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Honey, I'm Home [re-written]

von Ari Fey
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Suspense / P18 / MaleSlash
Goro Akechi Protagonist
02.07.2022
16.08.2022
10
48.023
2
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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08.07.2022 4.424
 
Orangen…

Der sanfte Duft der Zitrusfrüchte hing noch immer am Stoff des Kissens, als Akira am Morgen die Augen aufschlug. Instinktiv griff er neben sich, aber fand die Matratze leer und kalt vor; ohne Akechi, der in seinen Armen am Abend zuvor eingeschlafen war.

Der einzige Hinweis darauf, dass das alles kein Traum gewesen war, war der sanfte Duft nach Kaffee und Orangen, welcher sich in den Leinen verfangen hatte. Akira atmete einmal tief ein und vergrub sein Gesicht im Kissen.

Der Morgen war kalt; kaum wärmer, als die Nacht zuvor. Die Fenster und Wände auf dem Dachboden des Leblanc hielten den Frost der Wintermonate nicht davon ab, durch kleine Risse nach innen zu dringen. Der Heizer - derselbe wie vor drei Jahren, den er von Sojiro bekommen hatte - schaffte es auch nicht, eine angenehme Temperatur zu erzeugen.

An den Scheiben bildeten sich bereits erste Frostblumen und der Schnee hatte sich am Fensterbrett gesammelt, nass, kalt und eisig. Akira fröstelte und eine Gänsehaut überzog seinen ganzen Körper, als er die warme Daunendecke von sich streifte und seine steifen Beine aus dem Bett schwang.

Es war sehr früh am Morgen, ihm blieben noch einige Stunden bis Sojiro das Café öffnen würde. Die Sonne erhellte gerade einmal die Dächer der umliegenden Häuser, welche lange Schatten auf die Straßen und durch die Fenster des Cafés warfen. Die Straßenbeleuchtung schaltete sich gerade ab, als Akira die letzte Treppenstufe nach unten genommen hatte.

Er war tatsächlich allein.

Akechi war weg. Obwohl er es ihm versprochen hatte. Aber was hatte Akira auch erwartet? Dass er einfach so nach drei Jahren auftauchen würde, als wäre nichts gewesen? Dass sie von vorn beginnen würden? Was sollten sie überhaupt beginnen? Als hätte ihre Beziehung eine Grundlage außerhalb einer vermeintlich schicksalshaften Fügung - einem Spiel, dass keiner von beiden beeinflussen konnte.

In Gedanken spielte Akira den vergangenen Abend noch einmal durch, während er mit mechanischen Bewegungen eine Tasse Kaffee zubereitete.

Goro Akechi war… wunderschön, unberechenbar, er hatte Augen wie tiefroter Wein, der allein vom Ansehen schon betrunken macht. Seine stürmische Natur hatte Akira vor über drei Jahren in den Bann gezogen und seitdem nicht mehr los gelassen. Er wusste, dass es gefährlich war, jemanden wie ihn zu lieben; ein Spiel mit dem Feuer, bei dem man nur gewinnen könnte, wenn man sich verbrennt.

Gewinnen. Ein Spiel.

Ein dunkles Lachen wich aus Akiras Lippen. Natürlich, das war nur ein Spiel, nicht wahr? Der Gott der Kontrolle hatte beide voneinander trennen wollen, Maruki hatte sie scheinheilig wieder zusammengeführt - aber jetzt, jetzt war das Alles kein Spiel mehr. Es gab keinen Gott, keinen verrückten Psychiater der sie voneinander trennen könnte - wenn Akira nur wüsste, wie er Akechis Herz erreichen könnte.

In Gedanken spielte er mit Akechis karamellfarbenen Haar, blickte in purpurrote Augen, küsste seinen herrlichen Lippen - die Erinnerung war zum Greifen nah. Akira schluckte. Akechi, unter ihm - keuchend, verlangend - und Akira, hoffend, leidenschaftlich und für einen einzigen, winzigen Moment während ihrer Zeit zusammen hatte er das Gefühl gehabt, er hätte die Kontrolle.

Er hätte es besser wissen müssen.

Natürlich konnte er ihn nicht dazu zwingen, bei ihm zu bleiben - das ist gegen seine Natur. Er hätte wissen müssen, dass er bei der erstbesten Gelegenheit verschwindet.

Das Koffein tat ihm gut, erweckte seine müden Glieder wieder zum Leben. Wärme blühte in seinem Inneren, vertrieb das eisige Gefühl in seinen Adern.

Sollte er ihn anrufen? Akiras Gedanken drehten sich im Kreis. Bevor er sich jedoch versah, hatte er bereits sein Smartphone in der Hand und wählte Akechis Nummer.
Es klingelte ein Mal, zwei Mal, drei Mal, ein viertes Mal, aber niemand hob ab. Der Anruf endete. Natürlich.

Wie sollte es auch anders sein?

***


Goro schloss die Tür seines Apartments hinter sich. Eine winzige Einraumwohnung im zweiten Stock eines Gebäudes mitten in Shinjuku - die bunten Lichter der Schautafeln des Rotlichtviertels leuchteten bunt durch die Scheiben der Fenster. Als er sich aus Akiras warmer Umarmung gelöst hatte, war es stockfinster gewesen, mitten in der Nacht. Akira hatte zwar tief und fest geschlafen, schien aber bemerkt zu haben, dass er verschwinden wollte. Er hatte ein enttäuschtes Seufzen von sich gegeben und Goros Herz blieb für einen Moment stehen, voller Angst, dass Akira es bemerken würde, dass er sich wegschleicht, weg von ihm, weg von der Wärme, der Sicherheit - aber Akira wachte nicht auf.

Er hatte nicht bleiben können. Das war nicht richtig. Er konnte Akira nicht mit sich in den Abgrund ziehen, nicht, nach allem was er Akira angetan hatte.

Erschöpft ließ er sich gegen die Tür fallen und sackte nach unten zusammen. Ob Akira es dabei belassen würde?

Wollte er, dass Akira es dabei belässt?

Er hatte sich nach Akiras Umarmung gesehnt, seitdem er ihn verlassen hatte. Es war so schön, weich, komfortabel - allein der Gedanke daran versetzte ihm einen Stich ins Herz. Nein, das alles hatte er nicht verdient. Nicht vor drei Jahren, nicht heute, niemals. Er konnte Akiras niemals das geben was er wollte, was er brauchte - Aber wieso hatte er ihn überhaupt wissen lassen, dass er noch lebt?

Goro vergrub sein Gesicht in den Händen.

Nach drei Jahren auf der Flucht… War es falsch, sich nach ihm zu sehen? Nach Akira - seiner Aufmerksamkeit, seiner Zuneigung? Seinem Lächeln, seinen Händen, seinem Körper, seinem störrischen, schwarzen Haar? Goro krallte seine Hand in sein eigenes Haar, imitierte Akiras Griff in seinen Strähnen bei der Erinnerung an die letzte Nacht.

Akira hatte ihn gehalten - zum ersten Mal seit vielen Monaten, dass ihn jemand berührt hatte und oh, es war besser gewesen als jeder einsame Tagtraum. Goro hatte oft über Akira fantasiert, er hatte seinen Kopf nie verlassen, selbst als er versucht hatte, jeden Gedanken an ihn zu unterbinden. Aber… Akira war der einzige, der ihm jemals das Gefühl gegeben hatte, tatsächlich etwas wert zu sein, mehr zu sein, als ein Werkzeug, etwas dass man nur bei sich hat, um es zu benutzen —

Er wollte von Akira benutzt werden. Wenn… Wenn es Akira war, machte es ihm nichts aus. Es… war wenigstens eine Möglichkeit, für die Schulden seiner Vergangenheit zu bezahlen.

Akiras Finger in seinem Haar, zwischen seinen Lippen, seine Hände, überall an seinem Körper. Er hatte Spuren an ihm hinterlassen, welche ihn noch für einige Tage heimsuchen würden. Die Bisse an seinem Hals, an seiner Brust und an den Oberschenkeln glühten unter seiner Haut. Es war süßer Schmerz, wie Gift, dass sich überall da ausbreitete, wo Akira ihn markiert hatte. Er hatte ihn für einen Moment zu Seinem gemacht - das, was Goro seit Jahren gewollt hatte.

Goro stieß einen Atemzug aus und ließ sein Haar los - die Strähnen waren ein wenig verknotet. Seine Hand wanderte an seinem Kiefer entlang zu seinem Hals. Sanfte Fingerspitzen glitten über die zarte Haut, unter der sein Puls heftig schlug.

Er zuckte unwillkürlich zusammen, als er einen der Blutergüsse berührte. Das Gift ausgehend von Akiras Abdrücken floss durch seine Venen, sein Herz pumpte das Feuer durch seinen Körper. Seine Hände glitten weiter herunter, spielten mit der empfindlichen Haut seiner Brust durch den Stoff seines T-Shirts. Der Schmerz war gut, er war real. Er meinte, Akira noch immer auf seiner Zunge zu schmecken, sein Duft umgab ihn wie eine Wolke.

Akira…

Er stellte sich vor, es wäre Akiras Hand, die ihn durch den Stoff seiner engen Jeans streichelte, seine Finger, die unter den Gummizug seiner Boxershorts glitten und ein angenehmes Prickeln hinterließen. Du hast es so nötig, nicht wahr? hörte er Akiras missbilligende Stimme sagen.

Erleichterung überkam ihn, als sich seine Fingerlieder einer nach dem anderen um seine pochende Erektion schlossen. Vor seinem inneren Auge sah er Akira von letzter Nacht. Akiras eisengraue Augen über ihm, seine wund-geküssten Lippen, wie er seinen Namen sagte, immer wieder. Gut, genau so —

Das Gefühl als Akira ihn ausfüllte; ihn umhüllte und von der Außenwelt abschirmte.

Der Schmerz und die Lust die er ihm bereitet hatte - es brauchte nur wenige, pumpende Bewegungen mit seiner Hand um ihn erneut kommen zu lassen. Keuchend warf Goro seinen Kopf in den Nacken. Es dauerte einige Momente, bis er aus der Trance erwachte. Akira verschwand aus seinem Kopf und machte Platz für eine Lawine aus Schamgefühlen.

Er brauchte eine Dusche. Sofort.

Als könnte er die Spuren von letzter Nacht - von Akira - wegwischen, abwaschen, irgendwie los werden, rieb er seinen ganzen Körper mehrmals mit Seife ein und wusch den Film wieder von seiner Haut ab. Aber egal, wie oft er es wiederholte, egal, wie sehr er seine Haut schrubbte und kratzte, er konnte Akira nicht von sich lösen. Wollte er das überhaupt? Hatte Akira ihn nicht gebeten, zu bleiben?

Wie gern hätte sich Goro ihm erneut hingegeben — als Akira ihn dominiert hatte, verstummten endlich die Stimmen in seinem Kopf für einen Moment. Dann gab es nur Akira und ihn. Nur Akira, der alle Sinne Goros vereinnahmt hatte. Nur Akira, seine Hände, seine Berührungen, seine Stimme und sein Duft - das war alles, was Goro wahrnehmen konnte. Was er wollte. Er wollte Akira —

Nein.

Er schüttelte den Kopf. Natürlich war er egoistisch - aber er hatte Akira nicht verdient.

Er würde ihm niemals gerecht werden.

Als Goro aus dem Badezimmer trat - nur mit einem Handtuch lose um die Hüften gewickelt - klingelte sein Smartphone. Kein besonders neues Modell, mit einigen Rissen auf dem Bildschirm, aber es tat, was es soll.

Akiras Name - der einzige Kontakt, den er eingespeichert hatte - erschien auf dem Bildschirm.

Goro ballte eine Hand zur Faust und biss sich instinktiv auf die Lippe. Er konnte nicht, nicht jetzt —

Der Name auf dem Bildschirm verschwand wieder. Der Anruf wurde beendet, ehe er eine Entscheidung treffen konnte.

Sollte er ihn zurückrufen? Aber was dann? Wäre es nicht besser für Akira, wenn er wieder aus seinem Leben verschwinden würde?


***


[Chat-Thread started, Sonntag, 16.01.20XX, 12:31]

>Ann: Hey Akira, alles in Ordnung? Wann kann ich Morgana wieder zu dir bringen?

>Akira: Hey! Egal wann, ich bin wieder zuhause
>Akira: Also, in meinem Apartment, nicht Leblanc
>Akira: und ich bin allein, muss nur ein paar Dinge für die Uni machen

>Ann: Allein? Kannst du mir schreiben, was los ist? Ich hab Morgana nichts gesagt
>Ann: Bin in zwei Stunden da :)

>Akira: Wir haben geredet, dann ist er verschwunden

>Ann: Mehr ist nicht passiert?

>Akira: Ich hab ihm eine verpasst

>Ann: Was? Habt ihr euch gestritten?

>Akira: So in der Art…

>Ann: OMG
>Ann: Verdient haha
>Ann: Was jetzt?

>Akira: Keine Ahnung

>Ann: …
>Ann: Euch ist echt nicht zu helfen

>Akira: ???

>Ann: Stell dich nicht so an! Ruf an oder schreib ihm!

[Chat -Thread ended]


“Heeeey!” rief Ann fröhlich und umarmte Akira stürmisch, als sie bei ihm vorbei kam. “Du könntest wirklich mal wieder aufräumen,” murmelte sie, nachdem sie einen prüfenden Blick in sein Apartment warf. Es stimmte, Akiras Apartment war die letzten zwei Tage leer gewesen, aber Akira hatte es nicht gerade in ordentlichem Zustand verlassen.

Der kleine Flur im Eingang mündete in ein Wohn-Schlaf-und-Esszimmer mit eingebauter Küche. Der Dachboden des Leblanc war nur minimal kleiner, aber im Gegensatz zum Café hatte Akira hier ein eigenes Badezimmer, sogar mit dem Luxus einer Badewanne. Auf dem Bett und dem Schreibtisch lagen Bücher und Zettel wild verteilt, einige benutzte Teller standen auf dem kleinen Esstisch und der Arbeitsfläche der Küche, Klamotten lagen achtlos auf dem hellen Dielenboden oder auf einem der Stühle gestapelt - Ann hatte Recht, es herrschte Chaos.

Akira murmelte eine Entschuldigung zum Zustand seiner Wohnung zurück und räumte einen Wäschestapel von einem Stuhl am Esstisch auf den Schreibtischstuhl, damit Ann sich setzen konnte. “Du machst selbst Futaba Konkurrenz, so wie es hier aussieht.”

“Mreow! Du hättest für Lady Ann wirklich sauber machen sollen!” Morgana hüpfte aus Anns Handtasche heraus und sprang auf eine freie Stelle auf dem Bett.

“Okay, okay, könnt ihr zwei bitte aufhören, Kommentare über meine Wohnung zu machen?” fauchte Akira gereizter, als er wollte.

Ann hob beschwichtigend die Hände. “Schon gut, ich helfe dir.” Sie setzte sich neben Morgana und begann, die Bücher und Notizhefte neben sich zu sortieren.

Akira schaute auf sein Smartphone.

Nichts.

Kein verpasster Anruf, keine Nachricht. Akira seufzte leise auf und warf das Handy in Richtung des Betts. Morgana sprang sofort auf um dem Gegenstand auszuweichen.

“Hey!” rief er aufgebracht und schaute Akira vorwurfsvoll aus großen, blauen Augen an. “Was ist los mit dir?”

“Nichts” murmelte Akira und ließ Wasser in die Spüle laufen, um das dreckige Geschirr aufzuwaschen.

“Das stimmt nicht. Du bist gereizt, also sag schon, was ist los? Ist letzte Nacht etwas passiert?”

Akira murmelte etwas unverständliches und begann, die Teller zu reinigen.

Es fiel ihm schwer, die Erinnerungen an Akechi zurückzuhalten, Erinnerungen an die letzte Nacht. Akechi… war einfach aus dem Nichts wieder aufgetaucht. Er hatte nicht gerade heraus gesagt, dass er in Schwierigkeiten steckte, aber…  es war nicht Akechis Art, um Hilfe zu bitten, selbst wenn es um Leben und Tod geht. Erst recht nicht, wenn es um sein Leben geht. Akira hatte ihn für verstorben gehalten; er hatte um ihn getrauert. Die Gewissheit, dass Akechi noch am Leben war, drehte seine gesamte Welt auf den Kopf. Endlich… hatte er eine zweite Chance, und er —

“Akira, dein Handy klingelt.”

Sein Herz machte einen Sprung. Sofort drehte er sich um und nahm das Smartphone in die Hand, ohne auf den Namen auf dem Bildschirm zu schauen.

“Akechi?”

“Dude, ich bin’s. Hast du gerade ‘Akechi’ gesagt?” Es war… Ryuji.

Verdammt. Shit.

Ein Blick in Morganas riesige blaue Augen verriet Akira, dass er gleich einiges zu erklären hatte.

“Egal, ich wollte nur sagen, dass ich heute Abend für ‘ne Runde Star Forneus vorbeikomme, bringe auch Bier mit. ‘K?”

“J-ja, klar. Wir sehen uns dann. Will Yusuke dich wieder raus werfen?”

“Jo, hat irgendein Projekt, dass er fertig machen muss. Er sagt, ich störe seine ‘kreative Energie.’”

Akira lachte leise. “Ist ja nicht das erste Mal. Alles klar, du kannst das Sofa nehmen.”

“Danke, man. Bis dann.”

“Oh man, ich verstehe nicht, wie die beiden sich eine Wohnung teilen können,” seufzte Ann und wandte sich Akiras Schreibtisch zu. Die Unordnung auf dem Bett hatte sie bereits beseitigt.

“Uhm, Akira? Akechi? Wie um Himmels Willen kommst du auf Akechi?” fragte Morgana aufgeregt und spitzte die Ohren.

“Ich - uhm -”

“Komm schon Akira, erzähl es ihm.” Ann sah ermutigend zu ihm auf. Natürlich, wie hätte Akira nur jemals annehmen können, dass er die Begegnung mit Akechi vor seinen Freunden geheim halten könnte?

Also… erzählte Akira es ihm. Von dem Zettel, dem Anruf, dass er Akechi gestern Abend nach drei Jahren wieder gesehen hatte, dass er noch am Leben war und dass sie miteinander gesprochen hatten. Die anderen Details ließ er selbstverständlich aus.

“Was?!” Morganas Augen waren so weit aufgerissen, dass sie über die Hälfte seines Gesichts einnahmen. “Akechi war bei dir?”

“Das sagte ich gerade —”

“Und damit rückst du erst jetzt heraus? Was machen wir jetzt?” fragte er aufgeregt, sprang vom Bett herunter und auf den Esstisch.

Akira widmete sich wieder der Spüle und dem Waschen des Geschirrs.

“Was sollen wir jetzt schon machen? Er lebt, aber… wir haben nicht darüber gesprochen, wie es weiter geht… oder ob wir uns wiedersehen.”

“Das glaubst du doch selbst nicht!” erwiderte Morgana und Akira meinte hören zu können, wie er die Augen verdrehte.

Ann kicherte: “Morgana hat Recht, weißt du? Als hätte er dir verraten, dass er noch lebt, wenn er dich danach nie mehr sehen wollen würde — wie du vielleicht weißt, dachten wir alle, er sei tot.”

“Lady Ann! Wie kannst du das nur so locker sehen?” Morgana sah aufgebracht zwischen Ann und Akira hin und her. “Bin ich der einzige, der das ernst nimmt?”

“Da gibt es nichts… Ich meine, ich weiß auch nicht, was ich jetzt tun soll.” Akira seufzte und trocknete seine Hände an einem Geschirrtuch.

Ann zuckte mit den Schultern. “Wir sollten den anderen davon erzählen —”

“Nein, Ann. Noch nicht. Gib mir etwas Zeit… Ich muss darüber nachdenken.”

Ann legte den Kopf schräg und hob einen Zeigefinger an ihr Kinn. Mit der anderen Hand zwirbelte sie eine Haarsträhne. ”Ich verstehe… Ich sage selbstverständlich auch nichts, aber gib mir Bescheid, wenn du soweit bist.”

“Danke, Ann…”

Die Wohnung sah schon etwas besser aus - Ann hatte das Papierchaos beseitigt und das abgewaschene Geschirr trocknete gerade neben der Spüle.

“Lass mich wissen, wenn ich etwas tun kann.” Ihr Lächeln war warm und einfühlsam. Nachdem sie fertig war, stand sie auf und klopfte ihre Hände an ihrer karminroten Leggins ab.

Akira lehnte gegen die Arbeitsfläche der Küche und steckte seine Hände in die Hosentaschen seiner Jeans. Sie warf ihm noch ein wohlwollendes Lächeln zu, tätschelte Morganas Kopf und umarmte Akira zum Abschied kurz.

Als sie wieder verschwunden war, wollte Morgana ihn dazu bringen, über Akechi zu reden, doch Akira weigerte sich und wich seinen Fragen aus.

Seit letzter Nacht war Akechi ununterbrochen in seinem Kopf. Akira hatte ihn endlich wieder gesehen… Nicht nur das, er hatte ihn gefühlt, mit ihm gesprochen, ihn gehalten - Akira schluckte. Akechi war ein ebenso leidenschaftlicher wie gefährlicher Liebhaber; das hatte Akira sich damals schon vorgestellt, nachdem er endlich seine TV-Idol-Prinz-Detektiv-Persönlichkeit abgelegt, und sein wahres Gesicht in Marukis Palast gezeigt hatte. Aber… Akira hatte bisher nur davon geträumt, Akechi jemals so nah sein zu können, wie in der letzten Nacht. Akira konnte nicht leugnen, dass er und Akechi nicht miteinander kompatibel waren. Akechis Verlangen nach Schmerz und Akiras angestaute Wut — es war… aufregend.

Der Abend kam schneller als erwartet. Als Ryuji bei ihm eintraf, war seine Wohnung wieder in einem besseren Zustand. Das Bier und die Gesellschaft waren eine willkommene Ablenkung, jedenfalls für den Moment. Akira genoss es, für einen Abend einfach nur Akira sein zu können - Akira, wie er war, bevor er erfuhr, dass sein Ex-Rivale-und-Liebhaber noch lebte. Ein einfacher Student mit Freunden, einem Job, einer sprechenden Katze und einer übernatürlichen Vergangenheit.

***


[Chat-Thread started, Montag, 17.01., 09:33 Uhr]

>Akira: Hey, ist alles okay? Bitte sag mir, dass alles in Ordnung ist.
>Akira: Können wir uns wiedersehen?
>Akira: Goro?

***



“Hey, hörst du mir zu? Du starrst schon den ganzen Tag auf dein Handy. Was ist los?” Harus sanfte Stimme klang fröhlich, wie immer, hatte aber einen besorgten Unterton. Verdammt. War es so offensichtlich?

“Entschuldige. Nein, es ist nichts. Was sagtest du gerade? Ein neues Café in der Nähe vom Campus?”

Harus Blick nahm wieder weichere Züge an. Sie schenkte ihm ein liebevolles Lächeln, bevor sie sagte, “Richtig, es gehört zu einer Tochterfirma von Okumura Foods. Der Manager hat mir zwei Gutscheine für einen Kaffee und Torte gegeben. Wie wäre es, wenn wir es uns nach der Vorlesung heute ansehen?” Sie holte zwei bunt bedruckte Blätter aus ihrer Tasche hervor.

Akira nickte zustimmend. “Sicher, wieso nicht. Kommt Makoto auch?” Akira stützte einen Ellenbogen auf dem Tisch vor ihm ab. Der Vorlesungsraum war fast leer, sie waren wie immer die ersten.

Harus Augen leuchteten. “Hmm, ich könnte Mako-chan fragen, ob sie Zeit hat, aber sie lernt gerade für ihre Zwischenprüfung nächste Woche,” nachdenklich legte sie ihren Kopf schief, “andererseits das wäre eine tolle Ablenkung für sie. Ich schreibe ihr!”

Der Vorlesungssaal füllte sich langsam mit den anderen Studenten. Akira hatte sich nicht die Mühe gemacht, auch nur einen von ihnen besser kennenzulernen; er blieb lieber im Hintergrund. Die Vorlesung für Grundlagen der Wirtschaftspsychologie begann, als der Professor den Raum betrat, doch Akira schenkte ihm kaum Beachtung. Seine Gedanken drohten wieder und wieder abzudriften. Er folgte der Präsentation des Professors nur halbherzig, auch wenn er wusste, dass er es später bereuen würde - die meisten Module lagen ihm irgendwie, aber dieses zog sich wie Kaugummi, den man zu lange gekaut hatte. Dass der Professor ein Greis war, der die Wirkung einer Schlaftablette hatte, machte es natürlich nicht einfacher.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, fünf beschriebenen Blättern voller Notizen und einem Gähnen, das Akira nicht mehr länger zurückhalten konnte, endete die Vorlesung.

Haru schleifte ihn hinter sich aus dem Seminargebäude der Universität hinaus, die Treppen hinunter, die Straße entlang, bog einmal links ab und präsentierte ihm schließlich das kleine Café.

“Du hattest Recht, es ist unscheinbar…” sagte Akira. In der Seitengasse gab es einige kleinere Restaurants und Imbisse - die Lage war perfekt für ein Café. Der Charme des relativ modernen Gebäudes mit hohen, glasigen Fronten, machte es einladend für Studenten - perfekte Voraussetzungen, um einen neuen Standort zu eröffnen. Haru erklärte ihm, dass das die Absicht bei der Auswahl des Standorts war.

Die Fensterläden leuchteten in hellem türkisblau, dank des Frosts an den Scheiben wirkte das Innere umso einladender, wärmer. Von außen konnte Akira bereits eine große, gläserne Theke mit einer bunten Variation an Kuchen, Gebäck und Muffins entdecken. Über der Theke waren Schiefertafeln angebracht, auf denen das Angebot in sauberer Handschrift aufgelistet war.

“Also dann, wollen wir?” Haru warf ihm ein warmes Lächeln zu und zog ihn hinter sich in das warme Innere des Café hinein.

Das innere Dekor war ebenfalls türkis und blau gehalten, mit Akzenten von weiß und hellem beige. Haru stellte sich an den Tresen und wurde direkt bedient, bestellte gerade zwei große Latte Macchiato mit Karamell-Sirup und zwei verschiedenen Stücken Cremetorte - Haru wollte ihm offenbar einen Zuckerschock verpassen, Akira bereute es ein wenig, ihr die Auswahl überlassen zu haben - bevor sie Akira an einen kleinen, runden Tisch direkt am Fenster führte.

Das Café war gut beheizt, also streifte sich Akira den dunkelblauen Mantel von den Schultern und widmete sich einem Gespräch mit Haru über ihr Wochenende und Makoto.
Sie erzählte gerade davon, wie sehr sie es vermisste, Mako-chan jeden Abend zu sehen, denn obwohl sie zusammenlebten, war Makoto in letzter Zeit häufig mit Training und Lernen beschäftigt. Haru erzählte von einem Rezept für einen vegetarischen Burger-Patty, dass sie am Samstag ausprobiert hatte, als ein Kellner ihnen ihre Bestellung servierte.

Akira sah zuerst zu dem cremeweißen Stück Torte, garniert mit Schokolade und Erdbeeren, dann zum Kellner, um sich zu bedanken, als —

Als er in bekannte, weinrote Augen blickte.

Akechi hatte sein Haar - ebenso karamellfarben wie der Latte Macchiato, den er Haru gerade reichte - in einem lockeren Pferdeschwanz im Nacken gebunden. Einige Strähnen hingen wirr in seine Stirn, und im Tageslicht sah Akira zum ersten Mal, wie sehr er sich verändert hatte.

Er war noch immer wunderschön, so schön, dass es Akira den Atem raubte, aber sein Gesicht war härter, erwachsener als es vor drei Jahren gewesen war. Die hohen Wangenknochen stachen härter hervor und unter seinen Lidern bildeten sich violette Schatten, er sah müde aus, erschöpft.

Akiras Kinnlade klappte herunter und er wollte etwas sagen, doch Akechis flehender Blick verriet ihm, dass er lieber still bleiben sollte. Seine Freundin wusste immerhin nicht, dass er von den Toten auferstanden war. Nichts desto trotz war er einfach verschwunden; stand jetzt hier, als wäre er nicht vor drei Nächten einfach so verschwunden und Akira wollte eine Erklärung dafür. Er wollte… Akechi nicht wieder gehen lassen. Nicht dieses Mal.

Aber Haru war so in ihre Erzählung vertieft, dass sie nichts von den ausgetauschten Blicken mitbekam. Sie schenkte Akechi keinerlei Beachtung. Stattdessen erzählte sie Akira in einem Monolog, dass der Burger-Patty aus ihrem eigens-angebauten Gemüse wirklich gut gelungen war —

Akira hörte ihr nur halbherzig zu. Sein Blick wanderte ständig wieder zu Akechi, selbst als er wieder hinter dem Tresen verschwunden war. Die Kellner-Uniform in dunklem Türkis stand ihm wirklich gut. Obwohl es nur für einen Moment war, führte Akira einen inneren Krieg gegen das Verlangen, Akechi hier und jetzt zu sich herunter zu reißen, seine Lippen auf seine zu pressen, ihn auf der Tischplatte oder auf dem Tresen oder in einem Hinterzimmer zu —  

Nachdem sie gegessen hatten — Haru hatte die Hälfte von Akiras Kuchen selbst gegessen, denn er konnte dank des Knotens in seinem Magen kaum einen Bissen herunter schlucken — suchte Akira nach einer Ausrede, noch einmal mit Akechi zu sprechen. Er bat Haru, einen Moment auf ihn zu warten, und stellte sich an den Tresen.

Akechi seufzte laut und theatralisch, als er Akira bemerkte. “Darf es noch etwas sein?”

Ja, du bist mir eine Erklärung schuldig, schoss es Akira durch den Kopf.

“Einen kleinen Kaffee To Go. Schwarz.” Sagte er stattdessen, so neutral wie möglich. Wie konnte Akechi nur so ruhig bleiben?

Akechi nickte, dann wendete sich einer der Kaffeemaschinen hinter sich zu.

“Akechi, ich —” begann Akira, unsicher, was er als nächstes sagen sollte. Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, wurde ihm von Akechi das Wort abgeschnitten, “Hier, der Kaffee,” säuselte er viel zu freundlich und stellte einen gefüllten Pappbecher vor Akira auf den Tresen.  Akechi lächelte - seine Augen nicht. Könnte Akira nur seine Gedanken lesen, wenn er nur wüsste, was in seinem Kopf vorging - stattdessen blickte er in eiskalte Rubine, die ihm signalisierten, dass er besser gehen sollte. Abweisend und undurchlässig, und da war es wieder, die scheinbar unüberbrückbare Distanz zwischen ihnen.

Aber… Akira würde das nicht zulassen. Er würde nicht zulassen, dass Akechi sich wieder aus seinem Leben windete — nicht jetzt, wo Akira wusste, dass er noch am Leben war. Er war so nah.

***


Akira besuchte das kleine Café jeden Tag, eine Woche lang. Er kam jeden Tag um dieselbe Zeit in der Hoffnung, Akechi wiederzusehen - dieses Mal allein, ohne Haru. Akechi hatte ihm auf keine einzige Nachricht geantwortet.

Am achten Tag fragte sich Akira, ob alles nur ein Traum gewesen war, ob er sich Akechi in der Kellner-Uniform doch nur eingebildet hatte, ob sein Verstand ihm mittlerweile Streiche spielt.

Am neunten Tag ging er erst am Abend in das Café. An diesem Tag hatte er ein verlängertes Seminar über Freud und Jung, sein Kopf war nach diesem vierstünden Vortrag so voll, dass er jeden Moment zu platzen drohte.

Er bestellte einen großen, schwarzen Kaffee ohne Milch und Zucker um sich auf einen langen Abend vorzubereiten, als er wieder einmal in vertraute, pupurrote Augen sah.

Akechi… war allein hinter dem Tresen, und Akira war der einzige und letzte Kunde. Offensichtlich hatte er das Schild, auf dem “Geschlossen” stand übersehen; Akechi war gerade am Abschließen, aber —

Als Akechi wortlos hinter dem Tresen hervorkam, wirkte es beinahe wie einer von Akiras Tagträumen. Die Stille des Café wurde nur durch das leise Summen einer der selbstreinigenden Kaffeemaschinen unterbrochen. “Akechi, ich —”

“Sei still,” erwiderte Akechi. Die dimmen, gelben Lichter des Café schienen in warmen Glanz auf Akechis honigbraunes Haar. Akira erstarrte zu Eis, als Akechi seine warme, bloße Hand an seine Wange legte, mit dem Daumen sanft darüber strich. “Du bist nicht zum Reden hier, nicht wahr?” Er lehnte sich näher zu ihm, seine Lippen streiften Akiras bei jedem Wort.

Sein Kuss schmeckte nach Zimt und billigem Filterkaffee und so, so warm.
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