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Eine letzte Kugel

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Thriller / P18 / MaleSlash
02.07.2022
09.11.2022
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20.988
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02.07.2022 2.851
 
Im Gerichtssaal wurde es leise, als die Richterin sich zurück auf ihren Platz setzte. Wie alle anderen Anwesenden, von den Zeugen bis zu den Zuschauern, wartete auch Nicolai Marshall gebannt und voller Hoffnung auf das Urteil über die drei Angeklagten. Drei, die sie erwischt hatten. Drei, von mindestens fünf. Die Zeugin, die Geschädigte, wie es so unschön hieß, war nicht mehr im Saal, nur ihr Ehemann wartete mit den anderen, was nun geschehen würde.
Nicolai hörte die folgenden Worte und sah, wie der Ehemann der Zeugin aufsprang.
»Ein Jahr Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung.«
Mit geballten Fäusten erhob Nicolai sich von seinem Platz, beachtete die aufgebrachte Zuschauerriege nicht, sah nur aus dem Augenwinkel, dass der Ehemann der Zeugin von zwei Polizisten mit Gewalt davon abgehalten wurde, auf die Richterin loszustürmen. Er hörte ihn voller Wut Rache schwören. Reporter drängten in den Raum, hielten ihre Kameras auf die Angeklagten, welchen den Gerichtssaal lachend, grinsend und mit gegenseitigen Handschlägen verließen. Gemeinsam wurden sie aus dem Raum geschwemmt.
Nicolai sah sie verachtend an. Sie bemerkten ihn nicht.

Kurz blieb er vor den Türen des Gerichtsgebäudes stehen, um hören zu können, was die Richterin zu den Reportern sagte, nachdem sie nach dem Grund für das milde Urteil gefragt wurde.
»Das sind doch nur große Jungs.« Sie lächelte, und in Nicolai kochte Wut hoch. Große Jungs? Jeder von ihnen hatte ein Vorstrafenregister, das dicker war als eine Enzyklopädie.
Nicolai schnaubte, lief zum Parkplatz, zerrte seinen Autoschlüssel aus der Tasche seines schwarzen Kurzmantels und öffnete sein Auto.
Er sprang auf den Fahrersitz, vollgepumpt mit Adrenalin, gab Gas und fuhr zu schnell vom Parkplatz. Mit dem rechten Außenspiegel streifte er eine Warnbake, die vor der folgenden scharfen Kurve warnte.  
»Fuck!«
Das hatte einen ordentlichen Kratzer gegeben!
Er fuhr auf die Bundesstraße in Richtung Winthrop und gab auf der freien Straße Gas, bis die Tachonadel an der 140er-Marke kratzte.
Zack!
Ein roter Lichtblitz.
»Scheiße!«
Er ging vom Gas, aber jetzt war es ohnehin zu spät.
»Scheiß drauf«, schnaubte Nicolai, drückte das Gaspedal herunter und beschleunigte auf der schnurgeraden Strecke.

Im Süden von Winthrop hielt er vor einem hübschen Haus in einer ruhigen Straße, die an den Strand angrenzte. Er stieg aus, warf die Autotür ins Schloss und verschloss es mit der Fernbedienung. Sein Kiefer fühlte sich verkrampft an, so sehr hatte er die Zähne aufeinandergebissen. Anstelle durch die Haustür einzutreten, öffnete er das Gartentor, betrat den gepflegten Rasen und atmete tief durch. Durch die Verandatür drang langweilige, klassische Musik und brachte ihn zum Lächeln.
Ein wenig hellte seine Stimmung sich auf.
»Bin da! Ich gehe noch eine Weile in den Keller!«
Ein wilder, schwarzer Haarschopf lehnte sich gerade weit genug aus der Küche, dass man die Stirn darunter erahnen konnte.
»Okay! Das Essen ist aber in zehn Minuten fertig!«
Nicolai brummte eine Bestätigung, warf seinen Mantel im Flur auf eine Kommode, schüttelte sich die Schuhe von den Füßen und lief auf Socken die Kellertreppe hinab.

»Du sollst deine Sachen doch aufhängen! Dafür haben wir die Garderobe!«, hörte er von oben. »Und die Schuhe gehören in den Schuhschrank, nicht davor! Irgendwann bricht sich einer von uns mal das Genick, weil derjenige darüber gefallen ist!«
Nicolai verdrehte die Augen und seufzte leise. Mindestens einmal in der Woche warf Stefan ihm vor, dass er seine Sachen nicht ordentlich wegräumte.
Stefan und sein Putzfimmel!
»Und verdreh nicht die Augen! Du hast das schon so oft gemacht, dass sie in ihrer Fassung knirschen!«
Nicolai lachte.
»Ja, Mama!«
Er schloss die Tür des weiträumigen und zum Trainingsraum umgebauten Kellers hinter sich, schaltete das Radio an, dehnte sich ein wenig und begann mit Bankdrücken. Nach dem ersten Satz packte er auf jede Seite der Hantelstange eine weitere Fünf-Kilo-Scheibe und begann einen neuen Satz, bis ihm die Muskeln brannten.
Es half nur kurz gegen seine Frustration und er rollte sich von der Hantelbank, nahm zwei Kurzhanteln und legte seine Wut in Bizepscurls, die schneller wurden, als die Nachrichten im Radio begannen. Der Bericht über die Verhandlung und die Urteile kamen ihm wie ein schlechter Scherz vor.
Als das Radio ausgestellt wurde, sah er in die breite Spiegelfläche, welche die halbe Wand einnahm.
Stefan lehnte mit verschränkten Armen an der Latzug-Maschine und sah ihn fragend aus warmen braunen Augen an.

Nicolai legte die Kurzhanteln zurück an ihren Platz.
»Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen, Nick?«
Er schnaufte, wischte sich über die verschwitzte Stirn und schüttelte den Kopf. Gleichzeitig machte er eine Geste in Richtung Radio.
»Ein Jahr auf Bewährung ist mir über die Leber gelaufen«, antwortete er grimmig.
»Dafür bin ich nicht zur Polizei gegangen. Es kotzt mich nur noch an in letzter Zeit.«
»Ich weiß.« Stefan gab einen leisen Seufzer von sich. Er verstand Nicolai nur zu gut. Ihm erging es nicht anders, was mit ein Grund war, weshalb er die Nachrichten in Fernsehen und Radio mied, wenn es möglich war. Und nicht nur die in letzter Zeit gehäuften unverständlichen Urteile. Die einen kamen mit lächerlichen Strafen weg, andere wurden unverhältnismäßig hart bestraft.
»Na komm. Das Abendessen ist fertig.«
»Wenigstens ein Lichtblick. Ich komme gleich.«
Stefan warf ihm eines der Handtücher zu, die auf einem Stuhl lagen und verließ den Keller.
Nicolai folgte ihm, ging schnell ins Bad und gönnte sich eine kühle Dusche.

Nur in Boxershorts betrat er danach das Esszimmer und blieb im Türrahmen stehen. Er schürzte die Lippen.
Hatte er irgendetwas vergessen? War heute ihr Jahrestag? Nein, der war im August. Hatte Stefan Geburtstag? Hatte er selbst Geburtstag? Nachdenklich rieb er sich über die im Nacken kurzgeschorenen dunkelblonden Haare. Egal, was es war, er fühlte sich falsch gekleidet.
Stefan sah ihn vom Kopfende des Tisches amüsiert an.
»Du hast es vergessen, oder?«
Unauffällig versuchte Nicolai anhand der Tischdekoration und dem Essen einen Hinweis zu entdecken, worum es ging.
Ohne Erfolg.
Die Dekoration war schlicht, ließ sich nicht auf ein Ereignis festlegen. Das gute Porzellan von Stefans Großmutter, die blassgrüne Tischdecke mit dem dunkelgrünen Tischläufer und die silbernen Kerzenhalter würden auf eine Hochzeit ebenso gut passen wie auf eine Beerdigung. In der Mitte, umrahmt von Gedecken und Servierschüsseln stand eine dieser seltsamen Glasschalen, die Stefan gern mochte. Sie war mit Wasser gefüllt und Blütenköpfe schwammen darin herum. Welche Blüten es waren, wusste er nicht.
Sie waren einfach bunt. Nelken vielleicht? Bedeutete das etwas?
»Ähm, alles Gute zum Geburtstag?«
»Nein.« Stefans Grinsen wurde breiter.
»Schönen Vatertag?«
»Sehr witzig. Nein.«
»Frohe Ostern?«
Stefan lachte. »Was?!«
Zerknirscht setzte Nicolai sich.
»Ich komme nicht drauf. Was feiern wir?«
»Am heutigen Tag bist du seit einem Jahr rauchfrei.«
»Oh«, machte Nicolai mit erhobenen Brauen. »Du hast die Tage gezählt?«
Stefan hob die Abdeckung von der Servierplatte, spießte ein Stück Schweinefilet auf und legte es auf Nicolais Teller.
»Als ob du sie nicht gezählt hast.«
»Na ja«, begann Nicolai ausweichend. Direkt gezählt hatte er sie nur in den ersten beiden Monaten und jeden Tag im Kalender mit rotem Filzstift ausgestrichen. Es war hart gewesen, aber er hatte es geschafft. Vermutlich durfte er tatsächlich ein wenig stolz auf diese Leistung sein.
»Das liebe ich so an dir, Nick. Du setzt dir ein Ziel, und ziehst den Weg dorthin durch, ohne Kompromisse.«
Stefan erhob sich ein wenig, lehnte sich über den Tisch und küsste ihn.
»Und ich bin froh, keinen Aschenbecher mehr zu küssen.«
»So schlimm?«
Er setzte sich wieder und reichte Nicolai die Schale mit den Salzkartoffeln.
»Ja. Wenn nicht schlimmer.«

Spät in der Nacht erwachte Stefan, tastete verschlafen über die verwaiste zweite Betthälfte und setzte sich auf.
»Nick?«, flüsterte er.
Er hörte ihn atmen und drehte sich zum Fenster, wo er dessen Silhouette bewundern konnte. Die Straßenlaternen warfen einen matten Schein in den Raum, ausreichend, um erkennen zu können, wie verspannt Nicolai war.
»Alles okay?«
Nicolai wandte ihm leicht den Kopf zu.
»Ja, ich bin nur ein wenig aufgekratzt«, sagte er leise und verschwieg, was ihm wirklich durch den Sinn ging. Zu dieser späten Stunde war es dort unten auf der Straße still. Nur selten fuhr ein Auto vorbei, Fußgänger und Radfahrer würden sich erst in den grauen Morgenstunden wieder draußen einfinden.  
In Boston selbst sah das anders aus. Besonders in der Innenstadt wurde es nie ruhig.
Und Nicolai dachte dabei nicht nur an Touristen, die das Nachtleben auskundschaften wollten. Auch wenn viele es nicht sehen wollten, Boston und das Umland hatten sich verändert, und das nicht nur zum Positiven. Oder war er es, der sich verändert hatte? Sah er die Dinge nur anders? Kopfschüttelnd seufzte er.
Nach dem Urteil im Gericht, nur eines von vielen, bei denen er zugegen war, fühlte er sich hilflos. Er wollte ein Cop und schließlich ein Detective werden, um die Menschen zu beschützen, und jetzt war er gezwungen, zuzusehen, wie die Täter einfach wieder auf freien Fuß kamen. Nicht selten landeten sie einige Tage später wieder in Untersuchungshaft, und das Trauerspiel begann von vorne.
Er hatte es satt, und nicht zum ersten Mal dachte er daran, alles hinzuschmeißen und sich irgendwo einen langweiligen Bürojob zu suchen oder seinen Frust in einer Lagerhalle herauszulassen.
»Komm wieder ins Bett.«
Nicolai drehte sich zu Stefan um, der einladend mit einer Hand auf die freie Betthälfte klopfte. Im Gegensatz zu ihm, hatte Stefan sich einen Hauch an Optimismus bewahrt und glaubte fest daran, dass es nach einer schlechten Zeit auch immer wieder besser würde.
»Okay.«

Kaum, dass er lag, schlang Stefan seine Arme um ihn und zog sich an ihn heran. Nicolai genoss das Gefühl ihrer aneinandergeschmiegten Körper, wäre da nicht eine dunkle Vorahnung, die unbarmherzig in ihm aufstieg.
Er wünschte sich nichts sehnlicher in diesem Moment, als dass Stefan ihm ein wenig von seinem Optimismus abgab.
Wahrscheinlich sollte er nicht nur darüber nachdenken, den Beruf an den Nagel zu hängen und sich etwas Ruhigeres zu suchen. Für sich und natürlich für Stefan. Sie könnten auf ein ruhiges Dorf ziehen, irgendwo in der Mitte. Kansas vielleicht. Er würde schon neue Arbeit finden, und wollte Stefan sich nicht schon seit Jahren mit einem Bioladen selbstständig machen?
An Stefans ruhiger, gleichmäßiger Atmung bemerkte Nicolai, dass sein Partner eingeschlafen war. Er lächelte, küsste ihm die Stirn und schloss die Augen.
Ja, er sollte das wirklich machen.

                                                                                              ♠

Kurz vor Ende seiner Schicht am nächsten Tag erreichte Nicolai eine Nachricht von Stefan, der ihm fröhlich schrieb, dass er ihn in knapp zwei Stunden vor der Faneuil Hall abholen konnte.
Nicolai schrieb zurück, warum er dort war und nicht gewartet hatte, bis er von Arbeit kam. Sie hätten gemeinsam fahren und in der Pizzeria etwas essen können.
Alles, was Stefan ihm zurücksandte, war ein Smiley, welches sich den Zeigefinger gegen die Lippen legte.
Nicolai hob die Schultern und hakte nicht nach. Wenn sein Partner ihm etwas nicht sagen wollte, dann konnte er äußerst hartnäckig sein.
Als er aufsah, bemerkte er, dass er durch das Innenfenster des Büros beobachtet wurde. Zwei seiner Kollegen standen davor und überboten sich mit obszönen Gesten.      
  »Verpisst euch«, knurrte Nicolai, schnappte sich seine Jacke und seinen Rucksack und verließ das Büro. Die beiden Kollegen standen noch immer davor, taten unbeteiligt und gingen betont lässig an ihm vorbei. Der, der näher bei ihm war, stieß ihn absichtlich mit der Schulter an.
Nicolai reagierte nicht, erlaubte sich nichts, was ihm letztlich nur Schwierigkeiten gebracht hätte.

»Scheißtypen«, fluchte er erst, als er das Revier verlassen hatte und auf dem Weg zu seinem Auto war.
Solche Kollegen hatte wohl jeder.
Die Fahrt in die Innenstadt dauerte eine knappe halbe Stunde. Auf der Hälfte der Strecke schaltete Nicolai das Radio an und hörte nur halbwegs zu. Leise pfiff er einen Song mit, der in die Ankündigung der stündlichen Nachrichten überging.
»Bei dem Urteil am gestrigen Donnerstag …ein Freispruch, zwei Bewährungstrafen…dem Hauptangeklagten und seinem Komplizen war vorgeworfen worden…Verkäuferin…für vier Stunden…Unverständnis…«
Nicolai schaltete das Radio wieder aus, verbachte den Rest der Fahrt in grimmiger Stille. Seine Stimmung hellte sich erst wieder auf, als er auf einen Parkplatz in der Nähe der Faneuil Hall einbog, sich einen Stellplatz suchte und ausstieg.

Für einen sonnigen Freitagnachmittag im Frühling war relativ wenig los, sehr wenig. Misstrauisch sah Nicolai sich um, aber er entdeckte keinen nachvollziehbaren Grund dafür.  
Aus Richtung der großen Einkaufshalle, in der man in verschiedenen Geschäften alles bekam, was das Herz begehrte, man nette Cafés und Restaurants fand und das Kino besuchen konnte, wurde es lauter. Ein Pulk aus Menschen quoll durch den breiten Eingang. Sie stießen einander, stolperten, fielen, schrien. Nicolai setzte sich in Bewegung und wünschte sich, er hätte seine Dienstwaffe dabei. Sein Verstand sagte ihm, dass es unklug war, ohne irgendeinen Schutz vorwärtszustürmen oder ohne Verstärkung zu rufen, aber Stefan war noch dort drin!

Über das Geschrei hinweg rief er nach ihm, bis er eine Antwort zu hören glaubte. Er drängte sich durch die Massen, schob und stieß die Menschen beiseite, und dann entdeckte er Stefan, der blass auf ihn zu rannte.
Nicolai fing ihn auf, zog ihn an sich, wartete, bis ein Großteil der Menschen an ihnen vorübergezogen war und wollte mit ihm nach draußen fliehen.
Auf dem dunklen Steinboden der historischen Markthalle lagen Menschen. Vier oder fünf zählte er auf Anhieb. Blut rann in die Fugen, sammelte sich in kleinen Lachen.
Nicolai zerrte an Stefans Arm und es gelang ihm, ihn für einige Schritte mit sich zu ziehen. Aber dann glitt Stefans Hand aus der seinen und Nicolai drehte sich Schlimmes ahnend um.
Er hörte das wüste, bedrohliche Geschrei des Angreifers.
Stefan sah ihn verständnislos an, ein Blutfaden rann aus seinem Mundwinkel.
»Nick…?« Und dann fiel er einfach um. Stefan kippte nach vorn. Einfach so.
»Stefan!«

Seine Reflexe waren schneller als sein Verstand, doch obwohl Nicolai der scharfen Klinge noch auswich, drang sie tief in seine Schulter und prallte am Knochen ab. Er hörte und fühlte das Metall brechen, spürte das warme Blut, welches ihm den Rücken hinabrann.
Bei der zweiten Attacke auf ihn bekam er den Arm des Angreifers zu fassen, und das wenige, was ihm noch an rationalem Verstand geblieben war, sagte ihm, dass er den Mann bereits gesehen hatte. Ja, wann war das gewesen? Vor einem halben Jahr?
Der Rest seiner Gedanken verschwand in purem Überlebensinstinkt. Das Messer polterte zu Boden und er kickte es mit einem kräftigen Fußtritt weg.
Aus der Ferne hörte er verzerrt Polizeisirenen. Mit einem festen Hieb in die Magengrube, brachte er den Angreifer zu Boden, schlug auf ihn ein, bis er sich nicht mehr bewegte und eine Hälfte seines Gesichts nur noch ein blutiger Brei war.
Erst dann ließ er von ihm ab, rannte zu Stefan zurück und kniete sich neben ihn. Unter seinem Partner hatte sich eine Blutlache gebildet, die mit jedem gequälten Atemzug größer wurde. Stefans Atmung war kaum mehr als ein ersticktes Gurgeln und Röcheln.

»Stefan!?« Er tastete nach ihm, nahm eine der blutverschmierten, schlaffen Hände in die seinen und presste sie sich gegen die Wange. Mühsam sah Stefan ihn an, versuchte, etwas zu sagen, aber seine Lippen formten die Worte stumm.
»Nein! Nein, nein! Stefan! Nicht die Augen zu machen! Bitte!«
Schließlich wurde er von vier kräftigen Händen weggezogen und zu einem Streifenwagen gezerrt. Man drückte ihn auf die Rückbank, aber nur, damit er sich setzen konnte. Mechanisch beantwortete er die Fragen, die ihm gestellt wurden, beobachtete wie in Trance, wie die Toten mit weißen Laken abgedeckt wurden. Ein Arzt kümmerte sich um die Schulterverletzung, verband sie provisorisch und nachdem die Befragung beendet war, brachte man ihn zu einem Krankenwagen. Er musste ins Krankenhaus, damit die abgebrochene Klinge entfernt werden konnte. Ein Seelsorger begleitete ihn und sprach mitfühlend mit ihm.
Was er sagte, verstand Nicolai nicht, aber vermutlich waren es nur die üblichen Phrasen.
Bevor die Krankenwagentüren sich schlossen, sah er nochmals zur Einkaufpassage und dem abgedeckten Körper kurz vor dem Eingang, der noch erahnen ließ, wer dort lag.

                                                                                         ♠

Ein Tag war vergangen. Die Verletzung war nicht besonders gefährlich gewesen. Man hatte sie vernäht und ihn mit einer Packung Schmerzmittel nach Hause geschickt.
Aber auch ohne die Medikamente spürte Nicolai nichts. Alles in ihm war taub und schläfrig. Das Haus war still, kalt, wie ausgehöhlt. Seinem Leben und seiner Seele beraubt.
Er saß am Küchentisch. Vor sich seine Dienstwaffe und ein Revolver. Er nahm die Halbautomatik, ließ das Magazin herausgleiten und drückte alle Patronen bis auf die unterste heraus. Dann schob er das Magazin zurück und ließ es einrasten, nahm den Revolver mit der freien rechten Hand und betrachte beide Waffen.
Links, der schnelle Weg, rechts der langsame, zufällige. Eine Weile wog er beide Waffen bedächtig auf und ab. Er legte die Pistole zurück, drehte den Revolver ein wenig und presste sich den Lauf gegen die Schläfe.  
Klick.
Klick.
 
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