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under his disguise

von Riley J
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Mystery / P18 / MaleSlash
Astrid Hofferson Hicks der Hüne Ohnezahn
01.07.2022
01.07.2022
1
4.551
 
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chapter 1



Drachen zu zähmen, ist etwas das nur in der Fantasie möglich war.
Intelligent wie Drachen auch sein mochten, sie waren von Urinstinkten getriebene, grausame Kreaturen, deren Empathie oft nicht einmal für die eigene Brut reichte. Sich mit ihnen auf ein Augenlevel zu begeben, und zu versuchen, eine Verbindung zwischen sich herzustellen, das war nicht mehr als ein abartiger Wunschgedanke. Und war es mehr als ein Gedanke, ein Tagtraum, dann war es eine Suizidmission. Glaube es, oder nicht, aber in der Geschichte hat es vorher schon Menschen gegeben, die diesen irrwitzigen Gedankengang verwirklichen wollten. Geschichten von Männern und Frauen, deren Eltern sie zu sehr gefühlsduseligen Wesen erzogen hatten, die schon immer geweint hatten wenn die Hühner im Garten hinter der Hütte für ein Festessen geschlachtet wurden -die ewigen Träumer, die sich dachten Was wenn die Dinge anders wären? Die, die es sich durch wiederholtes Einbläuen Älterer nicht merken wollten, die es selbst herausfinden mussten, warum es nicht ging, dass die Dinge anders wären.
Hiccup hatte immer wieder von ihnen gehört. Denen, die sich dachten, dass selbst die Drachen und die Menschen anders sein könnten, und die sich dachten, sie könnten einen dieser Sorte auf ihre Seite gewinnen. Befreunden sogar. Nun, die Geschichten endeten immer gleich. Und zwar im drei-mägigen Verdauungstrakt einer dieser übergroßen Eidechsen, als ein Beispiel für Kommende, die sich mit ähnlichen Hirngespinsten beschäftigten. Natürlich gab es immer die, die sich davon nicht abbringen lassen würden. Und so wiederholte sich das altbekannte Spiel. Immer. Und immer wieder.

Aber so unmöglich es auch war eine tatsächliche Bindung mit etwas so unfühlsamen wie einem Drachen herzustellen –die Wikinger Berks waren ein clevereres Volk, als viele es ihnen zutrauen würden. Nach langem Leiden unter territorialen Angriffen, hatten sie sich eine Strategie ausgedacht, wie sie sich die Biester ein für alle Mal vom Leib und Grund halten könnten. Sie überlegten –warum war es, dass die Drachen Berk als solches Ziel markiert hatten, was war die Hauptsache? Nun ja, das war das Futter. Denn ungleich vieler umliegenden Inseln und Völker in diesem pazifischen Gebiet, war Berk sehr gut mit seiner Nahrungsverpflegung dran. Zumindest was das Fleischige anging. Viel wuchs auf steinigem Boden nicht. Aber Schafe und Ziegen und Rindvieh hatten sie mehr, als sie oft verwerten konnten. So viele, dass manch einer sich die Viecher zum Haustier gemacht hatte und ihnen liebevoll einen Platz neben seinem eigenen Bett gemacht hatte. Die Drachen wussten davon und nachdem diese Wesen unter dem Vorsatz von „Was meins ist, ist meins, und was deins ist, ist auch meins“ lebten, flogen sie oft in Schwärmen ein, um zu rauben, was sie konnten und zu reißen, was sie nicht mitnehmen konnten. Im Gegenzug hatten die Wikinger es sich zur Routine gemacht alle paar Monde die Streitaxt zur Brust zu nehmen, die Segel zu setzen und Nester der Drachen da draußen in der Welt aufzuscheuchen und sie niederzumetzeln wie die Hunde. Dadurch war ein blutiger Krieg geboren –ein einziges Hin und Her, dessen Bewegungsgründe inzwischen so viel tiefer gingen als Futterneid.
Es war nichts, das ewig so bestehen könnte. Beide Seiten hatten Verluste eingesteckt, die über alle Tragbarkeit hinausgingen. Eltern verloren ihre Kinder, bevor diese überhaupt laufen konnten, eben weil sie nicht davon laufen konnten und ganze Spezies in den Drachen wurden ausgerottet, ganze Nester ausgeräuchert.
Und das hatte die Führenden von Berk auf eine Idee gebracht, um diesem Elend ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Es war vor einem halben Jahrzehnt gewesen, Hiccup selbst war damals gerade erst in seinen ersten jugendlichen Jahren gewesen, und obwohl er damals sehr wohl die Fähigkeit gehabt hätte, zu verstehen, so wusste er praktisch nichts über den Ablauf, denn sie hatten selbst ihn im Dunkeln darüber gelassen. Es war eine Art von Ritual gewesen, soweit er wusste, ein Treffen mit den Drachen, aber nicht auf physikalischer Ebene. (Hiccup hatte Gothi angefleht, seine Neugier zu befriedigen, und hatte die Älteste und Weiseste unter ihnen anfangs auch gezögert und wollte sie ihn auch davon schicken, so war Hiccup niemand, der sich einfach abschütteln ließ, und letzten Endes hatte sie tief und tonlos geseufzt, und hatte ihm Bilder und Runen in den Sand geschrieben. Viel konnte Hiccup nicht aus diesen machen, es war ein Thema mit dem er vollkommen unbekannt war. Sie erzählte von etwas, das sie „Astralreisen“ nannte. Ein Wort, das ihm in seinem ganzen Leben noch nie untergekommen war, und er hatte gefragt, was es bedeutete, aber Gothi’s Gesicht hatte nur einen inneren Twist ausgedrückt, bevor sie ihre fragilen Schultern fallen gelassen hatte und ihm mit Gesten bedeutete, dass sie es ihm nicht mit Worten erklären könnte, die er verstehen würde. Und dann fügte sie „sollte“ hin. Da war etwas, was besser war, wenn er es nicht verstand. Gefiel Hiccup, der bekannt für seinen unstillbaren Wissensdurst war, überhaupt nicht, aber er hatte die Vorahnung, dass er hier keine weiteren Antworten ziehen konnte.) Soweit er verstand, war es eine Art, um eine Kommunikation zwischen den Drachen und den Wikingern herzustellen, in der sie eine Abmachung getroffen hatten. Die Wikinger würden jetzt und ab sofort alle Angriffe auf deren feindselige Spezies versiegen lassen –unter der Bedingung, dass die andere Seite dasselbe tun würde. Und im Gegenzug, als Besänftigung der Geister, würde Berk eine Hälfte seiner jährlichen Lebendnahrung an die Drachen abtreten. Kein einfaches Los, Berks Verpflegung in zwei zu teilen, und sie unnützen Biestern wie den Drachen zu überlassen. Es war auf jeden Fall großzügig. Und die Drachen sahen das, und durch dieses Tor der Kommunikation stimmten sie ein. Und von da an war einer ihrer Art nie wieder näher gesehen, als man ihn durch ein Fernrohr in der Weite erblicken konnte.

Hiccup gähnte, die stickige Luft der Großen Halle tief einatmend, und rieb sich die Augen. Mit der freien Hand schob er Das Buch der Drachen eine Armlänge von sich, auf welches er seinen Blick fixiert hatte. Tagträumend und seine Aufgaben vor sich guten Gewissens vernachlässigend. Er war der vielen Schriftrollen und den Einträgen in den Büchern, von denen so manches dicker als sein Kopf war, müde geworden. Die Feder, mit der er auf einem hauptsächlich ungefüllten Papier rumgekrakelt hatte, beiseitegelegt. Eigentlich hatte sein Vater ihn hier herein gescheucht, damit er seine „Hausaufgaben“ –wie er es nannte- erledigte. Aber Hiccup hatte schon einen langen Tag voller „Hausaufgaben“ vieler Arten hinter sich, und hatte entschieden, wenn er nur hier im Halbdunkeln säße und so tue, als würde er lesen, dann würde sein Vater sicher nicht den Unterschied merken. Als würde er jemals seine Aufgaben Korrektur lesen, oder überhaupt danach fragen, was er in den vielen Stunden gelernt hatte. Nein, in etwa zwei Stunden von nun an würde entweder er, oder jemand, den er gesendet hätte, die Tür der Großen Halle lautstark aufstoßen, ihn aus vollen Lungen grüßen ohne eine Antwort zu erwarten und ihn dann ohne große Umschweife anheuern, seine Sachen zusammenzupacken, da es Zeit war, zur nächsten Pflichtarbeit aufzubrechen.
Dies war das Leben eines heranwachsenden Häuptlings Berks.
Hiccup war nun 19 Jahre alt, bei weitem kein Kind mehr, und was er immer als ferne Zukunft abgetan hatte, bahnte sich nun seit einem knappen Jahr als kommende Realität heran. Sicher, damals, als er gerade noch fünfzehn war und sich einmal hier und einmal da in Berk ohne Ziel herumgeschlagen hatte, da war es alles nur Theorie gewesen. „Eines Tages, Sohn, wirst du meinen Platz einnehmen und du wirst Häuptling sein“ Natürlich, Vater, sicher, Vater. Eines Tages, sagst du? Oh, das ist noch weit entfernt. „Bald wirst du nicht mehr Zeit haben, den ganzen Tag herumzustreichen. Wir werden anfangen, dir beizubringen, wie du deinen dir angeborenen Pflichten nachzukommen hast.“ Absolut, Vater. In Jahren, wenn ich erwachsen bin, richtig?
Hiccup hatte nicht kommen gesehen, dass die Jahre so viel schneller vorbeigehen würden, als er gedacht hätte. Und ehe er sich versehen hatte, da war sein Vater eines Tages auf ihn zu gekommen -gerade durchgestreckter Rücken und eine Art von offiziellem Gang, der nichts Gutes verheißen konnte- und hatte gemeint, dass es nun an die Zeit gehen würde, da er Hiccup eine Lektion oder zwei beizubringen habe. Und Hiccup erinnerte sich, dass er sich an diesem Tage noch etwas gedacht hatte wie „Oh verdammte Scheiße“ und dieser Gedanke hatte ihn von da an nicht mehr verlassen.
Seitdem war sein Alltag geprägt von solchen Lektionen, wie sein Vater sie genannt hatte. Vom ersten Krähen des Hahnes am höchsten Punkt von Berk an musste Hiccup in den wortwörtlichen Fußspuren seines Vaters hinterhereilen, als er ihn mitnahm, während er seinen alltäglichen Pflichten als Chief nachging. Hiccup war nie bewusst gewesen, wie viele davon er tatsächlich hatte. Und er hatte nicht nur daneben zu stehen und hübsch auszusehen –sein Vater schien es als pädagogisch hilfreich zu erachten, ihn oft ins metaphorische kalte Wasser zu stoßen, indem er ihn zu einer heiklen Situation mitschleppte, und ihn dann voran schob und anwies, die Situation alleine zu bewältigen, als hätte er seinen Vater nicht im Rücken und als wäre er auf sich allein gestellt. Und jedes Mal wieder stand Hiccup dann da, starr wie ein Stock und in sich zusammen geschrunken in Unsicherheit, und stotterte vor sich hin. Und ließ generell alles so linkswärts aus dem Ruder laufen, dass sein Vater des Öfteren, wenn nicht fast immer, dazwischen gehen und die Sache selbst in die Hand nehmen musste.
Hiccup war immer schon bewusst gewesen, dass er nicht für die Rolle des Chiefs ausgeschnitten war. Es brauchte einen Mann wie seinen Vater, doppelt so groß und doppelt so breit und mit doppelt, nein dreifach!, so viel Schlag, als Hiccup es je konnte. Er war in seinen jüngeren Jahren oft dagesessen und hatte sich gefragt, wie er diese Aufgabe je bewältigen könnte. Spoiler, er konnte es nicht.
Immerhin in seinen theoretischen Unterrichtsstunden tat er sich besser. Schriften lesen und studieren konnte er ja wie kein zweiter. Der einzige Haken war, dass alles, was ihm sein Vater und seine ernannten Lehrer vorsetzten zu Tode langweilig waren. Er interessierte sich nicht für die öde Geschichte Berks, die sich schon seit Anbeginn der Zeit nur wiederholte (Da war dieses Buchreihe, die von vorne bis hinten nur Einträge vergangener Chiefs war, und durch so viele Hiccup auch blätterte; sie waren alle dieselben. Nie hatte sich in der Geschichte Berks etwas geändert, und nie hatten seine engstirnigen Vorgänger auch nur Interesse daran gehabt. „Wenn es dich nicht umbringt, warum daran herumschrauben?“) Man könnte sagen, dass sein Vater geradezu revolutionär war –nach dem, was er mit den Drachen ausgehandelt hatte- und doch veränderte selbst dieser nichts an der Weise wie Berg geführt wurde und Berk wollte auch nicht anders geführt werden. Dabei war diese Zivilisation weit von perfekt entfernt. Nur waren sie alle genauso verfahren in ihrem Denken, wie der Nächste neben ihnen. Und Veränderung war generell schlecht. Hiccup konnte sich nicht vorstellen dieses Volk zu führen und es genauso zu machen wie die Dutzenden vor Ihm.

Er ließ sich nach vorne auf die Tischplatte sinken. Die Arme gekreuzt, das Kinn darauf abgelegt blinzelte er durch die ewig von der Decke hinabrieselnde Staubschicht die im faden Schein der Kerzen tanzte.
Er war schon seit dem Morgengrauen auf den Beinen gewesen, allwährend Schritt auf Tritt im Schatten seines Vaters, und war schon froh, dass er immerhin seinen Körper im kühlen Ambiente der Halle ausruhen konnte. Vielleicht würde es ja niemand mitbekommen, wenn er für ein Wenig auch die Augen schließen würde. Nicht lange, denn wie gesagt würde er sicher bald wieder aufgescheucht werden, aber solange er… Er kam nicht einmal dazu, den Gedanken zu Ende zu denken, da kam ihm die Erdanziehungskraft mit einem Mal viel stärker vor als zuvor und sein Kopf neigte sich zur Seite.
Wenn ihm diese paar Minuten der Rast nur nicht verwehrt geblieben wären. Ein stumpfer Schlag auf die Tür, laut aber kaum ein Rütteln an dem Gemäuer aus Eiche. Ein Aufschrei auf der anderen Seite. „Taffnuss du Vollesel, schon mal in den Sinn gekommen `ne Tür aufzumachen ohne deinen Kopf als Rammbock zu verwenden?“
Hiccup schreckte aus seiner gebeugten Position auf, mit einem Mal den Rücken gerade durchgestreckt und Augen und Ohren weit offen.
„Chica, ich sag’s dir. Eines Tages werde ich meinen einzigen Traum vom Rammbock-Dasein verwirklichen.“
Oh nein. Die Tore öffneten sich entzwei und das trübe Tageslicht flutete den Raum, unterbrochen durch die Schatten mehrerer Personen. Die ersten, die eintraten, waren die beiden blonden Zwillinge, Raffnuss und Taffnuss. Letzterer richtete den verbogenen Helm auf seinem Kopf, der nur noch ein Horn und ein halbes trug. Er drehte den Kopf zu seiner Schwester, die die Arme vor der Brust verschränkt hatte und aus ihren Nerven kein Geheimnis machte.
„Immerhin bedeutet das, dass die Chance besteht, dass du dir eines Tages den Schädel spaltest, also von daher“, sie schenkte ihm eine Sekunde eines breiten Grinsens, bevor ihr Gesicht wieder fiel, „versuch’s weiter.“
Eine Gestalt überholte die beiden. Den blonden Zopf mit der Hinterhand über die Schulter geworfen trat sie mit schnellem Schritt und Hüftschwung heran, gezielt auf Hiccup. Oh, was für ein Glück er heute nur hatte, dachte Hiccup sich ironisch und wich aus reinem Reflex heraus zurück, als Astrid die Bank auf der er saß als Stufe benutzte und sich dann direkt neben seinen Arbeiten auf dem Tisch platzierte. Ein Bein über das andere geschwungen, auf einen Arm zurückgelehnt. Ihre ganze Haltung auf geübte Entspannung, nur ihr Gesichtsausdruck war so verhärtet in Anspannung, dass es alles verriet. Hiccup lehnte sich weiter zurück.
„Hallo, Haddock. Wieder einmal dazu verdonnert die Schulbank zu drücken?“
Hiccup fühlte den Drang zu protestieren, als sie ihre Fingerspitzen desinteressiert über die Vorderseiten einiger ausgelegter Bücher wandern ließ, bevor sie ein beliebiges aufhob und mit dem Daumen durchblätterte, ließ es dann aber doch sein. Aus Selbstschutz, wenn man so will. Währenddessen versammelte sich die kleine Gruppe, ohne der man sie selten sah, um die beiden herum. Fischbein warf sich vollen Gewichtes neben Hiccup auf die Bank, woraufhin das andere Ende dieser sich ein paar gute Zentimeter unter dem Aufprall anhob, bevor es wieder Kontakt mit dem Boden machte. Hiccup zuckte zusammen, die Zähne aufeinanderbeißend. Astrid zog eine gelangweilte Mine und reichte das Buch weiter an Rotzbakke, der noch nicht einmal so tat als könnte er auch nur eine Zeile darin lesen, sondern stattdessen trickshots mit dem Buch machte. Damit war Hiccup dann doch unwohl und er gab der Sache einen halbherzigen Versuch nach dem Buch zu greifen. –Unnütz natürlich, Rotzbakke gab ein hoch-stimmiges „Oops!“ von sich, bevor er es außer Hiccups Reichweite hielt, und als dieser Anstand machte aufzustehen, und ihn wirklich darum zu ringen, wenn es nötig sein sollte, packten ihn zwei knöchrige Hände an den Schultern und hielten ihn an seinem Platz auf der Bank fest.
„Wir wollen doch nicht handgreiflich werden, wollen wir?“ Taffnuss direkt in seinem Ohr.
Jemand lachte. Hiccup seufzte mit der Hand vor dem Mund und fühlte Ärger in sich aufsteigen.
Vorstellen? Dieser wild zusammengewürfelte Haufen war, was man in seiner Altersgruppe wohl die beliebten kids nennen würde. Oder zumindest hätte man sie noch vor vier Jahren so genannt. Jetzt, wo sie alle die Schwelle zum Erwachsenenalter überschritten hatten, war der Titel aus offensichtlichen Gründen wohl eher unpassend. Es war nur so, dass keiner von denen je die Memo erhalten zu haben schien, dass dieses popular teen-y Drama an einem gewissen Punkt auch mal aufhören sollte. Denn was einmal fiese Kinder gewesen waren, waren am heutigen Tag nur noch ausgewachsene Arschlöcher von Erwachsenen, und selbst in ihren Kreisen dadurch nicht mehr beliebt. Auch wenn sie der vollen Überzeugung zu sein schienen, dass sie es waren.
Astrid, immer noch platziert wo sie war, pustete eine Haarsträhne ihrer rausgewachsenen Stirnfransen aus dem Gesicht und blickte von oben auf ihn herab.
„Solltest du dich nicht über ein bisschen Gesellschaft freuen? Die Götter wissen du hast nicht viel davon.“
Sie murmelte den letzten Satz in sich hinein, bevor sie den Blick wieder von ihm abwandte als wäre er gerade einmal das unwichtigste, was sie jemals in ihrem Leben gesehen hatte, und brachte stattdessen weiter seine Papiere durcheinander.
Hiccup machte eine wirre Geste, ein trockenes Lachen ausstoßend. „Oh natürlich, eure werte Gesellschaft. Wie könnte ich mich nicht freuen.“
Dafür ein sarkastisches Klopfen auf seiner linken Schulter von Taffnuss, bevor er ihn von seinem Griff erlöste, und Hiccups Schultern verloren ihre Anspannung und fielen nach unten. Taffnuss platzierte sich auf seiner anderen Seite, sodass er nun von ihm, Fischbein und Astrid von allen Seiten eingekesselt war.
„Das ist die richtige Einstellung.“, verlautete Astrid, ihre Stimme lauter um Aufregung vorzutäuschen, nur schwang kein Bisschen Energie in ihr mit.
Raffnuss beugte sich von der anderen Seite über den Tisch, aufgestützt auf die Ellbogen und auf der gegenüberliegenden Bank kniend und Hiccup bereitete sich innerlich auf was auch immer sie zum Besten geben könnte vor.
„Was machst du überhaupt hier, Loser? Machst du, irgendwie solche…“ Sie hielt inne und die verrosteten Räder in ihrem Kopf drehten sich in der Reflektion ihrer großen, runden Augen merkbar. „Solche Loser-Aktivitäten?“
Sie lag fast auf dem Tisch vor Lachen über ihre eigene, lahme Bemerkung. Keiner lachte mit ihr. Hiccup wartete bis ihr Krähen verebbte, bevor er beide Hände bedacht ruhig vor sich ablegte.
„Ja, der war richtig clever, Raffnuss. Muss man dir schon lassen. Wie auch immer, ich hab da- ich hab da so `n Ding, also ich muss wirklich-“
Er hatte die leise Hoffnung gehabt, dass er sich aus der unangenehmen Situation herauswinden und abziehen konnte, aber nichts da. Erneut wurde Hiccup in seinem Versuch aufzustehen verhindert, dieses Mal durch je eine Hand von beiden Seiten und auf ihn wurde eifrig eingeredet.
„Ach so `n Ding, ja?“
„Ja ich muss wirklich…“
„Habt ihr das gehört, Leute? Er hat so `n Ding!“
„`n Ding?“
„Was glaubt ihr, ist es `n großes Ding?“
Stille. Alle Augen auf Taffnuss gerichtet, der die Blicke erwiderte, ohne einen kritischen Gedanken dahinter. Astrid zog die Augenbrauen zusammen, den Mund leicht offen und schaute ihn von der Seite an.
„Ich tu` jetzt einfach mal so als hättest du das nicht gesagt.“, und dann schüttelte sie es ab und wandte sich wieder Hiccup zu, “Ich weiß ja dass du ungeheuerlich beschäftigt bist, oh zukünftiges Oberhaupt, aber ich bin mir sicher, du kannst uns ein paar Minuten deiner Zeit erübrigen. Wir sind doch schließlich…“ Sie unterbrach sich selbst, blickte ihn von oben bis unten an, den Oberkörper nach vorne gelehnt. „Freunde.“
Wow, das hatte sie ja so gar nicht ohne Gift gesagt. Man hatte ja total nicht das Gefühl, dass irgendwo in diesem Unterton eine Drohung mitschwang. Hiccup legte den Kopf zur Seite und grinste mit den Mundwinkeln nach unten gezogen.
„Ja, absolut. Freunde.“, gab er trocken wieder und wollte soeben weitersprechen, da wurde er von einem ungewöhnlichen Geräusch unterbrochen. Etwas, als würde eine breite Platte auf das Dach der Großen Halle flach niederschlagen. Nicht mit dem Vorsatz es durchzuschlagen, aber kurzer Flächenkontakt bevor es wieder weg war. Sie alle reckten die Hälse synchron nach oben. Was zum…? Staub rieselte von den erzitternden Balken hoch oben hinab. Hiccups Gesicht zog sich zusammen in einer lautlosen Frage, die keiner Zeit hatte zu stellen, bevor Rotzbakke durch die Zähne pfiff.
„Krasser Wind heute. Siehst du, Haddock der Wasauchimmerwievielte, dort draußen ist es derart interessant und du sitzt dir hier drinnen im kalten, feuchten Gemäuer deinen Hintern flach und steckst die Nase in bedruckte Seiten.“
„Ich sag’s dir, Vorwürfe helfen da auch nicht mehr“, gab Raffnuss zum Besten, die in der Zeit ihre ganze Position geändert hatte, sodass ihre Füße nun auf der Tischplatze rasteten, “ist eben typisches Loser-Verhalten. Unheilbar.“
Hiccup hob die Hände abwehrend hoch. „Wisst ihr was? Raffnuss hat recht. Und jetzt habe ich Loser-Tätigkeiten die ich erledigen muss… woanders. Also wenn ihr mich entschuldigen würdet.“
Er stemmte die Handflächen auf den Tisch und erhob sich, dieses Mal jeden Protest verweigernd, doch im Versuch zuerst Rotzbakke und dann Fischbein auszuweichen verlor er das Gleichgewicht. Stolperte gegen die Bank in seinen Kniekehlen und klappte dann nach hinten wie ein kaputter Liegestuhl. Landete elegant mit den Beinen in der Luft auf dem Boden. Prustendes Lachen von allen Seiten.
Hiccup erlaubte sich den Moment die Augen fest zu schließen und jedes Schimpfwort das er jemals in seinem Leben gehört hatte auf Schleife mental durchzugehen, bevor er sich selbst sagte, dass er hier ja schlecht liegen bleiben konnte und unbeholfen versuchte aufzustehen. Natürlich nicht ohne mit dem Stiefel an jeder Kante hängenzubleiben, die sich dafür anbot. Aber eventuell schaffte er es wieder auf die Beine und stand betont gerade da, im Versuch sich das kleine Bisschen Selbstachtung, welches er noch hatte, zu retten.
Die kleine Gruppe bewegte sich geschmeidig wie eine Welle ihm nach. Die beiden, die jeweils zu beiden Seiten neben ihm gesessen hatten, drehten sich nach ihm um, ein gefälscht mitleidiges Grinsen auf den Gesichtern. Raffnuss lag mittlerweile flach über dem Tisch, mit den Beinen baumelnd. Taffnuss stand ihm gegenüber, was er erst merkte, als er beinahe vorwärts in ihn reinlief, bevor er die Arme überrascht schützend an sich zog und einen Schritt zurücktat. Astrid legte womit auch immer sie fingiert hatte zur Seite und erhob sich. Hiccup blickte hoch zu ihr, bevor sie auf von der Bank nach unten stieg und auf einmal ein paar gute Zentimeter kleiner war als er. Und trotzdem war sie dadurch nicht weniger einschüchternd.
„So eilig wie du’s hast, könnte man fast meinen, du magst uns nicht.“
Sie hob die Hand und wischte in beiläufiger Geste Staub von seinem Shirt. Hiccup zuckte zurück, wodurch zu seiner Linken jemand ein Grunzen unterdrückte.
Hiccup setzte an zu sprechen, aber bevor er ein Wort über die Lippen bringen konnte, unterbrach ihn Taffnuss mit verstellter Stimme: „Oo, Hiccup mag uns nicht. Er geht viel lieber zu seinem Ding. Wie wär’s damit, warum nimmst du uns nicht mit? Wir wollen das Ding sehen, das du da hast.“
Taffnuss Blick ging nach unten. Für nur eine Sekunde. Bevor er wieder unberührt den direkten Augenkontakt herstellte. Hiccup starrte verstört zurück. Was.
„Taffnuss, ich schwöre dir, wenn du einmal noch von Hiccups Ding redest werfe ich dich von der nächsten Klippe.“, sagte Astrid nach ein paar Sekunden der sprachlosen Stille.
„Ja, ich, uh, ich muss jetzt auch wirklich. Gehen.“, setzte Hiccup erneut an, mit den Zeigefingern gen Tor gestikulierend. Ein experimenteller Schritt nach hinten.
Natürlich war es ihm nicht vergönnt. Flink wie man es dem breiten Typen nicht zutrauen würde war Rotzbakke auf den Beinen.
„Ach, komm schon, Haddock, stell dich nicht so an. Ist doch nicht das Ende der Welt wenn wir dich `n wenig ärgern.“
Er legte einen massigen Arm um Hiccups Schultern, in einer fast freundschaftlichen Geste, wäre es nicht dass er ihn so fest an sich drückte, dass Hiccup der Atem im Hals abgeschnitten wurde. Im Hintergrund hörte er wie Fischbein in die Hand auf der er sich abstützte etwas reinmurmelte, das klang wie „Ist ja auch auf dieser vermaledeiten Insel nicht viel anderes zu tun.“
Hiccup krallte an Rotzbakke’s Arm im Versuch sich zu befreien, kam aber nicht weit damit und musste warten, bis sich dieser erbarmte, ihn freiwillig loszulassen.
„So schnippisch.“
Hiccup schnaufte, die Hitze in seine Wangen steigend und trat genug Schritte von der Gruppe weg, dass er sich sicher sein konnte, dass er immerhin nicht gleich wieder von irgendwem gefasst wurde. Und sie ließen ihn sogar, was er als seine Freikarte ansah zu gehen und er bewegte sich stetig Richtung der Tore, die immer noch einen Spalt offenstanden. Atmete tief ein.
„Nein, nein, ihr habt absolut recht. Und ich würde euch liebend gerne mal auf die Abenteuer eines baldigen Chiefs mitnehmen“, Hiccup ging fast in die Knie, dieses falsche Verhalten tat ja rechtweg weh, und er reckte beide Daumen mit einem Grinsen nach oben, „Nur heute geht das nicht, wegen… weil das ist so ein besonderes Ding…“ Seine Stimme verlor sich in Gesten seiner Hände.
„Ah ein besonderes Ding also.“
„Taffnuss.“
Astrids Augen verengten sich. „Ah, besondere Chief-exklusive Dinge. Davon verstehen wir nichts, hm?“
Hiccup hob den Arm in ihre generelle Richtung und ließ ihn wieder fallen. „Genau! Uh, ich meine, nein. Aber ich kann es deswegen auch nicht warten lassen. Sorry, Leute, ein anderes Mal.“
Er drehte sich auf der Ferse um und stieß die Tore mit beiden Händen auseinander, den Hals nach hinten gereckt um der Gruppe ein letztes, nervöses Grinsen zu geben. Dachte sich in Freiheit und sah sich mental bereits die steinernen Stufen, die zur Großen Halle hinaufführten hinuntereilen –und wurde erneut gestoppt. Das gab es doch nicht. Hiccup biss die Zähne zusammen. Sein letzter Nerv heute war dünn wie Zahnseide. Vor ihm hatte sich ihm der kleingewachsene Sven aus dem Dorf in den Weg gestellt. Er geriet ihm knapp bis zu den Schultern, wenn er sich gerade hinstellte -oder vielleicht auf die Zehenspitzen- und Hiccup hätte ihn beinahe über den Haufen gerannt. Zog den Bauch ein und trat einen schnellen Schritt nach hinten um die Kollision zu vermeiden. Okay, ganz ruhig, atme aus.
„Sven. Götter, hast du mich erschreckt. Was machst du hier?“
Hiccup fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, kämmte sie ein wenig durch um nicht ganz so verschlafen und am Ende auszusehen wie er sich innerlich fühlte, bevor er seiner Aufmerksamkeit dem Mann vor sich wieder zuwandte.
Sven blickte mit blankem Blick hoch zu ihm, sein Gesicht absolut nichtssagend. Sein Mund stand etwas offen, als würde er zu Wort ansetzen, aber es kam keines heraus. Hiccup gab ihm ein paar Sekunden, wartete. Sein rasender Herzschlag von der Belästigung durch Astrids Freundeskreis und dann dem Schreck fast in ihn hineingelaufen zu sein beruhigte sich langsam und er legte den Kopf leicht zur Seite.
Erst jetzt merkte er, dass irgendetwas seltsam war. Irgendetwas war nicht richtig. Und der Gesichtsausdruck, den Sven trug, war gar nicht so blank, wie er es vorerst angenommen hatte, ihm war viel mehr der blanke Schrecken ins Gesicht geschrieben. Seine Augen waren glasig.
„Sven?“, setzte Hiccup nun erneut an, die Stimme beunruhigt tief.
Schritte auf dem steinernen Boden hinter ihm. Die Verbliebenen in der Halle waren nun auch hellhörig geworden.
Sven erhob eine Hand, legte sie sich abwesend auf die Brust. Es dauerte noch ein paar schwere Atemzüge bis er es schaffte, zu sprechen. Seine Stimme war heiser. Und leise.
„Ein Drachenangriff. Im Dorf.“
Hiccup dachte erst, er höre nicht richtig. Die Worte wollten gar nicht registrieren.
„Ein Drachenangriff?“, wiederholte er, ohne jedes Verständnis. Musste es aus seinem eigenen Mund hören, um es überhaupt glauben zu können.
Schon seit fast fünf Jahren –seit einem Viertel seines Lebens- hatte es keinen Drachenangriff mehr gegeben. Die Kommunikation die damals hergestellt worden war, war klar verstanden worden und mit ebensolcher Klarheit akzeptiert worden. Es war von allen Seiten etwas, das ihnen heilig genug war, es nicht zu brechen. Wie konnte das sein?
„Zwei tot.“, sprach Sven weiter. Der weiße Bart seiner Oberlippe zitterte, seine Augen weiteten sich und er starrte ins Nichts, als würde er es vor sich sehen. „Viele schwer verletzt.“
Dann fanden seine Augen Hiccups.
„Unter ihnen, dein Vater.“





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  hey!
  Nach langer Inaktivität hier habe ich
  mir auch mal wieder gedacht, warum
  nicht mal wieder `ne Fanfiktion
  starten?
  Und oo, habe ich Pläne für die hier.
  Versuche aktiv nicht zu spoilern, ahaha.
  Anyway, über Rückmeldung würde ich
 mich natürlich freuen -hoffe euch hat's
 gefallen x
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