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Kurztrip ins Chaos, darf es auch etwas mehr sein?

von MarieSol
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Riku Rajamaa
04.07.2022
12.10.2022
43
60.403
13
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21.09.2022 1.188
 
Worauf ebenfalls Verlass war, war der wochenendtypische Stau auf deutschen Autobahnen: zu viele Ausflügler, zu viele langsam dahin schleichende und sich mehr auf das vorbeiziehende Panorama konzentrierende Fahrer, Autos, die eventuell besser vor der Abfahrt einen Werkstattbesuch über sich ergehen lassen hätten sollen, dann würden sie jetzt vielleicht nicht im besten Fall mit einer Panne auf dem Seitenstreifen stehen. Dazu Lieferverkehr, Handwerkertransporter, Verkehrskontrollen und Abschleppwagen, die sich durch die im Staustehende durchschlängeln mussten, weil die Rettungsgasse mal wieder eine Slalomstrecke war. Auch wenn Riku die Zeit eigentlich anders verplant hatte, als mit seiner Liebsten im Auto auf der Autobahn zu sitzen, er hatte Britt für sich, und das war das Einzige was zählte. Schwimmen konnte er auch noch morgen mit ihr, wenn heute die Zeit nicht mehr reichen würde. Allerdings stellte er eindeutig fest, dass so ein Tourbus doch eine feine Sache war: erhöhte Sitzposition, keiner konnte hineinsehen, fast wie ein Wohnzimmer ausgestattet und auch die Möglichkeit, sich zu bewegen und sich bei Bedarf zurückzuziehen. Hiervon war sein Mietwagen meilenweit entfernt: sie saßen quasi auf dem Präsentierteller für die anderen Wartenden, dieses Auto hatte nicht mal getönte Scheiben. An dieser Grund-Situation würde sich auch so schnell nichts ändern, seit er Solokünstler war, brauchte er keine Tourbusse in dieser Größenordnung mehr und wenn er ehrlich war, war ein Hotelzimmer mit richtigem Bett allemal einem rollenden Bettkasten vorzuziehen.

Riku seufzte laut und stellte den Motor aus, wenigstens hatte er einen Automatik-Wagen erwischt, so dass er nicht ständig kuppeln und schalten musste. Trotzdem war nicht damit zu rechnen, dass es hier in den nächsten Minuten weitergehen würde. Ein erneutes Seufzen drang durch das Auto. „Willst du mir was sagen?“ fragte Britt und riss ihn wieder ins Hier und Jetzt. „Ach ich hab nur grad daran gedacht, was wir machen könnten, wenn wir schon dort wären… Stadt anschauen und so“ fügte er noch eilig hinzu, denn andere Gedanken sollte er jetzt nicht unbedingt aufkommen lassen.

Britt drehte sich auf dem Beifahrersitz so, dass sie Riku komplett zugewandt war und legte ihre Hand in seine „So, so Stadt anschauen und vielleicht noch ins hoteleigene Gym?“ schmunzelte sie. ‚Verdammt bin ich so leicht zu durchschauen?‘ fragte er sich im Stillen, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen und ging auf die vermeintliche Alternative ein. „Findest du? Sportlich bin ich gerade nicht unterwegs, kein Laufen gehen, kein Tennis oder Squash, ich bin schon ein bisschen faul geworden… Eigentlich ein Wunder, dass dein gutes Essen da noch nicht angesetzt hat!“ Britt grinste breit als er seine Hand auf seinen Bauch legte „Du verbrauchst deine Kalorien halt gerade auf anderen Wegen… und nein, ich finde absolut nicht, dass du das Gym nötig hättest!“ um das zu untermauern strich sie ihm ebenfalls über den Bauch, gefährlich nah am oberen Ende seiner Jeans entlang. Sie spürte wie er zittrig Luft holte und sah seinen leidenden Blick „Keine Sorge, ich werde nicht weiter machen. Zuschauer brauche ich eher weniger…“ Plötzlich fiel Riku wieder der Moment ein, in dem er sich so beobachtete gefühlt hatte, aber das konnte ja eigentlich gar nicht sein. Wer sollte denn schon bei strömendem Regen in der Nacht zu Britts Schlafzimmerfenster hereinstarren? In diesem Haus wohnten allesamt ältere Menschen, nein im ganzen Ort wohnten nur ältere Menschen, die entweder zuhause jemanden hatten oder aus dem leidenschaftlich geprägten Alter längst herauswaren und stattdessen die akute Gefahr eines Herzinfarktes bei Erregungszuständen bestand. Also schob er diesen absurden Gedanken schnell wieder zur Seite.

„Du sagtest, dass du dir vorstellen könntest, irgendwo zusammen mit mir neu anzufangen.“ räusperte sich die Frau ihm gegenüber. Sie genoss zwar die fast schon paradiesischen Zustände ohne Überstunden, zusätzliche Wochenenddienste und Krankheitsvertretungen, die grundsätzlich an ihr hängen geblieben waren, der Aufmerksamkeit durch die Personalabteilung sei Dank, aber ihr war durchaus auch bewusst, dass das nicht lange so bleiben würde. Der Wunsch nach etwas Neuem schwelte in ihr schon seit langem, Micha hatte nur immer geschickt verhindert, dass er erfüllbar würde, Riku jedoch hatte sie darin bestärkt, diesen Wunsch auch umzusetzen. Und ein Ortswechsel nach weiterweg wäre da sicher mehr als vorteilhaft. „Ja,“ ‚Sie denkt also darüber nach, das ist gut!‘ beschloss er bevor er weitersprach „wir beide lieben das Wasser, ein Ort an der Küste wäre wahrscheinlich schön.“ mit seinem Heimatort wollte er sie jetzt nicht direkt bedrängen „Vielleicht käme auch der See deiner Kindheit infrage, wenn du dir das vorstellen könntest.“ Doch hier schüttelte Britt entschieden den Kopf. Während er noch im Könnte-und-Möglicherweise-Modus sprach, war sie schon im absoluten Realitätstunnel „Nein, der fällt weg. Auch wenn es früher schön war, die schlechten Erinnerungen holen mich dort immer wieder ein. Ich kann dort mit dir nicht glücklich werden.“ Sie überlegte einen Moment „Ich finde die Ostsee hat was… keine oder zumindest kaum bemerkbare Gezeiten, das Wasser ist immer da ohne dass du dich um Ebbe und Flut kümmern musst. Schöne Strandbäder, die es sicher auch an der Nordsee gibt, aber kalter Schlick ist echt nicht meins.“ erklärte sie mit ihrem Löwenherz auf der Zunge und Riku ging eben selbiges über „Du weißt, dass Helsinki ebenfalls an der Ostsee liegt?“ unterbrach er ihre Gedankengänge. Britt nickte nur lächelnd, sagte aber erstmal nichts. „Lass mich so nicht hängen… Kannst du dir auch vorstellen zu mir zu kommen?“ sie schloss kurz die Augen, als ob ihr Löwenherz mehr Mut bräuchte. Dann nickt sie wieder „Das wird sicher nicht heute oder morgen zu machen sein, aber als längerfristiges Ziel hab ich das im Hinterkopf!“ sie schluckte und sah Riku intensiv an „Also wenn du einverstanden bist natürlich…“ „Ob ich…?“ er zog sie schwungvoll in seine Arme „Seemädchen, nichts Schöneres als das! Natürlich bin ich einverstanden… wegen mir schon gestern, aber ich nehme auch übermorgen, Hauptsache überhaupt!“ Beim nachfolgenden Kuss hatte er die umstehenden Fahrzeuge definitiv vergessen, sonst wäre der nie im Leben so intensiv ausgefallen. Erst das Hupkonzert um sie herum ließ ihn aufschauen und feststellen, dass der Stau sich allmählich auflöste und sie dringend weiterfahren sollten um nicht selbst für Stau zu sorgen.  

Er nahm sich Britts Hand und parkte die auf seinem Oberschenkel, dieses Glück, das ihn jetzt hier im Auto durchströmte, war nicht mit Worten zu beschreiben und auch nicht mit Händen zu greifen, es war einfach da und sorgte dafür, dass er es warm bis in die Zehenspitzen fühlen konnte. Es war nicht nur warm, es prickelte, es pulsierte, es war bunt und laut in ihm drin. Dieser Endorphinrausch würde ihn jetzt eigentlich zu anderen Aktivitäten verleiten, doch hier war weder der Ort dafür, noch hatten sie jetzt, exakt jetzt Zeit und Ruhe dafür. Ganz genau würde er sich merken wie sich dieses Kribbeln anfühlt, denn das würde er heute Nacht, wenn sie alleine wären, erneut heraufbeschwören und dann vollkommen auskosten – ohne Rücksicht auf alle Eventualitäten, wie vielleicht Zimmernachbarn. Aber nun hieß es erstmal Konzentration auf den Straßenverkehr und Boden gutmachen. Sie sollten auf jeden Fall im Hotel einchecken bevor sie zum Soundcheck in den Club mussten. Wenn Britt eine Pause wollte, wäre es dort mit Sicherheit komfortabler für sie als in dunklen, eher weniger gut belüfteten Räumlichkeiten in denen es vor Geschäftigkeit wuselt wie auf einem Ameisenhaufen.
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