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Regenschirm

von Black Owl
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteRomance / P12 / Het
Astoria Greengrass Draco Malfoy
30.07.2022
05.08.2022
2
4.848
10
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05.08.2022 2.182
 
Danke für´s Lesen. Nur Kurzgeschichte ^^






Der Tag war heute schon beschissen gestartet. Ihr verfluchter Wecker war heute Morgen nicht gegangen, sie war deshalb spät dran gewesen. Viel zu spät. In der Kanzlei war sie dann mit einem Kollegen zusammengestoßen und ihre frische Kleidung war mit lauwarmem Kaffee durchtränkt worden. Sie hatte, Merlin sei Dank, immer Wechselkleidung im Büro, aber das hatte noch mehr Zeit gekostet. Zeit, die sie nicht gehabt hatte. Die Richterin war nicht begeistert gewesen, dass Astoria fast zwanzig Minuten Verspätung gehabt hatte. Merlin, sie hatte sich wie ein kleines dummes Schulmädchen gefühlt und nicht wie eine kompetente Anwältin. So etwas war ihr schon seit Jahren nicht mehr passiert. Zur Hölle nochmal. Sie könnte sich am besten selbst verfluchen.

Und die Verhandlung war nicht gut verlaufen. Nicht das Ergebnis, was ihr Klient und sie erwartet hatten. Sie würden Berufung einlegen. Merlin, sie könnte Kotzen. Sie wollte aus dem Gebäude treten und wurde von jemanden angerempelt, der sich scheinbar vordrängeln wollte, was dazu führte, dass ihre Unterlagen, die sie im Arm hatte, im hohen Bogen auf den Boden vor dem Gebäude fielen. Auf den nassen Boden, denn es regnete seit gefühlt einer Woche beinahe ununterbrochen. Der Rempler ging einfach weiter und sie rief ihm wütend
„Arschloch“ hinterher, was ihn wenig beeindruckte. Zum Teufel, heute war wahrlich nicht ihr Tag. Sie hätte einfach liegen bleiben sollen. Sie ging in die Hocke und sammelte die einzelnen Blätter auf, während sie vor sich her schimpfte. Sie hatte heute keine Lust mehr. Sie würde nachhause gehen, die Decke über den Kopf ziehen und alles und jeden ignorieren, bis dieser verdammte Tag vorüber war. „Blödes Arschloch“, murmelte sie ärgerlich als eines der Pergamentblätter völlig durchnässt war.

Sie hielt inne mit ihrem Tun als sich schwarze Herrenschuhe in ihr Blickfeld schoben und die Regentropfen nicht noch weiter sie durchnässten. Sie sah auf und konnte kaum ihren Augen trauen, wer dort stand, mit aufgespanntem Regenschirm.
„Draco“, hauchte sie als sie aufstand und gleichzeitig ihr die Blätter erneut aus den Händen rutschten.
Er war da. Er war wieder da. Einfach so. Hier in England. Es kam ihr eine gefühlte Ewigkeit vor als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Auf der Abschlussfeier in Hogwarts. Merlin, wie viele Jahre war das her? Er hatte damals ihren Ratschlag beherzigt und sich im Ausland an diversen Universitäten beworben, nachdem er sich aufgerappelt hatte und nicht mehr den ganzen Tag wie ein Trauerkloß herumgesessen war. Sie war eine der ersten gewesen, die das Bestätigungsschreiben der magischen Universität aus Washington gesehen hatte. Sie hatte sich augenscheinlich mehr darüber gefreut als er selbst.

„Was… was tust du denn hier?“, fragte sie fassungslos.
Es kam ihr wie eine halbe Ewigkeit vor. War er schon immer so groß gewesen? Nachdem sie ihn damals, nach der Verhandlung seines Vaters, ihn an die Hand genommen hatte, waren sie ständig gemeinsam unterwegs gewesen. Zu Beginn wohl eher notgedrungen, weil sie ihm keine Wahl gelassen hatte. Sie wollte, dass er sein Leben in die Hand nahm und nach und nach hatte er das getan. Seine Leistungen in der Schule waren wieder besser geworden. Er hatte sich an Freizeitaktivitäten und Clubs beteiligt und engagiert. Merlin, er hatte immerhin als Drittbester seinen Abschluss gemacht und das sollte schon etwas heißen. Sie hatte sich unglaublich für ihn gefreut. Wobei es sie traurig gestimmt hatte, dass er so weit weg studieren würde. Sie hatte die gemeinsame Zeit in Hogwarts genossen. Die ersten Wochen im Studium hatte sie beinahe keine Zeit gehabt, an ihn zu denken. Doch als sich alles eingependelt hatte, hatte Astoria immer wieder an ihn gedacht. Sie hatte von ihm nichts gehört. Sie hatte ein paar Mal geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Und jetzt, stand er einfach so da. Als wäre nie etwas gewesen. Als wäre er schon immer einfach dagewesen.

„Oh verdammt“, fluchte sie auf als die Blätter zu ihren Füßen wieder raschelten und sie bückte sich erneut, um sie aufzusammeln.
Sie hob nur kurz ihren Kopf als Malfoy ebenfalls in die Hocke ging und nach einigen Pergamentblättern griff. Als sie aufstand, tat er es ihr gleich und reichte ihr die aufgesammelten Blätter, die sie endlich in ihre Umhängetasche packte. Als ihre Aufmerksamkeit sich wieder auf ihn richtete, meinte er ruhig, mit einem milden Lächeln auf den Lippen.
„Hallo Astoria.“
Hallo Astoria, einfach so. Nicht so als hätten sie sich vor Jahren das letzte Mal gesehen, sondern als hätten sie sich gestern erst verabschiedet. Sie schüttelte kaum sichtbar den Kopf, während er seinen Schirm über sie beide immer noch hielt.
„Was tust du hier, Draco?“
Er zuckte beiläufig in seinem dunkelgrauen Anzug die Schultern.
„Ich bin wieder in England und wollte dich sehen.“

Sie schnaubte.
„Mich sehen? Du hast keinen einzigen Brief von mir beantwortet.“
Keinen einzigen.
„Ich weiß“, murmelte er und senkte dabei den Blick.
„Du hast dich kein einziges Mal gemeldet“, warf sie ihm vor und spürte erst jetzt, wie sehr sie das eigentlich verletzt hatte.
Er war nicht einmal letztes Jahr erschienen zur Hochzeit von Daphne, die ihn eingeladen hatte, so wie sie viele aus ihrem damaligen Jahrgang eingeladen hatte. Nur Dracos Mutter war aufgetaucht, allein. Sogar ohne ihren Mann. Lucius war nach drei Jahren und vier Monaten aus Askaban entlassen worden und hielt sich seitdem sehr bedeckt. Man sah ihn kaum noch auf öffentlichen Veranstaltungen. Meistens sah man nur Narzissa. Ab und zu mit ihrer Schwester. An Daphnes Hochzeit hatte Astoria mit ihr gesprochen. Sie wollte wissen, wie es Draco ging. Narzissas Antworten war knapp gewesen. Dass es Draco scheinbar gut ging. Dass er nach dem Studium eingestellt worden war in Washington in einem sehr bekannten Unternehmen. Dass er aber wenig schrieb, was schon ein Problem im Hogwarts gewesen war. Seine Mutter nannte es Schreibfaul. Hätte Astoria ihn nicht ab und zu im letzten gemeinsamen Jahr dazu angehalten, sich bei seiner Mutter zu melden, hätte er es wohl nie getan.

Sie atmete schwer aus und sah zu ihm auf.
„Seit wann bist du wieder in England?“
„Seit gut zwei Stunden.“
„Seit zwei Stunden?“, wiederholte sie überrascht.
„Und da kommst du zu mir? Warst du schon bei deiner Mutter?“
„Ich wollte erst dich sehen.“
„Draco“, seufzte sie.
„Hast du Zeit?“, warf er ein und sie blinzelte ihn erstaunt an.
„Jetzt?“
Er nickte und bevor sie den Mund aufmachen konnte, fügte er hinzu.
„Ein Kaffee, ja?“ Sie sollte ablehnen. Sie sollte ihn zu seiner Mutter schicken, die ihn so lange nicht gesehen hatte. „Bitte“, bat er und sie seufzte.
„Am Ende der Straße gibt es ein kleines Lokal.“
Er lächelte und sie gingen gemeinsam los. Das Lokal war recht voll. Sie ergatterten einen Tisch ziemlich weit hinten und Draco bestellte sich schwarzen Kaffee, während Astoria Tee orderte. Sie bedankte sich bei dem Kellner und sah Draco dabei zu, wie er zwei Teelöffel Zucker dem Kaffee hinzufügte. Wie damals in Hogwarts. Kaffee, schwarz und zwei Löffel Zucker. Einiges änderte sich wohl nie.

„Warum bist du hier?“, fragte sie als er unnötigerweise lange in seinem Kaffee herumrührte.
Er sah auf mit seinen grauen Augen, klopfte den Löffel etwas am Tassenrand ab und legte ihn dann auf den Unterteller.
„Ich habe ein Jobangebot hier angenommen. Gringotts.“
Ihr klappte der Mund auf.
„Du… du bleibst hier?“ Er nickte stumm. „Du arbeitest in Gringotts?“
Er nickte erneut und sie konnte es einfach nicht fassen. Woher dieser Wandel? Hatte er nicht immer gesagt, er sehe keine Zukunft in England?
„Wenn ich ehrlich bin“, fing er an „Hat Gringotts bereits vor einem halben Jahr angefragt, ob ich mir vorstellen könnte zu ihnen zu wechseln.“
„Wie das?“
Er lächelte schwach.
„Nun, die haben wohl mitbekommen, dass ich in dem Unternehmen in Washington richtig gute Arbeit leiste. Das Angebot war recht verlockend. Sie übernehmen die Kosten für den Umzug. Stellen die Wohnung. Mehr Urlaub. Mehr Lohn. Eine leitende Position.“
Sie legte etwas den Kopf schief.
„Und wieso bist du dann erst jetzt wieder hier? Wieso nicht schon vor einem halben Jahr?“
Er zuckte etwas unschlüssig die Schultern und wich ihrem Blick aus.
„Ich… habe keinen Grund dafür gesehen. Es hat mir in Washington gut gefallen.“
Sie lehnte sich auf ihren Stuhl zurück. Das beantwortete nicht wirklich ihre Frage.

„Als meine Mutter und ich das letzte Mal miteinander gesprochen haben über ein Flohnetzwerk, hat sie mir erzählt, dass sie dich mit Terence Higgs gesehen hat“, warf er plötzlich ein und klang dabei beinahe beiläufig.
Sie dachte darüber nach, wann Narzissa Malfoy sie mit Terence gesehen haben könnte, und ihr ging ein Licht auf.
„Meinst du auf der Verlobungsfeier von Tracey Davis?“
Er ging darauf gar nicht ein.
„Gehst du mit ihm schon lange aus?“
Sie wusste nicht, ob sie lachen oder wütend sein sollte.
„Was wird das hier?“
„Nichts, ich…“
„Du meldest dich seit Jahren nicht. Du beantwortest keine Briefe von mir. Und kommst jetzt her, weil mich deine Mutter mit einem Kerl gesehen hat?“
„Tori…“
Sie hob die Hand, damit er schwieg.
„Ich bin froh, dass es dir gut ergangen ist. Wirklich froh, Draco. Aber es hat mich verletzt. Denn ich dachte wirklich, dass wir gute Freunde geworden sind.“
Vielleicht sogar ein wenig mehr, auch wenn sie nie über die Freunde-Base hinausgestoßen waren.

Am Abschlussball… dachte sie für einen Moment, als sie ihn dazu gezwungen hatte, mit ihr zu tanzen, dass er vielleicht sie küssen wollte. Doch dieser kleine Augenblick war vorbeigezogen und sie hatten sich keinen Millimeter von der Base entfernt.
„Und nur damit du es weißt“, sprach sie weiter und griff nach ihrer Tasche. „Terence ist ein Kollege von mir. Ich gehe nicht mit ihm aus. Himmel, ich habe kein Interesse an Terence Higgs.“
Er griff nach ihrer Hand, damit sie nicht aufstand.
„Bitte bleib“, sprach er ruhig und sie zögerte. „Es tut mir leid, Astoria. Wirklich. Ich dachte nur…“
„Du dachtest was?“
Er wirkte gequält.
„Ich dachte, es sei besser für dich.“
„Besser für mich?“, wiederholte sie irritiert und er ließ ihre Hand los und umklammerte seine Tasse.
„Das Gerede.“
Sie runzelte die Stirn.
„Wovon sprichst du?“

Er rollte mit den Augen.
„Bitte tu nicht so. Du weißt ganz genau, wie die Leute in England mich sehen. Die meisten von ihnen zumindest. Und nur weil du versucht hast, mich gut in Hogwarts zu integrieren, wurde deswegen das Gerede nicht gerade besser. Ich weiß, was sie gesagt haben. Auch, wie sie dich beleidigt haben.“ Er schüttelte kaum sichtbar den Kopf, während er die Tischplatte fixierte. „Ich dachte, es wäre besser für dich, wenn ich Abstand halte. Für deine Zukunft.“
Da war er wieder. Der gebrochene Mann, denn sie damals schon zu Beginn ihres letzten Schuljahres erkannt hatte. Den greifbaren Schmerz. Die Reue. Sie zögerte, bevor sie ihre Hand über den Tisch schob und ihre Hand auf seine legte. Er zuckte etwas zusammen.
„Draco, es hat mir nie etwas ausgemacht, was die Leute über dich reden oder über mich. Oder über irgendjemanden. Die Leute reden ständig schlecht.“ Sie lachte unsicher auf. „Wenn ich mir jedes Mal den Kopf darüber zerbrochen hätte, wäre ich verrückt geworden.“

„Aber ich bin schlecht für dich“, presste er hervor.
„Hör auf, das zu sagen. Wie kannst du das nach all den Jahren immer noch denken?“ Sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, wenn Mitschüler darüber getuschelt hatten, dass sie sich mit einem Todesser und Verräter abgab. Niemals. Er war ein Mensch, wie sie alle. Kein unheimliches oder schreckliches Monster. Ein Mensch mit Fehlern, so wie sie alle. „Du hast einen ausgezeichneten Abschluss. Du hast die Uni erfolgreich besucht. Du bist klasse in deinem Job. Gib endlich einen Dreck auf das, was die Leute sagen und sei stolz auf das, was du erreicht hast und lass deine Vergangenheit hinter dir.“ Sie spürte, wie er ihre Hand drückte. Sein Daumen über ihren Handrücken streichelte. „Bist du deshalb so schnell gekommen? Weil deine Mutter mich mit jemanden anderen gesehen hat?“
Sie grinste, als er
„Vielleicht“, flüsterte.
„Hätte ich das gewusst, hätte ich mich viel früher mit jemanden sehen lassen.“

Er sah auf und seine Augen funkelten.
„Nicht witzig, Greengrass. Gar nicht witzig.“
Sie lachte leise und ließ seine Hand los.
„Weißt du, was du jetzt tun wirst?“
„Keine Ahnung, sagst du es mir. Das hast du doch schon in Hogwarts gerne getan.“
„Du trinkst deinen Kaffee und ich meinen Tee. Du erzählst mir ein wenig von Washington. Wem du alles die Herzen gebrochen hast.“ Er rollte mit den Augen und murmelte ihren Namen. „Und dann gehst du zu deinen Eltern.“
„Astoria…“
„Nein“, unterbrach sie ihn streng. „Du gehst zu deinen Eltern. Du besuchst deine Mutter. Sie vermisst dich, Draco. Du bist ihr einziger Sohn.“ Er lächelte schwach und sie legte den Kopf etwas schräg. „Wenn du wirklich hierbleibst, haben wir alle Zeit der Welt.“
„Schön. Aber nur, wenn du mir erzählst, seit wann du solche Wörter in den Mund nimmst, wie gerade eben auf der Straße.“
Er grinste als sie ihren Kopf kurz in den Nacken legte.
„Ich hatte bis vor kurzen einen wirklich schlechten Tag. Da soll so etwas vorkommen.“
Aber vielleicht wurde der Tag gerade besser. Mehr als das, dachte sie, während sie mit Draco Malfoy an dem kleinen Tisch saß und der Regen gegen die Scheiben des Lokals tropfte.
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