Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Mein Weg zu Dir

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P16 / Gen
Mimi Tachikawa und Palmon Taichi "Tai" Yagami und Agumon Yamato "Matt" Ishida und Gabumon
18.07.2022
28.10.2022
40
134.022
6
Alle Kapitel
9 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
18.07.2022 3.138
 
Hallo ihr Lieben,
lange nichts gehört (oder eher gelesen). Vor einer halben Ewigkeit habe ich angefangen, mehr oder weniger aus einer Laune heraus, diese FF zu schreiben. Die ersten Zeilen kamen mir einfach in den Kopf und ehe ich mich versah, waren 10.000 Wörter abgetippt. Ich dachte, ich schreibe so ungefähr 10-20 Kapitel, weil ich eine kleine Idee hatte und die gerne umsetzen wollte und weil ich Lust hatte, endlich mal wieder eine Michi zu schreiben *_*
Aber nach ein paar Kapiteln fing ich an, diesen kleinen Gedanken mit Hallostern2014 weiterzuspinnen und eins kam zum Anderen. Uns kamen so viele Ideen, dass ich diese Geschichte nie im Leben in nur 20 Kapiteln erzählen konnte... unmöglich!
Sie hatte einfach zu viel Potenzial.
Tja, daher gibt es jetzt einiges zu lesen, eine Menge Drama, viele Geheimnisse und spannende Charaktere.
Danke liebe Hallostern2014 für deine zahlreichen Einfälle und dass ich die Geschichte immer und immer mit dir weiterspinnen konnte.

Ich hoffe sehr, dass ihr die Geschichte genauso mögt, wie ich.
Viel Spaß beim Lesen!
Eure Khaleesi
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


Heute ist eindeutig der schlimmste Tag meines Lebens!
Und hätte ich heute Morgen gewusst, dass er sich so entwickeln würde, wäre ich gar nicht erst aufgestanden. Dass heute mein Geburtstag ist, ändert leider gar nichts daran, dass der ganze Tag sich gerade als ein absoluter Albtraum entpuppt.
Seit zwanzig Minuten sitze ich mit meiner Mutter in einem Café und nachdem sie mir überschwänglich zum Geburtstag gratuliert hat, konnte sie keine fünf Minuten abwarten, um mir die grandiosen Neuigkeiten zu verkünden:
„Ich bin schwanger“, war es aus ihr rausgeplatzt, während ich noch die Karte studiert und überlegt habe, ob ich einen Cappuccino oder einen Milchshake nehme.
Schockiert war mein Kopf in die Höhe geschnellt.
„Was?“
Sie strahlte bis über beide Ohren und ich wusste, ich musste sofort umschalten und so tun, als würde ich mich freuen. Was gar nicht so leicht war. Denn eigentlich war mir eher nach kotzen zumute.
Schwanger?
Kein ganzes Jahr, nachdem sie sich von meinem Vater getrennt hat?
Von einem Kerl, den ich seitdem kein einziges Mal gesehen habe?
Das ging mir alles zu schnell. Und außerdem, sie ist bereits 38. Darf man in dem Alter überhaupt noch einfach so schwanger werden? Ist das gesund?
Letztendlich habe ich ihr jedoch gratuliert und meine Enttäuschung mit kaltem Eistee hinunter gespült. Seitdem sitzen wir uns gegenüber und ich höre ihr zu, wie aufgeregt sie ist und dass ich die Erste sein sollte, die es erfährt. Gleich nach ihrem neuen Freund natürlich. Wie hieß der noch mal? Hiroshi? Nein, Hiroki? Wie auch immer …
Das bedeutet aber auch, dass es Dad noch nicht weiß. Wie er wohl reagieren wird, wenn er davon erfährt?
„Oh, tut mir Leid, Schatz“, sagt meine Mutter, nachdem sie gefühlt stundenlang von Babys und Schwangerschaften erzählt hat und sieht mich über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg an. „Heute ist dein Geburtstag und ich rede die ganze Zeit nur von mir.“
Ich schüttle den Kopf, weil ich ihr kein schlechtes Gewissen machen will. Ist schließlich eine große Sache, so ein Baby.
„Nein, ist schon gut.“
„Hast du denn heute noch was Besonderes vor?“
Ich zucke mit den Schultern und rühre mit dem Strohhalm in meinem Eistee herum. „Nur Sora, Tai und die anderen treffen. Wir schmeißen eine kleine Party bei Sora zu Hause.“
„So? Warum nicht bei dir?“, fragt Mom verdutzt. Ich runzle die Stirn.
„Weil meine Wohnung viel zu klein für uns alle ist?“ Dass sie das nicht weiß, zeigt wie selten wir uns in den letzten Monaten gesehen haben. Kurz, nachdem meine Eltern sich getrennt hatten, bin ich von zu Hause ausgezogen. Dass hatte ich eh schon lange vorgehabt, aber erst nachdem ich festgestellt habe, wie anstrengend es sein kann, mit seinem frisch gebackenem Single Vater unter einem Dach zu leben, habe ich es auch durchgezogen. Mom war Diejenige, die als Erste ausgezogen ist. Ich weiß bis heute nicht so recht, warum. Sie sagte immer nur, dass sie sich ihr Leben so nicht vorgestellt hat. Was auch immer das bedeuten mag.
„Du musst mich mal besuchen kommen“, schlage ich vor und lege einen Ticken zu viel Hoffnung in meine Stimme, denn nun legt meine Mutter den Kopf schief und greift über den Tisch nach meiner Hand.
„Das mache ich bald, Liebes. Ich weiß, wir haben uns in letzter Zeit viel zu selten gesehen.“
Ich seufze innerlich. Das ist echt das Letzte, das ich gebrauchen kann. Falsche Versprechen und halbherzige Entschuldigen. Sie wollte mir schon duzende Male ihren neuen Freund vorstellen und immer kam, natürlich rein zufällig, etwas dazwischen. Auf derlei Versprechen gebe ich also nicht mehr viel.
Die Wahrheit ist, dass sie sich, seit die ihren neuen Freund hat, kaum für mich interessiert hat. Es ist, als würde sie plötzlich ein völlig anderes Leben führen. Eben ihr eigenes Leben, in dem ich keine allzu große Rolle mehr spiele. Das sage ich jedoch nicht, sondern lächle nur.
„Halb so wild. Ich hatte eh eine Menge zu tun.“
„Hast du dich am College eingeschrieben?“
„Nein, ich arbeite wieder im Hard Rock Café.“
„Aber die Frist ist bald abgelaufen. Und Kaffee eingießen ist kein richtiger Job.«
„Ich weiß.“
„Ach, Mimi …“
Oh bitte. Alles, aber nicht dieser leidige Blick, den sie immer auflegt, wenn sie über etwas enttäuscht ist. In dem Falle, über mich.
„Was willst du denn nur aus deinem Leben machen, wenn du nichts studierst?“
„Das weiß ich noch nicht so genau“, gestehe ich schulterzuckend und frage mich, warum sie immer so eine riesengroße Sache daraus macht. Ja, ich habe seit über einem Jahr die Schule beendet und treibe seitdem ziellos umher. Na und?
Es ist total schön, dass alle anderen immer genau zu wissen scheinen, was sie wollen. Bei mir ist das eben nicht der Fall. Wie soll ich mich für eine Studienrichtung, geschweige denn für einen Beruf entscheiden, wenn ich nicht mal weiß, was ich morgen zum Mittag essen möchte?
„Ich brauche eben noch etwas Zeit“, sage ich und hoffe, dass das Thema damit abgeschlossen ist.
Meine Mutter seufzt resigniert. „Na schön. Aber hoffentlich wirst du nicht zu einem von den Menschen, die ihr Leben lang versuchen, sich selbst zu finden und dabei eigentlich gar nichts erreichen. Die reisen dann ständig in einem alten Camper durch die Weltgeschichte und nennen das Leben.“
Ich kann es mir nicht verkneifen und verdrehe die Augen. Hört sich eigentlich ganz gut an. Vielleicht sollte ich mal darüber nachdenken.
„Ja, Mom. Genau das habe ich vor.“
Ich liebe meine Mutter, sehr sogar. Aber wenn mich was an ihr stört, dann ihre Art Dinge, die sie nicht für gut befindet, schlecht zu reden.
„Ich meine ja nur“, fügt sie schnell hinzu und hebt abwehrend die Hände. Dabei fällt ihr Blick auf ihre Armbanduhr.
„Oh nein, schon so spät? Ich bin gleich noch verabredet.“
Leicht geknickt sehe ich sie an, versuche jedoch, mir meine Enttäuschung nicht all zu sehr anmerken zu lassen. Sie verabredet sich an meinem Geburtstag mit einer anderen Person und lässt mich sitzen?
„Aber du bist gerade mal seit einer halben Stunde hier.“
„Ich weiß, Liebling. Aber ich habe wirklich einen wichtigen Termin.“
„Was denn für einen Termin?“, frage ich neugierig, während sie in ihrer Handtasche rum kramt.
„Wir lassen uns in Sachen Kinderwagen und Erstausstattung von einem Fachmann beraten. Es war gar nicht so leicht, so kurzfristig einen Beratungstermin bei Baby & Co. Zu bekommen. Der Laden ist mega angesagt, dort gibt es einfach alles“, antwortet sie und scheint das auch noch ernst zu meinen. Hat sie einen Knall? Das Baby kommt doch nicht schon morgen.
„Wow. Und dafür braucht man einen Termin?“ Hat sie vergessen, dass sie schon mal ein Kind großgezogen hat? Mich?  Aber das ist typisch Mom - übertreiben konnte sie schon immer gut.
Sie lächelt mich nervös an. „Wenn du wüsstest …“
Will ich gar nicht. Echt nicht. Mir reicht die Tatsache, dass ich hier so was wie ein Lückenfüller war. Eine kurze Sendepause, um die Wartezeit bis zu diesem bescheuerten Termin zu überbrücken.
„Hiro schreibt gerade, dass er draußen im Auto wartet“, sagt Mom, als sie auf ihr Handy schaut. Dann greift sie erneut in ihre Tasche und will ein paar Scheine auf den Tisch legen.
„Oh, nicht doch“, entgegne ich eilig. „Ich lade dich ein.“
„Sei nicht albern, Mimi“, zwitschert sie und dieser leicht gönnerhafte Unterton in ihrer Stimme gefällt mir gar nicht.
„Es ist dein Geburtstag und ich denke, du brauchst dein schmales Gehalt eher für deine Miete.“
Und zum Abschied noch ein Schlag unter die Gürtellinie. Danke auch, aber ich weiß selbst, dass man als Aushilfskraft in einem Café nicht all zu viel verdient.
Trotzdem nicke und räuspere ich mich, ehe sie um den Tisch kommt und mich umarmt.
„Es war schön, dich zu sehen, Kleines.“
„Gleichfalls“, sage ich dennoch aufrichtig und wünschte wirklich, sie könnte noch länger bleiben. Ich hätte gerne noch ein bisschen mit ihr erzählt, so wie früher. Aber diese Zeiten sind anscheinend vorbei. Jetzt gibt es nur noch ihre kleine, neue Familie und ein kleines, neues Baby.
Das Baby.
Während ich daran denke und versuche, es mir vorzustellen, läuft mir ein kurzer Schauer über den Rücken. Ich sehe Mom nach, wie sie aus dem Café eilt und in das Auto steigt, was davor auf sie wartet. Ich recke meinen Hals, aber den Typen kann ich durch den Schatten, den die Sonne auf die Scheiben wirft, einfach nicht erkennen. Er hätte sich wenigstens kurz die Zeit nehmen und sich vorstellen können.
Ich lache schrill auf. Meine Mom und ein Baby…
Nein. Hiro-irgendwas, sie und ein Baby.
Ohne es zu wollen, finde ich diese Vorstellung einfach nur beschissen. Und wenn sie denkt, dass ich jetzt diejenige sein werde, die es Dad verklickert, dass seine Noch-Ehefrau ein Kind von einem anderen Mann erwartet, dann hat sie sich geschnitten.
Schlimm genug, dass sie ihn verlassen hat und er immer noch nicht mit der Trennung klar kommt. Aber ich werde nicht der Bote schlechter Neuigkeiten sein, garantiert nicht. Wie schön wäre es, wenn Dad sie endlich vergessen und sich auch auf eine andere Person konzentrieren könnte, so wie sie es tut. Aber so einfach wie das klingt, ist es vermutlich nicht.
Ich stoße einen frustrierten Seufzer aus, während ich über den Tisch greife und Moms Geld an mich nehme.
Es reicht nur für ihre Rechnung, nicht für meine.
Vielen Dank auch, Mom.
Und Happy Birthday, Mimi.

Weil ich nach dem Treffen mit Mom noch so viel Zeit habe, da ich mindestens zwei Stunden dafür eingeplant hatte, beschließe ich kurzerhand Dad einen Besuch abzustatten.
Obwohl ich schon seit drei Monaten ausgezogen bin, habe ich immer noch einen Schlüssel für unser Haus, was ich ehrlich gesagt ganz praktisch finde. Irgendwie habe ich immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich länger nichts von Dad gehört habe. Nicht, dass ich Angst um ihn hätte, weil er leicht depressiv ist und nicht mehr zur Arbeit geht. Das beunruhigt mich zwar, aber ich weiß, er würde sich niemals etwas antun. Auch wenn meine Mom ihm sprichwörtlich das Herz rausgerissen hat. Viel mehr gefällt es mir nicht, dass er sich so zu Hause einigelt und Menschen seither meidet, mich eingeschlossen. Wenn ich nicht ab und zu vorbei kommen und nach dem Rechten sehen würde, wäre er sicher schon an dem schlechten Sauerstoffgehalt im Haus erstickt.
Ich stecke also den Schlüssel ins Türschloss und drücke gleichzeitig Drei Mal auf die Klingel, damit er weiß, dass ich komme. Falls er sich schnell noch eine Jogginghose anziehen möchte, dann hat er jetzt Gelegenheit dazu. Allerdings würde es mich auch nicht schockieren, wenn er es nicht tun würde und ich ihn inmitten von leeren Bierdosen und Pizzakartons auf dem Sofa vorfinden würde. Allein das sagt alles darüber aus, was ich in der letzten Zeit mit ihm durchstehen musste.
„Hallo? Dad? Ich bin’s.“
Ich rufe ins Haus hinein, aber alles, was ich höre, ist das Geräusch des Fernsehers, das aus dem Wohnzimmer dringt.
Ich schließe die Tür hinter mir und mache mir gar nicht erst die Mühe, meine Schuhe auszuziehen. Der Boden ist eh saudreckig.
Zielstrebig steuere ich das Wohnzimmer an und finde meinen Dad so vor, wie ich es vermutet habe – schnarchend vor der Glotze. Ich drücke meine Hand auf Nase und Mund, um diesen Muff nicht einatmen zu müssen, denn die Luft stinkt nach abgestandenem Bier und Käsefüßen. Eilig schalte ich den Fernseher aus und reiße Vorhänge und Fenster auf. Das Licht prallt auf das Gesicht meines Vaters, was ihn hochschrecken lässt. Aufgewühlt hält er sich eine Hand ins Sichtfeld, weil ihn die Sonne blendet.
„Heiliger Teufel“, ruft er mit belegter Stimme, wobei ich mich stirnrunzelnd zu ihm umdrehe.
„Heiliger Teufel? Diese Wortwahl solltest du wirklich noch mal überdenken.“
Ein tiefes Stöhnen dringt aus seiner Kehle, als er sich vom Sofa aufrichtet und dabei die Papiertüte mit den Resten eines Cheeseburgers von seiner Brust fällt.
„Klugscheißer kann niemand leiden“, wirft er mir an den Kopf und ich grinse. „Was machst du überhaupt hier? Sind wir nicht erst für morgen verabredet?“
Ich hebe den angefressenen Cheeseburger auf und lege ihn auf den Tisch.
„Ja, aber ich hatte ein wenig Zeit und dachte, ich schaue mal vorbei. Hättest du mich morgen wirklich zum Frühstück einladen wollen?“
Zweifelnd sehe ich mich im Wohnzimmer um. Wenn es hier schon so schlimm aussieht, will ich gar nicht wissen, wie der Rest des Hauses aussieht. „Wie lang warst du nicht draußen?“
Dad murrt und reibt sich den Nacken.
„Ich hätte das bis morgen alles noch aufgeräumt“, sagt er und ignoriert gekonnt meine Frage.
Au Backe. Seit Mom weg ist, ist er wirklich ein Meister der Verdrängung.
„Ach, Dad“, sage ich verständnisvoll und mache mich ganz nebenbei daran, sämtlichen Müll vom Fußboden aufzusammeln. „Sag doch einfach, wenn du mit dem Haushalt alleine überfordert bist.“
Dass es nicht nur das ist, wissen wir beide. Aber ich werde einen Teufel tun und dies laut aussprechen.
„Wir könnten dir eine Putzfrau organisieren.“
Dad sieht beschämt zur Seite. „Ich weiß nicht. Nein, ich denke eher nicht.“
„Das ist keine Schande, Dad“, lache ich. „Viele Leute haben eine Putzfrau.“
„Darum geht es nicht.“
„Okay. Warum dann nicht? Ich weiß, dass meine Freundin Sora eine hat. Beziehungsweise ihre Mom hat eine. Ich rufe sie gleich mal an und frage nach ihrer Nummer.“
„Nein, bitte tu das nicht, Mimi“, erwidert Dad kleinlaut, während ich schon durch meine Kontakte scrolle.
„Halb so wild, das dauert nur eine Minute“, winke ich ab.
Nun wird Dad lauter. „Ich habe doch gesagt, ich will das nicht.“
„Aber warum denn nicht?“ Verständnislos schüttle ich den Kopf und frage mich, wo sein Problem ist.
„Ich rufe sie jetzt an. Du wirst sehen, was für eine Riesen Erleichterung das …“
„Ich kann keine Putzfrau bezahlen, weil ich meinen Job verloren habe.“ Dad schreit mich an. Ich zucke zusammen, ehe ich den Kopf hebe und ihn ansehe.
„Was? Du hast deinen Job verloren?“
Frustriert reibt sich Dad über das Gesicht.
„Ja, schon vor zwei Wochen. Ich wollte es dir nicht sagen, weil du mich sonst für den Versager hältst, der ich in Wirklichkeit bin. Aber die haben mir gekündigt. Ich bin ja nicht mehr ins Büro gekommen und selbst im Home Office konnte ich viele Termine und Abgabefristen nicht mehr einhalten. Daher haben sie die Stelle neu besetzt. So was wie eine Putzfrau kann ich mir jetzt nicht mehr leisten.“
Mir bleibt die Spucke weg und sofort steigt Mitleid in mir auf, als ich sehe, wie sehr es ihn trifft. Ein weiterer Schlag in die Magengegend für ihn. Als wäre alles nicht schon schlimm genug.
Ich gehe zu ihm und setzte mich ihm gegenüber auf den Couchtisch. Er sieht mich nicht einmal an, weil er sich so sehr schämt. Dad war immer ein Vorbild für mich, mein Fels in der Brandung. Dass sein Leben gerade so aus den Fugen gerät und er nicht mehr das für mich sein kann, was er gerne wäre, macht ihn total fertig.
„Dad“, sage ich daher sanft und versuche so viel Verständnis aufzubringen, wie es nur geht. „Das ist blöd, aber … es gibt doch wirklich Schlimmeres, oder?“
„Allerdings“, lacht er gequält auf. „Zum Beispiel, wenn deine Frau dich sitzen lässt.“
Und einen neuen Freund hat und mit ihm ein Baby bekommt. Aber das denke ich in dem Falle nur. Für so eine Neuigkeit ist er definitiv noch nicht bereit.
„Wir finden einen neuen Job für dich.“
Mutlos zuckt Dad mit den Schultern.
„Kann sein.“
Ich habe ihn noch nie so fertig erlebt. In den letzten Monaten war er nicht mehr er selbst. Manchmal frage ich mich, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, bei ihm zu bleiben und nicht auszuziehen. Er braucht mich doch und irgendwie fühle ich mich für ihn verantwortlich, auch wenn das totaler Quatsch ist. Schließlich war es mein Leben lang anders herum.
„Glaub mir, wir finden eine Lösung“, versuche ich ihn weiter aufzubauen und stehe auf. „Ich beseitige jetzt erst mal das Chaos hier und du gehst unter die Dusche, damit du wieder einen kühlen Kopf bekommst.“
Dad nickt und steht auf, um ins Badezimmer zu gehen. Auf den Weg dorthin, dreht er sich noch ein Mal zu mir um und sieht mich dankend an.
„Happy Birthday, Kleines. Und entschuldige“, sagt er und schenkt mir das beste Lächeln, das er momentan auf Lager hat.
Ich nicke. »Schon gut.«
Seufzend atme ich aus und frage mich, wie ein Geburtstag nur so dermaßen von schlechten Neuigkeiten geprägt sein kann.
Nachdem ich mit aufräumen fertig bin und das Nötigste getan ist, kehrt Dad frisch geduscht und rasiert ins Wohnzimmer zurück.
Da es schon spät ist, lege ich ihm ein paar Geldscheine auf den Tisch und will mich auf den Weg machen.
»Was ist das?«, fragt Dad irritiert, als er das Geld sieht.
»Damit kommst du erst mal über die nächste Woche.«
»Mimi, nein. Auf keinen Fall.«
Er nimmt das Geld und hält es mir vor die Nase. Aber ich schüttle energisch den Kopf.
»Nimm es einfach, okay? Du brauchst es dringender als ich und meine Miete ist nicht so teuer.«
Außerdem kann man sich auch sehr gut eine Woche lang von Salat ernähren. Ich wollte ohnehin eine Diät machen.
»Schatz, das ist …« Er hadert mit sich, steckt das Geld dann jedoch in seine Hosentasche. »Ich zahle es dir zurück, versprochen.«
Ich winke ab und gehe zur Haustür. Das ist wirklich das Mindeste, was ich für ihn tun kann. Manchmal ärgert es mich, zu wissen, dass Mom mit ihrem neuen Freund in einem noch größeren Haus, mit noch mehr Luxus als vorher sitzt. Woher ich das weiß? Weil sie es mir bei jeder Gelegenheit unter die Nase reibt, gepaart mit der Aussage, ich könnte doch auch bei ihr einziehen, dann müsste ich keine Miete mehr zahlen.
Während Dad Tag für Tag darum kämpft, unser altes Haus irgendwie halten zu können. Das ist echt unfair. Manchmal frage ich mich, ob es sie überhaupt noch interessiert, wie es ihm geht. Oder mir.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast