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Offenes Meer

von Themora
Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Gen
23.06.2022
23.06.2022
1
820
 
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23.06.2022 820
 
Seit Stunden musste ich schon dasitzen. Das sagte mir jedenfalls der Stand der Sonne. Mir kam es jedenfalls nicht so lange vor, dass ich mich an den steinigen Rand eines Gezeitenbeckens gesetzt hatte und dem leisen tröpfeln und rauschen von salzigem Wasser lauschte. Ich verschwendete meine Zeit, sicher war sie schon beinahe abgelaufen und der Weg zurück würde anstehen, ich sollte lieber etwas unternehmen. Wie ein Irrer durch die Steppen rennen, vor Freude schreien oder sogar tanzen. Oder meine freie Zeit mit meinen Freunden verbringen? Wie machte man das? Wenn man mit Freunden etwas machte, war man doch fröhlich oder? War ich überhaupt dazu imstande, fröhlich zu sein oder auch nur vorzutäuschen? Nein, das glaubte ich nicht. Aber wie sollte ich mich denn sonst fühlen? Vielleicht sollte ich wütend sein? Eher traurig? Ja, das sollte ich wohl sein. Das wäre normal, aber was war normal denn eigentlich?  Wie lebten normale Menschen? Was unterschied sie sosehr von mir selbst? War da überhaupt irgendein unterschied? Da musste ja einer sein, sonst wäre ich ja nicht hier.
Ich sollte mich wirklich auf den Weg machen, sonst wird er böse.
Aber wieso sollte ich hier wegwollen? Die Sonne wärmte mich, Wasser war in meinem ganzen Blickfeld und essen wurde doch überwertet. Wie lange konnte man nochmal ohne Essen überleben? Ach ja, etwa einen Mondzyklus. Eine kurze Zeit in meinem Leben, in jeder Leben wenn man so darüber nachdachte. Aber ich würde alles geben, um nur diesen einen Zyklus für mich zu haben ohne Verpflichtungen und ohne die Arbeit. Aber diese Gedanken waren unnütz, ich sollte sie unterdrücken und versuchen zu vergessen. Das würde mit der Zeit sicher besser werden und dann wäre ich wie alle anderen, die lachten und sich keine düsteren Gedanken machten. Möglicherweise könnte ich diese einsamen Zeiten irgendwann sogar vergessen. Eine weit entfernte Zukunft, schien das zu sein, die ich mir da ausmalte. Aber ich konnte diese Träumereien nicht ausblenden, sie schlichen sich immer wieder in meinen Kopf und machten es mir unmöglich, noch weiter gehen zu können. Sie nahmen mir die betonte Gleichgültigkeit und raubten mir jegliches Denkvermögen. Und deswegen musste ich sie verbannen und ebenso meine Hoffnungen. Denn meine Hoffnungen, würden nur enttäuscht werden. Ein frösteln lief über meinen Körper und nahm mir das letzte bisschen Leichtigkeit, dass sich noch darin befunden hatte. Die Sonne war soeben untergegangen. Wie passend.
Mit einem Seufzen kam ich auf die Beine und klopfte den Dreck von den Reiterhosen. Meine Zeit hier draussen war vorbei, ich musste zurück in die richtige Welt. Dorthin, zu diesen Menschen, vor denen ich eigentlich geflohen war. Jetzt, da meine Zeit vorbei war, bereute ich es, sie nicht anders genutzt zu haben. Dann hätte es sich sicher länger angefühlt. Ehrlichkeit mit mir selbst, war nicht meine Stärke. Denn wenn ich ehrlich wäre, dann würde ich einsehen, dass ich auch im Nachhinein nichts Anderes getan hätte oder überhaupt tun könnte.
Bedauernd schaute ich noch ein letztes Mal auf das weite Meer hinaus und wünschte mir wieder einmal, dass ich einfach weggehen könnte. Einfach alles zurücklassen und verschwinden. Unmöglich und alles andere als einfach.
Mein Reittier stand einige Meter hinter meinem Rücken, angebunden an einen Stamm und friedlich grasend. Ich sah es an, hoffte dass ich wenigstens in der Friedlichkeit dieses Tieres etwas Freude finden könnte, aber ich wurde mit kalter Leere überflutet. Sogar mit leisem Hass, der sich in meiner Kehle breitmachte. Dummes einfältiges Tier.
Es konnte doch nichts dafür, aber ich war wütend auf die Stute. Ihre Stille schien mich zu verspotten. Konnte sie nicht irgendetwas tun? Irgendetwas von sich geben, dass mir zeigte, dass ich nicht alleine war? Mich vom Weinen abhalten? Oder mir die Erlösung der Tränen bringen? Wieso war ich nur so alleine? Vergrub ich mich schon zu lange in diesen Gefühlen und würde daher nie wieder aus ihnen rausfinden und immer kalt bleiben?

Die Stille der Nacht begleitete mich, als ich die Zügel des Pferdes losband und mit ihr die Senke verliess, durch die ich an das Gezeitenbecken gekommen war. Hohes Gras raschelte unter unseren schweren Schritten, vergeblich versuchte ich im Takt meiner Schritte etwas tröstliches zu finden, etwas das mich entweder erlösen oder vollends in den Abgrund stossen würde. Dann wäre ich endlich diesen Balance Akt los. Ich hätte Klarheit über mich und mein Leben. Alles nur noch kalte Berechenheit oder ein normales Leben. Klare Verhältnisse. Man sagte, Licht sei das Gute und Dunkelheit das Schlechte in dieser Welt. Aber konnte es wirklich so unkompliziert sein, wenn es doch so viel Schmerz und Leid jeden Tag gab, wenn doch eigentlich Licht vorherrschte. Und wieso war die Nacht für mich beruhigend? Es fühlte sich alles nicht richtig an, alles fühlte sich unwirklich an. Als würde ich Traumwandeln.
Eine Zeit lang noch lauschte ich dem rascheln der Gräser und betrachtete den weiten Sternenhimmel über mir.
Doch irgendwann war ich in der Wirklichkeit angekommen und musste das auch annehmen.
In der Ferne brannten Lichter.
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