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Wenn man sich 2mal trifft

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
03.08.2022
07.12.2022
16
47.078
4
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
03.08.2022 1.834
 
Ein herzliches Willkommen an alle altbekannten und neuen Leser :)

Dieses Mal keine HP-FF, sondern etwas eigenes. Die Geschichte ist entstanden, während ich im Schwarzwald wandern war, auch wenn sie nichts mit dem Schwarzwald zu tun hat (grins).
Ich freue mich über jede Anregung und Bemerkung.
Bevor es los geht, will ich nur noch kurz anmerken, dass das hier keine Friede-Freude-Eierkuchen Geschichte ist. Wenn ihr schon was von mir gelesen hat, überrascht euch das jetzt wahrscheinlich weniger xD
Jetzt wünsche ich euch aber viel Spaß mit dem ersten Kapitel.

Alles Liebe,
Dea

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"It´s better to die than to live in the knowledge that you´ve done something that needs forgiveness."

~ The Witcher, A. Sapkowski

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Sieben Mal zwei Meter. Ein schmales Bett. Ein Tisch. Ein Stuhl. Der Schatten des Gitters zu seinen Füßen. Er sitzt auf der Bettkante und sieht aus dem Fenster. Himmel. Ein kleines Stück Freiheit, unerreichbar, aber doch nur einen Steinwurf entfernt.
1089 Tage.
Der Himmel kann so viele Farben haben. Er hatte nicht einmal gewusst, dass es so viele Farben gibt. Manchmal sind da Wolken. Manchmal gewittert es. Manchmal fliegt ein Vogel vorbei. Am liebsten hat er die Tage an denen es regnet. Wenn das Prasseln der Wassertropfen seine Ohren füllt und er für ein paar wertvolle Stunden alles andere vergessen kann.
An diesen Tagen hofft er, dass der Regen zu einer Sintflut anwächst und ihn mit sich reißt.
Auf Nimmerwiedersehen.
Heute regnet es nicht. Es ist ein grauer Tag. Ein trüber, grauer Herbsttag ohne Charakter und Rückgrat. Seine Augen beginnen zu brennen und mit einem Seufzen lehnt er sich an die kahle Wand zurück, fährt sich über das Gesicht. Er hat sich noch nicht rasiert und die kurzen Stoppeln erinnern ihn daran. Doch er kann sich nicht dazu aufraffen aufzustehen und die zwei kleinen Schritte zu dem Waschbecken zu überwinden.
Stattdessen beginnt er an einem Faden zu zupfen, der sich aus dem Ärmel des grauen Sweatshirts gelöst hat. Grau wie der Tag, von dem die Gitter ihn trennen.
Es gab eine Zeit, da hat es ihn geschert, was er trug. Jetzt gibt es kaum etwas, das ihn weniger interessiert. Und wenn er an diese Zeit zurückdenkt, fragt er sich, ob sein jüngeres Ich ihn heute noch erkennen würde. Aber auch das ist ihm gleich.
Plötzlich klopft es laut gegen seine Zellentür und er zuckt zusammen. Hastig rutscht er vom Bett, steht auf. Auch nach 1089 Tagen hat er sich nicht an diesen Ort gewöhnt. Seine Nerven liegen blank wie am ersten Tag.
Die Klappe in der Tür geht auf und die Stimme eines Wärters, Kai, wenn er sich nicht täuscht, meint ruppig: „Deine Hände, Severin.“
Für die Dauer eines Herzschlages erstarrt er, fragt sich was sie von ihm wollen, was er falsch gemacht hat. Aber ihm fällt nichts ein und er hat ihnen ohnehin nichts entgegenzusetzen.
„Heute noch, Severin!“, schnauzt Kai.
Kai kann ihn nicht ausstehen. Und Max kann es ihm nicht verdenken. Immerhin halten sie ihn für einen Mörder. Vielleicht haben sie damit sogar recht.
Er schluckt schwer, doch dann tritt er zu der Tür und streckt seine Hände durch die Klappe.
Fast schon vertraut legt sich das kühle Eisen um seine Handgelenke.
„Zurücktreten“, verlangt Kai und er tut, wie geheißen, während sich ein Schlüssel im Schloss dreht. Die Tür schwingt auf und vor ihm steht Kai, zusammen mit einem weiteren Wärter, den er nicht kennt.
„Raus mit dir“, sagt Kai, wirft ihm einen grimmigen Blick zu. „Du hast Besuch.“
„Was?“ Seine Stimme ist heiser. Er benutzt sie nicht mehr allzu oft. Er hat nicht viel Gesellschaft, abgesehen von sich selbst. Aber Kais Worte haben ihn überrascht. In 1089 Tagen hat er nicht einmal Besuch gehabt. Auch wenn er an allen 1089 Tagen darauf gehofft hat.
„Wer ist es?“, fragt er, als er zu den Wärtern auf den Flur tritt.
Nicht-Kai wirft ihm einen abschätzigen Blick zu. „Dein zugeteilter Bewährungshelfer natürlich, wer sonst?“
Er blinzelt. „Bewährung?“
Kai verdreht die Augen, gibt ihm einen Schubs den Flur hinunter. Das Linoleum knirscht unter seinen ausgetretenen Turnschuhen.
„Ja, Bewährung“, erwidert Kai. „Die haben sie dir erst vor zwei Wochen erstattet, schon vergessen?“
Nein. Er hat es nicht vergessen. Aber vielleicht hat er das Ganze für einen Traum gehalten. An manchen Tagen ist es schwer, Wirklichkeit und Traum auseinander zu halten. Alles verschwimmt zu einer Brühe aus toten Momenten.
Er weiß nicht was er fühlen soll.
Kai unterdessen wendet sich an seinen Kollegen: „Weiß Gott, warum sie das getan haben. Der gehört für den Rest seines Lebens in Sicherheitsverwahrung.“
„Kann ich nur zustimmen“, pflichtet Nicht-Kai bei. „Er hat sich kein bisschen verändert, wenn man den Akten Glauben schenken darf?“
„Kein bisschen. Noch immer der gleiche arrogante, uneinsichtige Mörder.“
Max fährt zusammen, lässt den Kopf sinken und versucht die Worte der beiden Wärter zu ignorieren. Die scheinen vergessen zu haben, dass er neben ihnen läuft.
Zumindest bis sie eine weitere Tür erreichen.
„Hände“, verlangt Kai einmal mehr und er streckt sie ihm entgegen, ohne ihn anzusehen. Die Handschellen lösen sich mit einem leisen Klicken.
„Hände an die Wand, Beine auseinander.“
„Und keine Dummheiten“, warnt Nicht-Kai.
Ohne ein Wort zu sagen, dreht er sich der Wand zu, presst die Hände auf Kopfhöhe dagegen. Kai tritt ihm gegen den Knöchel, bringt ihn dazu die Beine noch etwas weiter auseinanderzunehmen.
Er beißt die Zähne zusammen, lässt es geschehen. Lässt die tastenden Hände an sich hinunter wandern. Und auch wenn er weiß, dass er nichts Verbotenes bei sich trägt, schlägt sein Herz jedes Mal schneller.
„Er ist sauber“, sagt Kai und Nicht-Kai schließt die düstere Tür auf, lässt ihn als erstes in den Raum treten, der ihn gierig verschlingt und sich die Lippen leckt.
Es ist kein großer Raum, aber größer als seine Zelle. Ein Tisch und zwei Stühle, ein großes Fenster, vergittert.
Ein Mann, der am Tisch gesessen und offensichtlich gewartet hat, erhebt sich, mustert ihn eindringlich. Es ist kein freundlicher Blick. Aber das ist nichts Neues. Nicht mehr.
Der Mann ist bestimmt so groß wie Max selbst, genauso breit gebaut, vielleicht zehn Jahre älter, irgendwo um die vierzig. Das schwarze Haar ist an den Schläfen mit silbrigen Strähnen durchzogen und auf seiner Nase sitzt eine Brille mit runden Gläsern. Ein buntes Hemd und Jeans. Nichts Besonderes.
Dennoch wird Max der Zustand seiner eigenen Kleidung unangenehm bewusst. Nervös fährt er sich über die Bartstoppeln, schaut überall hin, nur nicht zu dem herausfordernden Blick des Mannes.
Doch der räuspert sich nach einer Weile, nickt ihm zu: „Maximilian Severin. Setz dich.“
Keine Bitte.
Max wirft Kai einen Blick zu, doch der hat den Kopf mit seinem Kollegen zusammengesteckt und beachtet ihn nicht weiter. Also gibt er sich einen Ruck und tritt auf den Tisch zu, lässt sich auf den Stuhl sinken.
Auch der Mann setzt sich wieder. „Wie du dir vermutlich denken kannst, bin ich der Bewährungshelfer, der dir zugeteilt wurde: Salvator Weiß. Ich kann nicht sagen, dass es mich freut, aber ich werde das Beste daraus machen.“
Salvator Weiß schlägt die Akte vor sich auf und überfliegt ein paar Zeilen: „Nur um den Formalitäten gerecht zu werden: Du bist Maximilian Severin, geboren 1998 den 13. April. Verurteilt wegen Totschlag der eigenen Schwester, Cora Severin. Korrekt?“
Er kann den Mann nicht ansehen, als er nickt.
„Nun, wie du ebenfalls weißt, lassen sie dich wegen vager Beweisführung auf Bewährung hier raus. Drei Jahre, und zwar unter meiner Aufsicht. Hier sind die Auflagen noch einmal zusammengefasst.“ Er schiebt Max einen Papierbogen über den Tisch zu und zögerlich greift er danach.
Herr Weiß unterdessen fährt fort: „Meine Telefonnummer ist ebenfalls aufgeführt und du tust gut daran dir diese zu merken und dran zu gehen, wenn ich anrufe. Verstanden?“
Max nickt. Er weiß nicht was er sagen soll. Er hat nichts zu sagen. Worte haben vor langer Zeit ihre Bedeutung verloren.
„Gut.“ Salvator Weiß klingt geschäftsmäßig. Max ist nur ein weiterer Punkt auf seiner To-do-Liste. „Ließ die Auflagen genau durch. Solltest du gegen eine verstoßen, wirst du dich zwischen diesen Wänden wiederfinden. Verstanden?“
Ein weiteres Nicken.
„Die Auflagen sehen es unter anderem vor, dass du einen festen Wohnsitz angibst und innerhalb des ersten Monats eine Anstellung findest. Hast du einen Wohnsitz?“
Max schluckt, fährt sich durch das etwas zerzauste Haar. „Nein“, murmelt er.
Der erste Brief, der ihn hier erreicht hat, war eine Kündigung mit sofortiger Wirkung seines Vermieters gewesen. Max weiß nicht, was aus seinen Sachen geworden ist. Vermutlich gibt es sie nicht mehr.
Sein Gegenüber seufzt, als würde Max ihm damit bereits mehr Schwierigkeiten bescheren, als er wert war.
„Tut mir leid“, beeilt er sich also hinzuzufügen.
Doch Herr Weiß ignoriert ihn. „Ich werde zusehen, dass ich dich in einer WG oder so unterbringe“, meint er, mehr zu sich selbst und beginnt in ein kleines Notizbuch zu schreiben. „Wie sieht es mit einer Arbeit aus? Hast du da irgendeine Anlaufstelle?“
„Eventuell.“
„Eventuell?“ Herr Weiß wirft ihm ein Stirnrunzeln zu. „Geht das genauer?“
„Ich hatte mich einmal in einer Firma beworben, aber ich weiß nicht…“
„…ob sie dich noch nehmen. Verstehe. Kläre das bitte postwendend und gib mir Bescheid. Sonst werde ich mich umhören müssen.“
Max senkt den Blick auf seine Hände hinab. Sie zittern leicht. Schnell ballt er sie zu Fäusten, versteckt sie unter dem Tisch.
„Ich werde Ihnen Bescheid geben“, verspricht er leise.
„Das würde ich dir raten.“ Ein scharfer Blick, der sich in den runden Brillengläsern fängt wie in einem Brennglas, dann klappt Herr Weiß sein Notizbuch zu. „Dann war es das erst Mal. Ich werde in sechs Tagen da sein, wenn du entlassen wirst.“
Mit diesen Worten schiebt er seinen Stuhl zurück, steht auf.
Hastig springt auch Max auf, die beiden Wärter, werfen ihm alarmierte Blicke zu. „Herr Weiß?“
Der Mann wendet sich noch einmal um, offensichtlich genervt von der Verzögerung. „Ja?“
Max hebt zum ersten Mal den Blick, sieht seinem Bewährungshelfer direkt in die Augen. „Wissen Sie, wo sich mein Neffe befindet?“, fragt er, bevor der Mut ihn verlassen kann.
Salvator Weiß´ Brauen ziehen sich zusammen. „Warum fragst du?“
Die Unterstellung im Klang seiner Stimme, lässt Max zurückschrecken. „Ich – ich will nur wissen, ob es ihm gut geht“, murmelt er. „Ich habe ihn seit drei Jahren nicht mehr gesehen und niemand wollte mir sagen was aus ihm geworden ist…“
„Nun, ich nehme an, es hat einen Grund, warum dir niemand sagen wollte, wo der Sohn deiner Schwester ist“, sagt Herr Weiß eindringlich und Max weicht unwillkürlich einen Schritt von ihm fort.
„Ich will wirklich nur wissen, ob es ihm gut geht“, sagt er noch einmal, seine Stimme bebt.
Herr Weiß Blick brennt ein Loch in seine Brust. „Wenn dem so sein sollte“, sagt er schließlich langsam, „werde ich mich erkundigen.“
Und damit wendet er sich endgültig ab, nickt den beiden Wärtern zu und geht.
Max sieht ihm nach und fragt sich, ob er je wieder festen Boden unter den Füßen haben wird. Denn er ist seit 1089 Tagen am Fallen und er hat vergessen, wie es ist, von Flügeln aus Träumen und Möglichkeiten getragen zu werden.
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