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Auf der Suche nach dem Glück

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft / P12 / Gen
Dr. Kathrin Globisch Dr. Martin Stein
25.07.2022
25.07.2022
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Die letzten Tage Revue passieren lassend, saß ich müde auf einer Bank im Innenhof meines zweiten Wohnzimmers, der Sachsenklinik. Ich hatte den Transport von Zahit Durand vom Johannes Thal Klinikum in Erfurt bis nach Leipzig noch mit abgewickelt und hätte schon längst Zuhause in meinem Bett sein können. Meine müden Beine hatten mich aber statt zum Empfang, um mir ein Taxi zu bestellen, nur bis in den Klinikinnenhof geführt, wo ich nun saß und vor mich hin grübelte.

Eigentlich war es zu frisch um hier draußen zu sitzen und wie zur Bestätigung kroch mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter und ich stellte den Kragen meines schwarzen Mantels auf, ehe ich meine beiden Hände zusammen rieb, in der Hoffnung etwas Wärme zu erzeugen. Durch den aufgestellten Kragen berührten meine Ohren den grauen, überlangen Schal, den ich lässig um meinen Hals gewickelt hatte. Ich hätte mir aus der Cafeteria wenigstens einen heißen Kaffee mit hier raus nehmen sollen, dachte ich mir, gab es auf meine Hände durch aneinanderreiben zu erwärmen und ließ sie stattdessen in den Taschen meines schwarzen Mantels verschwinden.

Wenn die Sonne zwischendurch einmal den Kampf gegen die dichten grauen Wolken gewinnen würde, wäre das hier der ideale Platz, um nachzudenken. Der Innenhof war, aufgrund der kühlen Temperaturen, menschenleer und ruhig. Nur ein paar Vögel zwitscherten unermüdlich in den mich umgebenden Bäumen und Sträuchern.

Die vergangenen Tage kamen mir so vor als wären sie gar nicht Teil meines, eigentlich ziemlich geordneten, Lebens. Seit Monaten hatte ich Leyla beim Aufbau eines funktionierenden Traumazentrum-Netzwerkes für das Johannes Thal Klinikum in Erfurt unterstützt und auch wenn das ständige Pendeln zwischen Leipzig und Erfurt, zusätzlich zu meinem Dienst in der Sachsenklinik, nicht gerade stressfrei gewesen war, hatte ich es nicht ein einziges Mal bereut Teil dieses Projektes gewesen zu sein. Schließlich hatte ich hier an der Klinik nichts Vergleichbares, dass mich auf diese Weise forderte. Ich hatte es mittlerweile aufgegeben darauf zu hoffen mich hier beruflich noch besonders viel weiterentwickeln zu können.

Das Projekt in Erfurt war mir gerade recht gekommen und ich war froh, dass Leyla ausgerechnet mich ausgewählt hatte, um sie dabei zu unterstützen. Ich hatte mich lange nicht mehr so gefordert und inspiriert gefühlt wie durch die angenehme Arbeit mit ihr. Der Aufbau von etwas, dass größer als wir beide zu sein schien, hatte uns beide gereizt und ich hatte überrascht festgestellt, dass wir beide in dieser Hinsicht ganz ähnlich tickten. Für uns beide war nichts zu groß und mit vereinten Kräften und zahlreichen schlaflosen Nächten hatten wir es schließlich geschafft.

Sie war eine starke Frau, die genau wusste, was sie wollte und der es schwer fiel der Arbeit, ihrem Partner und ihrer Tochter gleichermaßen gerecht zu werden. Wer, der in unserer Branche etwas erreichen wollte, kannte dieses Problem nicht?

Ich hatte damals meine eigene Karriere zum Wohle meiner Tochter hinten an gestellt und jetzt wo sie außer Haus und vollkommen selbstständig war, fragte ich mich öfter mal, ob es wirklich nötig gewesen wäre sich nur auf das eine von beiden zu fokussieren. Schließlich war es für mich über die Jahre immer schwieriger geworden beruflich weiterzukommen.

Mittlerweile war ich nicht mal mehr in der Position mich noch groß zu verändern und an eine andere Klinik zu wechseln, die meinen Fähigkeiten vielleicht eher entgegen kam und mir mehr Spielraum und Verantwortung beschert hätte. Mittlerweile lebte mein Vater wieder bei mir und allein seinetwegen würde ich Leipzig nicht mehr verlassen, um an einer anderen Klinik neu anzufangen.

Ich hatte kein Interesse an übermäßiger Bürokratie und Hierarchie, aber etwas mehr Mitspracherecht bei wichtigen Entscheidungen und etwas mehr Respekt für meine Arbeit hatte ich mir über die Jahre immer wieder gewünscht. Das zu bekommen, war bis heute ein ständiger Kampf. Mit Hoffmann als neuem Chefarzt und Brentano als seinem Handlanger schien es sogar noch schwieriger geworden zu sein als damals mit Kathrin auf dieser Position.

Gedankenverloren scharrte ich mit meinen Chelsea Boots in dem trockenen unbefestigten Boden herum, der sich unter ihnen befand. Das glatte schwarze Leder meiner Schuhe bekam einen grauen Schimmer und das scharrende Geräusch ließ mich stoppen, als ich realisierte, dass es die angenehme Stille unterbrochen hatte, wegen der ich überhaupt erst auf dieser Bank, im menschenleeren Innenhof der Sachsenklinik Platz genommen hatte.

Was brachte es sich über die aktuelle Situation an der Klinik zu ärgern? Mein schwieriger Stand bei Hoffmann würde mir beruflich auch in Zukunft nichts einbringen und ich war es mittlerweile leid mir Dinge einzufordern, die ich bei ihm niemals bekommen würde. Meine Motivation zog ich mittlerweile aus der Anerkennung und dem Lob, das ich außerhalb dieser Klinik bekam, wie eben dem Zuspruch aus der gemeinsamen Arbeit mit Leyla.

Ein Schmunzeln huschte über mein müdes Gesicht, als sich in den dichten Wolken über mir eine Lücke auftat und die Sonne zum Vorschein kam, die sofort für eine angenehme Wärme sorgte. Sie blendete mich und meine, vom Schlafmangel der letzten Tage ermüdeten Augen, schlossen sich als ich ihre Strahlen mein Gesicht kitzeln ließ. Ihre Wärme tat mir gut, fast genauso gut wie die gemeinsame Arbeit mit Leyla.

Vor ein paar Tagen war ich noch ein letztes Mal nach Erfurt gefahren, um mit ihr ein paar letzte Abstimmungen bezüglich des Trauma-Zentrums zu treffen, unser gemeinsames Projekt vorzustellen und schlussendlich die Zertifizierung mit Leyla zu feiern. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es letzten Endes nur eine Nebenrolle bei meinem Aufenthalt in Erfurt spielen würde. Zunächst war da Zahits Unfall gewesen, der mir sehr zugesetzt hatte, mehr als ich mir eingestehen wollte. Man hätte mir tausend Mal sagen können, dass ich für seinen Unfall nichts konnte, Schuldgefühle ließen sich nicht so einfach abstellen. Dieses Gefühl eine Möglichkeit gehabt zu haben dieses Unglück abwenden zu können, war einfach in mir und es war völlig egal, dass ich für die Ereignisse nicht primär verantwortlich war.

Der Umstand allein, dass ein so junger Mensch, dem im Bereich der Medizin noch alle Türen offen standen, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, womöglich niemals eine davon würde durchqueren können, hatte sehr an mir genagt. Dabei war er nur einer Einladung gefolgt… meiner Einladung. Der gesunde Menschenverstand hatte mir gleich gesagt, dass es nicht meine Schuld war, dass Zahit vor ein Auto gelaufen war, aber was half das, wenn ich mich tief in meinem Inneren doch verantwortlich dafür fühlte?

Ich war einfach nur froh, dass sich Zahit Durand, so wie es im Moment aussah wieder vollständig erholen würde, was meine Schuldgefühle wenigstens ein wenig linderte. Leylas Verständnis für meine Situation und ihr offenes Ohr nach dem Unfall, in mitten all der Ungewissheit, ob der junge Mann es schaffen würde oder nicht, hatten mir sehr geholfen. Es war schon lange her, dass ich das letzte Mal das Gefühl hatte, dass es in Ordnung war offen über all die Dinge sprechen zu können, die mich beschäftigten.

Irgendwie hatte ich mir angewöhnt meine Probleme mit mir selbst auszumachen, um andere nicht damit zu belasten. Sie alle, ob es nun mein Vater oder Roland und Kathrin waren, hatten ihre eigenen, nicht gerade kleinen, Probleme. Was also sollte es bringen sie auch noch mit meinen zu behelligen? Und selbst wenn ich mit ihnen sprechen wollte, schien ich es nicht mehr zu können. Sie alle schienen sich in letzter Zeit von mir zu entfernen, mir nicht mehr so nah zu sein wie früher. Gerade bei meinen besten Freunden Roland und Kathrin wirkte es mittlerweile so, als wäre ich auf einer einsamen Insel gestrandet und sie würden in Ruderbooten auf dem Meer, das sie umgab immer weiter von ihr wegpaddeln, anstatt mich von ihr wegzuholen.

Aber egal wie traurig es war, ich konnte es ihnen nicht verübeln. Mein Vater hatte es nach Charlottes Tod so schwer gehabt wieder auf die Beine zu kommen und auch wenn es ihm mittlerweile wieder besser ging, wollte ich ihn nicht unnötig belasten, auch wenn ich wusste, dass er immer an meiner Seite stehen würde. Kathrin, die es für gewöhnlich verstand mich so in die Enge zu treiben, dass ich nicht anders konnte als mit ihr zu reden, hat dieser Tage mehr und mehr mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen, was aus meiner Sicht weit schlimmer war als meine eigenen Befindlichkeiten. Und Roland hatte seine Katja und mit ihr und ihren Kindern derzeit mehr als genug Probleme.

Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, wann wir das letzte Mal etwas zusammen unternommen hatten, nur wir drei, Kathrin, Roland und ich, wie früher. Jetzt wo ich genauer über meine beiden besten Freunde nachdachte, wurde mir einmal mehr klar, dass ich in Kathrins und Rolands Probleme genauso wenig involviert war, wie sie in meinen. Wahrscheinlich war das normal.

Irgendwann entwickelt man sich halt auseinander, geht seiner Wege und verliert einander aus den Augen. Und auch wenn mir diese Vorstellung nicht behagte, wusste ich nicht was ich dagegen tun sollte. Ich war niemand, der jemandem seine Gesellschaft aufdrängte und im Moment hatte ich auch nicht das Gefühl, dass meine beiden Freunde sie brauchten oder wollten. Oder? Eine leise Stimme in meinem Kopf widersprach diesem Gedanken, aber es klang kläglich und ich versuchte sofort den, in meinem Innern aufkommenden, Konflikt zu unterdrücken. Ich hatte in meinem Leben zu viele Situationen erlebt, in denen ich enttäuscht wurde, um mein Innerstes noch einmal komplett jemandem zu offenbaren. Selbst Leyla hatte ich mich bisher noch nicht in diesem Umfang geöffnet.

Und dennoch war dieser Austausch mit ihr, egal ob es nun um meine Probleme ging oder um ihre Beziehungsprobleme mit Ben so erfrischend anders gewesen. Ich hatte nicht das Gefühl mich verstellen zu müssen. Unser offener und ehrlicher Umgang miteinander hatte ihr hoffentlich genauso gut getan wie mir.

Das Schmunzeln auf meinem Gesicht erstarb als ich spürte, wie es dunkler wurde und die Sonne plötzlich durch einen Schatten verdeckt wurde, sodass ihre warmen Strahlen mich nicht mehr wärmten. Ich öffnete die Augen, um dem Ganzen auf den Grund zu gehen und entdeckte Kathrin, die die Hände in ihrem weißen Kittel vergraben und verständnisvoll lächelnd auf mich hinunter sah.

„Kathrin…“

„Warum fährst du nicht nach Hause und ruhst dich etwas aus? Herr Durant ist stabil und es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Du musst dir keine Sorgen um ihn machen.“

Es überraschte mich, dass sie das sagte. Sie konnte unmöglich wissen, warum es so wichtig für mich war, dass Zahit sich wieder vollständig erholte.

„Mache ich mir nicht. Warum sollte ich?“, fragte ich sie sofort defensiv. Wie so oft in letzter Zeit verspürte ich nicht die geringste Lust mit ihr über meinen Gemütszustand zu sprechen.

„Er meinte vorhin, dass ihr beide euch gut kennen würdet“, erwiderte sie, setzte sich neben mich und legte ihre Hand auf meinen Arm. Meine Hände hatte ich noch immer in den Taschen meines schwarzen Mantels vergraben, worüber ich in diesem Moment mehr als dankbar war, denn so konnte sie nicht sehen wie ich, wie immer in unangenehmen Situationen, mit den Fingern zu spielen begann. „Er sagte auch, dass du ihn extra nach Erfurt eingeladen hättest…“

„Ja, das hatte ich“, sagte ich sofort, da ich genau wusste, worauf sie abzielte. Sie meinte es nur gut, das war mir bewusst, dennoch hatte ich keine Lust mit ihr über das Thema Schuldgefühle zu sprechen. Ich wäre lieber weiter allein geblieben. „Ich weiß aber auch, dass ich nichts dafür kann, dass er einen Unfall hatte.“ Ich beugte mich etwas nach vorn und stützte meine Arme auf meinen Oberschenkeln ab, als ich meine Hände schlussendlich doch aus meinen Manteltaschen zog und sie aneinander zu reiben begann.

„Ach und das weißt du auch wirklich?“, fragte sie und hob eine Augenbraue als sie mich musterte.

Ich wandte meinen Blick von ihr ab und starrte stattdessen auf meine schwarzen Boots, die noch immer von einer grauen Staubschicht bedeckt waren. Ich würde sie später putzen müssen.

„Ja, das weiß ich. Ich habe schon mit Leyla darüber gesprochen“ Ich hoffte, dass diese Aussage sie davon abbringen würde mich weiter zu löchern, aber ich hätte es besser wissen müssen. Ich spürte, wie sie stockte als sie bemerkte, dass ich die Erfurter Kollegin beim Vornamen genannt hatte.

„Du und Dr. Sherbaz… ihr versteht euch sehr gut, oder?“

Ich überlegte kurz was ich ihr daraufhin sagen sollte, sah sie kurz an und wandte den Blick dann wieder ab, um auf meinen Schoß zu schauen.

„Ja, wir haben die letzten Monate auch sehr eng zusammen gearbeitet. Da lernt man sich kennen.“

Ich konnte ihren Blick auf mir spüren und ich hob den Blick, um sie wieder anzusehen. Sie lächelte wieder. Es war ein Lächeln der Ich-weiß-genau-was-los-ist-Sorte und ich rollte tatsächlich mit den Augen, ehe ich sagte: „Wir sind gut befreundet“

„Nur befreundet?“, hakte sie in ihrer typischen Manier nach.

„Ja“, sagte ich und überlegte, wie ich dieser Fragerunde entkommen konnte, für die ich gegenwärtig nicht in der Stimmung war.

„Und du hast auch nichts damit zu tun, dass es zwischen ihr und Herrn Ahlbeck im Moment nicht so gut läuft?“

Ich sah sie entgeistert an. Sie hatte mich tatsächlich auf dem falschen Fuß erwischt. Wie konnte sie davon wissen? Und wie kam sie darauf, dass ich dabei das Zünglein an der Waage sein könnte?

„Nein, natürlich nicht“, sagte ich abweisend und fast schon ein bisschen schroff, als ich defensiv die Arme vor meiner Brust verschränkte, „wie kommst du denn darauf?“

„Naja, ich dachte nur, du bist schon eine ganze Weile allein und sie ist attraktiv und intelligent und du bist nur ein Mann…“

„Und deshalb will ich mit jeder Frau, mit der ich gut zusammen arbeite und befreundet bin etwas anfangen?“ Ich mochte nicht in was für eine Richtung diese Konversation ging. Kathrin war mal so gut darin gewesen mich zu lesen, aber wie so oft in letzter Zeit befand sie sich auch hier auf dem Holzweg.

„Nein, das wollte ich damit nicht sagen. Ich meine nur, es wäre ganz natürlich, wenn du dich zu ihr hingezogen fühlen würdest, nachdem das mit Maria…“

Maria? War das jetzt ihr Ernst? Ihr Versuch die Wogen zu glätten, hatte es nicht wirklich besser gemacht und ich stand auf.

„Du, nimm es mir nicht übel, Kathrin, aber ich fahre nach Hause. Ich bin müde und…“ Ich wandte mich zum Gehen. Ich konnte nicht glauben, dass sie wirklich so von mir dachte. Vielleicht war ich aber auch einfach nur zu müde, um es amüsant zu finden, wie sehr sie sich gerade verrannte.

„Martin, entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Ich dachte nur…“

„Ist schon gut. Ich bin einfach nur durch und will nur noch in mein Bett. Wir sehen uns“ Und ohne eine weitere Äußerung von ihr abzuwarten, vergrub ich die Hände wieder in den Taschen meines schwarzen Mantels und verließ den Innenhof in Richtung Klinikausgang.

Kathrin hielt mich nicht auf, wofür ich sehr dankbar war. Mit zügigen Schritten lief ich den Klinikgang entlang, der mir im Vergleich zu dem schönen menschleeren Innenhof total überfüllt vorkam. Ich senkte den Blick und versuchte das Treiben um mich herum nicht weiter zu beachten.

Leyla und ich… Kathrin hatte echt Nerven. Wie kam sie nur auf diese Idee? Dass Leyla und Ben Probleme miteinander hatten, war mir schon vor einer Weile aufgefallen und sie hatte auch mehrfach mit mir darüber gesprochen, aber ich hatte ihr gegenüber niemals auch nur eine Andeutung gemacht, dass ich mehr für sie empfand als Freundschaft. Ich hätte mich niemals zwischen sie gedrängt.

Ich atmete tief durch und schüttelte den Kopf angesichts dieser Absurdität. Leyla und ich hatten die vergangenen Monate sehr eng miteinander gearbeitet und einander sehr gut kennengelernt. Sie war nicht so gut darin ihre Gefühle und Emotionen unter Verschluss zu halten, wie sie dachte. Ihr zuzuhören und für sie da zu sein, hatte mich vor allem nach Zahits Unfall von meinen eigenen Gedanken abgelenkt.

Dass sich nebenbei zwischen ihr und mir auch noch eine Freundschaft entwickelte, machte die Zeit im Johannes Thal Klinikum umso besser für mich. Wir hatten uns einfach im richtigen Moment abgeholt.

Dass wir uns, was für eine bloße Freundschaft wiederum sehr untypisch war, geküsst hatten, blendete ich bewusst aus. Dieser Kuss hätte alles ruinieren können, was wir uns in den letzten Monaten aufgebaut hatten, wenn er uns beiden wirklich etwas bedeutet hätte. Ich konnte mich wahrscheinlich glücklich schätzen, dass Kathrin davon nichts wusste und wohl auch niemals etwas davon erfahren würde.

Vor allem für Leyla hatte dieser kleine intime Moment, in dem aller Druck von uns abfiel, weil Zahits OP erfolgreich war und wir das mit der Zertifizierung nach monatelanger kräftezehrender Arbeit geschafft hatten, förmlich eine Lawine ausgelöst und ihre Beziehung zu Ben endgültig auf eine Probe gestellt. Ich selbst war bereits im Moment unserer Umarmung auf so einer großen Euphorie-Welle gesurft, dass ich gar nicht richtig realisiert hatte, wie ihre Lippen, die meinen berührt hatten. Erst als sie den Kuss unterbrochen und wie erstarrt zu Ben geschaut hatte, war mir klar geworden was passiert war. Ein einziger Blick auf die beiden hatte mir gesagt, dass das was wir getan hatten ein großer Fehler war. Ich hatte ihren Kuss instinktiv erwidert… einfach so, ohne groß darüber nachzudenken.

Und wer konnte es mir verübeln? Es war eine ganze Weile her, dass ich zuletzt die Lippen einer Frau auf meinen gespürt hatte und damals war es für mich weit mehr gewesen als nur die Euphorie… das mit Maria damals hatte mir etwas bedeutet, auch wenn ich es nie offen zugeben würde. Und dennoch hatte sich nichts daraus ergeben, genauso wie sich aus dem Kuss mit Leyla nichts ergeben würde. Ich war noch immer verärgert über Kathrins Worte als ich den Klinikausgang erreichte, dabei hatte sie nicht mit allem unrecht gehabt, was sie gesagt hatte. Mich störte eigentlich nur, dass sie mir wieder einmal eine Beziehung ans Bein reden wollte. Sah ich tatsächlich so verzweifelt aus?

Wenn mich jemand danach gefragt hätte, ob ich nicht gern wieder in einer Beziehung wäre, hätte ich wahrscheinlich schulterzuckend und mit einem leichten Lächeln gesagt, dass sich halt bisher nichts ergeben hatte und so getan, als ob mich dieser Umstand nicht weiter kümmerte, aber eine ehrliche Antwort wäre es nicht gewesen. Sehnte sich nicht jeder nach einem Menschen an seiner Seite, der einen blind verstand, vor dem man sich nicht verstellen musste und dem man sich komplett hingeben konnte, ohne befürchten zu müssen verletzt und enttäuscht zu werden?

Ich war mein Leben lang auf der Suche danach gewesen, meinte sogar zwischenzeitlich genau das gefunden zu haben, bevor sich alles als ein großer Irrtum herausstellte. Ich war es einfach leid weiter nach etwas zu suchen, dass es für mich einfach nicht zu geben schien. Und warum sollte ich auch? Irgendwann würde dieses Glück von ganz allein meines Weges kommen, so ganz hatte ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Ich trat durch den Haupteingang der Klinik nach draußen, wo die Sonne wieder eine Lücke im dichten Wolkenteppich gefunden hatte und mich blendete. Ich blieb kurz stehen, schloss die Augen und ließ ihre Strahlen mein Gesicht erwärmen, bis mich plötzlich jemand von hinten anrempelte.

„Oh, Entschuldigung, ich habe Sie nicht gesehen. Ich war so in Gedanken“, sagte eine helle Stimme voller Aufregung und ich wandte mich um. Vor mir stand eine attraktive Frau mit dunklem, gewelltem Haar, welches ihr bis zu den Schultern reichte und einem freundlichen Gesicht, das mich entschuldigend anblickte. Ich sah in ihre Rehbraunen Augen und schenkte ihr unweigerlich ein Lächeln.

„Ist doch nichts passiert“, sagte ich und zwinkerte ihr zu, als sie ebenfalls lächelte. Wer weiß, vielleicht hatte mich das Glück dieses Mal, wenigstens für einen kurzen Moment, gefunden.
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