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Long Way Home

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama / P12 / MaleSlash
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers Falcon / Samuel "Sam" Wilson Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
23.06.2022
26.06.2022
2
8.340
6
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
23.06.2022 3.394
 
Kommentar
Diese Geschichte wurde grob von diesem Fanart inspiriert, sowie der Überlegung, was gewesen wäre, wenn Steve und Sam Bucky bereits damals schon gefunden hätten.

Der zweite und letzte Teil kommt (voraussichtlich) am Wochenende. :)



Long Way Home


Paris

Sam sah ihn zum ersten Mal in Paris.
Sie waren morgens um halb fünf in Charles-de-Gaulle gelandet und hatten eine kurze und unruhige Nacht im Flugzeug hinter sich. Dementsprechend erschöpft fühlte sich Sam auch, als sie die Innenstadt endlich erreicht hatten, doch Essen und eine Tasse Kaffee änderten das schnell.
Während Steve nach dem Frühstück in einem der vielen Cafés an der Seine zurückblieb, um französische und internationale Zeitschriften zu durchforsten und mit etwas Glück Hinweise auf Bucky zu finden, nutzte Sam die Zeit, um einen frühmorgendlichen Spaziergang zu machen und sich in Ruhe die Stadt anzusehen, solange die Straßen noch halbwegs frei von Passanten waren.
Sein Französisch war schon etwas eingerostet und längst nicht auf dem Niveau wie das von Steve, doch es reichte noch immer aus, um sich seinen zweiten Kaffee am Tag zu bestellen. Den Becher in der Hand spazierte er über eine der Brücken hinüber zur Île de la Cité, um dem imposanten Bau von Notre-Dame de Paris einen Besuch abzustatten, den er bisher nur von Bildern gekannt hatte.
Sam hatte Glück: die Tore der Kathedrale hatten sich vor wenigen Minuten für Besucher geöffnet. Während er die reichverzierte, gotische Fassade bewunderte, trank er in kleinen Schlucken seinen Kaffee aus. Dann nutzte er die Gunst der Stunde, um sich die Kirche und ihre berühmten Glasfenster anzusehen.
Um diese Uhrzeit war Notre-Dame noch angenehm leer und still. Der leichte Duft von Weihrauch lag von der letzten Messe in der Luft und Sam fühlte sich sofort wie in eine andere Welt versetzt, als er ihn einsog. Voller Ehrfurcht durchschritt er die Kathedrale und ließ den Blick interessiert über die alten Gemälde und Statuen wandern, wobei er immer wieder verharrte, um sich die Informationstafeln für Touristen durchzulesen.
Als er schließlich das Querschiff erreichte, hatte die Anzahl von Besuchern schon deutlich zugenommen, weshalb er die einsame Gestalt, die im bunten Licht der gigantischen Fenster stand – den Kopf zurückgelegt, um die Glasmalereien zu betrachten – nicht sofort erkannte.
Im Nachhinein hätte Sam nicht sagen können, wer von ihnen überraschter war, den anderen hier zu sehen.
Für einen Augenblick, der eine Ewigkeit anzudauern schien, starrten sie sich aus mehreren Metern Entfernung an.
Dann senkte Bucky den Kopf und ging an Sam vorbei in Richtung des Eingangsportals.
Instinktiv streckte Sam seine Hand aus und schloss seine Finger um Buckys Handgelenk. Er wusste zwar noch nicht, was er zu ihm sagen sollte, aber er wusste, dass dies möglicherweise seine einzige Chance war, ihn an einem erneuten Verschwinden zu hindern.
Doch als Bucky den Blick hob, um ihn anzusehen, war Sam wie erstarrt und sein Mund weigerte sich, Worte zu formen.
Etwas flackerte in Buckys trüben Augen auf, als er ihn musterte, vielleicht Neugier, vielleicht Irritation, Sam konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Doch dann war der Moment auch schon wieder vorüber, und er löste sanft Sams Finger von seinem Handgelenk, bevor er sich abwandte und ging.
Sam schluckte mehrfach, während er dem anderen Mann nachsah.
Er erzählte Steve nicht von seiner Begegnung.


Edinburgh

Das nächste Mal sah er ihn in Schottland.
Edinburgh feierte gerade den Höhepunkt des alljährlichen Fringe-Festivals und die Straßen der Stadt platzten aus allen Nähten von Sängern, Händlern, Theatergruppen und Touristen.
Sie waren den Hinweisen eines schottischen News-Podcasts auf angebliche Sichtungen des Winter Soldiers in der Stadt nachgegangen, doch nicht einmal Steve war optimistisch genug um anzunehmen, dass sie Bucky je in diesem Chaos finden würden.
Doch nun waren sie hier und so gering ihre Chance auch war, sie wollten sie nicht verstreichen lassen.
„Es wäre besser, wenn wir uns aufteilen“, schlug Steve darum vor und Sam stimmte ihm zu.
Während Steve sich den neueren Teil der Stadt vornahm, stieg Sam die Anhöhe zum Castle Rock hinauf, wo sich das Schloss und der älteste Teil von Edinburgh befanden. In den schmalen, überfüllten Straßen kam er nur langsam voran und auch die sommerliche Hitze begann ihm bald zuzusetzen. Nachdem er sich eine Stunde lang durch die Menschenmassen gekämpft hatte, war Sam kurz davor, es einfach aufzugeben und Steve anzurufen, um einen neuen Schlachtplan zu entwerfen.
Doch als er seinen Blick über die Köpfe der Umstehenden schweifen ließ, sah er in einer Seitengasse plötzlich eine einzelne Gestalt stehen, deren Augen auf ihm ruhten.
Sam fluchte leise, als Bucky sich wenige Sekunden später wieder abwandte und in einem schmalen Durchgang verschwand. Doch als Sam die Menge endlich hinter sich gelassen hatte, stellte er mit einer Mischung aus Erleichterung und Überraschung fest, dass Bucky im Hinterhof auf ihn gewartet hatte.
„Was willst du von mir?“, fragte er, ohne Sam anzusehen. Seine Stimme war rau, als hätte er sie seit langer Zeit nicht mehr verwendet.
Sam machte ein paar Schritte auf ihn zu, blieb dann jedoch wieder stehen, aus Furcht, dass Bucky erneut das Weite ergriff, wenn er ihm zu nahe kam.
„Wir wollen, dass du nach Hause kommst“, erwiderte er leise.
„‚Wir‘?“, fragte Bucky, während sich sein Blick auf einen Punkt in der Ferne richtete. „Oder Steve?“
„Wir“, wiederholte Sam mit ruhiger Entschlossenheit. „Ich bin ebenso wie Steve der Ansicht, dass du lange genug auf der Flucht warst.“
„Ich bin nirgendwo sicher. Erst recht nicht zu Hause.“ Endlich sah Bucky ihn an und der verlorene Ausdruck auf seinem Gesicht brach Sam fast das Herz.
„Ich weiß“, erwiderte er behutsam, weil es keinen Sinn hatte, Bucky etwas vorzumachen. „Aber du wärst wenigstens nicht allein.“
Die grauen Augen weiteten sich kurz, dann wandte Bucky den Blick wieder ab.
„Und wenn ich nein sage?“
Sam stieß ein Seufzen aus „Das ist deine Entscheidung.“
Er konnte ihn zu nichts zwingen und das wussten sie beide. Alles, was Sam hatte, waren Geduld und Worte.
„Aber dann müssen wir nächstes Mal wohl einfach überzeugender sein“, fügte er mit einem schwachen Lächeln hinzu.
„Es wird kein nächstes Mal geben“, sagte Bucky knapp und wandte sich ab, um erneut in der Menge unterzutauchen.
Doch etwas sagte Sam, dass dies nicht ihre letzte Begegnung gewesen war.


Venedig

Beim dritten Treffen glaubte Sam nicht länger an einen Zufall.
Nach mehr als einem Monat der erfolglosen Suche, die sie quer durch Westeuropa geführt hatte, waren sie aufgrund eines Hinweises von Maria Hill nach Venedig gereist.
Ein plötzlicher Notfall zwang Steve jedoch, im Hotel zurückzubleiben, um an einer Videokonferenz seines Teams teilzunehmen und offizielle Avengers-Angelegenheiten zu besprechen, also machte sich Sam an diesem Vormittag allein auf den Weg in die Stadt.
Bisher hatte er Bucky immer an belebten Orten angetroffen, an denen ein ständiges Kommen und Gehen herrschte, weshalb der Markusplatz an diesem Tag sein erstes Ziel war. Dort angekommen ergatterte er den letzten freien Tisch eines Cafés direkt am Platz, von wo aus er das gesamte Areal gut im Blick hatte, und bestellte sich einen Espresso.
Dieses Mal war es jedoch der andere Mann, der ihn zuerst fand.
Überrascht sah Sam auf, als gut zwanzig Minuten später plötzlich der Stuhl neben ihm zurückgezogen wurde und Bucky sich darauf niederließ.
„Du lässt nicht locker, was“, sagte er leise, während er aufmerksam seinen Blick über die zahllosen Menschen auf dem Platz schweifen ließ. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen und die Haare, die unter seinem Basecap hervorschauten, waren lang und verfilzt.
„Nein“, bestätigte Sam, der sich schnell wieder von seinem Schock erholt hatte. Er trank einen Schluck von seinem Kaffee. „Nicht, bevor du freiwillig mit uns kommst.“
„Ich kann nicht“, entgegnete Bucky und seine Augen waren mit einem Mal so voller Angst und Pein und Hilflosigkeit, dass Sam ihm auf Anhieb glaubte. „Bitte bring mich nicht dazu.“
„Okay“, sagte Sam und bemühte sich, seine Stimme warm und verständnisvoll klingen zu lassen. „Okay, dann nicht. Ich kann und werde dich zu nichts zwingen, was du nicht willst, du hast mein Wort.“
Bucky gab keine Antwort, doch er stand auch nicht wieder auf, um in der Menge zu verschwinden.
Sam atmete innerlich auf. Sie machten Fortschritte.
„Hey, willst du auch einen Kaffee?“, fragte er dann. „Wenn wir schon mal hier sind...“
Er machte eine Geste, die den gesamten Platz einschloss.
Bucky sah ihn irritiert an.
„Ich bin nicht zum Vergnügen hier“, stellte er klar.
„Weißt du, würdest du nicht jede Sehenswürdigkeit auf deiner Reise mitnehmen, dann würde ich dir deinen Bullshit fast abkaufen“, erwiderte Sam gelassen. „Komm schon, nur einen Kaffee... dann kannst du gerne wieder abtauchen.“
Bucky starrte ihn für einen Moment misstrauisch an und Sam fragte sich, ob er es dieses Mal zu weit getrieben hatte.
Doch dann nickte der andere Mann knapp. „In Ordnung. Aber du zahlst.“
„Davon ging ich aus“, entgegnete Sam amüsiert.
Er hob die Hand, um der Kellnerin ein Zeichen zu geben, und wenig später trat sie auf ihren Tisch zu, um seine Bestellung aufzunehmen. Doch bevor er auch nur den Mund öffnen konnte, wandte Bucky sich ihr bereits zu, um in perfektem Italienisch einen Espresso zu bestellen und anschließend etwas Smalltalk zu machen, auf den die junge Frau mit einem Lachen einging.
Seine Mimik und gesamte Haltung waren plötzlich wie ausgewechselt und wüsste Sam es nicht besser, er hätte meinen können, einen komplett anderen Menschen vor sich zu haben – einen, der mit seinem charmanten Lächeln alle Herzen brach und mühelos jeden um seinen kleinen Finger wickeln konnte.
Doch kaum war die junge Kellnerin verschwunden, zog Bucky wieder den Kopf zwischen die Schultern und seine Miene wurde erneut völlig ausdruckslos, so als hätte jemand einen Schalter umgelegt, der seine Emotionen kontrollierte. Es war bizarr, wenn nicht sogar unheimlich mit anzusehen – und azf einmal verstand Sam, wieso Natasha ihn damals als Geist bezeichnet hatte.
Und er fragte sich, ob Bucky diese Transformation selbst überhaupt bewusst war, wie viel davon tatsächlich Bucky war und wie viel Winter Soldier... und ob der Mann, den Steve und er retten wollten, unter all dem Trauma tatsächlich noch existierte.


Athen


Kaum waren sie in Athen gelandet, erhielt Steve eine Nachricht von Tony, die ihn besorgt die Stirn runzeln ließ. Nach einem längeren Telefonat eröffnete er Sam schließlich, dass er nicht weiter mit ihm reisen würde.
„Sie haben Lokis Zepter in Sokovia gefunden“, teilte er ihm mit, nachdem er einen Flug nach Novi Grad gebucht hatte. „Es ist mit einigem Widerstand von HYDRA zu rechnen, weshalb wir alle Leute brauchen werden, um das Zepter zurückzuholen. Der Rest des Teams ist bereits auf dem Weg nach Europa.“
„Ich verstehe“, sagte Sam und nickte. „Mach dir keine Sorgen. Ich werde allein weitersuchen.“
Steve atmete erleichtert aus. „Danke, Sam. Ich weiß, ich verlange viel von dir...“
„Unsinn“, unterbrach ihn Sam kopfschüttelnd. „Ich bekomme auf Kosten von S.H.I.E.L.D. Europa zu sehen, glaub mir, ich kann mich hier nicht beschweren.“
„Trotzdem müsstest du das nicht tun“, beharrte Steve.
„Ich weiß“, stimmte Sam ihm zu. „Ich will aber. Bucky ist dir wichtig, und mehr muss ich nicht wissen, um die Suche nach ihm nicht aufzugeben.“
Steve war sichtlich gerührt. „Du bist ein guter Freund, Sam. Vielen Dank.“
Sam klopfte ihm nur wortlos auf die Schulter.
„Vielleicht ist es am besten so“, sagte Steve wenig später, als sie sich vor dem Gate verabschiedeten. „Die letzten beiden Male hat Bucky nur mit dir gesprochen; er scheint dich also bewusst als Ansprechpartner zu wählen. Allein hast du vermutlich bessere Chancen, ihn zur Heimkehr zu bewegen.“
Sam nickte. Steve trug es nach außen hin mit Fassung, aber Sam wusste, wie sehr es ihn verletzte, dass Bucky sich beharrlich weigerte, mit ihm zu reden.
„Ich werde nichts unversucht lassen, um ihn zurückzuholen“, versprach er.
Er zog Steve in eine kurze, aber feste Umarmung. „Und jetzt geh schon, Cap. Geh die Welt retten.“
Steve schenkte ihm ein dankbares Lächeln, dann stieg er an Bord der Maschine, die ihn nach Sokovia bringen würde.

„Steve ist nicht mehr hier“, sagte die dunkle Gestalt, die vor ihm aus den Schatten trat, als Sam nach einem reichhaltigen Abendessen am Fuße der Akropolis zum Hotel zurückkehrte.
Sam fuhr vor Schreck fast aus seiner eigenen Haut, doch dann erkannte er Bucky und sein Puls beruhigte sich langsam wieder.
„Himmel noch mal, Mann, musst du mir so auflauern?!“, fragte er. „Ein Anruf hätte es auch getan.“
Bucky legte den Kopf zur Seite, unschlüssig, wie er mit Sams Gefühlsausbruch umgehen sollte.
„Steve ist nicht mehr hier“, wiederholte er dann. „Wo ist er?“
„Er musste etwas erledigen“, entgegnete Sam und verschränkte die Arme vor der Brust. „Es hat mit den Avengers zu tun, sehr viel mehr weiß ich auch nicht. Aber du kannst ihn gerne jederzeit selbst danach fragen.“
Buckys Blick verdüsterte sich. „Ich habe kein Interesse daran, mit Steve zu sprechen.“
Sam stieß ein Seufzen aus. „Ja, das hatte ich vermutet. – Hör mal, ich mag unsere spontanen Treffen, das tue ich wirklich, aber wenn du weder Steve sehen noch nach Hause zurückkehren willst, wieso reden wir dann überhaupt noch miteinander?“
Bucky blinzelte überrascht, offenbar hatte er sich diese Frage bisher nicht gestellt.
Seine grauen Augen musterten Sam im Dämmerlicht, als würde er ihn zum ersten Mal bewusst ansehen.
„Deinetwegen“, erwiderte er schließlich leise, als würde das alles erklären.
Sam zog eine Augenbraue hoch. „Meinetwegen?“
„Steve vertraut dir bedingungslos“, sagte Bucky. „Und ich will verstehen, warum.“
Er drehte sich um und sah den Hügel zur hell erleuchteten Akropolis hinauf, einen seltsam melancholischen Ausdruck auf dem Gesicht.
„Du solltest sie dir tagsüber ansehen“, wechselte er plötzlich das Thema. „Sie ist einen Besuch wert.“
Dann wandte er sich um und war wenig später wieder mit den nächtlichen Schatten verschmolzen.
Sam starrte ihm noch lange nach, verwirrter als je zuvor.


Prag


Prag war das erste Ziel, das Sam aus eigenem Antrieb ansteuerte, und nicht, weil er einen Hinweis auf den Winter Soldier erhalten hatte.
Nach ihrer letzten Begegnung wurde er den Eindruck nicht los, dass sich ihr internationales Katz-und-Maus-Spiel langsam umkehrte, und er wollte diese These mit seiner Reise zur tschechischen Hauptstadt prüfen.
Nachdem er auf dem Václav-Havel-Flughafen gelandet war und die Innenstadt erreicht und in sein Hotel eingecheckt hatte, begab er sich auf einen gemütlichen Rundgang durch die historische Altstadt.
Es war mittlerweile September und der Strom der Touristen war auf ein erträgliches Maß zusammengeschrumpft und kein Vergleich zu den Menschenmassen in Venedig und Edinburgh nur wenige Wochen zuvor.
Sam verbrachte den ganzen Tag damit, nach und nach die Sehenswürdigkeiten von Prag abzuarbeiten, beginnend mit dem Altstädter Ring und seiner berühmten astronomischen Uhr. Doch als sich viele Stunden später die Sonne dem Horizont näherte, fehlte von Bucky noch immer jede Spur.
Schließlich musste er sich eingestehen, dass sein Plan nicht aufgegangen war, und schweren Herzens machte er sich auf den Weg zum Hotel, wobei er einen kleinen Umweg über die Karlsbrücke machte, eine der historischen Brücken über die Moldau.
Das Licht der untergehenden Sonne blendete ihn, und so sah er nicht gleich die schlanke Gestalt, die mitten auf der Brücke an einem Laternenpfahl lehnend auf ihn wartete.
„Du bist mir gefolgt“, stellte er fest, als Bucky auf ihn zutrat und wortlos neben ihm herlief. „Ich nehme an, ich sollte mich geehrt fühlen.“
„Reiner Zufall“, erwiderte Bucky. „Prag stand ebenfalls auf meiner Liste.“
„Mh-hm“, machte Sam wenig überzeugt. „Sicher.“
Er warf seinem Begleiter einen kurzen Blick zu. „Hey, hast du Lust auf Abendessen?“
Bucky kaute für einen Moment zögernd auf seiner Unterlippe.
„Ich habe kein Geld“, sagte er dann.
„Glaub mir, das ist das geringste Problem“, entgegnete Sam mit einem Lächeln.

Bucky aß wie jemand, der nicht wusste, wann er das nächste Mal eine warme Mahlzeit bekommen würde.
Sam sah fasziniert dabei zu, wie er Portionen verdrückte, die locker für mehrere ausgewachsene Männer gereicht hätten. Aber Buckys Hunger überraschte ihn nicht. Schon in Athen hatte der andere Mann hohlwangig und abgemagert gewirkt, und seine Verfassung hatte sich seitdem kaum gebessert. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass er vor der ganzen Welt auf der Flucht war und sich kaum traute, unter Menschen zu gehen. Mal davon abgesehen, dass er ein Supersoldat war und einen viel höheren Energieverbrauch hatte, als die meisten anderen Menschen.
Schließlich schob Bucky den letzten, leeren Teller zurück und schloss mit leisem Seufzen die Augen.
„Danke“, murmelte er. „Das war nötig gewesen.“
„Hey, keine Ursache“, erwiderte Sam.
Es war das erste Mal, dass er Bucky so entspannt und zufrieden erlebte, so im Einklang mit sich und der Welt. Auch die Linien auf seiner Stirn und in seinem Gesicht hatten sich etwas geglättet, und er wirkte jünger, verletzlicher. Ähnelte mehr dem Mann auf den alten Fotos, die Steve ihm gezeigt hatte.
James Buchanan Barnes.
Und Sam begriff mit einem Mal, wieso Steve ihn nicht aufgeben konnte.


Danzig


Sam hätte im Nachhinein nicht genau sagen können, was ihn hierher geführt hatte, abgesehen von dem lange gehegten Wunsch, Danzig einmal einen Besuch abzustatten.
Während er über die Lange Brücke in der Altstadt spazierte, fragte er sich, ob Bucky sie mit denselben Augen sah, oder ob er noch immer die Spuren des Krieges sehen konnte, der Danzig damals fast dem Erdboden gleichgemacht hätte.
Steve hatte ihm vor einiger Zeit erzählt, dass er 1941 mit den Howling Commandos in geheimer Spionagemission für ein paar Tage in der Stadt gewesen war, was bedeutete, dass auch Bucky hier gewesen sein musste.
Die Frage war nur, ob er sich noch daran erinnern konnte.
„Die Fassade stimmt nicht“, hörte er plötzlich eine Stimme dicht an seinem Ohr.
Sam war froh, dass er sich mittlerweile halbwegs an Buckys plötzliches Auftauchen gewöhnt hatte, sonst wäre er vor Schreck einen halben Meter in die Luft gesprungen.
„Welche Fassade?“, fragte er stattdessen.
„Jede“, erwiderte Bucky und blickte die Uferpromenade entlang. „Alles. Die Farben, der Baustil... die ganze Straße sieht aus wie das Bild eines Künstlers, der das Original nur einmal gesehen und es dann aus der Erinnerung nachgezeichnet hat.“
„Ich glaube, das ging vielen Städten nach dem Krieg so“, sagte Sam leise. „Man hat versucht, wieder aufzubauen, was überlebt hat... und was nicht überlebt hat, musste aus dem Gedächtnis rekonstruiert werden.“
Bucky lächelte humorlos. „So wie ich.“
Sam warf ihm einen überraschten Blick zu.
Die kurze Bemerkung ließ mehr von Buckys Selbstbild durchscheinen, als alle ihre bisherigen Gespräche zusammen.
„Du bist nie gestorben“, wandte er ein.
Ein schmerzvoller Ausdruck trat auf Buckys Gesicht. „Ich wünschte, das wäre die Wahrheit.“
Sam starrte ihn an. „Ich befürchte, ich verstehe nicht ganz.“
Bucky senkte den Kopf.
„Der Winter Soldier hat den Mann getötet, der ich einst war“, sagte er mit bitterer Stimme. „Seit den Ereignissen in Washington versuche ich, ihn wiederzufinden – versuche die Person zu rekonstruieren, die Steve in mir sieht. Aber es gelingt mir nicht. Immer, wenn sie in Reichweite ist und ich die Hand nach ihr ausstrecke, verschwindet sie wieder, und ich... ich weiß nicht, was ich tun soll...“
Sam schüttelte entschieden den Kopf.
„Okay, stopp.“
Er blieb stehen und legte eine Hand auf Buckys Schulter.
„Hör mir zu“, sagte Sam und sah den anderen Mann aufmerksam an. „Du hast mehr als ein halbes Jahrhundert als Winter Soldier verbracht und trägst eine Lebenszeit an Trauma mit dir herum. Das ist eine Menge. Ich bin mit Sicherheit kein Experte auf diesem Gebiet, aber selbst ich weiß, dass du deine Erfahrungen nicht von heute auf morgen verarbeiten wirst. Niemand wäre dazu in der Lage. Also hab Geduld mit dir – mit der Person, die du jetzt bist, wer auch immer das ist. Und lass dich bei deinem Vorhaben, es herauszufinden, von niemandem hetzen, verstanden? Nicht von S.H.I.E.L.D., nicht von mir und auch nicht von Steve.“
Bucky sah ihn aus weiten Augen an, als hätte er Worte wie diese nicht von ihm erwartet, und Sam hoffte, dass die Botschaft angekommen war.
Er verstand nun, warum Bucky auf der Flucht war.
Er war nicht mehr derselbe Mann wie damals vor dem Krieg, und er wusste, dass er der Erwartung, wieder zu ihm zu werden, nicht gerecht werden konnte. Aber wie sollte er auch, nach allem, was er durchgemacht hatte? Wie konnte überhaupt irgendwer diesen Anspruch an ihn haben?
Bucky war der erste von ihnen, der den Blick abwandte.
„Lass uns gehen“, sagte er und Sam hörte die verzweifelte Bitte in seiner Stimme.
„Gern“, erwiderte er und sah sich um. Sein Blick fiel auf eine Menütafel. „Wie wäre es mit Brunch?“
Bucky nickte kurz, Erleichterung auf dem Gesicht. „Danke.“
Sam klopfte ihm auf die Schulter, dann zog er seine Hand wieder zurück.
„Nichts zu danken.“

 
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