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Innocent

von MSilvae
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte, Erotik / P18 / Het
30.07.2022
13.08.2022
3
9.835
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06.08.2022 2.706
 
Es beginnt mit dem Zittern der Kerzenflammen unter einer unsichtbaren Erschütterung, dann hören wir das Brummen von Motoren. Am Rand des Platzes drehe ich mich um. Corvin hebt das Gesicht von meiner Schulter und blickt aus verweinten Augen verwirrt um sich.
Der Lichtschein eilt ihnen voraus, dann kommen mehrere schwarze Gefährte aus der Seitenstraße neben dem Gemeindeamt. Die Menschen stieben auseinander, einige erschrockene Aufschreie werden laut. Es sind drei an der Zahl und sie verteilen sich auf dem Dorfplatz. Mich überkommt ein seltsames Unbehagen und ich setze Corvin am Boden ab. Gegen seinen Protest schiebe ich ihn hinter mich.
Mehrere Männer steigen aus den Fahrzeugen, alle in tiefschwarze Kampfanzüge gekleidet. Ich sehe ihre Waffen nicht, doch mir ist klar, dass sie bis an die Zähne damit ausgerüstet sind.
„Sieh nur, Devi, Gardisten!“ Ich hinterfrage nicht, warum Corvins Stimme staunend vor Ehrfurcht ist, als er hinter meinem Rücken hervorlugt. Auf ihn müssen sie wie große, tapfere Krieger wirken, die sie in den Augen des Capitoliums wohl auch sind. Ich bezweifle, dass sie noch immer so hochtrabend und selbstbewusst wären, wenn sie einige Tage hier draußen verbringen müssten.
Ein einzelner Mann, flankiert von zwei der schwarz Uniformierten tritt vor. Mehrere blinkende Abzeichen auf seiner Brust machen deutlich, wer in der Kampftruppe das Sagen hat. Während die Gardisten den Blick ausdruckslos auf die Menschen richten und den gesamten Platz im Auge behalten, spiegelt sich in den Augen ihres Anführers ein kaltes Feuer.
„Bürger von Devlon!“ Seine Stimme hallt von den brüchigen Fassaden der Häuser wider und verliert sich in der Stille der Nacht.
„Im Namen Seiner Majestät, des Imperators von Devlon und all seiner Provinzen, wird an Triumphi, dem höchsten Fest des Landes, ein imperiales Dekret verlesen, dem ohne Widerstand Folge zu leisten ist!“ Angst und Verwirrung spiegeln sich auf den Gesichtern der Dorfbewohner. Der Dorfvorsteher tritt nach vorne, um eine Erklärung zu verlangen, wird jedoch von einem Gardisten aufgehalten. Ungerührt fährt der Mann mit seiner Ansprache fort. Aus einer Tasche seiner Uniform zieht er ein zusammengefaltetes Blatt Papier und öffnet es in aller Seelenruhe. Bevor er es zu verlesen beginnt, wandert sein Blick noch einmal über die versammelten Menschen.
„Im Namen Seiner Majestät, des allhöchsten Imperators, wird Devina, Tochter von Mirelia, geboren aus der Verbindung mit Achim, Tochter der Provinz Sevalon und somit des Landes Devlon unter den Schutz der Krone gestellt und gilt hiermit als Eigentum Seiner Majestät für beschlagnahmt!“
Stille. Der gesamte Dorfplatz schweigt. Fassungslosigkeit breitet sich in mir aus.
Beschlagnahmt … ich?! Als wäre ich ein Gegenstand.
Mehre Puzzleteile rücken in meinem Kopf an ihren richtigen Platz. Plötzlich ergibt das wirre Gefasel von Evelin und Marilyn Sinn, ebenso die ausweichenden Erklärungen Fionas. Der Imperator sucht eine Gattin. Der Dorfvorsteher und die Ratsmitglieder haben die Auswahl manipuliert und bewusst ein Mädchen bestimmt. Die Gardisten, von denen Eleonora gesprochen hat, sind hier und sie werden jemanden mitnehmen.
Mich.
Ausgerechnet mich.
Bodenlose Panik ergreift mich. Mein Herz beginnt zu rasen. Das viel zu schnelle Pochen ist das einzige Geräusch, das ich höre.
„Devina, Tochter der Provinz Sevalon, treten Sie vor!“ Die Stimme des Mannes schneidet durch das allgemeine Schweigen wie eine Klinge durch Wasser. Erschrocken fahre ich zusammen. Der enormen Wachsamkeit der Gardisten entgeht dies natürlich nicht. Einer von ihnen löst sich aus der Formation und bahnt sich einen Weg durch die Versammelten. Keiner wagt es, ihn aufzuhalten. Mit grimmigem Gesicht baut er sich vor mir auf und mustert mich prüfend. Er braucht nicht zu fragen, ob ich die Richtige bin, der Schock, der sich deutlich auf meinem Gesicht abzeichnet, spricht Bände.
Nicht grob, aber bestimmt trennt er mich von Corvin, der sich von hinten an mir festgeklammert hat und führt mich am Oberarm in die Mitte des Platzes.
„Devina?“ Bei Corvins schwachem Ausruf bleibe ich stehen und drehe mich um. Der Gardist lässt es zu.
Der verzweifelte Ausdruck in den Augen meines Bruders bricht mir das Herz. Tränen laufen über sein Gesicht und ziehen saubere Schlieren durch die feine Staubschicht, die auf seiner Haut liegt. Tiefe Verzweiflung und noch größere Angst spiegeln sich in seinem Blick. Ich öffne den Mund, will etwas sagen, das ihm diese Angst nehmen kann, doch mir fällt nichts ein. So bleibt mir nichts übrig, als entschuldigend den Kopf zu schütteln und unter meinen aufsteigenden Tränen den Blick zu senken.
„Mylady?“ Beinahe sanft schiebt mich der Gardist weiter in Richtung Brunnen, wo der Mann mit den Abzeichen noch immer wartet. Schweren Herzens wende ich Corvin den Rücken zu und lasse mich weiterführen.
„Sind Sie Devina, Tochter von Mirelia und Achim?“, donnert der Mann, kaum dass ich vor ihm stehe. Den Blick zu Boden gerichtet, um nicht vor aller Augen in Tränen auszubrechen, nicke ich. Er fährt fort.
„Gemäß des Erlasses Seiner Majestät werden Sie in den Stand einer Erwählten erhoben und sind fortan eine Thronanwärterin des Landes Devlon. Ihre Familie wird eine gerechte Entschädigung für Ihre Dienste an der Krone erhalten.“ Mit einem abschließenden „Gezeichnet von Seiner Majestät“ faltet er das Papier zusammen und lässt es wieder in seiner Uniform verschwinden.
Erwählte … Thronanwärterin … Wie ist das möglich? Warum ich?
Ohne ein weiteres Wort gibt der Mann den Gardisten ein Zeichen und sie steigen wieder in die Fahrzeuge. Auch ich werde auf eines zugeschoben und da wird mir plötzlich das Desaster in seiner ganzen Tragweite bewusst. Sie wollen mich wegbringen, jetzt sofort!
Abrupt bleibe ich stehen. Derselbe Gardist wie vorhin will mich weiterziehen, doch ich stemme mich dagegen.
„Mylady, bitte kommen Sie!“ Er klingt nicht unfreundlich, allerdings macht der Unterton in seiner Stimme klar, dass er keine weitere Verzögerung duldet. Stumm schüttle ich den Kopf, dann habe ich plötzlich die Hände voll mit meinem Bruder, der sich mit Armen und Beinen an mich klammert.
„Geh nicht, Devi! Bitte geh nicht!“
Ich kommentiere die stumme Aufforderung des Gardisten mit einem finsteren Blick, ehe ich Corvins Griff um mich löse. Ich sinke vor ihm in die Knie, mein Kleid streift über den staubigen Boden.
Die Augen meines Bruders laufen über mit Tränen, ungehindert rinnen sie seine Wangen hinab, scheinen unerschöpflich zu sein. Meine Versuche, die feuchten Spuren von seinem Gesicht zu vertreiben, bleiben erfolgslos. Die Hände um seine Wangen geschlossen, blicke ich ihm tief in die Augen, in meiner Kehle bildet sich ein gewaltiger Kloß, der mir das Sprechen fast unmöglich macht.
„Du musst jetzt stark sein, Corvin, hörst du! Sie werden mich mitnehmen, ob ich will oder nicht. Versprich mir, dass du stark sein wirst. Vater braucht dich jetzt.“ Geräuschvoll zieht er die Nase hoch. Ich streiche ihm das Haar aus der erhitzten Stirn. Dass mein Lächeln mehr kläglich als aufmunternd ist, weiß ich.
„Ich komme bald zurück!“
„Versprichst du es?“
„Ich verspreche es.“ Meine Stimme bricht. Wir wissen beide, dass ich dieses Versprechen nicht werde halten können. Erneut schließen sich Corvins Arme um meinen Nacken und die unterdrückten Tränen bahnen sich ihren Weg aus meinen Augenwinkeln. Schweres Schluchzen erschüttert den schmalen Körper meines Bruders, während er sich verzweifelt an mir festklammert. Ich streiche durch seine wirren Haare, selbst mit einem ausgereiften Nervenzusammenbruch kämpfend.
Der Gardist hinter mir räuspert sich und schweren Herzens löse ich mich von Corvin.
„Ich hab dich lieb, kleiner Bruder, vergiss das nicht!“ Der Dorfvorsteher tritt von hinten an uns heran und legt Corvin tröstend eine Hand auf die hagere Schulter. Der Blick, den er mir aus trüben Augen zuwirft, ist verzagt.
„Kümmern Sie sich um ihn. Und um meinen Vater. Das schulden Sie mir!“ Kurz wirkt er betroffen, dann nickt der Dorfvorsteher stumm und zieht meinen Bruder fort.
Ich stehe vom Boden auf und wende mich dem wartenden Gardisten zu, der mich auf eines der Autos zuführt und mir die Tür aufhält.
„Ich hab dich auch lieb, Devi!“
Die gebrochenen Worte des kleinen Jungen, der mir mehr als mein Leben bedeutet, bringen den letzten Damm in mir zum Überlaufen. Den letzten Rest an Durchhaltevermögen zusammenraffend, steige ich in das Auto. Einen Blick zurück auf meinen Bruder wage ich nicht. Er würde alles nur schlimmer machen.
Als der Motor des Fahrzeuges angelassen wird und der kleine Konvoi sich im Schritttempo vom Dorfplatz und seinen Bewohnern entfernt, kommt mir der Gedanke, dass mir keine Zeit mehr geblieben ist, Corvins Haare zu schneiden.
Ich weiß nicht, wohin wir fahren. Ich weiß nicht, wie lange wir schon fahren. Stumm blicke ich durch die getönten Fenster. Es hat zu regnen begonnen, Wassertropfen werden vom Fahrtwind über die Scheibe getrieben, verfolgt von meinen Augen. Die Welt hinter dem Glas treibt bedeutungslos an mir vorüber. Als kleines Kind war es immer mein Wunsch, das kleine Dorf meiner Eltern zu verlassen und in die große Weite hinauszufahren. Jetzt täte ich nichts lieber, als umzukehren. Meine Hände umklammern den Stoff meines Kleides, das Einzige, was mir von zuhause geblieben ist. Im Palast des Imperators werde ich keinen eigenen Besitz haben, hat mir der Gardist, der auch das Dekret verlesen hat, kurz angebunden erklärt, kurz nachdem wir das Dorf verlassen haben. Alles im Capitolium gehöre dem Imperator, derjenigen Thronanwärterin, die letztendlich zur Imperatrix gekrönt werde, solle auch all sein Besitz zuteilwerden.
Die Anweisungen gleiten an mir vorüber wie der nasse Asphalt der Straße. Es gibt fast keine asphaltierten Straßen in Sevalon. Wir müssen meine Heimatprovinz mittlerweile verlassen haben.
Wir fahren immer weiter durch die Nacht, manchmal gleiten Lichter vorüber, blenden mich kurz, dann umgibt mich wieder undurchdringliche Schwärze, nur unterbrochen von der fahlen Beleuchtung des Wageninneren. In den Schatten kann ich die Gestalten der beiden Gardisten ausmachen, die mir gegenübersitzen und stumm geradeaus blicken. Der Gardist neben mir ist nur ein blasser Schemen in meinem Augenwinkel. Ihr Anblick bereitet mir Furcht. Als kleines Kind bekam ich Gardisten nur zu Gesicht, wenn Diebe oder Revolutionäre abgeholt wurden, die danach nie wiederkamen. Meine Mutter nannte sie die Beschützer der Imperatorenfamilie und somit des ganzen Landes. Tatsächlich hatte ich sie als kleines Kind einige Male im Fernsehen gesehen, wenn Bilder der Imperatorenfamilie ausgestrahlt wurden. Die schwarz gekleideten Männer umgaben sie wie eine undurchdringliche Mauer.
Ein mit einem blutroten Siegel versehener Umschlag schiebt sich in mein Blickfeld und unterbricht meine Gedanken. Der Gardist, der im Dorf gesprochen hat, mustert mich mit undurchdringlichem Blick, während ich zögernd das Papier entgegennehme. Kaum, dass der Umschlag seine Hand verlassen hat, lehnt er sich zurück in die steife Position, die er und der andere Gardist schon die ganze Zeit beibehalten.
„Sobald Sie dieses Fahrzeug verlassen, werden Sie in Ihre Unterkünfte begleitet. Seine Majestät ersucht alle Thronanwärterinnen, dieses Dokument zu lesen und zu verinnerlichen und ihm unbedingt und zu jeder Zeit Folge zu leisten.“ Damit scheint die Sache für ihn erledigt zu sein.
„Was steht in dem Brief?“ Er richtet seinen kalten Blick auf mich, ganz offensichtlich nicht erfreut, sich länger als notwendig mit mir unterhalten zu müssen.
„Das werden Sie schnell genug erfahren, bis dahin sollten Sie sich in Geduld üben.“ Entfernt spüre ich das Blut in meinen Adern brodeln, während sich die Aversion gegen diesen Mann immer weiter in mir aufbaut. Ich kann nicht verhindern, dass sich die Wut in meinem Tonfall widerspiegelt.
„Ist es mir gestattet, ihn schon jetzt zu öffnen oder muss ich warten, bis ich die Erlaubnis dazu bekomme?“
„Sie sollten Ihr Mundwerk zügeln, wenn Sie nicht wollen, dass es Ihnen höchst unvorteilhaft zu stehen kommt!“
Der Gardist kann von Glück reden, dass das Auto in dem Moment anhält, sonst wäre vielleicht die Furie vollends in mir erwacht, die ihren Mut aus schierer Angst und bodenloser Wut schöpft. Die Bremsung kommt so unerwartet, dass ich aus meinem Sitz gehoben werde und sich der Gurt schmerzhaft in meine Haut schneidet. Von draußen werden Stimmen laut und Lichter tanzen über die Scheibe. Die Gardisten in meinem Fahrzeug wechseln finstere Blicke miteinander, ehe sie auf ein unsichtbares Zeichen ihres Anführers hin den Wagen verlassen, die Hände nach ihren Waffen tastend. Ich will schon meinen Gurt lösen, um ihnen zu folgen, da hält mich der Gardist neben mir zurück. Es ist derselbe, der mich über den Dorfplatz geführt hat.
„Nein, Mylady, steigen Sie auf keinen Fall aus. Da draußen können wir nicht für Ihre Sicherheit garantieren.“ Er sagt das mit so ruhiger Stimme, dass mir angst und bange wird. Gardisten werden ausgebildet, um zu verteidigen und fürchten nichts. Dass dieser nun so ruhig ist, obwohl die Rufe außerhalb des Wagens immer lauter und scheinbar wütender werden, verursacht mir Gänsehaut.
„Wer sind diese Leute?“ Ich weiß nicht, warum ich flüstere.
„Aufständische. Verbrecher. Wie auch immer man sie nennen will.“
„Und was wollen sie?“
Der Blick aus den Augen des Gardisten wird kurz berechnend, dann greift er in die Innenseite seines Jacketts und zückt eine Pistole. Erneut rieselt Gänsehaut über meinen Körper. So klein und unscheinbar sie auch aussehen mag, ich bin sicher, dass das Teil wenn nötig seinen Zweck erfüllt.
„Sie wollen den Konvoi aufhalten und verhindern, dass Sie jemals einen Fuß in den Palast setzen.“ Als wäre der Tag nicht schon schlimm genug gewesen. Kaum entführt, auch schon gemeuchelt.
„Das hätten Sie mir wohl nicht etwas schonender beibringen können?!“ Der Gardist zuckt mit den Schultern und überprüft das Magazin seiner Waffe.
„Sie haben gefragt, Mylady.“
„Ich wünschte, ich hätte es nicht getan!“ Ich stütze mein Gesicht in die Hände und versuche, den Lärm auszublenden, der von draußen an meine Ohren dringt. Ein Schuss durchfährt die Nacht und ich fahre in meinem Sitz hoch. In erhöhter Alarmbereitschaft scannt der Gardist die Finsternis hinter der Glasscheibe.
„Keine Angst, Mylady, diese Soldaten sind für solche Situation ausgebildet und werden Sie bis auf den Tod verteidigen, falls es notwendig sein sollte.“
„Soll mich das jetzt beruhigen?“ Hysterie macht sich in meiner Stimme bemerkbar.
„Offen gestanden, ja.“
„Dann sind Sie damit nicht sehr erfolgreich!“ Weitere Schüsse und Schreie dringen von draußen herein. Ich rede weiter, um mich abzulenken.
„Warum die Mühe? Diese Menschen kennen mich doch gar nicht. Ich bin niemand!“
„Mit Verlaub, Mylady, seit der Imperator sein Siegel auf dieses Dekret gesetzt hat, sind Sie Anwärterin auf den Thron seines Landes und damit zu behandeln wie die künftige Imperatrix, gelichwohl Sie diese Krone vielleicht niemals tragen werden. Ihr Schutz steht nach dem des Imperators an oberster Stelle. Damit sind Sie zu einer lebendigen Zielscheibe geworden.“
Die Schreie verstummen und wachsam richtet der Gardist seinen Blick wieder hinaus in die Dunkelheit, während ich sprachlos in meinem Sitz verharre. Die Türen werden geöffnet und die Gardisten steigen wieder ein. Der Motor des Fahrzeugs erwacht zum Leben und wir setzen uns erneut in Bewegung. Meine Bewacher tauschen Blicke miteinander, verlieren jedoch kein Wort. Das Schweigen wird so erdrückend, dass ich es nicht mehr aushalte.
„Wollen Sie nicht darüber reden, was passiert ist?“ Der Blick des Anführers der Gardisten trifft mich mit eisiger Kälte.
„Es hat Sie nicht zu kümmern.“
„Aber …“
„Der Imperator und seine Berater werden zu gegebener Zeit von dem Vorfall erfahren und entsprechend dagegen vorgehen“, unterbricht mich der Gardist, der bei mir im Fahrzeug geblieben ist. Er fängt sich dafür einen grimmigen Blick seines Vorgesetzten ein, doch ich bin klug und halte den Mund, während der Wagen beschleunigt und wir den Schauplatz des Gemetzels hinter uns lassen. Ich frage nicht nach den Angreifern. Ich bin sicher, dass sie tot sind.
Wir fahren die ganze Nacht hindurch. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Ich falle immer wieder in unruhigen Schlaf. Als der Wagen schließlich erneut anhält, fühle ich mich wie gerädert und ich kann die Augen kaum noch offen halten. Blendendes Licht fällt ins Innere, als von außen die Tür geöffnet wird. Die Gardisten steigen vor mir aus dem Wagen, ehe mir der freundlichste unter ihnen seinen Arm als Ausstiegshilfe anbietet.
Meine Füße kommen auf rauem Asphalt zum Stehen, mein Kleid bauscht sich in einer sanften Brise. Mein Blick ist wie gefesselt von dem überragenden Gebilde aus Marmor, Stein und Glas vor mir. Das erste Licht der Morgendämmerung bricht sich wunderschön in den vielen Fenstern und taucht den gesamten Palast in einen unwirklichen Schein. Da stehe ich also, weiter entfernt von meinem Zuhause als jemals zuvor. Vor mir das Capitolium, das Zentrum Devlons, der Sitz der Imperatorenfamilie. Ein Gebäude so schön, prächtig und grausam wie kein anderes im Land.
Doch die strahlenden Fenster, die geschliffenen Marmorfiguren und die kunstvoll arrangierten Gartenanlagen üben keinerlei Reiz auf mich aus. Vor mir sehe ich keinen Ort, an dem Milch und Honig fließen, sondern ein Gefängnis, in dem ich ab sofort ohne Garantie auf Wiederkehr festgehalten werde.
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