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Heiligabend im Ärztezimmer

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Dr. Martin Stein
26.07.2022
26.07.2022
4
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Dr. Martin Stein war im Stress. Während seine Kolleginnen und Kollegen sich Gedanken darüber machten, ob sie auch alles für das Weihnachtsfest eingekauft hatten, ob der Weihnachtsbaum gerade stand und ob den Lieben die Geschenke gefallen würden, hatte er Dienst und versuchte seine Gedanken nicht zu seiner Familie abschweifen zu lassen, die den Heiligen Abend Daheim ohne ihn verbringen würde.

Leicht hektisch griff er sich die nächste Akte, die ihm eine Schwester bereits auf dem Empfangstisch bereit gelegt hatte und war schon dabei sich wieder abzuwenden, als eben jene Schwester ihm, mit einem entschuldigenden Lächeln, ein Formular vor die Nase hielt. Wie er diesen Papierkram hasste. Rasch zog er mit seiner rechten Hand einen Kugelschreiber aus der Brusttasche seines Kittels, klickte ihn kurz und ließ ihn förmlich über das Blatt Papier fliegen, welches er zu unterschreiben hatte, ehe er den Stift wieder verschwinden ließ, der Schwester mit einem kurzen Lächeln zunickte und sich wieder auf den Weg in die Notaufnahme machte. Doch weit kam er nicht.

„Martin, warte!“

Im ersten Moment rollte er innerlich mit den Augen, schließlich hatte er es eilig, dann aber erkannte er die vertraute Stimme, blieb stehen und wandte sich um.  

„Maria“, erwiderte er verwundert. Er hatte gedacht, dass sie schon längst im Feierabend ist. Die spürbare Ungeduld in seinem ganzen Auftreten überspielte das jedoch nahezu perfekt. „Was gibt es denn? Ich habe eigentlich keine Zeit. Die Notaufnahme ist voll und ich…“

„Ich wollte dir noch etwas geben, bevor ich gehe“, unterbrach sie ihn, mit ihrem strahlenden Lächeln. Meistens gelang es ihr auf diese Weise auch ihm eines auf die Lippen zu zaubern, aber in diesem Moment stand ihm überhaupt nicht der Sinn danach. Ihre Aussage überraschte ihn und erwischte ihn voll auf dem falschen Fuß, schließlich war er in seinen Gedanken bis gerade eben noch in der Notaufnahme, die wie immer an Heiligabend extra voll zu sein schien. Doch das erledigte sich, sobald er sie ansah.

Maria war bereits in ihren Mantel gehüllt und trug einen roten Schal und eine dazu passende Handtasche. Sie schien tatsächlich auf dem Weg in den Feierabend zu sein. Trotz allem Stress fiel Martin auf, wie hübsch sie war und wie glücklich sie zu sein schien. Sie mochte Weihnachten, wie er sehr wohl wusste und er konnte sich vorstellen, dass sie sich nach den Erlebnissen letztes Jahr gerade heute auf einen gemütlichen Abend freute. Sie war eine von vielen Kolleginnen und Kollegen, die heute Abend frei hatten und er gönnte es ihr. Dennoch und das würde er wohl niemals offen zugeben, regte sich in ihm etwas, dass sich wünschte, sie würde heute Abend gemeinsam mit ihm Dienst haben, anstatt mit Hoffmann Weihnachten zu feiern.

In diesem Moment vernahm er ihre Stimme, was ihn von diesen Gedanken ablenkte und wieder dazu brachte ihr seine volle Aufmerksamkeit zu schenken.
„Da du heute Abend leider arbeiten musst und somit auch für meinen freien Abend sorgst…“, sie öffnete einen Beutel, den sie in der einen Hand hielt und der ihm auf dem ersten Blick gar nicht aufgefallen war. Geschickt holte sie ein in Klarsichtfolie verpacktes kleines Weihnachtsgesteck hervor, „… dachte ich mir, ich versetze dich auf diese Weise trotzdem etwas in Weihnachtsstimmung.“

Stolz hielt sie ihm das Gesteck hin. Martin war im ersten Moment so perplex, dass er sie nur verdutzt ansah. Er wäre gar nicht in der Lage gewesen es von ihr entgegen zu nehmen, selbst wenn er seine Hände nicht, wie es für ihn typisch war, in den Taschen seines Kittels vergraben gehabt hätte.

Maria lachte als sie sein Gesicht sah: „Na, jetzt schau nicht so. Der passt sicher schön auf euren Couchtisch. Ich habe dir schon letztes Jahr gesagt, dass da ein Gesteck hingehört.“ Erwartungsvoll strahlte sie ihn an, während er es endlich schaffte, dass seine Hände ihm wieder gehorchten und ihren Weg aus seinen Kitteltaschen fanden, um es von ihr entgegen zu nehmen. Die Klarsichtfolie knisterte in seinen Ohren unnatürlich laut als er es in den Händen hielt. Für einen Moment hatte er sein gesamtes Umfeld ausgeblendet und sah sie an, als er versuchte mit dem klarzukommen, was hier gerade passierte. Dass sie ihn mit ihrem Geschenk überrascht hatte, war eine glatte Untertreibung.

„Danke“, sagte er verhalten und mühte sich zu einem Lächeln, dass ihm aber nicht so schnell über die Lippen huschen wollte wie üblich. Es war nicht, dass er ihr nicht dankbar war oder sich nicht über die zweifellos nette Geste freute. Es war viel mehr, dass es so absurd wirkte von ihr beschenkt zu werden und dann auch noch mit etwas, dass sie sich letztes Jahr gewünscht hatte, als sie noch bei ihm im Haus gewohnt hatte, etwas auf das er selbst gar keinen Wert legte, aber ihr zuliebe wohl für dieses Jahr angeschafft hätte, wenn sie noch bei ihm wohnen würde.

Und nun hatte sie ihm freudestrahlend eines geschenkt und er kam sich unendlich dumm vor, wie er hier vor ihr stand und nicht mehr als ein bloßes Danke über die Lippen brachte, obwohl es ihm sonst nie schwer fiel mit ihr zu reden. Er wusste nicht, was er sonst sagen sollte, begann aber dennoch erneut zu sprechen: „Das ist wirklich…“

„Gern geschehen“, unterbrach Maria ihn erneut und ersparte ihm damit weitere Worte, „Grüß mir bitte Otto und Marie ganz lieb und wünsche ihnen ein schönes Weihnachtsfest von mir, ja?“

Nun war sie es, die ungeduldig und in Eile wirkte. Martins Eile war wie weggeblasen, seit sie ihm das Gesteck in die Hände gedrückt hatte.

„Kann ich machen“, erwiderte er und sah sie noch immer an, als ihm das Geknister der Klarsichtfolie in seinen Händen einmal mehr unangenehm bewusst wurde, „aber Otto würde sich sicher mehr darüber freuen, wenn du ihm das selbst sagen würdest. Du könntest ihn kurz anrufen, um…“, sagte er und spürte wie seine Hände das Gesteck fester packten, was die Folie einmal mehr laut knistern ließ.

„Das werde ich leider nicht schaffen…“, unterbrach sie ihn nun schon zum dritten Mal, „ich warte noch kurz auf Kai und dann geht es nach Hause.“

Nach Hause… bei diesen Worten schien sie noch mehr zu strahlen als ohnehin schon. Irgendwie stieß es Martin sauer auf, sie das sagen zu hören… vor noch nicht allzu langer Zeit war sein Haus ihr Zuhause gewesen und nun war es ausgerechnet die Wohnung des Chefarztes, die sie so strahlen ließ.

„Oh, na dann“, sagte er dazu nur, und mühte sich darum nicht enttäuscht auszusehen. Am liebsten hätte er an dieser Stelle das Weite gesucht.

„Ja, ich freue mich schon so sehr. Er macht sogar extra Kartoffelsalat für mich.“ Es war offensichtlich, dass Maria nicht bemerkte, dass er Mühe hatte seine Gesichtszüge im Zaum zu halten.

„Ach, hat er das? Ich wusste gar nicht, dass der sowas kann.“ Martin bemerkte zu spät, dass er diese Worte tatsächlich laut ausgesprochen hatte und hätte sie im nächsten Moment am liebsten wieder zurückgenommen, auch wenn er sie genau so meinte.

Maria aber schien ihm diesen Kommentar nicht übel zu nehmen. Sie war zu glücklich, um den Hauch von Bitterkeit und Eifersucht in seiner Stimme zu erkennen, wofür er in diesem Augenblick sehr dankbar war.

„Ja, er gibt sich wirklich Mühe“, sagte sie und lächelte noch ein wenig breiter, „Ich bin sehr glücklich mit ihm.“

Martin zwang sich zu einem weiteren Lächeln, als er fast schon mechanisch sagte: „Das freut mich. Du hör mal, ich…“

„So, da bin ich. Wir können los!“

Wieder wurde er unterbrochen. Dieses Mal jedoch nicht von Maria, sondern von dem Mann, den er in dieser Situation am wenigsten sehen wollte: Chefarzt Dr. Kai Hoffmann blieb direkt neben ihnen stehen und sah Maria erwartungsvoll an, die gleich noch mehr strahlte.

„Ja, ich bin gleich soweit“, sagte sie lächelte ihn entschuldigend an und wandte sich dann noch ein letztes Mal Martin zu, der stocksteif vor ihr stand und sich mit jeder Sekunde dümmer vorkam. Seine Augen wanderten zwischen dem Chefarzt und ihr hin und her und er bemerkte nicht wie fest seine Hände das Gesteck packten und die Folie beinahe bedrohlich knistern ließen.

„Ich wünsche dir trotz des Dienstes ein schönes Weihnachtsfest“, sagte sie und eh er sich versah, hatte sie die Arme um seinen Hals gelegt und küsste ihn auf die Wange. So sehr er es unter anderen Umständen gewollt hätte, es war Martin in diesem Moment einfach unmöglich diese Umarmung zu erwidern, selbst wenn das Gesteck nicht im Weg gewesen wäre. Etwas in ihm rebellierte dagegen. Was war das hier? Was sollte das? Aus einer einfachen Geste zwischen Freunden wurde für ihn etwas unerträgliches… etwas das er kaum aushalten konnte und er war froh als sie die Umarmung löste, ihn ein letztes Mal anlächelte und sich dann bei Kai einharkte.

„Angenehmen Dienst noch, Herr Kollege“, sagte der Chefarzt und ohne ein weiteres Wort von ihm abzuwarten, wandten sich beide ab und gingen strahlend Arm in Arm Richtung Klinikausgang. Martin stand da, wie bestellt und nicht abgeholt als er ihnen nachsah. Um ihn herum das typische Klinik-Gewusel, dass er in diesem Augenblick gar nicht wahrnahm.

Ebenso wenig nahm er wahr, dass er beobachtet wurde. Ein paar Augen sahen genau, wie er von einer Sekunde auf die andere das Gesteck aus den Händen haben wollte und es lauter als nötig mit den Worten „Machen Sie damit, was Sie wollen“ auf den Empfangstisch abstellte. Die verwunderte Schwester, die gar nicht mitbekommen hatte was los war, sah ihm, ebenso wie das paar Augen nach, als er sich, die noch immer bereit liegende Patientenakte schnappte und schnellen Schrittes, aber mit leicht hängenden Schultern in Richtung Notaufnahme verschwand.
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