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An meinen kleinen Stern

Kurzbeschreibung
OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Mimi Tachikawa und Palmon
08.08.2022
08.08.2022
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882
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08.08.2022 882
 
Hallo mein kleiner Schatz, hier ist deine Mama.
Diese Zeilen zu schreiben, fällt mir ehrlich gesagt unheimlich schwer. Denn egal, welche schönen Worte ich hier tippe, du wirst sie leider niemals lesen können.

Vielleicht fange ich einfach von vorne an. An dem Tag, als ich von dir erfahren habe, da war ich so aufgeregt und glücklich. Es war mehr ein Gefühl, dass mich einen Test machen ließ. Aber dieses Gefühl, wurde dann belohnt. Dein Papa war zu dieser Zeit noch im Prüfungsstress, er konnte sich erst einmal gar nicht so richtig darauf konzentrieren. Vielleicht brauchte er aber auch nur einen Moment, um alles zu realisieren. Als er es dann tat spürte ich, dass auch er sich sehr auf dich freute. Wir würden bald eine kleine Familie sein und du gehörtest nun auch zu uns.
Jedes Mal, wenn ich zum Arzt ging, war ich so aufgeregt. Ich war gespannt, ob du gewachsen bist. Wollte deinen Herzschlag sehen. Und ich wollte mich vergewissern, dass es dir gut geht. Mir auszumalen, wie es wäre, wenn du endlich bei uns bist, war so schön. Langsam begannen wir, die ersten Dinge für dich zu kaufen. Und wir erzählten unserer Familie und den engsten Freunden von dir. Von unserem kleinen Wunder. Auch wenn dein Papa immer etwas vorsichtiger war, man wisse ja nie, was passiert. Allmählich begann auch er, sich immer offener auf dich zu freuen.

Nun, im Nachhinein weiß ich, dass ich mich immer sehr auf mein Bauchgefühl verlassen kann. Denn ohne diese Ahnung, hätte ich nicht darauf bestanden, dass wir zum Arzt fahren. Wir mussten eine Weile warten, denn in der Notaufnahme war viel zu tun. Ich war so nervös. Und dann wurde ich untersucht.

Ich werde dieses Gefühl wohl nie vergessen. Diesen Moment, in dem die Ärztin einfach nur ruhig wurde. Und da wusste ich, sie hat keinen Herzschlag gesehen.
Sie versuchte, mich zu trösten. Schließlich passiere dies vielen Frauen und ich solle es positiv sehen, immerhin könne ich überhaupt schwanger werden. Ja, das wusste ich alles. Aber in diesem Moment wollte ich einfach nur weg und weinen. Als ich raus kam, sah dein Papa mich nur an und wusste es gleich. Er nahm mich in den Arm. Ich weinte und weinte und weinte. Und zuhause, vergoss auch dein Papa das erste Mal seine Tränen.
Der nächste Tag, war noch schlimmer für uns. Das Warten, die Bestätigung, das Besprechen der weiteren Schritte. Wir würden noch das Wochenende abwarten, dann solltest du auf die Welt geholt werden.
Als wir zuhause waren, fühlte ich mich einfach nur unendlich müde. Ich glaube, ich hätte tagelang durchschlafen können. Wieder weinten wir. Und wir hielten einander fest, in unserer tiefen Trauer.

Das Wochenende verging. Wir versuchten uns abzulenken, suchten Trost in unserer Familie. Aber der Schmerz blieb. Dann musste ich ins Krankenhaus. Ich wartete den ganzen Tag, dein Papa durfte leider nicht bei mir sein. Der schlimmste Moment war, als im Kreissaal eine Etage tiefer ein Baby schrie. Erst da wurde mir vollends bewusst, dass ich deine Stimme niemals würde hören können. Sie holten mich ab und ich bekam eine Narkose.

Du warst zehn Wochen ein Teil von mir. Und in nur drei Minuten, hatte man dich mir gewaltsam entrissen.

Ich wollte dir trotzdem einen Namen geben. Denn was uns wichtig ist, sollte einen Namen haben. Darum heißt du Mayu. Wir haben auch eine Kiste mit Erinnerungsstücken für dich angefertigt. Weil wir dich nicht vergessen wollen. Unser erstes Kind.
Heute weine ich wieder mehr, als in den letzten Tagen. Es ist nun zwei Wochen her, dass du auf die Welt geholt wurdest. Der Schmerz sitzt tief, doch es gibt gute Tage und weniger gute Tage. Aber das darf so sein. Denn die Zeit mit dir, war trotz allem schön. Wir haben gemerkt, wie sehr wir uns ein Kind wünschen. Dafür danke ich dir von Herzen.

Manchmal frage ich mich: Wieso ausgerechnet wir? Diese Frage wird mir wohl niemals jemand beantworten können. Aber ich versuche stets das Positive in allem zu finden. Und zu wissen, dass es dich gab, zu sehen, wie dein Herz schlug und diese tiefe Liebe einer werdenden Mutter in mir zu spüren, das ist doch alles etwas Positives.
Es ist nicht fair, dass du diese Welt niemals mit deinen Augen erblickt hast. Dass du sie nicht entdecken konntest. Und dass wir dich niemals kennenlernen durften.
Aber sei dir eines gewiss. Wir werden dich immer lieben und in unseren Herzen bewahren. Und auf die traurigen Tage, folgen wieder glückliche.

Bitte wache aus dem Himmel über uns. Schenke uns dein Licht, mein kleiner Stern.

In Liebe, deine Mama



Hallo ihr Lieben,
beim lesen wird euch vielleicht auffallen, dass dies eigentlich ein Brief von mir an mein Sternenkind ist.
Nun, warum veröffentliche ich ihn?
Das hat mehrer Gründe. Es als FF zu verpacken, hat mir das Schreiben erleichtert. Und es hilft mir bei meiner Trauer. Andererseits versuche ich, offen mit dem Thema umzugehen. Denn leider ist es ein Tabuthema, obwohl es so viele Menschen betrifft. Es mag nicht immer einfach sein, über eine Fehlgeburt zu sprechen. Aber wenn niemand es tut, fühlt man sich schnell allein in seiner Trauer.
Und wenn ich grade etwas nicht möchte, dann ist es allein sein.

Ich hoffe, ihr lest den Text und ich hoffe es ist okay, dass ich offen meine Trauer teile.
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