Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Fragmente einer vierten Staffel Alternative

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Adrien Agreste / Chat Noir Marinette Dupain-Cheng / Ladybug
09.07.2022
13.08.2022
12
59.735
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
06.08.2022 5.649
 
Capitaine Lom ging die Berichte durch, die sich mit den kriminellen Aktivitäten einer Gruppe algerischer Flüchtlinge beschäftigten – Drogen- und Waffenschmuggel, Erpressung, Geldwäsche, Zwangsprostitution, Schutzgelderpressung, Bandenkrieg… Wenn sie die Bande ausheben konnten, würde dies das Image der unbescholtenen Algerier vielleicht verbessern. Es fehlten nur noch wenige Informationen, und dann konnte man hoffentlich das gesamte Netzwerk zerschlagen. In zwei Stunden würde er mit einem seiner Agenten zusammentreffen, um die letzten Anweisungen zu erteilen.
Mit etwas Glück würde er diesen Fall in einer Woche abschließen und alle Unterlagen der Staatsanwaltschaft übergeben können. Die Rohentwürfe mit den Anweisungen für die verschiedenen Polizeidienststellen, die in den entsprechenden Distrikten zuständig waren, waren bereits geschrieben. Der Rechtsberater seiner Abteilung hatte das gesammelte Material gesichtet und einem Staatsanwalt vorgelegt. Dieser wiederum hatte grünes Licht zur Verhaftung der Gruppe gegeben und zugesagt, die Haftbefehle zügig auszustellen, sobald die Anfrage käme.
Er machte sich Notizen, die er mit seinem Agenten absprechen wollte, als es an der Tür klopfte. „Herein!“
Colonel Lapierre trat ein. Er sah müde aus und kam auch gleich zum Punkt. „Capitaine, ich habe in zwanzig Minuten eine Unterredung mit dem Innenminister. Es wird unter anderem auch um die Operation Superhelden gehen. Ich weiß, dass sie mir alle ihre Berichte hierzu bereits zugesendet haben, aber ich möchte noch ein kurzes Resümee von ihnen haben.“
„Natürlich, mon Colonel. Nach mehreren Wochen Funkstille sind die beiden Superhelden wieder aktiv geworden. Sie sind vornehmlich im Ausland aktiv, daher sind unsere Informationen auf das beschränkt, was wir aus den Medien und den Kollegen vom Auslandsdienst erfahren können. Augenscheinlich beschränken sie sich zurzeit darauf, bei kleineren Zwischenfällen die Betroffenen zu unterstützen, kleine Feuer zu löschen und bei Banküberfällen mit Geiselnahme erfolgreich die Täter zu überwältigen.
Zwei solcher Fälle haben hierbei ein größeres Interesse hervorgerufen. In Italien stellte sich heraus, dass der Vater zweier Bankräuber der Polizeipräsident des entsprechenden Distriktes war. Man ermittelt wegen des Verdachts der Strafvereitelung gegen ihn. Es gab eine Reihe weiterer Banküberfalle, die man den beiden anlasten kann, und man vermutet, dass er sie gedeckt hat.
Auch in den USA wurden sie einmal tätig und kamen einer dort zuständigen Gruppe von Superhelden zuvor, die sich auf die Überwältigung des Bankräubers vorbereitet hatte. Man hat ihnen daraufhin nahegelegt, dass sie sich vorher bei den Superhelden dort anmelden sollen, wenn sie eingreifen wollen, damit es nicht zu Störungen oder sogar Unfällen kommt.
Es gibt auch unbestätigte Meldungen, dass sie in Hong Kong einen Überfall verhindert haben. Die Medien dort haben allerdings kein Wort darüber verloren, und Augenzeugen des Banküberfalls, die darüber in den sozialen Medien berichtet hätten, seien verhaftet, nach kurzer Zeit wieder entlassen und ihre Einträge in den Medien gelöscht worden.
Soweit ist unsere derzeitige Faktenlage.“
„Was glauben sie, bezwecken die beiden damit?“
„Ich kann nur mit Spekulationen dienen. Der Vorwurf, den die Chinesen erheben, lautet, dass sie Mitglieder einer terroristischen Gruppierung seien, weil das auch bei uns strafbar ist. Die beiden könnten also versuchen zu beweisen, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Indem sie der Öffentlichkeit demonstrieren, dass sie ihre Fähigkeiten zum Wohle der Bürger einsetzen, haben sie eine positive Publicity und bringen die Menschen dazu, sich für ihre Belange einzusetzen. Das Resultat war hier in ganz Frankreich zu spüren.“
„Und in China will man erst gar nicht in die Verlegenheit kommen, dass die beiden dort einen Heldenstatus erlangen.“
„Exakt!“
„Gibt es sonst noch interessante Informationen?“
„Bei Überfällen mit mehreren Tätern wurden diese zeitgleich von Kopien der Superheldin überwältigt.“
„Könnten es so genannte Sentimonster sein?“
„Das ist möglich, Allerdings tauchten sie zeitgleich aus dem Nichts auf – an verschiedenen Stellen. Und gemäß unseren Informationen ist es nicht möglich, mehrere solche Reiseportale zeitgleich zu erstellen.“
„Wir wissen zu wenig über ihre Möglichkeiten. Sonst noch irgendetwas? Irgendwelche Ideen, was in den Wochen zwischen ihrem Untertauchen und ihrem erneuten Auftauchen passiert ist?“
„Es gibt keinerlei Hinweise. Eine Spekulation ist so gut, wie jede andere auch.“
„Ich verstehe. Nun tja, ich kann dem Minister wenigstens etwas mitteilen – und im Notfall an die Verteidigungs- und Außenminister verweisen. Danke für das Briefing.
Übrigens, ich habe mitbekommen, sie wollen die algerische Gruppe festsetzen lassen?“
„Der Staatsanwalt meinte, dass das gesammelte Material für eine Anklage ausreiche. Wir brauchen hoffentlich nur noch ein paar Informationen, um die ganze Gruppe zu fassen.“
„Gute Arbeit. Halten sie mich bitte auf dem Laufenden.“
„Natürlich, mon Colonel.“
Sie verabschiedeten sich.

Er fühlte sich erledigt, und sein Magen knurrte. Seit gut 40 Stunden hatte er nicht mehr geschlafen. Er stand nackt im Wasser und versuchte, den Geruch nach Asche und verbranntem Plastik und sonstigen verbrannten Dingen abzuwaschen. Er hatte jedoch das Gefühl, dass ihm das nur mit mäßigem Erfolg gelang, wobei er nicht glaubte, dass das an der Seife lag, die Marinette ihm gegeben hatte – die biologisch schnell abbaubar und umweltschonend war. Er hielt inne. Der Tag heute hatte gezeigt, dass auch ihnen Grenzen gesetzt waren, Miraculous und Superkräfte hin oder her. Was ihn jedoch weit mehr beunruhigte, war die Sorge, wie es sich auf Marinette auswirken würde. Als sie sich vor einigen Minuten getrennt hatten, um sich getrennt zu waschen, war sie leichenblass gewesen.
Es hatte ihn überrascht und auch mit Stolz erfüllt, wie sie trotz ihrer Erschöpfung immer weiter und weiter gemacht hatte, als er sich schon längst gewünscht hatte, dass sie eine Pause einlegten oder gar das Ganze abbrachen. Nur wegen ihr hatte er sich gezwungen durchzuhalten.
Er lächelte versonnen. Seit vier Wochen waren sie jetzt zusammen, und doch überraschte sie ihn immer wieder, schaffte es, dass er das Bild, das er sich von ihr gemacht hatte, über den Haufen werfen musste.
Die ersten zwei Wochen nach ihrer Flucht aus dem Kloster waren anstrengend gewesen. Er hatte erfahren müssen, wie stur und eigensinnig sie wirklich sein konnte, und er hatte lernen müssen, wie er damit umgehen sollte.
In dieser Zeit hatten sie versucht, sich mit der Tatsache einzurichten, dass sie komplett auf sich selbst gestellt waren. Sie hatten entschieden, dass sie täglich die Schlafstatt wechselten, um es eventuellen Verfolgern zu erschweren, sie aufzuspüren und zu überraschen. Sie hatten immer Plätze abseits menschlicher Besiedlungen gewählt mit Zugang zu frischem Wasser. Aber nicht alle Plätze, die sie fanden und die einladend aussahen, waren es auch. Bisweilen wurden sie von Mücken oder anderem Getier geplagt.
Er musste zugeben, dass er ohne sie komplett verloren gewesen wäre. Sie hatte Ideen, wie man ein Lager aufbaute, Essen aus der Natur organisierte und zubereitete, und sie wusste, wie sie ihre Sachen am besten in Ordnung hielt, und sie teilte ihr Wissen bereitwillig mit ihm.
Zuerst waren sie in ihr Zimmer in Paris zurückgekehrt, weil sie Decken für sie beide holen wollte. Die Decken hatte sie nicht vom Orden stehlen wollen. Er war bei ihr geblieben, weil er nicht von ihr getrennt werden wollte. Er hatte ihre Tränen gesehen, als sie sich in ihrem Zimmer umsah, das ihre Eltern unberührt belassen hatten, bevor sie vier Decken, einen Schlafanzug, ihre Campingausrüstung und eine Reisetasche geholt hatte.
Danach hatte sie sie beide in einen Mischwald versetzt. Sie hatten Glück mit dem Platz gehabt, eine Quelle war nahe gewesen, das Wasser sauber, auch ein Bach war in der Nähe, der voller essbarer Fische war.
Sie hatte zuerst versucht, das Zelt allein aufzubauen, doch war es ihr nicht gelungen. Nach mehreren Fehlversuchen hatte er gefragt, was denn wie aufgebaut werden solle, hierbei stellte sich heraus, dass früher ihr Vater immer geholfen hatte, und sie hatte erklärt, wie sie es sich vorstellte. Er hatte ihre Fehler gefunden, und kurz darauf war das Zelt stabil gestanden. Es war recht klein, aber sie passten mit ihren Besitztümern gerade so hinein, und das war die Hauptsache. Auf die recht schmale Isomatte wurden zwei Decken gelegt, und mit zwei weiteren Decken konnten sie sich zudecken.
Während sie ihre Notdurft draußen verrichtet hatte, hatte er sein Schlafzeug angezogen, und während er sich im Anschluss erleichtert hatte, hatte sie sich umgezogen. Danach hatten sie sich aneinander gekuschelt, und sie war recht schnell eingeschlafen. Ihm war dabei recht warm geworden, und er hatte wesentlich mehr Zeit zum Einschlafen gebraucht.
Als er am nächsten Morgen jedoch aufgewacht war, war er um ihre Wärme dankbar gewesen, da es doch empfindlich abgekühlt hatte und es draußen begonnen hatte zu regnen. Er hatte überlegt, ob er aufstehen solle, dann aber entschieden, liegen zu bleiben, da er Marinette nicht hatte wecken wollen und er ohnehin nicht gewusst hatte, was er hätte tun sollen.
Er genoss die Zeit, wenn er mit ihr zusammen lag. Egal, wie die Tage auch verlaufen waren, sobald sie sich abends aneinander gekuschelt niederlegten, hatte er das Gefühl, dass alles in Ordnung war. Sie schlief meistens schneller ein als er, und er wachte früher als sie auf. Meistens drehten sich dann seine Gedanken um sie, wie wunderbar es war, mit ihr zusammen zu sein, und er achtete auf ihre Signale, die ihm sagten, wann sie aufwachen würde.
Einmal hatte er versucht, sich nach draußen zu stehlen und Frühstück zu machen, doch sie war dabei aufgewacht und hatte sich dann nicht mehr hinlegen wollen. Im Gegensatz dazu gelang es ihr meist unbemerkt, nach draußen zu gehen und zurückzukehren, wenn sie mal musste. Schlief er tatsächlich so fest?
An ihren ersten gemeinsamen Tagen in Freiheit hatten sie Pläne geschmiedet und versucht, ihren Alltag zu organisieren. Sie hatte ihm gezeigt, wie man Fische mit einem zugespitzten Stock aufspießte, ausnahm und über einem offenen Feuer zubereitete, wie man Wasser abkochte, wenn es nicht frisch war, und vieles mehr. Sie hatte ihm auch das Buch „Überleben in der Wildnis“ in die Hand gedrückt, und er hatte es verschlungen.
Zeit zum Lesen hatte er zu seinem Leidwesen immer dann gehabt, wenn sie etwas ausprobiert und es nicht auf Anhieb funktioniert hatte. Er wusste nicht warum, aber augenscheinlich hatte sie es sich in den Kopf gesetzt, Dinge erst einmal selbst zum Laufen zu bringen. Erst nach dem dritten oder vierten Nachfragen hatte sie ihm dann erklärt, was und warum sie etwas tun wollte. Meist hatten sie es dann in kurzer Zeit zusammen geschafft, ihre Idee umzusetzen.
Das hatte sich zum Glück nach etwa zwei Wochen gelegt. Inzwischen kam sie von selbst zu ihm, wenn sie eine Idee hatte, und erklärte ihm, wie sie sich etwas vorstellte und wofür sie es benötigte. Meistens dachte sie hierbei zu kompliziert, und er konnte mit einfacheren Ansätzen ihre Ideen umsetzen. Manchmal war es doch von Vorteil, einfach gestrickt zu sein. Er fragte sich, warum der Stachel immer noch saß.
Nach etwa zwei Wochen hatten sie sich aufeinander eingespielt, und jeder von ihnen konnte im Prinzip das, was der andere auch konnte, und sie teilten sich die Arbeit auf. Marinette war schneller und geschickter beim Waschen und Ausbessern ihrer Wäsche, während er sich bei der Zubereitung der Mahlzeiten als geschickter erwies. Sie konnten inzwischen Unterstände errichten und waren nicht mehr auf das kleine Zelt angewiesen, so dass sie auch mal mehr Platz hatten. Zu seiner Erleichterung führte dies nicht dazu, dass sie nachts auf Distanz zueinander gingen.
Sie hatten inzwischen auch Vorräte an Nahrungsmittel gesammelt und lagerten diese tiefgekühlt in verschiedenen Höhlen in der Antarktis. Dort lagerten sie auch Dinge, die sie nicht ständig benötigten. Er hatte nach Absprache mit Marinette auch sein Konto für Notfälle geplündert und das Geld wie Marinette in den verschiedenen Höhlen verteilt.
Als große Herausforderung hatte es sich herausgestellt, die Zutaten für die Power-Ups der Kwamis zu erhalten. Sie hatten drei Wochen gebraucht, bis sie alles beisammen hatten.
Marinette hatte auch einen kleinen Generator erschaffen, der sie mit Energie versorgte. So konnten sie Marinettes Laptop und ihre Smartphones immer wieder laden.
Er hatte Marinette gefragt, ob sie jetzt permanent als Vagabunden leben wollten, und sie hatte es vehement verneint. Sie wollte zu ihren Eltern zurückkehren, ohne Angst haben zu müssen, dass dann die Behörden erschienen und sie verhafteten. Hierzu würden sie schlussendlich die französische Regierung dazu bringen müssen, den Haftbefehl Chinas zu ignorieren, oder die chinesische Regierung dazu zu bringen, den Befehl zurückzuziehen. Der zweite Weg war hierbei vorzuziehen, denn wenn China freiwillig darauf verzichtete, würde das die wenigsten weltweiten Nebenwirkungen haben. Im anderen Fall würden sie die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit Chinas untergraben müssen, und darunter würden viele Menschen weltweit leiden - auch in China.
Marinette hatte daher vorgeschlagen, dass sie als Superhelden weltweit tätig würden, um zu beweisen, dass sie keine Terroristen sind, sondern Wohltäter. Wenn sie weltweit in etwa das Gleiche erreichen konnten wie in Frankreich, wo Proteste wegen der Fahndung nach ihr das halbe Land lahm gelegt hatten, hätten sie viel erreicht. Da keine Superschurken zu bekämpfen waren, hatte sie vorgeschlagen, bei normalen Verbrechen wie Bankraub oder Geiselnahmen einzugreifen, wo Menschen gefährdet werden konnten, oder bei normalen Katastrophen den Menschen zu helfen.
Nachdem sich ihre Alltagsroutine so eingespielt hatte, dass sie Zeit für Heldentaten erübrigen konnten, hatten sie damit begonnen, den weltweiten Polizeifunk mit Hilfe eines extra dafür erschaffenen Gerätes abzuhören, das bequemerweise ins Französische übersetzte und die Nachrichten filterte, und waren tätig geworden. Zuerst hatten sie sich nur die Fälle ausgesucht, wo Einzeltäter auftraten. Marinette hatte in der Hasenhöhle überprüft, wie die Gegebenheiten waren, sich mit Pollen, Tikki, Wayzz und Kaalki vereinigt, und er hatte Sass erhalten, damit sie erneut eingreifen konnten, wenn etwas schief ging.
Innerhalb einer Woche hatten sie ihr Vorgehen perfektioniert. Mit Voyage kamen sie direkt zum Täter oder zur Täterin, mit dem Jo-Jo verhinderte Marinette, dass der Verbrecher oder die Verbrecherin ihre Waffen einsetzte, wenn es notwendig war, mit Schutzschild verhinderte sie, dass bei einem Fehlschuss jemand verletzt wurde, und mit Betäubung betäubte er den Bankräuber oder die Bankräuberin.
Nachdem sie das beherrschten, hatten sie die nächste Stufe in Angriff genommen – die Auseinandersetzung mit mehreren Tätern gleichzeitig. Hierzu hatte Marinette getestet, ob Mullo sich mit den bereits vereinigten Kwamis zusätzlich vereinigte und ob bei Vervielfältigung dann die kombinierten Superhelden sich ebenfalls vervielfältigten. Das war der Fall, brachte jedoch einige seltsame Nebeneffekte mit sich. Nach einem solchen Einsatz war Marinette extrem erschöpft und konnte sich für einige Stunden nur mit Mühe erneut in einen oder mehrere Superhelden verwandeln. Je mehr Superhelden sie erzeugt hatte, desto länger hielt dieses Phänomen an.
Des Weiteren waren diese vervielfältigten Superhelden nicht autonom. Man konnte sie auf Standardsituationen konditionieren, sobald jedoch eine überraschende Wendung auftrat, wurden alle Superhelden blockiert – Marinette beschrieb es so, als würde sie auf einmal gleichzeitig mit den Sinnen alle Helden schmecken, hören, riechen, sehen und fühlen, und sie könne es dann nicht mehr dem einzelnen Superhelden zuordnen.
Nachdem sie die Superkraft eingesetzt hatte, musste sie sich vor Ablauf der Zeit wieder vereinigt haben. Hatte sie das nicht, konnte sich Mullo nicht von ihr trennen, und sie hatte das Gefühl, zerrissen zu werden. Bei ihrem ersten Einsatz, den sie unter diesen Bedingungen durchführte, war das aufgetreten, weil sie die Orientierung verloren und länger gebraucht hatte, um die Wiedervereinigung durchzuführen. Zu ihrem Glück waren sie jedoch so nahe beieinander gewesen, dass sie wenige Sekunden später sich doch noch vereinigen konnten. Für Mullo war dieser Prozess nicht weniger schmerzhaft gewesen.
Seltsamerweise konnte sie sich von einzelnen Kwamis in diesem Zustand trennen, eine Vereinigung zu einer einzelnen Multiheldin war jedoch nur möglich, wenn sie sich mit dem getrennten Kwami wieder vereinigt hatte. Auch dieser Prozess war für alle Beteiligten nicht angenehm, aber wenigstens machbar.
Ein weiterer seltsamer Effekt war, dass sie die Miraculous nicht abnehmen konnte – sie waren fest mit dem Superhelden verwachsen. Erst nach der Wiedervereinigung konnte man sie wieder abnehmen.
Wenn Mullo sie verwandelte, sie sich dann vervielfältigte und dann die einzelnen Superhelden sich mit einem oder mehreren weiteren Kwamis vereinigte, traten diese Effekte nicht auf.
Aufgrund dieser Effekte griffen sie pro Tag nur einmal ein, wenn mehrere Täter beteiligt waren, vorzugsweise dann, wenn sie sich ohnehin bald zur Ruhe legen wollten und auch nur dann, wenn es keinen anderen Fall gab, wo sie effektiv unterstützen konnten.
Es bereitete ihm allerdings Bauchschmerzen, sie mit so vielen Kwamis vereinigt zu sehen. Er wusste, dass er mit drei Kwamis an seine Grenzen kam. Und doch bewunderte er sie für diese Fähigkeit.
Sie hatten bei ihren ersten Einsätzen immer mehrere Anläufe benötigt, weil hier ein Höchstmaß an Koordination erforderlich war. Vor allem der eine Bankraub in den USA hatte sich als schwierig herausgestellt. Durch das Eingreifen der lokalen Superhelden war immer wieder etwas schief gelaufen, und er hatte vorgeschlagen, sich um diesen Bankraub nicht zu kümmern. Marinette hatte jedoch dickköpfig darauf bestanden, dass sie auch den Superhelden in den USA zeigen wollten, wozu sie fähig seien, so dass sie über 30 Anläufe benötigt hatten, bis auch dieser Einsatz ein befriedigendes Ende gefunden hatte. Allerdings hatten sie im Anschluss eine Standpauke von Majestia über sich ergehen lassen müssen, die sie zwar für ihren Einsatz gelobt, aber auch klargestellt hatte, dass sie sich vorher anmelden sollten, wenn sie eingreifen wollten, um Zwischenfälle zu vermeiden. Während er ihr insgeheim Recht gab, hatte er gesehen, dass Marinette davon nicht überzeugt gewesen war. Sie hatten dann aber die USA nicht mehr besucht, weil es auch so mehr als genug Möglichkeiten gab, Menschen zu helfen.
Ihre Einsätze in China fanden aber kein mediales Echo. Sowohl der Bankraub, der Schlag gegen die Triade, die Schutzgeld zu erpressen versucht hatte, als auch das Löschen eines Waisenhauses mit behinderten Kindern, das Opfer eines Brandanschlages geworden war, wurden von den Medien totgeschwiegen.
Das war ein weiteres Betätigungsfeld, in dem sie sich versuchten – bei alltäglichen Unglücken zu helfen. Das Power-Up der Kwamis, das sie feuerfest machte, war sehr nützlich bei Bränden. Vereint mit Longg konnte sie dann auch kleine Brände löschen, bei großen Bränden musste sie sich hierfür immer wieder zurückverwandeln, weil ihr die Zeit davonlief.
Nachdem sie ihren Alltag mehr oder minder routinemäßig im Griff hatten und sie auch erste Erfolge als internationale Superhelden errungen hatten, hatte Marinette begonnen, wieder Selbstvertrauen zu tanken und sich zu entspannen. Sie war nicht mehr so fixiert auf das Ziel, nach Hause zurückzukehren, und sie hatte endlich wieder etwas Spaß. Und er hatte feststellen müssen, was für ein Schelm sie sein konnte. Sie hatte begonnen, ihm kleine, harmlose Streiche zu spielen, die jedoch auch immer Belohnungen für ihn beinhalteten. Insgeheim hatten ihn ihre Streiche amüsiert, und er wartete immer gespannt darauf, was sie sich neues ausdenken würde, aber vor zwei Tagen hatten sie es dann etwas übertrieben, und er hatte sie daraufhin hochgehoben, die wenigen Schritte zum See zurückgelegt und sie wild strampelnd in ihren Schlafsachen in den See plumpsen lassen – zur Abkühlung. Daraus hatte sich zwischen ihnen beiden eine Wasserschlacht entwickelt.
Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so viel Spaß gehabt zu haben und so viel rumgetobt zu sein. Als er nach einer Stunde oder so einen Waffenstillstand angeboten hatte, hatte sie diesen willig akzeptiert. Die Friedensverhandlungen hatten sie dann in Unterwäsche auf ihrem Nachtlager eng aneinander gekuschelt geführt, um sich gegenseitig zu wärmen. Ihre Schlafanzüge mussten noch trocknen. Er hatte sich bei ihr für diesen unvergesslichen Abend bedankt, und den Erfolg der Verhandlungen hatten sie mit ihrem ersten gemeinsamen lang gezogenen Kuss untermauert.
Dann war gestern Morgen gekommen. Sie hörten, dass die Buschbrände in Australien in Rekordzeit katastrophale Ausmaße angenommen hatten, zahlreiche Straßenverbindungen unterbrochen und mehrere Siedlungen von Flammen bedroht waren. Man ging sogar von Brandstiftung aus. Sie waren sich schnell einig gewesen, dass sie eingreifen wollten, und hatten entschieden, diesmal ihren Lagerplatz nicht zu verlegen, sondern sofort einzugreifen. Sie hatten hastig ein Frühstück gegessen und sich zu einer australischen Feuerwache in der Nähe der Brände teleportiert. Dort hatten sie einen der anwesenden Feuerwehrleute gefragt, wo sie am effektivsten helfen konnten. Der hatte sie an eine Zentrale verwiesen, wo alles koordiniert wurde. Dort war man zuerst wenig begeistert von ihrem Auftauchen gewesen, bis sie erklärten, dass sie die Leute evakuieren wollten.
Zwei Feuerwehrleute sollten sie begleiten, um ihren Anweisungen Nachdruck zu verleihen. In den ersten vier Siedlungen hatten bereits die ersten Häuser in Flammen gestanden, den Leute dort hatte man nicht erklären müssen, dass die Sache inzwischen brenzlig geworden war. Vereint mit Longg hatte Marinette die Flamme vorläufig löschen können, während er prüfte, ob tatsächlich alle Bewohner und Haustiere die Häuser verlassen und sich auf einem großen Platz versammelt hatten. Als sie sich sicher gewesen waren, dass alle anwesend waren, hatte Marinette sie alle in ein großes Fußballstadion teleportiert, wo Rasensprenger noch dabei waren, den Rasen zu wässern. Die Platzwarte waren alles andere als begeistert gewesen, dass hier plötzlich hunderte Menschen auftauchten und Tiere ihre Hinterlassenschaften dort deponierten. Darauf hatten sie jedoch keine Rücksicht genommen und die Geretteten gebeten, Platz für die nächste Gruppe zu machen.
Pro Siedlung hatten sie 20-40 Minuten gebraucht, abhängig von der Größe, bis alle evakuiert waren. Dann kamen Siedlungen, die noch nicht brannten, aber bereits von der Außenwelt abgeschnitten waren. Die Leute dort hatten den Ernst der Lage noch nicht vollständig erkannt und sich dementsprechend Zeit gelassen, so dass es jeweils knapp eine Stunde gedauert hatte, bis alle zusammen gewesen waren und evakuiert werden konnten.
Es war gekommen, wie es hatte kommen müssen. Einige Siedlungen hatten bereits lichterloh gebrannt, als sie eingetroffen waren, und es hatte zahlreiche Tote und Verletzte zu beklagen gegeben. Sie hatten sich dementsprechend einiges an Vorwürfen anhören müssen, und er hatte es Marinette angesehen, wie sehr es ihr unter die Haut gegangen war.
Nachdem alle Siedlungen evakuiert worden waren, hatte der Feuerwehrchef gefragt, ob sie auch bei der Rettung von Autoinsassen helfen könnten, die die Straßen nicht mehr verlassen konnten. Sie hatten natürlich ja gesagt. In einem Rettungsflugzeug waren sie daraufhin unterwegs gewesen, und wann immer sie etwas gesehen hatten, war einer von ihnen abgesprungen und hatte die Insassen aus ihrer misslichen Situation befreit. Aber auch hier war ab und zu jede Hilfe zu spät gekommen. Einmal hatten sie auch die Insassen eines abgestützten Löschflugzeuges gerettet.
Wann immer das Flugzeug, in dem sie sich gerade befunden hatten, zum Nachtanken hatte zurückfliegen müssen, waren sie zur Zentrale teleportiert, die das nächste Flugzeug startklar gemacht hatte, und sie hatten die Pause genutzt, um etwas zu essen und zu trinken.
Schließlich war jedoch der Punkt erreicht worden, an dem sie einfach wegen Erschöpfung nicht mehr konnten, und da das Flugzeug sich ohnehin auf den Rückweg gemacht hatte, hatten sie sich verabschiedet und waren zu ihrem Lager zurückgekehrt. Sie hatten ihr Waschzeug geholt und waren wortlos zum See getrottet, ehe sie sich an der Landzunge getrennt hatten, um sich zu waschen.
Er machte sich Sorgen um Marinette. Vorgestern noch hatte es geschienen, dass sie sich von ihrer Depression (er wusste nicht, wie er sonst ihren Zustand hätte beschreiben sollen) erholen konnte, aber der letzte Einsatz konnte wieder alles zunichtemachen. Marinette würde möglicherweise nur an die denken, die sie nicht hatte retten können, und er befürchtete, dass sie das wieder komplett zurückwerfen würde.
Er hielt inne. Hörte er ein Schluchzen? Es überraschte ihn nicht. Ihm war ebenfalls nach Weinen zumute. Als das Schluchzen und Weinen lauter wurde, kämpfte er kurz mit sich, stieg dann die Landzunge empor und folgte dem Weinen. Marinette kniete im Wasser, ihre Hände bedeckten ihr Gesicht.
Er trat zu ihr, kniete sich ihr schräg gegenüber hin und umarmte sie vorsichtig. Sie erwiderte die Umarmung und grub ihr Gesicht in seine Schulter. Er legte sein Kinn auf ihren Kopf, spürte das Kratzen ihrer Haarstoppeln und begann, sachte ihren Rücken zu streicheln. Er merkte kaum, wie er immer wieder die gleichen Worte wiederholte: „Alles wird gut, Marinette, ich bin bei dir.“ Hierbei rollten seine eigenen Tränen die Wangen herab.
Schließlich ließ ihr Schluchzen nach, und er fühlte, wie sie zusammensackte. Sie hatte sich in den Schlaf geweint. Er wechselte vorsichtig seine Stellung, setze seinen Fuß auf und zog sie hierbei mit hoch. So konnte er mit einem Arm unter ihre Oberschenkel greifen und sie tragen. Danach stand er auf und trug sie vorsichtig zu ihrem gemeinsamen Nachtlager. Mit einem Fuß konnte er die Decken, die sie zum Zudecken nutzten, zur Seite schieben. Mit einem Bein kniend versuchte er, sie abzulegen, doch sie wollte ihn nicht loslassen. Irgendwie gelang es ihm, sich neben sie zu legen und sie beide zuzudecken, ohne sie zu wecken, und danach wusste er von nichts mehr.

Etwas kratze an ihren Nippeln. Sie trug doch keine raue Oberbekleidung… Nanu, sie war ja nackt… ach ja, sie hatte sich gestern noch gewaschen, und dann… dann hatte sie angefangen zu weinen, und Adrien war gekommen, hatte sie gehalten… aber was war dann passiert? Eigentlich auch komplett egal, so, wie sie jetzt lag, lag sie vollkommen richtig. Sie fühlte sich warm, behaglich und sicher, und eigentlich wollte sie weiterschlafen, sie fühlte sich so matt…
„Guten Morgen, Marinette.“
„Gu’n Morn,“ nuschelte sie. Sie spürte, wie er zärtlich ihren Rücken streichelte, und ihr entfuhr ein Seufzer. Sie grub ihren Kopf in seine Schulter, und ihr stieg der blumige Duft ihrer Seife, mit der er sich inzwischen wusch, in die Nase.
„Willst du noch nicht aufstehen?“
Er war ein Frühaufsteher, es war so unfair – er kam mit weniger Schlaf aus, schlief nach ihr ein und wachte vor ihr auf und war dabei auch putzmunter. „Nur fünf Minuten noch,“ antwortete sie schläfrig. Sie spürte, wie seine Brust erbebte – er lachte. Sie stöhnte gequält auf. Es war nicht das erste Mal, dass sie darum gebeten hatte.
„Bleib ruhig liegen, wenn du möchtest,“ hörte sie ihn sagen. „Wir haben es uns verdient.“
Hatten sie das? Ihr fielen die Ereignisse der letzten beiden Tage wieder ein. So viele Tote und Verletzte, weil sie nicht schnell genug gehandelt hatten. „Da bin ich mir nicht so sicher,“ flüsterte sie in seine Schulter, er hatte es aber trotzdem gehört.
„Wir haben getan, was wir konnten. Wir konnten nicht überall sein.“
Wie wahr. An eine Rettungsaktion als Multimaus, die dann alle Siedlungen gleichzeitig aufsuchte, war nicht zu denken gewesen. Es war schon schwierig genug, die Kontrolle zu behalten, wenn sie sich verdoppelt hatte und genau wusste, was sie in den nächsten Sekunden tun wollte. Und dann die Schmerzen, wenn es ihr nicht gelang, sich innerhalb von fünf Minuten wieder zu einem einzigen Superhelden zurück zu vereinen…
„Aber wir hätten uns mehr beeilen können, dann hätten wir die Leute retten können.“
„Ich weiß nicht… Wir hätten vielleicht zwei oder drei Minuten gewinnen können, aber möglicherweise hätten wir diese Zeit wieder verloren, wenn wir jemanden aus einem noch brennenden Haus hätten retten können, weil wir dann darauf hätten achten müssen, dass wir ihn oder sie heil aus dem Feuer bringen. Die Leute hatten ja nicht unsere feuerfesten Anzüge.“
„Aber trotzdem…“
„Wo hättest du die Zeit einsparen wollen? Hättest du Kindern gesagt, die wegen ihrer verängstigten Haustiere viel Zeit verloren, dass sie die Tiere zurücklassen sollen? Oder hättest du den einbeinigen Mann und dessen Sohn zurücklassen wollen, weil sie nicht so schnell zum Versammlungsort kommen konnten? Oder hättest du den Sohn aufgefordert, seinen Vater stehen oder liegen zu lassen, damit er schneller den Treffpunkt erreicht? Nein, Marinette, wir mussten eine Wahl treffen. Es hätte ja auch sein können, dass wir die anderen Siedlungen rechtzeitig erreicht hätten, und dann hättest du dir Vorwürfe gemacht, weil du vorsätzlich andere zurückließest.“
Sie spürte, wie er sie tröstend an sich drückte. Sie musste trotzdem mit den Tränen kämpfen. Es musste eine Möglichkeit geben, mehr zu tun, und sie hatte sie nicht gefunden.
„Gräm dich nicht. Wir haben für viele Menschen gestern und vorgestern einen Unterschied bewirkt, und nur das zählt. Wir sind nicht allmächtig. Wir haben außer während den technisch notwendigen Pausen ständig Menschen gerettet und nach in Not geratenen Menschen Ausschau gehalten. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Du hast dir nichts vorzuwerfen!“
Sie spürte, wie er Küsse auf ihrem Kopf verteilte, und eine Welle Dankbarkeit und Liebe für ihn durchfloss sie.
Seit ihrer Flucht hatte er immer versucht, ihr zur Seite zu stehen. Nur ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie im Orden nicht zusammengebrochen war. Wie hatte sie nur auf die Idee kommen können, dort Zuflucht zu suchen? Vieles war einfach demütigend und erniedrigend gewesen. Nicht, dass sie bösartig gewesen wären, sie hatten einfach keine Rücksicht auf ihre Gefühle genommen, und sie glaubten sich auch noch im Recht dazu. Und von ihrem Standpunkt aus hatten sie ja auch Recht. Wenn sie gewusst hätte, was sie erwartete, wäre sie erst gar nicht dorthin gegangen. Allerdings hatte sie trotzdem viel gelernt, was ihr in Zukunft nützlich sein konnte, wenn sie gegen Superschurken oder abtrünnige Superhelden antreten musste.
Aber auch die ersten Wochen mit ihm zusammen waren ernüchternd gewesen. Warum musste er einfach so perfekt sein? Sie hatte Adrien beweisen wollen, dass sie nicht das kleine tollpatschige Dummchen war, als das er sie betrachten musste, und hatte nur im Gegenteil erreicht, diese Meinung zu untermauern. Sei es, dass sie einen primitiven Backofen bauen wollte, sei es, dass sie einen einfachen Unterstand bauen wollte, es wollte und wollte nicht klappen, und erst nachdem sie mit ihm darüber gesprochen hatte, hatte er ihr erklärt, wie man es bauen musste – und er hatte immer recht gehabt. Es war zum Verzweifeln gewesen – sie hatte nichts hinbekommen. Wenn sie also etwas probieren wollte, sprach sie jetzt zuerst mit ihm darüber, und sie machten sich dann gemeinsam ans Werk.
Nachdem sie sich damit abgefunden und sie sichergestellt hatte, dass sie ihre täglichen Bedürfnisse befriedigen und alles besorgen konnte, was sie brauchte, um die Power-Ups herzustellen und die Kwamis zu versorgen, hatte sie Adrien beschrieben, wie sie sich vorstellte, der Welt zu beweisen, dass sie keine Terroristen waren und so heimkehren konnten, ohne Gefahr zu laufen, zuhause verhaftet zu werden. Sie hatte hierzu dann verschiedene Dinge erdacht und als Ladybug erschaffen, die dann zu ihrer eigenen Überraschung sogar genau so funktioniert hatten, wie sie es sich vorgestellt hatte. Der Empfänger, der Polizeinachrichten nach ihren Vorgaben filtern und übersetzen konnte, der kleine Generator, der ihre Laptop und ihre Smartphones mit Strom versorgte, alles klappte wunderbar.
Adrien konnte sein Smartphone zwar nicht mehr zum Telefonieren nutzen, weil der Account gesperrt worden war, aber sie nutzen es, um seine umfangreiche Musiksammlung abzuspielen. Auf ihrem billigen Smartphone war nur wenig Speicher gewesen, und das meiste von dem wenigen, das sie auf ihrem gespeichert hatte, hatte er ohnehin bereits in besserer Qualität. Sie konnte seinen Musikgeschmack nur bewundern. So gut wie alle Lieder, die er abspielte, gefielen ihr auch, und sie lernte viele neue kennen.
Die Zeit abends nutzten sie dann, um alles für den nächsten Tag vorzubereiten und ihre Einsätze durchzusprechen. Hierbei entdeckten sie immer wieder Details, die sie verbessern konnten oder mit denen sie nicht zufrieden waren, und sie erörterten dann, wie man es denn besser machen könne. Eines stach immer wieder heraus: sie musste ihre Tollpatschigkeit abstellen. Es war so peinlich. Sie würde sich mehr Mühe geben müssen. Im Kloster war das zu Recht bemängelt worden. Wenn Leben davon abhingen, durfte so etwas nicht vorkommen.
Dann ihre Idee, sich in mehrere Multisuperhelden aufzuteilen. Es war zwar möglich, hatte jedoch entscheidende Nachteile. Zum einen die unerträglichen Schmerzen, wenn sie sich nicht nach fünf Minuten wieder vereinigt hatten, dann die Koordinationsprobleme, die sich vervielfachten, in je mehr Multisuperhelden sie sich teilte, und die tiefe Erschöpfung, die sie danach empfand. Trotzdem war es wichtig, damit weiter zu experimentieren, weil es einmal entscheidend sein konnte, wenn sie einmal an mehreren Stellen gleichzeitig sein musste. Sie würde jedoch an einer Lösung arbeiten müssen, wenn sie mehr als nur ein paar Schritte voneinander entfernt waren. Zurzeit stellte sie das vor unlösbare Probleme.
Sie vermisste ihre Eltern und ihre Freunde. All den Spaß, den sie gemeinsam gehabt hatten, wenn sie nicht gerade Sorgen wegen Ladybug hatte. Sie konnte nur hoffen, dass sie bis Weihnachten wieder zuhause sein konnte. Aber was würde dann mit Adrien geschehen? Ihn wollte sie erst recht nicht aufgeben und sich ein Leben ohne ihn vorstellen. Wenn sie sich zur Ruhe legten und sie sich an ihn kuscheln konnte, wenn er sie streichelte, wenn sie morgens in seinen Armen erwachte, darauf wollte sie nicht mehr verzichten. Und sie hatten begonnen, miteinander Spaß zu haben… Als sie ihn vor drei Tagen auf die Schnitzeljagd geschickt hatte und er sie in ihrem Schlafanzug dann aus Rache in den See hatte plumpsen lassen… zugegeben, sein breites Grinsen, als sie prustend wieder auftauchte, hatte sie erst mal verschwinden lassen müssen, aber ihre Wasserschlacht im Anschluss… es war lange her, seit sie sich zum letzten Mal so ausgetobt hatte, es hatte viel Spaß gemacht, und dabei sein fröhliches Lachen zu hören…
Schließlich war ihr doch kalt geworden, aber sie hatte nicht als erste aufgeben wollen. Daher war sie mehr als dankbar und erleichtert gewesen, als er einen Waffenstillstand vorgeschlagen hatte. Sie hatte zwar kurz mit dem Gedanken gespielt, ihn sofort zu brechen, doch ihr war einfach zu kalt geworden, und möglicherweise hätte er ihr das dann doch übel genommen.
Nachdem sie sich frische Unterwäsche angezogen und ihren Schlafanzug zum Trocknen ausgelegt hatte, hatten sie sich aneinander gekuschelt und gegenseitig gewärmt. Und dann hatte er sich für den schönen Abend bedankt und sie hatten ihren ersten richtigen Kuss geteilt. Sie glaubte, erneut die Schmetterlinge im Bauch zu spüren, wenn sie an den Kuss zurückdachte, als der gleiche Bauch sich lautstark zu Wort meldete und sie daran erinnerte, dass sie seit gestern Mittag nichts mehr gegessen hatte. Nachdem sie gestern die ersten Brandopfer gesehen hatte, war ihr der Appetit vergangen, und sie hatte sich darauf konzentriert, so viele Menschen wie möglich zu retten.
Aber ja, was würde aus Adrien werden, wenn sie zurückkehrten? Er würde wohl wieder zu seinen Eltern müssen, und wenn diese ihn wieder unter Hausarrest stellten, würde sie ihn nie wieder sehen. Und selbst wenn sie es nicht täten, wenn er dann wieder eine große Auswahl an Mädchen hatte, die weit mehr Sexappeal hatten als sie, warum sollte er ihr dann die Treue halten? Hier war die Auswahl ja überschaubar… Ja, er hatte Ladybug angehimmelt, aber sie als Marinette war nur eine Freundin, ein Freund gewesen. Irgendwann würde er feststellen, dass sie nach wie vor nur Marinette war, und Ladybug eine Rolle, die sie spielte.
Erneut war ein lang gezogenes Rumoren ihres Magens zu vernehmen und wurde von einem unangenehmen Ziehen begleitet. „Ich glaube, die fünf Minuten sind um,“ murmelte sie aufseufzend. Täuschte sie sich, oder zögerte Adrien, sie aufstehen zu lassen?
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast