geringsten Fehler.
Ein tiefes Schnauben lenkte seine Aufmerksamkeit auf Ohnezahn.
Der Nachtschatten lag zusammengerollt auf seiner Steinplatte und schlief. Allerdings nicht so ruhig wie normalerweise. Seine Augen unter den geschlossenen Lidern wanderten rastlos hin und her und seine Nüstern bebten bei jedem Atemzug. Obendrein fingen seine Ohren an zu zucken. Zunächst nur leicht, doch dann nahm das Flattern zu, bis sie schließlich regelrecht vibrierten.
Plötzlich zog Ohnezahn die Lefzen hoch und knurrte.
Hicks runzelte besorgt die Stirn. Irgendetwas stimmte da nicht. Lautlos schlug er die dicke Wolldecke zurück und setzte sich auf.
Wieder knurrte Ohnezahn, tief und kehlig. Mit einem hörbaren, schauderhaften Schnappen fuhren seine Zähne aus.
Sofort war Hicks auf den Beinen. Oder genauer gesagt auf einem Bein, hatte er seine Prothese doch für die Nacht abgeschnallt und griffbereit neben das Kopfende seines Bettes gelegt. Aber jetzt machte er sich nicht die Mühe, sie anzuziehen, sondern hüpfte eilig vorwärts, kniete vor dem schwarzen Drachen nieder und legte ihm die flache Hand auf die Stirn.
»Schhh«, raunte er. »Es ist alles gut, Kumpel.«
Durch Ohnezahns Körper ging ein Schauder. Im Schlaf grub er die Krallen in den Stein und spannte sich an. Sein Maul öffnete sich leicht, sodass Hicks sehen konnte, wie es tief unten in dem Schlund schwach zu glühen begann. Ein leises, sirrendes Geräusch erfüllte die Luft.
Oh nein ...
»Ohnezahn?«
Das Sirren wurde lauter, das Glühen stärker.
Hicks' Augen weiteten sich. Nein, nein, nein ...
Er musste etwas tun. Musste den Drachen aus dem Albtraum, den er offenbar gerade hatte, rütteln, bevor er noch die ganze Hütte abfackelte. Und ihn gleich mit.
»Ohnezahn, wach auf.« Er drückte gegen die Stirn des Nachtschattens. Keine Reaktion, bis auf das Schaben von Klauen über Basalt. Das Sirren schwoll an. Bei den Göttern ...
»Ohnezahn!«
In Hicks' Stimme schwang ein Anflug von Panik mit. Er stupste den Drachen stärker an – und krachte im nächsten Moment mit dem Rücken an das Bettgestell. Kurz wurde ihm schwarz vor Augen, in seinen Ohren klingelte es.
Heftig nach Atem ringend, schüttelte Hicks den Kopf.
Was bei Thor war das gewesen?
Blinzelnd sah er zu Ohnezahn hinüber.
Der Drache hatte sich halb erhoben; sein Rücken war leicht gekrümmt, die Flügel abgespreizt. Wenn Hicks es nicht besser gewusst hätte, hätte er denken können, Ohnezahn wäre erwacht und strecke sich bloß.
Aber die Augen des Nachtschattens waren nach wie vor geschlossen und noch immer baute sich in seinem Schlund ein Plasmablitz auf, begleitet von diesem in einem fort lauter werdenden Sirren. Währenddessen peitschte sein kräftiger Schwanz angriffslustig über den Boden.
Da begriff Hicks. Der Schwanz!
Ohnezahn musste ihm damit einen Schlag verpasst haben. Einen ziemlich heftigen Schlag, dem Brüllen seiner Rippen nach zu urteilen. Es fühlte sich an, als wären sie gebrochen. Zumindest eine von ihnen.
Ächzend rappelte Hicks sich hoch. Ihm blieb kaum mehr Zeit.
Also schob er den Schmerz beiseite und kroch hastig wieder zu dem Drachen hinüber; stieß sich mit den Knien ab und zog sich mit den Händen vorwärts, indem er die Fingernägel in die Holzbohlen krallte. Splitter bohrten sich ihm in die Haut.
Er ignorierte es.
Schließlich kniete Hicks abermals vor Ohnezahn, das Maul mit den spitzen Zähnen und dem todbringenden Licht so nah vor seinem Gesicht. »Ohnezahn, wach auf.«
Das Sirren wurde immer durchdringender, näherte sich seinem Höhepunkt.
Oh, großer Odin ...
»Wach auf!« Hicks schrie jetzt. »Wach auf, wach auf, wach auf!«
Ohnezahns Rücken krümmte sich vollends zum Buckel, sein Schwanz hörte auf zu peitschen. Er stand kurz davor, zu feuern. Und in diesem Augenblick kam Hicks die verwegenste Idee, die er je gehabt hatte.
Tyr, steh mir bei ...
Beherzt kniff er dem Nachtschatten in die Wangen und brüllte: »Ohnezahn! Wach! Auf!«
Erschrocken riss der Drache die Augen auf; seine zu schmalen Schlitzen verengten Pupillen weiteten sich abrupt. Erkennen und Schrecken lagen in seinem Blick und mit einem hörbaren Schlucken zog er den Plasmablitz tief, tief, tief in seine Kehle zurück. Gleich darauf schnitt er eine Grimasse und sackte förmlich in sich zusammen. Rauch quoll aus seinen Nüstern und den Winkeln seines nun geschlossenen Mauls.
Hicks stieß einen erleichterten Seufzer aus und ließ sich, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, mit hängendem Kopf auf die Ferse sinken. »Das war knapp.«
Stille trat ein. Irgendwo in der Nähe rief leise eine Eule.
Dann erklang auf einmal ein zaghaftes Gurren.
Hicks hob den Kopf und stellte fest, dass Ohnezahn in geduckter Haltung vor ihm kauerte. In den grün-gelben Augen des Drachen lag Scham. Eine Vorderpfote tauchte auf. Sie schob sich in seine Richtung, verharrte kurz in der Luft und verschwand wieder hinter den eingeklappten Segeln des Schwanzes, den der Nachtschatten um sich drapiert hatte.
Bei dem Anblick zerriss es Hicks fast das Herz. »Schon gut, mein Freund«, sagte er sanft. »Es ist ja nichts passiert. Du hast bloß schlecht geträumt.«
Ohnezahns Ohren richteten sich auf, sein Schwanz zuckte kaum merklich. Gleichwohl blieb sein Körper angespannt.
Hicks registrierte es mit Sorge. Er sieht aus wie ein geprügelter Hund, schoss es ihm durch den Kopf. Dabei ist das Ganze nicht einmal seine Schuld.
Seine Kehle schnürte sich zu, und während Ohnezahn ihn nach wie vor beäugte, schluckte er dagegen an. Die Hände auf dem Boden abgestützt, lehnte Hicks sich nach hinten und ließ sich wenig elegant auf den Po fallen. Gleich darauf schnappte er vor Schmerzen hörbar nach Luft. Seine Rippen schienen in Flammen zu stehen.
Götter. Oh, Götter ...
Hicks bellte einen Fluch.
Sofort schnellte Ohnezahns Kopf hoch, jetzt mit Panik in der Miene. Als ob er ahnte, was er aus Versehen im Schlaf getan hatte.
Hicks zwang ein Lächeln auf seine Lippen. »Es ist nichts, Kumpel«, log er. »Der Tag steckt mir nur noch ein bisschen in den Knochen. Das ist alles.«
Ohnezahn verengte skeptisch ein Auge und streckte den Hals vor, um vorsichtig an dem Leinenhemd zu schnüffeln, unter dem auf Hicks' Brust in Kürze zweifellos ein hübscher Bluterguss erblühen würde. Aus der Kehle des Drachen drang ein Winseln.
Das Geräusch ging Hicks durch Mark und Bein. Rasch legte er dem Nachtschatten eine Hand ans Kinn und streichelte ihm mit der anderen beruhigend über die Stirn.
»Hey, es geht mir gut, Ohnezahn. Mach dir keine Gedanken. Es ist nur ...« Leise zischend brach er ab, als die vergessenen Splitter in seinen Fingern und Knien zu piksen begannen.
Bei dem Laut riss Ohnezahn die Augen auf und entwand sich seinem Griff. Entsetzt starrte er Hicks an, doch dieser winkte ab.
»Nur ein Splitter«, erklärte er gelassen und nestelte an dem winzigen Stückchen Holz herum, das in der Haut seines rechten Ringfingers steckte.
Mist. Dafür würde er ein Messer brauchen.
Hicks seufzte und widmete sich seiner anderen Hand und den Knien. Die vier Splitter dort – einer in seiner Handfläche, zwei in seinem linken und ein wirklich großer in seinem rechten Knie – ließen sich bedeutend leichter entfernen. Ohnezahn sah ihm derweil still zu.
Nachdem Hicks die hölzernen Quälgeister einen nach dem anderen herausgezogen hatte, streckte er den Arm aus und bat: »Hilf mir mal, Kumpel.«
Augenblicklich sprang der Drache auf und kauerte sich schnurrend an seine Seite.
Hicks lächelte. Aufrichtig diesmal.
Dann legte er den Arm um Ohnezahns Nacken, zog sein rechtes Bein an und drückte sich mit der Hand vom Boden ab. Ein kleiner Laut entwich seinen zusammengepressten Lippen, als er sich hochhievte und den Beinstumpf leicht ausstreckte, um die Balance zu halten. Durch seine linke Seite fuhr ein Stich.
Hicks verkrampfte sich und ballte die Fäuste. Ja, eine Rippe war definitiv angeknackst. Somit würde der Weg zurück zu seinem Bett verdammt schmerzhaft werden.
Aber es nützte nichts. Er musste seine Prothese anlegen und anschließend ein Messer suchen, um diesen letzten Splitter aus seinem Finger zu pulen. Und er musste etwas finden, mit dem er seine lädierte Brust bandagieren konnte.
Hicks schluckte und löste die Fäuste, bevor er vorsichtig Luft holte und Ohnezahn zunickte, der über die Schulter hinweg besorgt zu ihm aufsah.
»Es geht schon, mein Freund.«
Ohnezahn gurrte leise. Es klang fast argwöhnisch.
Hicks widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen, und setzte stattdessen ein schiefes Grinsen auf. »Ich weiß nicht, ob dir das klar ist«, versuchte er zu scherzen, »aber du verhältst dich wie Taffnuss' Hühnchen, du Glucke.«
Der Drache schnaubte entrüstet. Seine Pupillen verengten sich – nur eine Spur, aber erkennbar – und ein leises Knurren drang aus seiner Kehle.
Bei dem Ton wäre jede andere Person ängstlich zurückgewichen, doch Hicks tätschelte ihm bloß schmunzelnd die Schuppen. Mit dem Kinn deutete er zum Bett. »Na los, Ohnezahn. Hilf mir da rüber, ja.«
Der Nachtschatten grummelte erneut, trottete aber gehorsam los.
Hicks hielt sich fest und tat auf den Drachen gestützt einen hüpfenden Schritt vorwärts. Als ein Blitz durch sein Rückgrat jagte, hätte er beinahe aufgeschrien. Seine rechte Hand schoss an die verletzte Seite.
Götter, er konnte sich nicht entsinnen, wann er das letzte Mal solch gewaltige Schmerzen gehabt hatte. Die Fingernägel in Ohnezahns lederartige Haut gekrallt, blieb er stehen.
Der Drache stoppte ebenfalls und gab ein leises Grollen von sich – mehr verwirrt denn verärgert.
Hicks schüttelte den Kopf. »Es ist nichts«, sagte er, die Stimme vor Schmerz ganz heiser. »Komm. Weiter.«
Zur Bekräftigung seiner Worte machte er zwei kurze Hüpfer nach vorn und prompt flammte erneut Feuer in seiner Brust auf – so scharf und glühend, dass er nach Atem rang. Tränen stiegen ihm in die Augen.
Genervt blinzelte Hicks sie fort und hob den Blick. Als er sah, dass sie noch immer gut neun Fuß vor sich hatten, unterdrückte er ein Stöhnen. War sein Bett schon immer so weit von der Steinplatte entfernt gewesen?
Er biss die Zähne zusammen und schluckte ein Wimmern hinunter, während Ohnezahn sich wieder in Bewegung setzte und ihn mit sich zog. Jeder unbeholfene Schritt war qualvoller als der vorherige und Nebel begann seinen Blick zu verschleiern.
Hicks stützte sich schwerer auf den Drachen, doch Ohnezahn reagierte lediglich mit einem Zucken seines Schwanzes.
Nach zwei letzten flachen, aber nicht minder schmerzhaften Schritten hatten sie endlich das Bett erreicht, und Hicks ließ sich keuchend auf die Bettkante sinken. Er war einer Ohnmacht nahe. Der vierten innerhalb eines Tages, wie er schockiert begriff.
Hicks schloss die Augen. Für einen langen Moment saß er einfach nur da, hielt sich die Seite und ... atmete. Atmete, bis das Schwindelgefühl langsam verebbte.
Er spürte, wie Ohnezahn ihn musterte. Erwartungsvoll und zugleich nervös.
Der Drache wusste es. Wusste, warum er sich die Hand auf die Rippen presste und bei jedem Atemzug das Gesicht verzog. Nicht allein wegen Reikers Schlag, sondern ...
Hicks machte die Augen auf. Ohnezahn hatte den Kopf schräg gelegt und an den Winkeln seines halb geöffneten Mauls, in dem die gespaltene Zungenspitze gerade so zu erkennen war, zupfte ein scheues, zahnloses Grinsen.
Es sah so ulkig aus, dass Hicks lachen musste, obwohl es ihn dabei fast zerriss. Er fluchte leise und beugte sich schließlich steif wie ein Stock vor, um nach seiner Prothese zu angeln, die neben dem Bettpfosten lag. Mit geübten Handgriffen befestigte er sie an seinem Beinstumpf und prüfte ihren Sitz.
Sie lag perfekt an. Nichts drückte, kratzte oder scheuerte.
Zufrieden und heilfroh, dass die Prothese – seine Lieblingsprothese – bei dem Kampf mit dem Fremden keinen Schaden genommen hatte, stand Hicks auf. Seine Beine fühlten sich wacklig an. Dennoch strich er Ohnezahn kurz über den Kopf und stieg anschließend die Treppe zum unteren Raum seiner Hütte hinab.
Dort steuerte er seine Werkbank an, die einen Großteil der seitlichen Wand einnahm und deren Arbeitsfläche mit jeder Menge Krimskrams bedeckt war: schmale und bauchige Becher, in denen Kohlestifte steckten; haufenweise bekritzeltes Pergament; halb bearbeitete Metallteile; ein Stück derbes, braunes Yakleder; grobe Nähnadeln sowie ganze Knäuel von Zwirn. Und ein Messer.
Hicks zog den Stuhl heran, setzte sich und entzündete die dicke Kerze, die in einer geschmiedeten Halterung mit gebogenem Handgriff inmitten des Chaos auf dem Tisch stand. Nach vorn gebeugt hielt er den Finger in den Lichtschein und untersuchte eingehend den Splitter, der dort in seiner Haut steckte. Das Ding hatte sich regelrecht in sein Fleisch gebohrt.
Ohne hinzusehen, griff Hicks nach dem Messer. Die polierte Klinge glänzte, als er die scharfe Spitze an seinen Ringfinger führte und mit zusammengepressten Lippen vorsichtig die Haut an der Stelle aufritzte.
Ein Blutstropfen quoll hervor.
Hicks legte das Messer beiseite und drückte seinen linken Daumen unterhalb des Schnitts auf die Fingerkuppe, um das Stückchen Holz aus der Wunde zu schieben. Es brannte und er stieß ein Knurren aus. »Na komm schon.«
Mehr Blut sickerte heraus und verdeckte ihm die Sicht auf den Splitter. Hicks wischte es weg, allerdings floss sofort ein neuer Tropfen nach.
Verdammt! So funktionierte das nicht.
Er begann, an dem Finger zu knabbern. Jedoch bekam er den Störenfried erst nach ein paar Versuchen mit den Zähnen zu fassen und angewidert spie er ihn auf den Boden. Ein kleines »Au« entwich seinen Lippen, während er die Hand ausschüttelte und den Finger mit einem Tuch säuberte, das er aus dem Wirrwarr auf seinem Tisch gefischt hatte.
Langsam schloss sich die Wunde.
Noch einmal presste Hicks das Tuch auf die verletzte Stelle, dann legte er es zurück auf die hoffnungslos überfüllte Arbeitsfläche.
Götter, er sollte hier dringend mal aufräumen.
Also begann Hicks, die Pergamente zu sortieren und zu einer Reihe von halbwegs ordentlichen Stapeln aufzuhäufen.
Es waren größtenteils Skizzen und Entwürfe für neue Projekte, die er irgendwann gedachte in Angriff zu nehmen, aber es befanden sich auch etliche Papiere darunter, die er eng mit Notizen beschrieben hatte. Vermerke über neu entdeckte Drachenarten, ihre Eigenheiten, Wanderrouten und Fressgewohnheiten. Aufzeichnungen über die Schiffe, Waffen und Käfige der Drachenjäger, über deren Besonderheiten und Schwachstellen. Einträge über die Jäger selbst, vor allem über ihre Rüstungen, Angewohnheiten, Aufenthaltsorte und Fangrouten. Hinter welchen Drachen sie bevorzugt her waren.
Doch die meisten Pergamente enthielten Informationen über Viggo und Reiker Grimborn. Vage Vermutungen über die Herkunft der beiden Brüder sowie diverse Gerüchte über ihre Vergangenheit und für wen sie eigentlich arbeiteten. Alles wichtige – und unwichtige –, was er unterwegs und bei den Händlern auf den Nördlichen Märkten je aufgeschnappt hatte.
Plötzlich erregte ein einzelner Zettel Hicks' Aufmerksamkeit.
Er lugte zwischen einer Skizze, die eine Beinprothese zeigte, und einer behelfsmäßigen Karte der westlichen Inseln hervor und wies jede Menge Knick- und Falzstellen auf. So, als hätte man ihn vor Frust zusammengeknüllt, nur um ihn dann doch wieder zu glätten. Und dies etliche Male.
Hicks' Hand verharrte in der Luft. Seine Finger krümmten sich lose zur Faust und er schluckte. Bei Bragi, er hatte gedacht, er hätte das Papier längst weggeworfen.
Hinter sich hörte er das Tappen von Drachenpfoten auf Holz. Eine Diele knirschte, dann war alles wieder still.
Mit einem Mal durchzuckte Hicks ein Gedanke und für einen kurzen Moment blieb ihm das Herz stehen.
Gute Götter.
Was, wenn Astrid der Zettel in die Hände gefallen wäre, so oft wie sie hier bei ihm saß und zusah, wie er aus dem Berg an Informationen schlau zu werden versuchte. Wie er sich den Kopf darüber zerbrach und dabei ungeduldig auf und ab wanderte.
Meistens endete es damit, dass sie ihn anblaffte, er solle es gut sein lassen. Er laufe noch eine Furche in den Boden und führe sich mit seiner ›Viggo-Besessenheit‹ wie ein kompletter Narr auf. Dieser Mann ließe sich nicht in die Karten schauen und Schluss. Thema durch.
Aber dieser Zettel ...
Hicks schluckte erneut. Halb wandte er sich Ohnezahn zu, der an der Treppe hockte und ihn beobachtete. »Ich ...«, setzte er an. »Ich hatte es schon fast vergessen.«
Die Worte klangen selbst in seinen Ohren platt, und tatsächlich legte Ohnezahn den Kopf schräg und schnalzte vielsagend mit der Zunge.
Hicks presste die Lippen zusammen. Die Finger seiner linken Hand lösten und schlossen sich wieder. Er zögerte. Doch dann griff er nach dem zerknitterten Pergament und zog es hervor.
Sein Herz schlug schneller, als er es auseinanderfaltete und im flackernden Licht der Kerze Verse sowie Notenzeichen zum Vorschein kamen.
Ein Lied.
Vor ihm auf diesem Stück Papier stand ein Lied. Oder besser gesagt der Versuch eines Liedes, denn es wirkte unfertig. Viele der Wörter waren ausgestrichen und durch andere ersetzt worden und die letzte Zeile brach mitten im Satz ab.
Ähnliches bei den Noten.
Hicks' Blick schweifte zu der Lyra, die – wie er wusste – unter der Galerie in einer schattigen Ecke an der Wand lehnte. Er hatte das längliche Instrument aus Ahorn mit den sechs Schafsdarmsaiten nun schon eine ganze Weile nicht mehr gespielt. Aber er bezweifelte, dass er es verlernt haben könnte.
Hicks sah wieder auf den Zettel, strich nachdenklich die Knickstellen glatt. Seine Augen hefteten sich auf die Überschrift, die lediglich aus einem einzigen Wort bestand: Zuflucht.
Es klang einfallslos. Nahezu albern. Doch dieses Wort drückte so ziemlich alles aus, was er für sie empfand. Was Astrid ihm bedeutete.
Sie war seine Zuflucht. Schon immer gewesen. Bereits damals, als sie nichts weiter als beißenden Spott für ihn übrig gehabt hatte.
In einem früheren Leben. Einem Leben, in dem er abseits stand. Nicht dazu gehörte.
Ein anderes Leben als jetzt.
Hicks klopfte mit dem Zeigefinger auf das Pergament und überlegte.
Vielleicht sollte er es einfach wegwerfen. Oder von Ohnezahn verbrennen lassen und die Asche ins Meer streuen, was vermutlich die weisere Entscheidung wäre.
Aber irgendwie ...
Irgendwie konnte Hicks sich nicht dazu durchringen, denn immerhin gab es ja noch eine andere Option. Eine, von der er hoffte, dass nie jemand davon erfuhr. Ganz besonders Astrid nicht.
Hicks faltete den Zettel wieder zusammen, drehte sich auf seinem Stuhl zu Ohnezahn um und fragte leichthin: »Na, mein Freund. Wie sieht es aus? Hast du Lust auf einen kleinen Ausflug?«
Der Drache blinzelte entgeistert und schnaubte, als wollte er sagen: Ist das dein Ernst? Nach allem, was in den letzten beiden Tagen passiert ist?
Hicks hob abwehrend die Hände. »Na schön. Ja gut, du ... du hast recht. Ich weiß, dass die Sache mit Reiker verdammt knapp war und auch, dass es mitten in der Nacht ist, aber ...« Seine Schultern sackten nach unten und fahrig wedelte er mit dem Fetzen Pergament in der Luft herum. »Aber ich finde eh keinen Schlaf. Da kann ich die Zeit auch genauso gut sinnvoll nutzen, meinst du nicht?«
Ohnezahn schnitt eine Grimasse und grummelte gereizt. Anscheinend hielt er das Ganze für eine ziemlich dumme Idee, und im Grunde konnte Hicks es ihm nicht verdenken, bedeutete es doch, die Sicherheit der Basis zu verlassen und in die Dunkelheit hinauszufliegen, wo alles Mögliche geschehen konnte. Er schlimmstenfalls wieder in Gefangenschaft geraten konnte. Sie beide in Gefangenschaft geraten konnten.
Schaudernd schob Hicks den Gedanken beiseite und warf dem Nachtschatten ein schiefes Grinsen zu. »Es wird schon nichts passieren, Kumpel. Vor allem da ich keineswegs vorhabe, die Insel zu verlassen. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass mir dieser Fremde ein weiteres Mal auflauert, nehme ich noch einen Dolch und Inferno mit. In Ordnung?«
Brummend verdrehte Ohnezahn die Augen. Wenn es denn unbedingt sein muss.
Hicks' Grinsen wurde breiter. »Danke, mein Freund.«
Ohnezahn rollte erneut mit den Augen und stieß die Luft aus. Beeil dich lieber, bevor ich es mir überlege, schien er zu sagen.
Also fischte Hicks rasch zwei Kohlestifte aus einem der Holzbecher und wühlte den verbliebenen Haufen unsortierter Papiere nach leeren Blättern durch. Erst ganz unten fand er welche, die noch unbeschrieben waren.
Zusammen mit dem Zettel stopfte er alles in eine Satteltasche und ging dann – nicht ohne dabei ein leises Ächzen von sich zu geben – in den hinteren Bereich seiner Hütte, um die Lyra zu holen.
Nachdem er sie in den dunklen Schatten unterhalb der Galerie endlich gefunden hatte, packte er sie vorsichtig in eine zweite, größere Tasche und legte diese zu der anderen auf die Werkbank.
Für einen Moment stützte Hicks die Hand auf den Rand der Holzplatte, während er sich mit der anderen die stechende Seite hielt.
Richtig. Da war ja noch etwas gewesen.
An den Tisch gelehnt, schaute er sich suchend in seiner Hütte um. Hatte er hier überhaupt irgendwo Tuch gelagert?
Sein Blick heftete sich auf die große Truhe, die an der gegenüberliegenden Wand stand.
Ja, darin könnte er fündig werden.
Hicks biss die Zähne zusammen, durchquerte eilig den Raum und sank vor der Truhe auf ein Knie. Er fasste den Rand des schlichten Deckels, hob ihn an und – stieß ein frustriertes Stöhnen aus.
Im Innern der Truhe herrschte das reinste Chaos. Viel schlimmer als auf der Werkbank. Doch nachdem er ein wenig zwischen seinen Ersatzprothesen, weiteren Spezialflossen für Ohnezahn, die an der Wand keinen Platz mehr gefunden hatten, und diversen sonstigen Dingen herumgewühlt hatte, entdeckte er tatsächlich ein breites Stück Leinen, lang genug, dass er es sich zweimal um die Brust wickeln konnte.
Hicks zog das Tuch heraus und klappte den Deckel wieder zu. Als er aufstand und sich umdrehte, schwankte mit einem Mal der Boden. Die Wände kamen näher und begannen sich zu drehen.
Er schloss die Augen. Wie aus weiter Ferne drang Ohnezahns Grollen an seine Ohren.
Götter ...
Langsam ließ das Schwindelgefühl nach.
Hicks öffnete die Augen und atmete durch. Ihm zitterten die Knie.
Und nicht nur das.
Sein ganzer Körper fühlte sich schlapp und kraftlos an, und als er die Stufen zur offenen Galerie hinaufstieg, um sich anzukleiden, spürte er bei jedem Schritt, wie Ohnezahn ihn argwöhnisch musterte. Aber er ignorierte es und marschierte direkt zu dem Stuhl hinüber, auf dem seine Kleider lagen.
Er griff nach seiner Hose, schlüpfte unter Schmerzen hinein und streifte sich dann das Nachtgewand über den Kopf. Dabei musste er sich beherrschen, um nicht laut aufzuschreien.
Nachdenklich blickte Hicks auf seinen nun nackten, schmalen Oberkörper. Unter der blassen Haut zeichneten sich Muskeln ab. Muskeln, die er sich durch unzählige Erkundungsflüge mit Ohnezahn sowie eisernes Training hart erarbeitet hatte und von denen niemand etwas wusste.
Alle Welt hielt ihn nun mal für einen Schwächling. Einen ›Hicks‹ eben, und wenn es nach ihm ginge, konnte dies ruhig noch eine Weile so bleiben.
Es machte ihm nichts aus.
Nicht mehr.
Vorsichtig tastete Hicks mit den Fingern nach der Stelle, an der Reikers Faust ihn getroffen hatte – und knirschte mit den Zähnen.
Elender Dreckskerl. Dafür würde er ihn umbringen.
Seine Hand wanderte weiter nach links. Zu seinen Rippen, die bei der Berührung sofort zu stechen und zu brennen begannen. An einem Knochen fühlte er eine kleine Vertiefung, ähnlich einer Stufe.
Hicks sog zischend die Luft ein.
Sie war also tatsächlich gebrochen. Doch nach dem Schlag, den Ohnezahn ihm mit dem Schwanz verpasst hatte, und den brutalen Schmerzen überraschte ihn das nicht wirklich. Götter, in ein oder zwei Tagen würde seine Brust wohl in den schönsten Grün- und Blautönen schillern.
Er erstarrte.
Ohnezahn durfte das niemals zu Gesicht bekommen, durfte nie davon erfahren. Astrid und die anderen ebenso wenig. Vor allem nicht sein Vater.
Ihm lief ein Schauder über den Rücken. Oh Thor, wenn Haudrauf das sah ...
Hicks schüttelte den Gedanken ab, als er Ohnezahn von unten grollen hörte. »Ja, ich ... ich bin gleich so weit, Kumpel. Nur noch einen Moment.«
Zur Antwort erklang ein lang gezogenes Brummen.
An Hicks' Mundwinkeln zupfte ein Grinsen, und obwohl er bei jeder Bewegung Schmerzen verspürte, beeilte er sich, bandagierte seine Brust, zurrte den Strick um sein linkes Hosenbein fest und zog sich dann Tunika und Lederwams über. Während er die Schnallen der Gürtel schloss, stieg er die Treppe wieder hinunter. Ohnezahn wartete bereits an der Tür, die Riemen beider Satteltaschen im Maul.
Hicks' Grinsen wurde breiter. »Na, da kann es aber jemand kaum erwarten von hier loszukommen, was mein Freund?«
Der Drache brummte und klopfte missmutig mit dem Schwanz auf den Boden. Rede nicht so viel, komm lieber.
Hicks stieß ein leises Lachen aus – und musste sich zwingen, nicht das Gesicht zu verziehen.
Er nahm das Messer von der Werkbank, schob es in seinen Gürtel und griff nach Inferno, das nahe des Einganges auf einem Gestell lag. Zusammen mit der größeren Tasche band er es flink an Ohnezahns Sattel, hängte sich anschließend den Riemen des zweiten Ranzens quer über seine Brust – wobei er darauf achtete, dass dieser nirgendwo drückte – und öffnete die mit dunklen Linnen bespannte Tür seiner Hütte. Die Scharniere quietschten leise, als die beiden Felder sich hoben.
Kühle Nachtluft wehte herein, fuhr durch Hicks' Haar und streifte sein Gesicht, sodass er ein Frösteln unterdrückte. Die Hand auf den Griff des Messers gelegt, trat er auf die Plattform hinaus. Ohnezahn folgte ihm lautlos.
Bei Odin, es war derart still hier draußen, dass man ein Blatt hätte fallen hören können. Selbst die Zwillinge schienen zu schlafen und heckten ausnahmsweise mal keinen Unfug aus. In Gedanken flehte Hicks den Allvater an, dass das auch so blieb. Wenigstens bis zum Morgengrauen.
Er legte den Kopf in den Nacken. Am Himmel über ihm funkelten unzählige Sterne, die die nächtliche Schwärze wie kleine Juwelen durchbrachen.
Mani stand hoch im Süden, der untere Teil verdeckt von einem Wolkenschleier. Der Mondgott war zwar erst zur Hälfte zu sehen, dennoch spendete er bereits genug Licht, um sich in der Dunkelheit zurechtzufinden. Bis zur Dämmerung würden noch Stunden vergehen.
Hicks schob die Hände unter die Achseln und sah zu Astrids Hütte hinüber. Sie lag genau neben seiner, war nur ein wenig höher positioniert, um der Waffenvorrichtung auf dem Dach ein besseres Schussfeld auf die Bucht zu bieten.
Als er damals die gewaltige Armbrust gemeinsam mit Astrid aufgestellt und montiert hatte, hatte er nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sie jemals gebraucht werden könnte. Er hatte es übertrieben gefunden. Völlig unverhältnismäßig. Doch seitdem war das Gerät in der Tat schon mehrfach zum Einsatz gekommen und hatte die Klippe davor bewahrt, vom Feind überrannt zu werden.
Hicks' Miene verdüsterte sich. Die Grimborns würden ihn noch ziemlich auf Trab halten, dessen war er sich sicher. Schon seit Langem hatte er das unbestimmte Gefühl, dass die Brüder ihm stets drei Schritte voraus waren. Dass sie ihn manipulierten und er nichts weiter tun konnte, als hinter ihnen her zu hecheln. Nach ihren Regeln zu spielen. Und das zehrte gehörig an seinem Selbstwertgefühl.
Die Schultern hochgezogen atmete Hicks tief aus.
Später. Darüber konnte er später nachdenken. Wenn sein Kopf wieder frei war. Wenn er die Vorfälle der vergangenen Tage und Wochen verarbeitet hatte. Sein allzu bitteres Versagen.
Er biss sich auf die Unterlippe.
Der Wind frischte auf und trug den harmonischen Gesang mehrerer Schrecken der Meere an seine Ohren, doch bei Astrids Hütte blieb alles still. Kein Laut wehte von dort zu ihm herüber und nirgends sah er auch nur das kleinste Licht flackern. Also lag sie wohl im Bett und schlief.
Gut, sagte sich Hicks, obwohl er spürte, wie die Enttäuschung an ihm nagte. Das ist gut. Sie muss nicht mitkriegen, wie ich mich mitten in der Nacht heimlich, still und leise davonstehle. Das gibt sonst nur wieder Ärger.
Bei dem Gedanken an die Abreibung, die Astrid ihm zweifelsohne mitsamt der Hiebe gegen seine Schulter verpassen würde, falls sie je hiervon erfuhr, zog Hicks eine Grimasse. Seufzend wandte er sich ab und stieß fast gegen Ohnezahn, der viel zu dicht hinter ihm stand.
Bei den Göttern ...
Hicks schreckte zurück – und zuckte gleich darauf mit einem Schmerzenslaut auf den Lippen zusammen. Den Fluch verkniff er sich klugerweise.
Ohnezahn legte den Kopf schräg und musterte ihn argwöhnisch von Kopf bis Fuß.
»Was?«, entfuhr es Hicks, doch schon im nächsten Moment tat ihm sein Zornesausbruch leid.
Der Drache hingegen schien sich an seinem schroffen Ton nicht zu stören. Träge schnalzte er mit der Zunge. Sag du es mir.
Hicks blinzelte. Einmal. Zweimal. Schließlich schluckte er und sagte heiser: »Es ist nichts, Ohnezahn. Du hast mich bloß erschreckt.«
Der Nachtschatten blieb misstrauisch. Schnüffelnd sog er die Luft ein.
Hicks schluckte erneut und zwang sich, die Schultern zu lockern. Zwang sich, seinen ganzen Körper zu entspannen und zu atmen.
Ja, Ohnezahn wusste, dass er log. Konnte die Verletzung vermutlich an ihm riechen. Trotzdem sah Hicks nicht weg, selbst als ihm unter diesem bohrenden Blick ganz anders wurde.
Der Moment dehnte sich zur Ewigkeit.
Doch dann brummte der Drache plötzlich und ruckte mit dem Kopf nach hinten. In Richtung des Sattels, der auf seinen Rücken geschnallt war.
Hicks wäre vor Erleichterung beinahe in die Knie gegangen. Viel länger hätte er der strengen Miene nicht mehr standhalten können. Seine Finger zitterten leicht, als er Ohnezahn über die Flanke strich. »Du hast recht, mein Freund. Wir sollten aufbrechen, ehe uns noch irgendjemand sieht.«
Sie wussten beide, wen er meinte, auch ohne dass ihr Name fiel. Der Drache bleckte die Zähne.
Hicks hielt ein Kichern zurück. »Lass sie das bloß nicht sehen«, mahnte er und packte die Haltegriffe des Sattels. »Du weißt, wie zornig sie werden kann. Ganz besonders, wenn man sie reizt oder sich über sie lustig macht.«
Mit diesen Worten stieg er vorsichtig in den Sitz und ließ seine Prothese einrasten. Ein Klick ertönte, und Ohnezahn verlagerte unter ihm das Gewicht, schwang den Schwanz kurz hin und her.
Hicks brauchte nicht über seine Schulter zu blicken, um zu wissen, dass beide Flossen nun geöffnet und zum Abflug bereit waren. Er presste die Knie in die Flanken des Drachen, duckte sich ein wenig tiefer und umklammerte die Haltegriffe fester. »Na los, Kumpel. Auf geht’s.«
Ohnezahn raschelte mit den Flügeln. Er zögerte, schien für einen Moment zu überlegen. Aber dann trat er über den Rand der Plattform und ließ sich in die Tiefe fallen.
Hicks biss die Zähne zusammen. Seine gebrochene Rippe brüllte und er machte sich noch kleiner, drückte sich eng an den Sattel. Das Atmen fiel ihm schwer. Er bekam kaum Luft, und als Ohnezahn einen Herzschlag später die Schwingen ausbreitete und sie in den nächtlichen Himmel schossen, konnte er nur mit knapper Not verhindern, dass ein Aufschrei seine Kehle zerriss.

It’s getting harder to say

I’m undefeated

When the best my heart can hope for

is breakin' even


Song: Refuge
Interpret: Skillet
Album: Dominion

Fortsetzung folgt …
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