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Die Lehre von Weihnachten

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Dr. Kai Hoffmann Dr. Martin Stein Otto Stein Prof. Dr. Maria Weber
25.07.2022
25.07.2022
4
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1. KAPITEL: WIE MAN DIE FAMILIE VERGRAULT


„Ach, es war ein so schöner Abend“, strahlte Katja, während Martin ihr ihren Mantel hielt, damit sie ihn anziehen konnte, „findest du nicht auch, Roland?“, fragte sie ihren Geliebten. Ihre Wangen glühten leicht und ihre Locken wippten umher, was ihrer Freude noch mehr Ausdruck verlieh. Sie hatte einiges getrunken, wenn auch nicht so viel wie Roland, der zufrieden vor sich hin nickend ebenfalls seine Jacke anzog.

Er haderte etwas damit, als seine Jacke nicht so wollte wie er und Martin ging hinüber um ihm damit zu helfen, als Katja ihren Mantel schloss und ihren Schal zu richten begann.

„Es geht schon“, grummelte Roland seinem Freund zu, obwohl es offensichtlich war, dass es eben nicht ging. Martin ließ sich nicht beirren und half ihm aus seiner Misere. „Danke“, erwiderte der Klinikleiter als auch er es endlich geschafft hatte seine Jacke anzuziehen. Ein angetrunkener Roland bot schon einen witzigen Anblick. Es war selten, dass er derart losließ.

Als er und Katja schlussendlich soweit waren und die Haustür öffneten um zu gehen, atmete Martin innerlich auf. Der Abend war zwar nicht so lang gewesen, wie die Weihnachtsabende all die Jahre davor, aber das war ihm ganz recht. Kathrin und die Kinder waren bereits vor etwas mehr als einer Stunde gegangen. Lediglich sein bester Freund und seine neue Liebe waren länger geblieben und hatten noch den guten Rotwein genossen, den Martin extra für diesen Abend organisiert hatte.

„Danke für alles“, sagte Katja, noch immer strahlend als sie sich mit Roland auf der Schwelle noch einmal umdrehte und Martin einfach umarmte. Der wusste gar nicht wie im geschah, erwiderte ihre Umarmung aber höflich und lächelte leicht. Sie war eine sehr herzliche Frau und an diesem Abend wurde auch mehr als deutlich, dass sie seinem Freund sehr gut tat. Er gönnte Roland sein Glück von Herzen und es gefiel ihm auch, dass er seit er mit Katja zusammen war etwas von seiner alten Stoffeligkeit abgelegt hatte und endlich begann das Leben etwas mehr zu genießen.

„Keine Ursache“, erwiderte er und klopfte Roland zum Abschied auf die Schulter, „Kommt gut nach Hause“, fügte er mit einem Blick auf das Taxi hinzu, welches vor dem Haus an der Straße hielt und auf die beiden wartete.

Einen kurzen Moment sah er den beiden nach, ehe er die Haustür wieder schloss und erleichtert durchatmete. Er mochte die beiden wirklich, aber heute waren sie ihm einfach zu anstrengend. Überhaupt war er den ganzen Abend nicht so wirklich bei der Sache gewesen und war nicht böse gewesen als Kathrin, die mit ihm Hintergrunddienst hatte, und die Kinder den Anfang machten und die weihnachtliche Zusammenkunft schon sehr bald auflösten, um nach Hause zu fahren.

Als er langsam wieder Richtung Wohnzimmer ging und auf die Couch blickte auf der Otto saß und nachdenklich vor sich hin grübelte, wurde ihm klar, dass er nicht als Einziger froh darüber war, dass wieder Ruhe einkehrte. Martin seufzte still in sich hinein als er seinen Vater ansah. Er war sehr erleichtert gewesen, dass er überhaupt den ganzen Abend mit ihnen gemeinsam verbracht hatte. Zu oft hatte er in letzter Zeit allein in seinem Zimmer gehockt und von der Welt um ihn herum nur wenig wissen wollen.

Es war befremdlich und fast schon ein bisschen beängstigend, dachte er, als er sich stumm daran machte den Esstisch abzuräumen. Es machte keinen Sinn jetzt mit ihm ein Gespräch anzufangen, das hatte Martin in den letzten Wochen und Monaten gelernt. Er hatte seinen Vater lange nicht so antriebs- und teilnahmslos gesehen wie dieser Tage. Normalerweise musste er ihn so oft bremsen, ihn vor sich selbst schützen, wenn er sich mal wieder mehr zutraute als er es sich in seinem Alter sollte. Der Mann, der da auf der Couch im Hause Stein saß, sah zwar aus wie sein Vater, Otto Stein, aber war er es auch?

Nein, dieser Otto schien gegangen zu sein… in dem Moment als Charlotte ihre Augen für immer geschlossen hatte, war auch ein großer Teil seines Vaters mit ihr gegangen. Zurückgeblieben war der Otto, der da saß… bei gedämpftem Licht, mit einem angefangenen Glas Wein in der Hand, welches er vergessen zu haben schien, während er alten Erinnerungen nachhing.

Martin hatte versucht geduldig mit ihm zu sein, hatte sich dazu gezwungen ihm Zeit zu geben, obwohl er unter normalen Umständen nicht der geduldigste Mensch unter der Sonne war und mit aller Macht versucht hätte ihn aus seinem Loch zu holen ob er nun wollte oder nicht. Aber vor allem war er für ihn da gewesen oder hatte es zumindest versucht. Allzu oft dachte er, dass seine Anwesenheit und sein gutes Zureden nichts brachten, wenn Otto ihn mal wieder schroff abwies und sich in seinem Zimmer verkroch. Dann brauchte es Kathrins und Marias unterstützende Worte, dass es richtig war nicht locker zu lassen und einfach weiter zu machen, die ihm neue Kraft gaben und ihm halfen diese Zeit so gut es ging zu meistern.

Der Gedanke an Maria kam so plötzlich und abrupt, dass er ihm beinahe physisch wehtat und das obwohl er diesen Abend fast ausschließlich an sie gedacht hatte, als sie hier alle gesessen, gegessen, angestoßen und sogar gelacht hatten. Sie war auch der Grund dafür gewesen, dass ihm all diese Dinge wie ein Zwang vorgekommen waren, etwas, dass er mitmachen und niemandem verderben durfte. Dabei hatte sich alles um sie gedreht, alles… der ganze Abend und das nicht nur in seinem Kopf. Kathrin brachte die Neuigkeiten aus der Klinik direkt mit, als sie Roland von den Geschehnissen berichtete und ließ sie wie eine Wolke im Wohnzimmer des Hauses schweben. Er hatte zu dem Thema kein einziges Wort gesagt. Zum einen hätte er nicht mehr zu Kathrins Geschichte beitragen können und zum anderen wollte er eigentlich gar nicht mehr darüber nachdenken.

Doch, wie immer, wenn er etwas unbedingt vergessen wollte, schien sich die Erinnerung daran noch tiefer in ihn hinein zu fressen und genauso war es auch jetzt. Während er Teller und Besteck vom Tisch und in den Geschirrspüler zu räumen begann, spielte sich die Szene vom Klinikgang, als ihm Maria mit blutgetränkten Sachen und dem Chefarzt auf einer Trage entgegen gelaufen kam, immer wieder vor seinem inneren Auge ab. Seine Sorge um sie, als sie so völlig neben der Spur neben der Trage herlief, mit Panik und Angst in ihrem Blick als sie seine Frage nach ihrem Befinden wegwischte wie eine nervige Strähne aus ihrem Gesicht und ihn darum bat sich um den anderen Verletzten zu kümmern, war groß gewesen, viel, viel größer als seine Sorge um Dr. Hoffmann, den er in der Situation gar nicht wirklich wahrgenommen hatte und auch nicht wahrnehmen hatte wollen.

Und dennoch war es eben jener Dr. Hoffmann gewesen, der dafür sorgte, dass Martin dieser Moment wohl niemals wieder aus dem Kopf gehen würde und das obwohl der Chefarzt wohl kaum bewusst dafür verantwortlich gemacht werden konnte. Nein, so gern Martin ihn auch dafür belangen wollte, er war nicht schuld daran, dass diese kurze Szene im Klinikgang ihm die Realität so schmerzhaft vor Augen geführt hatte. Der Chefarzt konnte nichts dafür, dass Maria nur Augen für ihn hatte, dass in ihrem Blick auf ihn etwas lag, dass Martins Herz in tausend Teile zerspringen ließ. Nein, er konnte nichts dafür und dennoch wollte er Dr. Kai Hoffmann dafür am liebsten ohne Rückflugkarte auf den Mond schießen, denn wenn ihr nicht hier wäre, so dachte er, hätte Maria ihn auch nicht so ansehen können und dann hätte er sich auch nicht den ganzen Abend Gedanken darüber gemacht.

Er merkte gar nicht wie laut er mit dem Geschirr klapperte, während er darüber nachdachte, aber es war auch egal. Otto bemerkte es ohnehin nicht. Überhaupt schien er dieser Tage kaum etwas zu bemerken, stellte Martin einmal mehr traurig seufzend fest, während er sich bemühte seine Emotionen zu kontrollieren.

Den ganzen Abend hatte er sich gefragt, ob er hätte eingreifen sollen… ob er Maria auf dem Klinikgang zurückpfeifen hätte müssen, als sie ihn darum bat sich um den Hausmeister zu kümmern, während sie wiederum Kathrin beiseite stieß um sich selbst um den Chefarzt zu kümmern. Er war Oberarzt und wäre an dieser Stelle befugt gewesen das Ruder an sich zu reißen.

Wahrscheinlich wäre es sogar die richtige Entscheidung gewesen, so emotional involviert und fertig wie Maria an dieser Stelle gewesen war, aber er hatte es nicht getan. Er hatte nicht gehandelt. Er hatte keine Anweisungen gegeben. Er hatte nur da gestanden und ihr nachgesehen und einmal mehr nicht verstanden warum sie Hoffmann wegen schon wieder den Kopf verlor. Kathrins Blick auf ihn als rechnete sie fest damit, dass er einschreiten würde, änderte nichts daran. Er hatte getan worum Maria ihn gebeten hatte und war dann mit Kathrin heimgefahren, als wäre nichts gewesen. Und nun war er hier und Maria? Sie war bei ihm… wieder mal.

Wieder achtete er nicht darauf, wie sein Frust sich wieder ihren Weg an die Oberfläche bahnte und er begann die Teller ruppig in den Geschirrspüler zu packen, wo sie gegeneinander schlugen bis ihm einer der Teller aus den Händen glitt und laut auf den Küchenfliesen zerschellte.

„Mist!“, rief er verärgert über sich selbst und seine Schussligkeit… und in seiner Wut über die Gesamtsituation, mit der er gerade überhaupt nicht klar kam.

Das zerschellende Porzellan auf dem Steinschen Küchenboden hatte nun auch Otto aus seinen Gedanken gerissen und er stand langsam auf und kam in die Küche, um nach dem Rechten zu sehen.

„Tut mir leid, Papa, ich wollte dich nicht aufschrecken“, sagte Martin mit einem schuldbewussten Blick auf seinen Vater. Otto winkte ab: „Es war nur ein Teller… nicht schlimm.“

Sein Sohn nickte und ging auf die Knie um die Scherben einzusammeln. Dies war der Anfang eines ihrer typischen Gespräche dieser Tage. Wenn sie miteinander redeten, dann vorsichtig und immer mit dem Ergebnis, dass Otto ihm irgendwie auswich. Selbst jetzt in dieser Situation war es so. Mit hängenden Schultern hob er die größten Scherben auf, während Otto den Geschirrspüler weiter einräumte.

„Wo bleibt denn eigentlich Maria?“, fragte er nach einem kurzen Moment des Schweigens dann so plötzlich, dass Martin sich an einer Scherbe in den Finger schnitt. Er unterdrückte einen Fluch, stand sofort auf und griff nach einem Stück Küchenrolle, welches er sich sofort um den Finger wickelte.

„Hmm?“, fragte er, obwohl er genau verstanden hatte was sein Vater ihn gefragt hatte.

„Sie müsste doch schon längst wieder hier sein, oder?“, fragte Otto weiter. Dass sein Sohn sich geschnitten hatte, schien er nicht bemerkt zu haben, während er das Besteck in den Spüler zu sortieren begann.

„Sie wird nicht so schnell heim kommen“, sagte Martin, betont neutral, als er sich mit improvisiertem Fingerverband wieder auf den Boden begab um die Unordnung zu beseitigen, die er mit dem Teller angerichtet hatte.

Otto warf einen Blick auf seinen Sohn, was dieser aber in seiner gebückten Haltung nicht bemerkte und erwiderte dann: „Und das stört dich“

Um ein Haar hätte er sich auch noch den Kopf an der Küchenarbeitsplatte gestoßen, als er nach der Bemerkung seines Vaters abrupt den Kopf hob, nur um gleich wieder seinem Blick ausweichend nach unten zu sehen.

„Nein, wieso sollte es? Sie macht sich Sorgen um ihren Chef. Nach allem was sie mit ihm durchgemacht hat, ist es nur natürlich, dass sie…“, er brach ab und stand auf. „Ich gehe schnell Schaufel und Besen holen“ Und er ging tatsächlich für einen kurzen Moment, um das Besagte zu holen und um sich Luft zum Atmen zu verschaffen, denn das Thema gefiel ihm gerade überhaupt nicht.

Als er wieder zurückkam, beugte er sich sofort wieder auf den Boden, um die restlichen Scherben aufzufegen. Otto hatte in der Zwischenzeit damit begonnen Gläser zu spülen.

„Hast du schon einmal versucht sie anzurufen?“, fragte er seinen Sohn während er sich ein frisch poliertes Glas besah und es auf der Küchentheke abstellte.

„Nein, wieso sollte ich?“, fragte Martin und rollte innerlich mit den Augen. Er würde einen Teufel tun.

„Na, um zu erfahren wie es ihr geht… nach allem.“

„Es ist alles in Ordnung. Wenn etwas wäre, hätte sie sich doch gemeldet. Mach dir keine Sorgen“, versuchte Martin seinen Vater zu beruhigen.

„Ich mache mir keine Sorgen. Kathrin hat ja gesagt, dass ihr nichts passiert ist“, erwiderte Otto.

„Und warum soll ich sie dann deiner Meinung nach anrufen?“, fragte Martin und in seiner Stimme lag ein Hauch von Ungeduld. Es wäre ihm lieber gewesen sein Vater hätte mit dem Thema gar nicht erst angefangen.

„Junge, ich merke doch, dass du dir Gedanken über sie machst.“

„Ich mache mir keine Gedanken über sie“, log Martin und warf die aufgefegten Scherben in den Mülleimer, was einmal mehr für ein lautes Klimpern in der Küche sorgte, „Es geht ihr gut und sie weiß was sie tut. Sie braucht mich nicht als ihren Aufpasser“.

„Stimmt, das braucht sie nicht, aber du machst dir trotzdem Sorgen um sie.“

Martin seufzte leicht verärgert, versuchte aber die Geduld zu bewahren: „Otto, können wir nicht über was anderes reden?“

„Warum? Glaubst du ich habe nicht gemerkt, dass dich das Thema schon den ganzen Abend beschäftigt? Das ist doch auch nicht schlimm… sie wohnt bei uns, ihr seid befreundet…“

„Papa, es reicht!“, Otto hatte, ohne es bemerkt zu haben, eine Grenze überschritten vor der er besser hätte stehen bleiben sollen. Sein Sohn funkelte ihn verärgert an, „Ich habe gesagt, dass ich darüber nicht reden will. Es geht ihr gut und sie ist in der Klinik. Das ist alles was wichtig ist“. Dass sie nur des Chefarztes wegen überhaupt noch dort war, erwähnte er nicht, obwohl es sonnenklar war.

Dieser Fakt war auch der Grund warum er nicht darüber sprechen wollte, schon gar nicht mit seinem Vater. Die letzten Monate, der Verlust von Charlotte und die damit verbundene Trauer… er wollte seinen Vater nicht auch noch mit seinen Problemen belasten. Er hatte sich geschworen damit allein fertig zu werden und dennoch hatte ihn gerade eine Wut gepackt wie er sich schon lange nicht mehr in sich gespürt hatte. Als sein Vater seine Freundschaft zu Maria ansprach, knallte bei ihm im Kopf eine Sicherung durch. Freundschaft… immer wieder Freundschaft… das ist alles was es für immer sein würde, alles wozu er taugte…

„Du bist sowas von stur!“, entgegnete Otto, nun ebenfalls verärgert, „Ständig willst du alles mit dir selbst ausmachen, ziehst dich zurück und grübelst. Das bringt doch nichts…“

„Ach ja? Das sagt genau der Richtige!“, unterbrach sein Sohn ihn, „Wer verschanzt sich denn seit Wochen in seinem Zimmer und spricht kaum und wenn dann nur um mitzuteilen was er gerade nicht möchte oder nicht kann?“ Martin redete sich richtig in Rage. Auf einmal brach alles aus ihm heraus, alles was ihm die letzten Wochen und Monate zu schaffen gemacht hatte. Dass er dabei unfair war, merkte er in dem Moment nicht.

Otto war wie vor den Kopf gestoßen. Für einen Moment sah er seinen Sohn einfach nur an. Blau-graue Augen schauten in blau-graue Augen. Wo waren all die Jahre hin? Für einen Moment fühlte es sich wie ein, vor mehr als 30 Jahren typischer Streit zwischen ihnen an, als Martin noch Teenager war, rebellierte und sich die Hörner abstieß und dennoch war das hier mehr, viel mehr.

Gekränkt wandte Otto den Blick ab und trat einen Schritt zurück. Erst jetzt realisierte Martin was er soeben gesagt hatte und bereute seine Worte sofort. „Papa, es tut…“

„Lass", sagte Otto nur und wandte sich komplett ab.

„Aber…“

„Nein, darüber will ich jetzt nicht reden“, benutzte er die Worte seines Sohnes gegen ihn. Martins Worte hatten ihn verletzt, das war offensichtlich. Mit hängenden Schultern und gesenktem Blick ging er Richtung Treppe.

„Papa, bitte… ich habe es nicht so gemeint…“, aber Martins Worte stießen auf taube Ohren und noch ehe er zu Ende gesprochen hatte, war Otto schon verschwunden.

„Mist", fluchte Martin und warf das Geschirrtuch auf die Küchentheke. Er hatte nicht so ausrasten wollen, aber es war einfach alles zu viel… sein Vater hatte, ohne es zu wissen den Finger in die Wunde gelegt. Darauf war er absolut nicht vorbereitet gewesen. Allerdings wusste er, dass er kein Recht dazu hatte so mit seinem Vater zu reden, ganz egal was dieser gesagt hatte. Er atmete tief durch und ließ die Schultern hängen. Wie sollte er das nur wieder in Ordnung bringen?

Weiterhin vor sich hin grübelnd, räumte er weiter auf. Als er alles Geschirr verstaut und die restlichen Gläser gespült und aufgeräumt hatte, setzte er sich geschafft auf die Couch. Ein schlimmeres Ende hätte dieser Tag kaum nehmen können. Müde rieb er sich die Augen und hatte wieder einmal das Gefühl im Bezug auf seinen Vater alles falsch gemacht zu haben, mit dem einen Unterschied, dass er dieses Mal auch ganz sicher wusste, dass er dieses Gefühl nicht zu Unrecht hatte. Egal wie er sich in Sachen Maria fühlte, es rechtfertigte sein Verhalten nicht.

Maria… wieder dachte er an sie. Ob sie die ganze Nacht an Hoffmanns Seite bleiben würde? Wahrscheinlich, dachte er. Er hätte es genauso getan, wenn sie da gelegen hätte. Er hatte es bereits getan. Aber diese Frage stellte sich auch nicht. Es war viel mehr die Frage, ob sie auch die ganze Nacht in der Klinik sein würde, wenn er in dem Bett liegen würde. Würde sie? So abrupt wie ihm dieser Gedanke kam, so schnell versuchte er ihn wieder zu verwerfen. Es machte einfach keinen Sinn sich darüber den Kopf zu zerbrechen, denn es war nun einmal Hoffmann, der auf der ITS lag und nicht er und Maria war wegen ihm da und nur wegen ihm.

Als er sich Stück um Stück mehr seinen Grübeleien hingab, fiel sein Blick auf den Weihnachtsbaum, den er heute Vormittag gemeinsam mit Roland so mühevoll aufgestellt hatte. Noch immer leuchtete er friedlich und einladend vor sich hin. Kaum zu glauben, dass er noch so strahlen konnte, wenn es eigentlich nichts zu strahlen gab, zumindest nicht was ihn betraf. Sein Blick wanderte unter den Baum.

Vor ein paar Stunden hatten die Kinder ihre Geschenke darunter ausgepackt. Und nun war da nichts mehr bis auf ein einzelnes kleines, noch nicht ausgepacktes Päckchen, in rot glänzendem Papier und goldener Schleife. Es war so klein, dass es ohne weiteres in eine Jackentasche passte und dennoch wirkte es so ganz allein unter dem Weihnachtsbaum liegend, sehr auffällig. Wenn man es genau betrachtete, konnte man erkennen, dass es für Maria war, denn mit bemüht gut lesbarer Handschrift war ihr Name darauf geschrieben.

Und wieder war er in Gedanken bei ihr. Wie konnte er auch nicht an sie denken? Er wollte sich nicht ausmalen wie sie sich eingesperrt im Keller gefühlt haben musste… all die Stunden allein. Aber Moment: Sie war nicht allein gewesen. Er, Hoffmann, war da gewesen, hatte ihr beigestanden und mal wieder den Helden gespielt, während er hier gewesen war und mit Kathrin und den anderen das Weihnachtsfest vorbereitet hatte. Es war nur natürlich, dass sie sich dem Chefarzt nach so etwas verbunden fühlte.

Ohne weiter darüber nachzudenken, fasste er einen Entschluss, stand auf, ging zur Garderobe und zog seinen dunklen Mantel mit dem hohen Kragen an. Seinen grauen Schal warf er sich eher halbherzig um den Hals. Im Auto würde er ihn nicht brauchen. Dann trat er zum Weihnachtsbaum und stockte einen Moment. Nach kurzer Überlegung beugte er sich nach unten und hob das kleine rote Päckchen auf, was er sofort in seiner Manteltasche verschwinden ließ. Mit einem neuen Ziel vor Augen verließ er das Haus. Das mit seinem Vater konnte er im Moment nicht gerade biegen, aber es gab etwas anderes was er tun konnte.
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