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Die Mutter der Raben

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
30.06.2022
30.06.2022
1
825
 
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„Du musst dich voll und ganz auf sie fokussieren, sieh zu!“
Eivor schärfte ihren Blick, während sie ihren Arm nach Synin ausstreckte. Die Kommunikation mit ihrem Raben beherrschte sie blind. Worte waren nicht von Nöten, Gedanken genügten bereits und nur Augenblicke später landete Synin sanft auf ihrem ausgestreckten Unterarm.
„Braves Mädchen!“, lobte sie das Tier, während sie ihm einige Brotkrumen fütterte.

Randvi blickte bewundernd und zugleich resignierend drein.
„Sie hört nicht auf mich, Eivor. Nun habe ich schon alles versucht, aber es wirkt, als würde sie mich gar nicht wahrnehmen.“
Eivor lachte amüsiert, während sie Randvi aufmunternd auf die Schulter klopfte, nur um im nächsten Moment wieder völlig ernst und konzentriert drein zu schauen.

„Sieh mich an!“, befahl sie Randvi kühl und schickte Synin mit einer ruckartigen Bewegung wieder in die Lüfte.
„Du kannst sie nicht wie ich mit deinen Gedanken kontrollieren, aber du kannst es mit Taten. Siehst du, wie sie fliegt? Sie ist immer direkt über mir. Primär wird sie nur auf meine Signale reagieren, aber mit genügend Willenskraft kannst du sie auch zu dir rufen! Konzentrier dich auf sie und wenn sie dich ansieht, dann hebst du deinen Arm und pfeifst einmal laut!“

Randvi festigte ihren Stand und blickte Synin konzentriert hinterher. Der Rabe kreiste direkt über ihnen, den Blick nach unten gerichtet.

„Jetzt!“, rief Eivor energisch und Randvi tat, wie es ihr gezeigt worden war.
Mit einem lauten Pfiff und einer gezielten Armbewegung schaffte sie es nun endlich, Synin auf ihrem Arm landen zu lassen.
Erleichtert und froh über ihren Erfolg lachte sie laut auf und fütterte dem Raben die restlichen Brotkrumen, die sie bereits während der letzten drei Übungsphasen bei sich gehabt hatte.
„Beim nächsten Mal darfst du ihr auch gern frisches Brot anbieten, sonst war es wohl das erste und letzte Mal, dass sie zu dir gekommen ist“, scherzte Eivor froh.

Endlich hatte Synin Randvi akzeptiert. Eivor hatte lange auf diesen Moment hin gearbeitet. Sie führte nun an Sigurds statt das Dorf an und es war möglich, dass sie eines Tages in einen Krieg ziehen musste, bei dem sie vielleicht nicht mehr in der Lage war, ihren Raben zu rufen und um Hilfe zu bitten.
Sie hatte Randvi für diesen Fall als zweite Vertrauensperson Synins gewählt, da sie in ihr die besten Führungsqualitäten sah und ihr blind vertrauen konnte. Randvi war immer ihre Stütze gewesen, besonders in schwierigen Zeiten. Sie half ihr, Entscheidungen zu treffen, Streite zu schlichten und die Siedlung in Ordnung zu halten, nachdem Sigurd sich immer mehr zurück zog. Und nicht zuletzt wählte Eivor sie, weil sie sich Randvi sehr nah und verbunden fühlte. Aber das konnte und wollte sie ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.

Für den Moment ließen sich die beiden zufrieden unter einem Baum nieder und blickten in die Ferne. Die grünen Felder Mercias weckten in ihnen eine innere Zufriedenheit und Sicherheit, die sie in Nordvege nie gefühlt hatten. Eivor dachte oft an ihre frühere Heimat und ihren Geburtsort Fornberg zurück, dachte darüber nach was wäre, hätte Sigurds Vater ihm nicht den Thron streitig gemacht. Würde sie nun an Sigurds Seite über die Ländereien dort regieren? Und falls ja, wäre sie damit je glücklich geworden?
„Was bedrückt dich, Eivor?“, unterbrach Randvi die Stille.
Eivor schüttelte kurz, unmerklich den Kopf, um ihre Gedanken nicht zu nah an sie ran zu lassen. Dann lächelte sie Randvi beschwichtigend zu.
„Es ist nichts.“
Randvi bemerkte die Zweifel in Eivors Stimme und senkte den Kopf.
„Du machst dir Sorgen, dass wir einen Fehler gemacht haben, hier her zu kommen und unser Dorf zu gründen?“, fragte sie vorsichtig.
„Nein, das ist es nicht... weißt du... nur manchmal da... da denke ich darüber nach ob... .“ Eivor suchte nach den richtigen Worten, doch bevor sie sie laut aussprechen konnte, wurde ihre Unterhaltung unterbrochen.

„Eivor! Eivor... ich bringe Kunde von Basim!“ Sie blickten in Richtung der Stimme, die sehr erschöpft klang. Haytham kam schwer atmend den Berg hinauf und lehnte sich entkräftet gegen den Baum hinter ihnen.

„Haytham, was ist los?“, fragte Eivor besorgt, während sie sich aufrichtete.
„Basim... ich soll dir von ihm sagen... dass er... dass er Hræfnathorp für einige Zeit verlässt, um... einer geheimen Mission... nachzugehen.“
Haytham hustete erschöpft, was Eivor besorgt die Stirn runzeln ließ.
„Und dafür bist du hier hoch gekommen? Du hättest deine Kräfte sparen sollen, deine Verletzung ist noch nicht verheilt. Komm, wir bringen dich zurück, damit du dich ausruhen kannst.“
„Ich ging davon aus, du würdest es gleich wissen wollen.“
„Ist Basim allein aufgebrochen?“
„Ja, Eivor. Und ich bete, dass er unbeschadet zurück kehrt.“
„Was Basim angeht, mache ich mir da eher keine Sorgen. Aber um dich schon. Also los, wir bringen dich zurück ins Dorf.“
Eivor und Randvi hakten Haytham ein und begleiteten ihn sicher zurück in die Siedlung.
Und während sie ihm vorsichtig zurück in sein Bett halfen, beobachtete Synin aus großer Höhe, wie Basim den Weg in Richtung Norden bestritt.
An seiner Seite zwei Krieger aus Hræfnathorps Kriegerlager.
 
 
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