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Die verfluchte Stadt

von Kleeblume
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Horror / P16 / Het
Chief Jim Hopper Elf "Elfie" Joyce Byers Michael "Mike" Wheeler Nancy Wheeler Steve Harrington
24.06.2022
26.07.2022
4
18.042
7
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
24.06.2022 4.524
 
Hallo und herzlich willkommen bei dieser kleinen Geschichte. :)

Ich freue mich erstmal sehr, dass ihr reingeklickt habt. Ursprünglich war diese Geschichte dazu geplant, die Wartezeit auf die letzten beiden Folgen zu überbrücken. Allerdings bin ich mit dem Schreiben deutlich langsamer vorangekommen als gedacht. Erwartet deshalb bitte nicht, dass sie rechtzeitig fertig wird.
Vielleicht kennen ein paar von euch meine Geschichten schon. Ich muss euch (und auch die neuen Leser) vielleicht ein bisschen vorwarnen. Ich persönlich habe das Gefühl, dass es diesmal quasi parallel zur neuen Staffel ein bisschen düsterer wird und wir werden auch den ein oder anderen Charakter im Laufe der Geschichte verlieren. Falls euch das alles genauso wenig abschreckt wie relativ lange Kapitel, seid ihr hier richtig. Ich hab das meiste in relativ kurzer Zeit geschrieben, erwartet deshalb bitte kein literarisches Meisterwerk von mir. Dennoch könnt ihr gerne konstruktive Reviews da lassen, ich bin dankbar, wenn ich was dazulernen kann. Die Reviews werden alle beantwortet werden, allerdings kann es schon mal länger dauern.
Ach ja und falls jemand von euch zufälligerweise Russisch kann, macht mich gerne darauf aufmerksam, wenn etwas von dem, was Murray von sich gibt, nicht stimmen sollte. Ich habe das Gefühl, dass man dem Google Übersetzer nur bedingt trauen kann.
Betagelesen hat das Ganze übrigens die liebe Applepie. Wenn ihr hier in dem Fandom weiterlesen wollt, kann ich euch auch ihre Geschichten sehr empfehlen.
Ich hoffe, ich habe euch mit diesem lächerlich langem Vorwort nicht abgeschreckt und wünsche euch viel Spaß beim Lesen. :)


Kapitel 1

El schlug die Augen auf und starrte auf die Bildschirme im Deckel des Deprivationstanks. Sie wusste, dass sie normalerweise Videoaufnahmen aus dem Labor in Hawkins zeigten. Jetzt hatte schwarz-weißes Flimmern die Bilder abgelöst.
Els Herz raste und sie japste nach Luft. Der Deckel des Deprivationstanks öffnete sich und zwei Krankenschwestern hoben sie nach draußen. Ihre Knie zitterten so sehr, dass sie kaum auf ihren eigenen Beinen stehen konnte.
Dr Owens und Papa halfen den Schwestern, sie auf die Liege zu bugsieren. Sie spürte den Piks, mit dem eine der Krankenschwestern ihr ein Medikament verabreichte, kaum.
Es schien jedoch schnell zu wirken, denn ihr Herzschlag und ihr Atem beruhigten sich. „Ich war es nicht“, flüsterte sie. „Ich war es nicht.“
„Was warst du nicht, Elf?“ Papa nahm ihre Hand in seine und hockte sich neben die Liege.
„Meine … meine Geschwister“, murmelte sie. Es fühlte sich nicht richtig an, die anderen als Geschwister zu bezeichnen. Will und Jonathan waren ihre Geschwister. Sie verhielten sich ihr gegenüber freundlich, halfen ihr und unterstützen sie. Will zählte zu ihren besten Freunden und Jonathan half ihr manchmal bei den Englischhausaufgaben. „Die Kinder aus dem Labor“, verbesserte sie sich. „Ich habe sie nicht getötet.“
Und sie hatte auch Angela nicht mit dem Rollschuh töten wollen. Hätte sie das den Polizisten nur früher sagen können!
„Natürlich nicht“, behauptete Papa. „Kannst du dich jetzt erinnern, was passiert ist?“
Sie nickte, während ihr eine Krankenschwester die Haube abnahm.
„Und? Möchtest du darüber reden?“
El konnte regelrecht fühlen, wie Eins‘ Kräfte versuchten, ihre Eingeweide zu zerquetschen und ihr jeden einzelnen Knochen zu brechen. Sie spürte den Druck auf ihren Gliedmaßen und wie sich ihr Magen und Herz verkrampften. Oder wie die Kacheln in der Wand mit einem Knacken rissen und sich ein rotglühender Riss zwischen ihnen ausgedehnt hatte.
El begann zu zittern.
„Elf?“, fragte Papa. „Willst du mir nicht erzählen, was passiert ist?“
Stumm schüttelte sie den Kopf.
„Martin, lass ihr wenigstens einen Moment Zeit, sich zu erholen“, hörte sie Dr Owens sagen. „Sie steht unter Schock.“
„Wir haben keine Zeit mehr“, erwiderte Papa gereizt. „Die halbe Regierung hält sie für eine Mörderin und sucht nach ihr.“
Eine der Krankenschwestern brachte El ein Handtuch und reichte ihr ein weiteres dieser grausamen Krankenhaushemden. El wünschte, sie könnte die Kleidung, die sie von Joyce bekommen hatte, wieder haben. Die T-Shirts und Hemden waren vielleicht alt gewesen, aber sie hatte sie sich selbst aussuchen dürfen.
„In Hawkins sind mindestens drei Jugendliche gestorben und die ersten Eltern veranstalten eine Hetzjagd gegen einen Jungen aus der High School. Chief Powell ist außer sich und Officer Callahan … Nun ja, Sie kennen ihn. Er ist nicht mal in einer Kleinstadt wie Hawkins im Entferntesten für seinen Beruf geeignet. Wir wissen beide, dass am Fundort der Leichen verdächtige Spuren entdeckt wurden. Elf ist unsere einzige Chance, das Monster wieder dahin zu verfrachten, wo es hingehört und diesen Wahnsinn ein für alle Mal zu beenden. Und zwar so, dass es nicht jedes Jahr wieder kommt.“
Elfie senkte den Blick, während eine der Schwestern ihr aus dem Badeanzug half. Früher mochte es ihr egal gewesen sein, wenn sie sich vor den Männern hatte umziehen müssen. Aber seit sie Mike und die anderen kannte, wusste sie, dass einem in derartigen Situationen etwas Privatsphäre zustand. Sie schluckte, während die Krankenschwester ihr ein weiteres der Krankenhaushemden über den Kopf streifte.
„Du hast gehört, was auf dem Spiel steht“, sagte Papa und ging vor ihr etwas in die Hocke, damit er sich auf Augenhöhe mit ihr unterhalten konnte. „Ich möchte, dass du ausprobierst, ob du deine Kräfte jetzt wieder benutzen kannst. Und, dass du mir sagst, was du gesehen hast. Es könnte wichtig sein, Elf. Hast du mich verstanden?“
In Els Hinterkopf hörte sie, wie Papa Dr Owens erklärte, was in Hawkins gerade passierte. Wenn das ihre einzige Chance war, zu helfen, musste sie noch ein bisschen mit ihm zusammenarbeiten. Nur so lange, bis Joyce, Will und Mike sie gefunden hatten. Mike würde nach ihr suchen. Auch wenn sie gestritten hatten, würde er sie auf keinen Fall im Stich lassen. Sie würde zurück nach Hause gehen können. Mit einem Stich im Herzen fiel ihr auf, dass sie das neue Haus, so schön es auch war, niemals als ihr Zuhause betrachten können würde. Sie musste sich nur gedulden.
„Ja, Papa“, murmelte sie mit gesenktem Blick.
Sie berichtete Papa davon, wie Eins ihr im Regenbogenzimmer geholfen hatte, ihre Kräfte besser einzusetzen. Wie sie den Chip aus seinem Hals entfernt hatte und wie sie kurz darauf ins Regenbogenzimmer gekommen war, um die anderen Kinder mit gebrochenen Knochen und blutüberströmt aufzufinden. Bei diesem Teil der Erzählung konnte sie ein Schluchzen, das aus ihrer Kehle drang, nicht unterdrücken. Mit gesenktem Blick fuhr sie fort und erklärte Papa, wie Eins schließlich in der Wand verschwunden und nie mehr zurückgekehrt war.
„Ist schon gut, Elf“, sagte Papa und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Ich habe lange Zeit gedacht, dass du das Tor geöffnet haben könntest. Das bedeutet auch, dass du es schließen kannst. Also sollten wir uns darauf konzentrieren, deine Kräfte zurückerlangen. Lass es uns gleich ausprobieren.“
Er streckte seine Hand aus und El nahm sie zögernd. Sie folgte ihm mit klopfenden Herzen in einen der Räume, die denen des Labors so sehr ähnelten, dass sich ein Knoten in ihrem Magen bildete. Als Papa ihr die Elektroden auf den Kopf stülpte und die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, kämpfte sie die Panikwelle, die drohte, sie zu überrollen, mit aller Gewalt nieder.
Vor ihr stand eine leere Coladose. El atmete mehrere Male tief ein und aus. Dann hob sie die rechte Hand. Sie versuchte nicht, die Erinnerungen an den grausamen Tag, als Eins ihre Geschwister ermordet hatte, zurückzuhalten. Im Gegenteil. Sie saugte Wut und Angst in sich auf. Auch das Gefühl des Verrats, das sie überkommen hatte, als sie mit kahlgeschorenem Kopf, barfuß und in einem Krankenhaushemd hier aufgewacht war. Aus Erinnerungen, die einen verletzten, konnte man Stärke ziehen.
El krümmte die Finger zu einer Faust und schloss die Augen.
Das Weißblech knarzte und knackte.
Els Atem beschleunigte sich. Es war nicht so einfach wie früher, aber sie konnte den Widerstand des Materials niederdrücken, wenn sie wollte. Mehr Knacken.
Sie öffnete die Augen. Vor ihr krümmte sich die Dose zusammen, faltete sich zu einem unverkennbaren Stück rot-weißen Metalls und rutschte über die Tischkante. Scheppernd landete sie auf dem Boden, so zusammengepresst als wäre jemand draufgestiegen.
Papa kam mit einem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck in den Raum. „Bemerkenswert, Elf“, sagte er und schenkte ihr ein seltenes Lächeln. „Ich denke, mit etwas Übung kannst du Hawkins bald helfen.“
El wischte sich mit dem Handrücken über die Nase, wo das Blut sie gekitzelt hatte und starrte Papa einige Sekunden lang an.
Sein Blick veränderte sich und er malmte mit den Zähnen. „Elf?“, fragte er.
Hatte er Angst vor ihr? El runzelte die Stirn. Für ein paar Augenblicke zog sie es in Erwägung, ihn gegen die Wand zu schleudern. Aber hinter ihrer Stirn breitete sich bereits ein dumpfer Erschöpfungsschmerz aus und sie wusste, dass sie noch nicht wieder im vollen Besitz ihrer Kräfte war. Sie wollte sich mit einer Hand ihren Pony aus der Stirn wischen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne. Da waren keine Strähnen mehr, die ihr in die Augen fallen konnten. Sie war stolz darauf gewesen, dass ihre Haare so ähnlich aussahen wie Joyces. Sie würden von alleine wieder nachwachsen müssen. Aber es gab ein anderes Stück Identität, das sie zurückerlangen konnte.  
„Ich möchte meine Kleidung zurück“, sagte sie und erwiderte Papas Blick ohne zu blinzeln.
Er zögerte ein paar Sekunden. Dann hob er die Schultern und stieß die Tür auf. „Wenn das alles ist, Elf“, erwiderte er und streckte die Hand nach ihr aus. „Nach diesem Fortschritt hast du dir eine Belohnung verdient.“

~~~


Hopper roch nach Schnee, Blut und Schweiß, aber Joyce hätte in dem Moment nicht glücklicher sein können. Nach ihren Erfahrungen mit Yuri konnte sie nur ahnen, was er in den letzten acht Monaten durchgemacht hatte. Und trotzdem beruhigten sein Herzschlag, etwas zu schnell von der grausamen Hetzjagd, die hinter ihm lag, und seine Arme, die sie an seine Brust drückten, ihr Zittern. Sie hatte nicht gewusst, was sie sagen sollte. Aber weder Hop noch sie brauchten in diesem Moment Worte, um sich zu verständigen. Die Gegenwart des anderen reichte.
„Du hast wirklich eine sehr schöne Frau, Amerikaner“, sagte der Mann, der mit Hopper entkommen war. Er sprach gut Englisch, wenn auch mit russisch anmutender Prosodie.
Joyce löste sich widerstrebend von Hopper und schnaubte. Sie mutmaßte, dass die meisten Kommentare, die auf Russisch über sie fielen, dieser Natur waren. Die Mehrheit der Häftlinge hatte wahrscheinlich seit Monaten keine Frau mehr gesehen. Sie entschied, den Kommentar zu übergehen. Außerdem gab es etwas an dieser Äußerung, was sie viel mehr störte. „Er heißt Hopper“, schnappte sie und funkelte den zweiten Gefangenen an. „Wer bist du überhaupt?“
Der Mann hob abwehrend die Hände. Er sah nicht ganz so abgemagert aus wie die anderen, woraus Joyce schloss, dass er nicht allzu lange im Gefängnis gesessen war.
„Enzo“, stellte er sich vor.
„Wir hätten ihn an der Stimme erkennen müssen, Joyce“, sagte Murray. „Jim.“
Joyce trat einen Schritt zur Seite, damit auch Murray Hopper begrüßen konnte.
„Ich bin froh, dich wiederzusehen.“ Ihr entging nicht, dass Hopper die Zähne zusammenbiss, als Murray ihn drückte und ihm auf die Schulter klopfte.
„Ich bin auch froh, euch beide zu sehen“, erwiderte Hopper. Das kleine Lächeln, das er ihr vorhin geschenkt hatte, war längst wieder erloschen.
„Das ist ja alles sehr rührend, Amerikaner“, unterbrach Enzo die Wiedersehensfreude, „aber wenn wir hier nicht so schnell wie möglich rauskommen, sind dein Freund und deine Frau umsonst gekommen. Wir sollten uns beeilen. Nicht, dass wir wieder hinter Gittern landen und die beiden noch dazu. Dann ist alle Hoffnung verloren.“
Joyce schnitt eine Grimasse und sah Hopper an. Sie hatte so viele Fragen. Aber sie wusste, dass Enzo recht hatte.
„Kennst du einen Weg nach draußen?“, fragte Murray
„Theoretisch schon“, sagte Enzo. „Aber wir brauchen die Schlüssel. Das wird nicht einfach werden.“ Er ging voraus durch die Tür, durch die Joyce und Murray den kleinen Raum betreten hatten.
Hinter ihnen brüllte der Demogorgon. Joyce konnte hören, wie seine Krallen gegen die Tür kratzten. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Wie lange er wohl brauchen würde, um zu ihnen zu gelangen?
Sie stiegen eine wackelige Treppe nach oben in den Kontrollraum. Kaum war Murray hinter Joyce über die Schwelle getreten, krachte die Tür hinter ihnen ins Schloss.
Fünf Wachen richteten die Läufe ihrer Maschinengewehre auf sie. Sie blockierten den einzigen anderen Ausgang.
Joyce sank das Herz in die Kniekehlen. Sie hätte sich nicht zu früh freuen dürfen.
„Oh Vögelchen, haben sie dich erschreckt? Das nächste Mal solltest du vorsichtiger sein.“ Yuri lugte hinter den Schultern der Wärter hervor. Sein keuchendes Kichern ließ sie frösteln.
„Izmenik!“, fauchte einer der Wachen und stieß Enzo den Lauf seines Maschinengewehrs in die Brust. Er stolperte rückwärts gegen die Wand.
Joyce konnte fühlen, dass Hopper neben ihm den Atem angehalten hatte. Sie saßen in der Falle.
Enzo erwiderte hitzig etwas auf Russisch. Yuri kicherte schon wieder los.
Sie ballte die Hand zu einer Faust und spürte kaum, wie sich ihre Fingernägel in ihre Handflächen gruben. „Ich wünschte, ich würde sie verstehen“, murmelte Joyce und warf einen hilfesuchenden Blick zu Hopper. Vielleicht hatte er in den letzten Monaten ein bisschen Russisch gelernt?
„Verstehen“, murmelte Murray und etwas in seinem Blick leuchtete auf. „Sie können uns nicht verstehen.“
„Sie sprechen kein Englisch“, erklärte Enzo. „Ich bin der Einzige.“
Die Wachen kamen auf sie zu. Mit einem Klicken entsicherte einer von ihnen das Gewehr. Ihr Gespräch schien ihnen nicht besonders zu gefallen.
Joyce packte Hoppers Hand. Sie wusste, dass es vermutlich nichts ändern würde, aber sie fühlte sich wenigstens etwas besser. Wenn sie hier starben, würden ihre Kinder es wahrscheinlich nie erfahren. Wieso hatte sie ihnen nicht die Wahrheit gesagt?
„Wir müssen sie überlisten“, flüsterte Murray.
„Und wie stellst du dir das vor?“, zischte Joyce. „Gegen Gewehre hilft ein schwarzer Gürtel in Karate nicht.“ Dennoch keimte ein Stück unsinnige Hoffnung in ihr auf. Sie drückte Hoppers Hand. Ein Teil von ihr wollte alles leugnen. Sie konnten nicht so weit gekommen sein, nur um letztendlich doch zu verlieren.
„Ich habe eine Idee“, raunte Murray. „Folgt meinem Beispiel.“
Er riss die Arme in die Höhe als würde er sich ergeben. „Monstr“, erklärte er und zeigte nach unten. „Dver' otkryta. Monstr idet.“
Joyce schielte zu den Bildschirmen, während sie zögernd Hoppers Hand losließ und den Wärtern ihre Handflächen zeigte. Murray musste über den Demogorgon sprechen. Auf den Bildschirmen erkannte sie nichts weiter als graues Flimmern. Was für ein Glück, dass einer der gefühlt hundert Knöpfe, die sie gedrückt hatte, auch die Kameras ausgeschaltet haben musste.
„My znayem monstra“, fuhr Murray fort. „On krovozhaden i yego ne ostanovit stal. Vashi boyepripasy ne prinesut vam nikakoy pol'zy. Yesli by ya byl toboy, ya by ubezhal.“
Im Innenhof brüllte der Demogorgon.
Die Augen der Wachen weiteten sich und sie strafften die Schultern. Farbe verschwand aus ihren Gesichtern und ihre Pupillen weiteten sich.
Joyce versuchte, Hoppers Blick aufzufangen. Aber er starrte an den Wachen vorbei, jede Faser seines Körpers angespannt.
Sie schluckte. Hatte er Angst vor ihnen? Kalte Hände zerquetschten ihr Herz. Das war kein gutes Zeichen. Letztes Jahr waren dieselben Leute nicht davor zurückgescheut, Teenager zu foltern. Was hatten sie dann Hopper angetan?
„Kuda nam idti? My ne mozhem prosto ubezhat', ne tak li? On s"yest nas“, sagte Murray.
Was erzählte er ihnen?
Die Wärter ließen die Maschinengewehre sinken und steckten die Köpfe zusammen. Nach einer knappen Besprechung verließen drei von ihnen mit den Maschinengewehren im Anschlag den Kontrollraum und sprangen die Treppen herunter.
Yuri und die anderen zwei blieben.
„Warte hier“, sagte Hopper. Er nickte Enzo zu und die beiden stürzten sich gleichzeitig auf die übrigen Wärter.
Joyce dachte nicht daran, einfach zu warten. Vorhin hatten sie Yuri schon einmal besiegt, ein zweites Mal würde sie es auch schaffen.
Er stand vor den Bildschirmen und kicherte wie ein Verrückter.
„Hey, Yuri!“, rief sie und kam auf ihn zu.
Yuri grinste sie an. „Hallo Vögelchen. Oder soll ich lieber Joycie sagen?“
Joyce verpasste ihm eine Ohrfeige.
„Aua.“ Yuri hielt sich die Wange und ein verrücktes Funkeln trat in seinen Blick. „Das war nicht nett, Vögelchen. Aber es tut gar nicht weh.“ Sein asthmatisches Lachen kam zurück.
Joyce schluckte. Etwas an Yuri erinnerte sie an Lonnie. Das konnte nichts Gutes bedeuten.
Eine Kugel sauste an ihrem Ohr vorbei, ehe sie etwas darauf erwidern konnte.
„Oh“, sagte Yuri und lugte über ihre Schulter.
Joyce fuhr zusammen. Sie roch frisches Blut und nahm in ihrem Augenwinkel eine Gestalt in blauer Uniform wahr, die sich den Bauch hielt. Ihr gefror das Blut in den Adern.
Sie verpasste Yuri eine zweite Ohrfeige und wirbelte herum. Sobald sie Enzos schmerzverzerrtes Gesicht erblickte, fiel dem egoistischen Teil von ihr ein Stein vom Herzen. Ein anderer Teil wusste, wie unangemessen dieses Gefühl war. Er hatte wenigstens versucht, Hopper hier rauszuholen. Sie hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Noch war der Kampf noch nicht gewonnen.
Ein weiterer Schuss, eine Patronenhülse, die von einem der Monitore abprallte.  
Hopper stand in der anderen Ecke des Kontrollraums. Ein Wärter brüllte vor Schmerz und hielt sich das Knie.
Hopper ließ das Maschinengewehr sinken.
Ein paar Meter weiter kickte Murray dem zweiten Wärter so heftig zwischen die Beine, dass dieser seine Waffe ebenfalls fallen ließ. Scheppernd landete das Gewehr auf dem Boden. Ohne Zögern klaubte Murray es vom Boden auf und hielt ihm den Lauf ins Gesicht.
Yuri Augen weiteten sich, als er seine missliche Lage verstand.
Joyce hörte Hoppers Schritte hinter sich und trat zur Seite.
Hopper ballte die Hand zur Faust und schlug ihm so heftig auf die Nase, dass Joyce meinte, diese brechen hören zu können.
Sie konnte Yuri auch nicht leiden und in einer Ecke ihres Herzens gönnte sie Hopper seine Rache, doch sie hatten keine Zeit für derartige Kleinigkeiten. Je länger sie warteten, desto geringer schätzte sie die Chancen einer erfolgreichen Flucht ein.
„Hop!“, kreischte sie und zerrte an seinem Arm.
Hopper verpasste Yuri einen Kinnhaken. Blut tropfte aus seiner Nase, unter seinem Auge bildete sich ein Bluterguss und seine Oberlippe schwoll bereits an.
„Das reicht, Hopper“, presste Joyce zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Wir müssen hier weg“, drängte auch Murray, der Enzos Arm um seine Schultern gelegt hatte. „Und zwar so schnell wie möglich.“
Hätten Blicke töten können, hätte Yuri auf der Stelle tot sein müssen. Erst nach ein paar Sekunden wandte Hopper sich von ihm ab.
„Schlüssel“, krächzte Enzo, beide Hände auf die Wunde in seinem Bauch gepresst. Blut rann über seine Finger und färbte seinen Overall dunkel.  
Joyce atmete dreimal tief ein und aus, ehe sie sich bückte und dem Wärter mit dem verletzten Knie seinen Schlüsselbund abnahm. „Sind das die richtigen?“
Enzo nickte und kämpfte sich auf die Beine. „Damit kommen wir in den Geheimgang.“

Joyce tastete nach Hoppers Hand und klammerte ihre Finger darum. Ihr Herz hämmerte vor Aufregung gegen ihre Rippen, und ihre Ohren sausten von den Schüssen, aber sie waren der Freiheit ein Stück nähergekommen.
Enzo schleppte sich auf Murrays Schulter geschützt hundert Meter weiter, wobei er eine Blutspur auf dem Boden hinterließ, und lotste sie durch eine Metalltür.  
Er brauchte drei Versuche, bis er diese wieder absperren konnte. Dann drückte einen Lichtschalter und eine einzelne Glühbirne etwa in der Mitte der Treppe blinkte, surrte und begann zu brennen. Eine Motte flog hin und wieder dagegen und ließ die Lampe surren.
„Wir müssen einen kleinen Umweg nehmen, wenn wir nicht an den Experimenten vorbeikommen wollen.“
Joyce schauderte. Sie ahnte, was er mit Experimenten meinte.
„Woher weißt du das alles?“, wollte Murray wissen.
„Ich war selbst ein Wachmann“, erklärte Enzo, „bis Yuri uns verraten hat und herauskam, dass ich dem Amerikaner helfen wollte, zu fliehen. Los jetzt, sonst finden sie euch.“
„Dann hast du die vierzigtausend Euro nie bekommen“, stellte Murray fest.
Enzo schüttelte bedauernd den Kopf. „Leider werde ich nicht mehr reich werden.“
Auf der Treppe kamen sie langsamer voran. Hopper versuchte zwar, es zu verstecken. Aber daran, wie er sich mit der einen Hand ins Geländer krallte und mit der anderen die Nägel in Joyces Handflächen grub, merkte sie, dass er Schmerzen hatte.
Und Enzo brauchte dringend einen Arzt. Ohne ihn würden sie hier nicht mehr herausfinden. Außerdem handelte es sich nur um eine Frage der Zeit, bis der Demogorgon aus dem Innenhof des Gefängnisses ausbrechen würde. Joyce wusste nicht, was ihr mehr Sorgen bereitete, als sie unter dem spärlichen Licht der Glühbirne hindurchtauchten und immer tiefer in Dunkelheit und Kälte hinabstiegen.

~~~


Mike lehnte sich von der Rückbank von Argyles gelben Pizza-Lieferwagen nach vorne, um einen Blick durch die Windschutzscheibe zu erhaschen. Das Blut des erschossenen Agenten, den sie auf einem Schrottplatz in der Wüste zurückgelassen hatten, war in die Polster getrocknet.
„Kannst du schneller fahren?“, bettelte er. Er krampfte die Finger so fest um den Zettel, den sie bei Suzie ausgedruckt hatten, dass das Papier raschelte. El hätte niemals wieder mit diesen Leuten mitgehen dürfen. Bestimmt wurde sie gerade wieder wie eine Laborratte behandelt.
„Beruhig dich, Brochacho“, erwiderte Argyle. „Es kann nicht mehr länger dauern als eine halbe Stunde.“
„Ich bin kein Brochacho“, schnaubte Mike und lehnte sich etwas weiter nach vorne.
„Hast du das gehört?“, fragte Argyle und drehte den Kopf zu Jonathan. „Er ist kein Brochacho.“
Als hätte Argyle gerade den besten Witz der Welt gemacht, begannen sowohl er als auch Jonathan haltlos zu kichern.
„Könntest du dich bitte aufs Fahren konzentrieren?“ Mike stand gerade wirklich nicht der Sinn nach derartigem Unsinn.
„Sie sind immer so“, murmelte Will von der Rückbank aus. In seinen Worten schwang ein Stück Resignation mit. „Seit sie angefangen haben Gras zu rauchen.“
Mike ließ sich ebenfalls zurückfallen und versuchte das Gekicher von den Vordersitzen so gut es ging auszublenden. Tatsächlich konnte er in einigen Metern Entfernung auf der Straße durch die Wüste ein Schild ausmachen, das die Staatsgrenzen markierte. Noch nie hatte er Nancy so sehr vermisst wie jetzt. Sie hätte einen kühlen Kopf bewahren und den Ernst der Lage erkennen können.
Neben ihm öffnete Will den Mund, schien es sich in letzter Sekunde aber anders überlegt zu haben und drehte den Kopf, um durch die Heckscheibe nach draußen zu schauen.
Frustriert ließ Mike den Zettel in seinen Schoß sinken und beobachtete, wie eine trostlose Landschaft aus Kakteen und Staub an ihnen vorbeizog. Wie es El gerade ging? Sie hatte in letzter Zeit so viel durchmachen müssen … Hatte sie ihn deshalb in ihren Briefen angelogen? Er wünschte, sie hätte ihm die Wahrheit erzählt. Freunde lügen nicht. Aber sie hatte sich nicht an diese Vereinbarung gehalten. Hatte sie Angst gehabt, er würde sie deshalb nicht mehr mögen?
„Ähm Leute?“ Wills Frage riss ihn aus seinen Gedanken. „Kann es sein, dass wir nicht die einzigen sind, die nach El suchen?“
„Wie meinst du das?“ Mike ließ die Rückenlehnen der Sitze los und folgte dem Blick seines besten Freundes durch die Heckscheibe des Wagens. Er wünschte, er hätte es nicht getan.
Fünf Hubschrauber schwebten über ihnen. Und am Horizont näherten sich mindestens ebenso viele dunkle Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit.
Mike ballte die Hände zu Fäusten und boxte in das blutbefleckte Sitzpolster. Egal, wie schnell Argyle fuhr, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie von ihnen überholt wurden. Aber das Militär durfte El noch viel weniger in die Finger bekommen als Owens.

~~~


„Nancy!“
Steve legte seine Hände auf Nancys Schultern und schrie immer wieder ihren Namen. Aber ihre Augen blieben auf groteske Weise nach oben verdreht und auch ihre Starre blieb unverändert.
Ohne sie loszulassen legte Steve den Kopf in den Nacken und starrte an den zusammengeknoteten Bettlaken vorbei auf die richtige Seite.
Dustin, Robin, Eddie, Lucas, Max und Erica sahen ihn an.
„Vecna“, hörte er Dustin flüstern, der bis direkt unter das Tor getreten war.
Steve fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Eiskübel über den Kopf geschüttet. Wenn das, was er von Eddie und Dustin erfahren hatte, stimmte, war der Zustand, in dem Nancy sich momentan befand erst der Anfang. „Wir müssen ihr helfen!“
„Kennst du ihr Lieblingslied?“, fragte Max.
„Hast du einen Radio oder Kassettenrekorder?“, wandte Robin sich an Eddie.
„Ich … ich … ja. Ich geh ihn holen.“ In Sekundenschnelle verschwand Eddie aus Steves Blickfeld.
Steve rieb sich mit einer Hand über das Gesicht und tastete nach Nancys Hand, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Sie zeigte keine Reaktion.
„Verdammt, Nance“, fluchte er so leise, dass es die anderen Kinder nicht hören konnten und suchte ihren Blick. „Wir hätten es fast geschafft.“
Er versuchte, den wachsenden Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken. „Lass dich nicht von diesem Zauberer umbringen, hast du verstanden?“
Kaum hatte er ausgesprochen, hoben Nancys Füße vom Boden ab.
Steve packte ihr Handgelenk. Er wagte es nicht, sie loszulassen, während ihre Schuhsohlen Zentimeter für Zentimeter Bodenkontakt verloren. Vielleicht konnte er ihr noch helfen.
Langsam, dafür jedoch unaufhaltsam schwebte Nancy nach oben.
Steve krallte die Finger in den Stoff ihres Sweatshirts. Er erwischte ihren Ärmel. Aber als ob die Gesetze der Physik auf der anderen Seite nicht existierten, rutschte die Baumwolle aus seinen Händen wie Wasser, das einem zwischen den Fingern hindurchrann.
Nancys Füße schwebten jetzt ungefähr auf der Höhe seines Kopfes. Steve sprang nach oben und bekam mit je einer Hand ihre Knöchel zu fassen. Das Brennen und Ziehen der Wunde an seinem Bauch verdrängte er. Er versuchte, sich schwer zu machen, damit er sie wieder auf den Boden holen konnte. Nancy wog ein paar Kilo weniger als er und er hatte sie früher mit Leichtigkeit hochheben und tragen können.
Doch erneut ließ ihn die Schwerkraft im Stich. Steves eigene Füße hoben von der Erde ab, bis er selbst von ihr baumelte.
„Nancy!“, flehte er und rüttelte an ihren Knöcheln.
Fast rutschten die Stiefel von ihren Füßen.
„Verdammt Nance, wach auf!“, flehte er und versuchte, sich an ihrer Wade festzuhalten.
Hinter dem Tor in die reale Welt tauchte Eddies Haarschopf auf. „Mein Kassettenrekorder ist kaputt“, sagte er. Aber eine E-Gitarre hing um seine Schultern.
„Worauf wartest du noch?“, brüllte Dustin. „Sing!“
„Was für ein Lied?“
„Ihr Lieblingslied“, sagte Max und beugte sich über das Tor. „Wie heißt es?“
Mit jeder Sekunde, die verstrich, fühlten sich Steves Arme und Schultern schwerer an. „Ach verdammt!“ In seinem Kopf ertönten die ersten Töne und Wörter, mit denen der Song begann. Er kannte die Melodie und den Text, aber der Titel wollte ihm nicht einfallen. „Ich weiß es nicht!“
„Du weißt es nicht?“, fragte Robin.
„Ich weiß nicht, wie es heißt“, rief Steve. Ihm gefiel überhaupt nicht, wie weinerlich seine Stimme klang. Wieso hatte er nie darauf geachtet?
„Kannst du den Anfang singen?“, schlug Max vor.
„Los jetzt!“, drängte Dustin. „Sing einfach!“
Vom Schreien brannte Steves Hals. Trotzdem krächzte er die ersten Zeilen.

„I hear the drums echoing tonight
But she hears only whispers of some quiet conversation
She’s coming in, 12:30 flight*”


„Africa!“, erkannte Robin.
„Ich weiß nicht, ob ich das spielen kann.“ Eddies Stimme klang vor Aufregung ganz schrill.
„Versuch es einfach!“, brüllte Dustin und stieß ihm einen Ellenbogen in die Rippen.
„Und zwar jetzt!“, fügte Steve hinzu. „Ich kann sie nicht mehr lange halten.“
Eddie begann, die Saiten seiner Gitarre zu zupfen. Steves Schultern verkrampften sich und er hoffte inständig, dass es noch nicht zu spät war und er den richtigen Song ausgewählt hatte.

***


*Falls euch der Text bekannt vorkommen sollte: es handelt sich hierbei – wie im Text auch gesagt wird – um die ersten Zeilen von Totos Africa. Die meisten von euch kennen es vielleicht aus der ersten Staffel Stranger Things.
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