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Hilfe, niemand liest meine Geschichte!

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Gen
27.06.2022
27.06.2022
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Es ist so weit – nach einem mehr oder minder aufregenden Tag voller Arbeit/Schule/Uni (oder nichts davon, falls ihr an euren freien Tagen auch immer so faul seid wie ich), habt ihr endlich wieder Lust, an der Geschichte weiterzuschreiben.
Welche Geschichte? Na, DIE Geschichte.

Die Kurzgeschichte, die Fanfiktion, oder vielleicht sogar der angehende Roman: es ist egal, aber ich denke, wir alle, die regelmäßig schreiben, hatten oder haben schonmal ein Projekt, an dem man so richtig hängt und das man – als Autor oder Autorin fast schon ein Ding der Unmöglichkeit – sogar mal zufriedenstellend findet. Doch in den Weiten des Internets gibt es inzwischen geradezu unendlich viele Möglichkeiten, die eigenen geistigen Ergüsse mit anderen Menschen zu teilen – meistens natürlich in der Hoffnung, dass das Geschrieben besagten anderen Menschen auch gefällt.

Was aber, wenn man etwas geschrieben hat, irgendein beliebiges Schriftstück, an dem man einfach sehr hängt, und man sogar den Mut hatte, es zu veröffentlichen: und dann hat einfach niemand Bock darauf, es zu lesen? Die Statistiken sowohl bei deutschsprachigen Plattformen wie fanfiktion.de, als auch bei größtenteils englischsprachigen wie etwa Archive Of Our Own, sind hierbei zumeist ernüchternd ehrlich und zeigen einem ganz genau, wie viele Aufrufe, Favorisierungen und Kommentare eine Geschichte bekommen hat.
Und während ich persönlich kein großer Fan davon bin, sich über mangelnde Reviews zu beschweren – und nein, „Schwarzleser*innen“ sind meiner Meinung nach kein valider Begriff und auch kein Problem für Onlineportale wie dieses hier – finde ich es tatsächlich verständlich, wenn es einen frustriert, extrem niedrige Aufrufzahlen vorzufinden. Vielleicht deswegen, weil man meistens solch selbstgeschriebenes Zeug auch nur dann veröffentlicht, weil man gerne irgendeine Reaktion darauf hätte, oder zumindest, weil man die Liebe zum Fandom oder zu den ausgedachten Charakteren mit anderen teilen möchte.
Was aber, wenn dann niemand zum Teilen da ist?

Ich glaube tatsächlich und auf das Risiko hin, mich wie eine nostalgische ältere Frau aus der Straßenbahn anzuhören, dass wir in einer Welt des Internets und der omnipräsenten Medien so ein wenig verlernt haben, damit klarzukommen, dass man ab und zu ziemlich wenig Resonanz für sein Geschreibsel erhält. Und dass wir gerade dann, wenn man von vorneherein damit rechnen muss, nicht viel Aufmerksamkeit zu generieren – ich weiß, wovon ich rede, Leute, ich bin passionierte Schreiberin von Fanfiktions zu deutschen Serien, die vor der Primetime laufen – oft die Motivation dazu verlieren, überhaupt weiterzuschreiben.
Wenn in der Öffentlichkeit von dem Mantra des nie Aufgebens als Autor gesprochen wird, dann zumeist mit einer hübschen Schleife des Erfolgs drum rum gepackt – da wird davon gesprochen, an wie viele Verlage J.K. Rowling ihre Manuskripte geschickt hat, bevor sie dann eine der Buchreihen schlechthin veröffentlichte, das Scheitern scheint also unwillkürlich an den näher rückenden Erfolg gekoppelt (über Rowlings massive Transphobie müssen wir an dieser Stelle wohl nicht reden – wen ich durch das Gendersternchen eben noch nicht vergrault habe, sitzt wohl spätestens jetzt entweder am wütenden Review oder ist dabei, empört schnaufend das Browserfenster zu schließen).

Wieso aber besprechen und zelebrieren wir nur die Geschichten, die ganz groß rauskamen? Was ist mit der kleinen, süßen Fanfiktion, die man mal eben schnell während der Busfahrt vor sich hin tippt, und die keinen großen Mehrwert bringt, außer einem selbst den Tag zu versüßen? Was ist mit dem nie veröffentlichten Buch des alleinerziehenden Vaters, der zwar zu viel Stress und Selbstzweifel hat, um es an einen Verlag zu schicken, aber der dann hin und wieder doch mit Stolz auf das Manuskript in der Schreibtischschublade blickt? Was ist mit den melancholischen Tagebucheinträgen nach dem missglückten ersten Schwarm oder dem kleinen Gedicht, das man der besten Freundin auf die Geburtstagskarte kritzelt? Das alles ist Schreiben, ein kurzer Moment des Autorseins, bedingungslose und wunderschöne Fantasie.

Und, an dieser Stelle nochmal ein kleiner Appell (ja, ich geb’s ja schon zu, auch aus persönlichen Gründen) an all diejenigen, die eine Kurzgeschichte oder Fanfiktion auf dieser Seite hier vielleicht nicht veröffentlichen wollen, weil es sich irgendwie so anfühlt, als sei man alleine mit diesem Nischenprojekt: Macht es. Als ich damals ganz neu hier war, habe ich meine ersten Fanfiktions zur ZDF-Serie „Bettys Diagnose“ verfasst, und obwohl ich diese Serie immer noch liebe und sie mir an schlechten Tagen im Binge-Modus reinziehe, muss ich offen und ehrlich sagen, dass sie kein besonders anspruchsvolles und weltbewegendes cinematisches Meisterstück ist – mal ganz abgesehen davon, dass sie auch nicht unbedingt viele Leute in meinem Alter besonders anspricht. Trotzdem habe ich die Charaktere so geliebt und war so begeistert, dass ich mich einfach hingesetzt und drauflosgetippt habe.
Waren oder sind diese kleinen Geschichten besonders gut? Eher nicht.
Hatte ich Spaß dabei und habe ich deswegen andere, tolle Fans in meinem Alter kennengelernt? Aber sowas von.

Außerdem, siehe da – ein paar Jahre, nachdem ich damals meine Geschichten noch in dem kunterbunten „Sonstige Serien“-Ordner platzieren musste, hat die Serie sogar eine eigene Kategorie mit ganz unterschiedlichen Fanfiktions darin. Fandoms wachsen mit der Zeit, selbst bei Serien und Büchern, die schon lange abgesetzt sind, und die eigene Fähigkeit des Schreibens wächst mit jedem Schriftstück, welches man verfasst.

In diesem Sinne: Ran die kleinen, unbedeutenden Schriftstücke dieser Welt!
Ich für meinen Teil habe nämlich verdammt Bock darauf, heute einfach Mal das Schreiben des Schreibens Willen so richtig zu lieben.
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