Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Liebe Lisa

von Samaria
Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost / P12 / Gen
28.06.2022
28.06.2022
1
988
8
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
28.06.2022 988
 
Liebe Lisa,

dieser Brief wird dich niemals erreichen. Ich schreibe ihn trotzdem, nur für mich selbst und um mir damit den Schmerz von der Seele zu schreiben. Bald jährt sich dein fünfter Todestag, an dem ich damals eine WhatsApp von deinem Bruder erhalten habe, in der er mir mitgeteilt hat, dass du von uns gegangen bist.

In der ersten Sekunde konnte ich es nicht glauben. Es war ein sonniger, heißer Tag und ich saß noch über meinen Unterlagen und Büchern und dachte, er habe etwas verwechselt.
Doch dann sickerte die Erkenntnis langsam durch. Dein Hirntumor war zurückgekehrt und du hast den Kampf dieses Mal verloren. 2013 hast du bereits gegen ihn gekämpft. Er kam so plötzlich, nach deinem Abitur. Eines Nachts bist du mit höllischen Schmerzen im Kopf aufgewacht und du musstest sofort notoperiert werden.
So hast du es mir danach erzählt. Du hast es oft und immer wieder erzählt, denn die Operation, die dein Leben retten sollte und es gerettet hat, hat dein Gedächtnis beeinträchtigt. Du hast dich an vieles nicht mehr erinnern können. Du hast oft vergessen, dass du dieselbe Frage eine Minute vorher schon gestellt hattest. Unsere gemeinsamen Kindheitserinnerungen waren weg, nur wenig ist davon übrig geblieben.

Erinnerst du dich noch daran, wie wir uns kennengelernt haben? Ich stand oben am Treppengeländer und habe auf dich hinuntergestarrt und du zu mir nach oben, ich mit roten Pippi-Langstrumpf-Zöpfchen und du mit blonden.
Keine hat sich getraut, die andere anzusprechen.
Kurze Zeit später sollten wir für lange Jahre unzertrennlich sein. Wir haben mit Puppen gespielt, sind Fahrrad gefahren, haben gemalt (und manches Gekritzel an mitleidige Fußgänger sogar verkauft) und uns auch manchmal gestritten. Den Nachbarsjungen haben wir sehr gerne geärgert. An ihn konntest du dich glücklicherweise noch erinnern.

Dass wir auf unterschiedliche Schulen gingen, hat uns und unsere Freundschaft nie gestört. Doch dann kam dein Umzug und der Kontakt wurde weniger. Die Pubertät hat ihr übriges getan, du mochtest Jungs und Dates und Parties, ich war eher zuhause und habe gelesen. Trotzdem haben wir noch immer telefoniert und uns gemocht.
Ich muss dir unbedingt etwas erzählen! So hast du deine Telefonate immer angefangen. Damals waren es noch Festnetztelefone, die wir stundenlang blockiert haben. Was haben wir nicht alles gelacht!

Du hattest schon immer einen außergewöhnlichen Sinn für Mode und einen tollen Humor. Das schelmische Funkeln in deinen Augen war nach der Operation verschwunden. Die alte Lisa gab es nicht mehr. Aber wir waren alle froh und glücklich, dass es überhaupt noch eine Lisa gab.
Ein paar Jahre ging alles gut. Du bist in Therapie gegangen, hast deine Medikamente eingenommen und deine schönen, langen, blonden Haare sind am Scheitel wieder nachgewachsen. Wir dachten, es sei alles gut. Doch das war nur der Anfang vom Ende.

Irgendwann hast du dich nicht mehr gemeldet, nicht mehr auf meine Nachrichten reagiert. Ich war sauer und dachte, du wolltest keinen Kontakt mehr. Danach habe ich erfahren, dass du dein Handy nicht mehr bedienen konntest, weil die Schmerzmittel zu stark waren. Dass du überhaupt nichts mehr machen konntest.
Der Hirntumor war wieder da und er wuchs viel schneller als das letzte Mal. Man könne nichts mehr tun, sagten die Ärzte.
Du bist still und friedlich gegangen, zuhause im Beisein deiner Eltern. All das habe ich erst auf deiner Beerdigung erfahren.
Ich hoffe, du hast keine Schmerzen erlitten und dich noch irgendwie verabschieden können.

Als du mich das letzte Mal gefragt hast, ob wir nicht mal wieder was unternehmen wollen – essen gehen war es, glaube ich – habe ich abgelehnt. Aus Zeitgründen, weil ich kurz vor dem Examen stand und sehr viel lernen musste. Nach dem Examen, habe ich gesagt, habe ich wieder mehr Zeit.
Wenn ich doch nur gewusst hätte, dass es das letzte Mal wäre, an dem ich dich hätte sehen können, dann hätte ich nicht abgelehnt. Jetzt war es zu spät und diese Schuld trage ich immer bei mir.

Auf deiner Beerdigung waren leider nur wenige Menschen. Wo waren all deine Freunde? Von deinem Bruder habe ich erfahren, dass die meisten sich von dir abgewandt hatten, als du sie am meisten gebraucht hast. Deine Geburtstagsfeier ein Jahr vor deinem Tod bestand nur aus Eltern, Bruder und zwei Kindheitsfreundinnen, einschließlich mir. Ich bin heute noch wütend deswegen.

Weißt du noch, was wir uns gemeinsam vorgenommen hatten? Du wolltest auch immer Jura studieren und Richterin werden.
Doch der Hirntumor und die verminderte Gedächtnisleistung haben deine Chance auf ein Jurastudium zunichte gemacht.
Ich habe Jura studiert. Aber der Platz neben mir auf der Absolventenfeier war leer.
Mein Zeugnis habe ich dir gewidmet, doch das bringt dich auch nicht mehr zu mir zurück.
Wir wollten für immer Freundinnen bleiben, irgendwann gemeinsam Kinderwägen nebeneinander herschieben. Doch unser „für immer“ hat nur zwanzig Jahre gedauert.

Mit deiner Mutter habe ich noch Kontakt. Du kannst dir vorstellen, wie es ihr jetzt nach fünf Jahren noch immer geht. Ich denke oft an dich, ich frage mich immer, wo du jetzt bist, ob es dir gut geht? Ob wir uns vielleicht wiedersehen?
Ich habe dir all die Jahre SMS geschrieben, auf deine alte Nummer. Nie habe ich eine Antwort erhalten. Vor einer Woche etwa habe ich dir wieder eine Nachricht geschickt, in der ich dir Neuigkeiten berichten wollte.
Doch diesmal rief deine Nummer zurück und am Ende der anderen Leitung war ein älterer Herr mit sächsischem Dialekt, der sich freundlich erkundigte, ob ich mich verwählt hatte. Nun kann ich dir also keine Nahrichten mehr schreiben.
Ich habe nur noch Fotos und die Erinnerungen an dich.

Anlass für diesen Brief war ein Gedicht von Eva Niedermeier, welches mir zufällig unter die Nase gekommen ist:

„Jemand andres hat nun Deine Nummer,
denn im Himmel hat man kein‘ Empfang.
Ich hab Dich noch eingespeichert.“

Wir haben früh lernen müssen, dass das Leben nicht fair ist. Ich werde diesen Sommer 29, du dagegen bleibst immer 23.

Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Außer: Du fehlst. Jeden Tag.


Deine S
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast