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Latin Vibes (Fiery Desire)

von Angy-Me
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance / P16 / Gen
19.07.2022
16.08.2022
15
32.734
11
Alle Kapitel
24 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.08.2022 2.069
 
Diego


Riley drückt auf den Klingelknopf und tritt einen Schritt zurück. Es dauert einen Moment, dann ertönt ein Knistern aus dem Lautsprecher.

»Ja bitte?« Von der Stimme her würde ich sagen, dass es sich um eine ältere Dame handelt.

»Guten Morgen«, begrüße ich sie so freundlich wie möglich. »Wir kommen von TopSecret Mobility und wollen die Telefonleitung überprüfen, da uns aus dieser Straße Störungen gemeldet wurden.« Das ist gut und sollte als Erklärung ausreichen.

»Hier gibt es keine Störungen«, lässt mich die Frau an der Sprechanlage wissen. »Außerdem hat der Telefonanbieter uns nicht über irgendwelche Kontrollen informiert.«

Uhhh ... sie ist aber auf Zack. Wahrscheinlich ruft sie gleich die Firma an und fragt nach, ob wirklich Angestellte von ihnen unterwegs sind. Gut, dass der Captain das mit dem Chef von TopSecret Mobility abgesprochen hat.

»Die Meldungen kamen auch erst gestern Abend rein«, versuche ich sie doch noch zu überzeugen und rücke dabei das Cap auf meinem Kopf zurecht.

»Sie können mir ja viel erzählen.« Da, ein Knacken, und die Leitung ist tot.

»Hat sie gerade aufgelegt?« Riley sieht mich fassungslos an. »Was stimmt denn mit der alten Schachtel nicht?«

Ich zucke mit den Schultern. »Keine Ahnung. Höchstwahrscheinlich ist sie nur vorsichtig.« Was ja in den heutigen Zeiten auch durchaus verständlich ist.

Derzeit sind so mehr als genug windige Hunde unterwegs, die von lästigen Anrufen zu regelrechten Nötigungen an der Tür übergegangen sind. Kein Wunder also, dass vor allem die älteren Alleinstehenden Mitbürger misstrauisch sind.

Riley drückt auf den Klingelknopf für die Wohnung im zweiten Stock, doch dort reagiert niemand. Entweder der Bewohner, es handelt sich um einen ehemaligen Uni-Professor, ist nicht da oder er ignoriert unangemeldete Besucher einfach.

Leicht genervt blicke ich an dem Haus empor und sehe, wie sich die Gardine am linken Fenster im ersten Stockwerk bewegt. Die Dame mit dem Namen Shelburne beobachtet uns also. Prima!

Riley betätigt, nur um sicherzugehen, auch noch den Knopf fürs Penthouse, aber wie vermutet tut sich nichts. Falls sich dort jemand versteckt hält, verhält er sich mucksmäuschenstill. Vorbildlich.

»Und nun? Machen wir uns auf den Rückweg ins Apartment oder hast du Lust auf Sightseeing?« Meine Freundin auf Zeit sieht mich unschlüssig an und ich wäge im Geiste unsere momentanen Möglichkeiten ab. Natürlich können wir uns in unsere Unterkunft zurückziehen und Däumchen drehen, denn weiteres Auskundschaften der Gegend ist am helllichten Tag immer mir dem Risiko erwischt zu werden verbunden. Wir könnten uns allerdings auch umziehen und irgendwo etwas essen gehen. Paare gehen doch hin und wieder zusammen essen, das habe ich jedenfalls so in Erinnerung, obwohl ich in der Vergangenheit nicht so viel Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt habe. Langweilig, ich weiß, aber ich koche lieber selbst, anstatt auszugehen, denn so weiß ich mit Sicherheit, was alles in dem Gericht drin ist.

»Wie wäre es mit Lunch? Ich könnte was vertragen«, sage ich und wende dem Haus den Rücken zu. »Hier passiert vorerst eh nix, und falls doch, sehen wir das nachher.«

Auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer unseres Apartments steht eine Minikamera, die das Gebäude Tag und Nacht im Blick hat. Sie zeichnet jede Bewegung auf, uns entgeht also nichts.

»Abgemacht, aber lass uns den Hintereingang nehmen, damit uns die alte Schachtel nicht gegenüber reingehen sieht.« Riley rückt den Rucksack zurecht und übernimmt die Führung.

Ich folge ihr und bin ein wenig enttäuscht, dass ihr herrlicher Hintern in diesem Einteiler so gut wie nicht zu sehen ist.

Wir laufen die Straße ein weiteres Mal hinunter und wenden uns dieses Mal nach links, um in die nächste Parallelstraße einzubiegen und dann die schmale Zufahrt zum Garten unseres momentanen Wohnhauses zu nehmen. Ein kleiner Junge, der unter uns in dem Apartment lebt, sitzt auf dem Rasen und spielt einem Bagger und einem Kranwagen. Als wir uns ihm näher, blickt er auf und winkt uns fröhlich zu. Wir winken zurück und betreten endlich das Haus.

Im Treppenaufgang überhole ich Riley, da ich den Wohnungsschlüssel habe. Vorsichtig öffne ich die Tür und blicke dabei Richtung Boden.

»Was ist los? Haben wir einen Wasserschaden«, erkundigt sie sich und versucht, an mir vorbei zu spähen.

»Nein, nein ... alles gut«, beruhige ich sie und trete über die Schwelle.

Alles ist ruhig. Zu ruhig für meinen Geschmack.

Langsam gehe ich tiefer in die Wohnung hinein und bleibe plötzlich wie angewurzelt stehen. Die Tür von Henriettes Gehege steht einen Spalt breit offen, allerdings fehlt von dem Tier jede Spur.

»Henni ...«, rufe ich und sehe mich panisch um. »Henriette, wo bist du?«

Riley geht neben mir in die Hocke, legt die Hände auf den Boden und beugt sich vor, um den Raum aus der Sicht eines Frettchens zu betrachten. »Unter dem Sofa«, lässt sie mich wissen und rutscht hinüber zu dem Sitzmöbel. Vorsichtig schiebt sie ihre Arme unter die Couch und fördert schließlich mein Haustier zu Tage, welches zusammengerollt schläft.

Ich nehme ihr das Tierchen ab und bringe es zurück in sein Gehege. »Du hast echt nur bunte Knete im Kopf«, flüstere ich dem schlafenden Tier ins Ohr und drücke anschließend einen Kuss auf ihr kleines Köpfchen. »Damit das nicht nochmal passiert, muss ich die Tür wohl extra absichern.« Sobald ich Henriette in ihr Körbchen gelegt habe, damit sie seelenruhig weiter schlafen kann, schließe ich die Tür und hole Kabelbinder aus der Reisetasche, um dafür zu sorgen, dass Madame nicht noch mal ausreißt, während wir essen sind.

Riley sitzt auf dem Sofa und beobachtet mich bei der Arbeit. »Denkst du, dass das hilft? Sie hat scharfe Zähne und wird eine riesen Freude daran haben, die Kabelbinder durchzubeißen.«

»Dann drücke mal die Daumen, dass sie so lange halten, bis wir zurück sind.« Zielstrebig steuere ich unsere ganze Überwachungstechnik an und check, ob noch alle Kabel intakt sind.

Sind sie!

Danach ziehe ich den Reißverschluss des Overalls hinunter, als mir plötzlich einfällt, dass ich nicht allein bin. »Ich ziehe mich schnell um.« Eilig krame ich einen weißen Sweater und eine schwarze Jeans aus der Tasche und mache mich auf den Weg ins Badezimmer, wo ich die Tür hinter mir abschließe. Nur zur Sicherheit natürlich, obwohl ich nicht davon ausgehe, dass Riley mir hier Gesellschaft leisten möchte. Wobei ich nichts dagegen hätte.

Fünf Minuten später bin ich umgezogen und bereit fürs Mittagessen.

Sobald ich hinaus in den Flur trete, kommt auch meine Partnerin aus dem Schlafzimmer. Sie trägt einen schwarzen Hoodie der Rolling Stones, mit der weltberühmten Zunge auf der Brust, und eine helle Skinnyjeans. Ihre Füße stecken in Stiefeletten und in der Hand hält sie eine rote Lederjacke. Ein wahrer Augenschmaus. Würde ich sie so auf einem Konzert oder auf der Kirmes sehen, würde ich sie definitiv ansprechen. Obwohl ich bisher nie etwas mit einer Blondine hatte, so ist Riley Hudgens zweifelsfrei mein Typ. Ich liebe toughe Frauen, die wissen, was sie wollen und nicht auf den Mund gefallen sind. Beides trifft auf meine vorgetäuschte Freundin zu und ich bin gespannt zu erfahren, wie locker ihr Mundwerk wirklich ist.

Ich halte den Wohnungsschlüssel hoch und deute mit einer leichten Kopfbewegung zur Tür.

»Wo wollen wir essen?« Riley streift die Jacke über und schnappt sich ihr eigenes Portemonnaie.

»Das können wir uns ja unterwegs überlegen.«

Eine halbe Stunde später betreten wir den Central Park Zoo. Ich hole uns Eintrittskarten und dann machen wir uns zu allererst auf den Weg zu den kalifornischen Seelöwen. Auf den rund um das Gehege angeordneten Treppen finden wir freie Plätze und packen unsere Papiertüten aus, in denen sich Coffee-to-go, Fritten, Nuggets, Burger und Nachtisch befinden. Das Essen haben wir uns auf dem Weg hier her geholt. Nicht gerade ein richtiges Mittagessen, aber der Besuch des Zoos entschädigt für die ungesunde Mahlzeit.

»Als waschechte New Yorkerin warst du sicher schon unzählige Male hier«, vermute ich und beiße von dem Burger ab.

Riley nippt zuerst an ihrem Kaffee und knabbert dann an einer Fritte. »Als Kind war ich sehr oft mit meinen Eltern hier. Wir sind oft an den Sonntagen hergekommen und ich konnte stundenlang bei den Affen stehen und sie beobachten. In Miami gibt es doch auch einen Zoo, richtig?«

»Stimmt.« Ich nicke und greife ebenfalls zum Kaffee, um den Bissen herunterzuspülen. »Fernando, mein älterer Bruder, und ich waren oft dort. Während er immer zu den Elefanten und Raubkatzen wollte, interessierte ich mich für die Gorillas, Stachelschweine, Erdmännchen, Harpyien und Gibbons.«

»Du hast einen Bruder?« Riley sieht mich äußerst aufmerksam an. »Was macht er so? Lebt er noch im Miami? Und was viel wichtiger ist: Sieht er besser aus als du?«

Ich stoße sie brummend mit dem Ellbogen an und richte den Blick auf die Seelöwen, die von den Felsen ins Wasser springen und sich gegenseitig spielerisch verfolgen. »Nein, er lebt nicht mehr in Miami, sondern in den Hamptons.«

»Bei den Reichen und Schönen? Was macht er da?« Riley tunkt einen Nugget in die süß-sauere Soße und beißt dann davon ab.

»Er ist Schönheitschirurg. Genau wie unser Dad, der allerdings in Boston lebt.«

»Und du bist aus der Art geschlagen, ja?« Frech zwinkert sie mir zu und ich rolle gespielt genervt mit den Augen.

»Sagen wir einfach, dass ich nicht gern Blut sehe. Leider ist das eine Voraussetzung für diesen Beruf, also war ich schon frühzeitig aus dem Rennen.«

Verständnisvoll nickt sie. »Warum seid ihr alle gen Norden gezogen?« Sie klingt ehrlich interessiert.

»Nach dem Tod meiner Mom brauchten wir alle einen Tapetenwechsel. Ich war der Letzte, der weggezogen ist.«

»Aber nun seid ihr ja wieder dichter beisammen und könnt euch öfter sehen.«

»Darüber ist vor allem Dad froh«, sage ich und wische mir mit dem Finger einen Klecks Ketchup aus dem Mundwinkel.

»Wann ist deine Mom gestorben?«

»Vor vier Jahren.«

»Und woran? Du musst nicht antworten, wenn du nicht möchtest, ich verstehe das.«

»Ist schon okay«, versichere ich ihr und blicke hinauf in den Himmel. »Sie ist an einem Herzinfarkt gestorben, als sie allein zu Hause war. Dad war auf einer Tagung. Fernando und ich wohnten nicht mehr zu Hause, also hat es niemand mitbekommen. Erst als sie den ganzen Abend nicht ans Telefon ging, ist mein Bruder hingefahren und hat sie in der Küche auf dem Boden liegend gefunden – leider zu spät.«

Riley presst sich eine Hand auf den Mund und sieht mich mit geweiteten Augen an. »Oh mein Gott, Diego. Das ist ja schrecklich. Weiß man, wie lange sie schon dort gelegen hat?«

Ich schüttele den Kopf. »Ein paar Stunden. Es ist wohl am frühen Nachmittag passiert.«

»Das ist ja furchtbar. Es tut mir so leid, dass du deine Mutter auf so schreckliche Weise verloren hast.« Zaghaft legt sie eine Hand auf meine und die Wärme, die von ihr auf mich übergeht, ist tröstlich.

»Ja, ich vermisse sie immer noch. Mom war zwar der strengere Elternteil, aber sie war niemals ungerecht und hatte jeder Zeit ein offenes Ohr. Für jeden.«

Ihr Daumen fährt sanft über meinen Handrücken und ich verspüre aus heiterem Himmel den Wunsch, mich an sie zu lehnen, doch ich halte mich zurück. Das wäre zu viel des Guten. So gut kennen wir uns noch nicht.

Minutenlang sagt keiner von uns ein, wir essen schweigend, beobachten die Tiere direkt vor uns und sind mit unseren eigenen Gedanken beschäftigt.

Schließlich werfen wir den Abfall in einen Papierkorb und drehen eine Runde durch den Zoo. Riley möchte unbedingt die Schneeleoparden sehen, während ich eher gespannt auf die Lemuren bin. Ganz verzückt steht sie vor dem Gehege, ihre Augen leuchten und auf ihren Lippen liegt ein seliges Lächeln. Wenn ich vorhin schon dachte, dass diese Frau umwerfend aussieht, dann ist sie jetzt einfach atemberaubend. Ich steh nur da und betrachte sie. Die Tierchen sind komplett in den Hintergrund gerückt. Wichtig ist nur die Frau neben mir, die ein Foto nach dem anderen von den Raubkatzen schießt.

Plötzlich rückt sie näher und schmiegt sich an meine Seite. Mein Herzschlag setzt aus und ich starre sie verblüfft an.

»Komm, lass uns ein Selfie machen«, fordert Riley und drückt mir ihr Telefon in die Hand. »Du bist größer und hast längere Arme.«

»Klar.« Ich nehme das Handy und strecke den linken Arm aus. Den freien Arm lege ich um ihre Schultern und ziehe sie noch ein Stück näher an mich heran.

Ihr so nah zu sein fühlt sich unglaublich gut an. Daran könnte ich mich gewöhnen.

Ehe sich die nervende Stimme in meinem Kopf wieder zu Wort melden kann, hakt sie sich bei mir unter und zieht mich so weiter zu den nächsten Tieren.

»Auf gehts zu den roten Pandas.«

»Aye Aye, Ma'am.«
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