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Seit sie weg ist

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Dr. Martin Stein
30.07.2022
30.07.2022
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2.026
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30.07.2022 2.026
 
Ein lautes Klirren musste zu hören gewesen sein, aber er hatte es nicht wahrgenommen. Alles, was er sah, waren die weißen Scherben des Tellers, die sich auf dem Küchenboden zu seinen Füßen verteilten. Es dauerte einen Moment, bis er realisiert hatte, was da gerade passiert war. Er besah seine Hände und anschließend den Boden, wo die Überreste des Tellers lagen, den er vor nicht einmal einer halben Minute aus dem Geschirrspüler genommen hatte. So etwas war ihm in den letzten Tagen häufiger passiert, obwohl er normalerweise nicht tollpatschig war. Trotzdem jagte, durch seine Unachtsamkeit ein Missgeschick das nächste, seit…

„Was ist denn passiert?“, fragte Ina, als sie mit schnellen Schritten und besorgter Miene die Treppen hinuntergelaufen kam.

„Nichts, mir ist nur ein Teller…“, er unterbrach sich, als er sie sah. Ina sah so aus, wie er sich fühlte, aber er würde sich verkneifen ihr das zu sagen. Zwar trug sie den fliederfarbenen Pullover, den er so an ihr mochte und eine dazu passende cremefarbene Leinenhose, die sehr bequem aussah, aber für seinen Geschmack etwas zu wenig von ihrer großartigen Figur verriet und hatte ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, wie immer, wenn sie den ganzen Tag im OP stehen würde, aber ein Blick in ihr Gesicht reichte ihm, um zu wissen, dass sie schlecht, bis gar nicht geschlafen hatte.

Er selbst hatte mal wieder eine Nachtschicht in der Klinik übernommen, um sich von den Geschehnissen der letzten Tage abzulenken und war erst vor einer halben Stunde übermüdet heimgekommen, aber sie war die ganze Nacht hier gewesen und hatte die Zeit eigentlich nutzen wollen, um sich mal wieder so richtig auszuschlafen. Das zumindest hatte sie zu ihm gesagt. Schließlich hatten sie beide nun wieder ruhige Nächte, seit…

Ina betrat die Küche und er versuchte sich an einem fast schon gehauchtem „Guten Morgen“ und einem Lächeln, ehe er mit der Absicht auf sie zuging, sie in den Arm zu nehmen und ihr einen Kuss zu geben. Dazu kam es aber nicht, weil Ina wortlos an ihm vorbeiging und sich bückte, um die Scherben aufzuheben, die er verursacht hatte.

„Lass, ich räume das gleich weg“, sagte er leise, nahm ihr die Scherben aus der Hand und sah sie besorgt an.

„Wenn du so weitermachst, haben wir bald kein Geschirr mehr zum Essen“, sagte sie. Ihre Stimme war nicht vorwurfsvoll, aber das Lächeln, dass sie ihm zu geben versuchte, wirkte gequält und irgendwie so, als hätte sie vergessen, wie Lächeln ging, seit…

„Ich gelobe Besserung“, sagte er als er ihre Hand in seine nahm und ihr einen Kuss auf den Handrücken gab. Verliebt sah er sie an und schmunzelte aufmunternd, als er mal wieder nicht die Worte fand ihr Trost zu spenden und zu sagen, wie froh er war, dass sie da war.

„Ach ja, so wie mit dem Glas gestern Nachmittag?“, fragte sie und knuffte ihm leicht in die Seite, als sie versuchte an ihm vorbeizugehen, um weiter aufzuräumen. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn sie ihn geküsst hätte.

„Welches Glas?“, fragte er unschuldig, beugte sich zu ihr nach unten und küsste ihren Hals.

„Martin“, sagte sie und versuchte sich wieder dem Küchenboden zuzuwenden, „wir sollten die Scherben wegräumen, bevor…“ Sie brach ab und er wusste genau, was sie hatte sagen wollen. Ohne weiter darauf einzugehen, ließ er von ihr ab und bückte sich schnell, um die restlichen Scherben selbst aufzuheben. Dabei war das eigentlich, mit drei erwachsenen Menschen im Haushalt, die die Gefahr, die von einem zerbrochenen Teller ausging, ohne weiteres einschätzen konnten, gar nicht nötig. Das war wieder etwas, das sich von gestern auf heute geändert hatte, seit…

„Gibt es schon Kaffee?“, fragte Ina und inspizierte die Kaffeemaschine.

„Nein, ich habe ganz vergessen gleich welchen anzusetzen, als ich rein kam, tut mir leid“, sagte er entschuldigend „Ich wollte auch noch schnell den Geschirrspüler ausräumen, bevor ich den Frühstückstisch decke“, fügte er hinzu, als er Kehrschaufel und Handfeger aus dem Schrank unter der Spüle nahm, um auch die kleineren Scherben aufzukehren. In den letzten Monaten hatte er sich angewöhnt diese beiden Utensilien nicht allzu weit wegzuräumen, seit Reiswaffeln und Kekse Einzug im Hause Stein gehalten hatten. Nun konnte er beides getrost wieder in die Abstellkammer bringen, vorausgesetzt er schaffte es künftig das Geschirr heil zu lassen.

Ina ging zur Spüle, wobei sie umsichtig um die restlichen Scherben herumging, bevor sie die Kaffeekanne mit Wasser füllte, während er die letzten Reste seines Missgeschicks beseitigte.

„Ist Otto schon wach?“

„Ich habe ihn vorhin gehört, als ich im Bad war. Er kommt sicher gleich runter“, sagte sie und goss das Wasser in die Maschine. Er nickte, was sie nicht sehen konnte, richtete sich auf und schmiss die Scherben laut klirrend in den Müll. Das Geräusch war nichts verglichen mit dem Lärm, der hier die eine oder andere Nacht geherrscht hatte, wenn das Milchfläschchen nicht schnell genug warm wurde oder es im Bauch zwickte. Aber mit dieser Lautstärke war es vorbei, seit…

„Willst du auch einen Kaffee?“

Ihre Frage riss ihn aus seinen immer wieder abwandernden Gedanken und er wandte sich ihr mit leicht verwirrtem Blick zu.

„Hm?“

„Ich habe gefragt, ob du auch einen Kaffee willst“

„Nein“, meinte er kopfschüttelnd und ging hinüber zum Kühlschrank, „aber ich werde gemeinsam mit euch frühstücken.“ Seine letzte Mahlzeit hatte er den Abend zuvor gehabt und er hatte sich auf frische Brötchen gefreut. Entsprechend enthusiastisch fragte er: „Soll ich uns einen Obstsalat machen?“

„Für mich nicht“, sagte sie nur und stellte die Kaffeemaschine an, „ich fahre gleich los.“

Etwas enttäuscht, was sie aber mit dem Rücken zu ihm nicht sehen konnte, schloss er den Kühlschrank wieder, ohne etwas herauszunehmen. So viel zu einem gemeinsamen Frühstück.

„Was ist das denn?“, fragte Ina plötzlich, als ihr Blick auf ein amtlich wirkendes Schreiben auf der Küchentheke fiel, einem trotz seines Inhalts, nebst einem aufgerissenen Briefumschlag, so friedlich daliegendem, auseinander gefalteten Stück Öko-Papier, welches, wenn er ehrlich zu sich war, der eigentliche Grund dafür war, dass er heute früh so durcheinander den Teller hatte fallen lassen.

„Ach, das ist nichts weiter“, sagte er sofort und ging zu ihr hinüber, um ihr das Schreiben aus der Hand zu nehmen. Allerdings war er nicht schnell genug. Ina hielt den Brief außerhalb seiner Reichweite und begann zu lesen.

„Da drin steht nichts Neues. Ich hätte ihn gleich wegwerfen sollen…“, versuchte er die Situation zu entschärfen, die seiner Ansicht nach in dem Moment aus dem Ruder gelaufen war, als Ina das Siegel des Leipziger Jugendamtes gesehen hatte. Dieses gräuliche Stück Öko-Papier hatte ihm heute früh auf so eine grässlich sachliche und neutrale Art und Weise, noch bevor der das Haus betreten hatte, vor Augen geführt, was er die letzten Tage so verbittert versucht hatte auszublenden, auch wenn es unmöglich war.

Und auch jetzt wollte er nicht hören, wie Ina das Schreiben vorlas, welches die Mitteilung enthielt, dass Yaris von nun an das alleinige Sorgerecht für Klara haben würde und er als Erziehungsberechtigter, im Umkehrschluss, einfach mal so aus ihren Akten gestrichen werden würde. Er wollte es nicht wieder vor Augen geführt bekommen oder hören, schon gar nicht von Ina, deren Augen beim Lesen des amtlichen Briefes schon wieder glasig wurden und deren Lippen leicht zu zittern begannen, als sie damit endete. Genau das hatte er eigentlich verhindern wollen. Mitfühlend sah er sie an und wollte ihre Hand nehmen, aber dazu kam es nicht mehr.

„Schaut mal“, kam es plötzlich vom oberen Treppenabsatz und beide schauten nach oben, wo sein Vater Otto freudestrahlend mit dem Handy wedelte und schneller die Treppen hinunter gelaufen kam, als er ihm zugetraut hatte und als gut für ihn war. Überhaupt wirkte er längst nicht mehr so vital, seit…

„Mach langsam, Papa. Ich will nicht, dass du stürzt.“

In seiner, wie gewohnt, leicht energischen Art wischte sein Vater den Einwand mit einer Handbewegung beiseite und deutete auf das Display seines Smartphones, als er verkündete: „Yaris hat soeben ein Bild von Klara geschickt“ Selig lächelnd, schaute er auf das Bild, als Ina und er sich bemühten ebenfalls hinzusehen. In seinen Augenwinkeln konnte er erkennen, wie sie sich kurz die Augen rieb, bevor sie das Bild ansah und dann Otto anlächelte. Er selbst wandte sich, ohne eine Miene zu verziehen und ohne das Bild angesehen zu haben, ab. Er konnte das gerade nicht. Stattdessen nahm er den Brief, den Ina bei Ottos Ankunft wieder auf die Küchentheke hatte fallen lassen und den dazugehörigen Umschlag und zerriss beides in kleine Schnipsel. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Das Geräusch ließ Otto und Ina herumschnellen und ihn ansehen. Während sein Vater leicht verwundert drein blickte, verfinsterte sich Inas Miene zu einem Blick, den er so noch nie bei ihr gesehen hatte. Eine Mischung aus Verärgerung und Schmerz stand in ihrem Gesicht geschrieben und er hasste sich dafür der Verursacher und Adressat davon zu sein.

Er wandte den Blick von ihr und seinem Vater ab und ging voller Anspannung hinüber zum Küchenspülen-Unterschrank, wo sich der Mülleimer befand. Wuchtig und ohne ein Wort zu sagen, warf er die Schnipsel hinein. Anschließend schloss er den Schrank viel lauter, als nötig gewesen wäre und seufzte.

„Kannst du das bitte mal lassen?“, sagte Ina unwirsch.

„Was denn?“

„Na das“, sagte sie und ahmte etwas nach, was er nicht so recht einzuordnen wusste. Otto schaute schweigend, noch immer das Handy in der Hand haltend, mit geweiteten Augen von Ina zu ihm.

„Ich weiß nicht, was du meinst“

„Dieses immer so tun, als ob sich die Welt einfach weiterdrehen würde und die vergangenen Tage nicht geschehen wären“

„Aber…“

„Nein, Martin. Es macht mich wahnsinnig! Du machst es nicht besser, wenn du so tust als sei es nicht passiert oder Klara nie hier gewesen!“ Wieder standen ihr Tränen in den Augen und auch ihre Stimme hatte ihre Festigkeit verloren und zitterte, als sie ihn vorwurfsvoll ansah.

„Ich will es doch nur einfacher für uns machen, damit wir schneller damit abschließen können“, versuchte er sich zu verteidigen und bereits während er das sagte, wusste er, dass es ein kläglicher und gescheiterter Versuch war.

„Du magst das Geschehene einfach abhaken und zur Tagesordnung übergehen können, aber ich kann das nicht“, entgegnete sie und strich sich mit einer Hand über die Augen, „genauso wenig, wie ich sie einfach so hätte weggeben können“

Das hatte gesessen. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, er wusste aber nicht was er hätte sagen können, um ihr zu erklären, warum er so gehandelt hatte, und so schloss er ihn wieder, als er in ihre vorwurfsvoll dreinblickenden Augen sah, in denen so viel Schmerz und so viel Unverständnis zu lesen war. Für einen Moment sahen sie einander nur an, dann wandte sie sich ab und war schon an der Tür, ehe er begriff, dass sie gerade dabei war zu gehen.

„Ina warte, bitte. Lass mich erklären…“, versuchte er sie aufzuhalten.

„Ich bin in der Klinik“, sagte sie und wischte sich noch einmal Tränen aus den Augen, bevor sie die Haustür hinter sich schloss.

Wie gebannt sah er zur Tür, darauf hoffend, dass sie wieder zurückkommen würde, aber mit jeder Sekunde, die verging, wandelte sich seine Hoffnung in Niedergeschlagenheit um. Das hatte er so doch nicht gewollt.

Das nächste, was er spürte, war Ottos Hand auf seiner Schulter.

„Sie meinte es nicht so“, versuchte sein Vater ihn zu beruhigen, „Gib ihr ein bisschen Zeit. Immerhin ist es für uns alle nicht leicht, seit…“.

Er wandte sich dann mit gesenktem Blick von der Tür und auch von Otto ab „Papa, wäre es okay, wenn ich gleich schlafen gehe? Die Schicht war sehr anstrengend und…“

„Klar, geh schon“, sagte Otto verständnisvoll und klopfte seinem Sohn leicht auf die Schulter „Du wirst sehen, mein Junge, nach einer Mütze voll Schlaf sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“

Er konnte ihm schlecht sagen, dass er das stark bezweifelte, ließ sich aber zu einem kurzen Nicken herab. Zu einem Lächeln reichte es nicht mehr. Mit schweren Schritten ging er zur Treppe.

„Schlaf gut, mein Junge“

„Danke, Papa“

Sich über die müden und mittlerweile feuchten Augen wischend, stieg er die Treppen zum Schlafzimmer hinauf, wohlwissend, dass er wieder kaum Schlaf würde finden können. Dafür war es, seit Klara nicht mehr bei ihnen war, einfach nicht mehr dasselbe im Hause Stein.
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