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Der Brief

von Felia92
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Het
05.08.2022
27.09.2022
39
44.722
3
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23.09.2022 917
 
35.


„Alex, als ich die letzten Tage in meinem Arbeitszimmer saß, Arbeiten korrigiert und den Unterricht vorbereitet habe, musste ich über uns nachdenken. Wir waren geblendet vor Verliebtheit, haben die letzten Wochen nur durch eine rosarote Brille gesehen. Aber mir ist klar geworden, dass wir das besser beenden sollten, bevor etwas Schlimmes passiert. Es ist nicht gut. Es ist gefährlich und verboten. Du gefährdest deinen Abschluss und ich meinen Job. Im Zweifel kann ich nie wieder als Lehrer tätig werden, wenn das rauskommt. Wir hätten das von Anfang an sein lassen sollen… Es tut mir leid.“
Meine Augen weiten sich, meine Kinnlade fällt runter. Hat er das gerade wirklich gesagt? Will er jetzt wirklich Schluss machen? Geht es ihm gut? Hat er Fieber? IST DER BESCHEUERT?! Vor mir verschwimmt alles. Meine Augen füllen sich schlagartig mit Tränen, welche mir augenblicklich über die Wangen laufen.
„Ist das dein Ernst?“, bringe ich lediglich leise hervor.
„Es tut mir wirklich so leid“, flüstert er wieder.
Mein Herz fühlt sich an, als würde es mir jemand mit aller Gewalt aus der Brust reißen. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Mir wird schlecht. Ich glaube ich muss gleich spucken. Mein Kopf tut so weh, als würde er gleich explodieren.
„Das kannst du doch jetzt nicht machen.“ Wie kann er nur plötzlich seine Meinung ändern?
„ICH HABE DIR MEINE JUNGFRÄULICHKEIT GESCHENKT!“, schreie ich ihn schließlich an. Wenn das alles ein Fehler gewesen sein sollte, seiner Meinung nach, dann habe ich meine Jungfräulichkeit vor wenigen Tagen an den falschen Mann verloren. An einen verlogenen Mistkerl. Ein Mann, der meine Liebe nicht verdient hat. Wie kann er jetzt nur so denken? Es hat ihm doch auch gefallen. Wir waren doch bisher immer vorsichtig. Wir würden es auch weiterhin schaffen.
„Alex, es sind noch anderthalb Jahre, die du an der Schule bist. Dieses Versteckspiel wird nicht lange gutgehen. Ich kann das für uns nicht verantworten.“
Mein Körper fühlt sich taub an. An der Stelle, an der mein Herz sein sollte, klafft ein großes Loch. Mein Magen hat sich umgedreht. Mein Kopf ist leer. Ich bedeute ihm nichts. Ich habe ihm das größte Geschenk zu Weihnachten gemacht, was ich konnte, und er lacht mich bestimmt hinter meinem Rücken aus.
„Und du glaubst, dass es uns jetzt besser gehen wird? Dass wir die nächsten anderthalb Jahre jetzt besser an der Schule zurechtkommen werden?“ Ist er sich eigentlich im Klaren darüber, dass ich ihm nie wieder unter die Augen treten kann? Ist ihm bewusst, dass ich ihn immer noch im Unterricht bekommen könnte und dann nichts mehr auf die Kette kriegen werde?
In mir macht sich ein neues starkes und unbändiges Gefühl breit. Es ist purer Hass gegenüber meinem Lehrer. Wie kann er es nur wagen, mich derart zu verletzen. Wie kann er es wagen, hierher zu kommen und mit mir Schluss zu machen! Wie kann er dabei nur so ruhig bleiben?!
„Verschwinde“ Es ist eher ein leichtes Flüstern. Meine Stimme ist im Eimer. Kann kaum laut aussprechen, was ich jetzt nur noch möchte. Fragend sieht er mich an.
„Verschwinde aus meinem Leben.“ Meine Stimme wird lauter. Dabei bekomme ich gar nicht mit, dass die Wohnungstür geöffnet und kurz darauf wieder geschlossen wurde. Die Stimmen und das Gepolter auf dem Flur nehme ich nicht wahr.
„Alex bitte…“ Ich lasse ihn nicht ausreden. Er hat genug gesagt. Schließlich stehe ich auf, stampfe wütend an ihm vorbei und reiße die Zimmertür auf. Mit ausgestrecktem Arm deute ich auf den Flur der Wohnung.
„VERPISS DICH DU ARSCH!“, schreie ich ihn nun an. Völlig perplex erhebt er sich und geht an mir vorbei, zieht sich stumm die Schuhe an und nimmt seine Jacke vom Haken. Mit einem letzten flüchtigen Blick zu mir, verlässt er schließlich die Wohnung. Die Tränen in seinen Augen ignoriere ich. Kraftlos lasse ich mich am Türrahmen zu Boden gleiten und breche in einem Meer aus Tränen zusammen.
Danny und Tizi, die die letzte Szene überrascht verfolgt haben, kommen schließlich zu mir, hocken sich neben mich und nehmen mich schützend in den Arm.
„Oh Gott, Alex! Was ist da gerade passiert?“, fragt Tizi sanftmütig und streichelt mir den Arm.
Doch ich bekomme keine Worte mehr raus. Meine Kehle ist trocken und von einem großen Kloß versperrt. Aus Augen und Nase läuft mir das gesamte Wasser meines Körpers. Die Kopfschmerzen werden mit jeder Minute, nein mit jeder Sekunde schlimmer. Ich verfalle in eine Schnappatmung, habe das Gefühl eine Panikattacke zu bekommen. Mein Herz rast wie wild und schlägt mit aller Kraft gegen meine Brust. Meine Beine sind wie Pudding. Obwohl die beiden versuchen mir auf die Beine zu helfen, sacke ich wieder in mich zusammen, unfähig stehen zu bleiben.
Das wars für mich. In dem Moment glaube ich, nie wieder glücklich werden zu können. Um mich herum verschwinden die Farben, ich sehe alles nur noch in Grau. Verschwommen und farblos ist die Welt geworden. Was Danny und Tizi reden, bekomme ich nicht mehr mit. Meine Ohren sind taub. Mein gesamter Körper ist taub. Nicht einmal die Berührungen der beiden spüre ich.
Schließlich ist es Danny, der unter meine Beine und um meinen Rücken greift, mich hochhebt und mich in mein Bett trägt. Dort legt er mich vorsichtig ab, Tizi hilft ihm mit der Decke, welche sie schließlich über mich legen. Mein Blick ist leer. Stumpf starre ich die Decke über mir an, während die beiden wortlos aus meinem Zimmer verschwinden und die Tür leicht anlehnen. Im Flur kann ich sie zwar reden hören, kann jedoch kein Wort verstehen.
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