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Masken

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Tragödie / P16 / Div
Bob Andrews Justus Jonas OC (Own Character) Peter Shaw
21.07.2022
13.08.2022
6
13.028
3
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05.08.2022 1.951
 
Immer noch saßen die drei in der Zentrale und hatten die letzten Paar Sodas aus ihrem kleinen Kühlschrank neben dem Schreibtisch entwendet. Es war spät geworden, und nun war es an der Zeit, über den eigentlichen Inhalt von Justus‘ Nachricht zu sprechen.

Bob hatte die Schuhe ausgezogen und es sich in seiner Ecke auf dem Sofa gemütlich gemacht. Über sich hatte er schützend eine alte Decke ausgebreitet, und neben ihm hatte auch Peter die Füße hochgelegt. Die kleine Couch reichte schon, wenn man nur allein darauf saß, kaum für eine Person aus, und da keiner der beiden seinen Platz aufgeben wollte saßen sie gedrungen beieinander.  
„Die Masken sind also anscheinend wieder da. Und du hast zumindest bereits einen Plan, wie wir sie aufspüren können?“
Nachdenklich und mit ernster Miene nippte Bob an seinem Getränk, immer noch schniefte er etwas, während der Wind draußen an dem alten Wohnwagen und den Bergen an Schrott rüttelte.
„Aber klar ist, dass wir als drei ??? zwar nirgends erwähnt wurden - die wichtigsten Leute wissen jedoch alle Bescheid. Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob ich an diesem, oder irgendeinem, Fall jemals wieder arbeiten möchte.“
Damit sprach Bob nun vorsichtig aus, worüber Peter schon länger nachdachte.
Für Peter war es nichts Neues, wenn er bei einem Fall aussteigen wollte - oder vielleicht sogar für einige Tage den Kontakt zu Justus abbrach - wenn er um seine, oder die Sicherheit seiner Freunde fürchtete. Ihm schien dies immer der effektivste Weg zu sein, um Justus‘ selbst vergebenes Vetorecht zu unterbinden.
Doch nun war auch Bob diesen Weg gegangen, und so sehr man ihm das Unbehagen und die Traurigkeit ansehen konnte, die ihm diese, nun ausgesprochenen, Gedanken brachten, so wussten sie alle, dass er recht hatte.

Bis jetzt hatte ihnen Justus nicht verraten, woher er von den Masken wusste, oder wie er sie finden, geschweige denn, was er tun wollte, wenn er sie fand. Peter und Bob beschlich dabei trotz Versöhnung, die Angst, dass Justus schneller in seine alten Muster zurückfallen könnte als gedacht.
Was geschehen war, war nicht wiedergutzumachen, egal, was sie taten. Als Freunde waren sie nun vorerst wieder vereint. Aber Kollegen waren sie nicht mehr.

Justus hatte den kleinen Hocker mittlerweile gegen die restlichen Decken, die die drei in der Zentrale gebunkert hatten und einige alte Gartenstuhlsitzbezüge ausgetauscht, die nun verstreut auf dem kleinem Stück Boden, der noch frei war, herumlagen. Sämtlicher Staub, der sich in dem kleinen Raum angesammelt hatte, war dabei erneut verteilt worden. Alle Versuche irgendwo eine Luke zu öffnen, um etwas frische Luft in die Zentrale zu bekommen, waren sofort von dem heftigen Wind draußen unterbunden worden. So hockte Justus, zwischen Decken, Staub und Dreck, seinen Freunden allein gegenüber. Er schluckte den letzten Rest Soda runter und stellte die kleine Flasche auf dem alten runden Kaffeetisch vor sich ab.

„Ganz recht, Bob, es ist wie du gesagt hast. Und nein, dieser hier - und auch kein anderer - ist mehr ein Fall für die drei Fragezeichen. Ich habe, wie erwähnt, nachgedacht und als ich heute Morgen diesen Artikel in der Zeitung fand, ist mir einiges klar geworden.“
Justus legte sein Freunden den Zeitungsartikel vor. Dabei stieß der, sonst sehr auf sich und seine Umgebung bedachte, ehemalige, erste Detektiv die Glasflasche vom Tisch, doch sie landete weich auf einer der Decken.
Für einige Sekunden war nur das Heulen des Windes zu hören, während Peter und Bob ebenfalls den kurzen Artikel durchlasen.
Justus stellte kurz sicher dass das, was er unter dem Tisch vorbereitet hatte auch sicher bereit lag. Er hoffte, dass Peter und Bob weiter dabeibleiben würden, um ihnen seinen Plan zu offenbaren. Doch er wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher als sich zwischen seine Freunde auf das Sofa zu quetschen und wie früher mit ihnen über den neuesten Klatsch und Tratsch zu diskutieren, den Peter immer aus dem Training mitbracht, oder einen langen Film auf dem kleinen Monitor ihres PCs‘ zu schauen den Bob ausgesucht hatte.
Während Justus noch träumte, war Peter und Bob sofort klar, dass es sich in dem Artikel um die Masken handeln musste.
Ganz in der Nähe.
Und einer von ihnen war tot.

Peter lehnte sich wieder zurück und fuhr sich nachdenklich mit der Hand über den Nacken, und warf Bob, der noch einen Moment länger über dem Artikel verharrte, einen kurzen Blick zu. Interessiert nickte er in Justus‘ Richtung und forderte ihn auf fortzufahren.
Nachdem auch Bob es sich wieder bequem gemacht hatte, führte Justus seine Überlegungen fort.
„Die drei Fragezeichen werden keine Fälle mehr lösen, und ich dachte, das ist es, was mich stören würde, aber ich lag falsch. Ich möchte diesen Fall nicht mehr lösen, und ihr wolltet das schon seit einer sehr langen Zeit nicht mehr. Was ich will, ist doch etwas sehr Neues für mich.“

Justus hatte sich während des Sprechens nach vorne gelehnt und blickte zu Boden. Etwas nervös spielte er mit seinen Fingern, als wäre er unendlich gespannt auf die Reaktion seiner Freunde und hätte gleichzeitig eine unglaubliche Angst davor.
„Rache. Was für ein groteskes Wort es auch ist, ich will Rache. Für den Mord an Michael Haley, für unseren Kindheitstraum und für unsere Freundschaft. Die Chancen stehen eins zu fünf, dass die erschossene Maske Trash war, in dem Fall ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sich die restlichen Mitglieder ohne Anführer zerstreut haben, das würde uns die Arbeit erschweren.“

Justus blickte von einem zum anderen. An Peters Blick konnte er sofort erkennen, dass sein ehemaliger Zweiter doch etwas überrascht von den Worten seines Freundes war, jedoch diesen Gedanken ebenfalls mit ihm teilte. Bob jedoch schien noch unsicher.

Die beiden wechselten einen Blick aus dem Justus nicht lesen konnte, was sie dachten und keiner von ihnen ergriff das Wort. Justus streckte sich, um seine Unsicherheit zu überspielen und verwies erneut auf den ausgelegten Artikel.
„Auf den Standort aus dem Zeitungsartikel können wir uns nicht mehr verlassen, dafür liegt das Ereignis bereits zu weit zurück. Allerdings wissen wir nun, in welcher Zeit die Gruppe eine ungefähre Strecke zurückgelegt hat. Dementsprechend können wir davon ausgehen, dass sie bisher ohne Auto unterwegs gewesen sind. Daher haben wir die besten Chancen, wenn wir im selben Zeitradius rund um die Stadt den Polizeifunk abhören, um vielleicht schon während der nächsten Tat zu wissen, wo sie sich aufhalten.“

In der Stille die folgte hob Justus seine leere Flasche vom Boden auf und stellte sie erneut auf den leeren Tisch.
Bob hatte sich mit dem Zeitungsartikel in der Hand erneut zurückgelehnt und musterte den Artikel, als könnte er noch mehr erfahren als dort stand, indem er ihn nur lange genug ansah.
Peter war noch etwas näher an ihn herangerutscht und schaute einer kleinen grünen Spinne zu, die sich aus Bobs Haaren auf seine Schulter abseilte. Vorsichtig nahm er ihren Faden zwischen die Finger und entließ die Spinne auf den Boden. Bob faltete die Zeitung und blickte zu Justus der sich nun das Bein rieb, auf dem er bis eben noch gesessen hatte.
„Und wie genau willst du sie anschließend finden? Die Polizei vor Ort hat es bis jetzt noch nicht geschafft sie zu verfolgen, wie sollen wir das hinbekommen, wenn wir erst dort hinfahren müssen?“

„Ganz einfach, Bob.“
Justus holte mit dem Hauch eines triumphierenden Lächelns ein Empfangsgerät für einen ihrer besseren Peilsender unter dem kleinen Kaffeetisch hervor.

„Was genau hast du vor, sobald du sie findest, Just?“, fragte Bob nun und blickte seinem Freund fest in die Augen. Auf dem Tisch stand inzwischen neben Justus‘ Flasche auch Peters leeres Getränk.

„Was ich will, hast du bereits gehört. Jedoch, sofern du dabei bist, werden wir unser tatsächliches Vorgehen als Team entscheiden. Die Mehrheit gewinnt, alle Vorschläge werden angenommen, so wie wir es ausgemacht haben. Niemand tut, was er nicht tun möchte. Dabei bleiben wir“, erwiderte Justus mit fester Stimme und saß inzwischen etwas aufrechter.

Bob konnte seine Überraschung nicht ganz verbergen, was Justus einen kleinen Stich versetzte. Er hatte nie beabsichtigt, seine Freunde so zu beeinflussen, dass sie nun mehr nicht damit rechneten, dass er ihre Meinung gleich mit seiner eigenen setzte. Er schaute auf ein Foto auf ihrer Pinnwand, die an der Wand zwischen Sofa und einer Kommode hing, auf dem die drei mit etwa sieben Jahren in die Kamera grinsten. War er schon immer so gewesen?

Bob wusste, dass Justus garantiert, bereits etwas im Sinn hatte, jedoch wollte er zuerst dessen Plan hören, bevor er sich endgültig entschied.

Peter konnte man die Entschlossenheit ansehen, etwas, das schon seit einiger Zeit an ihm gefehlt hatte. Er blickte Justus an und musterte anschließend für einige Sekunden Bob, wie er neben ihm in der Ecke des Sofas kauerte, mit seiner riesigen Decke und den immer noch leicht roten Augen. Nun ergriff er zum ersten Mal seit längerem das Wort.
„Ich will ehrlich mit euch sein. Mir ging es die letzten Wochen echt beschissen. Und ich kann sehen, dass es dir, Bob - und vermutlich auch dir, Just - zumindest ähnlich ergangen ist. Bis heute habe ich dir dafür die Schuld gegeben.“
Fest erwiderte Justus Peters Blick, auch wenn es ihm schwerfiel.
„Ich hatte so eine Angst und noch ist sie nicht weg. Ich sehe Michael Haleys‘ toten Körper unter mir, wenn ich die Augen schließe, und ich frage mich was passiert wäre, wenn ich Bob nicht gefolgt wäre. Ich frage mich was passiert wäre, wenn du, spätestens in dem Moment in dem zwei Drittel des Teams abgesprungen sind, den Fall hättest sein lassen.  Und ich habe mich gefragt, ob dir Michael Haleys Leben unwichtiger war als sagen zu können, dass du bis jetzt jeden Fall gelöst hast.“

Die Stille, die folgte, war erdrückend. Doch Justus erwiderte nichts. Wie schon beim letzten Besuch ertrug er die harten Worte seines Freundes, denn er spürte, dass Peter vollkommen ehrlich mit ihm war, und das musste er respektieren.

Peter merkte wie die selbstbewusste Fassade die sich sein Freund als Anführer über die Jahre aufgebaut hatte zu bröckeln begann. Ob dies etwas gutes war oder nicht musste sich erst noch zeigen, doch Peter war noch nicht fertig.
„Ich muss dir sagen, Justus, ich traue dir nicht. Jedenfalls noch nicht. Ich habe dich als meinen Freund vermisst und bin froh euch beide zurückzuhaben. Aber du musst verstehen, dass ich dir nicht mehr als Kollege blind folgen werde, wie ich es früher so oft tun musste.“

Bob nickte zustimmend. Erneut standen ihm Tränen in den Augen, Tränen der Frustration, die sich über Jahre angestaut hatten, denen es nur in stillen Momenten allein erlaubt war zu fallen. Momente, in denen er um seine oder die Sicherheit seiner Freunde fürchten musste, oder wenn er sich nachts allein an all diese Situationen erinnerte, die er niemals hätte durchleben müssen, wenn Justus auf sie gehört hätte. Er schluckte, dann übernahm er das Wort.
„Ich will, dass sich die Masken genauso fühlen, wie wir uns fühlen mussten.“

Voller Verachtung verzog er das Gesicht. Er starrte auf einen Fleck Boden zwischen Sofa und Tisch, und grub seine Finger in die Decke. Seine Sorgen um seine Freunde und ihre Freundschaft hatten sich zum größten Teil gelegt, und eine Wut auf die Arroganz der Masken, von der er nicht gewusst hatte, dass er sie in sich trug, traf ihn unerwartet und hart. Er legte die schützende Decke beiseite und stellte seine leere Flasche zu Justus‘ und Peters‘ auf den Tisch. Frustriert und erschöpft erlaubte er sich endlich, seine Emotionen nicht mehr vor anderen zu verstecken. Tränen liefen seine Wangen herunter und seine Lippen bebten als er die Gedanken aussprach, die er sich seit Wochen in die Wirklichkeit wünschte.

„Ich will, dass sie sich nicht mehr sicher fühlen können. Ich will, dass sie sich so allein wie noch nie zuvor in ihrem Leben fühlen. Ich will, dass jeder einzelne von ihnen so leidet, wie Michael Haley leiden musste.“
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