Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Into the Woods

von Wildcat
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Horror / P18 / Gen
Dean Winchester Sam Winchester
15.07.2022
24.11.2022
6
9.336
7
Alle Kapitel
28 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
24.11.2022 2.020
 



Hallo, ihr Lieben,
vorab erst einmal vielen lieben Dank für eure Geduld, euren Zuspruch und die Interessensbekundungen an der Geschichte. Das tat sehr gut! Ich habe mich mit den Kapiteln 6 und 7 wirklich schwer getan. Es sind die Recherche-Kapitel, in denen all das steht, was ich bei meiner Recherche zum Film „The Blair Witch Project“ gefunden habe. Das alles in eine gerade Handlungslinie zu bringen und in Supernatural zu pressen war alles andere als einfach.

Vielen lieben Dank an dich, liebe Tatu, für deine permanente Unterstützung. Ich danke auch dir, liebe Pami, für deine Neugier und auch dir CarpeNoctem, dass du dir einen Account gemacht hast und gleich fleißig gereviewt hast. An Polana, Nyta und traumleben noch ein großes Dankeschön für eure Treue.

Ich hoffe sehr, die vielen Infos in den nächsten beiden Kapiteln lassen euch nicht den Kopf platzen.
Viel Spaß beim Lesen,
eure Wildcat



*********


THE REAL PROJECT


W ie hatte Sam sich derart blenden lassen können? Er schämte sich beinahe. Seine gesamte Recherche stützte sich auf die Einträge aus dem Blair-Witch-Wiki und seine Haupt-Informationen hatte er aus Filmen gezogen. Filme! Kunstprodukte, erdacht von Regisseuren und Drehbuchschreibern.

Er begriff Deans Unzufriedenheit.

Der Fall, den Sam präsentiert hatte, schien bei nüchterner Betrachtung lediglich eine Notlüge. Acht Jugendliche, die aus einem 180-Seelen-Dorf im Zeitraum eines halben Jahres verschwanden? Sache der Polizei! Wenn überhaupt. Zumal Sam vor sich selbst einräumte, dass er nicht mehr suchte, als er die Anzahl beisammen hatte. Es hätten genauso gut neun oder zwanzig Vermisste sein können. Doch er hatte diese acht gewollt, um eine Parallele zu den „Burkittsville 7“ zu haben. Dem Massaker, bei dem sieben von acht  entführten Kindern ums Leben kamen.

Nun lagen die Dinge anders. Sie hatten einen echten Fall, der sie mit zu vielen Variablen versorgte.

Erstens: Dean war auf dem Weg zum Bunker in eine Schleife aus Straßen geraten, die ihn nach Burkittsville zurückgeführt hatte.

Kein Monster, das tötete, kein Geist, der umging, sondern ein Ort, der sich verbog. Nur Götter, Dämonen, mächtige Hexen im besten Fall besaßen die Macht, ganze Landstriche zu manipulieren.

In das Bild fügte sich jedoch nicht der Angriff, den Sam auf Dean ausgeführt hatte. Zumal er keinerlei Erinnerung hinterließ. Nicht einmal ein Erinnerungsloch hatte er verursacht. Dämonische Besessenheit konnte er ausschließen. Hexenbeutel ebenfalls. Beim Duschen hätte er ihn gefunden.

Blieben also Götter.

Mit welchem Motiv?

Da ihm keines einfiel, entschied Sam, die Geschichte der Stadt aus Jäger-Sicht komplett neu zu beleuchten. Was hatten andere in den letzten 20 Jahren unternommen?

Er durchstöberte die Blogs von Jägern, die er kannte, filterte die Einträge nach dem Suchbegriff Burkittsville und versuchte, den Links darin zu folgen. Ein bescheidener Start. Da der Blair-Witch-Mythos um die Jahrtausendwende entstanden war, gab es wenig elektronische Aufzeichnungen. Das Internet funktionierte damals anders als heute. Blogging übte die ersten, wackeligen Schritte im Netz; auf der Plattform Open Diary tummelten sich üppige 23 User. Das Führen von online Tagebüchern genoss nicht gerade Popularität, in Jäger-Kreisen schon gar nicht. Einige wenige Jäger hielten ihre Erkenntnisse allen Widrigkeiten zum Trotz auf Websites fest, doch taten sie das weder detailliert noch zuverlässig verlinkt.

Für Sam begann mühsame Faktenklauberei. Lückenhafte Notizen, rudimentäre Internetauftritte, ungepflegte Datenmengen. All das bot die Grundlage seines Neuanfanges.

Am Ende füllten die spärlichen Informationen in Text und Bild dennoch einige Seiten. Vernünftig strukturiert, entstand folgendes Ergebnis:

Dutzende Jäger gingen dem Schwindel um die Hexe von Blair auf den Leim. Nicht alle, die Burkittsville im Laufe der Jahre einen Besuch abstatteten, führten auch Buch, aber 57 hatten ihren Weg im Internet dokumentiert. 49 davon starben bei ihrem Ausflug.

Die lokalen Behörden fanden sie – vergiftet, ertrunken oder an einer Erkrankung gestorben, weil sie es nicht schafften, zwei Tage im Wald zu überleben. Into the wild für Jäger. Jeder, der sich aufmachte, wollte besser sein als der davor und scheiterte am Ende ebenso.

Sam wandte seinen Blick auch auf die, die zurückkamen. Jeder der acht schämte sich für seine Naivität und drückte diese auf die eine oder andere Weise aus. Sie begründeten dürftige Recherche mit Aufregung, oberflächliche Vorbereitung mit fehleingeschätzte Erfahrung. Unter dem Strich verbreiteten sie, vermutlich aus Selbstschutz, dass es im Black Hills Forest um Burkittsville keine Geheimnisse ‚mehr‘ gab. Sie tönten, alles sei erledigt, räumten in ihren Tagebüchern jedoch kleinlaut ein, wenig dazu beigetragen zu haben, die Wälder ‚sicherer‘ zu machen. In Jägerkreisen legte sich die Aufregung um das Dorf und die angebliche Hexe, noch bevor der unsäglich schlechte zweite Teil Book of Shadows auf VHS erschien.

Fazit: Erkenntnisse anderer Jäger gab es zwar, doch brachten diese den Fall nicht voran. Sams Vorgänger waren dem Mythos ebenso aufgesessen wie er und nun entweder tot oder aus Scham verschwiegen. Eine Sackgasse.

Wo könnte er als Nächstes ansetzen?

Vielleicht gab die Hintergrundgeschichte des Films The Blair Witch Project mehr her. Sam durchsuchte Websites, deren Aufhänger lautete: „15 Fakten über The Blair Witch Project, die du noch nicht kanntest“ und hangelte sich dann über Blogeinträge der Produzenten bis hin zum Werdegang der Schauspieler.

Er schaute YouTube-Videos, die versprachen, das Ende der Filme zu erklären, überflog Rezensionen aller drei Teile, inklusive des Bonus Materials ‚The Secret of Esrever‘. Der geheime Kurzfilm. Damals musste man den Film ‚Book of Shadows‘ rückwärts ansehen, den Satz auf einer Website eintragen und schaltete damit den Inhalt frei.

Die Website des Filmes ging vor acht Jahren offline und nahm die Hall of Fame derer, die ‚das Geheimnis von RÜCKWÄRTS‘ aufgedröselt hatten, sowie den Film mit sich ins Nirvana. Gut, dass es YouTube gab.

Aber Sam fand auch im geheimen Inhalt nichts, das ihn voranbrachte.

Zu seinem Erstaunen trugen die Videos meist ein jüngeres Datum. Zum Teil nur wenige Monate alt. Das Fandom mochte winzig sein, doch der Mythos lebte nach wie vor.

Kein Wunder, denn mit The Blair Witch Project hatten die Produzenten etwas erschaffen, das die Filmgeschichte bis heute verändert hatte.

Mit nur acht Tagen Drehzeit, einem winzigen Drehbuch, einer Postproduktion von über neun Monaten, sowie einem Startkapital von nur 23.000 US Dollar, stellte der Film allein statistisch eine Besonderheit dar. Die Daten setzten sämtliche Erwartungen auf ein Minimum. Und dann schlug der Streifen ein wie eine Bombe!

Die wahre Kunst vollbrachten die Macher im Hintergrund. Sie nutzten das neu aufkommende Medium „Internet-Blogs“, in denen sie eine Legende erschufen. Nicht nur vor Film-Release! Sie setzten die Maschinerie bereits vor Dreh und Casting in Gang.

Mit dem Erfolg, dass die Schauspieler die Story und die Hexe für bare Münze nahmen, als sie engagiert wurden. Warum auch nicht? Die Hexe von Blair hatte einen detaillierten Lebenslauf, der durch die Verbreitung im Netz viele Menschen erreichte. Niemand hinterfragte die Legende.

Höre ein Gerücht aus einer Quelle und du zweifelst; höre es ein zweites Mal woanders und du fängst an zu glauben. Eine simple Gleichung.

Die Legende um die Hexe verselbständigte sich. Jeder schien etwas dazu beizutragen. Einmal ins Netz gebracht, passierte der Rest ohne weitere Kraftanstrengung.

Dan Myrick und Ed Sánchez krönten ihre Erfindung der Hexe von Blair mit dem erfolgreichsten Low-Budget-Film der Geschichte. Dieser bildete sozusagen den Abschluss ihres Projekts.

Das Drehbuch bestand aus nur 35 Seiten. Es beinhaltete keinerlei Dialoge und skizzierte das Konzept der „Heldenreise“ grob. Die Schauspieler bekamen Handkameras und wurden allein in die Wälder geschickt. Der Rest baute auf Improvisation.

Den Handlungsort des Kunst-Films, Burkittsville, wählten die Macher nicht ohne Grund. Die Gemeinde entstand um 1824, sie besaß also wenig eigene Historiografie. Sánches und Myrick führten Interviews mit den Dorfbewohnern in dem Stil: „Wie ist Ihre Meinung dazu, dass Rustin Parr im Winter von 1940/41 acht Kinder entführt hat?“ Weder die Existenz von Rustin Parr noch die Entführungen wurde von irgendwem angezweifelt, als vor laufender Kamera fieberhaft nach einer Antwort gesucht wurde.

Auch die Entstehungsgeschichte von Burkittsville legten beide den Bewohnern in den Mund. Das Dorf sei genau auf dem ehemaligen Blair gegründet worden, in dem die berühmte Hexe Elly Kedward getötet wurde. Niemand widersprach.

In der überschaubaren Siedlung lebten damals knapp 180 Einwohner. Ein Leichtes, das Phänomen der Massenerinnerung bei ihnen hervorzurufen.

Die Interviews, die die Schauspieler im Rahmen des Drehs führten, fanden statt, nachdem die Macher im Dorf waren. Daher wirkten die Gespräche auf den Handycams absolut authentisch. Die Darsteller wurden eins mit der Rolle. Bald hielten sie die Hexe selbst für echt.

Während ihrer Arbeit verirrten sich die Schauspieler im Wald. Obwohl sie sich ständig unter Beobachtung der Produzenten befanden, war ihre Angst real. Nach Drehende wurden sie zwar aufgeklärt, sollten aber eine Weile Stillschweigen bewahren.

Die Rechnung ging auf! Viele Menschen glaubten, der Film sei aus dem aufgefundenen Material von drei Studenten zusammengeschnitten worden, die in den Wäldern seit Oktober 1994 als vermisst galten.

Es ging sogar so weit, dass die Eltern von Heather Donahue, Joshua Leonard und Michael Williams Beileidsbekundungen bekamen.

Sam schluckte. Ein Mythos, verbreitet über das Internet? Das schrie geradezu nach einer Tulpa! Jenes seltsame Wesen, das durch den Glauben der Menschen entsteht.

Doch Myrick und Sánchez deckten ihr ‚Projekt‘ auf, kurz nachdem die Eltern der Schauspieler behelligt wurden. Sie teilten im Netz die Einzelheiten, legten alle Gerüchte sowie Erfindungen offen dar.

Das hätte jede Tulpa zerstört. Selbst wenn Fans an ein Fünkchen Wahrheit in der Legende glaubten, hätte es niemals ausgereicht, eine Tulpa am Leben zu halten.

Die Entscheidung, es offen zu legen, brachte Myrick und Sánchez reichlich Lob für ihren Einsatz, ihre Planung und die Verschwiegenheit an den richtigen Stellen.

Ein absolut sagenhaftes Projekt, das seinesgleichen sucht. Nie wieder erreichte ein Film einen derartigen Bekanntheitsgrad, auch wenn es mit Bloody Mary, Slenderman und diversen anderen Titeln versucht wurde. Noch heute wird die Found-Footage-Technik angewendet, mit der Myrick und Sánchez ein komplett neues Genre erschufen.

Sam erinnerte sich an den Fall um Mordechai Murdoch.

Das Wesen, das sich mit dem Glauben der Menschen veränderte. Allein dieser entschied über dessen Dasein, Geschichte, Hintergrund, sogar über die Art, es zu vernichten.

Ganz ähnlich dem Blair-Witch-Mythos.

Ein Ritual und ein tibetanisches Geisterzeichen schufen die Existenz von Mordechai, eine Verbreitung im Netz modifizierte die Einzelheiten.

Die Parallelen erschreckten Sam geradezu. Ins Auge fiel das „In-der-Ecke-stehen-und-die-Wand-Anstarren“. Sowohl Mordechai als auch der Junge aus dem Blair-Witch-Film tat das. War ihm nie aufgefallen!

Einen derartigen Weg hatten die Produzenten mit Sicherheit nicht beschritten. Zumal das, was Dean erlebt hatte, den Einflussbereich eines Geist-Wesens bei weitem überstieg. Auch Sams Tat, fremdgesteuert seinen Bruder zu verletzen, fügte sich nicht in das Handlungsmuster einer Kreatur, die aus reiner Gedankenkraft und Fantasie entstanden war.

Es musste etwas anderes sein. Eine Erscheinung, mit mehr Macht über Menschen und Zugriff auf deren Unterbewusstsein.

Sam fiel die Muse ein, der sie in einem Schüler-Theater begegnet waren. Dort wurde das Stück ‚Supernatural‘ aufgeführt. Das gottähnliche Wesen mit dem Namen Kalliope fand Gefallen an der Geschichte, weshalb sie diese unter allen Umständen weiterleben lassen wollte. Sam bekämpfte sie mit einem geweihten Pflock und vernichtete sie, noch während der Premiere. Das war etwa gegen Ende 2014.

Eine Muse hätte durchaus die Macht, Dean im Kreis herumzuführen. Auch Sams Unterbewusstsein könnte sie übernehmen. War Kalliope die einzige Muse? Ein Blick ins Internet zeigte Sam, es gab acht weitere.

Melpomene: Tragödie, Terpsichore: Lyrik, Thaleia: Komödie, Klio: Geschichte, Euterpe: lyrische Poesie, Erato: Liebesdichtung, Urania: Sternenkunde, Polyhymnia: Tanz, Pantomime, Kalliope: Hauptmuse; heroische Dichtung, Epik.

Er straffte seine Haltung. Musen also. Wesen aus der griechischen Mythologie. Ihnen oblag die Macht des Göttlichen. In ihrem Interesse lag es, Geschichten lebendig werden zu lassen und zu halten. Plural! Je mehr, desto besser.

Doch schon die nächsten Ergebnisse aus der Suchmaschine ließen ihn an der Beteiligung einer Muse zweifeln.

Blair Witch Fanfiction: Im gesamten Netz nur 51 Storys, verteilt auf einer einzigen, englischsprachigen Seite, die meisten als Crossover. Die letzten Veröffentlichungen ausschließlich über Blair Witch Ende 2016, als der zweite ‚zweite Teil‘ herauskam. Sam seufzte. Nach zwanzig Jahren war die Geschichte einfach tot.

Die Verfechter der ‚wahren‘ Story um die Hexe von Blair betrieben lediglich ‚Forschung‘ an den Filmen, um der Ursache von unerklärlichen Phänomenen im Film auf den Grund zu kommen. Moderne Bibelforschung mit selbsternannten Experten.

Also keine Muse. Blieb der Mythos selbst.





*********
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast