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Nachts, wenn alles schläft

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Dr. Martin Stein Prof. Dr. Maria Weber
25.07.2022
25.07.2022
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NACHTS, WENN ALLES SCHLÄFT




„Wegen letzter Nacht…“

„Das war wunderschön.“

„Ja, aber es war ein Fehler.“



Es war bereits zwölf Uhr nachts, als ein großer schlanker Mann an den dunklen Silhouetten der großen Einfamilienhäuser und ihrer nicht minder schummrig beleuchteten Vorgärten vorbei rannte. Nur hinter wenigen Fenstern dieser Häuser brannte noch Licht. Die meisten Bewohner waren mit Sicherheit schon im Bett, aber der Mann schien hellwach, als er den Fußweg entlang lief, als würde er vor den Worten davonzulaufen versuchen, die ihm ständig im Kopf umherschwirrten, seit er wieder in Leipzig war. Sein Schlaf-Wach-Rhythmus war durch die zahlreichen Reisen der letzten Wochen und die damit verbundenen unterschiedlichen Schichten total im Eimer und diese immer wiederkehrenden Worte in seinem Kopf machten es nicht besser.

Sein wieder länger gewordenes, dunkelblondes Haar wehte im Wind hinter ihm her, als er sein Lauftempo immer weiter steigerte. Er würde es nicht mehr schaffen es kürzen zu lassen, bevor er morgen wieder aufbrach, um zu seinem nächsten Einsatzort zu reisen. Diese ständige Fahrerei mit dem Zug nervte ihn, aber es brachte ihm auch einiges ein. Zwar war sein Name schon in vielen Kliniken bekannt, aber indem er all diese Kliniken aufsuchte, lernte er selbst auch noch den einen oder anderen Kollegen kennen, was zukünftig hilfreich sein würde. Der größte Vorteil seines momentanen Kofferlebens aber war der Zwang, sich voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren zu müssen und so Gedanken, wie jene, die ihn gerade so schnell laufen ließen, einfacher in Schach halten konnte.


„Es war ein Fehler. Du bist mein bester Freund hier, wir wohnen zusammen“


Er wurde noch etwas schneller. Seit er wieder zurück in Leipzig war, die Haustür seines Hauses aufgeschlossen und den Kleiderständer gesehen hatte, den Maria vor ein paar Monaten eigenhändig aufgebaut hatte, ging das so und das obwohl er so sicher gewesen war, dass die Arbeit mit den OP-Robotern und einigen mehr oder weniger talentierten Ärzten, die sich an der neuen Technik versuchen wollten, diese Gedanken ausradiert hätten.

Es war ein Irrtum und wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er das die ganze Zeit gewusst. Ihre Worte hallten immer und immer in seinem Kopf wider und dazu kam ihr Gesicht, mit diesen großen braunen Augen, die für gewöhnlich so viel Wärme ausstrahlten und die ihm damals, als sie jene Worte äußerte, so kalt vorgekommen waren.

Um im Kopf wenigstens etwas klarer zu werden und wenigstens diese Nacht nicht gänzlich ohne Schlaf vorüberziehen zu lassen, zog er nun seine Runden. Laufen half schließlich immer dabei den Kopf frei zu bekommen. Dass er mittlerweile schon über eine Stunde unterwegs war, fiel ihm dabei gar nicht auf. Es war ruhig und niemand störte ihn. Die Dunkelheit war auf seiner Seite, genauso wie er es haben wollte.


„Alles läuft so gut… ich möchte, dass das so bleibt“


Es waren nur noch drei Kilometer bis er sein Elternhaus wieder erreichte, das große weiße Haus am See mit dem imposanten Garten und seinem grünen Mercedes-Oldtimer in der Einfahrt. Weiter steigerte er das Tempo. Er liebte, dass seine Fitness es ihm erlaubte so an seine Grenzen zu gehen, ohne Gefahr zu laufen einen Herzkasper zu kriegen. Kaum einer an der Klinik wusste, dass er sich in seiner Freizeit gern sportlich betätigte. Das musste auch keiner wissen. Seiner Ansicht nach genügte es, wenn sie von ihm wussten, dass er ein guter Arzt war und selbst darauf konnte er, wenn es darauf ankam verzichten, denn er wusste, dass er gut war und das nicht erst seit er aufgrund seiner Arbeit mit dem OP-Roboter in aller Munde war.

Seiner Ansicht nach war es verrückt, dass man für den Roboter immer noch, egal wohin man kam, Werbung machen musste. Selbst unter führenden Ärzten kursierte die Meinung, dass die Arbeit mit dem Roboter kein richtiges operieren und stundenlanges am Tisch stehen das einzig Wahre ist. Wahrscheinlich mussten sie einfach alle einmal erfolgreich einen Eingriff damit durchgezogen haben, um zu erkennen, dass man trotz aller Technik noch immer selber operierte und sich lediglich eines zusätzlichen Hilfsmittels bediente um komplizierte und filigrane Operationen besonders schonend am Körper eines Patienten durchführen zu können.

Aber das würden sie schon alle noch erkennen und dann würde er ihnen schon wieder ein paar Schritte voraus sein. Genau wie jetzt, als er so langsam seine Höchstgeschwindigkeit erreichte und sich unnachahmlich gut dabei fühlte. Marias Stimme in seinem Kopf versuchte er dabei keine Beachtung zu schenken.

Er schmunzelte und das obwohl er aufgrund der hohen Intensität seines Trainings mittlerweile durch den Mund atmete. Selbst beim Laufen in seiner Freizeit dachte er mittlerweile an den OP-Roboter. Allerdings war an seine Arbeit und damit an ein Gebiet zu denken, auf dem ihm keiner etwas vormachen konnte, besser als die Alternative. Er hatte es den ganzen Abend nicht geschafft die Stimme in seinem Kopf abzuschalten und in das innere Gefängnis zurückzusperren, in das er sie über die letzten Wochen verbannt hatte.

Er hatte schon lange nicht mehr so schlecht in seinem eigenen Bett geschlafen wie die letzte und er hatte nicht wirklich die Hoffnung, dass es dieses Mal besser werden würde. Wahrscheinlich war auch das ein Grund dafür, dass seine Nächte kürzer und kürzer und seine Laufrunden immer länger wurden. Wach liegen würde er sowieso und warum sollte er sich dem schon so zeitig aussetzen? Hinzu kam, dass er wahrscheinlich ohnehin wieder allein daheim sein würde, wie eigentlich immer seit jener alles verändernden Nacht und seitdem er aufgrund seiner ständigen Aufenthalte in anderen Kliniken nur noch sporadisch nach Leipzig kam. Es gab also wirklich keinen Grund zeitig Zuhause einzukehren.

Irgendwie schien seine Mitbewohnerin und gute Freundin Maria, nichts anderes war sie und das machte er sich immer wieder bewusst, derzeit viel an der Klinik zu tun zu haben. Sie hatte versucht es mit Überstunden zu erklären, die seinetwegen geleistet werden mussten, denn sie hatte immerhin, wie er, das Fachgebiet Gefäßchirurgie inne und war aufgrund seiner häufigen Abwesenheit derzeit sehr gut ausgelastet. Er hatte das so hingenommen und dennoch bereitete es ihm irgendwie Kopfzerbrechen. Warum wusste er nicht genau. Es war eines dieser Bauchgefühle, die man manchmal hatte und die man sich einfach nicht erklären konnte. Es gab also eigentlich auch keinen Grund weiter darüber zu grübeln, oder?

Wie, um ihn darin zu bestätigen, kam das ihm so vertraute große, weiße Haus in Sicht, zu welchem er bis zu jener alles verändernden Nacht immer wieder gern zurückgekehrt war. Es gab tatsächlich Zeiten, in denen es ihm geradezu ein Lächeln entlockt hatte, sobald er durch das Gartentor schritt, weil er wusste, dass sich hinter der Haustür etwas verbarg, dass er einfach sehr gerne mochte… die angenehme Atmosphäre eines Zuhauses, mit Menschen, die ihm wichtig waren. Zwar lebte sein Vater mittlerweile nicht mehr hier und Marie war auch schon längst ausgezogen, aber seit Maria hier mit ihm wohnte, war er ähnlich glücklich wie damals oder besser gesagt, war er es gewesen, bis zu jener Nacht.

Er bremste ab und lief die letzten Schritte zum Gartentor langsamer. Es war fast windstill und um ihn herum war alles still, bis auf die ihm so vertraute Nachtigall, die seit letztem Jahr von einer der hohen Fichten im Nachbargarten Nacht für Nacht ihr einsames Konzert trällerte. Aufgrund seiner gut gedämpften Laufschuhe machte auch er kaum Geräusche als er die letzten Schritte zum Gartentor ging. Durch das schummrige Straßenlicht warf er einen langen dunklen Schatten vor sich her, der ihn noch länger und schlanker wirken ließ als er es ohnehin schon war.

Es war seltsam wie leise man automatisch wurde, wenn die Nacht die Welt um einen herum sanft ins Land der Träume schickte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es etwas gab, was im hektischen Alltagsstress friedlicher war als eine sternenklare Nacht. Er ließ den Blick schweifen als er stehenblieb, um seine Laufuhr auszuschalten und sich kurz zu dehnen. Es war eine super Trainingseinheit gewesen und er spürte das vertraute leichte Gefühl in seinem Körper, dass nur ein Lauf mit sich bringen konnte.

Während er auf einem Bein stehend seine Oberschenkel dehnte, indem er mit einer Hand den Fuß eines seiner Beine zu seinem Gesäß zog und dabei kerzengerade stehen blieb, fiel sein Blick auf die Zufahrt, in der sein grüner Mercedes-Oldtimer stand und war überrascht zu sehen, dass er da nicht alleine stand. Marias Wagen stand daneben. Sie war also nach Hause gekommen. Zum ersten Mal, seit er seiner Leih-Funktion zum Wohle der Klinik nachkam, war sie zu einer Zeit heimgekehrt, zu der er noch wach war. Sein Blick wanderte weiter zum Wohnzimmerfenster des Hauses, in dem er nun deutlich Licht erkennen konnte. Sie war also auch noch wach.

Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, ähnlich dem Lächeln, das bis vor ein paar Wochen immer seine Lippen umspielt hatte, wenn er nach Hause kam. Er schüttelte noch kurz seine Beine aus, ehe er durch das Gartentor geradewegs auf die Haustür zuging. Er holte den Schlüssel aus seinem Geheimversteck hervor und hatte schon die Hand an der Klinke, als er stockte. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht. Nein, nein das war nicht richtig. Er durfte sich nicht so freuen sie zu sehen oder besser gesagt, er sollte es nicht, wobei... klar durfte er sich freuen, aber er sollte es nicht so zeigen. Sie waren schließlich nur Mitbewohner und gute Freunde, mehr nicht.


„Du bist mein bester Freund hier, wir wohnen zusammen“


Ja, genau so war es… Freunde und Mitbewohner, nicht mehr und nicht weniger. Wie er so an der Tür stand, überlegte er, ob es überhaupt eine gute Idee war, jetzt hinein zu gehen. Es würde wieder so komisch sein zwischen ihnen, nicht wie früher und er würde wieder aufpassen müssen, was er sagte und wie er sich ihr gegenüber verhielt. Seit jener, alles verändernden Nacht und dem darauffolgenden Vier-Augen-Gespräch auf dem Klinikgang, in dem sie sich darauf verständigt hatten, dass sich so eine Nacht nicht wiederholen würde, hatte er sein Bestes gegeben sich an ihre Abmachung zu halten. Sie waren schließlich Freunde und Freunde empfanden eben nicht mehr als Freundschaft füreinander.

Dass sich das für ihn bis jetzt nicht ganz so einfach gestaltete, war sicher nur ein Anfangsproblem. Irgendwann würden diese Gefühle, die sich in ihm breit machten, wann immer er sie ansah, verschwinden. Er musste sich nur lange genug auf seine Arbeit konzentrieren und sich an dem erfreuen, was er von ihr bekam: Das eine oder andere Lächeln oder vielleicht mal eine Umarmung, wenn er bemitleidenswert genug aussah. Das konnte doch so schwer nicht sein, oder?

Er atmete tief durch und öffnete schließlich die Tür. Seine Hand blieb dabei ganz ruhig, wie er erleichtert feststellte. Den Schlüssel auf das Sideboard neben der Tür ablegend, ließ er den Blick ins Wohnzimmer schweifen, wo Maria auf der Couch saß und bei leise laufender klassischer Musik und einem Glas Rotwein auf dem Tisch vor ihr in einem Buch las.

„Hey“, sagte sie lächelnd als sie ihn erblickte.

„Hey“, sagte er und lächelte ebenfalls. Er konnte einfach nicht anders, wenn sie ihn so ansah.

„Warst du bis eben Laufen?“, fragte sie mit einem Blick auf ihre Armbanduhr. „Es ist gleich halb eins.“

„Ja und du? Warst du bis eben arbeiten, obwohl du schon vor fünf Stunden Feierabend gehabt hättest?“ Er grinste, schließlich wollte er sie nur ein bisschen aufziehen, aber irgendwie schien Maria seine Frage nicht besonders komisch zu finden. Sie zuckte nur mit den Schultern. „Ist halt viel los zur Zeit.“

Er nickte verständnisvoll. Zugegeben, es war ein blöder Spruch von ihm gewesen, aber dass sie ihn so ernst nimmt, hätte er auch nicht gedacht.

„Und wieder im Ruheraum übernachten, wolltest du nicht?“ Er hoffte, dass er nicht allzu erfreut klang, dass sie sich heute dazu entschlossen hatte nach Hause zu kommen, anstatt, wie so oft in letzter Zeit, in der Klinik zu schlafen.

„Ja, so in etwa. Ich wollte den Raum nicht schon wieder blockieren, sonst denken die Kollegen noch ich habe wieder mal kein Zuhause.“

Für einen Moment lag ihm etwas auf der Zunge, was die Kollegen womöglich sonst noch denken würden, wenn der Ruheraum ständig belegt war. Dieser Raum hatte schließlich seine Geschichte und auch wenn er selbst ihn noch nie für ein Stelldichein genutzt hatte, so wusste er, dass es Kollegen gab, die hatten. Natürlich würde er ihr das jetzt nicht sagen.

„Du bist sicher ziemlich geschafft, nh?“, fragte er stattdessen besorgt. Sie sah tatsächlich sehr müde aus.

„Es geht eigentlich. So anstrengend war es dann auch nicht.“ Täuschte er sich oder spielte um ihre Lippen ein leichtes Lächeln? Im nächsten Moment war es zwar wieder verschwunden, aber er war sich sicher es gesehen zu haben.

„Bald bin ich wieder Vollzeit zurück, dann musst du nicht mehr jeden Tag so lange arbeiten. Dr. Brentano scheint bei seiner Planung nicht wirklich darauf zu achten, dass du nicht alle meine Dienste alleine übernehmen kannst.“

„Ich bin nicht allein. Kai hilft auch ab und an aus“, sagte Maria und nippte etwas gedankenverloren an ihrem Weinglas.

„Wie zuvorkommend von ihm“, erwiderte er und konnte den Sarkasmus nicht ganz aus seiner Stimme verbannen, als er sich bückte um seine Laufschuhe auszuziehen.

„Sei nicht so, er hilft wirklich wo er kann.“

„So wie er es als Chefarzt auch tun sollte. Er ist schließlich nicht unschuldig daran, dass ich derzeit so viel unterwegs bin“, stellte er ohne Umschweife fest als er seine Schuhe an ihren Platz stellte und hinüber zur Küchentheke ging um einen Schluck Wasser aus einer Trinkflasche zu nehmen, die er vorher extra für diesen Zweck dort abgestellt hatte.

Maria antwortete nicht, nippte stattdessen wieder an ihrem Weinglas und nahm ihre Füße hoch auf die Couch. Und Zack, war er wieder in ein Fettnäpfchen getreten… wenn es um den Chefarzt ging, passierte ihm das häufiger, deshalb dachte er sich auch nichts weiter dabei. Allerdings würde er, jetzt wo er bemerkt hatte, dass er zu weit gegangen war, natürlich nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Langsam setzte er die Flasche ab und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

„Ich gehe kurz duschen. Oder musst du vorher noch mal?“, fragte er unnötigerweise, nur um die Konversation am laufen zu halten und das Thema zu wechseln, als es so aussah als würde Maria nichts mehr sagen wollen. Dass sie im Falle eines Falles auch die Gästetoilette im Erdgeschoss hätte nutzen können, wenn das Badezimmer oben belegt war, blendete er dabei komplett aus.

„Nein, geh nur“, sagte sie, als sie ihn von seinem verschwitzten Gesicht zu seinem durchgeschwitzten dunkelblauen Laufshirt bis hinunter zu seinen schwarzen Shorts musterte. „Du hast es nötig“ Sie lächelte.

„Hey, was soll das denn heißen?“, fragte er und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Dass du eklig durchgeschwitzt aussiehst und bestimmt auch so riechst“ Sie hielt sich demonstrativ die Nase zu.

Martin ging frech grinsend ein paar Schritte Richtung Couch, wo sie sich in die andere Ecke verkroch und abwehrend die Hände hob.

„Bleib mir fern!“

„Warum denn?“, fragte er verschmitzt lächelnd.

„Martin, ich warne dich!“

Er überhörte das und kam ihr noch näher.

„Okay, okay… Vorschlag: Du gehst jetzt duschen und wenn du fertig bist, wartet hier unten ein Glas Wein auf dich.“

Martin blieb augenblicklich stehen. Hatte er soeben richtig gehört? Sie wollte ein Glas Wein mit ihm trinken?

„Ein Glas Wein?“

„Ja und dann machen wir uns noch einen schönen Restabend.“

Ohne darüber nachzudenken, was das für eine Tortur es für ihn werden würde, mit ihr gemeinsam hier zu sitzen, womöglich auch noch auf der Couch, auf der sie es getan hatten, antwortete er: „Sehr gerne“

So breit wie in diesem Augenblick hatte er schon eine Weile nicht mehr gelächelt. Woher kam das nur? Er musste verrückt geworden sein.

„Das haben wir schon eine ganze Weile nicht mehr gemacht“, stellte Maria lächelnd fest.

Martin hätte ihr genau sagen können, wie viele Wochen, Tage und Stunden es her war, dass sie das letzte Mal zusammen gesessen und ein Glas Wein getrunken hatten. Er wusste auch wann er das letzte Mal versucht hatte für sie zu kochen oder wann er sie das letzte Mal mit seinem Oldtimer von der Klinik abgeholt hatte, obwohl er schon mehrere Stunden vor ihr Feierabend gehabt hatte… er hatte jeden einzelnen ihrer gemeinsamen Momente in sich abgespeichert und an den Ort verbannt, an dem er auch seine Gefühle für sie verfrachtet hatte, nachdem sie, zugegeben unwissentlich, sein Herz in tausend kleine Scherben zerschlagen hatte.

Er hatte nicht vor sie damit zu konfrontieren und so antwortete er ihr so neutral wie möglich und mit einem Schulterzucken „Na ja, entweder war ich auf Dienstreise oder du hast in der Klinik Überstunden gemacht und warst immer erst Zuhause, wenn ich schon schlief, wenn du überhaupt nach Hause gekommen bist.“

„Ja, das stimmt schon“, sagte sie und sah zu ihrem fast leeren Weinglas auf dem Tisch. Aus irgendeinem Grund konnte sie ihm nicht in die Augen sehen.

„Du solltest wirklich mal mit Dr. Brentano sprechen, wegen des Dienstplanes. So kann das nicht weitergehen“, sagte er als er wieder in ihre müden Augen blickte, „oder soll ich vielleicht mal…“

„Nein, Martin“, sagte sie sofort, „das ist meine Sache. Misch dich da bitte nicht ein.“

Es wäre eine Lüge gewesen, zu sagen, dass ihn die Forschheit in ihrer Stimme nicht überraschte. Es fehlte nicht viel und Martin hätte einen Schritt rückwärts gemacht, aber er beschränkte sich darauf auf seine Füße zu schauen. Er hatte es nur gut gemeint. Wahrscheinlich merkte Maria, dass sie ihn etwas vor den Kopf gestoßen hatte, denn sie fuhr in einem milderen Tonfall fort: „Wirklich Martin, es ist nett gemeint, aber ich bin alt genug das selbst zu klären und ich habe dir schon gesagt, dass es mir nichts ausmacht.“

Martin hob den Blick ein wenig, sah ihr aber immer noch nicht in die Augen als er nickte und mit leicht hängenden Schultern den Weg Richtung Treppe antrat. Maria biss sich leicht auf die Lippe als sie ihm nachsah. Sie hatte ihn nicht so hart anfahren wollen, wusste aber auch nicht so recht wie sie die Sache wieder in Ordnung bringen sollte. Was für eine komische Situation.

„Beeilst du dich? Ich warte hier unten auf dich, ich und ein Glas von dem guten Rotwein“, versuchte sie lächelnd die Wogen zu glätten. Martins Blick als er sie endlich wieder ansah und sein wortloses Nicken, bevor der die Treppen zum oberen Stockwerk erklomm, zeigten ihr, dass das nicht so recht funktioniert hatte. Als er im oberen Stockwerk verschwand, seufzte sie.

Was hätte sie denn sagen sollen? Hätte sie ihm erzählen sollen, dass die Ursache für ihr seltenes Heimkommen nicht der volle Dienstplan war, sondern dass es dafür einen viel erfreulicheren Grund gab? Klar, sie hätte ihm sagen können, dass sie dieser Tage immer erst spät oder gar nicht Zuhause war, weil sie Zeit mit Kai verbrachte und sie wusste selbst nicht, warum sie Martin nicht einfach von Kai und sich erzählte. Sie waren immerhin miteinander befreundet und als ihr Freund würde er es sicher lieber von ihr persönlich erfahren, als über den Klinikbuschfunk.

Vielleicht war es einfach die Angst davor, durch eine seiner typischen Bemerkungen zu hören, dass Kai nicht der richtige Mann für sie war. Immerhin konnte Martin ihn nicht ausstehen und hatte bisher bei jedem Mann, der ihr schöne Augen gemacht hatte, einen Grund gefunden ihn ihr auszureden. So selten wie sie sich dieser Tage sahen, hatte sie auf Diskussionen dieser Art keine Lust und wollte das bisschen Zeit, dass sie als WG-Gemeinschaft zusammen hatten so harmonisch wie möglich verbringen. Irgendwann würde sich schon der richtige Zeitpunkt ergeben, um es ihm zu sagen, dachte sie sich, als sie hinüber in die Küche ging, um Martin und sich ein Glas Wein einzuschenken.

Ein Stockwerk weiter oben stand Martin vor dem Badezimmerspiegel und schaute auf sein Spiegelbild, ohne es richtig zu sehen. Was war das nur wieder gewesen? Was hatte er denn Schlimmes gesagt, dass sie so reagierte? So fuhr sie ihn sonst nie an und wenn sie ihm mal offenbarte, dass er zu weit gegangen war, dann stimmte es auch und er entschuldigte sich. Vielleicht war es die Müdigkeit, die ihr zusetzte und die sie sich vor seinen Augen nicht eingestehen wollte? Ja, so musste es sein.

Unbewusst nickte er seinem Spiegelbild grimmig zu, ehe er sich auszog und schnell unter die Dusche sprang. Er wollte sie nicht warten lassen. Erst als das warme Wasser auf ihn niederprasselte und seine, durch den Lauf müden Muskeln etwas belebte, wurde ihm so wirklich bewusst auf was er sich eigentlich eingelassen hatte… ein Glas Wein mit Maria, seiner Freundin und Mitbewohnerin, für die er nicht mehr empfinden durfte als… Freundschaft. Er würde wieder aufpassen müssen, was er sagte und er würde diese Stimme in seinem Innern, die ihr so gerne sagen würde was er fühlte und dieses kleine Fünkchen Hoffnung, dass sie seine Gefühle vielleicht doch irgendwann erwiderte, wegsperren müssen.

Er musste einfach begreifen, dass es hier nicht weiterging und dass es sich nicht lohnte etwas hinterher zu laufen, was er nicht bekommen konnte. Sie empfand einfach nicht wie er, sowas kam vor und nur weil ihm sowas bisher in seinem Leben noch nicht passiert war, hieß es nicht, dass sich das Blatt auch dieses Mal wieder zu seinem Gunsten wenden würde.

Seine Dusche dauerte nicht lange, schließlich wartete Maria auf ihn. Er schloss den Wasserhahn und fuhr sich mit den Händen durch sein nasses Haar. Als er aus der Dusche stieg und sich abtrocknete, nahm er sich fest vor, es für sie beide zu einem angenehmen Abend zu machen. Sie hatten schließlich in der letzten Zeit nicht viele solcher Abende und wer sagte denn, dass er nicht auch als ihr Kumpel ihr Lachen und ihre Gesellschaft genießen konnte?

Martin band sich das Handtuch um die Hüften und wollte gerade sein Deo aus dem Schrank nehmen als sein Blick auf ein kleines Parfum-Fläschchen fiel, welches auf Marias Seite des kleinen Badregals neben dem Spiegel stand. Er hatte dieses Fläschchen vorher noch nie gesehen.

In Bezug auf ihre WG hatte Martin es immer geschätzt, dass Maria nicht zu den Frauen gehörte, die ihr Parfum ihrer Gemütslage oder dem Wochentag anpassten, weil das Badezimmer so nicht unnötig mit staubfangenden Flacons vollgestellt war, was ihn sehr nerven würde. Diese kleine Parfum-Flasche, die neben dem Parfum stand, das sie normalerweise nutzte und welches Martin sehr mochte, irritierte ihn. Warum hatte sie ein neues Parfum und warum hatte er es bisher noch nicht an ihr gerochen?

Die zweite Frage konnte er sich sofort selbst beantworten. Sie hatten sich in letzter Zeit, wenn überhaupt höchstens kurz in der Klinik gesehen und waren sich bei allem Stress kaum näher gekommen als er und der Chefarzt. Wenn man bedachte, dass er den Abstand zu diesem Mann stets so groß wie möglich hielt, war es kein Wunder, dass er das mit Maria und ihrem neuen Parfum bis jetzt nicht mitbekommen hatte.

Er zögerte kurz und nahm dann das Fläschchen in die Hand um daran zu riechen. Sogleich verzog er das Gesicht. Es roch süßlich… zu süß für seinen Geschmack und es passte irgendwie überhaupt nicht zu Maria. Schnell stellte er das Parfum wieder an seinen Platz. Woher kam diese plötzliche Veränderung? Dass sie in letzter Zeit, wann immer er zwischendurch mal wieder in Leipzig war, trotz Überstunden sehr glücklich und gelöst schien, war ihm schon aufgefallen, allerdings hatte er sich nichts weiter dabei gedacht. Schließlich war sie eine offene und herzliche Frau, die ähnlich wie er, gern lachte. In Kombination mit dem neuen Parfum und ihrer abweisenden Haltung gegenüber einigen seiner Kommentare machte ihn das aber schon nachdenklich.

In seinem Kopf puzzelte er sich die Teile zusammen, wie nur er es konnte und blickte mit alarmierter Miene in den Spiegel. Konnte es etwa sein, dass… sie vielleicht jemanden kennen gelernt hatte? Sie war immerhin eine sehr attraktive Frau, die schon des Öfteren die Augen der Männer auf sich zog und wer konnte es ihnen verübeln? Sie war eine tolle Frau, die nicht nur hübsch, sondern auch intelligent, einfühlsam und humorvoll war. War es also möglich, dass einer dieser vielen Männer geschafft hatte, was er nicht konnte? Gab es vielleicht jemanden, der ihr Herz erobert hatte?

Nein, das war eigentlich ausgeschlossen, versuchte er sich sogleich zu beruhigen. Davon wüsste er doch. Er war schließlich ihr Freund und Mitbewohner. Sie würden sich solche Dinge erzählen und überhaupt glaubte er nicht, dass sich Maria, nach ihrer gemeinsam verbrachten Nacht, auch wenn sie sie für einen Fehler gehalten hatte, sofort mit einem neuen Mann traf. Er schüttelte den Kopf. Nein, das würde sie nicht tun, so abgebrüht war sie nicht. Das war ausgeschlossen.

Sich innerlich dafür tadelnd, dass er überhaupt sowas denken konnte, fuhr er sich noch ein letztes Mal durch sein noch immer feuchtes Haar, ehe er das Badezimmer verließ, um sich in seinem Zimmer anzuziehen.

Dort angekommen, stellte er fest, dass sein Kleiderschrank nicht mehr besonders viel zu bieten hatte. Was er an Hemden hatte, war entweder in der Reinigung oder schon im Koffer für seine nächste Dienstreise. Ähnlich sah es mit seinen Hosen aus, sodass er sich neben einer Boxershorts und Socken nur eine schwarze Jogginghose und ein simples weißes T-Shirt aus dem Schrank holte und anzog. Normalerweise lief er so leger nur ganz selten herum und schon gar nicht, wenn er gemeinsam mit Maria ein Glas Wein trinken wollte, aber sollte er machen? Sie würde es sicher verstehen.

Noch einmal tief durchatmend und seine Gedanken ordnend, verließ er sein Schlafzimmer und stieg langsam die Treppen hinunter.

„So, da bin ich“, sagte er, bekam aber keine Reaktion. Am Treppenansatz angekommen, sah er sich um. Die beiden Weingläser standen auf dem Couchtisch, wie sie es versprochen hatte und sie? Mit einem Schmunzeln ging er hinüber zur Couch, während die Musik, die sie vorhin zum Lesen angemacht hatte, noch immer leise vor sich hin lief. Maria lag schlafend auf der Couch. So viel zu dem gemeinsamen Glas Wein. Es sah ganz so aus als hätte ihre Müdigkeit gesiegt und seine fünfzehn Minuten Dusche war zu viel für sie gewesen.

Noch immer lächelnd ging Martin hinüber zu dem Sessel, der neben der Couch stand und setzte sich leise hinein. Er wollte sie unter keinen Umständen aufwecken. Sein Blick ruhte auf ihr, als sein Glas Wein unangetastet vor ihm stand. Er war wie gebannt von ihr, wie sie so offen und verwundbar vor ihm lag. Sie wirkte so friedlich und selbst jetzt, als sie schlief, schien ein kleines Lächeln an ihren Lippen zu zupfen. Was er dafür geben würde morgens, an ihrer Seite liegend, zu diesem Anblick aufwachen zu dürfen.


„Du bist mein bester Freund hier, wir wohnen zusammen“


Und plötzlich war sie wieder da, die schmerzhafte Erkenntnis, dass zu so etwas immer zwei gehörten und dass sie nicht wollte. Was sie ihm damals mitten im Klinikgang gesagt hatte, war wie ein Mantra in seinem Kopf er hatte die ganze Zeit versucht sich klar zu machen, dass da nicht mehr sein durfte und dass er sie sich aus dem Kopf schlagen musste. Und nun saß er hier und merkte, dass es egal war, wie viel er arbeitete und wie häufig er versuchte diese Gedanken, auf ein mögliches gemeinsames Leben mit ihr, mit langen Laufrunden aus seinem Kopf zu joggen. Es würde nicht funktionieren. Sie waren einfach zu stark und es zu leugnen, machte es nicht besser.

Martin hatte keine Ahnung wie es weitergehen sollte, wie lange er noch so neben ihr her leben konnte, ohne daran zu zerbrechen. Was würde passieren, wenn sie, wie er tief in seinem Innern bereits vermutete, ihr Herz an einen anderen Mann verloren hätte? Er wusste, dass er es nicht würde ertragen können. Wenn sie ihn schon nicht wollte, sollte sie niemanden wollen. Damit würde er noch am ehesten klarkommen. Aber sie mit einem anderen Mann zu sehen, wäre absolut inakzeptabel für ihn. Bei dem Gedanken sie und einen potenziellen Kandidaten vielleicht hier in seinen eigenen vier Wänden zu begegnen, trieb es ihm die Zornesröte ins Gesicht. Nein, das durfte einfach nicht passieren.

Noch eine ganze Weile saß er so im Sessel und sah ihr beim Schlafen zu. Die Musik im Hintergrund und das Glas Wein auf dem Tisch vor ihm längst vergessen, als er seinen Gedanken nachhing und sich fragte warum sie ihn nicht wollte, warum ihre gemeinsame Nacht ein Fehler gewesen sein sollte. Es war das schönste was ihm seit langem passiert war und es hatte ihm die Augen geöffnet. Für einen dreiviertel Tag war er so glücklich, wie lange nicht mehr gewesen, bevor Maria ihn recht unsanft wieder geerdet hatte, mit dem Resultat, dass er seine eigenen vier Wände und ihre Gesellschaft nur dann ertragen konnte, wenn er sich vorher gedanklich wappnete. Er konnte sich nicht daran erinnern jemals in einer solch bescheuerten Situation gewesen zu sein.

Das Vibrieren eines Handys riss ihn schließlich aus seinen Gedanken. Marias Handy rutschte auf dem Couchtisch hin und her als der Vibrationsalarm signalisierte, dass jemand um knapp halb zwei nachts versuchte sie zu erreichen. Schnell nahm er das Telefon in die Hand und schaute alarmiert auf Maria, die jedoch friedlich weiterschlief. Wer rief sie denn um diese Zeit an? Ein Blick auf das Display genügte, um ihn mit den Augen rollen zu lassen. Hatte man nicht mal zum Feierabend Ruhe vor dem Kerl?

Er stand auf und ging hinüber in die Küche, damit Maria nicht aufwachte. Er würde nur abnehmen, weil der Anruf aus der Klinik kam. Ansonsten hätte es der Anrufer von ihm aus auch Tausend Mal erfolglos probieren können. Dieser bestimmte Anrufer erst recht. Er hatte kaum den grünen Hörer gedrückt als die ihm so vertraute Stimme von Dr. Kai Hoffmann auch schon sprach.

„Maria, du musst dringend…“

„Ich wünsche Ihnen auch einen schönen Guten Abend, Dr. Hoffmann“, fiel ihm Martin leise, aber direkt ins Wort. Allein schon wie er „Maria“ sagte, störte ihn. Dass er sie überhaupt duzte, war ihm ein Dorn im Auge.

„Dr. Stein? Ich wollte eigentlich Dr. Weber sprechen“, sagte Kai, der, wie Martin nicht ohne Freude feststellte, etwas überrascht schien ausgerechnet ihn an der Strippe zu haben. Auch, dass er sie plötzlich wieder Dr. Weber nannte, fiel ihm sofort auf.  

„Das war nicht zu überhören. Also, was gibt’s?“, fragte er leise und ohne Rücksicht auf die Merkwürdigkeit der Situation zu nehmen, dass es nicht sein eigenes Telefon war, auf dem der Anruf eingegangen war. Es verschaffte ihm irgendwie Genugtuung den Chefarzt auf diese Weise ein bisschen vorzuführen.

„Es geht um Herrn Fransen, Dr. Webers Patient mit der Aorten-Stenose. Seine Werte haben sich dramatisch verschlechtert, sodass wir die für morgen Nachmittag angesetzte OP vorziehen müssen. Sagen Sie Dr. Weber, dass ich sie in einer dreiviertel Stunde im OP erwarte“, sagte Kai am anderen Ende. Die vorhin noch hörbare Überraschung in seiner Stimme hatte er komplett verbannt.

Allein bei dem Tonfall musste Martin schon wieder mit den Augen rollen. Fehlte nur noch, dass er verlangte, dass man mit „Zu Befehl“ antwortete.

„Das werde ich nicht tun“, sagte er stattdessen nur kurz und immer noch sehr leise.

„Hören Sie, das ist jetzt nicht die Zeit für…“

„Ich werde stattdessen operieren“, fügte er hinzu. Er hätte den Chefarzt nur zu gern weiter so auflaufen lassen, wusste aber, dass jetzt nicht die Zeit dafür war.

„Sie?“

„Ja, ich.“

„Er ist Dr. Webers Patient, also holen Sie sie bitte ans Telefon. Wir haben nicht die Zeit für Ihre Spielchen.“

„Nein, ich werde Sie nicht holen. Sie schläft, was sie sich nach den vielen Überstunden der vergangenen Tage und Wochen wohl verdient haben sollte.“

Für kurze Zeit war Ruhe am anderen Ende der Leitung. Hatte er den Chefarzt etwa sprachlos gemacht?

„Sie kennen den Patienten doch gar nicht“, kam es schlussendlich von Kai.

„Und das nehmen Sie woher?“, fragte Martin kühl. „Er war mein Patient, bevor ich ihn zum Wohle Ihrer Ausleih-Aktion an Dr. Weber abgegeben habe. Falls Sie es vergessen haben, ich bin ebenfalls Gefäßchirurg, ein ziemlich guter, habe ich mir sagen lassen.“

Den letzten Kommentar konnte er sich einfach nicht verkneifen. Wieder herrschte am anderen Ende der Leitung für ein paar Sekunden Stille.

„Na gut, Herr Kollege. Klären Sie das bitte mit Dr. Weber. In einer dreiviertel Stunde möchte ich einen von Ihnen beiden im OP sehen.“

Den Befehlston mit dem Kai ihn bedachte, ignorierend, sagte Martin nur: „Ich rede mit ihr. Bis gleich!“ und legte auf. Das war eine glatte Lüge. Er hatte keine Lust auf eine mehrstündige OP mit diesem Oberfeldwebel und seinem Kasernenton, aber er würde einen Teufel tun und Maria jetzt aufscheuchen.

Leise ging er zurück zur Couch und legte ihr Handy wieder auf dem Couchtisch ab. Dann ging er hinüber zur Anlage und schaltete die Musik aus, ehe sein Blick wieder auf sie fiel. Sie schlief noch immer tief und fest auf der Couch. Wieder lächelte er, als er sie sah und verharrte einen Augenblick. Wenn es doch nur anders sein könnte. Wenn sie doch nur genauso fühlen würde wie er.

Traurig seufzend ging er leise zur Couch und nahm eine Decke vom Sofaende, die er auffaltete und sorgfältig über sie legte. Dann beugte er sich noch etwas näher zu ihr und strich ihr sanft mit einer Hand über die Wange, ehe er so richtig wusste was er eigentlich tat. Als es ihm bewusst wurde, richtete er sich sofort auf und ging einen Schritt zurück. Es ging nicht. Er durfte nicht.

Wie um der ganzen Situation zu entfliehen, ging er schnell zur Tür, zog seine schwarzen Boots und seine Motorradjacke an und steckte Schlüssel und Handy ein, ehe er mit einem allerletzten Blick auf ihre immer noch schlafende Form, das Licht löschte und die Haustür leise hinter sich schloss, um in die Klinik zu fahren. Eine OP, so hoffte er, würde ihn wieder klar werden lassen. Den dunklen Fenstern des großen weißen Hauses den Rücken zukehrend, stieg er in seinen Wagen und fuhr davon.

Alles war dunkel, wie es sich normalerweise für eine Nacht gehörte, in der alles schlief. Und alles war still, bis auf die Nachtigall auf einer der Fichten im Garten des Nachbarhauses, die ihr nächtliches Konzert trällerte. Das einzige was im Dunkel der Nacht im Wohnzimmer des Hauses Stein glitzerte, waren Marias geöffnete Augen.
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