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Der Brief

von Felia92
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
05.08.2022
18.10.2022
62
67.535
4
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21.09.2022 970
 
34.


Am Donnerstagmorgen bin ich wie gerädert. Zu lange war ich gestern noch auf. Ich hatte einen guten Gedanken nach dem nächsten für die Facharbeit und habe noch bis spät in die Nacht am Laptop gesessen. So kam ich erst gegen halb drei ins Bett. Entsprechend fühle ich mich, als ich aufwache. Mein Schädel schmerzt und meine Augen sind stark verklebt. Als ich mich viel zu schnell aufrichte, wird mir schwindelig und ich muss mich kurz an der Bettkante festkrallen. Nach wenigen Augenblicken geht es dann wieder und ich begebe mich in die Küche. Es ist bereits elf Uhr. Danny und Tizi sind unterwegs, so setze ich mich an die Küchentheke und löffle unmotiviert mein Müsli. Als die Kopfschmerzen nicht besser werden, suche ich eine Paracetamol und schmeiße sie ein.
Eine halbe Stunde später geht es dann etwas besser. Die Dusche gibt mir weiterhin ein bisschen die Lebensgeister zurück, sodass ich mich etwas motivierter an meinen Laptop setze, um die Datei der Facharbeit wieder zu öffnen. Vorsichtshalber speichere ich diese zusätzlich in einer Online-Cloud und auf einer externen Festplatte. Zu groß ist die Angst, dass mein Laptop kaputt gehen, oder die Datei, warum auch immer, beschädigt werden könnte und alles umsonst war.
Die Zeit vergeht heute nur langsam. Schon seit dem Aufstehen habe ich so ein komisches Gefühl, was nicht von meinen Kopfschmerzen herrührt. Nein, es liegt viel tiefer. Völlig entnervt klappe ich nach drei Stunden das Laptop zu. Sehr produktiv war ich nicht. Aber immerhin habe ich einen Fragebogen erstellen können, den ich denn ein paar Leuten vorlegen werde, um die Facharbeit mit der Auswertung dieser Fragebögen abschließen zu können.
Im Wohnzimmer lege ich mich auf das Sofa, schalte den Fernseher ein und stelle fest, dass nichts Interessantes läuft. Uralte Serien, die ich nicht gucken möchte. Seltsame Actionfilme, die auch nichts für mich sind. Ich glaube tatsächlich, heute ist nicht mein Tag. Ein Tag, den man nur im Bett verbringen kann, vielleicht mit einem Buch in den Händen. Somit schlendere ich zurück in mein Zimmer und betrachte meine beiden Bücherregale. Doch ich habe heute weder Lust auf Simon Beckett, noch auf Anna Todd, Stephenie Meyer oder Stephen King.
Mit einem lauten Stöhnen lasse ich mich schließlich rücklings in mein Bett fallen und starre die Decke an. Steffan möchte ich nicht nerven, da wir ja beschlossen hatten uns erst am Samstag wiederzusehen. Floh ist im Skiurlaub und Lou möchte ich jetzt auch nicht schreiben. Dennoch nehme ich mein Handy zur Hand, halte es über meinen Kopf und surfe ein wenig im Internet. Auf YouTube schaue ich mir lustige Videos an, höre ein paar Lieder über Spotify und spiele sinnlose Minigames, die einem in diversen Werbevideos vorgeschlagen werden. Als ich schließlich durch die neusten Instagram Feeds scrolle, ploppt eine neue Nachricht auf dem oberen Display Rand auf. Sie ist von Steffan.
Freudestrahlend öffne ich den Nachrichtendienst und öffne dann den Chat mit Steffan.

Hey, hast du Zeit? Ich muss mit dir reden!


Mehr steht nicht in der Nachricht. Kein „Hey Kleine“, kein „Kuss“, nicht einmal ein Emoji hat er beigefügt. Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachte ich die Buchstaben eine ganze Weile. Die Nachricht kommt mir komisch vor. Etwa eine halbe Stunde grüble ich, was die Nachricht zu bedeuten hat, ehe ich ihm zurückschreibe.

Ja klar, willst du herkommen? =)


Da ich keine Lust auf eine Zugfahrt habe und Danny und Tizi wohl eh noch länger unterwegs sind, kann er mich auch gerne besuchen kommen.

Ok, bin in einer Stunde da!


Mein Herz zieht sich seltsam zusammen. Was ist bloß los? Normalerweise sollte ich mich freuen, dass Steffan vorbeikommt. Doch mit seiner ersten Nachricht hat er mich vollkommen aus der Fassung gebracht.
Schließlich lege ich das Handy bei Seite, gehe an den Kleiderschrank und ziehe mir ein paar lässige Klamotten an. Danach gehe ich ins Bad und prüfe mein Aussehen. Die Augenringe sind besser geworden. Die Haare binde ich mir zu einem wilden Dutt zusammen. Anschließend gehe ich in die Küche und bereite einen Kaffee vor, den ich Steffan gleich anbieten kann.
Nach einer Stunde klingelt es schließlich an der Tür, welche ich sogleich öffne und Steffan in die Wohnung eintreten lasse. Keine Umarmung, kein Kuss. Seinen Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten. Er hat ein Pokerface aufgelegt. Im Flur streift er sich die Schuhe von den Füßen und hängt seine Jacke auf. Danach geht er stumm in mein Zimmer. Ich folge ihm hastig und schließe meine Zimmertür hinter mir. Er hat sich bereits auf meinem Bürostuhl niedergelassen, während ich mich nun auf mein Bett setze und ihn weiterhin fragend ansehe.

„Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?“, scherze ich schließlich, um die unangenehme Stille zu durchbrechen. Die Luft ist so angespannt, dass es eine Explosion gäbe, wenn jemand ein Feuerzeug anmachen, oder den Lichtschalter betätigen würde. Was ist bloß los mit ihm?

Eine Weile sieht er sich stumm in meinem Zimmer um, meidet den Blickkontakt mit mir. Ich verstehe nicht, weshalb er hergekommen ist, wenn wir uns jetzt anschweigen. Jedoch kann ich sein Gehirn bis hierher rattern hören. Er sucht scheinbar nach den richtigen Worten, bestreitet einen inneren Kampf. Ich kann sehen, wie verspannt seine Hände sind und wie verkrampft er auf dem Stuhl sitzt. Seine Lippen presst er zu einer schmalen Linie zusammen. Keine Ahnung wie lange wir so dort sitzen, bis er endlich das Wort ergreift.
„Alex, ich weiß gar nicht wie ich anfangen soll“, beginnt er schließlich. Seine Stimme ist brüchig, beinahe heiser.
„Es tut mir so leid.“ Es ist nur noch ein Flüstern. Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachte ich ihn. Wenn ich mich nicht irre, glänzen seine Augen wässrig. Muss er weinen?
„Was tut dir leid?“ Wieder verstummt er. Seine Hände knetet er in seinem Schoß, lässt seine Fingergelenke knacken, sodass ich seine Knöchel weiß hervortreten sehe. Sein Blick ist gesenkt. Was zur Hölle ist hier los?!
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