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Einfach weg

von Sira-la
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Bruno Madrigal Mirabel Madrigal
04.08.2022
08.08.2022
3
6.866
6
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06.08.2022 2.240
 
Kapitel 2

„Mirabel? Mirabel, wo bist du?“ Antonio rannte durch das Haus. Immer wieder rief er nach seiner Cousine, aber ihm gingen die Ideen aus, wo er noch suchen könnte. Die anderen waren so gut wie alle schon in ihren Betten, aber er hatte nicht schlafen können. Er machte sich Sorgen um Mirabel. Er war zwar erst fünf Jahre alt, aber er verstand, dass es nicht richtig war, wie sie behandelt wurde. Nur weil sie nichts Besonderes konnte, gehörte sie doch trotzdem zu ihrer Familie. Tatsächlich war Mirabel sogar sein Lieblingsfamilienmitglied. Sie hatte immer Zeit für ihn. Sie war es gewesen, die ihn nach Alpträumen getröstet oder mit ihm auf der Wiese fangen gespielt hatte. An ihrer Hand hatte er sich durch das Spalier der Gäste getraut, um seine Gabe zu empfangen.
„Wo bist du nur?“, fragte er verzweifelt und blieb in der Mitte des Atriums stehen.
Die Steinplatten unter seinen Füßen regten sich und Antonio folgte ihrer Bewegung bis zur Haustür, die sich für ihn öffnete.
Antonio stiegen Tränen in die Augen, als er verstand, was das bedeutete. Mirabel war nicht im Haus, denn dann hätte Casita ihm längst geholfen, sie zu finden. So wie früher, wenn sie verstecken gespielt hatten. „Sie ist wirklich weg?“
Die Haustür klappte zu und Antonio ließ sich auf den Boden fallen und legte schluchzend sein Gesicht auf seine Arme. Abuela hatte zwar gesagt, dass der Tag seiner Zeremonie perfekt gewesen war, aber Antonio war da anderer Meinung. Der Tag, an dem ein Familienmitglied die Familie verließ, konnte nicht perfekt sein.
Das Geräusch trippelnder Schritte brachte Antonio dazu, sich wieder aufzusetzen. Erstaunt beobachtete er, wie Dutzende von Ratten zu ihm huschten. Sie sprachen alle durcheinander und es dauerte etwas, bis Antonio den Sinn ihrer Worte erfassen konnte.
„Mirabel ist nicht allein?“ Erleichterung breitete sich in ihm aus. „Tío Bruno ist bei ihr?“ Zwar hatte er seinen Onkel nie kennengelernt, aber es beruhigte ihn, dass jemand auf Mirabel aufpasste.
Die Kerze flackerte, als Antonio aufstand und sich von der Tür abwandte, um zurück in sein Zimmer zu gehen. Die Ratten huschten auseinander und für einen Moment war es Antonio, als würden sie nur noch quieken und nicht mehr sprechen. Aber der Eindruck verflog, als Casita ihn die Treppe nach oben trug.
Die Risse, die sich auf dem Boden des Atriums ausbreiteten, bemerkte Antonio nicht.

***

„Und, gibst du auf?“
Mirabel warf Bruno einen wütenden Blick zu. „Nein!“, fauchte sie. Sie wusste nicht genau, wie lange sie schon in diesen Wäldern herumkletterte, aber sie war sich ziemlich sicher, dass sie zumindest schon ein paar Meter geschafft hatte.
„Wir können jederzeit zurückgehen“, sagte Bruno.
„Dann geh doch!“ Mirabel sah ihn gar nicht erst an, sondern griff nach dem nächsten Ast, um sich daran hochzuziehen. Mit einem unheilvollen Knacken gab der Ast nach und zum ungefähr tausendsten Mal landete Mirabel auf dem Boden. Frustriert schrie sie auf, rollte sich auf den Rücken und blieb einfach liegen. Sie war müde, hungrig und insgesamt unendlich erschöpft. „Wieso geht es nicht?“
„Die Berge beschützen das Dorf“, sagte Bruno und legte sich neben sie. „Sie sollen unüberwindbar sein.“
„Wir sind also hier eingesperrt“, stellte Mirabel frustriert fest.
„Du bist doch schon ganz gut vorangekommen“, sagte Bruno. „Ich hab damals viel früher aufgegeben.“
Mirabel schnaubte. „Ja, und anstatt zurückzukommen, hast du dich in den Wänden versteckt!“
Bruno schwieg so lange, dass Mirabel glaubte, er sei eingeschlafen. Als er schließlich doch etwas sagte, zuckte sie erschrocken zusammen. „Ich wollte zurückkommen.“ Sie hörte ihn laut seufzen. „Ich wollte nur nicht … ich wollte ihnen nicht sagen müssen, was ich gesehen habe.“
Mirabel drehte den Kopf und musterte ihren Onkel. Er lag auf dem Rücken und blickte starr zu den Sternen hinauf. Der Mond spiegelte sich in seinen Augen. „Wieso nicht?“, fragte sie leise.
„Ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass sie dich wegschicken“, flüsterte er. Für Mirabel absolut unerwartet griff er nach ihrer Hand. „Du warst nur ein kleines, verzweifeltes Mädchen, das nicht verstand, warum es keine Gabe bekommen hat. Aber wenn die anderen die Prophezeiung gesehen hätten … Sie hätten nie geglaubt, dass sie auch etwas Gutes bedeuten könnte.“
„Wieso nicht?“, fragte Mirabel. Vorsichtig entzog sie ihm ihre Hand.
Bruno lachte bitter. „Ich hab einmal einem kleinen Mädchen gesagt, dass ihr Goldfisch sterben wird. Ich wollte, dass sie sich von ihrem geliebten Haustier verabschieden kann. Stattdessen hat sie mich angesehen, als sei ich der Teufel. Und als am nächsten Tag ihr Fisch tatsächlich gestorben ist, da hat sie mich angeschrien, dass das meine Schuld sei.“
„Aber Tiere sterben nun einmal“, sagte Mirabel verständnislos. „Wieso solltest du Schuld daran sein?“
„Weil ich es ihr gesagt habe, dass es passieren wird“, sagte Bruno traurig. „Es war immer so. Ich hab Dolores gesagt, dass der Mann, in den sie sich einmal verliebt, einer anderen versprochen sein wird. Ich hatte recht. Dieser Mariano soll Isabela heiraten. Aber anstatt um ihn zu kämpfen, hat Dolores es einfach akzeptiert.“ Erneut stieß er dieses verbitterte Lachen aus. „Ich hab nie gesagt, dass sie ihn nicht heiraten wird. Das habe ich einfach nicht klar gesehen. Aber sie geht davon aus, dass sie ihn nie bekommen kann, weil ich ihr diese Prophezeiung gemacht habe.“
Mirabel dachte eine Weile darüber nach. „Kannst du mir meine Prophezeiung zeigen?“, fragte sie schließlich.
„Dann wirst du mich auch hassen.“
„Die anderen hassen dich nicht.“
„Ach nein?“ Endlich wandte er sich ihr zu. Sein Mienenspiel zeigte eine Mischung aus Trauer und Wut, das Mirabel überraschte. „Die anderen reden doch nicht einmal über mich. Oder wie oft hast du schon Geschichten über deinen Tío Bruno gehört?“
„Meine Mama hat mir Geschichten erzählt“, sagte Mirabel leise. „Sie hat mir erzählt, dass ich als kleines Kind immer am liebsten mit dir gespielt habe. Und dass ich immer zu dir gerannt bin, wenn Camilo mich mit seinen Verwandlungen erschreckt hat.“
Bruno lächelte. „Dann ist Julieta aber die einzige.“
Mirabel nickte vorsichtig. Ihre Mutter war die einzige Person im Haus, die Brunos Namen überhaupt erwähnte und das auch nur dann, wenn niemand sonst in der Nähe war.
Eine Weile schwiegen sie.
„Kannst du mir meine Prophezeiung zeigen?“, fragte Mirabel schließlich erneut.
Bruno seufzte laut. „Du wirst nicht aufgeben, oder?“
Demonstrativ hob Mirabel eine Hand und deutete grob in Richtung Dorf. „Ich gebe nie auf“, sagte sie. „Und ich werde dich nicht hassen.“
Bruno griff sich an die Brust. „Die Magie ist instabil“, sagte er. „Aber wir können es morgen früh versuchen, wenn du unbedingt darauf bestehst.“

***

Bruno fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, als er im Kreis um Mirabel herumlief, dabei eine Linie aus Sand ziehend. Er hätte es sich wirklich schon vor Jahren abgewöhnen sollen, immer etwas von dem Sand mit sich herumzutragen, dann wäre er nie in dieser Situation gelandet. Auf der anderen Seite konnte er Mirabels Wunsch verstehen. An ihrer Stelle würde er die Zukunft wohl auch kennen wollen.
„Bereit?“, fragte er und kniete sich ihr gegenüber.
Mirabel nickte. Sie wirkte müde und das Magenknurren, das er hören konnte, war gewiss nicht nur sein eigenes. Sie waren beide ziemlich unvorbereitet in den Wald gelaufen, das musste er zugeben.
Bruno atmete tief durch. Dann entfachte er ein kleines Feuer zwischen ihnen und entzündete die trockenen Blätter, die er in vier Sandhaufen verteilt hatte. Er konnte die Magie in seinen Adern spüren und in den Gläsern von Mirabels Brille spiegelten sich seine grün leuchtenden Augen.
„Du solltest dich festhalten“, sagte er.
Mirabel zögerte einen Moment, dann griff sie nach seinen Händen.
Grün schimmernder Sand erhob sich um sie herum, bildete eine Kuppel und Bruno konzentrierte sich. Er musste Mirabel ihre Zukunft zeigen.

***

„Die Tür leuchtet!“
Camilo stürzte in die Küche. Seine eigentlich braunen Locken hatten sich in die roten seiner Mutter verwandelt, aber davon abgesehen wirkte er so ernst wie nie zuvor.
„Welche Tür?“, fragte Julieta verwirrt.
„Die Tür von Tío Bruno!“ Camilo stützte keuchend seine Hände auf seine Oberschenkel. Für einen Augenblick leuchteten seine Augen grün, seine Gestalt verschwamm und wurde zu der Brunos, bevor wieder Camilo vor ihr stand.
Julieta wischte sich hastig die Hände an ihrer Schürze sauber. „Zeig es mir!“
Die anderen hatten sich bereits vor der Treppe zu Brunos Turm versammelt. Entsetzte Blicke wurden ausgetauscht, als Julieta sich rigoros an ihnen vorbeidrängte und die Hand nach dem Türknauf ausstreckte.
„Du wirst da nicht reingehen!“ Abuelas Stimme übertönte alles andere.
Ein Blitz zischte über ihre Köpfe hinweg. Pepa zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich bin das nicht“, sagte sie.
„Dann sorg dafür, dass der Sturm verschwindet“, befahl Abuela und drückte Julietas Hand nach unten. „Und du geh wieder in die Küche.“
„Mirabel könnte da drin sein“, sagte Julieta. „Dort haben wir nicht gesucht.“
„Wieso sollte sie in Brunos Zimmer gehen? Er hat unsere Familie schon vor vielen Jahren verlassen.“ Abuela sah sie wütend an. „Wegen Mirabel, falls du dich erinnerst.“
„Nein“, widersprach Julieta. „Wegen dir! Du hast ihn gezwungen, in die Zukunft meiner Tochter zu sehen!“
„Und was auch immer er gesehen hat, hat ihn dazu gebracht, zu gehen“, fauchte Abuela. „Es ist Mirabels Schuld, dass er gegangen ist. Sein Zimmer bleibt zu!“
„Wenn unsere Tochter da drin sein kann, werd ich bestimmt nicht vor der Tür stehen bleiben“, sagte Agustín wütend.
„Mirabel kommt da bestimmt wieder raus, falls sie wirklich da drin ist“, sagte Félix in dem Versuch, die Situation zu entschärfen. „Irgendwann wird sie bestimmt hungrig werden.“
„Sie ist seit zwei Tagen verschwunden“, sagte Luisa. „Wieso sollte sie so lange wegbleiben, wenn nicht, weil etwas passiert ist?“
„Sie hat uns verlassen, das ist passiert!“, rief Abuela.
Ein leichtes Beben lief durch Casita, doch in der aufgeheizten Stimmung bemerkte es niemand außer Dolores, die das Knacken in den Wänden hörte, als sich neue Risse bildeten. Da sie diese Geräusche allerdings seit Jahren gewohnt war, sagte sie nichts dazu.
„Mirabel ist draußen“, mischte Antonio sich ein. „Bruno ist bei ihr. Die Ratten haben es mir gesagt.“
„Das passt ja“, fauchte Pepa. „Die beiden, die unsere Familie verlassen haben, zusammen. Sollen sie ruhig wegbleiben.“ Erneut zuckte ein Blitz über ihre Köpfe hinweg.
„Du sollst den Sturm vertreiben, nicht verstärken“, schimpfte Abuela.
Pepa stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Ich bin aber gerade nicht ruhig!“
Ein lauter Donner übertönte alles andere und dadurch auch das unheilvolle Knirschen, als sich die ersten Dachziegel lösten.
„Was passiert hier?“, schrie Isabela, als Casita die Initiative ergriff. Die Fliesen verwandelten sich in ein Laufband, so wie Luisa es sich häufig wünschte, und trugen die Familie zur Treppe. Dachziegel prasselten wie Regen auf den Boden und Entsetzen breitete sich zwischen ihnen aus.
„Casita?!“
Risse zogen sich über die Wände, die Böden und die Dächer. Der Fensterrahmen, in dem die Kerze stand, brach. Abuela schrie laut, als die Kerze umkippte und aus dem Fenster rollte. Mit einem beherzten Sprung gelang es Camilo, die Kerze aufzufangen. Das Licht flackerte im gleichen Takt wie das Beben, das sich inzwischen auf die gesamte Umgebung ausgeweitet hatte.
Erneut war es Casita, das als erstes reagierte. Unzeremoniell warf das Haus sämtliche Familienmitglieder nach draußen.
Das Licht der Kerze flackerte ein letztes Mal. In dem Moment, in dem es erlosch, stürzten Casitas Mauern ein und die Bergkette teilte sich.
Fassungslose Stille breitete sich zwischen ihnen aus, bis Abuela mit Tränen in den Augen die Kerze aus Camilos Händen nahm. „Das ist alles Mirabels Schuld.“

***

Die Augen fest zusammengepresst, klammerte Mirabel sich an Bruno, bis die Erde endlich aufhörte, zu beben. Erst dann öffnete sie vorsichtig ihre Augen wieder. Sie löste sich von ihrem Onkel und taumelte einen Schritt nach vorne. Der Berg war verschwunden. Direkt vor ihnen hatte sich die Bergkette geteilt.
„Jetzt können wir gehen“, flüsterte sie.
„Es ist weg.“
Verwirrt sah sie zu Bruno. Das war nicht ganz die Reaktion, die sie erwartet hatte. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen zu ihr, aber sie hatte das Gefühl, dass er nicht sie ansah. Seine Hände hatte er in seine Brust gekrallt und er atmete heftig.
„Es ist weg“, wiederholte er. „Das Gefühl ist weg. Ich … Die Magie … Ich kann die Magie nicht mehr spüren.“
Mirabel runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“ Suchend sah sie sich um und hob die Tafel aus grünem Glas auf, die Bruno erschaffen hatte, kurz vor Beginn des Erdbebens. „Die Prophezeiung ist doch hier.“
„Aber das Gefühl ist weg.“ Bruno blinzelte, dann sackte er plötzlich in sich zusammen.
Mirabel sprang nach vorne und fing ihn auf, bevor er hart auf dem Boden landen konnte. Vorsichtig half sie ihm, sich hinzusetzen. „Ich verstehe dich nicht“, sagte sie.
Bruno schaute sie so hilflos an, wie sie noch nie einen Menschen gesehen hatte. „Meine Gabe ist weg“, sagte er. „Ich spüre die Magie nicht mehr. Ich habe die Zukunft verloren. Nicht nur ein bisschen wie gestern, sondern ganz.“ Seine Stimme wurde immer leiser. „Es ist alles weg.“
„Die Magie ist weg?“ Mirabel wusste nicht, was sie fühlen sollte. Ohne die Magie war sie genauso wie jedes andere ihrer Familienmitglieder. Ohne die Magie war ihre ganze Familie genau wie sie: normal.
Aber Brunos zusammengekauerte Gestalt sprach eine eigene Sprache. Es ging ihm nicht gut. Er schien Schmerzen zu haben.
Vorsichtig legte Mirabel ihm eine Hand auf die Schulter. In der anderen hielt sie weiterhin die Prophezeiungstafel. Das Bild darin hatte sie sich noch nicht angesehen und das, was sie in der Kuppel gesehen hatte, verwirrte sie. Unsicher schaute Mirabel auf die Tafel, dann Richtung Dorf und schließlich nach vorne, wo der Weg durch die Berge führte an einen Ort, den Mirabel noch nie gesehen hatte.
Was sollte sie nur tun?
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