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Der Junge von Sankt Pauli

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 / Het
Dirk Matthies Regina Küppers
26.06.2022
23.09.2022
14
44.091
2
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28 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
23.09.2022 3.930
 
Moin ihr Lieben!

Es ist wieder Freitag und es gibt ein neues Kapitel - großer Dank geht an Kaffeetante, die sich trotz Krankheit mit dem Betalesen dieses Kapitels abgemüht hat :*
Ich hoffe es gefällt euch, freue mich auf eure Reviews!



***



Schneller als es Regina lieb war, war ihre folgende Arbeitswoche verstrichen. Und dies, ohne dass es irgendwelche Vollkatastrophen auf dem Kommissariat oder in ihrem Privatleben gegeben hatte, die ihr Wegbleiben vom Ball hätten legitimieren können. Aber sie hatte ihre Entscheidung ja eh bereits gefällt und würde den Abend über sich ergehen lassen.

Einen Nachmittag vor Schichtende hatte sie die Kollegen zusammengetrommelt, um die Polizeiballthematik zu besprechen. Mit traurigem Blick hatte sich Hannes Krabbe entschuldigt, da eine extrem wichtige, lang geplante Feier im Alten Land bei seinem Cousin am Samstag stattfinden sollte, die er auf gar keinen Fall verpassen konnte, weshalb er nicht am Ball teilnehmen konnte. Auch Nicki Beck war an dem Abend verhindert. Die Kollegen Möller und Schulz hatten etwas herumgedruckst und gesagt, dass sie das eher spontan entscheiden würden. Somit hatte sich ein gemeinsames Vorglühen auch erledigt. Sie war dennoch heilfroh, dass sie den Abend nicht komplett allein würde überstehen müssen. Und diesen Abend nur in Begleitung von Dirk zu verbringen, war auch keine schlechte Aussicht.

Am Samstagabend holte Dirk sie aus ihrer Wohnung ab. Als sie ihm die Tür öffnete, staunte sie nicht schlecht. Sie konnte sich zwar noch sehr gut an das letzte Mal erinnern, als sie Dirk in diesem Anzug gesehen hatte… doch diesmal war der Wow-Effekt nochmal ein anderer und sie musste sich auch nicht genieren, ihn unverhohlen von oben bis unten zu betrachten.

Die schwarze Hose und das weiße Hemd standen ihm ausgezeichnet. Die Fliege hatte er sich gespart und dafür das Hemd oben etwas aufgeknöpft – erstens ging es auf Sommer zu und zweitens wusste er, dass sie das verrückt machte, wenn er seine Hemden so weit offen trug.

„Nicht schlecht, Herr Matthies,“ versuchte sie betont trocken festzustellen, doch ihr Schmunzeln verriet sie.

Sein eigener Blick sprach mehr als tausend Worte. Mit großen Augen ließ er seinen Blick über ihr Kleid schweifen. Es war in einem sommerlichen Türkis und betonte zugleich ihre grünen Augen und ihre Figur. An der linken Seite war es von unterhalb der Hüfte bis zum Saum offen und entblößte ein wenig ihr langes Bein. Dirk hatte Mühe, nicht verträumt dorthin oder auf ihren tiefen Ausschnitt zu starren.

„Das äh…also du… du siehst wunderschön aus,“ stammelte er etwas verlegen und versuchte seine Fantasien beiseite zu schieben.

Da er so aussah, als würde er sich aus eigenen Stücken heute nicht mehr vom Fleck bewegen, hakte sich Regina bei ihm ein. „Wollen wir?“

Gemeinsam gingen sie zu Dirks Wagen, der direkt vor der Haustür parkte. Als bestellter Chauffeur und alter Gentleman hielt er ihr die Tür auf und half ihr ins Auto.

Die Fahrt über tauschten sie sich ein wenig über die Vorkommnisse der vergangenen Woche aus und lauschten ansonsten in angenehmer Stille den Motorengeräuschen der Heckflosse, die gemächlich durch den Abendverkehr fuhr. Kurze Zeit später hatten sie ihr Ziel erreicht.

Sie hatten sich darauf geeinigt, ihre Beziehung bei dieser Veranstaltung nicht zu sehr an die große Glocke zu hängen. Nirgendwo sonst könnte man den Leuten im Präsidium mehr Anlass für Klatsch und Tratsch geben, als bei diesem Polizeiball, dachte Regina.

Sie mischten sich unter die Menge, die in das prunkvolle Gebäude strömte und betraten mit ihnen das offene Foyer. Nachdem sie sich für den Abend angemeldet hatten, begaben sie sich in den großen, angrenzenden Ballsaal. Der wohl prunkvollste Raum in diesem Gebäude besaß eine Bar – das wichtigste, was Dirk als erstes ausmachte -, eine Bühne und eine Tanzfläche. Die zahlreichen runden Tische und gemütlichen Sofaecken im Raum waren schon mit einer Vielzahl von Gästen besetzt.

Regina führte sie und ihren Partner zu ihrem eigenen Wohlbefinden und zu Dirks Erleichterung an einen Tisch in einer Ecke, die relativ weit weg von der Tanzfläche und ziemlich nah an der Bar war. Sie hoffte, dadurch möglichst unangenehmen Begegnungen an diesem Abend aus dem Weg zu gehen oder eben diese im Zweifelsfall mit schneller Alkoholzufuhr erträglicher zu machen.

„Soll ich uns was zu trinken holen?“ fragte Dirk, als hätte er das Wort „Alkohol“ gerade in ihrem Gedankengang gehört.

„Ja, für mich gerne ein Bier, danke!“

Dirk verschwand Richtung Bar und kam kurz darauf mit zwei Bier in den Händen zurück.

Wenige Minuten später war der Saal schon rappelvoll. Zu seinem Vergnügen erkannte Dirk Harry und Henning, beide in Schale geworfen, die sich schnell noch eine Flasche Rotwein an der Bar bestellten und dann eine Sofaecke ergatterten, an der sie möglichst ungestört sein würden. Augenscheinlich hatten sie sich doch dazu entschieden, zum Ball zu gehen, waren jedoch auf ein wenig Zweisamkeit aus. Die denken genau wie wir, dachte Dirk.

Ab da begann das Programm des Abends und Dirk musste sich Mühe geben, Interesse zu zeigen. Regina schien das viel weniger schwer zu fallen als ihm. Irgendein Schmalzdackel führte in die Veranstaltung ein und führte eine eher lahme Lobrede auf die Arbeit der Hamburger Polizei. Dann trat der Polizeipräsident höchstpersönlich auf die Bühne und sagte noch ein paar etwas gehaltvollere Worte, bei denen selbst Dirk plötzlich seine volle Aufmerksamkeit kanalisierte.

Mit dem Beifall war der Konferenzteil des Abends beendet und es begann das, was man unter „Polizeiball“ verstehen konnte. Rock und Tanzmusik erklangen laut von der Band, die ersten Paare strömten auf die Tanzfläche, es wurden Getränke ausgeschenkt und die Tische waren erfüllt von angeregten Gesprächen und heiterem Gelächter.

Regina und Dirk blieben an ihrem Tisch meist allein und unterhielten sich über alles außer die Politik und Wirtschaft der Hamburger Polizei, wie es an vielen anderen Tischen der Fall war. Regina war froh, bisher nur ein paar wenige freundliche Begrüßungen durchleben zu müssen, von denen keine ihr Anlass gegeben hatte, die Augen zu verdrehen.

Als dann auch noch der Polizeipräsident an ihren Tisch herantrat und Regina für ihre großartige Arbeit auf dem 14. Kommissariat lobte, musste sie sich zusammenreißen, um ihre Contenance zu bewahren. Das war wirklich ein Kompliment mit Seltenheitswert, für das sich der Besuch dieser Veranstaltung schon gelohnt hatte.

Und als der Präsident dann auch noch einem leicht nervösen, ehrfürchtigen Dirk anerkennend die Hand schüttelte und auf die Schulter klopfte, musste sie feststellen, dass ihr der Abend bis hierhin doch mehr gute Unterhaltung bot, als sie vorher angenommen hatte.

Sie blickte Dirk vielsagend an und sie stießen lachend mit ihren Gläsern an.

Wenige Momente später stimmte die Band ein neues Lied an. Regina liebte diesen Song schon seit ihren wilden Teenagerzeiten und spürte fast ein Echo aus vergangener, unbeschwerter Zeit.

„Herr Matthies?“

„Hmm?“ machte Dirk, der gerade abwesend in die Menge geschaut hatte.

„Tanzen Sie mit mir?“

Dirk hoffte für einen Bruchteil auf seine Erlösung, doch er wusste, dass er nicht so einfach davonkommen würde.

Er erhob sich, hielt ihr die Hand hin und sagte treu ergeben: „Ihr Wunsch ist mit Befehl, Frau Küppers.“

Mit einem Lächeln nahm sie seine Hand und er führte sie durch das Meer an Stühlen, Tischen und fröhlichen Menschen auf die Tanzfläche. Schon legte er ihr den Arm um die Hüfte, nahm die andere zärtlich in seine und fing an, mit ihr im Rhythmus der Musik zu tanzen.

Regina war mehr als überrascht, was für ein guter Tänzer Dirk war und fühlte beinahe jugendliche Schmetterlinge im Bauch, während er sie elegant und verspielt zugleich über die Tanzfläche führte. Auch er schien seinen Spaß dabei zu haben und grinste sie breit an.

Viel schneller als sie beide erwartet hatten, war das Lied vorbei und sie schauten sich beflügelt und ein wenig atemlos an.

Schon stimmte die Band in das nächste Lied ein, eine schöne Softrock-Ballade von den Stones, die deutlich langsamer und unaufgeregter war als das vorherige Stück und die Regina auch sehr liebte.

Er warf ihr einen frechen Blick zu und zog sie eng zu sich heran. Zufrieden, dass Dirk freiwillig ein zweites Mal mit ihr tanzte, legte Regina ihren Kopf auf seine Schulter und sang leise den Text zu “Wild Horses” mit. Gemeinsam wiegten sie sich zu der Melodie des Liedes. Für ein paar wunderbare Augenblicke vergaßen sie komplett die Welt um sich herum, nichts außer ihnen und der Musik war gerade wichtig.

Nachdem das Stück geendet hatte, begaben sie sich wieder an ihren Tisch. Das Tanzen hatte sie beide ganz ordentlich ins Schwitzen gebracht, weshalb Dirk direkt wieder den kurzen Weg zur Bar einschlug, um diesmal zwei Gin Tonics zu bestellen.

Während der Barkeeper die Getränke vorbereitete, lehnte Dirk sich an die Theke und scannte den Raum ab. Plötzlich bemerkte er einen Herrn mit Glatzkopf, der einen karierten Anzug und eine schrecklich bunte Krawatte trug, die in seinen Augen wehtat. Der Mann ging mit schleichendem Schritt Richtung Bar und durchscannte die Menge wachsam wie ein Luchs auf der Suche nach Beute.

„Ok dat noch…“ flüsterte Dirk zu sich selbst und versuchte sich unauffällig umzudrehen, als hätte er den Mann gar nicht gesehen.

„Herr Matthies?“ fragte der Mann, der nun direkt vor ihm stand, ein halb belustiger, halb ungläubiger Ausdruck auf seinem Gesicht.

„Herr Iversen,“ antwortete Dirk mit einem gequälten Lächeln.

„Mensch, Herr Matthies, dass ich Sie hier treffe!“ sagte Iversen und schüttelte ihm überschwänglich die Hand.

„Ja, Sachen gibt’s…,“ meinte Dirk trocken.

„Das ist ja wirklich Ewigkeiten her…", sinnierte Iversen vor sich hin.

Meinetwegen hätte die Ewigkeit noch etwas andauern können, dachte Dirk.

„Aber wie ich höre, sind Sie wieder auf Streife?“

„Joah, und? Ist das so verwunderlich?“ fragte Dirk und versuchte, seinen provokanten Unterton etwas zu zügeln.

„Naja, wenn man so Dinge über ihre Zeiten als Revierchef hört, wohl kaum“, meinte Iversen auf seine typische herablassende Art.

„Ich bin ja froh, dass ich mich zu der Zeit schon nicht mehr mit ihrem Revier befassen musste,“ sagte er und setzte damit nochmal einen drauf.

Dirks Unterkiefer arbeitete als Zeichen seiner Genervtheit. „Da sind wir ja mal einer Meinung, Herr Iversen. Ich glaube, das war für unser beider Gesundheit ganz zuträglich.“

„Finden Sie auch, nicht wahr?“ meinte Iversen gut gelaunt. „Aber wie ich höre, ist das 14. nun wieder in tüchtigen Händen. Ist Frau Küppers denn heute Abend anwesend, wenn ich fragen darf?“

Dirk biss sich auf die Zunge und nickte widerwillig in Reginas Richtung, die unweit entfernt saß. Was er jetzt nicht brauchte, war, noch mehr Zeit in der Gegenwart dieses Mannes zu verbringen. Und ihn auf Regina loszulassen, war nun auch wirklich nicht seine Intention.

„Ahhhh ja…“ meinte Iversen langgezogen und begann sich wie ein Raubtier auf sie zuzubewegen.

„Gestatten, Iversen, Kriminalrat,“ sagte er mit einer tiefen Verbeugung, als er bei Regina angekommen war.

„Außer Dienst“ fügte Dirk, der ihm gefolgt war, mit einem süffisanten Lächeln hinzu.

Iversen schaute sich genervt zu ihm um.

„Küppers“ antwortete Regina knapp, ihr Kinn gereckt und ihr selbstbewusstes, kleines Lächeln aufgesetzt. Sie hatte den Mann vor seiner Pension während ihrer Zeit im Präsidium das eine oder andere Mal gesehen, was bei seinem auffälligen Kleidungsstil auch nicht weiter verwunderlich war. Doch nie war ein Gespräch zwischen ihnen zustande gekommen.

Der wird sich gleich noch wundern, dachte Dirk und betrachtete mit immer mehr Interesse die Interaktion zwischen den beiden.

„Aaah, Frau Küppers, ich habe schon so viel von Ihnen gehört, der Polizeipräsident spricht nur in den höchsten Tönen von Ihnen,“ flötete Iversen mit seinem gewinnbringendsten Lächeln. „Und verzeihen Sie mir meine Direktheit, aber Sie sehen wirklich hinreißend aus,“ säuselte er und nahm kurz ihre Figur in Augenschein.

Dirk fiel fast die Kinnlade runter. Hatte Iversen gerade mit seiner Freundin geflirtet?

Regina schaute kurz zu Dirk und sah auf seinem Gesicht zu ihrer Erheiterung den Ausdruck des blanken Empörens, den sie erwartet hatte.

„Vielen Dank, Herr Iversen,“ sagte sie knapp.

„Und wenn Sie mir die Frage gestatten, Frau Küppers,“ begann Iversen beinahe konspirativ und setzte sich ungefragt auf Dirks Platz:  „Das 14. Revier? Sie wissen ja selbst, dass es, nun ja… deutlich bessere Stellen für Sie geben könnte. Und Sie haben ja nun wirklich das Potenzial in den gehobenen Positionen der Hamburger Polizei zu arbeiten. Ich kann das gerne für Sie in die Wege leiten, wenn Sie wollen.“

Er warf einen Blick zu Dirk hinauf und ergänzte etwas leiser: „Außerdem müssen Sie sich dann auch nicht mehr mit Kollege Matthies herumärgern. Wir wissen ja, wie anstrengend der ist.“

Nun lauschte Dirk der Unterhaltung nicht mehr interessiert, sondern vielmehr alarmiert.

„Herr Iversen…“ begann er mit drohendem Blick, doch Regina warf ihm wiederum einen Blick der Sorte zu, die ihn verstummen ließ. Sie hatte schon geahnt, wo die Unterhaltung hinführen sollte und ihre Antwort kam prompt.

„Vielen Dank für das Angebot, Herr Iversen, doch ich fühle mich tatsächlich sehr wohl auf dem 14. Außerdem schätze ich es sehr, dass meine Kollegen dort noch täglich harte und ehrliche Polizeiarbeit ausüben. Ich glaube nicht, dass ich das in einer der von Ihnen angedachten Positionen wiederfinden könnte.“

Nun war es an Iversen, empört dreinzuschauen. Mit solchen harten Worten von einer derart bezaubernden Dame hatte er wohl nicht gerechnet. Er erhob sich und versuchte seine natürliche Selbstgefälligkeit in seine Bewegungen zu stecken. Er griff in die Innentasche seines Jacketts und gab ihr seine Karte. „Sie können sich ja melden, wenn Sie es sich noch anders überlegen. Einen schönen Abend noch.“

„Halleluja,“ meinte Dirk lachend, als Iversen verschwunden war und er sich wieder neben sie setzte. „Dem hast du aber ordentlich eins mitgegeben, Respekt.“

„Ja, manchmal ist die direkteste Art leider die beste,“ antwortete Regina und sie stießen mit ihren Gin Tonics an, die sie nun endlich in Ruhe genießen konnten.

Regina ließ während ihrer Unterhaltung mit Dirk immer wieder den Blick durch den Raum schweifen. Sie beobachtete, wie manche Leute sich angeregt  unterhielten. Andere waren um ihr bestes Auftreten bei den wichtigen Leuten bemüht, in der Hoffnung, einen Schritt in Richtung Beförderung zu machen. Wiederum andere nutzten den Abend, um zu tanzen, mit ihren Geliebten zu flirten oder sich zu betrinken. Sie sympathisierte am meisten mit letzteren Gruppen und schneller als sie es selbst wahrgenommen hatte, hatte sie ihren Drink geleert.

Dirk grinste sie schief an. „Darf’s noch was sein, Frau Polizeioberrätin?“ neckte er sie.

Eigentlich hatte sie sich für ihr Befinden schon genug Alkohol eingeflößt. Sie merkte, wie er ihrer Hitze, die sie eh schon in diesem vollen Saal an diesem sommerlichen Tag empfand, noch das gewisse Extra verlieh. Aber gleichzeitig kühlte sie das Getränk auch gut ab, solange sie es sich zwischendurch gegen die Stirn halten konnte.

„Gerne ein Alster diesmal“, und schon begab er sich zum wiederholten Male an diesem Abend Richtung Bar.

Sie schaute ihm hinterher, immer noch sehr angetan von seinem Anblick am heutigen Abend. Ihr Blick wanderte weiter die Bar entlang.

Plötzlich stutzte sie, als ihr Blick von einem anderen Paar Augen erwidert wurde. Ein großgewachsener Mann saß an der Bar, ein Bier vor sich, und starrte sie aus blauen Augen, die selbst auf die vielen Meter Distanz noch hell zu leuchten schienen, intensiv an. Die Augen und das kantige Gesicht gaben ihm eine fast manische Aura.

Regina spürte, wie sich ihr Magen und der Rest ihres Körpers verkrampfte. Sie wusste nicht, warum sie so intensiv reagierte, doch in ihrem Kopf läuteten die Alarmglocken.

So schnell sich ihre Blicke getroffen hatten, so schnell war der Blickkontakt auch wieder vorbei. Der Mann drehte sich wieder Richtung Bar um, leerte sein Bier und stand auf. Regina, die für einen Moment völlig die Wahrnehmung über ihre Umgebung verloren hatte, empfand den Raum plötzlich als noch heißer als zuvor, es war bedrückend voll und viel zu laut.

In diesem Moment kam Dirk wieder auf sie zu. Als er ihr bleiches Gesicht sah, war er sofort an ihrer Seite.

„Regina? Alles in Ordnung?“

Sie brauchte einen Moment, um seine Worte zu registrieren und versuchte sogleich, sich wieder unter Kontrolle zu bringen und möglichst ruhig zu wirken. Selten reagierte sie in der Öffentlichkeit so offen emotional und ließ sich dermaßen aus dem Konzept bringen.

„Nichts, ich ähm… dachte nur… ich hätte jemanden gesehen,“ antwortete sie ungenau.

„Wen hast du gesehen?“ bohrte Dirk nach.

„Ich weiß nicht… eben an der Bar. Da war ein Mann und ich hatte das Gefühl… aber nein, ist wahrscheinlich blöd von mir,“ sagte sie und lachte nervös auf.

„Regina!“ sagte Dirk energisch.

„Er hat mich eben angestarrt! Für einen Augenblick. Zumindest hatte ich den Eindruck. Zufrieden?“ sagte sie genervt.

Seine Vehemenz machte es ihr in diesem Moment auch nicht leichter, die Situation vernünftig zu beschreiben oder einzuschätzen.

„Ne,“ sagte Dirk, stand auf und scannte den Raum aufmerksam mit den Augen ab. „Wie sah der denn aus?“

„Groß, blaue Augen, kantige Gesichtszüge,“ antwortete Regina knapp.

„Und wo ist er jetzt?“

„Weiß ich nicht, er ist weggegangen.“ Regina verdrehte die Augen. „Du warst doch eben an der Bar! Hast du ihn nicht gesehen?“

„Nee,“ wiederholte Dirk, der weiterhin mit angespannter Miene durch die Menge schaute. „Scheiße, Mensch, wenn das jetzt der Kerl war, der dir hinterherstalkt…“

„Dirk! Ich wäre dir dankbar, wenn du versuchen könntest, ruhig zu bleiben,“ sagte sie gebieterisch.

„Außerdem stalkt mir bisher niemand hinterher, um das Mal an dieser Stelle klarzustellen. Und der Kerl war wahrscheinlich vollkommen harmlos.“

Dirk hatte Mühe, sich zusammenzureißen. Diese Frau konnte auch wirklich stur sein wie ein Bock.

„Ich schau mich mal kurz um,“ sagte er und schon war er in der Menge verschwunden.

Regina fühlte sich merkwürdig bloßgestellt und ohne seine Anwesenheit verunsichert. Sie musste jedoch nicht lange auf ihn warten. Von dem Typen gab es natürlich keine Spur mehr.

Gemeinsam entschieden sie sich zu gehen. Diese Begebenheit hatte sie beide auf ihre Art beunruhigt und sie konnten der feuchtfröhlichen Stimmung auf dem Ball nicht mehr viel abverlangen.

Einige Minuten später fuhren sie schweigend durch das nächtliche Hamburg. Schließlich durchbrach Dirk die Stille.

„Wie geht’s dir?“ fragte er vorsichtig.

Sie zuckte mit den Schultern. „Alles in Ordnung,“ log sie.

Dirk kannte sie inzwischen zu gut, um zu wissen, dass sie nicht die Wahrheit sagte.

Dennoch beließ er es dabei und fragte stattdessen weiter: „Darf ich dich um etwas bitten?“

„Kommt drauf an,“ antwortete Regina knapp.

„Ich möchte, dass du in nächster Zeit nicht mehr spät abends allein nach draußen gehst.“

„Wie bitte?“ fragte Regina so laut, dass Dirk etwas zusammenzuckte.

„Regina, solange wir keine Gewissheit haben, wie gefährlich der Typ ist, möchte ich nicht, dass du dich nachts alleine irgendwo rumtreibst!“

„Dirk ich habe es dir schon mal gesagt, ich bin nicht aus Zucker und ich brauche keinen Bodyguard!” Selten war sie so genervt von ihm gewesen. Glaubte er, dass er ihr Sachen vorschreiben konnte, nur weil er in dieser Sache so vollkommen überreagierte?

“Du steigerst dich viel zu sehr in diese Sache hinein. Das Ganze wird sich am Ende als etwas herausstellen, das…das höchstwahrscheinlich vollkommen harmlos ist und keinerlei böswilligen Hintergrund hat! Dafür gibt es wirklich keinen einzigen Anhaltspunkt. Und ich möchte dich daher darum bitten, mich damit jetzt in Ruhe zu lassen,“ sagte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.

Entgegen seiner Hitzköpfigkeit sagte er auch nichts weiter und sie fuhren den Rest des Weges bis zur Hafenstraße stillschweigend und hingen ihren eigenen Gedanken hinterher.

Während sie die Treppen zu ihrer Wohnung hinaufstiegen, spürte Dirk Reginas Genervtheit und ihren unterschwelligen Wunsch, allein zu sein, doch er konnte die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen. Zu groß und berechtigt waren seine Sorgen um sie.

Als sie im Wohnzimmer angekommen waren, sprach er sie wieder an.

„Regina, bitte hör mir nur einen Moment zu. Ich…ich glaube du verstehst gar nicht, was für eine Riesenangst ich gerade um dich habe…“

Er schluckte zweimal schwer und versuchte Emotionen von sich zu halten, die aus dunkelster Vergangenheit wieder zu ihm hochzukommen schienen. Aber er musste der Sache, die er lange Zeit ins hinterste Kämmerlein seines Gedächtnisses verbannt hatte, jetzt ins Auge sehen. Anders könnte er ihr die Gründe für seine Angst nicht erklären. Und vielleicht würde sie es dann besser verstehen.

Er atmete tief durch. „Ich habe schon mal jemanden verloren, vor vielen Jahren. Jemanden… den ich sehr geliebt habe“, er stockte. Er sah Ellens Gesicht und ihr wunderschönes Lächeln vor seinem inneren Auge.

Regina ging die tiefe Trauer, die Dirk auf einmal ausstrahlte, bis unter die Haut, als wäre es ihre eigene. Sie erinnerte sich an die Kollegin, die er einmal beiläufig erwähnt hatte und sie zählte in diesem Moment eins und eins zusammen.

Als er von sich aus nichts mehr sagte, fragte sie ihn sanft: „Deine Partnerin?“

Nach einer kurzen Pause sagte er „Ja.“

Er sog scharf die Luft ein und atmete wieder aus.

„Ich… hatte sie gefragt, ob sie mich heiraten will. Und am gleichen Abend war sie tot. Vergiftet,“ sagte er rau. Er schloss kurz seine Augen, um seine Tränen zu unterdrücken, doch die Bilder kamen dadurch nur umso deutlicher zutage, weshalb er die Augen schnell wieder öffnete.

Regina spürte einen schweren Kloß in ihrem Hals. Was Dirk ihr da gerade erzählte, traf sie frontal und unerwartet wie eine Tsunamiwelle. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Das tut mir unendlich leid,“ sagte sie leise. Etwas Besseres fiel ihr gerade nicht ein.

Dirk nickte nur. „Ich war nicht da, ich…ich konnt‘ ihr nicht helfen. Und wenn dir jetzt auch etwas zustößt…ich kann mir einfach nichts Schlimmeres vorstellen. Das würd‘ ich nicht aushalten. Nicht nochmal.“ Er sah sie flehentlich mit großen Augen an.

Sie ging auf ihn zu und legte ihre Hände an seine Wangen. „Dirk, es tut mir wirklich so leid, ich… ich hatte ja keine Ahnung. Und hab bitte keine Angst, ich werde schon nicht spät alleine rausgehen. Versprochen. Nächtliche Ausflüge zählen ja sowieso nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.“

Er schenkte ihr ein schwaches Lächeln. „Danke.“

Sie merkte, dass er mit den Nerven vollkommen am Ende war. Diese Geschichte, auch wenn Dirk offensichtlich nur das Gröbste offenbart hatte, hatte er scheinbar noch nie wirklich jemandem erzählt, weshalb sie gegenwärtig wohl auch nicht sehr viele Leute aus seinem aktuellen Freundes- und Kollegenkreis kannten.

Sie setzten sich aufs Sofa, körperlich und mental völlig ausgelaugt von diesem Tag, der nicht so geendet war, wie sie beide es sich gewünscht hätten. Regina versuchte Dirk so gut sie konnte Trost zu spenden, indem sie sich so nah wie möglich an ihn schmiegte und ihre Wange an seine lehnte, während sie ihm beruhigend durch die Haare streichelte.

„Wenn du möchtest, kannst du mir ja mal irgendwann ein bisschen von ihr erzählen,“ sagte Regina sanft. „Aber wirklich nur wenn du willst.“

Sie wusste, wie viel Überwindung es ihn gekostet hatte, diese furchtbare Erinnerung auszusprechen und sie wollte es ihm überlassen, ob er noch mehr aus dieser Zeit zu Tage bringen wollte.

Er sagte nichts und nickte nur, sein zittriger Atem verriet ihr aber, dass er gerade sehr mit sich am Kämpfen war. Noch nie hatte sie den rauen Bullen vom Kiez so verletzlich erlebt.

Nachdem sie lange Zeit schweigend so nebeneinander gesessen hatten, machten sie sich bettfertig. Sie nahmen nacheinander eine Dusche, die ihnen nach dem anstrengenden, heißen Tag mehr als guttat und die vor allem Dirk den Kopf etwas freier machte. Sie legten sich ins Bett und schmiegten sich eng aneinander. Lange nachdem Regina eingeschlafen war, lag Dirk noch wach und grübelte vor sich hin.

Er dachte an Ellen und das, was wäre, wenn sie noch leben würde. Er war fest davon überzeugt gewesen, dass er nie mehr jemanden so lieben könnte, wie er sie damals geliebt hatte. Doch das Leben hatte ihn eines Besseren belehrt. Er sendete eine stumme Frage zu Ellen hinauf und wusste, dass sie ihm von oben zulächelte und ihm ihren Segen für sein neues Glück gab. Mit diesem Gedanken verfiel er schließlich in einen halbwegs ruhigen Schlaf.



***



Note: Titel inspiriert von “Hamborger Kedelklopper” von Hans Albers
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