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Scharlachroter Dampf

von Eponine
Kurzbeschreibung
OneshotFamilie / P6 / Gen
Vincent Crabbe
24.07.2022
24.07.2022
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24.07.2022 1.520
 
Mein dritter Beitrag zu Rosethouartsicks Projekt Ein 1. September im Leben von ...
Losnummer 14 - Vincent Crabbe

Als ich den Namen "Vincent Crabbe" las, dachte ich mir "holy shit!" Ich hab ihn dann meiner Muse zum Fraß vorgeworfen und zurück kam das Kinderlied "Tschu tschu tschu die Eisenbahn". Damit hatte ich auch schon eine zündende (!) Idee. Zunächst hatte ich an andere Eisenbahnlieder gedacht, es blieb dann aber besagtes Kinderlied, weil ich es irgendwie passend fand, um einen OS im Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein zu schreiben. Ich hoffe, mein Vincent kommt authentisch rüber, nicht "weichgespült", aber auch nicht à la "voll krass Bösewicht, Alter!" und so.

Viel Vergnügen!


*****


Tschu, tschu, tschu, die Eisenbahn
Wer will mit nach Hogwarts fahr’n
(Kinderlied)



Scharlachroter Dampf

Die Uhr, die über dem Zugang zum Bahngleis hängt, zeigt genau zehn Uhr dreißig an.

Langsam füllt sich der Bahnsteig mit schnatternden Schülern und deren Eltern. Vincent steht ganz alleine in der Wandnische direkt neben der großen, scharlachroten Dampflokomotive, die bereits fleißig schnauft und pufft. Der Zugführer ist schon mit den Vorbereitungen der baldigen Abfahrt beschäftigt. Er wird die verschiedenen Zauber ausführen, die dafür sorgen, dass der Zug ohne ständiges Befeuern fährt, dass kein stinkender Qualm entsteht und der Hogwarts-Express nicht entgleist. Er wird die Temperatur der Abteile regulieren, den Gepäckszauber erneuern, sowie die vielen Überwachsungszauber, die dafür sorgen sollen, dass die Schüler sicher und wohlbehalten ankommen und sich niemand auf der langen Reise aus Versehen (oder absichtlich) durch Magie (oder physische Komponente) verletzt. Die Lokomotive selbst ist schon in der Woche zuvor gewartet, gereinigt und poliert worden, sodass sie beinahe wie neu aussieht.

Bewundernd betrachtet Vincent die großen, miteinander verbundenen Räder der Lokomotive. Er weiß genau, wie diese in Gang gesetzt werden. Seine linke Faust ballt sich in seiner Tasche um den detailgetreuen Nachbau des scharlachroten Gefährts. Das winzige Modell pufft eifrig, sodass einige kleine Dampfwolken aus Vincents Jackentasche steigen.
„Pssst“, zischt er seiner Lok zu, die drauf und dran gewesen ist, einen schrillen Pfiff auszustoßen. Vincent will auf keinen Fall entdeckt werden.

Diese halbe Stunde vor der Abfahrt des Hogwarts-Expresses gehört nur ihm alleine. Seit der zweiten Klasse kommen er und seine Eltern frühzeitig zum Gleis 9¾, er verabschiedet seine Eltern, belegt mit seinem Gepäck ein Abteil und verkriecht sich in der Nische gegenüber der roten Lokomotive. Niemand kennt sein alljährliches erster-September-Ritual und er hat nicht vor, irgendjemandem davon zu erzählen. Das kann ja doch niemand verstehen.

Das Stimmengewirr ist nun wirklich laut und hin und wieder kommen Schüler sehr nah an Vincents Nische vorbei, hauptsächlich Erstklässler, welche die große Lokomotive anstaunen. Vincent kann es ihnen nicht verübeln, denn die Lok ist wirklich eindrucksvoll. Zu gerne würde er einmal vorne mitgefahren, aber das ist nicht erlaubt.

Das kleine Modell in seiner Jackentasche pufft eine scharlachrote Dampfwolke aus und tutet leise. Vincent muss grinsen. Sein Großvater hat ihm zu seinem dritten Geburtstag eine Modelleisenbahn geschenkt, die der exakte Nachbau des Hogwarts-Expresses ist, mit Schienen, Tunnels, den Bahnhöfen, und allem Drum und Dran. Natürlich mit Magie betrieben. Als Vincent nach Hogwarts gegangen ist, hat sein Vater die Eisenbahnlandschaft abgebaut und in den Dachboden verbannt. Aber Vincent ist in den Weihnachtsferien nach oben geschlichen und hat sich seine Lokomotive zurückgeholt. Seitdem trägt er sie immer in seiner Tasche.

Vincent weiß alles über Züge und Lokomotiven, magische wie muggel-gebaute. Sein Großvater hat einst als Zugführer des Hogwarts-Expresses gearbeitet und ihm alles davon erzählt. Er hat dem kleinen Vincent Bücher über Eisenbahnen gekauft, aus dem Muggelladen, ist mit ihm in Ausstellungen gewesen und hat mit seinem Enkelsohn viele Stunden im Bahnhof King’s Cross verbracht, wo sie die Züge beobachtet haben.
„Elender Muggelkram“, hat Vincents Vater immer geknurrt, sich aber nicht getraut, seinem Vater zu verbieten, Vincent mit seiner „Eisenbahn-Manie“ anzustecken.
An Vincents erstem Schultag ist es der Großvater gewesen, der Vincent zum Gleis 9¾ begleitet und ihm den Hogwarts-Express gezeigt hat. Gemeinsam sind sie nach vorne zur Lokomotive gegangen und da sein Großvater den Zugführer gekannt hat, haben sie einsteigen dürfen. Der Mann, Larry, hat Vincent alles über den Hogwarts-Express erzählt und Vincent hat sogar den Pfiff betätigen dürfen.

Und einen neuen Feuerzauber für seine Sammlung gelernt: Inflammate*. Der wird verwendet, um die Lokomotive des Hogwarts-Expresses ohne Erzeugung von Dampf und Qualm anzufeuern. Vincent liebt Feuer und Flammen und alles, was damit zu tun hat. Mit einem seiner ersten Spontanzauber hat er damals die hässlichen Vorhänge seines Kinderzimmers in Brand gesteckt. Zum Glück war die Mutter in der Nähe und kannte einen guten Löschzauber. Reisen mit Flohpulver liebt Vincent und er hat viel mit den Flohpulvergrünen Flammen experimentiert (heimlich, denn sein Vater hält nichts von derlei Dingen). Incendio** und Ardeo* hat Vincent schon vor seinem Schuleintritt gelernt. Noch in der ersten Klasse hat ihm dann ein Fünftklässler den Flagrate** gezeigt. Während der letzten Schuljahre sind dann noch Accendite* und, ganz neu, Deflagro* dazugekommen. Nur den Zauberspruch für das Dämonenfeuer, den hat Vincent noch nirgends gefunden. Obwohl er den so gern erlernen würde!

Der Großvater ist kurz vor dem Ende von Vincents erstem Schuljahr gestorben. Und er fehlt ihm immer noch schrecklich. Bewusst lockert Vincent seine Faust, die sich unwillkürlich fester um die kleine Lokomotive geballt hat. Diese pfeift empört ob dieses groben Benehmens.
„Tschuldige“, murmelt Vincent ihr zu.

Die Uhr zeigt inzwischen zehn Uhr fünfzig.

Bald wird Vincent an Bord gehen und nach Hogwarts fahren müssen. Immer noch stehen aufgeregte Schüler und deren Eltern am Bahnsteig herum. Aber es sind weniger als in den Jahren zuvor, das sieht Vincent ganz deutlich. Endlich dürfen keine Schlammblüter mehr nach Hogwarts! Vincent ist froh, dass der Dunkle Lord es geschafft hat, in dieser Hinsicht hart durchzugreifen. Hoffentlich lehren sie in Hogwarts nun richtige Magie, mit der man vielleicht sogar den Dunklen Lord imponieren kann.
Letztes Jahr, da war Vincent ziemlich sauer, dass Draco die Gelegenheit bekommen hat, dem Dunklen Lord zu beweisen, dass er es draufhat, dass er in die Reihen der Todesser aufgenommen wurde. Immer nur Draco, immer wurde Draco bevorzugt, und das nur, weil der Name Malfoy so hochangesehen war. Betonung auf „war“! Denn Draco hat es vergeigt und auch wenn ihm sein Freund ein wenig leidgetan hat, so war Vincent schon auch ein bisschen schadenfroh. Aber dieses Jahr, dieses Jahr kann Vincent endlich beweisen, dass auch er es draufhat, dass er nicht so dumm ist, wie immer alle meinen – selbst Draco! Vincent ist nicht dumm, oh nein, aber er hat eben keinen Bock, nutzlose Zaubersprüche zu lernen. Ganz ehrlich, wen interessiert es schon, wie man eine Ratte gelb färbt, den Boden magisch schrubbt, oder eine Schildkröte in eine Teekanne verwandelt? Nein, Vincent will lernen, wie man jemanden ordentlich bestrafen kann, wie man den Geist betört und so Zeug. Eben alles, was in diesen Büchern drinsteht, die sein Vater ihm weggenommen und sie weggesperrt hat, damals vor drei Jahren.
„Dazu bist du noch viel zu jung!“, hat er gesagt.
„Das ist gefährlich“, hat er gesagt.
Gut, Vincents Versuch damals, ein Dämonenfeuer zu beschwören, hat dazu geführt, dass der Geräteschuppen im Garten abgefackelt ist, aber Pannen gehören doch zum Lernen dazu, oder? Und Vincent will verdammt sein, wenn es ihm dieses Schuljahr nicht gelingt, den Fluch für ein ordentliches Dämonenfeuer zu lernen! Nur Incendio und die anderen harmlosen Feuerzauber, das macht einfach keinen Spaß beim Zündeln.

Fünf vor elf.

Entschlossen stößt Vincent sich von der Wand seiner Nische ab und marschiert auf die Lokomotive zu. Die echte, große. Es ist an der Zeit, seinen alten Berufswunsch Zugführer ein für alle Mal zu begraben und seine Zukunft als treuer und eifriger Todesser ins Auge zu sehen (auch wenn Brandmagier auch nicht schlecht gewesen wäre. Das hätte der Vater vielleicht sogar toleriert). Aber davor, davor will Vincent wenigstens einmal vorne mitfahren. Und er ist sich sicher, dass Larry ihm das erlauben wird, wenn er, Vincent, nur auf seinen Großvater zu sprechen kommt.

Eine Minute vor elf Uhr.

Vincent steht neben Larry im Führerhäuschen und hält den Steuerknüppel mit beiden Händen fest umklammert. Abfahrt! Er drückt den Knüppel nach unten, die Lokomotive dampft und tutet, schnauft und stampft, und dann geht ein Ruck durch den Zug und der Hogwarts-Express setzt sich langsam in Bewegung.
„Gut machst du das, Junge“, sagt Larry. „Aus dir wird mal ein großartiger Zugführer! Dein Großvater wäre stolz auf dich.“
Vincent denkt an den Dunklen Lord, an die Todesser, und an seine, Vincents neuen Zukunftspläne. Nein, sein Gramps wäre nicht stolz auf ihn. Sein Vater wird stolz auf ihn sein, demnächst. Aber jetzt, in diesem Moment, fühlt sich Vincent seinem Großvater so nahe wie seit sieben Jahren nicht mehr und als der Zug den Bahnhof verlässt, bittet er den Großvater stumm um Verzeihung.


ENDE




*hier habe ich ein wenig im Wörterbuch geblättert und ein paar neue Feuerzauber erfunden:
Inflammate von Latein inflammare „anfeuern, anzünden“
Ardeo von Latein ardere „(ver)brennen, glühen“
Accendite von Latein accendere „anzünden, in Brand setzen“
Deflagro von Latein deflagrare „in Flammen aufgehen“


**diese Feuerzauber stammen aus den Harry-Potter-Büchern:
Incendio von Latein incendere „anzünden, verbrennen
Flagrate von Latein flagrare „brennen, lodern, glühen“
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