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2022 08 09: Du Darfst [by gin-tonic2803]

Kurzbeschreibung
OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 / Het
09.08.2022
09.08.2022
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5.635
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09.08.2022 5.635
 
Tag der Veröffentlichung: 09.08.2022
Titel der Geschichte: Du darfst
Song: Du Darfst - Jeaw
Autor: gin-tonic2803
Kommentar des Autors: Im Moment ist echt der Wurm drin und ich bin erst auf den letzten Drücker fertig geworden, obwohl ich mal voll in Time war ^^‘
ABER ich hab es tatsächlich geschafft mal wieder einen Beitrag fertig zu bekommen. Und da ich jetzt leider ein paar Beiträge absagen musste, geht es heute mit Joanna & Brandon und einem etwas längeren Kapitel weiter. Nicht ganz so, wie ursprünglich geplant, den Zeitraum etwas verkürzt zusammengefasst. Aber es ist eben, wie es ist: Das Leben hat meist andere Pläne.
Viel Spaß beim Lesen (:
Die ersten beiden Teile findet ihr hier: Erwachen & Die Stadt



Du darfst
Joanna


Der Mond scheint durch einen Spalt der Vorhänge in mein Zimmer und hinterlässt einen schmalen Lichtstreifen auf dem Boden. Ich starre den Streifen an, während ich meine Hände auf die Ohren presse. Doch ich kann sie trotzdem hören: die Schreie meiner Mutter.

Als er vor ein paar Minuten nach Hause kam, war er lautstark durch die Wohnung gestolpert und meine Mutter hatte ihn gebeten, etwas leiser zu sein, ich würde schon schlafen. Sofort war er wütend geworden und hatte geschrien, was ihr einfallen würde, ihm in seinen eigenen vier Wänden Befehle zu erteilen. Dann hatte er zugeschlagen. Ich wusste, dass meine Mutter sich bemühte keinen Ton von sich zu geben, mir zur Liebe. Doch ich hörte es trotzdem.

Nach dem ersten Wimmern war ich aus dem Bett geklettert und hatte mich unter meinen Schreibtisch verzogen, die Hände auf die Ohren gepresst und die Augen fest verschlossen. Doch sofort hatte ich das Bild meiner Mutter vor Augen, wie sie jammert, ihn anfleht.
Es ist schlimmer als sonst, er hatte nicht nach einem oder zwei Schlägen aufgehört, sondern schlägt immer und immer wieder zu und ich weiß, was als nächstes passiert.

Tränen rinnen mir aus den Augen, strömen unaufhaltsam über mein Gesicht, gemischt mit Rotz, der aus meiner Nase läuft. Doch ich traue mich nicht, die Hände von den Ohren zu nehmen, um über mein Gesicht zu wischen. Stattdessen starre ich wie gebannt auf den Lichtstrahl, beiße dabei fest auf meine Unterlippe, um keinen Mucks von mir zu geben. In meinem Kopf schreie ich, singe, versuche mich an Details der Geschichte zu erinnern, die meine Mutter mir erzählt hat. Doch nichts kann das grunzende Stöhnen meines Vaters und das verzweifelte Wimmern meiner Mutter vollständig ausblenden.  


Schweißgebadet wache ich auf. Ein Alptraum, mal wieder. Wobei es genau genommen kein Alptraum war, sondern eine Erinnerung an früher.
Mein Herz schlägt rasend schnell und wummert in meinen Ohren. Ich presse meine Lippen aufeinander und drücke die eingeatmete Luft langsam hindurch, um meine Atemfrequenz und Puls wieder runterzufahren. Doch ich schaffe es nicht und die aufgestauten Tränen lösen sich aus meinen Augen. Die Bilder der Erinnerung verschwinden nicht mehr aus meinem Kopf, die Schreie meiner Mutter verklingen nicht.



Als um 6.30 Uhr mein Wecker klingelt, liege ich seit Stunden wach. Ich quäle mich aus dem Bett, ziehe mir etwas über und schleppe mich ins Bad. Mein Spiegelbild schaut mir mit schwarzen Rändern unter den Augen entgegen. Ich sehe furchtbar aus und weiß sofort: Das wird kein guter Tag.

Meine Vorahnung bestätigt sich bereits eine halbe Stunde später beim Frühstück, als mir ein paar der anderen verstohlene Blicke zuwerfen. Ihre Zimmer liegen auf demselben Flur wie meines und ich vermute, ich habe wieder mal in der Nacht geschrien. Sie sagen nichts, aber ihre Augen sprechen Bände. Ich ziehe mir die Kapuze über den Kopf, eine Angewohnheit, die ich einfach nicht ablegen kann, wenn ich mich unwohl fühle. Ich greife nach einer Scheibe Brot und mache etwas Butter drauf. Eigentlich habe ich keinen Hunger, aber ich weiß, ohne Essen darf ich nicht vom Tisch aufstehen. Hier in der Klinik lerne ich nicht nur mit meiner Sucht umzugehen, sondern auch auf mich zu achten, regelmäßig zu essen, genug zu trinken. Das alles sind die einfachen Dinge des Lebens von denen man meinen sollte ich hätte sie als Kind gelernt. Doch mein Vater war die meiste Zeit nicht zu Hause und wenn er es war, war er betrunken und wollte nichts von mir wissen oder hat mich geschlagen. Meine Mutter hat mich immer sehr geliebt und tut es noch immer. Doch unter der Last meines Vaters war auch sie nicht in der Lage, mir beizubringen, was es heißt, umsorgt zu werden und für sich selbst zu sorgen, einen geregelten Alltag zu haben, geregelt zu Essen, unbeschwert zu leben.

In der Wohngruppe hatte ich das erste Mal in meinem Leben einen geregelten Ablauf, zumindest so lange Brandon dort war. Er hat auf mich geachtet, auf mich aufgepasst. Er war mein Rettungsring, mein Anker, mein Zuhause. Doch nachdem er ausgezogen war, änderte sich alles wieder schlagartig. Ich bin morgens los zur Schule und kam oft erst nachmittags oder früh abends wieder. Ob ich frühstückte oder nicht ging meist in dem morgendlichen Trubel unter. Tagsüber war ich für mich allein verantwortlich und wenn man beim Abendessen mal keinen Hunger hatte, war das kein Problem. Ich gehörte nie zu den lauten Problemkindern, also schenkte mir auch niemand besondere Beachtung. Dass die anderen mich nicht leiden konnten und mobbten, wurde großzügig übersehen, es gab Wichtigeres zu erledigen. Ich war nur zur Verwahrung dort, bis ich endlich volljährig werden würde.



Langsam nage ich an meiner Scheibe Brot und versuche die Blicke der anderen zu ignorieren. Ich wäre gerne woanders, will nicht mehr in der Klinik sein doch ich weiß, ich bin noch nicht bereit wieder zu gehen. Die Gruppen- und Einzeltherapien sind anstrengend und daran teilzunehmen ist jedes Mal eine Qual, doch gleichzeitig habe ich mich noch nie so intensiv mit meiner Sucht, meinen Problemen und der Vergangenheit auseinandergesetzt. Es zerreißt mich innerlich jedes Mal aufs Neue, doch ich merke auch wie es mir Tag für Tag besser geht und ich Tag für Tag stärker werde. Ich wünschte nur, diese Alpträume würden aufhören. Nacht für Nacht liege ich im Bett und habe Angst einzuschlafen, Angst davor, dass meine Alpträume mich einholen. Angst davor mal wieder schreiend oder weinend aufzuwachen und allein in der Dunkelheit zu liegen. Ich kann das nicht kontrollieren egal wie sehr ich es versuche, ich schaffe es einfach nicht. Tagsüber geht es mir gut ich habe kaum noch das Verlangen meine Gedanken zu betäuben. Doch nachts, nachts kommen die Monster unter dem Bett hervor, kriechen aus dem Schrank und ergreifen Besitz von mir. Ich habe schon viel versucht, jede Empfehlung meine Therapeutin, jeden Rat der anderen Patienten, doch nichts hat geholfen. Sie lassen mich nicht in Ruhe und ziehen mich immer wieder zurück in den Strudel der Einsamkeit, des Selbsthasses und der Überzeugung nichts wert zu sein.


Nach dem Frühstück habe ich das Verlangen mich einfach wieder in mein Bett zu verkriechen, doch der Tag hier in der Klinik ist vollkommen durchgetaktet: Frühstück um 7 Uhr, Gruppentherapie um 9 Uhr, anschließend verschiedene verpflichtende Angebote, Mittagessen um 13 Uhr, Pause. Sportliche Aktivität am Nachmittag, Abendessen um 18.30 Uhr, im Anschluss der abendliche Tagesabschluss um 20 Uhr, Freizeit, Schlafen. Dreimal in der Woche kommt die Einzeltherapie dazu.
Am Wochenende gibt es mehr Freizeit und auch die Teilnahme an den Mahlzeiten ist nicht verpflichtend. Wer möchte kann ausschlafen, das Klinikgelände verlassen und in die Stadt fahren. Ich selbst habe seit Ende Februar die Klinik nicht einmal verlassen, aus Angst schwach zu werden. Das ist bald vier Monate her und mein Aufenthalt neigt sich dem Ende zu. Eine noch längere stationäre Behandlung ist nicht vorgesehen, ich habe die maximale Wochenanzahl erreicht und muss meinen Platz frei machen. Ich habe Angst davor in mein altes Leben zurückzukehren, fühle mich nicht bereit. Tagsüber schaffe ich es manchmal an Brandons Worte zu glauben, dass ich ein gutes Leben verdient habe, dass ich glücklich sein kann, dass ich ein guter Mensch bin, dass ich es schaffe meine Sucht zu besiegen. Doch dann kommt ein neuer oder alter Alptraum und reißt alle meine Fortschritte ein. Ich fühle mich hilflos, ertrage dieses Leben nicht und will all diese Gefühle nicht fühlen. Aber ich habe mich entschieden mich meinen Dämon zu stellen, also ist Aufgeben keine Option.

Ich zwinge mich zur Gruppentherapie zu gehen, obwohl ich sie nicht besonders leiden kann. Anfangs war ich in einer anderen Gruppe als jetzt, doch weil ich dort nur teilnahmslos saß und nie das Wort ergriff, steckte man mich kurzerhand in die Gruppe von Markus.
Markus ist Mitte 50, selbst ein ehemaliger Süchtiger und viel erbarmungsloser als die anderen Gruppenleiter. Etliche Male habe ich versucht einfach stumm die Gruppensitzungen über mich ergehen zu lassen, doch schweigt man zu oft, fordert Markus einen auf, seine Geschichte zu erzählen. Möchte man nicht oder versucht sich knapp zu halten, bohrt er unnachgiebig nach. Gekonnt trifft er dabei jeden wunden Punkt und zwingt einen sich bis ins kleinste Detail mit sich selbst auseinanderzusetzen. Eigentlich gefällt mir seine Methode, doch an schlechten Tagen würde ich am liebsten einfach davonlaufen. Genau so ein Tag ist heute. Kurz wäge ich mich in Sicherheit, weil schon über die Hälfte der Gruppensitzung um ist, doch dann dreht Markus sich zu mir. Er lächelt, ein warmes unschuldiges Lächeln und ich weiß, meine Gnadenfrist ist abgelaufen.

„Deine letzte Woche hier in der Klinik ist heute angebrochen, nicht wahr, Joanna?“
Ich schaue Markus an und nicke. Er nennt mich immer Joanna, niemals Jo, obwohl ich ihm anfangs immer wieder gesagt habe, dass ich meinen vollen Namen nicht leiden kann. Joanna ist das kleine Mädchen aus der Vergangenheit, nicht ich.
„Möchtest du der Gruppe mitteilen, wie es dir damit geht?“
Ich zucke mit den Schultern. „Weiß nicht,“ murmle ich leise, den Blick zu Boden gerichtet.
Markus lehnt sich vor, stützt sich mit den Ellenbogen auf seinen Knien ab und mustert mich. „Du hast schlecht geschlafen.“
Keine Frage, eine Feststellung. Ich nicke. Er mustert mich noch kurz, dann richtet er sich wieder auf: „In Ordnung, Joanna, falls du den anderen doch etwas mitteilen möchtest, du weißt ja, wie es geht.“ Und zu meiner Überraschung belässt er es für die restliche Sitzung dabei.


Nach dem Mittagessen gehe ich in den Garten. Der Juni ist warm und die Sonnenstrahlen fühlen sich gut auf meiner Haut an. Ich sitze gerne auf einer der Bänke unter der großen Kastanie, im Halbschatten. Träume, lese, schreibe, genieße die Wärme und frische Luft.
Die Klinik ist eher ländlich gelegen, es ist meist ruhig und kein geschäftiges Treiben wirbelt um einen herum. Nicht wie in meiner Wohnung in der Stadt. Dort kann ich nicht einfach draußen sitzen, meine Wohnung hat keinen Balkon und selbst wenn, liegt sie mitten in der Stadt. Überall ist es laut und voll, Autos hupen, Menschen reden, irgendwo ist immer eine lärmende Baustelle. Warum bin ich eigentlich in die Stadt gezogen?

 „Darf ich?“ fragt eine tiefe Stimme und reißt mich aus meinen Gedanken. Markus.
Ich öffne die Augen und nicke. „Klar.“
Markus lässt sich mit etwas Abstand neben mich auf die Bank fallen, kurz schweigt er und sieht mich nur an, ehe er das Wort ergreift: „Du warst jetzt lange hier, in einer sicheren Umgebung. Du hast das Klinikgelände nicht einmal verlassen und bist so den Versuchungen in der richtigen Welt entgangen. Ich nehme an, du hast Angst rückfällig zu werden?“
„Ja,“ entgegne ich, ohne zu zögern. Denn genau davon gehe ich aus, dass ich zu schwach bin und der ersten Versuchung nachgebe.
„Wie lange bist du jetzt schon clean?“ fragt  Markus.
„3 Monate, 26 Tage.“
„Weißt du, Joanna, ich verstehe deine Angst. Mir ging es damals genauso. Aber ich kann dir sagen, egal wie lange du jetzt noch bleiben würdest, diese Angst würde nicht kleiner werden.“
Ich nestle mit meinen Fingern eine Weile an meinem T-Shirt herum, während mein Blick durch den Garten streift, der eher einem kleinen Park gleicht.
„Du darfst Angst haben,“ sagt Markus schließlich. „Diese Angst zeigt, dass du deine Sucht ernst nimmst, und genau deswegen wirst du es schaffen.“
„Meinst du wirklich?“ frage ich zweifelnd und zwinge mich meine Finger ruhig in meinen Schoß zu legen.
Markus schenkt mir ein sanftes Lächeln. „Ja, ganz sicher.“
Mein Blick gleitet zu Boden und ich streiche mir eine einzelne lose Haarsträhne hinters Ohr.

„Ich…“ setze ich an, atme tief ein und stoße die Luft hörbar wieder aus. „Es sind die Nächte, die mir Sorgen machen,“ sage ich schließlich. Ich werfe meinem Gesprächspartner einen kurzen Seitenblick zu. Markus runzelt besorgt die Stirn. „Deine Alpträume werden einfach nicht weniger, was?“
Ich schüttle müde den Kopf. „Die Erinnerungen an meinen Vater lassen mich einfach nicht los. Ich schätze, ich habe sie einfach zu lange verdrängt und mich nicht richtig damit auseinandergesetzt.“
„Das sind nicht deine Worte,“ entgegnet Markus leicht grinsend.
Ich muss schmunzeln. „Nein, aber sie stimmen trotzdem, oder nicht?“
Markus nickt. Wir schweigen einen Moment. Ich strecke meine Beine aus, lehne mich an und lege den Kopf in den Nacken, um in den Himmel zu schauen.
„Hast du denn wirklich niemanden, der in der ersten Zeit bei dir sein kann?“ fragt Markus schließlich.
Sofort muss ich an Brandon denken, doch dann fällt mir ein, dass ich nicht weiß, ob er noch da ist, wenn ich zurück bin.
Markus beobachtet mich, bemerkt dabei mein Zögern. „Es gibt also jemanden?“ fragt er vorsichtig nach. Ich zucke mit den Schultern, betrachte weiter die Wolken am Himmel. „Ich weiß nicht, vielleicht. Eher nicht, denke ich.“
Ich habe über Brandon nie in der Gruppentherapie gesprochen, weil ich fand, dass es die anderen nichts angeht. Aber jetzt möchte ich, dass Markus von ihm erfährt und als ich erst einmal anfange zu erzählen, kann ich nicht wieder aufhören. Markus hört mir aufmerksam zu, murmelt an den passenden Stellen leise „Mhm“ und wartet, bis ich alles gesagt habe, was es zu sagen gibt.
„…dann bin ich hergefahren, ohne mich von ihm zu verabschieden und ich weiß nicht, ob er mich überhaupt wiedersehen will,“ beende ich meine Erzählung, reibe mir mit der linken Hand über die Stirn, versuche die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken und den Kloß im Hals runterzuschlucken.

In diesem Moment vermisse ich Brandon unfassbar doll und wünsche mir, einfach bei ihm sein zu können. Aber ich habe während meines Klinikaufenthaltes nicht einmal Kontakt zu ihm aufgenommen. Ich weiß nicht, wie es ihm geht, was er macht und ob er noch da ist oder aus der Stadt geflohen ist, die er so sehr hasst. Doch ich hatte Angst, ihn dann zu sehr zu vermissen, alles hinzuschmeißen und die Klinik zu verlassen, wenn ich auch nur eine seiner wunderbaren Nachrichten las. Oder gar seine Stimme vernommen hätte, mit der er es doch immer wieder schaffte, mich zu beruhigen, mir die Sinne zu rauben und ein Gefühl von Heimat zu schenken. Ich bin sicher, ich hätte mich augenblicklich nach einer seiner tröstenden und kraftspendenden Umarmungen verzerrt, die mir immer Geborgenheit schenken. Also habe ich mein Handy bei meiner Abreise ausgeschaltet und seitdem nicht einmal angehabt.  

„Er wird da sein,“ sagt Markus mit einer solchen Gewissheit, dass ich gewillt bin, ihm einfach zu glauben.
„Er hat so viel mitgemacht, sich um dich gekümmert, war immer für dich da. Er wird jetzt nicht einfach verschwinden, wo du es geschafft hast, clean zu werden.“
Ich seufze. „Vielleicht,“ murmle ich leise.
„Er liebt dich,“ fügt Markus noch hinzu.
Meine Mundwinkel ziehen sich leicht nach oben. „Das tut er,“ bestätige ich.
„Dann wird er da sein,“ sagt Markus erneut mit Überzeugung. Dann steht er auf und sieht mich auffordernd an. „Bereit?“ fragt er und grinst breit.
Mit einem Blick auf die Uhr dämmert mir, was er meint. Die Mittagspause ist zu Ende und es ist Zeit für die Nachmittagsaktivitäten. Ich habe vor ein paar Wochen angefangen bei Markus Kick-Boxen zu lernen und weiß bis heute nicht, was mich da geritten hat. Mich freiwillig regelmäßig von jemanden verprügeln zu lassen ist nicht unbedingt die schlauste Idee in meinem Leben gewesen.
„Absolut nicht,“ antworte ich Markus, erhebe mich aber trotzdem von der Bank und gehe ihm hinterher.
Er bleibt noch einmal kurz stehen und dreht sich zu mir um. „Joanna,“ sagt er leise. „Erlaube dir selbst Angst zu haben. Du darfst Angst haben. Lass es zu und es wird einfacher. Wenn du immer versuchst dir selbst alle Gefühle zu verbieten, wirst du es nicht schaffen.“
Markus dreht sich wieder um und ohne eine Antwort abzuwarten setzt er seinen Weg fort. Ich folge ihm.



Am Freitag ist es dann so weit: Mein letzter Tag.
Ein letztes gemeinsames Frühstück, ein letztes Mal Gruppentherapie, dann kommt der Wagen, der mich nach Hause bringt. Ich verabschiede mich von allen, ein paar von ihnen sind mir wirklich ans Herz gewachsen. Doch am meisten vermissen werde ich die Sitzungen mit Markus. Auch wenn ich es jedes Mal furchtbar fand, muss ich mir eingestehen, dass er mir mehr geholfen hat als meine Therapeuten es in den Einzelstunden je konnten.
Ich umarme Markus zum Abschied kurz und er schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln.
„Ruf an, wann immer du Hilfe brauchst,“ sagt er und steckt mir einen Zettel mit seiner Telefonnummer zu.
Ich ziehe die Mundwinkel nach oben und schenke ihm zum Abschied ein schiefes Lächeln. „Danke…“ sage ich leise, verschwinde in dem Wagen und lasse die Autotür hinter mir zufallen.


Meine Wohnung riecht nach Brandon obwohl nichts den Anschein erweckt als wäre er in den letzten Wochen hier gewesen. Allerdings sieht meine Wohnung auch nicht aus, als wäre ich wochenlang nicht da gewesen. Es liegt kein Staub, die Luft ist nicht stickig und zu meiner großen Überraschung lebt sogar die einzige Pflanze, die das Pech hat in meinem Besitz zu sein, noch.  
Ich schleppe den Koffer direkt ins Schlafzimmer und mein Blick fällt auf das Nachtschränkchen, wo ich die Botschaft für Brandon hinterlassen habe. Die Nachricht ist fort, das Bild hingegen liegt noch an Ort und Stelle, zusammen mit Brandons Armbanduhr. Das Bild von ihm und mir zeigt deutliche Spuren, die ein mehrmaliges Aufheben, Betrachten und Festhalten hinterlassen haben müssen. Brandons Geruch liegt hier unverkennbar in der Luft und mit einem Blick auf mein Bett fällt mir auf, dass andere Bettwäsche bezogen wurde. Ich lasse mich auf die Bettkante fallen, hebe das Kopfkissen an meine Nase, rieche daran und bin mir sicher: Brandon muss in den letzten Wochen öfter hier geschlafen haben.  

Sofort bekomme ich Sehnsucht und ein schlechtes Gewissen, mich nicht einmal bei ihm gemeldet zu haben. Ich fische mein Smartphone aus meiner Hosentasche und schalte es an. Enttäuscht stelle ich fest, dass Brandon nicht versucht hat mich zu erreichen. Keine entgangenen Anrufe oder Nachrichten von ihm. Dafür von Alexander, schon einige Wochen alt. Irgendwann hat er dann aufgegeben mich zu erreichen.
Ich überlege kurz, ob ich Brandon schreiben oder gar Anrufen soll, doch meine Angst vor seiner Ablehnung hindert mich daran. Ohnehin stelle ich mit einem Blick auf die Uhr fest, dass er vermutlich noch am Schlafen ist, um für die Nachtschicht fit zu sein.

Ich packe ein paar meiner Sachen aus, ehe ich unter die Dusche springe und mir anschließend frische Klamotten überziehe. Entschlossen verlasse ich meine Wohnung und mache mich auf den Weg zu Brandon. Unter der Dusche habe ich beschlossen, es würde mir leichter fallen, persönlich vor ihm zu stehen, als ihm zu schreiben oder anzurufen. Doch vor seinem Wohngebäude tigere ich unruhig hin und her, unschlüssig, ob ich wirklich klingeln soll.

„Jo?“
Ich zucke erschrocken zusammen, schaue mich um und erblicke den ungläubig schauenden Brandon. „Jo…“ wiederholt er leise, doch ich bin unfähig zu reagieren und starre ihn einfach nur an.



Brandon

Ich laufe zügig durch die Straßen, versuche der Wärme zu entkommen. Die Sonne steht hoch am Firmament und brennt erbarmungslos auf meiner Haut. Der Frühling wurde rasant vom Sommer abgelöst, oder kommt mir das nur so vor? Ich schüttle leicht den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Seit Jo fort ist, ist ein Tag wie der andere: dunkel. Egal ob Winter, Frühling, Sommer oder Herbst. Meine Sonne fehlt.

Trotzdem habe ich in den letzten Wochen versucht mein Leben auf die Reihe zu bekommen. Jo tut alles dafür gesund zu werden und ein besseres Leben zu führen. Doch ich jammere immer nur über den Job, den ich hasse. Die Wohnung mit den lauten Nachbarn. die Dinge, die ich nicht haben kann. Ich habe nie wirklich versucht etwas an meiner Situation zu ändern, warum denn auch, was habe ich schon für Chancen? Doch jetzt will ich mehr. Ich will ein geregeltes Leben, tagsüber arbeiten, abends und vor allem nachts bei Jo sein können. Ich will mehr als die eintönige Nachtschicht im Lager, in der ich nur am Band stehe und langweilige Arbeit verrichte. Also bin ich zu meinem Chef gegangen und habe ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, im nächsten Jahr einen der Ausbildungsplätze zum Lagerlogistiker mit mir zu besetzen.
Zunächst war er überrascht gewesen, dann hatte er sich gefreut. „Ich habe mich immer gewundert, dass jemand wie du dich mit der Nachtschicht im Lager zufriedengibt. Aber jedem das seine, nicht wahr?“
Ich hatte nur genickt, unsicher, was ich darauf erwidern sollte.
„Na wie auch immer,“ hatte mein Chef dann das Gespräch wieder aufgenommen. „Weißt du was, Brandon, du bist jetzt schon so lange hier und ich kenne kaum eine zuverlässigere Person als dich. Ich weiß, dein Lebenslauf macht nicht viel her, du bist wegen einer üblen Schlägerei vorbestraft, aber du bist in der Firma nicht einmal negativ aufgefallen und immerhin hast du mit Ach und Krach dein Abitur geschafft. Wenn du willst, kannst du zum Herbst dual Lagerlogistik bei uns studieren. Ich kann das mit der Hochschule regeln. Ich denke, dass wäre genau das richtige für dich und wenn nicht, dann bekommen wir es bestimmt hin, dass du in die Ausbildung wechselst.“
Ich hatte mein Glück kaum fassen können und sofort dankbar zugestimmt. Allerdings bedeutete ein Studium auch, dass ich zuvor einige grundlegende Kenntnisse auffrischen muss. So schleppe ich mich seit einiger Zeit mehrmals die Woche in die Volkshochschule und besuche Kurse in Englisch und Mathematik. Mir fehlt seitdem einiges an Schlaf, doch die Aussicht im Herbst etwas Neues beginnen zu können und die Gedanken an Jo helfen mir durchzuhalten.


Vor meinem Wohngebäude bleibe ich stehen und starre ungläubig die junge Frau an, die dort steht. „Jo?“ frage ich unsicher und bin überzeugt, meine Augen spielen mir einen Streich. Doch dann dreht die Frau sich um und ich blicke direkt in das wunderschöne Gesicht meiner Joanna.
„Jo…“ wiederhole ich leise. Bevor sie etwas sagen kann, mache ich die letzten Schritte auf Joanna zu und ziehe sie in meine Arme. „Du bist endlich wieder da,“ sage ich erleichtert.
Es dauert einen Moment bis Joanna sich rührt, ihre Arme um mich legt und die Umarmung erwidert. Ihr warmer Körper schmiegt sich an meinen und ein leises „Brandon“ verlässt ihre Lippen.  Ich vergrabe meinen Kopf an ihrer Schulter und atme ihren wundervollen Duft ein. Ein zufriedenes Lächeln legt sich auf meine Lippen. Sie ist wieder da… meine Sonne ist endlich wieder da, denke ich und drücke Jo noch etwas fester an mich. „Brandon,“ sagt Joanna erneute, diesmal mit festerer Stimme. „Brandon, du erdrückst mich.“ Sie versucht mich sanft von sich zu schieben, ich lockere zwar meinen Griff etwas, aber Loslassen tue ich sie nicht.

„Brandon?“ fragt Joanna nach kurzer Pause leise. „Weinst du?“  
Ich schüttle leicht den Kopf, doch sie glaubt mir nicht und drückt mich von sich, diesmal energischer. Ich habe die Augen geschlossen, während mir einzelne Tränen unkontrolliert über die Wangen laufen. So hatte ich mir unser Wiedersehen nicht vorgestellt. Ich meine… natürlich hatte ich keine genaue Vorstellung von unserem Wiedersehen, aber heulen wollte ich definitiv nicht.  
Eine warme Hand legt sich an meine linke Wange und ich spüre, wie Jo mir sanft mit dem Daumen die Tränen unter den Augen wegwischt. Als ich die Augen öffne liegt ein Glitzern in ihrem Blick und Tränen fließen ihr aus den Augen, aber sie lächelt.
Ich wische mir übers Gesicht und betrachte meine beste Freundin.
„Du siehst gut aus,“ sage ich schließlich. „Gesund.“
Joanna nickt, dann schleicht sich ein Ausdruck der Unsicherheit in ihre Augen. „Wollen wir vielleicht drinnen reden?“ fragt sie zögerlich.
„Klar,“ entgegne ich und krame den Haustürschlüssel aus meinem Rucksack.


Ich hole uns Getränke, während Joanna es sich schon auf der Couch gemütlich macht. Auf dem Weg zu ihr betrachte ich sie noch einmal genauer. Sie sieht wirklich gesund aus. Sie hat etwas zugenommen, vor allem an Muskeln und wirkt nicht mehr so zierlich und abgemagert wie zuvor. Ihre Gesichtsfarbe sieht viel gesünder aus, ihr Haar sieht weich und gepflegt aus und selbst auf die Distanz kann ich erkennen, dass die Haut an ihren Fingern verheilt ist und sie aufgehört hat die Nägel abzukauen und die Nagelbetten blutig zu knibbeln. Einzig die Schatten unter ihren Augen sind geblieben und zeugen davon, dass sie noch immer mit ihren Dämonen zu kämpfen hat.
Ich stelle die Getränke auf dem kleinen Glastisch ab und setze mich neben Jo. Am liebsten würde ich ganz nah an sie heranrücken, sie berühren, umarmen und nie wieder loslassen. Ich kann kaum glauben, dass sie tatsächlich vor mir sitzt und bei ihrem Ausdruck in den Augen bekomme ich Angst, dass es vielleicht nicht für lange sein wird. Doch ich unterdrücke den Impuls sie festzuhalten und wahre etwas Abstand.

„Also, wie geht es dir?“ frage ich vorsichtig.
Joanna lächelt, doch ihr Lächeln erreicht nicht ganz ihre Augen. „Es geht mir gut,“ antwortet sie. „Ich bin seit 4 Monaten clean und habe viel gelernt.“
Und dann erzählt sie von ihrem Klinikaufenthalt, von den anderen Patienten, von der Gruppentherapie, von Markus und vom Training im Kickboxen. Ich höre ihr aufmerksam zu und bin glücklich, dass ihr die Entzugsklinik so gutgetan hat und sie dort jemanden gefunden hat, der ihr wirklich helfen konnte. Doch gleichzeitig versetzt es mir einen kleinen Stich, dass ich nicht derjenige war. Ich ertappe mich dabei, wie ich denke, dass sie mich vielleicht gar nicht mehr braucht und nur hier ist, um sich endgültig zu verabschieden.
Als sie mit ihrer Erzählung fertig ist, streicht sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr und sucht mit ihren Augen meinen Blick. „Und du? Wie geht es dir?“

Ich bin versucht ihr davon zu erzählen, wie schlecht es mir anfangs ging. Doch dann erzähle ich ihr nur, dass ich mich beruflich weiter entwickeln möchte und dass mein Chef mir die Chance dazu gibt. Ich will ihr kein schlechtes Gewissen machen, weil sie getan hat, was sie dachte tun zu müssen. Offensichtlich war es die richtige Entscheidung für sie und die soll sie nicht bereuen. Ich erzähle ihr auch von den Kursen an der Volkshochschule. „Zwar bekomme ich dadurch im Moment nicht all zu viel Schlaf, aber ich denke, es lohnt sich. Die Kurse helfen mir weiter.“
Joanna nickt und ihre Mundwinkel heben sich leicht. „Ich bin froh, dass es dir gut geht und du diese unfassbar gute Chance bekommst.“ Dann wirft sie einen Blick auf die Uhr, zieht kaum merklich die Augenbrauen zusammen, ehe sie mich anlächelt. „Dann geh ich jetzt wohl besser, damit du dich vielleicht noch mal hinlegen kannst, bevor du zur Schicht musst. Wir können uns ja vielleicht morgen sehen, oder wann immer es dir passt.“
Ohne eine Antwort abzuwarten steht sie auf und wendet sich zum Gehen. Ich greife nach ihrem Arm und ziehe sie zurück, halte sie so vom Gehen ab. In ihren Augen erkenne ich ihre Unsicherheit.
„Jo,“ sage ich sanft und ziehe sie zu mir. „Mir passt es jetzt. Glaubst du wirklich, ich lasse dich los, jetzt wo du wieder da bist?“
„Ich will dich nicht von irgendetwas abhalten,“ sagt sie leise, den Blick starr zu Boden gerichtet.
„Das tust du nicht,“ entgegne ich bestimmt.

Joanna lässt sich in meine Arme fallen und vergräbt ihren Kopf an meiner Schulter. Sie weint und während sie sich in meinem T-Shirt festkrallt, streiche ich ihr besänftigend über den Rücken, halte sie einfach nur fest. Ihr Schluchzen zerreißt mir das Herz. Einfach nur dazuliegen, während sie so weint, bringt mich fast um. Ich bekomme das Bedürfnis auf etwas einzuprügeln. Meine Wut auf die Welt, die dafür sorgt, dass Jo immer wieder so leidet, wächst ins unermessliche. Doch ich zwinge mich ruhig liegen zu bleiben und einfach für sie da zu sein.
„Ich will dir einfach nicht wieder zur Last fallen…“ krächzt sie schließlich zwischen zwei Schluchzern hervor.
Ich schiebe Joanna sanft von mir weg, lege eine Hand an ihre Wange und lehne mich mit meiner Stirn gegen ihre. „Jo,“ sage ich leise und greife mit der anderen Hand nach ihrer, um unsere Finger miteinander zu verschränken. „Du warst noch nie eine Last für mich und selbst wenn es so wäre, dürftest du das. Jederzeit. Als du damals in mein Leben getreten bist, war das meine Rettung. Ohne dich würde ich jetzt gar nicht hier sitzen.“
Ich ziehe meinen Kopf zurück und schaue Joanna an, doch sie hat ihre Augen geschlossen. Sie presst ihre Lippen aufeinander, während ihr erneut Tränen über die Wangen laufen.

Ich lege meine Hand zurück an ihre Wange und lächle sanft. „Ich weiß, du willst nicht stören. Mich von irgendetwas abhalten, denkst, ich hätte wichtigere Dinge zu tun. Ich weiß, dass ich früher als wir uns kennenlernten immer gesagt habe, dass ich keine Menschen in meinem Leben brauche. Dass ich allein besser klarkomme. Und ich weiß, du hast deswegen Angst, dass du eine Last für mich bist und ich dich eines Tages anfange zu hassen, dich verlasse. Aber ich hatte unrecht Jo, und das hätte ich dir schon längst sagen sollen. Ich will nicht allein sein, ich will dich in meinem Leben.“ Ich halte inne, um Luft zu holen. Joanna legt ihre Hand auf meine und schmiegt ihre Wange an meine Finger. Ihr Gesicht verzieht sich zu einem gequälten Ausdruck und spiegelt den Kampf in ihrem Innern wider.
„Lass es zu, Jo,“ flüstere ich. „Du darfst dich auf mich verlassen, versprochen. Es wird schlechte Tage geben, an denen nichts funktioniert und wir vielleicht auch streiten. Aber ich verspreche dir, ich werde dich nicht verlassen und immer gut zu dir sein. Lass es zu Jo, erlaube dir selbst, dass ich für dich da bin. Du darfst es, das ist in Ordnung. Hör auf, dich vor mir zu verschließen, weil du denkst, du müsstest das tun. Mir gegenüber musst du nicht kämpfen, du darfst deine Schwächen zeigen, deine Ängste, all deine Gefühle. Du darfst zugeben, dass auch du manchmal Hilfe brauchst. Du darfst einfach Du sein.“
Während ich rede, glätten sich Joannas Gesichtszüge etwas und der gequälte Ausdruck verschwindet.
„Ich darf ich sein?“ fragt sie leise, als ich mit meiner Ansprache fertig bin.
„Ich wünsche mir nichts mehr als das. Dass du einfach Du bist.“
Ihre Augen öffnen sich und vorsichtig sucht sie meinen Blick.  „Dann darf ich zugeben, dass ich mir sicher bin, dass ich es ohne dich nicht schaffe, clean zu bleiben?“
Ich nicke, doch bevor ich etwas erwidern kann, ergreift Jo wieder das Wort. „Und ich darf zugeben…“ setzt sie an, hält dann inne. Ihre Stimme zittert etwas und ihre Wange wird unter meiner Hand ganz warm. „…dass ich mir wünsche für immer mit dir zusammen zu sein, weil ich dich liebe?“ fährt sie schließlich fort. Ihre Wangen färben sich rot und unsicher schwankt ihr Blick zur Seite. Ich spüre unter meiner Hand, dass sie ihren Kopf am liebsten abwenden würde. So wie ich sie kenne würde sie vermutlich sogar am liebsten aufspringen und wegrennen.
„Ja,“ sage ich mit fester Stimme. Doch eigentlich schlägt mir das Herz bis zum Hals. Eigentlich habe ich das Gefühl, kaum atmen zu können. Eigentlich bin ich komplett überfordert, obwohl ich mir immer gewünscht habe, genau diese Worte aus Joannas Mund zu hören.
Ich zwinge mich ruhig zu bleiben, mich nicht zu bewegen, nichts Falsches zu tun. Ich warte einfach auf eine Reaktion von Jo.

Sie gibt den Widerstand auf und nimmt eine ruhige Sitzposition ein. Sie zieht unsere beiden Hände von ihrer Wange und legt sie in ihren Schoß. Ihre Finger streichen über meine und Jo schaut dabei zu, als wäre es nicht ihre eigene Hand, die Muster auf meiner Haut nachzeichnet.
„Es tut mir leid, Brandon, dass ich einfach gegangen bin und mich nicht einmal gemeldet habe.“
„Schon okay, Jo.“
„Nein,“ entgegnet sie kopfschüttelnd. „Das ist überhaupt nicht okay. Aber ich wusste, ich würde nicht gehen, wenn ich mich persönlich verabschiedet hätte. Und ich wusste, ein Anruf oder eine Nachricht von dir hätte ausgereicht, dass ich den Entzug augenblicklich abbreche und zu dir zurückkehre.“

Ihre Worte lösen einen Sturm von Gefühlen in mir aus, doch ich verstehe jetzt, warum sie ohne Abschied gehen musste, warum sie mir wehtun musste. Sie ist eine Süchtige und ohne begleiteten Entzug wäre sie niemals clean geworden. Doch ich hätte sie niemals dazu gedrängt, hätte ihr niemals die Hilfe sein können, die sie benötigte. Denn ich hätte niemals die Stärke gehabt, streng zu bleiben und ihr zu verwehren, was sie begehrt, nur damit sie nicht wütend auf mich ist und bei mir bleibt. Genau so wäre sie nicht gegangen, wenn sie mir persönlich von ihrem Entschluss erzählt hätte, für mehrere Wochen in eine Klinik zu gehen. Denn ich wäre zu schwach gewesen, ich hätte sie gebeten zu bleiben und sie wäre geblieben. Gewissermaßen brauchte auch ich einen Entzug. Einen Entzug von Jo, um wieder klarer sehen zu können, denn diese Frau ist meine Droge.

„Ich habe dich so unglaublich vermisst, Brandon,“ sagt Jo leise, hebt ihren Blick und lächelt mich traurig an. „Der Entzug war schlimm, aber die Trennung von dir war schlimmer.“
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. In mir blitzen in Sekundenschnelle so viele unterschiedliche Gefühle auf und lähmen mich. Dann spüre ich Joannas Hand an meiner Wange, ich blicke auf und schaue direkt in ihre Augen. Ihre Lippen legen sich sanft auf meine und mit der Berührung verstummt der Sturm in meinem Inneren, hinterlässt völlige Ruhe und die Gewissheit, dass ich diese Frau nie wieder loslassen möchte.
 
 
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