Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Brief

von Felia92
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
05.08.2022
18.10.2022
62
67.535
4
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
05.08.2022 2.220
 
Eine Geschichte, die ich bereits vor langer Zeit angefangen habe.
Nach einer langen Pause in welcher ich nicht geschrieben habe, möchte ich diese Geschichte wieder aufgreifen und weiterführen.
Bitte seht mir nach, dass der Upload ggf. etwas länger dauern wird, da sich die Geschichte eigentlich gerade erst am Anfang befindet und ich noch nicht viel vorgeschrieben habe.

Viel Spaß beim Lesen :)

1.


Ich habe es getan. Ich habe es also wirklich getan. Meine Fingerspitzen kribbeln noch immer. Mein Puls muss auch noch bei mindestens 200 Schlägen pro Minute liegen, ebenso wie mein Blutdruck unnormal hoch sein muss. Noch immer habe ich sein zuckersüßes Lächeln vor mir und die ausdrucksstarken braunen Augen. Seine Stimme ist wie ein Ohrwurm, den ich nicht loswerde. Ein hartnäckiger Ohrwurm. Aber ein schöner. Ich mag seine Stimme, auch wenn ihn dadurch viele für schwul halten. Ich nicht. ‚Einen schönen Nachmittag‘ hat er mir zum Abschied gewünscht. Ich wünschte ich hätte ihm selbiges wünschen können. Allerdings nicht mit dem Inhalt des Briefes, welchen ich ihm soeben gegeben habe.
Für einen Moment schließe ich die Augen, atme tief durch und konzentriere mich auf den Gong der Schulglocke. ER ist mein Lehrer. Letztes Jahr hatte ich ihn in Englisch. Seit diesem Schuljahr allerdings, sehe ich ihn nur noch auf den Fluren oder im Foyer, wenn er mal Pausenaufsicht hat. Es ist schon ein komisches Gefühl. Sicherlich wird er den Brief im Zug auf der Heimfahrt lesen. Was Besseres wird er dort eh nicht zu tun haben. Ich dagegen muss warten. Warten, bis sich mein Zustand so weit normalisiert hat, dass ich ohne Gefahr nach Hause fahren kann. Ich zittere am ganzen Körper und das nur wegen eines Briefes an meinen Lehrer. Schließlich hatte ich ihm gesagt, er solle den Brief in Ruhe lesen. Darum gab ich ihm diesen auch erst nach der Schule. Hätte er ihn während der Arbeit gelesen… Oh Gott, gar nicht auszudenken, was gewesen wäre. Sicherlich hätte er mich noch darauf angesprochen. Oder... Nein! Ich will morgen ganz sicher nicht in die Schule.
Meine Füße haben sich selbstständig gemacht und bringen mich ins Foyer zu meinen Freunden. Keiner weiß von meiner Tat. Keiner weiß, was in mir vorgeht. Kurz blicken sie auf, als ich meine Tasche fallen lasse. Was ist, wenn er mit dem Brief zum Rektor rennt? Nicht, dass ich ihn so einschätzen würde, aber angenommen er täte es. Was würde der Rektor machen? Mich ausrufen lassen? Mich der Schule verweisen? Ich habe nichts getan, was gegen das Gesetz wäre. Ich habe lediglich meinem Lehrer einen Brief überreicht in dem ein paar Zeilen stehen. Ein paar Zeilen, die von meinen Gefühlen handeln.
Ja, ganz recht. Meine Gefühle. Ich liebe ihn. Ich liebe meinen Lehrer. Steffan Steinkamp, ein junger Lehrer. Gerade einmal zwei Jahre ist er an der Schule. Nur ein halbes Jahr länger als ich. Natürlich hoffe ich, dass er nicht zu sehr geschockt von meinem Brief ist. Ok, er wird es sein, aber hoffen darf man doch wohl noch, oder? Gut, es passiert nicht alle Tage, dass sich eine Schülerin in ihren Lehrer verliebt. Es gehört einfach nicht in den Alltag und doch passiert es. Niemals hätte ich gedacht, dass es mir selbst passieren würde.

In der siebten Klasse fragte meine Mum mich einmal, ob ich meinen damaligen Klassenlehrer lieben würde. Damals hätte ich sie noch auslachen können. Und heute ist es wirklich passiert. Nein, also genaugenommen vor einem Jahr. Ich weiß nicht mehr genau, wann es angefangen hat. Das ist wirklich schwer zu sagen… war es vielleicht das Kurstreffen? Oder doch der Tag, an dem es Quartalsnoten gab.
An dem Tag jedenfalls sagte er uns die Noten auf dem Flur. Nur wir beide. Ganz allein unter vier Augen. Schon während die Leute vor mir draußen waren, begann mein Herz zu rasen, meine Hände schwitzig zu werden und mein Kopf lief rot an. Wie er dann draußen so gegen die Wand gelehnt dastand, ich konnte mich kaum beherrschen. Er lächelte mich an und ich verlor mich bereits da in seinen tiefen, braunen Augen. Die Note war mir zu dem Zeitpunkt egal. Es war keine gute Note, das wusste ich auch schon vorher. Und da sagt man immer, dass man bei dem Lehrer, den man am meisten mag, mehr mitarbeitet. Bei mir war es nicht so. Ich hörte ihm gerne zu, aber sobald ich etwas sagen musste, fing ich das Stottern an und lief, wie immer, rot an.

Nun gut. Ich bin jetzt also bei meinen Freunden im Foyer. Wir unterhalten uns ein wenig, auch wenn die anderen mehr sagen als ich. Ich befinde mich noch immer in einem Schockzustand und niemand bemerkt das. Keiner spricht mich darauf an, wieso ich so verträumt in der Gegend herumstarre. Interessiert sie es überhaupt, was in meinem Inneren vor sich geht? Manchmal habe ich das Gefühl, sie sind nicht wirklich mit mir befreundet. Sie reden einfach nur mit mir, vielleicht weil ich ihnen leidtue? Weil ich neu an der Schule war? Nun, ich bin von der Realschule auf ein Gymnasium gewechselt. Ich habe neue „Freunde“ gefunden, mit denen ich reden konnte, die mir alles gezeigt habe, denen ich meine Hausaufgaben zum Abschreiben gegeben habe. So bekommt man hier Freunde. Nicht anders. Eine Mitschülerin, die mit mir wechselte, konnte dies nicht. Sie ließ keine Hausaufgaben abschreiben. Konnte sich den anderen nicht gleich öffnen und darum ist sie nicht integriert. Die anderen mögen sie nicht sonderlich. Sie hat eine komische, sehr naive Art mit der die anderen nicht klarkommen. Aber sie hängt sich auch gerne an die anderen. Sie klammert zu sehr. Sie steht nicht genug auf eigenen Beinen und... Worum handelt diese Geschichte noch gleich? Ach so ja.
„Alex, was hältst du von der Idee?“ Mike, einer von den witzigen Partygängern, bringt mich gerade aus meinen Gedanken.
„Was? Von welcher Idee soll ich etwas halten?“
„Hörst du denn gar nicht zu? Wir haben gerade über Sonntag gesprochen. Du weißt schon, ich wollte doch eine kleine Feier machen, bei mir zu Hause. Kannst du da kommen?“ Floh lächelt mich lieb an. Sie war eine von denen, die sich gleich meiner angenommen haben. Die mich mit offenen Armen empfangen haben und die von meinem kleinen Geheimnis weiß.
„Ja… ja natürlich habe ich Zeit. Das habe ich doch schon vorgestern gesagt. Habe ich nicht?“
„Stimmt auch wieder. Aber weißt du auch schon, was weiter geplant war? Ich meine wegen dem Essen?“
„Natürlich… ich sollte… Ach verdammt. Was habt ihr besprochen?“ Ich muss ein Lachen unterdrücken, weil ich keinen Schimmer habe, wovon sie redeten.
„Na, du sollst deine Grillware selbst mitbringen. Ich hab absolut keinen Bock für alle einzukaufen. Das würde zu teuer werden. Oh, und es wäre auch ganz cool, wenn du auch dein Trinken selbst mitbringen könntest. Weißt du schon, wie du zu mir kommst?“
„Ja, ich habe meine Mum als Taxi gebucht. Ich denke nachts wird mich dann mein Bruder abholen.“ Zu dem Zeitpunkt habe ich natürlich noch keine Ahnung, was in der nächsten Woche tatsächlich auf mich zukommen würde.
„Gut, das ist gut… Ich hätte nämlich keinen Platz für dich, wenn du bei mir pennen würdest.“
„Nein, nein. Das geht schon alles klar. Sag mal, Floh, kann ich dich gleich kurz sprechen? Unter vier Augen, wenn’s geht.“ Einen Moment sieht sie mich verdutzt an. Ich blicke nur einmal in die Richtung, in der sich das Lehrerzimmer befindet und sie versteht, was sie mir mit einem Nicken zeigt.

Floh begleitet mich zu meinem Roller, in dem ich meine Schulsachen langsamer als normal verstaue. Ich erzähle ihr von meiner Tat und sie umarmt mich liebevoll. „Er wird sich melden. Da bin ich mir sicher.“ Ich fühle mich gut. Besser als vorhin. Bereit um den Weg nach Hause anzutreten, ohne im Kopf zu haben, einen Unfall bauen zu müssen.

Zu Hause überrollt mich schließlich eine Welle an Gedanken. Hat er den Brief bereits gelesen? Was denkt er jetzt über mich? Geht es ihm gut? Erzählt er seiner Freundin davon? Hat er überhaupt noch eine Freundin? Wird er mich morgen in der Schule darauf ansprechen? Oder wird er mir jetzt komplett aus dem Weg gehen? Die Gedanken machen mich müde. Ich habe Glück, dass ich keine Hausaufgaben erledigen muss, sodass ich nur noch ein wenig am PC hocke, mit Freunden chatte und nach dem Abendessen gleich ins Bett verschwinde. In der Nacht träume ich von ihm. Es ist der erste Traum, den ich seit Wochen habe und dann gleich von ihm. Wieso?
Ich träumte ich wäre bei ihm zu Hause, auch wenn ich noch nie bei ihm war. Ich stand auf seinem Hof, beobachtete ihn durch einen Spalt im Zaun und konnte seine Stimme hören. Rumms! Ich bin aus dem Bett gefallen. Der Wecker in meinem Telefon klingelt und meine Rennmäuse randalieren.
Meine Mutter kommt ins Zimmer und fragt, ob alles in Ordnung sei. Nein verdammt! Nichts ist in Ordnung. Jetzt nicht mehr. Seit ich wach bin, habe ich das Gefühl mich jeden Moment übergeben zu müssen. Deswegen bleibe ich noch eine Weile liegen. Zumindest so lange, bis meine Mum das Bad verlässt. Dann handle ich das morgendliche Ritual im Bad ab und gehe hinunter in die Küche, in der meine Mum sich bereits fertig zum Aufbruch macht. Sie ist die erste, die morgens das Haus verlässt. Dann kommt mein Bruder, mein Vater und zum Schluss ich.
Ich hole mir wie immer meine Tasse Kakao und gehe wieder hinauf in mein Zimmer. Jedoch bleiben mir dort nur noch wenige Sekunden. Ich lege nur noch den Ring ab, den ich von meiner Freundin Lou aus Leipzig bekam, sozusagen als Verlobungsring, wobei er nicht wirklich diese Funktion trägt, und renne ins Bad, um mich über die Kloschüssel zu hängen. Ich weiß ganz genau, woran das liegt. Ich habe es schon seit Monaten, allerdings bleibt es meistens dabei, dass mir übel ist.
Es müsste sogar zeitlich passen, dass es circa zu der Zeit anfing, wo ich realisierte, dass ich Steini liebe. Bei einer Untersuchung von meinem Hausarzt kam damals nichts heraus, auch ein Bluttest ergab nichts. Es muss also etwas psychologisches sein. Und da ich gerade gestern alles gestanden habe, auch wenn’s nur geschrieben war, denke ich, dass mir alles über den Kopf gestiegen ist und ich den Druck nicht mehr aushalten kann.
Gott sei Dank geht es mir hinterher immer besser, wie auch jetzt. Ich mache mich fertig für die Schule, schwinge mich auf meinen Roller und fahre los. In der Schule angekommen werde ich gleich von Floh angefallen. Sie fragt mich gleich, ob Steinkamp schon geantwortet hat. Ich muss sie enttäuschen. Noch keine Mail angekommen, die ausdrückt, was er zu meinem Brief denkt. Klar, er muss ja selbst erst einmal darüber hinwegkommen. Das Gelesene verdauen. Es würde mich also nicht wundern, wenn er sich erst am letzten Tag der Ferien melden würde.
Richtig, Ferien. Heute ist der letzte Schultag und dann beginnen die Herbstferien. Ich weiß nicht, ob ich weinen oder mich freuen soll. Einerseits freue ich mich. Ich brauche wirklich mal eine Auszeit und dabei denken die Erwachsenen immer, dass die Schule nicht anstrengend ist. Ich jedoch kann nicht mehr. Ich bin fertig mit den Nerven und das nicht nur wegen Steinkamp.
Steinkamp ist wiederum der Grund, weswegen ich heulen könnte. Er war oft unbewusst die Person, die mich durch den Tag brachte. Wenn ich ihn sehe, geht es mir besser. Wenn ich ihn nicht sehe… nun, das könnt ihr euch ja jetzt denken.

Es ist ein ziemlich langweiliger Tag. In Spanisch sehen wir nur ein Video aus Youtube an und in Englisch gibt es mündliche Noten. Dann ist große Pause. In der hintersten Ecke werde ich von zwei Freundinnen versteckt. Sie stellen sich vor mich und dann sehe ich ihn. Er kommt mit seinem Apfel gerade ins Foyer, beißt genüsslich hinein und wandert durch den Raum. Erst in die eine Richtung, dann in die entgegengesetzte Richtung in den Flur hinaus. Dort kann ich ihn durch die Scheibe ein bisschen beobachten. Aber nicht besonders viel, denn auf der Flurseite stehen noch Pinnwände vor den Scheiben.

Gerade blicke ich in seine Richtung, als auch er durch die Scheibe schaut. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er mich erkannt hat, aber ich würde sagen, dass er mir genau in die Augen sieht. Dann ist er weg. Lange sehe ich ihn nicht mehr, bis ich eine Freundin frage, ob sie ihn noch sieht.
„Nein, der ist den Flur hochgegangen zum Lehrerzimmer vermutlich.“
Na toll, ich habe ihn vertrieben. Er geht mir aus dem Weg. Ganz sicher will er mich nicht mehr sehen, nachdem er den Brief gelesen hat.
In meiner letzten Stunde höre ich nur zwei lange Referate, ok ich höre sie nicht. Ich habe auf Durchzug umgestellt. Es war eh nichts Wichtiges und wir würden es nach den Ferien eh kopiert bekommen.
Als ich danach nach Hause fahre, habe ich immer noch kein Schulschluss. Ich muss später wieder hin für Sport. Wer hat sich das bloß ausgedacht. Sport bis halb 6 abends auf einem Freitag. Nun denn, auch diese Stunden würde ich überstehen. Und wir machen sogar nur bis kurz vor fünf. Von daher geht es und ich kann endlich abschalten und mich zu Hause ausruhen.

Den Abend verbringe ich dann damit vor meinem Laptop zu sitzen, mich mit Lou und anderen Freundinnen im Chat zu unterhalten und natürlich alle paar Minuten, eher sogar Sekunden, meine Mails abzurufen. Doch nichts passiert.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast