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Memento mori

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / Gen
Brutus Cato Clove
08.07.2022
09.09.2022
10
17.569
8
Alle Kapitel
23 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
08.07.2022 1.871
 
a/n: Wie immer, wenn man es am wenigsten erwartet, ist während meiner Arbeit an einer anderen Geschichte dieses kleine Herzensprojekt entstanden. Die Geschichte umfasst zehn Kapitel, die alle in einem gewissen zeitlichen Abstand zueinander stehen und dennoch aufeinander aufbauen. Der Übersicht halber erwähne ich im Vorwort jedes Kapitels den Zeitraum, in dem wir uns befinden. Jeden Freitag gibt es ein neues Kapitel, wir beginnen im November nach den 64. Hungerspielen. Viel Spaß mit meiner Interpretation von Clove!


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Kapitel Eins: Der Weg ist das Ziel



Ihre Stiefel stecken im farblosen Schlamm, ihre zitternden Hände umklammern die kleine Reisetasche, und Clove wünscht sich nichts sehnlicher, als nach Hause kehren zu können. Die schwere Hand ihres Vaters legt sich auf ihre zarte Schulter und sie sieht zu ihm hinauf, wischt mit dem Handrücken über ihre feuchte Stirn.
Clove weint nicht. Sie weint nicht, als die anderen Kinder sich an ihre Eltern klammern, nicht einmal, als ein junges Mädchen sich kreischend vor ihre Füße wirft.
„Ich möchte nicht gehen“, sagt sie noch einmal, leise, sodass nur ihr Vater sie hören kann. Er kniet sich in den feuchten Schlamm vor ihr, nimmt ihre kalten Hände in seine.
„Mach mich stolz, kleine Kämpferin“, sagt er, doch sein Lächeln geht nicht über seinen verzogenen Mund hinaus. Umzukehren ist keine Option mehr, seit sie an diesem Morgen das Haus verlassen haben. Ihr Leben ist für ihn weniger wert als die Jahresration Getreide, die er sich von diesem Handel verspricht. Der Herbst war hart, der Winter wird noch unbarmherziger werden, und es ist immerhin ein Mund weniger, der gestopft werden muss.
Clove betritt als Letzte den großen Reisebus, in dem die anderen Kinder bereits warten. Durch die verschmutzte Scheibe erkennt sie noch immer das schiefe Lächeln ihres Vaters.
Einige Kinder weinen, rufen nach ihren Eltern, während Clove kleine Figuren auf die feuchte Fensterscheibe zeichnet. Manchmal muss sie sich die Ohren zuhalten, weil der Lärm sie übermannt, doch die meiste Zeit über lauscht sie den Gesprächen der Jungen in der Reihe hinter ihr. Es fällt ihr leichter, sich auf einzelne Geräusche zu fokussieren, als dem gesamten Lärmpegel standzuhalten.
Wenn Clove aus dem Fenster sieht, erkennt sie die hohen Berge, die sich hinter einem Nebelschleier abzeichnen. Sie fahren noch eine Weile durch die Ödnis, bis der Bus schließlich quietschend bremst und vor einem niedrigen, weitläufigen Gebäude stehen bleibt. Memento mori steht in großen Lettern über der grauen Flügeltür geschrieben.
Der junge Mann, der neben dem Fahrer gesessen hat, scheucht die Kinder aus dem Bus. Clove greift eilig nach ihrer Reisetasche und stolpert als Erste aus dem dampfenden Bus.
Sand haftet an ihren schlammüberzogenen Stiefeln, es ist wärmer als in dem Bereich des Distrikts, in dem sie aufgewachsen ist. Es muss mittlerweile Mittag sein, die Sonne steht deutlich höher als bei ihrer Abreise.
„Zuerst die Mädchen“, bellt der Mann und Clove muss sich arg zusammenreißen, nicht zusammenzuzucken.
Die anderen Mädchen, insgesamt sind sie zu elft, reihen sich hinter ihr ein. Die großen Flügeltüren öffnen sich und Clove wagt einen ersten Schritt hinein in das Gebäude.
Das Licht in dem Flur, der sich hinter den Eingangstüren erstreckt, ist gedimmt. An den steinernen Wänden reihen sich schmale Türen, auf dem kühlen Boden liegt ein lieblos arrangierter Teppich. Clove kann die zitternde Stimme des Mädchens hören, das ihrer Nachbarin etwas zuflüstert. „Hier werden wir sterben.“
Clove ist mit ihren acht Jahren zu jung, um zu sterben. Sie klammert sich an diesen Gedanken, lässt ihn nicht mehr los, als die Tür zu ihrer Linken sich knarzend öffnet. Ein glatzköpfiger Mann mit stahlgrauen Augen tritt auf den Flur.
„Ich bin Apollo, euer Trainer. Ich werde euch in den nächsten Stunden in unsere Akademie einführen. Mir nach“, begrüßt er sie knapp, dann führt er seinen Weg den Flur hinunter fort, ohne dabei zu bemerken, dass die jungen Mädchen Schwierigkeiten haben, Schritt zu halten.
Die Flure der Akademie sind für Clove wie ein Labyrinth, das sie auch nach ihrem dritten Durchgang nicht durchschauen kann. Apollo führt sie durch etliche Unterrichtsräume, eine riesige Kantine, und schließlich fahren sie mit einem fensterlosen Fahrstuhl in die Kellerräume, wo das Training der Schüler stattfinden soll.
Durch ein rundes Fenster beobachtet Clove zwei Jungen, die Speere auf weit entfernt stehende Zielscheiben werfen. Apollo, dessen erste Lektion gewesen ist, dass sie niemals seine Zeit verschwenden sollen, schubst sie unsanft in den Wäscheraum, in dem auch die anderen Mädchen warten. Eine ältere Dame mit grauem Haar steht zwischen großen Wäschesäcken und stählernen Truhen, aus denen weiße Laken quillen.
„Du bist früh dran“, sagt sie mit schnarrender Stimme, während sie die Mädchen um sie herum argwöhnisch mustert. „Das ist alles, was ihr dieses Jahr rekrutieren konntet? Denen gebe ich höchstens ein paar Tage“, fügt sie verächtlich hinzu und spuckt dunklen Speichel auf die hellen Fliesen. Einige Mädchen sehen verängstigt zu Apollo hinüber, der mit steinerner Miene dabei zusieht, wie die alte Dame ein paar vergilbte Rucksäcke aus dem Schrank hinter sich zieht. Jedes Mädchen bekommt einen in die Hand gedrückt.
„In diesen Rucksäcken befinden sich eure Uniform, Hygieneartikel und ein neues Paar Stiefel. Zweimal in der Woche wird eure Kleidung gewaschen. Zieht euch um, dann beginnen wir mit dem ersten Training. Und sollte Mary Sue hier Recht behalten, geht ihr heute ohne Abendessen zu Bett, verstanden?“
Apollo verlässt den Raum und lässt sie allein mit Mary Sue zurück, die die Mädchen missbilligend dabei beobachtet, wie sie zögerlich ihre Kleidung abstreifen und die einheitlich graue Uniform aus den Rucksäcken überziehen.
Clove ist das kleinste und dürrste unter den Mädchen, obwohl einige von ihnen noch jünger sind als sie. Die Ärmel der Uniform sind ihr zu lang, den Gürtel muss sie noch enger schnallen, damit die Hose nicht von ihren Hüften rutscht.
Als Einheit verlassen die Mädchen die Wäschekammer und betreten den Trainingsraum, in den Apollo sie führt. Sie werden von einer Frau mit strengem Zopf begrüßt, die ein glänzendes Klemmbrett in der Hand hält. Sie verliest ihre Namen und die Mädchen müssen vortreten, wie Apollo es ihnen gezeigt hat: einheitlich. Clove bemerkt schnell, dass es in der Akademie darauf ankommt, nicht aus der Reihe zu tanzen.
„Ich heiße Vesta und bin heute hier, um euer erstes Training zu bewerten. Anschließend werde ich euch euren Trainingsgruppen zuteilen“, erklärt die Frau, während sie die Mädchen umrundet und jede Einzelne mit ihrem Blick durchbohrt. Clove findet Vesta noch furchterregender als Apollo, doch sie verzieht keine Miene, als sie sich zu ihr hinunterbeugt, nur um ihr eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht zu pusten. Clove hat das Gefühl, die nächsten Worte sind explizit an sie gerichtet.
„Einige von euch werden diese Hallen nicht mehr lebend verlassen. Eure Familien sind sich dessen bewusst, aber seid ihr das auch?“, fragt sie in die Runde. Einige Mädchen zittern, die Rothaarige neben Clove bricht leise in Tränen aus.
Memento mori lautet der Leitspruch, unter dem wir agieren. Sei dir der Sterblichkeit bewusst. Das Training ist hart, noch härter ist eure Konkurrenz. Wenn ihr überleben wollt, müsst ihr kämpfen. Diese Akademie soll euch auf die Hungerspiele vorbereiten, euch das Werkzeug bieten, den härtesten Test in der Geschichte Panems zu bestehen. Ein Sieg in den Spielen bedeutet unendlichen Ruhm und Reichtum für euch und eure Familie, Stolz und Anerkennung für den gesamten Distrikt. Doch nur die Härtesten, nur die Besten von euch schaffen es dorthin. Dieser Weg führt am Abgrund entlang, an Tod und Verderben, doch wenn ihr diesen Berg einmal erklommen habt, seid ihr unaufhaltbar. Memento mori - prägt es euch ein, fühlt es, lebt es. Lasst es zu einem Teil von euch werden.“
Gänsehaut breitet sich auf Cloves bleichen Armen aus. Die Mädchen neben ihr wimmern, doch in ihr haben Vestas Worte etwas anderes ausgelöst: Verlangen.
Ihre erste Übung besteht darin, auf dem Rücken und mit ausgestreckten Beinen über den Boden zu robben. Was vollkommen lächerlich aussieht, fühlt sich für ihre Bauchmuskeln an wie die reinste Tortur. Clove ist nicht die Erste auf der anderen Seite der Halle, doch auch die Letzte ist sie nicht. Ein kleines Mädchen namens Aimee, die einzige Sechsjährige der Gruppe, bleibt in der Mitte des Raumes auf dem Boden liegen und krümmt sich vor Schmerzen.
Weinend schlägt sie um sich, ruft nach ihren Eltern, ihren Geschwistern, ihrem Zuhause. Apollo und Vesta stürzen zeitgleich nach vorn, Apollo erreicht das Mädchen schneller und zieht sie zurück auf die Beine. Doch anstatt sie zu den Mädchen auf der anderen Seite der Halle zu bringen, schleift er sie wortlos hinaus. Die Tür fällt laut hinter ihm ins Schloss, man hört Aimee noch einmal schreien, dann herrscht plötzlich vollkommene Stille.
„Eure Kondition ist wichtig“, fährt Vesta unbeirrt fort, „doch euer Kapital in den Spielen ist euer Umgang mit Waffen.“
Die Mädchen tauschen beunruhigte Blicke, einige flüstern Aimees Namen, doch niemand traut sich, nach ihr zu fragen. Niemand möchte die Nächste sein, die an den Haaren aus der Halle geschleift wird.
„Wer kann mir eine Waffe nennen, die in den Hungerspielen zur Anwendung kommt?“, fragt Vesta in die Runde.
Ein schwarzhaariges Mädchen räuspert sich leise. „Ein Schwert“, sagt sie, lässt es jedoch wie eine Frage klingen. Vesta nickt. „Richtig, Schwerter wurden von unseren Karrieretributen in der Vergangenheit häufiger genutzt. Welche noch?“
Diesmal trifft ihr Blick Clove und sie weiß, dass sie ihr die nächste Antwort schuldig ist. „Messer.“ Clove sieht sich die Spiele an, seit sie denken kann. Jedes Jahr hat sie mit ihrer Familie vor dem Fernseher gesessen und den Kindern dabei zugesehen, wie sie einander die Köpfe einschlagen. Nicht ein einziges Mal hat sie darüber nachgedacht, wie es wäre, selbst dort zu stehen. Vesta lächelt. „Hast du schonmal ein Messer in der Hand gehabt, Clove?“, fragt sie und Clove schüttelt den Kopf. Sie hat noch nie eine Waffe geführt, nicht einmal in ihrer Vorstellung. Die anderen Mädchen teilen ihr Wissen, benennen jede Waffe, die sie jemals zu Gesicht bekommen haben, und Vesta wirkt zufrieden mit ihnen.
„Bevor wir euch mit Waffen trainieren lassen, möchte ich mir einen Überblick über eure körperlichen Fertigkeiten verschaffen. Clove, Nike, tretet nach vorn.“ Clove hat nicht damit gerechnet, so schnell ins kalte Wasser geworfen zu werden, doch genau wie das blonde Mädchen tritt auch sie nach vorn, den Rücken gerade, das Kinn gehoben.
„Nike, ich möchte, dass du Clove einen Schlag verpasst. Clove, du wirst dich nicht verteidigen“, sagt Vesta streng. Nikes helle Augen wandern unsicher zu ihr hinüber, Clove lässt die Arme sinken und starrt in Vestas eisige Miene.
Nike wippt unruhig auf ihren Füßen herum, bevor sie sich traut, ihre Hand zu einer Faust zu ballen. Bevor sie Clove treffen kann, stolpert diese ein paar Schritte zurück. Vesta schüttelt den Kopf.
„Ich sagte, du sollst dich nicht verteidigen“, wiederholt sie streng und als Nike zu ihrem zweiten Schlag ausholt, zuckt Clove nicht zusammen. Sie steht reglos da, während Nike ihre Faust in ihre Magengrube stößt. Vor ihrem dritten Schlag öffnet sich die Tür und Apollo kehrt zurück. Er ist allein, von Aimee keine Spur. Nikes Faust trifft Cloves Schlüsselbein, diesmal härter, und Clove schnappt hörbar nach Luft. Sie blinzelt heiße Tränen aus ihren Augenwinkeln.
„Und, was meinst du?“, erkundigt sich Apollo leise, auf Vestas Lippen liegt ein wissendes Lächeln.
„Sie sind geschaffen, um zu sterben.“
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