Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Brief

von Felia92
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
05.08.2022
18.10.2022
62
67.535
4
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.09.2022 1.015
 
Ich hoffe ihr seid nicht zu sauer auf Steffan, über das was er getan hat. In diesem Kapitel werdet ihr es verstehen ;-)


36.

Steffans Sicht


Sein Kopf tut ihm höllisch weh, sein Herz blutet. Die Tränen auf seinem Gesicht brennen wie Säure. Sie war so wütend, so verletzt, aber was hat er erwartet? Er hat ihr das Herz gebrochen. Er hat ihr das Schlimmste angetan, was nur möglich ist. Ihre Wut kann er durchaus verstehen. Dass sie es jedoch so sehr auf ihren Sex an Weihnachten bezieht, tut ihm im Herzen weh. Insgeheim hofft er, dass sie nicht denkt, er hätte sie nur als Trophäe gesehen. Dass er nur das eine von ihr wollte, um sie im Anschluss wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen. Das war es keineswegs, doch die Wahrheit kann er ihr auch nicht sagen. Zu groß ist die Angst vor den drohenden Konsequenzen.
Es fällt ihm ebenfalls nicht leicht, diesen Schritt gegangen zu sein, doch ihm blieb nichts anderes übrig. Es war der einzig richtige Schritt. Niemals im Leben könnte er es sich verzeihen, wenn sie ihren Abschluss nicht mehr machen kann. Wenn sie keine Chance mehr auf ein Abitur hat. Wenn sie wegen ihm ihr Leben verbaut. Nein, das kann er nicht verantworten. War die Trennung überstürzt? Er weiß es nicht, doch es war die einzige Möglichkeit, die er gerade gesehen hat.
Bei ihren letzten Worten zog sich alles in ihm zusammen. Er hat keine Liebe mehr in ihren Augen gesehen, nur noch puren Hasse. Steffan hofft so sehr, sie könne ihm eines Tages vergeben. Wenn er ihr irgendwann die Wahrheit sagen kann, so hofft er stark, sie würde ihn verstehen, sehe Beweggründe verstehen, dass er es nicht aus freien Stücken getan hat.
Zum Glück ist er nicht mit dem Auto gekommen. In diesem Zustand wäre er nicht fähig zu fahren, sich ordentlich auf den Verkehr zu konzentrieren. Langsam geht er auf den Bahnhof zu. Noch einmal dreht er sich zu dem Haus um. Was sie jetzt wohl macht? Er hofft inständig, dass sie keine Dummheit begeht. So wie er sie kennengelernt hat, ist sie sehr sensibel. Umso schlimmer ist sein schlechtes Gewissen.
Niemals könnte er es sich verzeihen, wenn sie sich etwas antun würde. Aber Danny und Tizi sind bei ihr. Sie werden ihr durch die schwere Zeit helfen. Sie hat viele Freunde, die ihr guttun. Steffan hingegen wird allein mit seinem schlechten Gewissen klarkommen müssen. Er kann sich bei keinem Freund ausheulen. Niemand darf wissen, dass er sie liebt. Denn das tut er. Er liebt sie über alles, mehr als sein eigenes Leben. Würde es nur um seinen Job gehen, wäre ihm alles egal. Selbst wenn er niemals wieder als Lehrer arbeiten könnte, immerhin gibt es noch genug andere Jobs auf dieser Welt. Aber ihre Zukunft möchte er nicht auf dem Gewissen haben. Sie hat noch ihr ganzes Leben vor sich. Das Abitur ist heutzutage so wichtig! Ihr stehen damit alle Türen offen. Sie kann studieren gehen, sie kann einen guten kaufmännischen Beruf erlernen, sie kann einfach machen, was immer sie möchte.
Bevor er in den Zug einsteigt, atmet er tief durch. Es ist ein kalter Wintertag, der ihm beinahe die Tränen auf der Haut einfrieren lässt. Im Zug ist es leer. Nur wenige Plätze sind besetzt, sodass er sich ruhig in eine Ecke setzen und über das Geschehene nachdenken kann. Sein Blick ist von den ganzen Tränen verschwommen. Sein Kopf platzt beinahe und in seinem Inneren herrscht eine Eiseskälte. Sein Herz fühlt sich an, als hätte ihm jemand ein großes Schlachtermesser hineingestochen.
Vielleicht haben die beiden in anderthalb Jahren noch einmal die Chance auf einen Neuanfang. Vielleicht hat sie ihm bis dahin verziehen und hat ihre Liebe ihm gegenüber noch nicht verloren. Er wird sie wohl immer lieben, kann sich keine andere Frau mehr an seiner Seite vorstellen. Wenn sich ihm die Chance bietet, wird er um sie kämpfen. Aber erst, wenn sie ihren Abschluss in der Tasche hat. Vorher macht es keinen Sinn, und er hofft inständig, dass sie das verstehen kann. Sollte sie in der Zwischenzeit jemand anderen kennenlernen, so wird er das akzeptieren müssen. Er will nur ihr Bestes, auch wenn das bedeute, dass ein anderer Mann sie glücklich macht.
Die Landschaft zieht so an ihm vorbei. Müde blickt er aus dem großen Fenster des Zuges und starrt mit leerem Blick in die Ferne. Die Landschaft ist von einem weißen Frost überzogen. Geschneit hat es jedoch noch nicht.

Zu Hause angekommen kramt Steffan die Schlüssel aus seiner Jackentasche. Mit zittrigen Händen steckt er den Schlüssel in das Schloss und öffne langsam die Haustür. Aus dem Wohnzimmer kann er bereits Stimmen hören. Der Fernseher ist an. Mit zusammengezogenen Augenbrauen betritt er sein Haus, zieht sich die Schuhe aus und schmeißt seine Jacke achtlos in eine Ecke. Ihren Duft kann er noch immer in seinem Haus riechen. Für einen kurzen Moment schließt er genüsslich die Augen und erinnert sich an Weihnachten zurück. An die letzten Wochen. Ihr Lachen. Ihre funkelnden Augen, die ihn immer so verliebt angesehen haben. Ihre Berührungen auf seiner Haut, die in ihm eine Gänsehaut ausgelöst haben. Ihr sanftes Wesen. Ihr gemeinsames Kochen und gemeinsame Filmabende. Wie sie ihm ihre Gefühle gestanden und wie sein Herz dabei einen Salto geschlagen hat. Wie sie nachts plötzlich vor seiner Tür stand, sturzbesoffen und sie sich in dieser Nacht zum ersten Mal küssten.
Doch jetzt brodelt in ihm eine Wut. Er betritt das Wohnzimmer und starrt auf den Fernseher.
„Hey Stef, hast du es erledigt?“ Wie sehr er ihre dunkelroten Haare hasst, welche er als erstes erblickt.
„Ja“, grummelt er bloß in seinen nicht vorhandenen Bart und setzt sich an den Esstisch.
„Gut so. Stef glaube mir, mit mir hast du es viel besser.“
Niemals! Niemals im Leben wird er sie noch einmal so nah an sich rankommen lassen. Doch leider musste er nachgeben. Anna hat Fotos von ihnen und leider Gottes ist ihr Bruder bei der Staatsanwaltschaft und hat somit gute Beziehungen zur Polizei. Wenn Steffan jetzt nicht mit Alex Schluss gemacht hätte, hätte Anna die Fotos weitergegeben und somit Alex‘ Zukunft ruiniert.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast