Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Wandler: Der Wolf und die Lady

von Hopy1x2y
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Fantasy / P12 / Gen
10.08.2022
18.08.2022
30
60.768
5
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
10.08.2022 2.104
 
Phil

Es sah ganz danach aus, als könnte ich heute erneut früh Feierabend machen. Als Angestellter wäre es auch ein Grund zur Freude, doch leider war ich selbstständiger Privatdetektiv … und ziemlich pleite. Ich setzte meinen Drehsessel in Schwung, sodass ich statt auf die Tür aus dem Fenster blicken konnte. Nicht, dass es draußen etwas Interessantes zu sehen gab. Ich konnte jetzt zwar direkt in die Wohnung des Nachbarhauses schauen, aber leider wohnte dort ein älteres Ehepaar und keine gutaussehende, zeigefreudige, junge Frau, die auf bankrotte Detektive stand.

Ich zog meine Brieftasche aus der Hosentasche und warf einen Blick hinein – schon wieder. Als ob ich nicht wüsste, dass dort zwei vereinsamte Dollarscheine ihr Dasein fristeten.

»Ihr könntet euch wenigstens mal ins Zeug legen und für Nachwuchs sorgen«, knurrte ich, aber die Geldscheine blieben unbeeindruckt.

Mit einem leisen Seufzen verstaute ich die Geldbörse und wandte mich wieder dem Schreibtisch zu. Ich fixierte mit den Augen mein Handy und das Festnetztelefon, als ob ich sie so zwingen wollte, mir einen lukrativen Klienten zu besorgen. Er oder sie müsste gar nicht mit Geldbündeln um sich werfen - ich akzeptierte schließlich auch Schecks - aber allmählich wurde es Zeit für einen Auftrag.

Vor der Bürotür unterhielt sich gerade meine Sekretärin, führte wahrscheinlich Privatgespräche. Sollte ich sie bitten, nicht auch noch die Telefonkosten in die Höhe zu treiben? Nein, besser nicht, sonst erinnerte sie mich womöglich an ihr ausstehendes Gehalt. Es war sinnvoller, sie nicht zu verärgern.

Frustriert versetzte ich dem Monitor des alten Computers einen leichten Schlag. Gab es denn niemanden in der Stadt, der meine ausgezeichnete Spürnase benötigte? Musste ich wirklich mit eingezogenem Schwanz zu Donna und ihren Lakaien zurück kriechen? Ich sah jetzt schon deren Mienen vor mir.

»Wir haben es doch gewusst!«, würde sie sagen. »Wenn du bei deinem Rudel geblieben wärst … Bla bla bla!«

Nein, so einfach würde ich nicht klein beigeben. Notfalls musste ich mir eben irgendeinen Job suchen – was auch wieder leichter gesagt als getan war. Ich besaß keine Zeugnisse, keinerlei Referenzen, und was die Papiere anging … nun, viel Glück dabei. Sie reichten aus, um ein Büro in diesem windschiefen Gebäude in einer der schäbigsten Gegenden der Stadt zu mieten. Und das war auch nur der Fall gewesen, weil der Vermieter halb taub und blind war – und obendrein ein Gauner. Was er für diese Räuberhöhle an Miete verlangte … er konnte von Glück reden, wenn ich ihn nicht eines Nachts in meiner anderen Gestalt besuchte.

Was für ein lächerlicher Gedanke! Als ob ich es riskieren könnte, hier in Wolfsgestalt herumzulaufen. Die Crawler besaßen doch überall Augen und Ohren. Außerhalb des Rudels wäre ich wohl schnell totes Fleisch. Es waren zwar nur schwächliche Menschen, aber leider hatten sie ein paar unangenehme Waffen im Arsenal – und waren äußerst zahlreich.
Ich hatte mich gerade dazu entschlossen, das nutzlose Warten auf einen Kunden aufzugeben und stattdessen in der Stammkneipe etwas auf Kredit zu trinken, als meine Sekretärin Sharon die Tür öffnete.

»Du willst doch wohl nicht schon gehen?«, fragte sie. »Setz dich lieber hin. Es kommt Kundschaft!«

Sie nahm sich reichlich viel heraus, aber aus dem bereits genannten Grund schluckte ich die scharfe Erwiderung, die mir auf der Zunge lag, lieber runter.

»Um was geht es denn?«, fragte ich.

»Das wird sie dir selbst sagen. Sie ist schon auf dem Weg hierher. Vielleicht solltest du den Drecksstall, den du Büro und Schreibtisch nennst, zumindest so aufräumen, dass man sich nicht auf einer Müllkippe wähnt!«

»Hör mal gut zu …«

»Wann zahlst du mir eigentlich das ausstehende Gehalt?«

Gut, ich wusste, wenn ich geschlagen war. Schicksalsergeben räumte ich die Papiere auf dem Schreibtisch von der einen auf die andere Seite. Einige warf ich auch in den Papierkorb. Es war bestimmt nichts Wichtiges – höchstens ein paar Rechnungen, aber vor der dritten Mahnung bezahlte ich ohnehin nicht.

Schließlich betrachtete ich wohlgefällig meine Umgebung. Ja, es gab nichts daran auszusetzen. Es sah etwas mehr nach einem Arbeitsplatz aus. Ich war gerade rechtzeitig fertig geworden, denn schon öffnete Sharon erneut die Bürotür.

»Miss Clarissa Fowler würde Sie gerne sprechen, Sir.«

Ich hörte ganz deutlich, wie ungern sie mich 'Sir' nannte, aber ich kostete den Moment aus.

»Ich lasse bitten.«

Das klang zwar überhaupt nicht nach mir, doch wenn sich schon mal ein Klient mit Geld in diese heiligen Hallen verirrte, dann wollte ich ihn auch standesgemäß empfangen.

Die Art Frau, die nun mein Büro betrat, hätte ich allerdings nie im Leben erwartet. Ich war kein Kostverächter und hatte bereits ein paar wirklich schöne Exemplare im Bett gehabt, zumal ich auf Frauen recht anziehend wirkte. Das lag höchstwahrscheinlich daran, dass sie das Wilde und Animalische in mir witterten. Außerdem war ich mit eins neunzig kein Zwerg und brachte solide und durchtrainierte einhundert Kilo auf die Waage. Das war zweifelsohne ein weiterer Pluspunkt, doch diese Clarissa Fowler ... ein fleischgewordener Traum auf zwei Beinen. Und was für Beine! Und diese Figur! Kein mageres Modellpüppchen ohne Kurven, aber auch alles andere als ein unförmiger Trampel. Das Gesicht eingerahmt von den herrlichsten, blonden Locken, die ich je gesehen hatte. Ob das wohl ihre natürliche Farbe war?

»Wollen Sie mir keinen Platz anbieten?«

Ihre Stimme klang bereits etwas ungeduldig. Wie lange starrte ich sie jetzt wohl schon an? Sharon jedenfalls schüttelte den Kopf, verdrehte gleichzeitig die Augen und schloss die Tür hinter sich, während ich meiner Klientin einen Platz anbot.

Ich räusperte mich noch einmal, derweil ich ganz froh war, dass ich ihre Beine, die so viel versprachen, nicht mehr direkt im Blickfeld hatte. Wenn ich Geld verdienen wollte, dann sollte ich die Ablenkung auf ein Minimum reduzieren und stattdessen mein Hirn auf den Fall fokussieren.

»Man sagte mir, dass Sie der richtige Mann wären, um mir zu helfen.«

'Bei allem, was Sie sich vorstellen können!', dachte ich und versuchte, die Gedanken an ein breites Bett und Clarissa Fowler nackt darin zu vertreiben. Es gelang mir nur mit sehr viel Mühe. Was war denn los mit mir? Da saß eine offensichtlich wohlhabende Frau – wenn ich sie nach ihrem Schmuck und der Kleidung beurteilte – vor mir, und ich dachte nur an Sex.

»Ich übernehme alle Aufträge. Vorausgesetzt, es ist nichts Illegales dabei.«

»Sehe ich so aus, als könnte ich in irgendwelche Verbrechen verstrickt sein?«

Sie sah wie die fleischgewordene Sünde aus, aber das meinte sie damit bestimmt nicht. »Natürlich nicht, Clarissa. Ich darf Sie doch Clarissa nennen, oder?« Immerhin wägte sie den Vorschlag eine Sekunde lang ab.

»Ich halte es für besser, wenn wir bei Miss Fowler bleiben.«

»Wie Sie wünschen. Nun, Miss Fowler, was führt Sie denn zu mir?«

»Mein Vater ist voriges Jahr verstorben und hat mir seine Firma hinterlassen.«

»Mein herzliches Beileid … also, für den Tod Ihres Vaters, nicht für das Erbe.«

Sie nickte. »Das habe ich mir schon gedacht. Sehen Sie, ich habe zwar einige Erfahrung, was Unternehmensführung angeht, aber ich könnte Unterstützung gebrauchen, was die Sicherheit betrifft.«

»Ich verstehe …«

»Das glaub ich nicht, also lassen Sie mich bitte ausreden!« Die Lady hatte echt Haare auf den Zähnen. »Es geht nicht um etwas so simples wie Schutz vor körperlichen Angriffen oder dergleichen. Davor habe ich keine Angst.«

Allmählich dämmerte es mir, dass Clarissa … Miss Fowler nicht nur einen kleinen Betrieb geerbt hatte, sondern dass es sich dabei wohl eher um einen Konzern handelte.

»Wie kann ich Ihnen dann behilflich sein?«

Sie sah sich abschätzig in meinem Büro um und rümpfte sogar leicht die Nase – zumindest kam es mir so vor. »Sie sind nicht gerade eine stadtbekannte Persönlichkeit, Mr. … Whitefang.«

»Nennen Sie mich bitte Phil. Das ist mir lieber.« Ich hätte mir schon längst einen anderen Namen zulegen sollen. Bei dem Namen war es nur eine Frage der Zeit, bis die Crawler auf ihn stießen und sich eine Weile wundern würden, bevor sie zur Jagd bliesen.

»Gut … Phil. Jedenfalls sind sie ein kleiner Detektiv mit einer Praxis irgendwo im dreckigsten Winkel der Stadt. Sie verfügen über so gut wie kein Geld, kleiden sich wie ein Clochard, Ihre Einrichtung stammt anscheinend vom Sperrmüll, die …«

»Entschuldigen Sie bitte, aber kommt auch noch etwas Positives? Wie sind Sie dann auf mich gekommen, wenn Ihnen weder mein Äußeres, noch mein Büro oder sonst irgendwas gefällt?«

Nun lächelte sie tatsächlich, was sie in meinen Augen noch viel hinreißender erscheinen ließ. »Es war mein privater Anwalt, der Sie empfohlen hat. Sie kennen Mr. Vandenbergh?«

»Bill? Natürlich kenne ich ihn. Ich habe einige Fälle für ihn bearbeitet.« Und mit ihm zusammen noch viel mehr Flaschen in diversen Kneipen vernichtet, aber das sollte ich ihr wohl nicht unbedingt auf die Nase binden. Sonst war ich womöglich den potenziellen Job und ganz sicher einen recht guten Freund los.

»Gut. Jedenfalls hält er große Stücke auf Sie … warum auch immer … und ich habe mich bisher auf sein Urteil verlassen können.«

Ich sah ihr an, dass sie sich diesbezüglich nicht mehr uneingeschränkt sicher war.

»Und wie kann ich Ihnen nun behilflich sein?«, wiederholte ich meine Frage. »Und bitte fangen Sie jetzt nicht wieder mit der Einrichtung oder meiner Kleidung an. Das Thema hatten wir schon.«

Ah, sie lächelte erneut. Die Dame zappelte am Haken.

»Ich denke, Sie sollten es mir überlassen, welche Themen ich anspreche!«

Schön, mit dem Hakenzappeln hatte ich mich wohl geirrt.

»Ich habe mir gedacht, Sie fangen morgen beim Hauptsitz meiner Firma als Bürobote an.«

Diese Wendung des Gesprächs verwunderte mich jetzt doch. »Entschuldigen Sie, Miss Fowler, wenn ich nachfrage: Wann habe ich mich denn um eine Stelle in Ihrer Unternehmung beworben? Soweit ich weiß …«

»Bitte, lassen Sie mich ausreden!«

»Ich bin gespannt.«

»Sie werden für mich Augen und Ohren offenhalten. Das geht am besten in einer völlig unauffälligen Stellung. Sie können das gesamte Haus und sämtliche Abteilungen betreten, ohne dass jemand Verdacht schöpft. Außerdem befindet sich Ihr Arbeitsplatz direkt beim Empfang, sodass Sie leicht in Erfahrung bringen können, welche Besucher ins Haus kommen.«

Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Hände hinterm Kopf. »Wenn ich Sie richtig verstehe, dann vermuten Sie, dass jemand in Ihrer Firma falschspielt und Ihrer Konkurrenz Informationen zukommen lässt.«

Sie lächelte wieder und dieses Mal wirkte sie sogar etwas beeindruckt. »Sie scheinen schnell zu begreifen, Phil. Vielleicht hat mir Mr. Vandenbergh erneut einen guten Rat gegeben, als er Sie mir empfohlen hat. Wie Sie richtig vermutet haben, bin ich mir ziemlich sicher, einen Maulwurf in der Firma zu haben. Wahrscheinlich hat er schon zu Lebzeiten meines Vaters dort gearbeitet, denn den Mitarbeitern, die ich seitdem eingestellt habe, vertraue ich voll und ganz.«

Ich ließ mir für einen Moment die Sache durch den Kopf gehen. Den Terminkalender musste ich nicht kontaktieren. Außer leeren Seiten würde ich darin nichts finden.

»Mein Tagessatz beträgt 500 Dollar – zuzüglich Spesen, versteht sich«, gab ich schließlich das Ergebnis meiner Überlegung bekannt.

Sie lächelte erneut, aber dieses Mal war sie keineswegs beeindruckt. »Es mag sein, dass Sie sich wünschen würden, diesen Satz bezahlt zu bekommen. Ich biete Ihnen 300 Dollar und keinen Cent mehr.«

Ich verzog das Gesicht, als hätte ich auf eine besonders saure Zitrone gebissen. »Also schön, weil Sie es sind und Bill Vandenbergh ein guter Freund von mir ist. Ich akzeptiere.«

Sie zog eine kleine Mappe aus ihrer Handtasche, entnahm ihr ein Blatt und schob es mir über den Tisch hinweg zu. »Hier ist der Vertrag. Unterzeichnen Sie und wir sind im Geschäft. Den Tagessatz habe ich bereits eingetragen.«

Ich dachte an den Standardvertrag, dessen Vordrucke im Aktenschrank links von mir fleißig Staub ansetzten. Die Dame hatte eindeutig ganz eigene Vorstellungen, was Verträge anging. Ich überflog ihn, fand nichts, was mir nicht gefiel, und kritzelte meine Unterschrift über die dafür vorgesehene gepunktete Linie. Ich war kaum damit fertig, als sie auch schon das Papier an sich nahm.

»Sie erhalten eine Kopie per Post. Ich nehme nicht an, dass Sie so etwas wie ein Fotokopierer hier im Büro haben, oder?«

»Nun, normalerweise schicke ich meine Mitarbeiterin nach unten zur Imbissbude …«

»Dann machen wir es auf meine Weise.« Sie wartete gar nicht erst ab, ob ich damit einverstanden war, stand auf und reichte mir eine Visitenkarte. »Sie melden sich morgen früh um acht Uhr dort am Empfang. Sie werden von Mr. Poulter abgeholt und in Ihre Arbeit eingewiesen. Er weiß Bescheid.«

»Sie vertrauen ihm?«

»Sonst hätte ich ihn ja wohl kaum eingeweiht. Bis morgen also und … ziehen Sie sich bitte entsprechend an. Guten Abend.«

Nach diesen Worten rauschte sie aus meinem Büro und ließ mich einigermaßen verdattert zurück. Immerhin hatte ich allen Grund, gut gelaunt zu sein. Es würde eine Menge Geld hereinkommen, denn obwohl sie mich auf 300 Dollar heruntergedrückt hatte, waren es immer noch hundert Dollar mehr, als ich normalerweise nahm. Aber sie sah reich genug aus, um es sich leisten zu können. Ich konnte jedenfalls etwas optimistischer in die Zukunft blicken.
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast