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White Phantom

von Soleira
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Het
J-Hope OC (Own Character) RM Suga
05.07.2022
25.09.2022
38
85.841
10
Alle Kapitel
73 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
22.09.2022 2.151
 
37. Poker Face


Am nächsten Morgen weckte ich mich selbst, als ich mit meinem linken eiskalten Fuß, das warme Bein streifte. Flatternd öffneten sich meine Augenlider und ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren.

Den Trainingsraum erkannte ich als erstes. Ich lag auf der Matratze, die Areum gestern für mich bereitgelegt hatte. Irgendetwas schweres befand sich auf meinem Rücken. Die Decke bedeckte meinen Körper bis zu den Knien. Ich drehte den Kopf, um herauszufinden, wo sich der Rest befand. Vermutlich war sie im Schlaf immer weiter hochgerutscht und…

Meine Gedanken brachen ab, als ich den Grund erkannte, warum meine Decke fort war. Leise Atemzüge erklangen nicht weit von meinem Ohr entfernt. Hobi drehte sich leicht zur Seite, sein Arm rutschte von meinem Rücken herunter und ich nutzte die Gunst der Sekunde, um mich von ihm zu lösen.

Mit rasendem Herzen starrte ich auf den schlafenden Tänzer herab, dessen Kopf sich nun leicht zur Seite neigte. Hitze stieg in meine Wangen, als ich daran dachte, dass ich gerade eben auf seinen Oberschenkeln geschlafen hatte, zwar hatte da ein Kissen dazwischen gelegen, aber trotzdem…

Hobi der währenddessen irgendwie realisiert hatte, dass er die Decke für sich hatte, kuschelte sich gänzlich hinein. Und ich stand noch immer auf der Stelle starrte auf den schlummernden Mann hinab und wusste nicht wohin mit mir. Mit mir und meinen Gefühlen, die mich nun wieder übermannten. Ich konnte gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich mich zusammenreißen musste, mich nun nicht wieder zu ihm zu kuscheln.

Also riss ich mich von diesem Anblick los und verschwand durch die Tür. Es war das Beste ihn schlafen zu lassen. Der Flieger ging in vier Stunden. Zuvor sollten die Beiden vielleicht noch etwas essen. Allein der Gedanke, dass Hobi bald nicht mehr da war, verursachte mir Bauchschmerzen. Er war nicht aus der Welt, aber dadurch, dass er ein Idol war, würde der Kontakt wieder schwierig werden.

Ich fragte mich, ob es mir überhaupt möglich war meine Gefühle für ihn zu vergessen. Denn schließlich hielten sie jetzt schon über Jahre an. War das normal? Wie konnte ich nur so tief für ihn empfinden? Wir waren Freunde und kein Paar? Entwickelte sich nicht erst dann so etwas tiefes wie Liebe? Ich vermochte es nicht zu sagen. Und es brachte mir auch herzlich wenig nun darüber nachzudenken.

In der Küche angekommen wagte ich zuerst einen Blick in den Kühlschrank. Dort befanden sich ein paar Gerichte der gestrigen Beerdigung. Doch die würden mir nun mehr als schwer im Magen liegen. Uns allen. Ich seufzte leise, schloss sie wieder und ging in die Speisekammer. Vielleicht ließ sich dort etwas auftreiben.

Ich wurde nicht enttäuscht. Paprika, Reis, Pilze, Eier, Knoblauch und weitere Zutaten stapelten sich dort. Vorsichtig nahm ich die Paprika in die Hand, tastete sie ab, schaute, ob sie noch gut war. Dann lud ich ein paar weitere Sachen auf meine Arme und beförderte sie in die Küche. Vielleicht würde ein ausgewogenes Frühstück selbst Miyeon ein wenig helfen. Wie Areums Nacht gewesen war, konnte ich mir gut denken.

Während ich die Zutaten vor mir ausbreitete, schaltete ich den Radio ein und begann ein wenig bei der Musik zu bouncen. Der Sender spielte gerade koreanische Musik. Hin und wieder aber auch ein paar amerikanische und japanischer Lieder. Und Hip Hop vieeeel Hip Hop. Zu meiner großen Freude wechselte gerade das Lied. Nur um meine Laune um ein paar Nuancen zu heben.


I'm Slim Shady, yes, I'm the real Shady
All you other Slim Shadys, are just imitating

So won't the real Slim Shady, please stand up?

Please stand up, please stand up



Und ich konnte nicht verhindern, dass ich Eminems Slim Shady gedanklich mit White Phantom ersetzte. Irgendwann würde auch ich einmal auf einer Bühne stehen können, wie dieser nahezu unschlagbare Rapper es nun tat. Es gab nicht gerade wenige meiner Fans die immer wieder in die Kommentare schrieben, wie sehr sie es sich wünschten, mich auf einer großen Bühne performen zu sehen. Ja…ich mir auch…

Als das Lied wieder wechselte wurde ich wieder ruhiger, schnitt die Paprika und warf hin und wieder einen Blick zum kochenden Reis. Für den Fall, dass Junseo und Chinhae noch kommen würden, hatte ich etwas mehr gemacht.

Die Küchentür quietschte leise, als jemand durch sie hindurchtrat. Allein an den Schritten wusste ich, dass es weder Miyeon noch Areum war. Miyeons Schritte waren vor allem jetzt, beeinflusst durch die Trauer, etwas schwerer. Und auch Areums hätte ich längst erkannt. Die Person, die jetzt durch die Tür trat, brachte eine ganz andere Aura mit in den Raum.

„Du kannst ruhig noch schlafen“, sagte ich. „Es dauert noch eine Weile, Yoongi.“

Doch der Rapper dachte anscheinend gar nicht daran sich ins Wohnzimmer zurückzuziehen. Stattdessen trat er neben mich und musterte meine Zutaten.

„Bibimbap, oder?“, fragte er und ich nickte überrascht.

„Lass mich dir helfen.“

Schweigend machte ich ein wenig Platz und holte ein Messer aus der Schublade, damit er sich um die Karotten kümmern konnte. Hin und wieder kamen Fragen seinerseits auf, denn jeder hatte schließlich eine andere Art zu kochen. Doch was das anging, hielt ich mich eigentlich immer ans Rezept. Ganz anders als beim Tanzen. Da ließ ich mein Gefühl entscheiden, was zu tun war.

Die Stille zwischen uns war mehr als nur unangenehm. Ich versuchte mich aufs Kochen und die Musik im Hintergrund zu konzentrieren. Yoongi war nicht dumm. Im Gegenteil, auf mich wirkte er sehr intelligent und auch, als könne er Menschen gut einschätzen.

„Hör mal…“, begann ich.

„Du musst dich nicht verteidigen. Ich schätze dich so ein, dass dir bewusst ist, was es bedeutet mit unserer Band in Verbindung gebracht zu werden. Etwas, dass du lieber vermeiden würdest.“

Prüfend musterten mich seine dunklen Augen. So als würde er nach etwas suchen, das seine Worte verneinte. Doch die gab es bei mir nicht. Ich konnte ihm nur zustimmen. Das Desaster mit Yesungs Fans allein hatte mir schon gereicht.

„Was du nicht sagst. Ein Grund mehr kein Fan von diesem System zu sein. Aber es ist eure Entscheidung. Ihr seid beide erwachsen und in der Lage selbst über euer Leben zu bestimmen, auch wenn…“, ich verstummte.

„…man seine Freunde dafür verlassen muss? Es ist schwierig den Kontakt zu halten, das stimmt. Bei uns Männern ist das noch eher möglich. Aber die Freundschaft zu Frauen schwierig. Wobei ich das Gefühl habe, dass das bei dir sogar funktionieren könnte.“

„Weil eine Halbjapanerin wie ich so hässlich ist, dass sie keine Konkurrenz ist?“, rutschte es mir heraus.

Yoongi musterte mich geschockt. Ich presste die Lippen aufeinander. Das war äußerst dumm gewesen. Aber tatsächlich eine Frage, die ich mir hin und wieder stellte. Immer wieder hörte ich von Miyeon oder Areum wie sie Komplimente über ihr Aussehen bekamen. Ich dagegen gar nicht.

„Das habe ich nicht gesagt. Also ich finde dich jetzt nicht hässlich. Außerdem sollte man die Menschen nie nach dem Aussehen bewerten. Schönheit kommt von innen. Das sollte mehr Einfluss auf unsere Herzen haben, als das blanke Aussehen“, murmelte Yoongi.

„Hat es“, sagte ich ehrlich. „Zumindest bei mir. Tut mir leid, dass ich das gesagt habe.“

„Schon vergessen“, erwiderte er. „Momentan staut sich bei dir auch eine Menge an. Versuche nicht allzu stark zu bleiben und auch an dich zu denken. Du bist schließlich kein Idol, das vor der Kamera steht. In deinem Leben wird nicht jeder Schritt beobachtet.“

Oh, wenn der wüsste.

„Ja…das ist vermutlich ein Vorteil“, sagte ich leise, ohne seine Aussage wirklich zu bejahen.

Wir schwiegen wieder.

„Jetzt lasst mich doch auch mal was sagen“, erklang da eine Stimme hinter uns. Wir wirbelten herum. Hobi lehnte im Türrahmen. Er schien noch nicht ganz wach zu sein, das Haar war verstrubbelt und seine dunklen Augen hatte er ganz auf uns gerichtet.

Schnell widmete ich mich wieder dem Reis. Der hatte inzwischen lange genug gekocht. Hoffentlich war er noch gut. Während ich mich um die weitere Zubereitung kümmerte, verwickelte Yoongi Hobi in ein Gespräch. Nett von ihm. Denn allein Hobis Anwesenheit löste einen Wirbelsturm in mir aus. Wenn ich so daran dachte, wie ich heute Morgen aufgewacht war. Ich musste mich beruhigen. Aber hier ging das schlecht.

„Yoongi? Kannst du hier weitermachen? Ich muss kurz ums Eck“, fragte ich und der Rothaarige nickte. Dann drückte ich mich an Hobi vorbei und verschwand aus seinem Sichtfeld. Das war es dann wohl mit meinem Poker Face gewesen.

Als ich ein wenig später in die Küche zurückkehrte, musste ich feststellen, dass Areum und Miyeon in der Zwischenzeit auch heruntergekommen waren. Während Miyeon an der Anrichte lehnte und alles beobachtete, kümmerte sich Yoongi darum das Essen auf die Teller zu verteilen. Hobi und Areum saßen schon und unterhielten sich leise miteinander. Sie verstummten jedoch als sie sahen, dass ich zurück war.

Es war komisch die Beiden zusammen zu sehen, hatte Hobi doch in den Stunden zuvor eher einen Bogen um Areum gemacht. Aber vielleicht hatten sie sich ja nun ausgesprochen. Das erklärte allerdings nicht, warum sie ihre Unterhaltung mit meinem Erscheinen unterbrochen hatten. Ich wandte meinen Blick ab und Miyeon zu, die tatsächlich ein wenig ausgeruhter wirkte. Die gestrige Beerdigung hatte sie vermutlich so erschöpft, dass sie schnell eingeschlafen war.

Ich stellte mich neben sie und lehnte meinen Kopf an ihre Schulter, woraufhin sie sich mir entgegenlehnte. Sanft streichelte ich ihren Arm.

„Danke Shiori“, sagte sie leise.

„Gerne“, erwiderte ich und drückte feste ihre Hand.

Ja. Darauf musste ich mich jetzt konzentrieren. Dass Miyeon nach vorne blicken konnte, genau wie ich. Es lag noch so viel vor uns. Und indem ich jetzt in meinem Meer der Gefühle versank, erschwerte ich es uns allen nur noch weiter. Ich musste mich vom Grund abstoßen und schwimmen. Wie in meinem eigenen Track Dive. Nicht sagen, sondern auch machen.

Mit neu gefundener Kraft setzte ich mich zu den anderen an den Tisch. Chinhae und Junseo stießen dann auch noch zu uns. Wie ich es mir zuvor schon gedacht hatte. Ich war furchtbar froh, dass mein Bruder die Nacht bei unseren Eltern verbracht hatte und die Sache mit mir und Hobi nicht mitbekommen hatte. So ganz bewusst hatte vermutlich nur ich es mitgeschnitten. Und das sollte auch so bleiben.

Miyeon und ich fuhren Hobi und Yoongi zum Flughafen. Ich war sehr froh, dass ihr Auto verdunkelte Scheiben hatte. Denn wir stiegen nicht mit aus. Zu groß war die Gefahr, dass man uns mit den Beiden zusammen sah.

„Machs gut Shiori und steh zu dir selbst“, sagte Yoongi und drückte meine Schulter. Ich zuckte ein wenig zusammen. Er konnte ja nicht wissen, dass das ein Teil von Donghaes letzten Worten an mich gewesen waren.

„Wir sehen uns Sinbi. Ich vergesse dich nicht, versprochen. Eines Tages, da werden wir gemeinsam auf den richtig großen Bühnen tanzen.“

„Yakusoku?“, fragte ich.

„Yakusoku“, bestätigte Hobi. „Ich werde derweil auch noch ein bisschen an meinem Japanisch arbeiten. Damit ich mehr mit dir mithalten kann.“

Ich grinste leicht.

„Wer stellt hier sein Licht unter den Scheffel?“

„Auch wieder wahr. Bis dann, Sinbi.“

Dann schlug er die Autotür zu und verschwand mit Yoongi im Gebäude. Stillschweigend sah ich ihm nach, bis er aus meinem Sichtfeld verschwunden war. Auch Miyeon sagte kein Wort. Sie hatte sich von Hobi schon daheim verabschiedet. Ich hatte es dagegen rausgezögert.

Als ich das Auto wendete und wir wieder in Richtung Heimat fuhren, ergriff sie das Wort.

„Ich weiß nicht, ob ich in Gwangju bleiben werde. Jedes Haus, jede Straßenecke, der Platz der Streetdancer, das alte Einkaufszentrum. Ich könnte tausend Orte aufzählen, die mich an ihn erinnern. Und ich kann einfach nicht durch diese Straßen gehen, diese Orte anschauen und nicht an ihn denken. Unmöglich. Ich sehe ihn vor mir. Jede noch so kleine Erinnerung. Als wäre er gar nicht fort. Aber ich muss weg von hier, damit es mir bewusst wird.“

„Dann komm zu mir nach Seoul“, sagte ich schließlich und sie nickte.

„Ja…das wäre vermutlich das Beste. Ich muss es nur noch meiner Mutter irgendwie beibringen.“

„Vielleicht kann sie sich auch versetzen lassen. Du hast doch mal erwähnt, dass es Samsung eh lieber wäre, wenn sie in Seoul wohnt“, schlug ich vor. Miyeon verzog das Gesicht.

„Naja…das Argument wird bei ihr eher weniger ziehen. Sie hängt ziemlich an unserem Haus. Da sind so viele Erinnerungen an meinen Vater, die sie einfach nicht vergessen will. Aber ich muss jetzt raus hier…ich muss loslassen…so sehr es mich auch schmerzt das zu sagen.“

„Aber es ist ein guter Anfang. Denn genau das habe auch ich vor.“

Sie warf mir einen wissenden Blick zu.

„Habe ich mir schon gedacht.“

„Und Miyeon?“

„Ja?“

„Wenn du magst, können wir in den Semesterferien ja zusammen nach Japan. Dann kann ich dir zeigen, wo der andere Teil von meiner Familie wohnt“, sagte ich.

„Ja…das würde ich gerne. Ich muss raus aus dieser Stadt, diesem Land, wo mich die Erinnerungen zu erdrücken scheinen. Genau wie dich. Ein bisschen frische Luft kann uns beiden nicht schaden.“
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